Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73,28)

Predigten im Oktober 2019



Wo ist der Ort der Barmhezrigkeit. Predigt über Johannes 5,1-16 anlässlich einer Taufe am Kirchweihsonntag

Die Kirche gehört zum Dorf dazu. Vielen von uns liegt dieses Haus am Herzen, selbst dann, wenn sie es nur selten aufsuchen. Die Kirche gehört zum Dorf dazu. Wichtige Ereignisse im Leben der Menschen werden hier gefeiert. Hier wurden viele von uns getauft und konfirmiert. Manche Paare haben sich vor diesem Altar das Ja-Wort gegeben. Wenn jemand aus dem Dorf stirbt, haben wir einen Ort zum Abschied nehmen. Deshalb sage ich: wie gut, dass es dieses Haus gibt. Es erinnert mich daran, dass es eine Adresse gibt, an die ich mich wenden kann, wenn mein Herz in Nöten ist, dass es einen Zufluchtsort gibt für die Seele, ein Ort, an dem nicht Erfolg und Leistung das sind, was zählt, sondern Liebe und Barmherzigkeit. Nein - das Haus aus Steinen ist nicht zwangsläufig dieser Ort, vielmehr ein Wegweiser, ein Hinweis, wo dieser Ort der Barmherzigkeit zu finden ist.


Heute, am Kirchweihsonntag, möchte ich von einem Ort erzählen, der vielen Menschen ebenfalls am Herzen lag. „Haus der Barmherzigkeit“ wurde dieser Ort genannt. In der Sprache Jesu heißt das „Betesda“. Das war keine Kirche, kein Gotteshaus, sondern viel mehr ein Sanatorium oder ein Krankenhaus. Für viele Menschen war es der letzte Zufluchtsort, die letzte Hoffnung. Sie waren unheilbar krank oder gelähmt. Auf dem Grundstück dieses Hauses war ein See, der ein großes Geheimnis in sich barg. Ab und zu hatte sich das Wasser bewegt – wie von einer unsichtbaren Kraft. Die Gelehrten vermuteten, dass der Teich von einer unterirdischen Quelle gespeist wurde, die in bestimmten Abständen das Wasser zum sprudeln gebracht hatte. Die Frommen erklärten sich das anders. Sie sagten: die Bewegung kommt von einem Engel, der immer wieder einmal vom Himmel herabsteigt! Deshalb werden dem Wasser besondere Heilkräfte zugeschrieben.  „Wer  zuerst hineinstieg, nachdem sich das Wasser bewegt hatte, der wurde gesund, an welcher Krankheit er auch litt..."  heißt es in der Überlieferung. Für viele war Betesda deshalb die letzte Zufluchtsstätte. Sie hofften auf ein Wunder. Und so lagen sie da und warteten: die Kranken, die Blinden, die Lahmen und alle, die mit einem anderen Leiden geschlagen waren. Betesda war groß. In fünf Hallen waren die Kranken untergebracht. Eine gewaltige Anlage muss das Haus der Barmherzigkeit gewesen sein. 


Aber - Betesda trug seinen Namen nicht zurecht. Es war kein Haus der Barmherzigkeit. Das Gegenteil war der Fall. Dort herrschte das Recht des Stärkeren - oder war es das Faustrecht der Verzweifelten? Ich stelle mir vor, wie das gewesen sein muss, wenn das Wasser zu sprudeln und zu schäumen begann:  dann war auf den Beinen, wer sich auf  seinen Beinen halten konnte, dann war da ein Rennen und Stoßen, ein Schieben und Schreien und Drängeln. Jeder wollte der erste im heilsamen Wasser sein. Wie groß war die Verzweiflung bei denen, die es schon wieder nicht geschafft hatten? 


In diesem sogenannten Haus der Barmherzigkeit spielt die Geschichte, über die heute in unseren Kirchen gepredigt wird und die im Johannesevangelium nachzulesen ist. Sie handelt von einem Mann, der an einer heimtückischen Krankheit litt. Schon  achtunddreißig Jahre lang hatte sie ihn in seiner Gewalt, fesselte ihn an sein Lager, ließ ihn angewiesen sein auf fremde Hilfe. Achtunddreißig Jahre. Das war damals  ein ganzes Menschenleben. In dieser Zeit wachsen andere heran, heiraten, gründen Familien, bauen sich eine Existenz auf. Achtunddreißig Jahre seines Lebens hatte unser Mann die Welt nur von seinem Krankenlager aus gesehen, also von unten, von einer Schlafmatte aus, die auf dem Boden ausgebreitet wurde. Die Gesunden, die Starken, mussten sich zu ihm herunterbeugen, müssen ihn aufheben, ihn waschen, sauber machen, vielleicht sogar füttern und wickeln wie ein kleines Kind. Und ermusste zu ihnen aufsehen, so wie ein Bittsteller aufsieht.


Heute erfahren wir, wie der Gelähmte gesund geworden ist. Die Quelle, die unserem Kranken Heil und Heilung verschafft hatte, das Wasser des Lebens, das hat er nicht aus dem Teich geschöpft, sondern aus der Begegnung mit einem Mann, der zu ihm gekommen war: „Willst du gesund werden?“ fragte der ihn. Natürlich! Aber wie? „Ich habe doch keinen, der mir hilft, der mich zum Teich bringt, wenn sich das Wasser bewegt…“  jammerte der Kranke. Er ahnte nicht, dass er in diesem Augenblick dem Ort der Barmherzigkeit näher war als je zuvor. Er ahnte nicht, dass der Ort der Barmherzigkeit zu ihm gekommen war.  Jesus  wurde für ihn zum Ort der Barmherzigkeit. Das geschah durch ein einziges Wort, das Jesus sprach, eigentlich ein Befehl: „Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!"  In diesem Moment verlor Betesda - das Haus der Barmherzigkeit -  seinen Rang und Namen an Jesus, der die Menschen in ihrer Not aufsucht und  wirklich hilft. Er kommt, sieht ihre Not und schenkt ihnen das Leben, nach dem sie Sehnsucht haben und das sie aus eigener Kraft nicht erreichen können.


