Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73,28)

Predigten im Monat Juli 2019




Durst nach Milch. Hunger nach Leben. Predigt über 1.Petrus 2,2- 10 am 6. Sonntag nach Trinitatis

Seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch wie die neugeborenen Kindlein, auf dass ihr durch sie wachset zum Heil, da ihr schon geschmeckt habt, dass der Herr freundlich ist. Zu ihm kommt als zu dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen ist, aber bei Gott auserwählt und kostbar. Und auch ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus. Darum steht in der Schrift (Jesaja 28,16): »Siehe, ich lege in Zion einen auserwählten, kostbaren Eckstein; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden.« Für euch nun, die ihr glaubt, ist er kostbar. Für die aber, die nicht glauben, ist er »der Stein, den die Bauleute verworfen haben; der ist zum Eckstein geworden« (Psalm 118,22) und »ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses« (Jesaja 8,14). Sie stoßen sich an ihm, weil sie nicht an das Wort glauben, wozu sie auch bestimmt sind. Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, ein heiliges Volk, ein Volk zum Eigentum, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat aus der Finsternis in sein wunderbares Licht; die ihr einst nicht sein Volk wart, nun aber Gottes Volk seid, und einst nicht in Gnaden wart, nun aber in Gnaden seid. (Luthertext 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

  

„Milch kann eine komplette Mahlzeit ersetzen. Es sind alle notwendigen Nährstoffe darin enthalten!“ verkündet eine wohltönende Stimme aus dem Radio. Sie klingt sehr glaubwürdig und macht doch nur Werbung für eine bestimmte Molkerei. Ich höre mir das geduldig an, während ich mir mein Frühstück zubereite. Ob das wirklich stimmt, was da gesagt wird, weiß ich nicht. Heute kommt mir beim Lesen und Hören unseres Aufrufs aus dem Petrusbrief dieser Werbespot in den Sinn. Petrus schreibt: „Seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch!“ Macht er also ebenfalls Werbung für ein bestimmtes Produkt? Begierig soll man sein. An diesem Wort bleibe ich hängen. Wenn ich gierig nach etwas bin, setze ich alles dran, um es zu bekommen. Ich will es unbedingt haben, weil ich glaube, dass mir etwas Wichtiges zum Glück fehlt, wenn ich es nicht in meinem Besitz habe! Die Trinkmilch kann damit nicht gemeint sein. Um Nahrung geht es trotzdem. Um geistliche Nahrung.

Für den Apostel Petrus ist mit der vernünftigen lauteren Milch das Evangelium von Jesus Christus gemeint. Gottes Wort soll die Nahrung für die Seele sein. Davon soll sie leben! Sie soll Geschmack daran finden. Der Appetit kommt beim Essen, sagt man. Haben wir wirklich Hunger nach dieser Speise? Sind wir begierig nach dieser besonderen Milch? Dürstet uns nach dem lebendigen Wort Gottes? In meinem Leben spielt Gottes Wort eine wichtige Rolle. Wenn ich traurig bin oder fröhlich, suche ich Rat in der Bibel. Ich vertraue den Worten, die ich darin finde. Ich vertraue darauf, dass Gottes Wort mich berührt, mich anspricht. Die Herrnhuter Losungen leiten mich durch den Tag. Deshalb gehört die Bibel für mich einfach dazu. Sie weist mich hin auf Jesus Christus. Er ist die Adresse, an die ich mich wenden kann, wenn ich Angst habe. Ihm kann ich danken, wenn mein Herz vor Freude überquillt. Und wenn mir der Wind ins Gesicht bläst, wenn die Sorgen wie Wellen über mir zusammenschlagen, dann lehrt mich Gottes Wort, auf ihn zu schauen. Ja, für mich ist die Bibel ein Grundnahrungsmittel für meinen Glauben. Meine Milch, meine Lebenskraft. 

