Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73,28)

Predigten im Monat Januar 2019

 

Der Ton macht die Musik! Predigt über 1. Korinther 1, 4 - 9 am 5. Sonntag vor der Passionszeit


Der Ton macht die Musik! Jeder weiß, was mit dieser Redensart gemeint ist. Es kommt darauf an, wie ich einem Menschen gegenüber auftrete, wie ich mit ihm rede, wie ich mit ihm kommuniziere. Bin ich freundlich oder barsch, spreche oder schreibe ich im Kommandoton, der keinen Widerspruch duldet. Oder gelingt es mir, Menschen zu überzeugen. Der Ton macht die Musik! Es gibt klare Regeln und auch Floskeln, es gibt „Standards“ der Höflichkeit. An die hält man sich in der Regel - wenn man miteinander spricht und auch, wenn man sich schreibt. Wenn man sie einhält, kann man auch „freundlich“ schimpfen. Dann schreibt man vielleicht: „Sehr geehrter Herr Pfarrer, mit Verwunderung und Erstaunen habe ich Ihr Schreiben vom soundsovielten dieses Jahres erhalten, in dem Sie um die Zahlung des Kirchgelds bitten.“ Da war aber einer sauer, denke ich mir und überlege mir eine warmherzige Antwort, die um Verständnis für die Zahlungsauffoderung und um Sturmstillung bemüht ist. Es ist, wie es ist: eine Mahnung liest sich eben anders als ein Liebesbrief, auch, wenn sie höflich formuliert ist. 

 

Heute möchte ich mit Ihnen über einen Briefanfang nachdenken. Es handelt sich um ein Schreiben, das der Apostel Paulus an die Gemeinde in Korinth richtet. Wer sich die Mühe macht, und die Anfänge der Briefe vergleicht, die der Apostel geschrieben hat, dem fällt auf, dass sie meistens mit einem Dank und einem Lob beginnen. Liegt das daran, dass Paulus ein dankbarer Mensch war? Manche könnten einwenden: diese Briefanfänge sind  rhetorische Stilmittel. Viele antiken Briefeschreiber hätten ihre Rede mit einem Lob an den Leser begonnen. Das sollte die Leser oder die Zuhörer motivieren, sollte sie dem Schreiber gewogen stimmen. Es gibt dafür auch ein Fremdwort. „Captatio benevolentiae“ wird das Stilmittel genannt, zu deutsch: „Erheischen des Wohlwollens.“ Das klingt so berechnend, als ob der Apostel es nötig hätte, seinen Lesern zu schmeicheln. Ich erlaube mir heute, die Worte so zu lesen, zu hören und anzunehmen, wie ich sie vorfinde - in den Anfangszeilen des ersten Briefs an die Korinther, gleich nach der Nennung des Absenders: als Ausdruck der Freude, des Glaubens und der Dankbarkeit für diese Gemeinde. Lesen wir also, wie Paulus seinen ersten Brief an die Korinther beginnt: 

  

Ich danke meinem Gott allezeit euretwegen für die Gnade Gottes, die euch gegeben ist in Christus Jesus,  dass ihr durch ihn in allen Stücken reich gemacht seid, in allem Wort und in aller Erkenntnis. Denn die Predigt von Christus ist unter euch kräftig geworden, sodass ihr keinen Mangel habt an irgendeiner Gabe und wartet nur auf die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus. Der wird euch auch fest machen bis ans Ende, dass ihr untadelig seid am Tag unseres Herrn Jesus Christus. Denn Gott ist treu, durch den ihr berufen seid zur Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart) 

 

Paulus sieht voll Freude und Dankbarkeit auf die Gemeinde in Korinth. Er nimmt wahr, was dort alles geschieht, wie die Gemeinde lebt und wächst - und freut sich. Das schreibt er ihr. Er hätte auch anders anfangen können. Wenn wir den Brief weiterlesen, erfahren wir beispielsweise, dass die Gemeinde in Korinth keineswegs ein Herz und eine Seele war. Da gab es Parteien und Spaltungen. Jedes Grüppchen in der Gemeinde hatte seinen Prediger. O wie die sich gegenseitig rivalisiertet hatten. Wie mag das wohl auf Außenstehende gewirkt haben?  Paulus hätte die Hände über den Kopf schlagen und sich die Haare raufen können. Aber er freut sich. Er sieht die Gemeinde vor sich, nimmt vor allem den Glauben wahr, der hier Gestalt annimmt - und er freut sich über das, was in dieser Gemeinde an Leben möglich ist. Und dann spricht er von dem wahren Reichtum, von dem eine Gemeinde lebt. Er spricht von der Predigt, die in ihr kräftig geworden ist, er spricht von der Kraft, die durch die Verkündigung von Gottes Wort ausgeht, die die Herzen bewegt und Einsicht schenkt. Und schließlich spricht er von der Berufung – zur Gemeinschaft mit Jesus Christus, jetzt in der Kirche und dereinst, wenn er wiederkommt. 

  

Ich denke, wir haben auch Grund, dankbar zu sein. In diesem Zusammenhang denke ich an den jährlichen Mitarbeiterempfang unserer Gemeinden. Da gehört es inzwischen einfach dazu, eine Rückschau in Bildern auf das vergangene Jahr zu halten. In diesem Jahr haben wir sogar auf die letzten zehn Jahre zurückgesehen, die ich als Pfarrer hier leben und wirken durfte. Das war ein sehr bewegender Rückblick. Nicht nur, weil ich bemerkt habe, dass auch an mir der Zahn der Zeit genagt hat, nicht nur, weil uns Menschen begegnet sind, die inzwischen nicht mehr leben, sondern auch, weil uns vor Augen gestellt wurde, was uns über die Jahre hinweg verbunden hat, was uns getragen hat. Wir haben erfahren, dass und wie die Predigt von Christus unter uns „kräftig geworden ist“, wie er selbst unsere Gemeinde belebt hat. Wir haben die Bilder gesehen von den vielen Gottesdiensten, in denen sein Wort verkündig und die Sakramente gefeiert wurden, von den Jubiläen, die wir gefeiert haben, von Konzerten und Veranstaltungen, kurz; vom Leben der Gemeinde und was es erfüllt hat. 

