Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73,28)

Predigten im Monat Mai 2019





Wo ist der Himmel? Predigt über 1. Könige 8,22-28 am Fest Christi Himmelfahrt bei einem Gottesdienst in Grünen

 

Was muss das für ein Festtag gewesen sein, damals! Die Tempelweihe in Jerusalem. Das war im Jahr 951 vor Christus. Ich denke mir, da waren alle „aus dem Häuschen“. Im buchstäblichen und im übertragenen Sinn. Damals, in Jerusalem. Endlich waren die Arbeiten abgeschlossen. Endlich war der Tempel fertig. Wie lange haben sie daran gebaut. Wie viel Mühe hat dieser Bau gekostet. Aber nun ist er fertig. Nun wird er seiner Bestimmung übergeben. Da bleibt keiner Zuhause. Da strömen sie alle hin zum Tempel. Der König spricht das Weihegebet. Salomo tritt vor das Volk. Einige Worte aus dem Weihegebet, das er gesprochen hat, wollen wir jetzt hören und darüber nachdenken. Sie stehen im 1. Buch der Könige im 8. Kapitel und sind uns heute zur Predigt aufgegeben:

 

Und Salomo trat vor den Altar des HERRN angesichts der ganzen Gemeinde Israel und breitete seine Hände aus gen Himmel und sprach: HERR, Gott Israels, es ist kein Gott weder droben im Himmel noch unten auf Erden dir gleich. … sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe? Wende dich aber zum Gebet deines Knechts und zu seinem Flehen, HERR, mein Gott, auf dass du hörst das Flehen und Gebet deines Knechts heute vor dir…“ (aus 1.Könige 8,22ff – Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

 

Wie vergänglich ist doch alles, was der Mensch schafft. Daran musste ich denken, als ich zu Beginn der Karwoche im Fernsehen die Bilder der brennenden Kathedrale von Notre Dame in Paris gesehen hatte. Ein Bauwerk, so stolz und schön. Jahrhunderten hat es standgehalten. Wie viele Lebensgeschichten haben sich im Schatten dieses mächtigen Bauwerks abgespielt – Tragödien und Komödien, Geschichten der Liebe, des Verrats, der Hoffnung und der Verzweiflung. So sehr hat man sich an dieses Bauwerk gewöhnt, dass es nicht mehr fortzudenken war aus den Köpfen und Herzen der Menschen. Und ist doch ist auch diese Kathedrale nur Menschenwerk und damit vergänglich. Und eine kurze Zeit hat es auch danach ausgesehen, als ob es dem Raub der Flammen nicht mehr hätte entrissen werden können.

 

Nein – Salomo hatte schon Recht: all diese Gebäude, die in unseren Augen so herrlich und wunderbar sind, sind der Vergänglichkeit preisgegeben, ebenso wie die Menschen, die sie bauen.  Die Mächtigen, die den Bau von Kirchen in Auftrag geben und die Baumeister, die den Auftrag ausführen, tun dies – meistens – zur Ehre Gottes – und wohl auch ein wenig, um sich selbst ein Denkmal zu schaffen.

 

Der Tempel sollte zur Ehre Gottes gebaut. Schon David hatte sich daran gestört, dass er in einem Palast wohnt, während man für Gott nur ein Zelt aufgestellt hatte. Allerdings sollte erst sein Sohn Salomo den Auftrag ausführen, um dem Heiligtum der Kinder Israels ein würdiges Zuhause zu bereiten: die Bundeslade, mit den zwei Gebotstafeln und dem Stab Aarons. Das Volk sollte ein geistliches Zuhause bekommen. Gotteshäuser binden die Menschen. Sie wissen dann, wo sie hingehören. Sie haben einen Ort, zu dem man pilgern kann.

 

Auch wir lieben unsere Gotteshäuser. Sie bieten unserem Glauben ein Dach über den Kopf. Deshalb ist es nur Recht und Billig, dass wir jedes Jahr einen Dankgottesdienst zur Kirchweih feiern. Hier hören wir Gottes Wort, hier feiern wir das Abendmahl, hier taufen wir unsere Kinder, hier geben sich Paare das Ja – Wort und hier nehmen wir Abschied von unseren Verstorbenen.