Heute taufen wir euren Sohn Maximilian. Auch der Taufstein ist eine besondere Quelle der Barmherzigkeit, ein Ort der Begegnung. Hier ist es Gott selbst, der Maximilian anspricht, ihn beim Namen ruft und ihm etwas schenken will: seine Freundschaft und Liebe. Er schenkt sie Maximilian ohne Vorbedingung. Gott liebt die Menschen. So schwach, so hilflos, wie der Gelähmte in der Geschichte, der von sich allein aus nichts zum Wasser kommt, das ihm helfen könnte, so sind wir Menschen, egal, ob wir groß oder klein sind, ob wir jung oder alt sind, ob wir bärenstark oder schwach sind.  „Ich will euch das Leben schenken, nach dem ihr euch sehnt!“ Das sagt Gott zu uns in der Taufe. Er sagt es uns durch Jesus Christus. Jesus ist Gottes Wort und Gottes Stimme. In ihm hat Gott menschliche Gestalt angenommen. In ihm wendet sich Gott selbst den Menschen zu. Deshalb ist Jesus die Quelle des Lebens. Weil sich Gott selbst in Jesus den Menschen zuwendet, wird Jesus zum Ort der Barmherzigkeit, zur Quelle des Lebens.


Der „hoffnungslose Fall“ ist nach achtunddreißig Jahren wieder aufgestanden - in ein neues Leben hinein aufgestanden. Es geht in unserer Geschichte um das Heilwerden eines Menschen. Dieses Heilwerden beschränkt sich nicht auf den Leib. Gottes Barmherzigkeit schließt auch die Seele ein. Am Ort der Barmherzigkeit darf und muss von beidem gesprochen werden: es muss von der Not der Menschen und ihrer Ursache gesprochen werden. Das ist die Trennung von Gott, die den Menschen am Leben hindert und manchmal verzweifeln lässt. Es muss aber auch gesprochen werden von dem, der rettet, was ohne ihn dem Tod verfallen wäre und der heilt, was krank ist - Jesus Christus.


Betesda war nicht der Ort der Barmherzigkeit - sondern Jesus. Wo sich Menschen in seinem Namen versammeln, wo sein Wort verkündet wird und wo er selbst gegenwärtig ist, da finde ich den Ort der Barmherzigkeit in dieser Welt und in dieser Zeit. An diesem Ort der Barmherzigkeit darf ich mein Herz ausschütten, meine Angst bekennen und erst recht auch die Schuld, die auf mir lastet. Eine Schuld, die mich niederdrückt, die Schatten auf mein Leben wirft und die mich manchmal auch krank werden lässt. Ich soll frei werden, damit ich unbelastet leben kann, damit ich selbst anderen gegenüber zum Ort der Barmherzigkeit werden kann, damit ich anderen Hoffnung schenken kann, indem ich ihnen vom Glauben erzähle, in dem ich sie einlade, zum Ort der Barmherzigkeit, zu Jesus Christus zu kommen. Das ist unsere Aufgabe als Kirche. Denn wir sind die Kirche: die Menschen, die hierher kommen um zu beten, um Gottesdienst zu feiern, um Gottes Wort zu hören. Wir sollen die Einladung aussprechen, weitergeben. Dort, wo sie ausgesprochen wird und dort, wo sie ankommt, ist der Barmherzigkeit, weil dort selbst der Auferstandene am Werk ist.


Wenn wir Kirchweih feiern, danken wir Gott, dass er uns einen Ort der Barmherzigkeit gegeben hat, an dem die gute Nachricht von Jesus Christus weitergegeben wird, in dem Menschen den Namen erfahren, der Heil und Heilung schenkt, der Leben schenk: Jesus Christus. In diesem Glauben darf Maximilian heranwachsen, in diesem Glauben dürfen wir leben, in dem Glauben daran, dass wir einen Ort der Barmherzigkeit haben, an dem wir das Leben finden. Zu diesem Leben sind wir berufen. In dieses Leben hinein sollen wir aufstehen, aus unserer Angst, aus unserer Not, in ein Leben mit Jesus Christus. Ja, wir sind dazu berufen, ein lebendiger Stein zu sein im Haus der Barmherzigkeit. Amen.

© Pfr. Stefan Köttig, Altenstein, 27.10.2019



Glaube und Werke ergänzen sich. Predigt über Jakobus 2,14-26 am 18. Sonntag nach Trinitatis 


„Was hilft's, Brüder und Schwestern, wenn jemand sagt, er habe Glauben, und hat doch keine Werke? Kann denn der Glaube ihn selig machen? Wenn ein Bruder oder eine Schwester nackt ist und Mangel hat an täglicher Nahrung  und jemand unter euch spricht zu ihnen: Geht hin in Frieden, wärmt euch und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was der Leib nötig hat – was hilft ihnen das?  So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber. Aber es könnte jemand sagen: Du hast Glauben, und ich habe Werke. Zeige mir deinen Glauben ohne die Werke, so will ich dir meinen Glauben zeigen aus meinen Werken.  Du glaubst, dass nur einer Gott ist? Du tust recht daran; die Teufel glauben's auch und zittern. Willst du nun einsehen, du törichter Mensch, dass der Glaube ohne Werke nutzlos ist? Ist nicht Abraham, unser Vater, durch Werke gerecht geworden, als er seinen Sohn Isaak auf dem Altar opferte?  Da siehst du, dass der Glaube zusammengewirkt hat mit seinen Werken, und durch die Werke ist der Glaube vollkommen geworden. So ist die Schrift erfüllt, die da spricht (1. Mose 15,6): »Abraham hat Gott geglaubt und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet worden«, und er wurde »ein Freund Gottes« genannt (Jesaja 41,8). So seht ihr nun, dass der Mensch durch Werke gerecht wird, nicht durch Glauben allein. Desgleichen die Hure Rahab: Ist sie nicht durch Werke gerecht geworden, als sie die Boten aufnahm und sie auf einem andern Weg hinausließ? Denn wie der Leib ohne Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Werke tot.“ (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)