Wir feiern heute den Tauferinnerungssonntag. Die meisten von uns sind als Kinder zur Taufe gebracht worden und können sich nicht daran erinnern. Zur Zeit des Apostels war das anders. Da waren es meist Erwachsene, die getauft wurden. Die Väter und Mütter des Glaubens sahen darin eine neue Geburt. Wer getauft wird, wird ein neuer Mensch. Er wird ein Kind Gottes. Was er früher war, spielt keine Rolle mehr, sondern, was er jetzt ist. Wie die Kinder von der Muttermilch genährt werden, so leben die neugeborenen Kinder Gottes von Gottes Wort. Sie brauchen es, um im Glauben fest zu werden. Um ihrer Bestimmung gemäß leben zu können. In unserem Predigtabschnitt werden die getauften Kinder Gottes mit großartigen Prädikaten versehen: sie gehören zu einem auserwählten Volk, sie sind königliche Priester und Priesterinnen, also Diener dieses Gottes, zu dem sie gehören. Sie sind ein heiliges Volk. Wunderbar! Könnte man da ausrufen. Wer möchte nicht zu diesem erlauchten Kreis gehören?

Die Taufpraxis und der kirchliche Alltag bei uns sieht allerdings anders aus. Ich freue mich zwar darüber, dass es auch heute noch vielen Eltern ein Anliegen ist, ihr Kind taufen zu lassen. Die stetig wachsende Zahl an Kirchenaustritten macht mich traurig und manchmal auch mutlos. Zur Kirche zu gehören, ein Kind Gottes zu sein, zu diesem erwählten, heiligen Volk zu gehören, scheint also vielen Getauften nicht mehr so wichtig zu sein. Man könnte meinen die lautere Milch hat eine Menge an Nährstoffen und die Predigt an Überzeugungskraft verloren. Sie scheint viele nicht mehr satt zu machen. Woran liegt es?

Vielleicht holen sich viele ihre geistliche Speise anderswo? Vielleicht leben sie von den verlockenden geistlichen Snacks, die uns auf dem Markt der Möglichkeiten angeboten werden? Ein bisschen Meditation hier, ein wenig Yoga dort oder ein nicht ganz billiger Selbsterfahrungskurs in Thailand? Das ist schick, das ist trendy. Vor allem aber, das ist unverbindlich. Das mag jetzt bitter klingen. Trägt die Kirche nicht einen großen Teil der Schuld selbst? In den letzten Umfragen werdend häufig die Missbrauchsfälle genannt, die zu einer Abkehr von der Kirche geführt haben. In der Tat: wer Wasser predigt und Wein trinkt ist unglaubwürdig. Nicht umsonst sagt Jesus: Mit welchem Maß ihr messt, werdet ihr gemessen. Dennoch bin ich der Meinung, dss die Hauptursache in der Erosion des Glaubens liegt. Mit anderen Worten: wir verlieren den Geschmack an der vernünftigen lauteren Milch. Umgekehrt: wer es mit dem christlichen Glauben ernst meint, wer nach der vernünftigen lauteren Milch verlangt, wem es ernst ist mit seinem Christsein, dem kann es so gehen wie den Christen, an die der erste Petrusbrief ursprünglich gerichtet war. Sie werden ausgelacht, nicht ernst genommen oder im schlimmsten Fall auch angefeindet und verfolgt. 

Die ersten Leser des Briefes waren Christen in Kleinasien. Das war eine römische Provinz, die heute auf türkischem Staatsgebiet liegt. Die vertraute Welt, in der sie einst aufgewachsen sind, ist ihnen fremd geworden. Die Ursache war der Glaube. Daran festzuhalten und dafür zu werben bedeutete für sie Ablehnung, Feindschaft, Verfolgung. Diesen Menschen ist der erste Petrusbrief Trost und Zuspruch gewesen: ein kleiner, verfolgter und misshandelter Haufe hat sich als auserwähltes Geschlecht ansehen dürfen, als königliche Priesterschaft, als Gottes Volk. Wie mögen diese Worte Kraft geschenkt haben, durchzuhalten und den Mut nicht zu verlieren!

