Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73,28)

Predigten im Monat Juni



Zuhören und leben, gratis! Predigt über Jesaja 55,1-3b am 2. Sonntag nach Trinitatis anlässlich einer Silbernen Konfirmation  (30.6.2019) 

 

Markttreiben! Es riecht nach Obst und Gewürzen, nach Mensch und Tier. Ein feiner Klangteppich, aus Stimmen, Straßenlärm und Musik liegt über dem Bazar. Kinder zwängen sich an den Erwachsenen vorbei und spielen Fangen zwischen den Verkaufsständen. Irgendwo meckert eine Ziege, ein Huhn flattert aufgeregt in seinem Käfig hin und her. Es wird gelärmt, gelacht, geschimpft – und mittendrin steht ein Mann. Er sucht sich eine Stelle, von der aus er gut gesehen wird. Dann räuspert er sich und beginnt, seine Ware anzupreisen.  Laut schallen seine Worte über den Marktplatz und lassen die Menschen aufhorchen:  

»Auf, ihr Durstigen, kommt zum Wasser! Geht los, auch wenn ihr kein Geld habt. Geht, kauft Getreide und esst. Wer kein Geld hat, versorge sich kostenlos mit Korn. Geht hin und besorgt euch Wein und Milch, ihr braucht nicht zu bezahlen. Warum solltet ihr euer Geld für etwas ausgeben, das kein Brot ist, euren Lohn für etwas, von dem ihr nicht satt werdet? Hört zu und esst Gutes und eure Seele wird satt werden. Kommt zu mir und sperrt die Ohren auf! Hört mir zu und eure Seele wird leben. (Übersetzung: Neues Leben. Die Bibel) 

Es sind einige Begriffe und Satzfetzen, die die Leute anlocken: „Umsonst“ hören sie und „kostenlos“, „ihr braucht nichts zu bezahlen!“ Das hört man auf einem Markt sonst nicht. Da gehört das Feilschen und Handeln zum Geschäftsleben! Umsonst! Kostenlos! Ein verlockendes Angebot. Der Händler scheint zu haben, wonach die meisten Ausschau halten, oft vergeblich:  er bietet Leben in Hülle und Fülle an. Ein sattes, erfülltes, beglückendes Leben – ohne Mangel, ohne Angst. „Hört mir zu und eure Seele wird leben!“ ruft uns der Mann heute zu. Würden wir auch stehen bleiben, wenn wir auf diesem Bazar wären? Weckt dieser Ruf nicht eine tiefe Sehnsucht in uns? Wer von uns hat nicht Lebensträume? Wer wünscht sich nicht, dass wenigstens einer dieser Träume wahr wird?  

Heute feiern wir das Gedächtnis der Konfirmation. Vor einem Vierteljahrhundert – plus minus einem Jahr vielleicht – sind Sie hier oder in einem anderen Gotteshaus konfirmiert worden. Was für ein Fest! Damals wie heute hat die Konfirmation einen besonderen Charakter. Konfirmation feiern wir mit Jugendlichen, die an der Schwelle zum Erwachsenenleben stehen. Ein wichtiger Tag ist das in ihrem Leben. Zum ersten Mal stehen die Jugendlichen selbst im Mittelpunkt. Jetzt dreht sich alles nur um sie. Nach der Konfirmation gehören sie zu den Großen. So war das früher jedenfalls. Und so ist es – wenigstens „theoretisch“ auch heute noch. Nach der Konfirmation dürfen sie in eigener Verantwortung am Abendmahl teilnehmen oder eine Patenschaft übernehmen. Sie dürfen den Kirchenvorstand wählen. Sie werden also interessant für die Erwachsenenwelt  - als Wähler oder als potentielle Kunden. Die Konfirmation  ist ihr Fest. Sie werden gefeiert – in der Kirche und in der Familie. Das ist schön

Ich hoffe, Sie haben ihn alle gut in Erinnerung, den Tag Ihrer Konfirmation. Haben Sie damals schon gewusst, welchen Beruf Sie ergreifen wollten? Hatten Sie schon konkrete Pläne und Wünsche an das Leben – auch, wenn Sie die vielleicht nicht so offen ausgesprochen haben? Einen Mann, eine Frau finden und heiraten. Eine Familie gründen, Karriere machen? Ein eigenes Haus mit Garten sein Eigen nennen. Ein eigenes, schickes Auto sollte dann auch in der Garage stehen. Und was ist daraus geworden? Welche Träume sind wahr geworden? Ein Vierteljahrhundert später ist man noch nicht alt, aber alt genug, um eine erste Lebensbilanz zu ziehen. Wie wird sie ausfallen?  