 

Wenn wir unser Herz aber zu sehr an das hängen, was wir Menschen geschaffen haben, vergessen wir, dass Gott aber ganz anders ist, vergessen wir, dass wir uns eben kein Bild von ihm machen dürfen. Dann sperren wir Gott darin ein: nicht nur in die Kirche, sondern auch in das Bild, das wir uns von ihm gemacht haben. Unsere Kirchen und Kathedralen bieten ja immer auch ein Bild davon, wie wir uns Gottes Wohnstatt vorstellen. Vielleicht ist es gut, deshalb immer wieder das Gotteshaus zu verlassen, um den Gottesdienst draußen zu feiern.  Salomo sagt uns heute, worauf es ankommt, wenn wir Gottesdienst feiern, in den Kirchen oder unter freiem Himmel. „Wende dich aber zum Gebet deines Knechts und zu seinem Flehen, Herr, mein Gott, damit du hörst das Flehen und Gebet deines Knechts heute vor dir.“

 

Darum geht es: um die Zuwendung Gottes. Gott will sich uns zuwenden. Er will zu uns Menschen kommen. Er will bei uns sein, teilhaben an unserem Leben. Sicher kennen Sie den Spruch: „Gott wohnt dort, wo man ihn einlässt.“ Sie finden ihn in unserem Gesangbuch, bei den Adventsliedern, die die Ankunft des Gottessohnes besingen. Gott will in unserem Herzen wohnen. Wir selbst sollen Gottes Haus sein. Gott will bei uns sein. Deswegen hat er den Himmel verlassen und ist Mensch geworden, hat er Anteil genommen am Leben unter den Bedingungen dieser Welt. Deshalb sollen wir ihn nicht in Häuser aus Stein sperren. Gott hat sich auf den Weg zu uns gemacht. Es mag paradox klingen, aber genau das feiern wir heute. Die Himmelfahrt Jesu zu feiern bedeutet: den Auferstandenen in der Mitte zu feiern. Wir feiern das Geheimnis des Glaubens, dass Gott überall ist, wo sich Menschen im Gebet an ihn wenden.

 

 Wo ist Jesus hingegangen? fragen wir uns wie einst die Jünger. Wenn wir sagen, dass Jesus im Himmel ist, müssen wir nicht nach oben schauen. Daran erinnern uns auch die Engel, in der Geschichte. Auf dem Titelbild unseres Liederheftes weisen sie mit den Fingern nach oben. Was sie den Menschen sagen, verrät uns die Apostelgeschichte. „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht gen Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen. …“ Weiter erzählt uns Lukas, dass die Jünger fröhlich zurück nach Jerusalem gingen und zu ihren Alltagsgeschäften zurückkehrten. Sie wussten, dass der Herr sie nicht allein zurücklässt. Sie blieben beisammen, trafen sich in ihren Häusern zum Gebet, feierten das Abendmahl und gaben das Evangelium weiter an alle, die es hören wollten.

 

Seit Christi. Himmelfahrt gibt es keinen Raum mehr, in dem Jesus nicht zu finden ist. Er ist in seiner Kirche, das heißt, er ist mitten unter denen, die in seinem Namen zusammenkommen, in seinem Namen leben und handeln. Und der Himmel? Wo ist der zu finden? Er ist mitten unter uns. Der Auferstandene bringt den Himmel zu uns, in unser Herz, in unser Leben. Deshalb konnte der Mystiker Angelus Silesius auch schreiben: „Halt an, wo läufst du hin? Der Himmel ist in dir. Suchst du ihn anderswo, du fehlst ihn für und für.“

 

Der Himmel kommt zu uns, wenn wir Jesus in unser Herz lassen. Dazu braucht man kein Haus aus Steinen. Der Himmel kommt zu uns, wenn wir Jesus in unser Leben lassen. Und er kommt. Lassen wir ihn in unser Leben. Dann kommt der Himmel zu uns. Amen.