Heute ist dieses Apostelwort an uns gerichtet. Wir hören es unter anderen Voraussetzungen als die ersten Leser und Hörer. Die Christen damals waren in der Minderheit und sind um ihres Glaubens willen verfolgt worden. Wir werden nicht verfolgt. Aber auch wir haben Trost und Zuspruch nötig. Es braucht eine Stärkung. Es braucht die vernünftige lautere Milch, es braucht Gottes Wort. Es braucht Vertrauen. Von Martin Luther wird gesagt, er habe sich in Zeiten der Not und der Verunsicherung einen Satz mit Kreide auf den Tisch geschrieben: „Ich bin getauft!“ Die Erinnerung an seine Taufe hat ihn Mut gemacht, am Glauben festzuhalten, den Weg zu gehen, den er für richtig hielt, an seinem Bekenntnis zu Christus festzuhalten und vielleicht auch den Konflikt zu riskieren. Auch wir feiern in unseren Gemeinden immer wieder Tauferinnerung – zum Beispiel in der Osternacht. Wir erneuern unser Taufversprechen, wir bekräftigen es und lassen uns segnen. Mir tut das gut. Es hilft mir, dabei zu bleiben, am Glauben festzuhalten, nicht den Mut zu verlieren.

„Lasset mich mit Freuden sprechen, ich bin ein getaufter Christ!“ heißt es in einem Lied aus dem Gesangbuch. Ich bin getauft, das bedeutet ich weiß, wo ich hingehöre. Gott hat sich in dieser Welt ein Haus gebaut aus lebendigen Steinen. Ich bin eingeladen, in diesem Haus zu leben. Es soll meine Heimat sein, der Ort, der mir Halt und Trost, Geborgenheit und Sicherheit schenkt. So, wie das nur ein wirkliches Zuhause bieten kann. Gott hat sich ein Haus in dieser Welt gebaut. Es ist ein Haus aus lebendigen Steinen. Wir sind die Steine. Und einer ist es, der dieses Haus trägt und hält und schützt: Jesus Christus.

„Zu ihm kommt als zu dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen ist, aber bei Gott auserwählt und kostbar...!“ sagt das Apostelwort. Der Eckstein im Gebäude – die einen sagen, es sei eine Art Grundstein. Ein Quaderstein, von dem aus der Bau begonnen wird. Er bestimmt die Lage und die Richtung des Bauwerks. Die andern halten ihn für den Schlussstein, der einem Bogen oder Gewölbe Halt gibt. Die ersten Christen sagen: Christus ist für uns wie ein Stein, den die Menschen auf den Müll geworfen haben, den sie als wertlosen Bauschutt angesehen haben. Dieser Stein ist zum Fundament, er ist für uns zum tragenden Halt geworden.

Unser Apostelwort erinnert uns daran, dass unser Leben von diesem Eckstein getragen oder gehalten wird und dass wir zu dem einem Gott gehören, der sich aus schwachen, fehlerhaften Menschen ein Haus baut. Ein Haus, in dem die Menschen gespeist werden mit der Nahrung, die sie zum Leben wirklich brauchen. Die vernünftige lautere Milch, das Wort der Rettung, Gottes Wort, das Gestalt angenommen hat in Jesus Christus – er schenkt euch alles, was ihr zum Leben braucht.

Wie können wir wieder Geschmack an dieser Botschaft finden, wenn wir ihn verloren haben? Ich denke, es gibt dafür nur einen Weg. Indem wir glaubwürdig leben. Das bedeutet, des Glaubens würdig zu leben. Das geht vielleicht nur, wenn ich es wie Martin Luther mache, mich immer wieder daran erinnere, dass ich getauft bin und aus der Kraft dieser Zusage lebe: ich bin ein Kind Gottes, dass von den Gottes Wort lebt und sich an Jesus Christus, dem menschgewordenen Gotteswort, orientiert, sich ausrichtet.

Wer getauft ist, hat eine Bleibe in Gottes Nähe, ein Aufenthaltsrecht im Herzen Gottes. Er hat ein Zuhause, eine Heimat bei Gott. Das ist der Auftrag, den wir haben. Der Auferstandene will seinen Weg zurück finden zu denen, die ihn aus den Augen und dann aus dem Sinn verloren haben. So bleibt die Kirche, was sie sein soll: eine Hausgemeinschaft, in der Menschen leben, in der sie aufleben können, in der sie zum Leben finden, weil sie zu Christus finden und durch ihn leben. Dass wir selbst solche lebendigen Steine in diesem Gottes-Haus sein können, dazu schenke uns Gott seinen Segen. Vielleicht finden wir dann wieder Geschmack an der lauteren Milch. Und vielleicht wagen wir es, für diese geistliche Speise wieder zu werben. Sie schmeckt. Sie stärkt zum Leben. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, 28.7.2019, Altenstein