 

Ich denke, dieses gemeinsame Zurückschauen am Jahresanfang verbindet. Es ist nicht nur der Stolz auf das, was wir geleistet haben. Es ist viel mehr die Erinnerung an den, der in dieser Zeit die Mitte von allem war und ist, an Jesus Christus. Letztlich haben wir ihn immer wieder in unserer Mitte gefeiert. Und das hat uns miteinander verbunden. Das hat die Gemeinde aufleben lassen. Natürlich hätten wir alle auch Grund, zu jammern und zu klagen. Natürlich gab und gibt es Schwierigkeiten, Unsicherheit und manches Ärgernis. Die Zahl der Gemeindeglieder ist zurückgegangen, wie fast überall. Die Finanzlage ist kritisch, wie in vielen Gemeinden. Und die Zukunft ungewiss. Aber - welche Zukunft ist schon gewiss? Was wir aber über allem immer wieder erlebt haben und erleben, ist die Stärkung des Glaubens und die Erfahrung, dass wir zusammen gehören. Ich denke, das ist gemeint, wenn es heißt, dass die Predigt „kräftig“ geworden ist. Das ist der Fall, wenn sie den Glauben stärkt, wenn sie auf den hinweist, der unter uns lebt und uns trägt.  

 

Diese Gemeinde in Korinth, an die Paulus einst geschrieben hat, gibt es schon lange nicht mehr. Was Paulus aber geschrieben hat, gilt immer noch. Es ist das Wort, das lebt. Es  ist Christus, der lebt und seine Gemeinde, die Kirche, lebt durch ihn. Und wir sind ein Teil davon. Ist das nicht Grund genug, dankbar und voll Vertrauen zu sein? 

 

Was trägt unser Leben? Was ist die Grundlage, auf die wir aufbauen? Und wie reden wir darüber? Wie teilen wir den anderen mit, was wir glauben, von Herzen. Paulus war diese Erfahrung wichtig, dass Christus für seine Gemeinde sorgt, dass die, die ihm vertrauen, keinen Mangel haben an irgendeiner Gabe. Es ist das Vertrauen, zu dem wir ermutigt werden. Vertrauen wir darauf, dass Gott für uns sorgt. Wir legen dabei gewiss nicht die Hände in den Schoß. Im Gegenteil. Wir sollen tätig sein, sollen Gottes Wort weiter verkünden, mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen. Christus wird dafür sorgen, dass wir keinen Mangel haben, dass unser Glaube nicht verhungert.  Vertrauen wir ihm?  Wer sich Christus anvertraut, sein Leben ihm anvertraut, wird nicht enttäuscht werden. Paulus hat das so erfahren. Das hat ihn zu einem Menschen gemacht, der das Leben bejaht. Es hat nicht bedeutet, dass ihm Schwierigkeiten erspart geblieben sind. Es hat nicht einmal bedeutet, dass ihm Gefängnis und schließlich ein gewaltsamer Tod erspart geblieben sind. Ich bin überzeugt - Paulus hatte trotz allem um nichts in der Welt sein Leben durch ein anderes eintauschen wollen. Es war die Gemeinschaft mit Jesus, die Verbundenheit mit ihm, die ihn getragen hat. Es war die Erfahrung, dass Gott treu ist. Das hat ihn geduldig und dankbar sein lassen. Paulus lässt die Gemeinde, der er schreibt, an seiner Hoffnung teilhaben: Gott ist treu, durch den ihr berufen seid zur Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn. 

 

Gott ist treu! Darauf hat er sich verlassen. Von unserer Berufung spricht Paulus. Wir sind zum Leben in der Gemeinschaft mit Jesus Christus berufen. Wir sollen die Menschen einladen, an dieser Berufung, an dieser Gemeinschaft teilzuhaben. Dabei gilt: der Ton macht die Musik. An einer anderen Stelle schreibt der Apostel, die Korinther seien sein offene Empfehlungsschreiben, jeder von ihnen sei ein Brief, „erkannt und gelesen von allen Menschen.“ Auch wir sollen offene Briefe sein. Briefe, in denen man gerne liest, weil der Inhalt froh macht. Was lesen die Menschen in uns - wenn sie uns sehen? Sehen sie uns an, spüren sie uns ab, was wir glauben? Wie kommunizieren wir unseren Glauben, wie geben wir weiter, was in unseren Herzen wohnt? Eine Menge Fragen, ich weiß. Wäre es nicht schön, wenn wir   offene und vor allem lesenswerte Briefe Christi wären, Briefe, die man gerne liest, weil sie zum Leben und zum Glauben ermutigen, Briefe, über den man sich freut und die den Lesern ermutigen, ebenfalls Gott zu loben und zu danken? Briefe, mit einem Inhalt der so gut tut, dass man über den Anfang hinaus liest, um mehr zu erfahren? Amen.  

 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 3.2.2019 



Suche Frieden und jage ihm nach  - Predigt zur Jahreslosung Psalm31,15 

Gute Wünsche und Vorsätze haben wir alle. Vor allem zu Beginn eines neuen Jahres fassen wir sie: mehr Sport treiben, sich gesünder ernähren oder anderes. Und ebenso schnell vergessen wir diese Vorsätze auch wieder. Vielleicht liegt das daran, dass wir sie uns nicht wirklich ernsthaft zu Herzen nehmen. Ob der Jahreslosung ein ähnliches Schicksal droht? „… suche Frieden und jage ihm nach!“ lautet  sie.  Nehmen wir uns vor, ihr zu folgen? Oder nehmen wir sie nur zu Kenntnis, um sie dann wieder zu verdrängen? Kapitulieren wir im Alltag mit unserer Friedenssuche nicht schon deshalb, weil dieser oft anderen Gesetzen folgt? Wie soll man im Frieden leben, wenn es dem Bösen Nachbarn nicht gefällt?  möchte man gegen den Aufruf der Jahreslosung einwenden. Aber dann schieben wir die Verantwortung für den Frieden schon wieder weg von uns. Wir würden ja, aber die anderen …  Die Jahreslosung lässt diesen Einwand nicht gelten. „Suche den Frieden und jage ihm nach!“ flüstert sie uns zu. Immer wieder. Sie ist kurz. Zu kurz, um sie zu vergessen. Also setzen wir uns mit ihr auseinander.