Da sitzt ein Bettler in zerlumpter Kleidung an der Straße und friert. Als eine wohlhabend aussehende Dame an ihm vorüber gehen will, hebt er flehend die Arme. „Bitte“ ruft er mit brüchiger Stimme. „Bitte, eine milde Gabe. Ich habe schon drei Tage nichts gegessen.“ Da bleibt die Dame stehen, blickt ihn mitleidig an und sagt dann. „Schon drei Tage nicht? Das ist ja furchtbar! Sie müssen sich zwingen, junger Mann…“ und geht weiter. Das ist eine Anekdote, über die ich nicht lachen kann. „Sie müssen sich zwingen…“ Diese Pointe bleibt mir im Halse stecken. Und ebenso geht es mir mit dem Satz, den die französische Königin Marie Antoinette einmal gesagt haben soll. Als ihr gesagt wurde, dass das Volk Hunger leide, weil es kein Brot habe, soll sie geantwortet haben: „Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen…“ 


Sie müssen sich zwingen! Essen Sie Kuchen! Ob es die Frau aus der Anekdote je gegeben hat? Wahrscheinlich nicht. Marie Antoinette war Königin. Sie war eine schöne Frau, eine habsburgische Prinzessin. Sie starb 1791 auf der Guillotine. Ob der Ausspruch, der ihr da in den Mund gelegt wurde, wirklich von ihr stammt, ob sie ihn wirklich so gesagt hat - auch das weiß ich nicht. Aber es gibt ihn, diesen Ausspruch. Ebenso wie diese Anekdote. Und es gibt Menschen, die sich diese Denkhaltung zueigen machen, die in dem Verhalten der Frau und in dem Satz der Königin erkennbar wird. Es ist Gleichgültigkeit und Gedankenlosigkeit, die sich hier aussprechen, die dazu beitragen, dass die Not anderer noch ein wenig bitterer, das Leid noch ein wenig schlimmer und die Verzweiflung noch ein wenig größer wird. Weil der Bettler in der Anekdote oder das hungernde Volk nicht wahrgenommen, nicht ernst genommen werden. Die Tragödie mag insofern noch etwas größere Ausmaße annehmen, als sich vielleicht weder die reale Marie Antoinette noch die fiktive Frau aus der Geschichte für schlechte Menschen gehalten haben. Beide werden wohl regelmäßig den Gottesdienst besucht, dem Herrgott eine Kerze geopfert und ab und zu ein paar Groschen mehr als üblich in den Klingelbeutel geworfen haben. Und beide waren vielleicht der Meinung, dass es damit auch genug sei. Im Grunde aber haben sie wohl beide die wirkliche Not und das Leid ihrer Mitmenschen nicht wahrgenommen, haben  ihr Herz abgeschirmt und dafür gesorgt, dass es nicht berührt werden kann vom Mitleid. Darin liegt dann wohl ihre Schuld.


Was wohl  Jakobus zu Marie Antoinette gesagt hätte oder zu der Frau aus der Anekdote? Ob es wirklich der leibliche Bruder Jesu war, der diesen Brief geschrieben hat, aus dem unser Abschnitt stammt? Das wird heutzutage stark und mit Recht bezweifelt. Wer auch immer aber die Feder geführt hat - er muss etwas gegen einen vordergründigen und oberflächlichen Glauben gehabt haben. Ein Glaube, der die Augen gegenüber der Not der Menschen verschließt, der sich im „stillen Kämmerlein“ einschließt und im Grunde den Herrgott einen lieben Mann sein lässt. So eine Haltung scheint es auch unter den ersten Christen schon gegeben zu haben, in Jerusalem oder in den Städten der griechischen Diaspora: Hauptsache, ich glaube an Gott, Hauptsache, ich studiere die heiligen Schriften, Hauptsache, ich bete fleißig. Das genügt. Um den Bettler vor der Tür sollen sich andere kümmern, ich bin kein Wohlfahrtsverband.


Jakobus widerspricht dieser Haltung:  „Wenn ein Bruder oder eine Schwester nackt ist und Mangel hat an täglicher Nahrung  und jemand unter euch spricht zu ihnen: Geht hin in Frieden, wärmt euch und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was der Leib nötig hat – was hilft ihnen das?“ Kann man es deutlicher sagen? Ein weiteres Zitat fällt mir in diesem Zusammenhang ein - aus einer unseligen und gnadenlosen Epoche unserer Geschichte. „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen!“ Dieses Wort stammt von Dietrich Bonhoeffer. Mit diesem Wort hat er Partei ergriffen für Menschen, die um ihres Glaubens willen verfolgt wurden. Gemeint ist: du kannst dich nicht von der Welt abschotten, fromme Lieder singen, dich in erbaulichen Gedanken verlieren und darüber vergessen, dass Menschen um ihres Glaubens willen verfolgt werden. Du kannst nicht so tun, als ob dich die Not der anderen nichts anginge. Gerade in diesen Tagen, nachdem ein antisemitischer Attentäter versucht hat, in eine Synagoge einzudringen, um dort ein Blutbad anzurichten, müssen wir wieder für die Juden schreien. Wir schreien damit auch für uns, um unser Leben. Wir schreien zu Gott und wir zeigen damit, dass uns nicht egal ist, was mit unseren Mitmenschen geschieht. Wir schreien um Hilfe. Aber wir schauen nicht weg. Wir schweigen nicht zum Unrecht. Und wenn wir uns dann, wie wie viele das getan haben, vor einer Synagoge versammeln, Lichter anzünden, singen und beten, dann tun wir etwas. Wir leben unseren Glauben. Wir geben ihm eine Stimme und ein Gesicht. Unser Gesicht.