 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 30.5.2019






Zum Gebet werden! Predigt über Johannes 16, 23-28 am Sonntag Rogate in Altenstein und Hafenpreppach 

 

 Jesus sagte:„Und an jenem Tage werdet ihr mich nichts fragen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er's euch geben.  Bisher habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr empfangen, auf dass eure Freude vollkommen sei. Das habe ich euch in Bildern gesagt. Es kommt die Stunde, da ich nicht mehr in Bildern mit euch reden werde, sondern euch frei heraus verkündigen von meinem Vater.   An jenem Tage werdet ihr bitten in meinem Namen. Und ich sage euch nicht, dass ich den Vater für euch bitten werde;  denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, dass ich von Gott ausgegangen bin. Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater.“

Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

 

 

Beten sollen die Christen. Daran werden wir heute erinnert. „Rogate“ heißt dieser Sonntag. Betet! Mit dem Gebet legen wir uns und die Menschen, für die wir beten, in Gottes Hand.  Die Welt ist ein Ort, der das Gebet nötig hat. Die Welt ist ein Ort, in dem beides Zuhause ist: die Freude und das Leid. Wenn sich zwei Menschen das Ja Wort geben, freuen wir uns. Wir bitten Gott um seinen Segen für das Paar. Wenn ein Kind geboren wird, freuen wir uns ebens. In der Taufe legen wir es Gott ans Herz und bitten um seinen Segen. Wenn der Tod einen Menschen von uns nimmt und wir Abschied nehmen, sind wir traurig. Wir vertrauen unsere Verstorbenen Gott an und bitten um Trost für die Angehörigen. Unsere Freude und unser Leid bringen wir in unserer Kirche vor Gott. Wenn ich unter der Woche ins Altensteiner Gotteshaus gehe, das tagsüber geöffnet hat, sehe ich ab und zu eine kleine Kerze an unserem kleinen Altar im Eingangsbereich brennen. Dann weiß ich – es war jemand hier, um zu beten. Manchmal kann man auch im Gästebuch, das dort aufliegt, eine Bitte, einen Dank oder eine Fürbitte lesen. Dann freue ich mich. Das ist ein guter Ort, weil Menschen hier Kontakt mit Gott aufnehmen. Sie führen keine Selbstgespräche, wenn sie beten.

 

Jesus macht uns Mut zum Gebet. Gott ist wie ein guter Freund, dem wir alles sagen können. Gott ist wie ein verständnisvoller und vor allem liebevoller Vater, zu dem wir kommen können mit allem, was uns belastet.  Jesus erzählt den Jüngern von seinem Vater, der ein offenes Ohr und ein weites Herz hat und auf ein Gebet wartet, auf das Gebet der Jünger und auf unser Gebet. Jesus sagt:„... er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, dass ich von Gott ausgegangen bin.“ Das sind doch gute Voraussetzungen für ein Gebet. Jesus hat uns den Zugang zum Herzen Gottes frei gemacht. Mit allem, was uns bewegt, mit der Freude und mit dem Leid dürfen wir zu Gott kommen. 

 

Ich möchte auf Jesus schauen und von ihm lernen, wie man betet. Das Gebet zeigt den Weg aus der Angst in die Lebensfreude. Der Glaube schöpft seine Kraft aus dem Kontakt mit Gott. Dafür muss ich mir Zeit nehmen! Das lerne ich von Jesus. Wenn ich die Evangelien lese, sehe ich, dass sich Jesus dieses Zeit genommen hat. Immer wieder hat er sich zurückgezogen von den Menschen, ist in die Wüste gegangen oder auf einen hohen Berg gestiegen, um in Ruhe zu beten, um Zwiesprache zu halten mit seinem Vater.  Jesus hatte dafür Zeit! Was für eine Herausforderung an uns, die wir so oft meinen, keine Zeit zu haben. Das Gebet ist Beziehungspflege. Wir pflegen unsere Beziehung, unsere Freundschaft mit Gott. Das fordert Zeit. Gott will, dass wir uns voll Vertrauen ihm zuwenden, so wie sich Kinder voll Vertrauen an ihre Eltern wenden.

 

Gott will uns anhören! Ganz gewiss! Christen sollen deshalb den freien Zugang zum Herzen Gottes nützen. Daran werden wir heute erinnert. Jesus sagt: „Bittet, so werdet ihr nehmen, dass eure Freude vollkommen sei!“  Das Gebet ist der Kompass, der uns den Weg in die vollkommene Freude zeigt, in das Leben, das Gott uns schenken will. „Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird ers euch geben...“  sagt Jesus - und wir blicken betreten zu Boden. Wir können es nicht so recht glauben. Wie viele Gebete sind anscheinend nicht erhört worden! Mit unseren Einwänden wächst der Zweifel und wir spüren, wie Gott uns fremd wird. Das Gebet wird leiser. Irgendwann verstummt es, der freie Zugang zum Herzen Gottes  wird zugeschüttet vom Geröll der Fragen, der Zweifel und des Widerspruchs. 