 

Wie könnte sie aussehen, die Friedenssuche? Vielleicht wird uns das im Psalm verraten. Unmittelbar vor dem Aufruf zum Frieden lesen wir: „Lass ab vom Bösen und tu Gutes!“ Sind das die Voraussetzungen dafür, dass Frieden sein kann? Doch - was ist das Gute, das man tun und was ist das Böse, das man lassen soll? Darüber kann man sich schon wieder in die Haare kriegen - und der Friede rückt wieder in weite Ferne. Und überhaupt: was nützt es denn schon, sich für den Frieden einzusetzen, wenn die Despoten in der Welt keinen Frieden zulassen? Diese Frage stellte mir kürzlich eine nette alte Dame, als ich bei einer Veranstaltung auf die Jahreslosung hingewiesen habe. Ihre Lebenserfahrung hat sie skeptisch werden lassen, was die Umsetzung von Friedensappellen in die Tat betrifft. Vielleicht ist das so wie mit dem Hinweis auf den „bösen Nachbarn“ - die Despoten, die an den Schalthebeln der Macht sitzen, entbinden uns nicht von unserer Verantwortung, dort Frieden zu schaffen, wo wir es tun können.  „Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Kinder Gottes heißen…“ sagt Jesus in der Bergpredigt. Er sagt nicht, dass sie damit immer Erfolg haben. Aber er preist sie selig. Sie sind glücklich zu preisen, weil sie ihrem Leben einen Sinn gegeben haben, weil sie Gottes Willen Raum gegeben haben, die Friedfertigen. 

 

Wie sucht man den Frieden? Vielleicht hilft uns das Gebet, das Franz von Assisi zugeschrieben wurde, tatsächlich aber erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden sein dürfte. Wir haben es zu Beginn des Gottesdienstes gebetet. Es wurde 1912 in Frankreich erstmals veröffentlicht. Es spielt keine Rolle, wer es tatsächlich verfasst hat und wann es wirklich aufgeschrieben wurde. Dass es die Friedensanliegen des großen mittelalterlichen Heiligen wiedergibt, wird niemand bezweifeln. Vielleicht haben die Leidenserfahrungen der beiden Weltkriege zur Verbreitung und Vertiefung dieser Gedanken beigetragen. Das „Friedensgebet“, wie es allgemein heißt, gibt Anregung, wie wir dem Frieden in unserem Umfeld eine Chance geben können: „O Herr, mache mich zum Werkzeug deines Friedens, dass ich Liebe übe, wo man hasst, verzeihe, wo man sich beleidigt, verbinde wo Streit ist, Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält, ein Licht anzünde, wo die Finsternis regiert.“    

 

„Suche den Frieden und jage ihm nach!“ Wo steht das eigentlich genau? Und in welchem Zusammenhang wird das gesagt? Schlagen wir einmal nach in der Bibel, im 34. Psalm.  Die Überschrift  des Psalms nennt David als Verfasser und gibt eine konkrete Situation an, eine Notlage, in der sich der junge König befunden und aus der Gott ihn gerettet hat. Der ganze Psalm ist ein Dankgebet. Gott hat geholfen. Das Engagement für den Frieden – ein Ausdruck der Dankbarkeit? Es lohnt sich, in den Büchern Samuels die „Vorgeschichte“ zu lesen.  Ich gebe ihr eine Überschrift. Not macht erfinderisch, Not weckt Talente und Angst lässt einen über die eigenen Grenzen wachsen. So  möchte ich diese Vorgeschichte überschreiben. Sie führt uns in die Höhe Adullam, in die sich der junge David geflüchtet hatte. Wahrscheinlich handelte es sich um eine alte Festungsanlage. Dorthinein hatte sich David gerettet. Ich sehe ihn vor mir, dankbar aber auch erschöpft sinkt er in die Knie, vielleicht lässt er sich auch auf den Boden fallen. Er zittert am ganzen Leib. Erst jetzt wird er sich bewusst, welcher Gefahr er gerade entronnen ist. Was war geschehen? Gehen wir noch ein Stück weiter zurück in der Geschichte.  

 

David war auf der Flucht. Saul, sein König, wollte ihn töten lassen – aus Eifersucht. Saul konnte sich nicht damit abfinden, dass sein Stern am Sinken war und dass dafür dem jungen David die Herzen des Volkes zuflogen. David war ein Kriegsheld. „Saul schlug tausend, David aber zehntausend“ jubelten die Leute auf den Straßen. Gemeint waren die Philister, gegen die David in den Krieg zog. David musste fliehen. Sein Weg führte ihn an den Hof des Königs Achisch von Gath, im Herzland der Feinde. Dort wird er entlarvt. Die Knechte des Königs überwältigen ihn und bringen ihn zu Achisch. Ist das sein Ende? In seiner Angst beginnt David, Theater zu spielen. Er stellt sich wahnsinnig, beginnt zu schreien, zu lallen, er tobt, rennt orientierungslos gegen die Pforte des Tores, stößt sich, sabbert sich den Bart voll, verdreht die Augen nach oben- und erntet Gelächter des Hofstaats und die Verachtung des Königs. „Warum bringt ihr mir diesen Verrückten?“ herrscht dieser seine Knechte an. „Bin ich nicht schon von genügend Idioten umgeben? Schmeißt ihn raus, wie soll mir so einer gefährlich werden!“ Und ehe er sich versieht, wird David gepackt und mit einem kräftigen Fußtritt uns aus dem Palast geworfen. Als er hört, wie die Tore hinter ihm ins Schloss fallen, rappelt er sich auf und beginnt, um sein Leben zu rennen, nur hinaus, weg von diesem Ort. So kommt er zur Höhle Adullam, Hier dürfen wir den Ort vermuten, an dem er Kraft für neue Taten sammelte - und an dem er Gott für seine Rettung dankte. „Ich will den Herrn loben allezeit, sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein…“ So beginnt der Psalm mit der Jahreslosung: mit einem dankbaren Lob und jetzt wissen wir den Grund dafür. Es ist die Rettung aus der Gefahr des Todes.  

 

Wer sich für den Frieden einsetzt, darf darauf vertrauen, dass Gott die Hand über ihn hält - selbst in der größten Gefahr. Später wird David immer wieder diese Erfahrung machen. „Der Engel des Herrn lagert sich um die her, die ihn fürchten und hilft ihnen heraus“Ja, er hat es selbst erfahren: „Wenn die Gerechten schreien, so hört der Herr / und errettet sie aus aller Not.“ So kommt es zu dem Aufruf, das Gute zu tun, das Böse zu meiden und den Frieden zu suchen, mit allen Mitteln und Möglichkeiten, die man eben hat. Der Antrieb zur Friedensarbeit ist Dankbarkeit, ist Gottvertrauen, ist Glauben. Es ist nicht die eigene Kraft, es sind nicht meine Möglichkeiten und Mittel, die mir zu Verfügung stehen, es ist die Erfahrung, bei Gott geborgen zu sein. Das macht mir Mut, mich für den Frieden einzusetzen, ihn stets zu suchen - selbst, wenn es aussichtslos scheint. Fühlen wir uns bei Gott geborgen - vor allem, wenn wir vor den Despoten dieser Welt erschrecken, wenn wir uns so hilflos, klein und schwach fühlen? Ich denke, wenn wir die Worte des Psalms nachsprechen, wenn wir unsere Zuflucht und Hilfe bei Gott suchen, werden wir mutig genug sein, um für den Frieden einzutreten, dort, wo wir leben. 