Ein Ruf zur Liebe im Alltag - Predigt über Mt.9,35-39;10,1. 5 - 7 am 5. Sonntag nach Trinitatis (21.7.2019)

Und Jesus zog umher in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen. Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren geängstet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben. Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.
Und er rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen. … Diese Zwölf sandte Jesus aus, gebot ihnen und sprach: Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht nicht in eine Stadt der Samariter,  sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel. Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus. Umsonst habt ihr's empfangen, umsonst gebt es auch.  Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben,  auch keine Tasche für den Weg, auch nicht zwei Hemden, keine Schuhe, auch keinen Stecken. Denn ein Arbeiter ist seiner Speise wert.
(Lutherbibel 2017,Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)



In einem einzigen Satz fasst der Evangelist Matthäus den Alltag Jesu zusammen: Jesus zog durch alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen, verkündete das Evangelium vom Reich und heilte alle Krankheiten und Gebrechen. Ich möchte diese Notiz etwas ausmalen, mit eigenen Worten die Szene beschreiben.  Dann sehe ich ein kleines Dorf vor mir, irgendwo in Galiläa vielleicht, wo sich Hund und Katz gute Nacht sagen, wo einfach nichts los ist, wo ein Tag wie der andere ist – außer am Sabbat vielleicht. Da ruht dann die Arbeit. Da ist dann noch weniger los. Stellen wir uns so ein Dorf vor, in dem die Langeweile zu Hause ist. Ein Ort, der aus seinem Dornröschenschlaf herausgerissen wird, weil Jesus hier Station macht.

Rasch breitet sich Kunde von seiner Ankunft aus.  Bald ist das ganze Dorf auf den Beinen und nicht nur das eine Dorf, auch aus den Nachbarorten kommen die Menschen hierher, alleine oder in Gruppen, zu Fuß oder auf Reittieren, einige werden getragen, weil sie zum Laufen zu schwach oder zu gebrechlich sind. Und dann hören sie seine Worte. Sie hören, wie Jesus ihnen vom Reich Gottes erzählt. Sie hören, wie er ihnen zuruft: „Das Reich Gottes ist nahe!“ Und sie spüren, dass das eine gute Nachricht sein muss, denn sein Gesicht strahlt dabei vor Freude.  Und da regt sich noch etwas, tief in der Seele beginnen sie zu ahnen: das Reich Gottes muss etwas mit Heilwerden zu tun haben. Wer im Reich Gottes leben darf, dem geht es gut. Der ist heil geworden - an Leib und Seele. Dieser Jesus redet nicht nur vom Reich Gottes. Der macht auch etwas. Der beugt sich zu den Kranken herunter, die man vor ihm hingelegt hat. Er berührt sie, legt ihnen die Hand auf und hilft ihnen beim aufstehen. Jetzt geht ein staunendes Raunen durch die Menge. Das hat es also mit dem Reich Gottes auf sich: Blinde können wieder sehen und Lahme wieder gehen, Traurige werden getröstet und Zerstrittene versöhnen sich wieder.  Es ist fast so, wie es einst der Prophet Jesaja angekündigt hat.