Ich hoffe, sie klingt nicht so ernüchternd und deprimierend wie bei dem Liedermacher Wolf Biermann. In seinem Lied vom „Donnernden Leben“ singt er: „Das kann doch nicht alles gewesen sein / Das bisschen Sonntag und Kinderschreien / Das muss doch noch irgendwo hingehen… Ich will noch ein bisschen was Blaues sehen./ Und will noch ein paar eckige Runden drehen. / Und dann erst den Löffel abgeben eben...“ .  

(Wolf Biermann, Lied vom Donnernden Leben in: Lieder vom preussischen Ikarus, 1999)   

Gut, das mit dem Löffel kann noch eine Weile warten  … wer weiß schon, wie alt man wird. Die meisten Menschen lassen sich die „paar eckigen Runden“ heute etwas kosten, die sie noch drehen wollen. Sie tragen das Geld in Fitness-Studios oder in die Volkshochschule. Sie belegen Kurse in fernöstlicher Meditation, andere suchen den Kick beim Extremsport oder im Geschwindigkeitsrausch auf der Autobahn, vielleicht, weil ihnen Wolf Biermann aus der Seele spricht, wenn er singt: „Da muss doch noch irgendwas kommen nein / Da muss doch noch Leben ins Leben eben.“ Darum geht es, dass Leben ins Leben kommt, das Leben, das seinen Namen verdient, das einen erfüllt und glücklich macht. 

Nun stelle ich mir vor, wie  der Händler von eben sich heute neben uns hinstellt und zu sprechen beginnt. Es sind dieselben Worte wie damals, auf dem Bazar. Er spricht sie an, die Menschen, die so hektisch herumrennen, angetrieben von der Angst, sie könnten die Gelegenheit verpassen, dass das „Leben ins Leben kommt, eben“. Ob sie hören, was er ihnen zuruft?  „Kommt zu mir und sperrt die Ohren auf! Hört mir zu und eure Seele wird leben.“ Ob sie ihm glauben, die Hörer von heute? Oder werden sie misstrauisch? Umsonst? Kostenlos? Einfach nur Zuhören? Das kann nichts Gescheites sein. Wenn etwas nichts kostet, taugt es nichts.  

Nun – ganz umsonst ist die Gabe nicht. Der Mann auf dem Bazar verlangt kein Geld. Der Preis ist genannt. Der Mann auf dem Bazar des Lebens spricht im Auftrag Gottes. Und der will nicht dein Geld. Er will – deine Aufmerksamkeit. Er will dich!  „Hört mir zu!“ sagt er „Hört mir zu und eure Seele wird leben.“  Vielleicht ist das wirklich die einzige Bedingung, die an uns gestellt wird. Gott will das teuerste, das kostbarste, das wir haben – unsere Zeit. Er will, dass wir uns Zeit nehmen, um zu hören, was er uns zu sagen und zu bieten hat. Gewiss ist das ein hoher Preis, der verlangt wird. Zeit haben heute die wenigsten. Schon gar nicht Zeit, um zuzuhören.  