 

Es stimmt schon: Erfolgsversprechen finden wir keine in diesem alten Gebet. Es gibt keine Garantie für den Sieg. Im Gegenteil „Der Gerechte muss viel leiden“ sagt der Psalmbeter, nicht ohne gleich hinzuzufügen: „aber aus alledem hilf ihm der Herr.“ Und da ist es wieder, dieses Vertrauen. Es ist das Vertrauen, dass Gott seine Hand über die hält, die den Frieden suchen, die ihm nachjagen, ohne zu wissen, ob sie ihn je verwirklichen werden. Es ist das Vertrauen, dass wir dabei unter Gottes Schutz stehen und mit seinem Segen rechnen dürfen, wenn wir uns für den Frieden einsetzen, wenn wir ihm nachjagen, wenn wir versuchen, ihm Geltung zu verschaffen in unserem Leben. 

 

Rechnen wir mit Gottes Beistand. Vertrauen wir darauf, dass der Engel des Herrn sich um uns lagert, dass er uns hilft, trotzt aller Häme, allem Spott, allen Einwänden vonseiten der Mächtigen. Rechnen wir mit seinem Beistand, wenn wir mit den bescheidenen Mitteln die uns zu Verfügung stehen, für den Frieden eintreten. Welche Mittel haben wir? Es sind die Mittel, die wir in diesem Gottesdienst schon „eingesetzt“ haben: das Gebet, den Glauben, die Liebe, die sich dem Nächsten zuwendet, ihm Schalom, ihm Frieden wünscht. Trauen wir diesen Mitteln etwas zu.  Der Friede, den wir suchen, hat ja längst Einzug gehalten in dieser Welt. Er ist anschaulich geworden in einem Kind. Schwach und angreifbar scheint dieser Friede zu sein und sehr verletzlich. Die Geschichte zeigt aber, dass Gott seine Hand über das Kind gehalten hat. Er hat dafür gesorgt, dass das Kind heranwachsen und dass der Friede seinen Weg zu den Menschen gefunden hat und dass er immer noch unterwegs ist, um sich in der Welt zu verwirklichen. Dieser Friede ist heilsam, er schließt Wunden, schafft Vertrauen in den Seelen, die von Misstrauen zermürbt wurden, schenkt Hoffnung, wo abgrundtiefe Verzweiflung herrscht, lässt es hell werden, wo Hass, Angst und Finsternis verbreitet sind. Dieser Friede hebt Grenzen auf, die bis jetzt noch unumstößlich scheinen, schenkt Leben, wo bisher nur an die Fakten geglaubt wurde, die der Tod schafft. Wir sollen Friedensboten sein, wir sollen Werkzeuge dieses Friedens sein. Werkzeuge sind dazu da, dass mit ihnen gearbeitet wird. Ich denke, Gott selbst will durch diese Werkzeuge am Frieden bauen, durch ein Wort, das verzeiht und nicht verurteilt, durch eine Hand, die heilt und segnet und nicht schlägt, durch das Gute, das wir tun können. So kommt Licht in die Welt, wo Finsternis regiert, so macht sich der Friede bemerkbar. Lassen wir uns inspirieren, lassen wir uns von Gott in Dienst nehmen, werden wir zu Werkzeugen seines Friedens. Selbst, wenn Despoten in dieser Zeit regieren -  weil Gott selbst am Werk ist, werden die Werkzeuge des Friedens ganze Arbeit leisten. Am Ende wird sich der Friede durchsetzen, von dem die Engel in der Heiligen Nacht gesungen haben, der Friede, der höher ist als unsere Vernunft und der unsere Herzen und Sinne fest und mutig macht in Jesus Christus. Amen. 

Pfarrer Stefan Köttig, 6.1.2019

 






Ich bin da! Predigt über 2. Mose 3, 1- 14 am letzten Sonntag nach Epiphanias


Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Wüste hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb. Und der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde.  Da sprach er: Ich will hingehen und diese wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt.  Als aber der HERR sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich.  Er sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!  Und er sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.  Und der HERR sprach: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen, und ihr Geschrei über ihre Bedränger habe ich gehört; ich habe ihre Leiden erkannt.  Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie aus diesem Lande hinaufführe in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt, in das Gebiet der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter.  Weil denn nun das Geschrei der Israeliten vor mich gekommen ist und ich dazu ihre Drangsal gesehen habe, wie die Ägypter sie bedrängen, so geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.  Mose sprach zu Gott: Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten? Er sprach: Ich will mit dir sein. Und das soll dir das Zeichen sein, dass ich dich gesandt habe: Wenn du mein Volk aus Ägypten geführt hast, werdet ihr Gott dienen auf diesem Berge. Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!, und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen sagen? Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: »Ich werde sein«, der hat mich zu euch gesandt.(Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

 

Vom Prinzen zum Schafhirten! Was für ein Abstieg! Dem vom Leben gezeichneten Mann sieht man die vornehme Herkunft jedenfalls nicht mehr an. Schweigsam treibt er die Schafherde durch die Steppe. Er hat sich an die Einsamkeit gewöhnt. Tagelang sieht und hört er keinen Menschen. Das Blöken der Tiere und das Rauschen des Windes sind die einzigen Geräusche, die an sein Ohr dringen.  Vom Prinzen zum Schafhirten! Wie tief ist er gesunken! Ziehsohn einer ägyptischen Prinzessin ist er gewesen. Auf Daunen gebettet war er, gewissermaßen. Seine Geschichte liest sich wie ein Märchen. An den Ufern des Nils hatte ihn seine Mutter ausgesetzt. In ein Bastkörbchen gelegt und der Strömung des Flusses anvertraut. Moses, ein Findelkind! Seine leiblichen Eltern konnten, durften ihn nicht aufziehen. Sie waren Sklaven. Gerade mal gut genug für schwere Arbeiten. Städte haben sie für den Pharao aus dem Boden gestampft. Pithom und Ramses. Denkmäler, die sich der König bauen ließ. Er hatte sie dennoch gefürchtet, seine Sklaven. So sehr, dass es einen Mordbefehl gab. Die männlichen Kinder der Hebräer sollten nach der Geburt getötet werden. Der Pharao wollte kein Risiko eingehen. Zu groß war die Angst. Wenn die Fremden im eigenen Land zu stark würden, könnten sie in Krisenzeiten zum Risikofaktor werden, könnten vielleicht einen Umsturz wagen und ihm in den Rücken fallen. Deshalb hatten die Ratgeber des Pharaos zum Massenkindermord geraten. Und zur Schwerstarbeit. „Lass sie arbeiten, Pharao! Lass deine Sklaven arbeiten, bis sie umfallen. Und lass die Kinder töten. Dann löst sich dein Problem von allein!“ 