Eine Geschichte aus dem Alltagsleben Jesu habe ich erzählt, eine, die dem einen gefällt und den andern vielleicht seufzen lässt, wenn er sie hört. Vielleicht, weil sie so gar nichts mit der eigenen Wirklichkeit zu tun hat. Aber - mein Bild ist noch nicht fertig gemalt. Ich denke jetzt an die staunenden Menschen, die Jesus zuhören und die miterleben, wie er andere gesund macht. Unter ihnen gibt es nicht nur geheilte und dankbare. Da sind auch noch viele andere, denen das Lachen vergangen ist. Man sieht ihnen hat, dass sie müde sind. Die harte Arbeit, die Enttäuschungen und die Entbehrungen, die sie täglich erdulden müssen, haben Spuren hinterlassen, haben sich eingegraben in ihre Gesichter. Diese Menschen sieht Jesus vor sich. Er schaut sie an und weiß sofort, was ihnen fehlt. Sie sind wie eine Schafherde, die keinen Hirten haben. Wir könnten auch sagen: es sind Menschen, die keinen Halt oder kein Ziel mehr in ihrem Leben haben. Orientierungslos sind sie. Hilflos! Es sind Menschen, die den Boden unter ihren Füßen verloren haben und die nicht mehr wissen, wie es weitergehen soll. Solche Mutlosen hat es sicher auf dem Dorfplatz in Galiläa gegeben. Wir finden sie nicht in der ersten Reihe. Sie stehen, sitzen oder liegen meist weiter hinten und werden leicht übersehen. Die stehen also verborgen, in der Menge und meinen, dass sie leer ausgehen. Aber da irren sie sich. Der Evangelist Matthäus sagt: Jesus erbarmt sich ihrer. Luther übersetzt: es jammerte ihn. Er hatte Mitleid mit ihnen. Er übersieht diese Leute nicht.  Er weiß, wie ihnen zumute ist, gerade die, die nirgends auffallen und still vor sich hin leiden.  Jesus sieht in die abgequälten und erschöpften Gesichter. Jesus sieht sie. Und er fühlt mit ihnen. Er fühlt sich ein in ihr Leben, in ihre Ängste, in ihre Fragen…. Und er sorgt für diese Menschen. Das sieht so aus: zunächst ruft er die Jünger zum Gebet auf. Er sagt: „Die Ernte ist groß , aber der Arbeiter sind wenige.  Bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende! " Das Gebet steht vor der Tat. Die Jünger sollen Gott darum bitten, dass er geeignete Menschen zu denen schickt, die Hilfe brauchen. Sie sollen Gott um geeignete Menschen bitten, damit die gute Nachricht vom nahen Reich Gottes ihren Weg durch sie in den Alltag der Menschen findet, um ihn wieder erträglicher zu machen. Er sagt: es gibt so viele Menschen, die sich nach dieser frohen Botschaft sehnen. Die frohe Botschaft lautet: es gibt Hoffnung für euch. Das Reich Gottes ist nahe – und ihr sollt darin leben.  Gott hat euch nicht vergessen, euch Kranke. Gott hat euch nicht vergessen, ihr vom Leben mit seinen vielen Enttäuschungen müde Gewordenen. Gott hat euch nicht vergessen, ihr Ruhelosen, mit den vielen ungelösten Fragen und Problemen, die euch nicht schlafen lassen.

Nach dem Gebet folgt die Tat. Jesus schickt sie selbst los, um den abgequälten und erschöpften Menschen die frohe Botschaft auszurichten. Die Botschaft vom nahen Reich Gottes,  in dem keiner übersehen und in dem niemand vergessen wird. Sei getrost. Du bist nicht allein. Das ist die Botschaft, die ihren Weg zu den Menschen finden soll.  Es sind keine „Fachleute“, die Jesus losschickt. Es sind Menschen wie du und ich. Da ist Petrus - um nur einen zu nennen. Er ist Fischer. Einer, der leicht aufbraust und etwas schwerfällig wirkt. Oder schauen wir auf Matthäus: ein Zöllner von Beruf, also einer, der eher in der Welt der Zahlen als der Worte lebt. Und schließlich Simon, genannt der Eiferer. Ein Radikaler. Einer von denen, die am liebsten alles mit Gewalt ändern und die anscheinend keine Geduld für langsame Entwicklungen haben. Diese Leute hält Jesus für geeignet: Menschen, wie du und ich, mit Stärken und Schwächen. Sie sind geeignet, weil Jesus sie losschickt und weil sie ihm vertrauen. Wir könnten auch sagen, weil sie ihm glauben, weil sie an ihn glauben. Jesus sagt ihnen, wohin sie gehen sollen: zu den Menschen.

Im Matthäusevangelium heißen sie die verlorenen Schafe des Hauses Israel. Zunächst sollen die Jünger nur zu den eigenen Leuten gehen, zu denen, die in Israel leben. Aber seit Pfingsten wissen die Apostel, dass sie ihr Herr auch auf die „Straßen der Heiden“ schickt, die sie zunächst noch meiden sollten. Jetzt ist die Zeit dafür gekommen: jetzt soll die ganze Welt die frohe Botschaft vom nahen Gottesreich erfahren.