„Hört mir zu!“  sagt Gott durch seinen Boten. Es ist eine Einladung, die er ausspricht. Es ist die Einladung zum Leben. Ein Leben, das seinen Namen verdient.  Auch an uns ist sie einmal ergangen, diese Einladung zum Leben. Das ist schon lange her. In der Taufe ist sie ausgesprochen worden. Die meisten waren zu klein, um sie zu verstehen. Später ist sie wiederholt worden. Im Kindergarten, im Religions – und im Konfirmandenunterricht und so weiter. Aber dann ist sie  vielleicht auch verloren gegangen, die Einladung, unter den vielen Liedversen und Katechismusstücken, die man lernen musste. Vielleicht hatte sie keine Chance gegen die „Konkurrenz“, die der Alltag bietet: das Fußballtraining am Sonntagvormittag oder die erste große Liebe oder all die anderen Dinge, die die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, egal ob man jung oder nicht mehr ganz so jung ist. Wir unterscheiden uns wohl kaum von den Israeliten auf dem Bazar von damals. Die Israeliten haben wohl auch gehört, was der Mann gesagt hat. Ich glaube, viele haben den Kopf geschüttelt und sind weitergegangen, mit dem Hunger und dem Durst nach Leben in der Seele. Die hatten bittere Lebenserfahrungen hinter sich. Erfahrungen, die Lebensträume haben platzen lassen: ein verlorener Krieg, Gefangenschaft, Deportation in ein fremdes Land, begleitet von der Frage, ob man es nun verbockt hat, das Leben, ob man die Heimat jemals wieder sieht, ob Gott noch etwas will von einem, der Gott, von dem die Priester erzählt haben. Wie gut, dass sich Gott nicht entmutigen lässt. Immer wieder hat er sie wiederholt, die Einladung. Er hat sie ausgesprochen durch seine Propheten. Immer lauter hat er sie ausgesprochen, diese Einladung ins Leben. Immer drängender. Schließlich hat sich Gott selbst unter die Menschen gemischt, hat Fleisch und Blut angenommen und ist Mensch geworden. Einige hundert Jahre  nach dem Auftritt unseres Propheten  ist das geschehen. Da ist Jesus gekommen und hat sie erneut ausgesprochen, die Einladung zum Leben. Andere Worte wählt er, mit denen er um uns wirbt. 

 „Kommt herzu, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!“  An alle wendet er sich, die der Hunger und der Durst nach Leben nicht zur Ruhe kommen lässt. Einige haben sich zu ihm hingewagt und haben ein Wunder erlebt, haben gespürt, wie das Leben seinen Weg zu ihnen findet: die Blinden, die wieder sehen konnten, der Aussätzige, der rein geworden ist, die Mutter, die ihr todkrankes Kind gesund mit nach Hause nehmen konnte. Diese Menschen sind zu Jesus gekommen, sie haben sich beschenken lassen und zum Leben gefunden. Sie haben sich annehmen, haben sich lieben lassen von Gott. Sie haben gespürt, dass sie gut sind, so wie sie sind. Auch, wenn ihnen die Schriftgelehrten oft etwas anderes einreden wollten. Nichts mussten sie mitbringen, nur etwas Vertrauen und etwas Zeit, um die Worte zu hören, die sie heil werden lassen. Um sie zu hören und aufzunehmen in ihr Herz. Die Worte, die Jesus zu ihnen gesprochen hat. Das hat sie froh gemacht. Das hat sie aufblühen lassen. Da ist Leben ins Leben gekommen.  

Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Auch wir hören die Worte Jesu. Er nimmt die Worte des Rufers aus dem Buch des Propheten Jesaja auf. Er weitet den Geltungsbereich aus. Sie gelten jetzt allen, nicht nur dem Volk Israel: Kommt her mit eurer Sehnsucht nach dem Leben. Kommt zu mir mit den Sorgen, die euch quälen, mit dem Gefühl, immer den Kürzeren zu ziehen, mit euren Enttäuschungen und vielleicht auch mit dem Frust darüber, dass es im Leben vielleicht zu nicht mehr gereicht hat, als zu dem „bisschen Fußball und Führerschein.“   Die Einladung zum Leben gilt weiter.  Es ist die Einladung zum Leben mit Gott, dem es genügt, dass ich bin, wie ich bin. Nein, ich muss nicht erst ein „paar eckige Runden drehen“, ich muss nicht erst noch das Rad erfinden, ich muss nicht erfolgreich sein, bis „Leben ins Leben kommt“, bis Gott ins Leben kommt. Er ist schon da und wartet auf mich, er selbst ist das Leben in Fülle. Er lädt mich ein, an seinem Leben teilzuhaben. Christus will mir ein Leben an seiner Seite schenken. Ich will euch erquicken, sagt er. Kostenlos. Gratis. Ihr braucht nichts dafür zu bezahlen. Ich will es euch schenken, dieses erfüllte Leben. Ich will die Last von dir nehmen, die dich am Leben hindert. Wie fühlt es sich an, dieses Leben? Ich darf es sehen und schmecken – vorne, am Altar, wenn ich zum Abendmahl gehe oder jetzt schon, wenn ich die Worte höre, die mir persönlich gelten: ich will dich erquicken, dich stärken, dich ermutigen, dass du Leben kannst.. Nicht nur heute. Auch morgen. Jeden Tag. So kommt Leben ins Leben. Eben. Amen. 