Der Glaube will sichtbar werden in der Liebe zum Mitmenschen, in der Zuwendung zum Schwachen, er will laut werden im Trost, den wir dem Traurigen zusprechen und er will erfahrbar werden in der Nähe, in der Mitmenschlichkeit, mit der wir uns dem zuwenden, der Hilfe braucht, in der Solidarität. Deshalb sagt Jakobus: „.. wie der Leib ohne Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Werke tot.“


Glaube und Werke, Glaube und gelebte Liebe gehören zusammen. Vielleicht sind wir immer wieder in der Gefahr, das zu vergessen. Wie gut, dass uns Jakobus das in Erinnerung ruft. Und wie gut, dass sein Brief in der Bibel steht, wenn auch ganz weit hinten. Dorthin hat ihn Martin Luther einst verbannt. Eine „stroherne Epistel“ hat er diesen Brief genannt, weil er offenbar den Einsichten zutiefst widerspricht, die Martin Luther und die Reformatoren uns ans Herz legen: dass wir allein aus Glauben gerechtfertigt werden. „Es ist das Heil uns kommen her, / von Gnad und lauter Güte; / die Werk, die helfen nimmermehr, / sie können nicht behüten. / Der Glaub sieht Jesus Christus an, / der hat für uns genug getan / er ist der Mittler worden.“  (EG 342,1) Wie gerne singe ich dieses Lied. Es spricht aus, was ich glaube, von Herzen glaube. Wenn es um mein Seelenheil geht, brauche ich nichts mehr tun. Da hat Christus alles für mich getan. Wenn es um meinen Nächsten geht, habe ich eine Menge zu tun. Denn den Nächsten legt mir Gott ans Herz, als Bruder und als Schwester. Die Ermahnungen im Jakobusbrief sehe ich deshalb nicht als Konkurrenz zum Glauben der Reformatoren, zu unserem evangelischen Glauben, sondern als wohltuende Korrektur, als Warnung vor einem oberflächlichen und herzlosen Glauben. 


„Glaube ist eine lebendige, verwegene Zuversicht auf Gottes Gnade, so gewiss, dass er tausendmal dafür sterben würde. Und solche Zuversicht und Erkenntnis göttlicher Gnade macht fröhlich, trotzig und lustig gegen Gott und alle Kreaturen; das wirkt der heilige Geist im Glauben!“ Dieses Wort Martin Luthers steht im Gesangbuch direkt unter dem Lied, aus dem ich gerade zitiert habe. Dieser Glaube ist lebendig, drängt zur Tat, zum Leben. Nicht umsonst vergleicht Martin Luther in Anlehnung an ein biblisches Gleichnis (Matthäus 7,18) das Verhältnis von Glauben und Werken mit den guten und schlechten Früchten eines Baumes. Ein guter Baum bringt gute Früchte. Der Baum bringt die Früchte hervor. Gute Werke kommen aus dem Herzen, das von Gottes Geist berührt wird, sie werden sichtbar in den Handlungen und Taten der Menschen, die sich von Gott bewegen lassen. Sie schöpfen dazu Kraft aus dem Glauben, aus dem Gebet und sie werden aktiv in der Liebe. Deswegen schließt sich beides nicht aus - das aktive Leben, fröhlich, trotzig und lustig gegen Gott und alle Kreatur…“ und doch in dem Wissen, dass ich alles, was ich habe, Gott verdanke, der sich mir in Jesus Christus liebevoll zuwendet und der mir um Christi willen gnädig ist. Und so kann ich dann auch singen und beten: „Die Werk, die kommen gewisslich her / aus einem rechten Glauben; / denn das nicht rechter Glaube wäre, / wolltest ihn der Werk berauben. / Doch macht allein der Glaub gerecht; / die Werk, die sind des Nächsten Knecht, / dran wir den Glauben merken.“(EG 342,17) Amen. 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 20.10.2019