  

Mose wurde ausgesetzt. Einen anderen Weg, ihr Kind vor den Soldaten zu schützen, sahen die Eltern nicht.  Die Eltern konnten ihn nicht länger verstecken. Deshalb wurde ein kleiner Korb geflochten, das Kind hineingelegt und dem Nil anvertraut. So wurde aus dem Sklavenkind ein Prinz. Zufall oder Fügung? Es sollte wohl so sein, dass die Prinzessin zur selben Zeit baden gehen wollte. Sie fand das Kind und war entzückt. „Der Junge soll bei mir aufwachsen“, beschloss sie. Fortan gehörte er zum Jet-Set, war Teil von Ägyptens High Society – der hebräische Junge mit dem ägyptischen Namen. Später, viel später, wird er sich in seinen Mantel hüllen und die Wärme des Lagerfeuers suchen und vielleicht an diese Zeit seiner Jugend zurückdenken. Die Nächte sind kalt in der Wüste. Dann wird Mose schon lange nicht mehr der begehrte Prinz sein. Dann ist er längst zur Fahndung ausgeschrieben. Wie kam es, dass er zum Mörder wurde? Immer wieder hatte er den Palast verlassen, um die Leute in der Arbeitersiedlung aufzusuchen, von denen er herstammte und zu denen es ihn immer hingezogen hatte. Bei einem seiner Ausflüge wurde er Zeuge, wie einer der Aufseher einen Hebräer schlug. Totschlug müssten wir wohl dazu sagen. Dass man einen Sklaven aus seinem Volk ungestraft demütigen, quälen und töten kann – damit wollte sich Mose nicht zufriedengeben. Als er sich unbeobachtet glaubte, erschlug er den Aufseher und verscharrte ihn im Sand. Es gibt Ausleger, die es gut meinen mit Mose. Sie sagen, dass er nicht im Jähzorn gehandelt, dass er vielmehr an dem Aufseher die Todesstrafe vollzogen habe. Mose habe auf diese Weise dafür gesorgt, dass dem Recht Geltung verschafft würde, welches den Sklaven vorenthalten worden sei. Mose, der Richter, nicht der Täter. Ich habe da meine Zweifel an dieser Theorie. Aber wie dem auch sei – mit dem Prinzenleben war es jetzt ein für allemal vorbei. Die Tat war nicht unbeachtet geblieben und Mose musste fliehen. Auf einmal war Mose nur noch der Nachkomme hebräischer Sklaven. Bei Nacht und Nebel hat er das Land verlassen. Der Arm des Pharaos reicht weit und seine Soldaten sind schnell. So wurde aus dem Prinzen ein Flüchtling, der Aufnahme gefunden hatte bei einem Priester in Midian. Er begann ein neues Leben. Er heiratete Zippora, die Tochter des Priesters, der ihn aufgenommen hatte und dessen Viehherden er nun weidete. 

  

In der Wüste erregte ein seltsames Naturschauspiel seine Aufmerksamkeit. Ein Busch der in Flammen steht war vielleicht noch nichts Besonderes. Wenn aber die Flammen hell loderten ohne den Busch zu verbrennen, musste man sich das näher ansehen. „Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt...“dachte sich Mose. Da hörte er eine Stimme: „Mose, Mose!“ Es ist Gott selbst, der zu ihm sprach. 

 

Ich muss gestehen, dass mich diese Stelle immer wieder bewegt. Ich spüre die Einsamkeit der Wüste. Sie ist für mich Sinnbild für das Leben des Moses und manchmal auch für mein eigenes. Moses, einer, der die Einsamkeit sucht, einer, der mit seinem alten Leben abgeschlossen hat, der nicht mehr zurückkann, der Schuld auf sich geladen hatte – auch, wenn er selbst seine Tat in einem anderen Licht gesehen haben mag. Mich bewegt diese Geschichte aus der Bibel. Ich höre, wie Gott in der Wüste spricht. Ich erlebe, wie aus einer Wüste durch Gottes Gegenwart ein Ort der Gnade wird. 

„Zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort darauf du stehst ist heiliges Land!“sagte die Stimme. Dort wo Gott ist, ist heiliges Land, selbst, wenn das menschliche Auge nur Geröll und Steine vor sich sieht. Es ist Gott, der das Elend der Menschen wahrnimmt. Das Elend der Menschen, deren Leben zur Einöde geworden ist. Gott hört die Klagen seines Volkes in Ägypten. Ihre Sklaverei, ihr Leiden, ihre Not. Gott kommt in diese Welt. Er kommt zu Moses in die Wüste. Er will zu seinem Volk kommen, das in Ägypten leidet. Und er kommt zu uns – den Menschen, die im Wohlstand leben und deren Leben trotzdem überschattet wird: von Leiden, von Ängsten, von Unzufriedenheit, von Trauer, von Angst. 

  

Gott kommt in diese Welt. Der Himmel und Erde erschaffen hat, wendet sich den Menschen zu und spricht sie an. Er spricht aus dem Dornbusch zu Mose und verrät ihm seinen Namen: „Ich werde sein!“ Das bedeutet: ich werde da sein! ich werde ganz und gar für euch da sein! Gott ist für sein Volk da. Gott ist für uns da. Er kommt zu uns in diese Welt, in der nicht nur Dornen schlimme Wunden verursachen, sondern auch Schwerter und manchmal auch Worte, die wie Peitschenhiebe verletzen können. 

  

Wir hören die Geschichte von der Berufung des Mose am letzten Sonntag nach Epiphanias. Das sind die Sonntage nach dem Erscheinungsfest. Gott erscheint in dieser Welt. Gott wird Mensch, ist uns an Weihnachten gesagt worden. Ein Mensch, der nicht auf Daunen gebettet ist, sondern auf Heu und Stroh in einer Krippe liegt. Gott kommt zu den Menschen. Aus einem Dornbusch spricht Gott zu Mose. Der Unsichtbare, der Unfassbare macht sich angreifbar in einem Menschen, den man am Ende eine Krone aufsetzen wird, die aus Dornen geflochten ist, und denn man dann wie einen Verbrecher durch die Gassen Jerusalems treiben wird, um ihn später ans Kreuz zu schlagen.  