 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 30.6.2019 



Für wen haltet ihr mich? Predigt über Mt. 16,13-19 am Pfingstmontag

Da kam Jesus in die Gegend von Cäsarea Philippi und fragte seine Jünger und sprach: Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei? Sie sprachen: Einige sagen, du seist Johannes der Täufer, andere, du seist Elia, wieder andere, du seist Jeremia oder einer der Propheten. Er sprach zu ihnen: Wer sagt denn ihr, dass ich sei? Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist der Christus, des lebendigen Gottes Sohn! Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel. Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: Was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

Das Evangelium, das wir heute gehört haben, erzählt von einem Gespräch Jesu mit seinen Jüngern. Die Jünger sind unterwegs mit Jesus. Und das schon eine ganze Weile. Sie hören ihn reden. Sie sehen, was er macht. Sie erleben die Wunderkraft, die von ihm ausgeht und sie spüren seine Leidenschaft für Gottes Reich. Sie merken, wie die Leute darauf reagieren - Glauben und Dankbarkeit, Jubel und Freude kommt von den Menschen, denen Jesus geholfen hat: den Blinden, die wieder sehen konnten, den Aussätzigen, die rein geworden sind, den Gelähmten, die nicht mehr länger mehr ans Bett gefesselt waren. Sie überhören aber auch nicht den Spott seiner Gegner. „Jesus - ein Fresser und Weinsäufer!“ sagen sie über ihn, weil er sich an einen Tisch setzt mit Menschen, die in den Augen der Schriftgelehrten Sünder sind. Die Jünger spüren die finsteren Blicke der Schriftgelehrten, wenn Jesus am Sabbat heilt. Sie hören die bitteren Vorwürfe aus ihrem Mund. „Er verstößt gegen das Gesetz!“ sagen die einen. „Darauf steht der Tod!“ schlussfolgern die anderen. Sie meinen es ernst - und die Jünger bekommen das mit.

Eines Tages stellt Jesus ihnen eine Frage. „Für wen halten mich die Leute?“ will er wissen. Da können sie endlich loswerden, was sie in den umliegenden Ortschaften über ihn gehört haben. „Einige halten dich für den Täufer Johannes!“ sagen sie. „Andere denken, du bist der Elia! Oder Jeremia oder irgendein anderer Prophet!“ Die Antworten sprudeln aus ihnen hervor. Viele Menschen, viele Meinungen. Aber Jesus interessiert gar nicht so sehr, was die Leute von ihm halten. „Für wen haltet ihr mich?“ fragt er sie. Darum geht’s: Um das persönliche Bekenntnis zu Jesus - und seine heilsamen Folgen. Ich stelle mir vor, wie sich die Jünger betreten anschauen. Wahrscheinlich konnte man jetzt eine Stecknadel fallen hören. Verlegenes Schweigen. „Für wen haltet ihr mich?“ fragt Jesus. Es ist eben leichter, nachzusprechen, was die Leute sagen, statt sich eine eigene Meinung zu bilden.

Zur eigenen Meinung will Jesus den Jüngern Mut machen. Und zum Bekenntnis. Jetzt sind sie schon so lange mit ihm unterwegs. Nun werden sie in die Pflicht genommen: „Für wen haltet ihr mich? Wer bin ich für euch?“ Da beginnt Petrus zu sprechen. Ich stelle mir vor, wie sein Herz vor Aufregung klopft, lauter und schneller als sonst, und wie er leidenschaftlich sein Bekenntnis ausruft: „Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“ Christus nennt man den von Gott Gesalbten, auf den Israel seit Generationen wartet. „Du bist Christus“, das bedeutet: du bist die Antwort Gottes auf die Sehnsucht der Menschen, die Sehnsucht nach Frieden, nach Gerechtigkeit. Du bist Christus, die Antwort Gottes auf das Seufzen der ganzen Schöpfung, die auf Erlösung wartet. Jetzt, als Jesus den Jüngern die Frage gestellt hat, geht Petrus ein Licht auf: in diesem Mann aus Nazareth kommt Gott den Menschen nahe, für einige erlösend nahe, für andere bedrohlich nahe.