Das rote Band. Das Zeichen der Rettung. Predigt über Josua 2,1-21 

Josua aber, der Sohn Nuns, sandte von Schittim zwei Männer heimlich als Kundschafter aus und sagte ihnen: Geht hin, seht das Land an, auch Jericho. Die gingen hin und kamen in das Haus einer Hure, die hieß Rahab, und kehrten dort ein. Da wurde dem König von Jericho angesagt: Siehe, es sind in dieser Nacht Männer von den Israeliten hereingekommen, um das Land zu erkunden. Da sandte der König von Jericho zu Rahab und ließ ihr sagen: Gib die Männer heraus, die zu dir in dein Haus gekommen sind; denn sie sind gekommen, um das ganze Land zu erkunden. Aber die Frau nahm die Männer und verbarg sie. Und sie sprach: Ja, es sind Männer zu mir hereingekommen, aber ich wusste nicht, woher sie waren. Und als man das Stadttor schließen wollte, da es finster wurde, gingen die Männer hinaus, und ich weiß nicht, wo sie hingegangen sind. Jagt ihnen eilends nach, dann werdet ihr sie ergreifen. Sie aber hatte sie auf das Dach steigen lassen und unter den Flachsstängeln versteckt, die sie auf dem Dach ausgebreitet hatte. Die Verfolger aber jagten ihnen nach auf dem Wege zum Jordan bis an die Furten, und man schloss das Tor zu, als sie draußen waren. Und ehe die Männer sich schlafen legten, stieg Rahab zu ihnen hinauf auf das Dach und sprach zu ihnen: Ich weiß, dass der HERR euch das Land gegeben hat; denn ein Schrecken vor euch ist über uns gefallen, und alle Bewohner des Landes sind vor euch feige geworden. Denn wir haben gehört, wie der HERR das Wasser im Schilfmeer ausgetrocknet hat vor euch her, als ihr aus Ägypten zogt, und was ihr den beiden Königen der Amoriter, Sihon und Og, jenseits des Jordans getan habt, wie ihr an ihnen den Bann vollstreckt habt. Und seitdem wir das gehört haben, ist unser Herz verzagt und es wagt keiner mehr, vor euch zu atmen; denn der HERR, euer Gott, ist Gott oben im Himmel und unten auf Erden. So schwört mir nun bei dem HERRN, weil ich an euch Barmherzigkeit getan habe, dass auch ihr an meines Vaters Hause Barmherzigkeit tut, und gebt mir ein sicheres Zeichen, dass ihr leben lasst meinen Vater, meine Mutter, meine Brüder und meine Schwestern und alles, was sie haben, und uns vom Tode errettet. Die Männer sprachen zu ihr: Tun wir nicht Barmherzigkeit und Treue an dir, wenn uns der HERR das Land gibt, so wollen wir selbst des Todes sein, sofern du unsere Sache nicht verrätst. Da ließ Rahab sie an einem Seil durchs Fenster hinab; denn ihr Haus war an der Stadtmauer, und sie wohnte an der Mauer. Und sie sprach zu ihnen: Geht auf das Gebirge, dass eure Verfolger euch nicht begegnen, und verbergt euch dort drei Tage, bis zurückkommen, die euch nachjagen; danach geht eures Weges. Die Männer aber sprachen zu ihr: So wollen wir den Eid einlösen, den du uns hast schwören lassen: Wenn wir ins Land kommen, so sollst du dies rote Seil in das Fenster knüpfen, durch das du uns herabgelassen hast, und zu dir ins Haus versammeln deinen Vater, deine Mutter, deine Brüder und deines Vaters ganzes Haus.  So soll es sein: Wer zur Tür deines Hauses herausgeht, dessen Blut komme über sein Haupt, aber wir seien unschuldig; doch das Blut aller, die in deinem Hause bleiben, soll über unser Haupt kommen, wenn Hand an sie gelegt wird.  Und wenn du etwas von dieser unserer Sache verrätst, so sind wir frei von dem Eid, den du uns hast schwören lassen. Sie sprach: Es sei, wie ihr sagt!, und ließ sie gehen. Und sie gingen weg. Und sie knüpfte das rote Seil ins Fenster. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

 

 

Ob das Zeichen den anderen in Jericho aufgefallen ist? Den Nachbarn, den Ratsherren, der Polizei? Raab hat es  wie vereinbart ins Fenster geknüpft, in der Nacht, sobald die Männer fort waren, die bei ihr Unterschlupf gefunden hatten. Vielleicht haben einige das Band gesehen, am anderen Morgen. Aber sie werden nicht verstanden haben, was es  zu bedeuten hatte. Die Nachbarn nicht und ebenso wenig die Polizei oder die Kundschaft, die bei Rahab ein und aus gegangen ist. Das waren die Männer, die vor allem im Schutz der Dunkelheit ihre Dienste in Anspruch genommen haben. Rahab war eine Hure. Liebe hat sie verkauft, oder besser gesagt, Triebe hat sie befriedigt. Deshalb wurde sie von den anständigen Leuten gemieden, tagsüber jedenfalls. Die wollten sie am Tag nicht kennen. Da haben sie das Viertel gemieden, in dem Rahab gewohnt hat. Erst im Schutz der Dunkelheit sind sie zur ihr gekommen. Da war es ihnen egal, ob da ein rotes Band im Fenster hängt oder nicht.  Da stand ihnen der Sinn nach anderem.  

 

Um dieses rote Band geht es heute. Ein Zeichen sollte es sein. In einer spannenden Agentengeschichte spielt es eine Rolle. Spione kommen darin vor, ein König und sein Geheimdienst und vor allem Rahab. Die Hure. Manche sagen, ihr Name würde „die Wilde“ bedeuten. So stelle ich sie mir auch vor: unbezähmbar, klug und mutig. Von den Männern, die zu ihr kommen, lässt sich sich schon lange nicht mehr einschüchtern. Im Gegenteil. Sie kann es mit ihnen aufnehmen. Schlagfertig ist sie. Und weitsichtig. Sie kann eins und eins zusammenzählen. Sie weiß, dass sich die Machtverhältnisse gerade verschieben. Von dem fremden Volk hatte sie gehört, das da auf dem Weg zu ihnen war. Sie hatte mitbekommen, was von diesem Volk erzählt wurde. Sie hatte von seiner Rettung am Meer erfahren und davon, wie die Fluten die Soldaten des Pharao weggespült hatten. Wild und unbezähmbar soll es sein, dieses Volk, das einem Gott diente, der wohl weitaus mächtiger und gefährlicher schien, als die Götter, denen man in und um Jericho Opfer brachte. Gnadenlos war es auch, dieses neue Volk. Wer sich ihm in den Weg stellte, wurde beiseite geräumt, sogar mächtige Könige wie Sihon und Og. 