 

Eine Botschaft hat Gott für die Menschen, die nach ihm rufen, weil sich ihr Leben in eine Wüste verwandelt hat. Mose soll nach Ägypten zurückkehren und sagen: „Ich habe euer Klagen gehört!“ Er soll sein Volk herausführen aus dem Elend. Er soll es in ein neues Leben führen. Sie sollen ihren Weg in ein Land finden, in dem Milch und Honig fließt. Milch und Honig! Das ist der Inbegriff des sorgenfreien, gesegneten, begnadeten Lebens. Gott verspricht den Menschen dieses Leben, die sich im Augenblick noch vor den Peitschenhieben der Sklaventreiber ducken müssen. Ein Leben, das nicht mehr von der Angst ums Überleben überschattet wird – und das nicht mehr zur trostlosen Wüste werden soll.  

 

„Ich bin für euch da!“ verrät Gott Mose.Deshalb: macht euch auf den Weg aus der Sklaverei in ein freies Leben. „Ich bin für euch da!“ Dieser Gottesname erinnert mich an ein anderes Wort aus der Bibel. Wir finden es im Neuen Testament. Der Auferstandene sagt seinen Jüngern zum Abschied:„Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende!“  Mose ist der Weg zurück nach Ägypten dennoch nicht leichtgefallen. Zweifel und Ängste haben immer wieder an seiner Seele genagt, Wut und Enttäuschung ebenfalls. Mose hat das Gelobte Land nicht erreicht. Er hat aber einen Blick hineinwerfen dürfen. Dass er gestorben ist im Vertrauen auf einen Gott, der da ist und uns auffängt, wenn unser Leben erlischt, will ich heute fest glauben.  

  

Gehen wir unseren Weg durch das Leben im Vertrauen auf diesen Gott, der sich Mose offenbart hat und der in Jesus Christus zum Gott an unserer Seite geworden ist. Er hat uns das Leben versprochen. Ein freies Leben. Ein Leben ohne Angst und im Vertrauen darauf, dass Gott da ist, dass Gott-mit-uns ist.  Dass wir auf unserem Weg in das Leben nicht scheitern werden, wollen wir glauben – um der Worte willen, die Gott zu Mose im Dornbusch gesprochen und die Jesus seinen Jüngern beim Abschied hinterlassen hat – Gott ist da, ganz in unserer Nähe, wo immer uns auch der Weg hinführt. Er geht ihn mit. Bis ans Ende. Amen. 

 

© Pfarrer Stefan Köttig, 27.1.2019, Altenstein  








An der Pforte zu einem neuen Jahr und in ein neues Leben. Predigt über Jesaja 41,10 am 2. Sonntag nach Epiphanias anlässlich einer Taufe

Das Jahr ist noch jung, gerade mal zwanzig Tage sind ins Land gezogen. Deshalb möchte ich auf ein Gedicht hinweisen, das die Gefühle und Gedanken vieler Menschen am Anfang eines neuen Jahres wiedergibt und – wie ich meine – auch ein Gedicht ist, das zur Taufe passt:

 „Ich sagte zu dem Engel, / der an der Pforte des neuen Jahres stand: / Gib mir ein Licht, / damit ich sicheren Fußes der Ungewissheit entgegengehen kann! / Aber er antwortete: / Gehe nur hin in die Dunkelheit / und lege deine Hand in die Hand Gottes! / Das ist besser als ein Licht / und sicherer als ein bekannter Weg!“


Wir stehen an der Pforte des neuen Jahres. Ein besonderes Jahr ist das für euch, liebe Eltern. Es ist das erste Jahr mit Leonie, die im letzten September zur Welt gekommen ist.  Ein hoffentlich langer Lebensweg liegt vor ihr. Er mag nicht immer einfach und geradlinig verlaufen. Ich wünsche Leonie, dass es ein Weg sein wird, der sie in ein erfülltes und glückliches Leben führt. Ich wünsche Leonie, dass sie ihre Wege nie allein gehen muss und dass immer einer da ist, der ihr Mut macht, wenn der Weg steil wird und anstrengend. Wir werden sie einen Teil auf dieser Wegstrecke begleiten – als Eltern, als Familie, als Patin, als Gemeinde. Aber irgendwann kommt der Moment, wo sie die Hand, die sie jetzt noch festhält, loslässt, um selbst die Richtung zu bestimmen. Was werden wir ihr dann raten? Wird es Ihnen dann leicht fallen, sie loszulassen, sie gehen zu lassen? Vielleicht erinnern Sie sich dann an den Rat, den der Engel im Gedicht den Wanderer gibt: „Lege deine Hand in die Hand Gottes!“ In der Taufe reicht uns Gott die Hand. Er sagt: „Fürchte dich nicht, ich bin bei dir!“ Im Vertrauen auf Gottes Wegbegleitung können wir dann auch zu einem Menschen, den wir lieben, sagen: „Geh deinen Weg in Frieden und Gottvertrauen und lege deine Hand in die Hand Gottes.“ Nehmen wir Gott beim Wort. Vertrauen wir ihm. Dazu ermutigt uns dieses Gedicht. Dazu ermutigt uns die Taufe. Dazu ermutigt uns der Taufspruch, den Sie sich für Leonie ausgesucht haben. Er steht im Buch des Propheten Jesaja. Gott spricht: „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir ... weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.“ 

 

Vertrauen heißt: die Hand Gottes im Glauben ergreifen. Vertrauen heißt: sich führen und vielleicht manchmal auch, sich tragen zu lassen. Unsere Aufgabe als Gemeinde, eure Aufgabe als Eltern und Paten, als Familie wird es sein, die Kinder, die uns anvertraut sind, dieses Vertrauen zu lehren. Am besten und am glaubwürdigsten geschieht das, wenn man selbst in diesem Vertrauen lebt. Und da stehen wir wieder an einer Pforte. Es ist die Vertrauenspforte. Wir wissen nicht, was uns das neue Jahr bringt, welche Herausforderungen da an uns gestellt werden. Und deshalb können wir die Worte aus dem Gedicht zu unseren eigenen machen und sagen: „Gib mir ein Licht, damit ich sicheren Fußes der Ungewissheit entgegen gehen kann!“