„Für wen haltet ihr mich?“ will Jesus wissen. Wie die Jünger sollen auch wir Stellung beziehen, uns eine Meinung von Jesus bilden. Auch uns gilt diese Frage, mit der sich Jesus an seine Jünger wendet. Sie gilt allen, die auf den Namen Jesu getauft sind, die zur Nachfolge berufen sind. Sie gilt uns. Wer ist Jesus für uns? Was bedeutet er uns? Welche Antwort geben wir, wenn wir danach gefragt werden?

Vielleicht sind wir genauso überfahren von dieser Frage, wie die Jünger es wohl waren. „Für wen halten mich die Leute?“ Vielleicht drücke ich mich um eine Antwort. Ich greife nach Strohhalmen, nach Aussagen, die alles und nichts bedeuten können. Die beginnen meist so: „Die Leute sagen“ oder „ich habe gehört, man erzählt sich…“ Wir können sagen, was wir in der Schule oder im Religionsunterricht über Jesus erfahren haben. Wir können sagen, was wir gelesen und gehört haben. Aber das interessiert Jesus nicht. Mit solchen Sätzen sind die Jünger auch nicht durchgekommen. Jesus   will hören, was die Jünger glauben. Er möchte ihre Meinung hören. Ihn interessiert, was ich persönlich von ihm denke. Wie peinlich, wenn auf diese Weise herauskommt, dass man sich mit dieser Frage noch nicht wirklich auseinandergesetzt hat.

Aus dem Gespräch unter Freunden, das Jesus mit seinen Jüngern führt, wird eine Pfingst-Geschichte. Der Heilige Geist öffnet dem einfachen Fischer Simon die Augen für Jesus. Und er macht ihm Mut, seinen Glauben zu bekennen. „Du bist der Christus!“ Das ist das Bekenntnis des Menschen zum Gottessohn. Nicht nur an dieser Stelle wird Petrus zum Bekenner und Wortführer. Das Johannesevangelium beispielsweise erzählt, wie sich einmal viele Anhänger von Jesus distanziert hatten. Mit einer Predigt war er vielen zu weit gegangen. Da hat er sich als das Brot des Lebens bezeichnet. Als Jesus damals seine engsten Freunde gefragt hatte, ob sie ihn nun auch verlassen würden, antwortete Petrus: „Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens, und wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes!“ Auch damals war Petrus, der doch eigentlich nicht als großer Redner bekannt war, der Wortführer und Bekenner. Und jetzt also wieder diese eindeutige, unmissverständliche Bekenntnis aus seinem Mund: „Du bist der Christus!“

   Jesus antwortet darauf mit einer Seligpreisung und ebenfalls mit einem Bekenntnis. Es ist das Bekenntnis des Gottessohnes zum Menschen: „Selig bist du, Simon, Jonas Sohn, denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel. Und ich sage dir auch: du bist Petrus und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen.“ Vielleicht kann man sagen, dass auch das Bekenntnis ein Geschenk Gottes ist. Am Ende ist es Gott selbst, der uns die Lippen öffnet, der uns die rechten Worte zur rechten Zeit schenkt. Deshalb brauchen wir keine Angst haben, wenn unser Bekenntnis gefragt wird. Gott selbst wird uns helfen, zu sagen, was notwendig ist.   

Wir sollen unseren Kindern deshalb von Gott erzählen. Wir sollten ihnen nicht verschweigen, was wir glauben, was uns Mut macht, tröstet oder weiterhilft. Kinder spüren sehr schnell, ob wir die Wahrheit sagen. Sie merken, ob wir sie und ihre Fragen ernst nehmen oder ob wir sie mit Floskeln abspeisen. Ich habe im Umgang mit den Kindern der Grundschule gelernt, dass man nicht alles perfekt erklären können muss und dass man auch nicht für alle Fragen sofort eine Antwort parat haben muss, um glaubwürdig zu sein – oder „authentisch“, wie man heute gerne sagt. Kinder spüren, ob der Glaube, den man ihnen vermitteln möchte, echt ist oder nur aufgesetzt. Die Echtheit des Glaubens wächst aus dem Vertrauen, an dem Festhalten, dessen, was man glaubt, obwohl oder gerade weil ich nicht alles weiß.