Ich möchte noch einmal auf das Bild zurückkommen, das ich am Anfang mit meinen Worten gezeichnet habe. Das Bild von den erschöpften und niedergeschlagenen Menschen. Solche Menschen gibt es auch in unserem Alltag. Als Christen können wir für sie beten. Wir können Gott bitten, dass er geeignete Menschen zu ihnen sende. Menschen, die es fertig bringen, den Alltag im Namen Jesu etwas heller werden zu lassen. Menschen, die den Niedergeschlagenen die gute Nachricht bringen, dass sie von Gott nicht übersehen oder vergessen werden.  Ich kann mir auch vorstellen, dass wir selbst einmal für Menschen in unserer Nähe zu solchen Botschaftern Gottes werden. Wir haben dann zwar nicht die Gaben, mit denen Jesus noch die Apostel ausgerüstet hat: Wir können sicher nicht jede Krankheit und jedes Gebrechen heilen. Aber wir können die Kranken besuchen, wir können ihnen die Hand halten, ihnen den Schweiß von der Stirn wischen, wir können den Enttäuschten in den Arm nehmen und den Mutlosen Mut zusprechen. Und wir machen sehr viel, wenn wir das tun! Wir werden damit zwar keine Geister austreiben, aber vielleicht den einen oder andern trüben Gedanken! Vielleicht tragen wir dazu bei, dass es im Leben eines Menschen wieder Hoffnung gibt!  So können wir heute zu Botschaftern Jesu werden, die anderen die gute Nachricht vom nahen Gottesreich ausrichten. Und noch etwas können wir tun! Wir können darum bitten, dass Menschen zu uns ihren Weg finden, wenn wir selbst hinten in der letzten Reihe stehen, bei denen, die verzweifelt sind und Hilfe brauchen und glauben, dass sie übersehen werden. Wir können Gott darum bitten, dass er uns so einen Botschafter Jesu schickt und wir können Menschen in Gottes Namen bitten, dass sie uns nicht allein lassen, wenn wir uns hilflos und benachteiligt fühlen. Dann dürfen wir uns von ihnen diesen Trost zusprechen lassen, der für alle Menschen gilt und der aus dem Mund Jesu stammt: das Reich Gottes ist genaht! Und wir gehören auch dazu. Gott übersieht uns nicht.  Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, 21.7.2019, Altenstein






Welche Maßstäben gelten? Predigt über Lukas 6,36 - 42 am 4. Sonntag nach Trinitatis

 

Jesus sagte: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen. Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann denn ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen? Ein Jünger steht nicht über dem Meister; wer aber alles gelernt hat, der ist wie sein Meister. Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr? Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.“ (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

 

Manchmal sind die Worte Jesu so klar, so eindeutig, dass es dazu doch eigentlich keiner weiteren Erklärung braucht, nicht wahr? So geht es mir jedenfalls mit dem Evangelium für diesen Sonntag. Was wir heute hören, das kann doch jeder von uns unterschreiben. „Seid barmherzig! Vergebt! Richtet nicht! Seid freigiebig!“ Natürlich, so gehört sich das. Wir sind alles gute Christenmenschen. Wir machen das so!

 

Mit diesen Gedanken gehe ich aus dem Gottesdienst zurück in meinen Alltag. Ein wenig freundlicher soll er werden durch uns, durch mich, durch mein Leben, durch mein Verhalten. Wir sind ja Christen. Und dann begegnet mir dieser Mann. Wenn er mir früher aufgefallen wäre, hätte ich schnell die Straßenseite gewechselt. Jetzt aber kommt er direkt auf mich zu. Das macht mir etwas Angst. Er wirkt ungewaschen, die Kleider sind fleckig. Und er riecht streng. Da! Jetzt setzt er so einen mitleidheischenden Blick auf und hält mir einen Zettel hin. Da steht drauf, dass er in Not ist und Geld braucht. Schnell gehe ich an ihm vorbei. Der kriegt keinen Cent von mir. Der gehört sicher zu so einer Bettlermafia. Die ziehen das geschäftsmäßig durch. Nein, der bekommt nichts. „Seid barmherzig…“ ja, ich erinnere mich. Das hab ich vorhin in der Kirche gehört. Aber das gilt doch nur für die wirklich Armen. Nicht für solches Gesindel!