 

Rahab hatte mitbekommen, wie dem König und seinen Mächtigen bei diesen Kriegsgeschichten das Herz in die Hose gerutscht war und wie Jerichos Befehlshaber immer nervöser wurden. Josua, der Nachfolger des Mose, hatte nun seine Spione ausgeschickt. Sie sollten die Gegend um Jericho auskundschaften. Vor allem sollten sie die Stadt ausspionieren. Sie sollten Schwachstellen aufspüren - um Jericho möglichst mit wenig Verlusten auf der eigenen Seite einzunehmen. Doch Jerichos Geheimdienst schien noch zum funktionieren und dem König wurde zugetragen, dass die Kundschafter in der Stadt seien. Bei der Hure sollten sie untergekrochen sein, flüsterten die Informanten dem Polizeichef ins Ohr. Da sandte er die Soldaten los. Vielleicht war es ja noch nicht zu spät. Vielleicht konnte man sie noch ausschalten, die Fremden und die Invasion stoppen. 

 

Aber wie gesagt: Rahab war eine kluge Frau. Sie wusste, welche Stunde geschlagen hatte. Als die Fremden bei ihr anklopften, um sich zu verstecken, wechselte sie die Seiten. Sie versteckte die Agenten bei sich auf dem Dach. Als später die Soldaten des Königs im Zimmer standen, spielte sie die Ahnungslose. „Wo sind die Fremden? Wir wissen, dass sie bei dir waren!“ Andere wären bei diesen Worten eingeknickt. Nicht so Rahab, die wilde, die mutige. Vielleicht waren es ja bekannte Kunden, die sich vor ihr aufbauten. Sie wusste, wie sie vorgehen musste. „Ja, gewiss“, sagte sie in gespielter Einfalt. „Diese Männer waren hier. Aber ich kannte sie nicht. Sie hatten es eilig. Sie wollten die Stadt noch vor Einbruch der Dunkelheit verlassen, bevor man die Stadttore schließt. Vielleicht könnt ihr sie noch einholen. Sie dürften noch nicht weit gekommen sein.“  

 

Und schon war sie wieder allein. Schnell stieg sie auf das Dach, wo sich die Spione unter Flachsstängeln verborgen hatten. Dort schloss sie den Handel ab, der sie und ihre Familie retten sollte. „Ich habe von euch gehört!“ sagt sie. „Ich weiß, dass hinter euch ein mächtiger Gott steht. Und unsere Großen wissen es auch. Sie haben gehörig die Hosen voll. Deshalb wollen sie euch töten. Ich weiss, dass euch und eurem Gott die Zukunft gehört. Deshalb bitte ich euch: vergesst nicht, dass ich es war, die euch versteckt hat. Schwört mir, dass ihr mich und meine Familie beschützt und nicht töten werdet, wenn ihr die Stadt einnehmt. Gebt mir ein Zeichen, dass ihr es ernst meint!“ 

 

Und so kommt es zu dem Handel. Es ist ein Abkommen auf Gegenseitigkeit. Wenn Rahab dicht hält, die Spione nicht verrät, sollen alle, die sich bei der Erstürmung Jerichos in ihrem Haus aufhalten, verschont bleiben. Das rote Band im Fenster soll das Zeichen sein, das sie beschützt. Es soll ein Zeichen des Lebens, ein Zeichen der Rettung sein. Und so wird es auch kommen. Rahab und ihre Familie werden am Leben bleiben, während die Stadt zerstört und die Einwohner getötet werden. Und das soll eine Glaubensgeschichte sein? So etwas steht also in der Bibel? Ich bin froh, dass das so ist.  Es ist schließlich  auch eine Geschichte der Bewahrung, der Rettung. Eine Geschichte, in der eine Frau mit zweifelhaften Ruf zum Vorbild wird.  

 

Die Hure Rahab ist eine kluge Frau, weil sie die Zeichen der Zeit erkennt und richtig deutet. Sie entdeckt und bekennt den Gott der Israeliten als „den einen Gott oben im Himmel und unten auf Erden.“ Sie weiß, dass alle Waffen dieser Erde gegen diesen Gott nichts ausrichten können. Sie stellt sich nicht gegen diesen Gott und sein Volk. Sie will Frieden, für sich und ihre Familie. Was zunächst wie ein Akt der Unterwerfung aussieht, kann man auch als einen Ausdruck des Glaubens und des Vertrauens deuten. Rahab rechnet mit einem Verhalten, das in der damaligen wie in der heutigen Zeit eher Seltenheitswert hat: sie rechnet mit Gnade. Sie erinnert die Spione, dass diese ihr Leben einer Hure verdanken und bittet darum, sie und ihre Familie zu schonen. Später wird Josua vor der Einnahme der Stadt zu den Kundschaftern sagen: „Geht in das Haus der Hure und führt die Frau von da heraus mit allem, was sie hat, wie ihr es geschworen habt!“ (Josua 6,22) Und weiter ist zu lesen: „Da gingen die jungen Männer, die Kundschafter, hinein und führten Rahab heraus, samt ihrem Vater und ihrer Mutter und ihren Brüdern und allem, was sie hatte, und ihr ganzes Geschlecht führten sie heraus und gaben ihnen einen Platz außerhalb des Lagers Israels. Aber die Stadt verbrannten sie mit Feuer und alles, was darin war…“(Josua 6,23f) 

 

Das vereinbarte Zeichen ihrer Rettung war ein rotes Band, das ins Fenster geknüpft war. Es erzählt von der Abmachung zwischen Rahab und den Männern, es erzählt von dem Glauben der Frau und auch von Gnade und Bewahrung. Ja, so kann Glaube auch aussehen. Glaube kann auch bedeuten, mit Verstand und wachen Augen die Vorgänge der Welt wahrzunehmen und zu deuten. Glaube kann auch bedeuten, mutig das Gespräch zu suchen, Vereinbarungen auszuhandeln, um Leben zu retten. Rahab vertraut sich den Fremden an. Und die Fremden vertrauen sich der Hure an. Beide halten sich an ihre Vereinbarungen und retten auf diese Weise leben.  