„Für wen halten mich die Leute?“ will Jesus von seinen Jüngern wissen. Die Antwort, die Petrus gibt, ist von Herzen gekommen. Eine Eingebung. Wir sagen: der Heilige Geist Gottes war der Auslöser für diesen Impuls und für dieses Bekenntnis. Weil es echt war, preist Jesus ihn selig und vertraut ihm ein Geschenk an: „Ich will dir die Schlüssel des Himmelreiches geben, alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.“ 

Auch uns sind solche Schlüssel anvertraut, die anderen Menschen den Zugang zu Gott öffnen, den Zugang zum Himmel. Unser Glaubensbekenntnis ist ein Schlüssel. Die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen, kann zum Schlüsselerlebnis werden, die Art und Weise, wie wir unseren Glauben im Alltag bewähren, kann zum Schlüssel werden, der anderen den Zugang zum Glauben erschließt oder verschließt. Wenn wir uns dabei an Jesus orientieren, das bedeutet: wenn wir uns an ihm ausrichten, wird unser Glaubenszeugnis anderen das Tor zum Himmel öffnen. Dazu braucht es aber die Kraft von oben, die Kraft Gottes, dazu braucht es Gottes guten Geist. Aber den hat Gott über uns ausgegossen – am Pfingstfest über die Jünger und in der Taufe über jeden einzelnen von uns. Wir müssen ihn nur wirken lassen.

Der Apostel Paulus schreibt: Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist. Die Liebe ist es schließlich, die die Herzen öffnet, den Blick frei macht, damit wir Gottes Nähe spüren und wahrnehmen. Die Liebe Gottes ist es schließlich, die uns den Mut macht, unseren Glauben zu bekennen – vor der Welt und in der Welt vor unseren Kindern. Nicht durch große Worte und tiefsinnige geistige Klimmzüge wird unser Christuszeugnis glaubwürdig, sondern durch die Liebe, in der wir es aussprechen und durch die Taten, aus dem Leben, das diesem Zeugnis folgt. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 10.6.2019





Unerwartete Mitbewohner! Predigt über Johannes 14,23 – 26 am Pfingstsonntag

Jesus sagte zu seinen Jüngern: Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten. Und ich will den Vater bitten und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein. Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch. Es ist noch eine kleine Zeit, dann sieht die Welt mich nicht mehr. Ihr aber seht mich, denn ich lebe, und ihr sollt auch leben.

Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen. Wer aber mich nicht liebt, der hält meine Worte nicht. Und das Wort, das ihr hört, ist nicht mein Wor t, sondern das des Vaters, der mich gesandt hat. Das habe ich zu euch geredet, solange ich bei euch gewesen bin. Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.

Stellen Sie sich einmal die folgende Szene vor. Es ist Pfingstsonntag. Das heißt: die gesamte Familie ist Zuhause. Sie sitzen gemeinsam um einen festlich gedeckten Frühstückstisch. Sie freuen sich auf die beiden Feiertage. Zur guten Stimmung trägt auch noch das herrliche Wetter draußen bei. Es könnte nicht besser sein. Da klingelt es an der Tür. Nicht einmal oder zweimal. Immer wieder und lange anhaltend. Wer mag das wohl sein? Am heiligen Sonntag! Etwas verärgert über diese Störung stehen Sie schließlich auf und gehen zur Tür. Sie öffnen und staunen. Draußen stehen Gott – Vater persönlich und Jesus, sein Sohn. Die beiden grüßen freundlich und treten ohne zu fragen ein, schauen sich in Ihrer Wohnung um, gehen von Zimmer zu Zimmer, besichtigen die Küche, das Schlafzimmer, in dem die Betten noch nicht gemacht sind, das Kinderzimmer, wo das Spielzeug am Boden rumliegt und endlich sind sie im Wohnzimmer. Dort sitzt die Familie um den Tisch, mit offenen Mündern. Eine Frage steht im Raum: „Was wollen die denn da?“ Dann hören sie, wie Jesus sagt: „Vater, ich denke, das Wohnzimmer hier nehmen wir!“ Gott – Vater nickt. „Ja, mein Sohn, da bleiben wir!“ „Wie bitte? Was soll das? “ hören Sie sich fragen. Und bekommen die Antwort: „Na, wir ziehen bei euch ein! Ist doch klar. Ist doch schließlich Pfingsten!“

So könnte es sein, wenn man Jesus beim Wort nimmt. Er hat es ja schließlich gesagt – er will mit seinem Vater zu uns kommen und bei uns wohnen. Den Jüngern verspricht er das zum Abschied: „Ich lasse euch nicht als Waisen zurück. Ich komme zu euch. Wer mich liebt und mein Wort hält, zu dem werden wir kommen und Wohnung bei ihm nehmen, mein Vater und ich...“ Oh Schreck! Ist das wirklich so gemeint? Das würde ja bedeuten, dass die beiden alles mitbekommen, was sich im Leben der Familie abspielt, auch das, was man gerne unter Verschluss halten möchte. Zum Beispiel, wie es in meinem Leben gerade drunter und drüber geht. 