Wir wissen nicht, was die Zukunft an Überraschungen für uns bereit hält. Der Glaube und das Vertrauen lässt uns aber nicht ängstlich, viel eher gespannt sein auf die Zeit, die vor uns liegt. Da gibt es etwas, was uns gelassen sein lässt und sogar dazu führt, dass wir fröhlich und in freudiger Erwartung in die Zukunft sehen können. Da gibt es etwas, was Licht in die Dunkelheit bringt. Ich spreche von Gottes Wort und Gottes Segen! Das ist sogar noch besser als ein Licht und sicherer als ein bekannter Weg. Der Taufspruch aus dem Buch Jesaja will Leonie und euch auf eurem Weg begleiten und euch ermutigen, in diesem Vertrauen zu leben.  Wir wollen heute für uns gelten lassen, was Gott durch seinen Propheten seinem Volk hat ausrichten lassen: und es uns noch einmal sagen lassen, dieses Wort: 

 

„Fürchte dich nicht, ich bin mit dir ... weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.“ 

 

Ich kann den Seufzer der Erleichterung hören, der aus der Seele der Israeliten wohl aufgestiegen sein mag, als dieses Wort in ihren Herzen angekommen ist. Es stand auch an einer Pforte, an einer Wegmarke. Israel darf sich auf den Nachhauseweg freuen. In der Verbannung hört das Volk ein Wort, das ihnen einen Weg in die Zukunft öffnet, den man gerne geht. Die alltägliche Erfahrung der Israeliten war ja anders. Sie hatten einen Krieg verloren. Sie wurden in die Kriegsgefangenschaft deportiert. Das schlimmste aber: der verlorene Krieg schien auch eine Niederlage ihres Gottes zu sein. Die Heiden haben die Heilige Stadt, den Tempel zerstört, haben in Schutt und Asche gelegt, was ihnen wichtig, was ihnen heilig war. Der Schock saß tief. Hat sich der Gott Israels von seinem Volk zurückgezogen? Ist der Glaube nur etwas für „Blauäugige“? Lehrt uns der Alltag nicht etwas anderes?  

 

Ja, gerade der Alltag ist die Bewährungsprobe für den Glauben. Manchmal scheint es so, als ob da von Gott keine Spur zu finden ist. Doch täuschen wir uns nicht. Gerade dann gilt das Wort, das Gott den Israeliten zuspricht: „Fürchte dich nicht“  

 

Der Taufspruch für Leonie ist ein Wort der Ermutigung.  Es ermutigt zum Leben im Glauben. Es galt ursprünglich einem ganzen Volk. Es hat Israel daran erinnert, dass Gott sich nicht von ihm abgewandt hatte – trotz der bitteren Erfahrungen, trotz Misserfolg und Exil. Im Gegenteil: durch dieses Wort rückt Gott selbst das Volk, das sich von ihm entfernt hat, wieder zurück in seine Nähe. Dieses Wort bietet die Wegbegleitung Gottes an – durch das neue Jahr und durch ein ganzes Leben. Wir dürfen mit Gott im Alltag rechnen. Geh ans Werkt, sagt das Wort.  Gott wird uns stärken, ermutigen und halten.  

 

An der Pforte zu einem gemeinsamen und verbindlichen Leben im Glauben werden uns diese Worte aus dem Alten Testament zugesprochen. Legen wir Leonies und unser eigenes Leben voll Vertrauen in die Hand, die Gott uns hinhält. Vertrauen wir ihm. Seine Worte machen Mut zu einem fröhlichen, gemeinsamen Leben, das getragen ist vom Vertrauen zu Gott, der mit euch geht und dessen Segen sich auf diesem Weg in das Leben entfalten will. Amen. 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 20.1.2019 





Auf einem guten Weg - Predigt über Matthäus 2,1 -12 am Dreikönigstag 

Da Jesus geboren war zu Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten. Als das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem, und er ließ zusammenkommen alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes und erforschte von ihnen, wo der Christus geboren werden sollte. Und sie sagten ihm: In Bethlehem in Judäa; denn so steht geschrieben durch den Propheten (Micha 5,1):  »Und du, Bethlehem im Lande Juda, bist mitnichten die kleinste unter den Fürsten Judas; denn aus dir wird kommen der Fürst, der mein Volk Israel weiden soll.« Da rief Herodes die Weisen heimlich zu sich und erkundete genau von ihnen, wann der Stern erschienen wäre, und schickte sie nach Bethlehem und sprach: Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr's findet, so sagt mir's wieder, dass auch ich komme und es anbete. Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war. Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut und gingen in das Haus und sahen das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe. Und da ihnen im Traum befohlen wurde, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem andern Weg wieder in ihr Land.(Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

 

Erinnern Sie sich noch an die Mondfinsternis Ende Juli des vergangenen Jahres? Da war es so heiß, dass man bis weit nach Mitternacht auf dem Balkon, auf der Terrasse oder im Garten sitzen und in den Himmel schauen konnte. Ein interessantes Schauspiel hat sich da in dieser Hochsommernacht vor unseren Augen abgespielt. Wer lange genug aufgeblieben ist und Geduld hatte, konnte zusehen, wie sich der weiße Mond allmählich rötlich gefärbt hat. „Blutmond“ nennt man das Schauspiel in der Umgangssprache. Ein etwas schauerlicher Name für ein wunderbares Spektakel. Nach wenigen Stunden war es vorbei.  

 

Die Weihnachtsgeschichte erzählt von Menschen, die ebenfalls in der Nacht den Blick zum Himmel erhoben haben, um den Lauf der Gestirne zu beobachten.  Ich denke an die Weisen, die der Volksglaube zu Königen gemacht und ihnen Namen gegeben hat: Caspar, Melchior und Balthasar. Die Namen stehen nicht in der Bibel. Wir wissen nicht einmal, wie viele es tatsächlich waren, die sich auf den Weg nach Bethlehem gemacht haben. Es handelte sich um gelehrte Sterndeuter, von denen die Schrift erzählt. „Magier“ nennt sie das griechischen Neuen Testament. Vom Orient aus haben sie sich auf dem Weg gemacht, aus dem Morgenland sind sie gekommen lesen wir in der Lutherbibel. Ich stelle mir vor, wie sie in ihrer Heimat aufmerksam die Zeichen studiert haben, die sie am Himmel wahrnehmen konnten und wie sie das, was sie gesehen haben, mit den heiligen Schriften, den Dokumenten ihres Glaubens und ihres Wissens abgeglichen haben. Da haben sie wohl erfahren, dass der Welt eine unglaubliche Zeitenwende bevorsteht. Einen Stern haben sie am Himmel gesehen, heller und größer als alle anderen Sterne. Der weist sie auf etwas hin. Ein König sollte geboren werden. Ein Herrscher, der alles in den Schatten stellen würde, was man damals von einem guten Herrscher erwartet hatte. Im jüdischen Land sollte er geboren werden. Die Sterne lügen nicht, dachten die Könige und haben sich auf den Weg gemacht. 