 

Um ein Zeichen der Rettung ging es in unserer Agentengeschichte: ein rotes Band. Es ist nicht das einzige Zeichen, das davon erzählt, wie Menschen ihren Glauben bekennen. In diesen Tagen hat sich der Fall der innerdeutschen Grenze, der Mauerfall, zum dreißigsten Mal gejährt.  Ich denke an die Zeit vor dem 9. November 1989. Ich denke an die Gottesdienste und Friedensgebete. Viele Kirchen in der damaligen DDR haben sich mit Menschen gefüllt. Teelichte wurden angezündet, Lieder gesungen und gebetet. Die Mächtigen im Lande haben sich lustig darüber gemacht, haben über die Kraft der Teelichte, der Lieder und Gebete gespottet. Daran muss ich denken. Diese Lichter wurden zu Zeichen der Hoffnung, die den Menschen den Weg in eine friedliche Revolution gewiesen hatten. Es hätte ja auch anders kommen können. Aber auch diese Zeichen sind vergänglich, so wie  das rote Band im Fenster der Hure ein vergängliches Zeichen war.  Nach dem Fall der Stadt ist es sicher irgendwo in den Trümmern des Hauses verrottet.  

 

Es gibt ein anderes Zeichen, das mir Mut macht. Ein unvergängliches Zeichen, das uns Halt gibt. Ich denke an das Kreuz - ein anstößiges Zeichen, bis heute. An Kreuzen wurden Menschen durch einen qualvollen Tod hingerichtet. Für uns Christen ist aus dem Symbol des Todes ein Zeichen der Hoffnung, der Gnade und des Lebens geworden. Der Gott, den die Hure Rahab wegen seiner Macht gefürchtet hat, will sein Reich nicht auf Unterwerfung und Gewalt aufbauen, sondern auf Liebe und Barmherzigkeit. Deshalb ist er selbst Mensch geworden und hat den Mitteln, auf die sich bis heute Macht und Herrschaften gründen, eine Absage erteilt. In Jesus Christus wendet er sich den Menschen zu, die am Boden liegen, die verachtet und unterschätzt werden, wie man die Hure Rahab unterschätzt hat. Er wendet sich ihnen zu, um ihnen Leben zu schenken. Was in der Geschichte der Hure Rahab nur bruchstückhaft erkennbar wird, soll man nach der Auferstehung Jesu als Botschaft des Lebens in die Welt hineinsprechen: unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. Es ist der Glaube an den Gott, der das Leben will und nicht den Tod, der Vergebung statt Vergeltung  im Programm hat. Schauen wir auf dieses Zeichen, vor allem, wenn wir vor dem letzten Feind erschrecken, der uns bezwingen möchte, der Tod. Schauen wir auf dieses Zeichen und wagen wir die Hoffnung. Gott will uns das Leben schenken. Nichts als das Leben. Im Unterschied zu Rahab müssen wir die Bedingungen der Rettung noch nicht einmal aushandeln. Es ist bereits alles ausgemacht. Amen. 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 13.10.2019 

 






Es kommt auf die Ausrichtung an. Predigt über Psalm 145 Vers 15 am Erntedankfest 

Wie gut dass es sie gibt: die kleinen, haftbaren Gedächtnisstützen, die selbstklebenden Merkzettel. Wo sie nicht überall hängen! Am Kühlschrank in meiner Küche zum Beispiel oder auf der Arbeitsfläche meines Schreibtisches. Da schaue ich oft genug hin. Kurznachrichten stehen auf diesen Zettelchen:  wen ich heute unbedingt anrufen muss oder was dringend zu erledigen ist und auf keinen Fall vergessen werden darf. Ich bin dankbar für diese „Denk-Hilfen“. Auf einem meiner Zettel steht heute: „Vergiss nicht zu danken!“ So beginnt ein Lied aus unserem Gesangbuch, das wir alle kennen und gerne singen. Das Lied und das Erntedankfest erfüllen ebenfalls die Aufgabe dieser kleinen Denkzettel. Sie ermutigen zu einer besonderen Lebenshaltung: Dankbarkeit statt Nörgelei. „Vergiss nicht zu danken!“   Das Lied und das Erntedankfest erinnern mich daran: “Gott, hat uns viel Gutes getan.“ Es gibt so vieles, für das wir ihm danken können: für die Menschen, die wir lieben, die das Leben bereichern, für die Heimat, das Zuhause, das uns Schutz und Geborgenheit schenkt, für die Gemeinde vor Ort, mit der wir beten und den Gottesdienst feiern können, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

„Vergiss nicht zu danken!“ Der Denkspruch für diesen Tag aus dem Alten Testament könnte auch auf so einem kleinen Merkzettel stehen: „Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.“ Das ist aus einem Gebet. Dem König David wird es zugeschrieben. Eingebettet in ein Loblied auf Gottes Güte finden wir diesen Merksatz.  „Die Augen aller Menschen warten auf dich, Gott“ sagt David. Die Augen! Sie stehen stellvertretend für unsere Sinne, mit denen wir die Welt wahrnehmen. 