Aber so verstehe ich Pfingsten: Gott kommt persönlich und nimmt Anteil an meinem Leben. Er ist nicht irgendwo im Himmel. Er ist dort, wo das Leben sich abspielt – im Wohnzimmer, wo man abends beisammensitzt und über das Fernsehprogramm schimpft, in der Küche, wo gekocht und vielleicht werktags gegessen wird, im Schlafzimmer, wo man möglicherweise nicht nur schläft, im Bad, in der Werkstatt, im Büro oder in der Schule. Jesus bringt Gott in mein Leben. Und das hat Folgen. Wenn Gott und Jesus bei mir Wohnung nehmen, bringen sie auch etwas mit. Ein Gastgeschenk. Sie tragen Segen in mein Haus und in mein Leben.  Es bekommt Festcharakter. Es wird zu etwas Besonderem. 

Ich denke heute an ein Lied aus dem sogenannten „Silberpfeil“.  Das war ein Liederbuch aus den 70er und 80er Jahren mit Kirchenliedern, die damals modern waren, inzwischen aber auch schon in die Jahre gekommen sind. Seinen Namen verdankt das Buch dem silberfarbenen Cover. Das Lied beschreibt das Gastgeschenk, beschreibt die Veränderung, die Jesus in unser Leben bringt: „Unser Leben sei ein Fest / Jesu Geist in unserer Mitte, / Jesu Werk in unseren Händen / Jesu Geist in unseren Werken. / Unser Leben sei ein Fest / an diesem Morgen und jeden Tag.“

Für mich ist das ein Pfingstlied. Es erinnert mich daran, was wir heute feiern:  die Gegenwart Jesu in der Mitte unseres Lebens. Und mit ihm die Gegenwart Gottes – das ist der, den die Himmel und aller Himmel Himmel nicht fassen können. (1. Könige 8,27) Darüber haben wir vor wenigen Tagen, an Christi Himmelfahrt, nachgedacht. Gott kommt zu uns. Er wohnt mitten unter uns. Und das hat Auswirkungen. Mit ihm kommt ein neuer Geist hinein in unser Leben. Dieser neue Geist verändert meinen Alltag, mein Denken, Fühlen und Handeln. Der Alltag wird ein Festtag.

Gott will Wohnung bei mir nehmen! Das ist Pfingsten. Er will es durch seine Gegenwart heilsam verändern. Vielleicht aber macht uns das zunächst einmal Angst. Wollen wir die Veränderung? Vielleicht war uns diese Distanz bisher auch ganz recht. Wenn man zu einer Urlaubsbekanntschaft sagt: „Besuchen Sie uns doch, wenn Sie mal in der Gegend sind!“ rechnet man schließlich auch nicht damit, dass sie wirklich kommt. Aber Gott ist keine Urlaubsbekanntschaft, die man von den Gottesdiensten an den Feiertagen her kennt, von Weihnachten vielleicht. Gott verspricht nicht nur etwas halbherzig. Er kommt tatsächlich. 

O Gott! Soll er doch mal schön in der Kirche bleiben! Meinen Alltag will ich selbst bestimmen! Doch ist das wirklich so? Bestimme ich mein Leben wirklich selbst? „Im Leben hat jeder sein Päckchen zu tragen“, sagen wir manchmal und seufzen. Wer aber packt dieses Päckchen und was ist darin zu finden? Da gibt es so viel, was mein Leben beschwert, was mich runterzieht, was mich vom Leben trennt, nach dem ich mich sehne. In diesem Päckchen sind Steine. Sprüche stehen darauf, die machen das Päckchen wirklich schwer: „Was werden die Leute wohl denken...“ ist einer dieser Sprüche. Ich richte mich nicht nach dem, was ich möchte, sondern nach dem, was die Meinungsmacher sagen – also die, die im Betrieb, in der Schule, im Dorf, im Verein immer das letzte Wort haben und mit denen man es sich deshalb nicht verscherzen will. Auf einem anderen Stein steht: „Das war schon immer so...“ Das bedeutet, nur ja nichts verändern, auch, wenn dieser Zustand für mich unerträglich ist. Und auf einem dritten liest man deshalb: „Reiß dich gefälligst zusammen ...“ Und so trage ich mein Päckchen mit all diesen Sprüchen und Steinen, bin unzufrieden und spüre, wie mein Herz darüber immer bitterer wird. Von wegen Selbstbestimmung! 