 

Warum aber habe ich jetzt nur ein schlechtes Gewissen? Während ich noch darüber nachdenke, bin ich bei meinem Auto angekommen. Gegenüber vom Parkplatz ist ein kleiner Park. Auf einer Bank - genauer gesagt: auf der Lehne - sitzen Jugendliche und unterhalten sich. Ein junges Mädchen mit grüngefärbtem Haar fällt mir besonders auf. Sie hält eine Bierflasche in der einen Hand und eine Zigarette in der anderen. Sie schäkert laut mit einem Jungen in Lederklamotten und mit rasiertem Kopf. Sie lachen, nein, sie grölen und lallen. Sie sind angetrunken. „Was sind das nur für Eltern, die ihre Kinder so rumlaufen lassen?“ denke ich mir kopfschüttelnd. „Das Mädchen ist sicher noch nicht einmal fünfzehn. Kein Wunder, wenn die unter die Räder kommt.“ Da höre ich eine Stimme. Leise flüstert sie in mir: „Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet!“ Warum kommt mir denn ausgerechnet jetzt diese Mahnung aus dem Evangelium in den Sinn? Nun ist meine Feiertagsstimmung im Eimer. Dabei hat der Sonntag so schön begonnen. 

 

Endlich bin ich Zuhause. Als ich aus dem Wagen aussteige, sehe ich einen Mann auf der anderen Straßenseite. Er winkt mir zu. Ein Arbeitskollege. „Der fehlt mir gerade noch“, denke ich mir. Wie freundlich der immer getan hat. Als mir dann aber ein schwerer Fehler unterlaufen war, konnte der nicht schnell genug zum Chef laufen, um mich anzuschwärzen. Richtig Ärger habe ich wegen ihm bekommen. Und jetzt tut er so, als ob nichts geschehen wäre. Mit dem will ich nichts mehr zu tun haben. Deshalb schaue ich bewusst in die andere Richtung. Aber kriecht wieder so ein lästiger Gedanke in mein Gewissen. „Vergebt, so wird euch vergeben!“ Nein, dem kann ich nicht vergeben. Einem anderen vielleicht. Dem da gewiss nicht. Wie einen Käfer versuche ich, den Gedanken von mir zu streifen.

 

Seid barmherzig. Richtet nicht. Vergebt einander! Diese Worte treffen mich. Liebe, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Güte – ist das nicht Mangelware in unserer Welt und vielleicht auch in meinem Alltag? Vielleicht sorge ich selbst dafür, dass das so ist. Was kostet es mich doch an Überwindung, diese Worte Jesu nicht nur zu hören, sondern sie auch zu tun. Sie klingen so gut und sind so schwer zu befolgen. Da wird mir klar, dass ich mich völlig falsch eingeschätzt habe. Ich bin längst nicht so gut, wie ich immer dachte. Im Alltag haut das nicht so hin mit der Barmherzigkeit, mit dem Vergeben, mit dem Gutsein. Der Bettler ist in meinen Augen ein Betrüger, das Mädchen wegen ihres Benehmens und Aussehens eine künftige Kleinkriminelle, der Kollege ein falscher Fuffziger - so nehme ich also die Menschen wahr, mit denen ich lebe.

 

Vielleicht sind die ja alle gar nicht so, wie ich sie sehe! Vielleicht ist der ungewaschene Bettler wirklich in Not, vielleicht ist das Mädchen an anderen Tagen eine gute und hilfsbereite Schülerin und vielleicht hat den Kollegen seine Gewissenhaftigkeit zum Chef getrieben. Habe ich den Menschen Unrecht getan? Ist das, was ich von den anderen sehe, die Wahrheit? Oder schränkt der Balken im Auge, von dem Jesus spricht, meine Sichtweise ein? Wenn ich Jesus richtig verstanden habe, will er, dass ich wieder den Blick frei bekomme, für die Welt in der ich lebe, für die Menschen, mit denen ich lebe und für mich selbst. Dazu muss ich aber den Balken aus meinem Auge ziehen. Und das kann richtig weh tun.