 

Ist das ein Widerspruch, wenn Jesus einerseits sagt, dass uns der Vater geben wird, was wir in seinem Namen erbitten und wir andererseits aber immer wieder die Erfahrung machen, dass das nicht geschieht? Ich denke, es braucht das Vertrauen zu Gott, damit wir an diesem Widerspruch nicht zerbrechen. Es braucht die Demut und noch viel mehr braucht es die Liebe zu Gott, die mir Mut machen, mich ihm restlos anzuvertrauen, ihm alles zu überlassen und zu vertrauen, dass er besser weiß, was für mich gut ist, als ich selbst. Das aber lerne ich wiederum von Jesus.

 

Jesus  lebt uns dieses Vertrauen zu Gott vor.  Ein Lied aus unseren Gesangbuch beschreibt die Haltung, in der Jesus wohl gelebt hat. Es ist die Nachdichtung des 139. Psalms. „Ich sitze oder stehe, ich liege oder gehe, du hältst stets deine Hand über mir. / Du siehst all meine Wege, du kennst all meine Rede, / denn ich kann nichts verbergen vor dir. / Von allen Seiten umgibst du mich, o Herr. / Du bist nicht zu begreifen. Dir so Lob, Preis und Ehr.“ Aus dieser Haltung heraus hat Jesus sein Leben gelebt. Aus diesem Vertrauen heraus hat er sich und sein ganzes Leben in Gottes Hand gelegt. 

 

Ich glaube deshalb, dass Beten weit mehr ist, als nur eine Bitte in Worte zu fassen, ein Lob oder eine Klage auszusprechen. Das Gebet, zu dem wir ermutigt werden, ist  eine Lebenshaltung. Wir selbst sollen Gebet sein, indem wir uns ganz und gar Gott anvertrauen, mit unseren Worten, aber auch mit unserem Lachen und Weinen, mit unserem Seufzen und manchmal auch mit unserem Schweigen. Weil Gott uns näher ist als unser Herz, können wir getrost darauf vertrauen, von Gott verstanden zu werden, sogar ohne Worte. Rogate! Betet! Ihr selbst, euer Leben soll Gebet werden. Das geschieht, wenn du dich gehalten, geborgen und getragen weißt von dem Gott, durch den du bist, was du bist.

 

 Die Freude des Glaubens wächst aus einer lebendigen Beziehung, lebt aus der Freundschaft mit Gott. Die bietet uns Gott in der Taufe an. Eine Freundschaft aber will gepflegt sein. Eine Freundschaft lebt davon, dass man miteinander in Kontakt bleibt, sich nicht aus den Augen verliert, einander wahrnimmt. Ich möchte in der Verbindung bleiben mit dem, der mir das Leben geschenkt hat. Ich möchte in Verbindung bleiben mit Gott, der mir in Christus nahegekommen ist - dazu hilft mir das Gebet. Im Gebet haben wir einen Zugang zu Gott, der uns liebt und der ein offenes Herz für uns hat. Im Gebet stellen wir unser Leben mit seinen Höhen und Tiefen unter Gott, im Gebet vertrauen wir Gott an, was uns am Herzen liegt. Im Gebet dürfen wir danken und klagen, loben und bitten und seufzen und schweigen. Wer in diesem Sinne betet, lebt in der Nachfolge Jesu. Weil Jesus ein Beter war. Er hat es vorgemacht. Wer betet, lebt im Vertrauen. Er weiß, dass vieles noch aussteht von dem, was uns versprochen ist. Wer betet, vergisst nicht, dass er noch unterwegs ist, dass er noch auf dem Weg ist, aus der Angst in die Freude, die seit Ostern über der Welt liegt und die sich noch durchsetzen wird. Wer betet, ist nicht allein in dieser Welt. Er gehört zu der großen Gemeinschaft der Beter, nicht nur in dieser sondern auch in der kommenden Welt. Rogate! Betet! Das ist kein Befehl, sondern eine Einladung, sich auf den Weg zu machen. Lasst uns den Weg zu gehen, lasst uns die Freundschaft pflegen, die Freundschaft miteinander und die Freundschaft mit Gott. Lasst uns selbst zum Gebet werden, dass Gott mit jedem Atemzug die Ehre gibt. Amen.

 

Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 26.5.2019