Jesus sagt aber nicht: „Wir kommen einfach ungefragt.“ Er sagt:  „Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.“   Was für eine Wertschätzung ist das! „Gott, mein Vater, wird dich lieben….“ sagt Jesus.  Das ist der Grund für den Einzug. Sie kommen, weil sie mich lieben. Ich soll nicht unglücklich sein. „Vertrau mir“, sagt Jesus. „Vertrau meinen Worten. Halte dich an sie, sie schenken dir Leben!“ Ich  vertraue den Worten, die Jesus gesprochen hat, weil sie mir zum Leben helfen. Ich richte mein Leben nach ihnen aus, weil ich spüre, dass sie mir helfen, ein Leben zu führen, das mir gut tut. Vor allem vertraue ich Jesus, dem Wort, das Mensch geworden ist. Seine Gegenwart schränkt mein Leben nicht ein, sondern bereichert es. Er reguliert nicht, sondern befreit! Er hilft mir zum wahren Leben, nach dem ich mich so sehr sehne. Er nimmt mir die Päckchen ab. Ich spüre, wie die Angst von mir weicht, die Angst, die mein Leben bis dahin im Griff hatte: die Angst vor dem Urteil der Leute, die Angst, dass sie mich meiden, die Angst vor Einsamkeit und nicht zuletzt die Angst vor dem Tod. Ich spüre, wie sich stattdessen Freude in mir ausbreitet, die Freude am Leben, das Gott mir geschenkt hat. Ich spüre den Frieden, den mir Jesus schenkt. 

Unser Leben sein ein Fest / Jesu Werk in unseren Händen, / Jesu Geist in unseren Werken…  So beschreibt das Lied ein geistreiches Leben. Es ist ein Leben in der Gemeinschaft mit Gott. Ein Leben, das sich mitteilt. Es ist das Lied einer Lebensgemeinschaft, die wachsen möchte. Vielleicht haben Sie bemerkt, dass ich immer wieder Gott und Jesus in einem Atemzug genannt habe. Seit Christi Himmelfahrt ist das so. Da hat sich Jesus zur Rechten des Vaters gesetzt. Deshalb gilt, was er an einer anderen Stelle schon zu Lebzeiten gesagt hat: „Ich und der Vater sind eins…“ (Johannes 10,30) Deshalb kommen sie beide in unser Haus und wollen mit uns leben.

Wie merken wir das, dass sie eingezogen sind, Gott-Vater und Jesus, sein Sohn? Wir spüren es durch die Gaben, die sie bringen. Jesus sagt: „der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“Der Tröster! So hat Luther das griechische Wort „parakletos“ übersetzt, das so vieles bedeuten kann: Anwalt, Mahner, Beistand. Dieses Wort verwendet der Evangelist für die segensreiche Gegenwart des Auferstandenen in unserem Leben. Jesus kommt als Mahner, als Tröster, als Beistand. Er berührt mein Herz und macht Mut, in seinem Namen zu sprechen, in seinem Namen zu handeln. Er verwandelt das triste Leben in ein Fest. So will Christus in dieser Welt, im Leben der Christen und in der Kirche wirken. Wir müssen nicht davor erschrecken, dass sich dann vieles verändert. Gottes Geist stellt vielleicht mein Leben auf den Kopf, am Ende werde ich mich darüber freuen. Die Veränderungen, die Jesus bringt, werden mein Leben bereichern.  Es hat dem Glauben die Farbe, der Schwung, die Freude gefehlt. Es haben Gott – Vater und Jesus gefehlt. Es hat der Geist gefehlt, der Trost, der Beistand. Wie gut, dass sie zu Pfingsten gekommen sind. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 9.6.2019