 

Nun mag es zwar durchaus hilfreich sein, wenn einem die Leviten gelesen werden, wenn einem vor Augen geführt wird, dass manches im Argen liegt und dass wir alle doch nicht so gut sind, wie wir meinen. Aber deshalb sagt Jesus das nicht. Es geht nicht darum, uns bloßzustellen, damit wir uns schämen. Ich denke, wir sollen zum Nachdenken angeregt werden. Wenn wir über andere urteilen, wenn wir Entscheidungen treffen, auf welche Stimme hören wir da? Welcher Meinung folgen wir? Ist es unser Maßstab, den wir anlegen? Müssen die Menschen so sein, so aussehen, so denken, sich so verhalten, wie wir das meinen? Muss es immer nach uns gehen? Hören wir wirklich auf Jesus? Folgen wir seinem Beispiel? Überlassen wir ihm den Maßstab, die Bewertung? Eine Menge Fragen sind das. Vielleicht zu viele, um sie sofort zu beantworten. Lassen wir also die Fragen. Schauen wir lieber auf Jesus, wenn wir nach einer Antwort suchen. Hören wir nochmal hin auf seine Worte.

 

Jesus sagt nicht: „Seid barmherzig!“ Er sagt: „Seid barmherzig wie euer Vater barmherzig ist“. Wenn ihr barmherzig seid, wird euch auch Barmherzigkeit von Gott her widerfahren - nicht, weil ihr so gut seid, sondern weil Gott barmherzig ist. Wenn ihr aufhört, übereinander zu richten, werdet auch ihr nicht gerichtet werden. Jesus sagt: „Wenn ihr vergebt, wird euch vergeben.“ Die Art und Weise wie wir mit anderen umgehen, über andere reden und richten, wird den Ausschlag geben, wie Gott mit uns umgeht. Ist es also wie bei einem Echo? Wird auf uns zurückfallen, was wir tun und lasen? Mich erschreckt das. Hängt am Ende doch alles an mir, an meinem Tun und Reden? Das überfordert mich. Es will mir einfach nicht immer gelingen, zu vergeben und zu vergessen. Der Schmerz über erlittenes Unrecht ist dafür einfach zu groß. Das Leben hat mich bitter und misstrauisch gemacht. Wie gut, dass ich auch das zugeben darf – vielleicht nicht vor den anderen, wohl aber vor Gott. Gott liebt mich. Und das bedeutet: er schaut am Ende nicht auf das, was ich getan oder nicht getan habe, sondern auf den Weg, den Jesus gegangen ist. Nicht meine Taten werden in die Waagschale geworfen, sondern was er für mich, den schwachen, den hinfälligen, den egoistischen, den selbstgerechten alles ausgestanden hat. Das wird am Ende zählen. Er hat für mich das Unmögliche möglich gemacht. Er schenkt mir den Frieden für meine Seele. Und der ist die Voraussetzung dafür, dass ich den Worten Jesu folgen kann.

 

Jesus lädt ein zu einem Leben, das sich nach Gott hin ausrichtet. Immer wieder und jeden Tag aufs Neue. Jesus lädt ein zu einem Leben, in dem schon etwas von der Welt Gottes zu spüren ist, die durch ihn zu uns kommt. Ich meine das Reich Gottes, in dem die Menschen aufleben sollen, weil sie merken, wie sehr sie von Gott geliebt sind. Eingeladen sind die Menschen zum Leben mit Gott. Wenn sie beginnen, nach den Grundsätzen Gottes zu leben, tragen sie etwas von dieser Liebe Gottes in diese Welt hinein, es ist die Liebe, auf die Gottes Reich gegründet ist. Die Worte Jesu sind eine große Herausforderung. Wenn ich sie als Gesetz verstehe, als etwas, was ich unbedingt tun muss, um selig zu werden, werde ich an ihnen scheitern, wie an den vielen anderen Gesetzen und Geboten der Bibel. Wenn ich sie als Heilmittel in mein gekränktes Herz lasse, werden sie mich verändern. Sie sagen mir nicht, wie ich sein soll, sondern wie Gott ist, sie zeigen mir, wie ich mit anderen Menschen umgehen kann – nämlich so, wie Gott mit mir umgeht: gütig, barmherzig, ohne zu richten. Die Kraft zu diesem Leben kommt von ihm, nicht von mir. Das macht mir Mut, den Schritt zu wagen in ein Leben, das dieser Liebe vertraut. Der Balken fällt dann von allein aus dem Aug und zeigt mir die Welt, wie Gott sie haben will:  sie ist viel schöner, als wir dachten, viel weiter und viel freier. Amen.

 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 14.7.2019