 

Mit Herz und Sinn sollen wir uns auf Gott hin ausrichten. Die Augen aller warten, sagt David. Geduldig und voll Vertrauen tun sie das. Gott wird uns zur rechten Zeit geben, was wir zum Leben brauchen. Doch da steigt in mir schon ein Einwand auf. Wann mag die rechte Zeit sein? Etwa dann, wenn der Magen knurrt? Wenn die Augen ungeduldig werden? Wenn die Blicke hin und her wandern? Und noch eine Frage taucht auf. Welche Speise ist gemeint? Geht es nur um Essen oder Trinken? Hat nicht auch die Seele Hunger? Aller Augen warten auf dich, sagt David. Auch meine? 

Für mich ist Warten eine große Herausforderung. Mir und meinen Augen fällt das manchmal richtig schwer. Eine wohltuende Korrektur zu meiner Ungeduld ist ein Sprichwort aus Irland. Mir ist es zum ersten Mal als Jugendlicher bei der Lektüre von Heinrich Bölls Irischen Tagebuch begegnet. Die Iren sagen: „Als Gott die Zeit schuf, hat er viel davon gemacht.“

 

Gott hat viel Zeit geschaffen, um der  Seele Gelegenheit zu geben, sich zu orientieren. Die irischen Mönche, waren zum Beispiel dankbar für geschenkte Tage. So nannten sie die Zeit, in denen das Wetter so schlecht war, dass es sich nicht gelohnt hat, das Kloster zu verlassen, um den Acker zu bestellen. Da ist man zu Hause geblieben und hatte Muße, um zu beten, die Schrift zu betrachten, sich auf Gott hin neu auszurichten. Diese Ausrichtung auf den, der die Speise zur rechten Zeit gibt, die Speise für den Leib und für die Seele, geht in der Betriebsamkeit des Alltags häufig unter. Wir vergessen oft, wann Zeit zur Muße ist und die Arbeit ruhen darf.  

Heute nehmen wir uns Zeit, um den Geburtstag unseres Posaunenchors zu feiern. Vor fünfzig Jahren wurde er gegründet. Seitdem begleitet er uns im Leben unserer Gemeinde. Und er bereichert das Leben dieser Gemeinde. 50 Jahre sind eine lange Zeit. Aber auch eine besondere Zeit. Die Begleitung der Lieder im Gottesdienst durch die Orgel und durch den Posaunenchor tragen zum Leben in der Gemeinde bei. Die Musik tröstet, sie stärkt den Glauben, sie trägt durch schwere und durch schöne Zeiten. Aber das ist nur möglich, weil sich die Bläserinnen und Bläser Zeit genommen haben, um die Stücke zu üben, Zuhause und bei den Chorproben. 

Ich denke mir aber, dass auch euch, den Bläsern und Bläserinnen ebenso wie den Mitgliedern in den anderen Chören durch diese gemeinsame Zeit der Proben und der Aufführung, des gemeinsamen Musizierens etwas geschenkt wird: es wächst die Gemeinschaft, die trägt, die verbindet. Wer sich in einem Chor engagiert, bringt sich ein in diese Gemeinschaft. Ich glaube, dass das auch eine Form des gelebten Glaubens ist, der Bindung an eine Gemeinde, an ein Gotteshaus, die Erfahrung von Gemeinschaft, von Kirche, von Heimat.  

 

Vergiss nicht zu danken! Wir vergessen heute nicht, euch, den aktiven, wie den ehemaligen Mitgliedern für diese Treue zu danken. Und wir danken Gott, der auf vielfältige Weise die Herzen der Menschen berührt und der Seele die Speise gibt, nach der sie hungert, jedem nach seiner Art und zur rechten Zeit. Die Musik, die den Glauben stärkt, ist auch eine Speise, durch die die Seele gestärkt wird. Und sie ist ein Gotteslob. Wer in einem Kirchenchor singt oder in einem Posaunenchor spielt, macht das zur Ehre Gottes, singt und spielt für Gott, wendet sich ihm zu, wie sich die Blume der Sonne und dem Licht zuwendet, wenn sie blüht.

 „Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.“  Wer diese Worte von Herzen betet, stellt sich und sein Leben unter Gottes Herrschaft. Dort bin ich gut aufgehoben. Dort wird für mich gesorgt. Das sagen diese Worte. Mit den Worten aus dem Alten Testament wenden wir uns an diesen Gott, der uns nicht allein lässt in dieser Welt. Das ist ein Gott, der da ist. Der für uns sorgt. Auch heute noch. Zeichen der Fürsorge hat Gott uns in dieser Welt hinterlassen. Zeichen seiner Nähe. Da gibt es Brot und Wein – an seinem Tisch werden sie uns zu Zeichen des Heils. Wir hören und sehen und schmecken, wie freundlich der Herr ist, wenn wir diese Gaben annehmen als Speise zum Leben, von Gott uns gegeben zur rechten Zeit.  Wir müssen halt nur immer wieder daran erinnert, werden, wem wir das Gute verdanken, das wir im Leben schon erfahren haben. Deswegen tun uns die kleinen Merkzettel gut, mit den segensreichen Kurznachrichten: „Vergiss nicht zu danken, dem ewigen Gott, er hat dir viel Gutes getan!“ 

Ein Loblied ist unser Psalmwort. Es dankt für Gottes Güte. Ich möchte die Worte aus dem Alten Testament zu meinen eigenen machen und mich damit vor Gott aussprechen, dankbar für alles, was ich empfangen habe und in der gewissen Zuversicht, dass ich ohne Sorge sein kann, weil er  mir gibt, was ich zum Leben brauche, „zur rechten Zeit,“ wann immer die sein wird:  „Aller Augen warten auf dich, / und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit. / Du tust deine Hand auf / und sättigst alles, was lebt, / nach deinem Wohlgefallen. / .../ Mein Mund soll des Herrn Lob / verkündigen und alles Fleisch / lobe seinen heiligen Namen / immer und ewiglich.“ Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 6.10.2019