 

Heben wir auch manchmal den Blick zum Himmel? Nicht nur im Sommer, um eine Mondfinsternis zu beobachten oder um Sternschnuppen zu zählen? Heben wir auch manchmal den Blick zum Himmel, wenn wir traurig oder fröhlich sind, wenn uns Sorgen den Schlaf rauben oder wenn wir nicht weiterwissen. Jeder von uns hat Wünsche, unerfüllte zuweilen. Jeder von uns trägt einen Lebenstraum in sich, den er gerne verwirklichen würde. Wohin wenden wir uns mit der Sehnsucht, die uns antreibt? Wem vertrauen wir sie an?  Suchen wir Zuflucht in der Wissenschaft, weil wir glauben, dass der menschliche Geist alle Probleme lösen und alle Wünsche erfüllen kann? Suchen wir die Antwort auf unsere Fragen in Orakeln und Horoskopen, bei nebulösen Sterndeutern, die mit den Weisen aus der Heiligen Schrift nichts zu tun haben? Oder suchen wir die Antwort bei uns selbst, weil wir meinen, dass jeder selbst seines Glückes Schmied ist? Die Sterndeuter heben den Blick zum Himmel. Von dort erhoffen sie sich die Antwort. Von dort, so glauben sie, kommt das Heil, die Rettung.  

 

Mir gefällt an den Weisen, dass sie beides sind: fromme und gescheite Leute. Sie nutzen die Möglichkeiten, die ihnen gegeben sind. Glaube und Wissenschaft schließen sich nicht aus. Gottes Wort, die heiligen Schriften, aus denen sie ihren Glauben schöpften und ihre Forschung, ihre Studien, denen sie ihr Wissen verdankten, beides ergänzt sich. Die Sterndeuter machen sich auf den Weg.  Mir imponiert die Demut dieser edlen und gescheiten Leute. Zur Demut gehört, dass man nach dem Weg fragt. Sie kommen nicht auf direktem Weg ans Ziel, obwohl sie doch den Stern am Himmel gesehen haben, obwohl sie die Zeichen richtig gedeutet haben. Sie gehen zuerst nach Jerusalem, suchen den neugeborenen König dort, wo ihn der gesunde Menschenverstand vermutet: in einem Palast. So führt sie ihr Verstand zunächst in das Schlangennest von Jerusalem, an den Hof des Königs Herodes. „Wo ist der neugeborene König der Juden!“ Mit dieser einfachen Frage bringen sie den König und seine Hofschranzen aus der Fassung. Denn die Schriftgelehrten des Herodes müssen bestätigen, was die gelehrten Heiden längst wissen, dass die Geburt des Erlösers bevorsteht. Aus Bethlehem soll er allerdings kommen, nicht aus Jerusalem! Was für eine Herausforderung. Feinfühlig waren sie, die Könige und hellhörig. Sie durchschauen das falsche Spiel, das König Herodes mit ihnen trieb. Er wollte ja, dass sie ihm verraten, wo das Kindlein zu finden sei, um es dann aus dem Weg zu räumen. Sie hören nicht auf ihn. Sie hören auf eine andere Stimme. Sie hören auf Gottes Wort. Sie hören auf ihr Bauchgefühl. Sie hören auf ihre Träume. Im Traum wird er zu ihnen sprechen und sie werden auf einem anderen Weg wieder in ihre Heimat zurückkehren. Und sie achten auf die Zeichen, die Gott ihnen gibt. Sie schauen auf den Stern und sind hocherfreut. Auch, wenn das Ziel an einem ganz anderen Ort liegt, als sie es vermutet hatten. 

 

Das Ziel ihres Wegs wird ein Stall sein. Dort, wo normalerweise Ochs und Esel ihre Unterkunft haben, finden sie das Kind, das ihr Leben verändert. Hocherfreut sind sie. Der Stern zeigt ihnen, dass sie auf dem richtigen Weg sind. Können wir uns etwas darunter vorstellen, was das bedeutet, hocherfreut zu sein? Ist das nicht ein Zustand, in dem man die Welt umarmen möchte? In dem alles andere unwichtig wird, in dem nur noch das eine Bedeutung hat, über das man sich von Herzen freut. Bei den Königen war das Kind von Bethlehem die Ursache ihrer Freude. Vor dem knieten sie nieder. Dem haben sie ihre Gaben gebracht: Gold, Weihrauch und Myrrhe - ihre kostbarsten Gaben. Wenn man hocherfreut ist, tritt vieles in den Hintergrund, treten soziale Stellung, Bildung und Herkunft in den Hintergrund. Die Freude vereint die Menschen. Wir sehen das, wenn sich bei einem gewonnenen Fußballspiel wildfremde Menschen in den Armen liegen. Im Stall von Bethlehem werden die Schranken hinfällig, die wir Menschen aufrichten und die uns voneinander trennen: die Stellung, der Beruf, das Volk, die Religion, die Hautfarbe. Vor dem Kind von Bethlehem spielen diese Unterschiede keine Rolle mehr. Vor dem Kind von Bethlehem sind alle eins: Hirten und Könige. 

 

Die Weihnachtsgeschichte will uns auf den Weg bringen. Sie macht uns Mut, mit unseren Herzenswünschen nach dem Stern Ausschau zu halten, der uns den Weg weist. Dazu müssen wir den Blick zum Himmel heben, wie das die Sterndeuter getan haben. Der Himmel, ist für mich ein Synonym für den Ort, von dem alles Gute kommt.  Um ans Ziel zu kommen, brauchen wir einen Stern, der uns den Weg weist. Um das Kind in der Krippe zu finden, um den Weg in die Freude zu finden, braucht es die Demut, die bereit ist, dem Stern zu folgen, auf das Zeichen zu schauen, das Gott mir gibt. Sehen wir unseren Stern? Lassen wir uns ansprechen von den Zeichen, durch die Gott heute zu uns spricht? Er rührt unser Herz an. Er spricht uns an durch sein Wort. So wie er zu den Sterndeutern gesprochen hat und wie er übrigens auch zu den Schriftgelehrten am Hof des Herodes gesprochen hat. Die aber haben nur zur Kenntnis genommen, was sie gelesen haben. Sie haben die Botschaft vom göttlichen Kind nicht ins Herz gelassen. Das gehört aber auch dazu: die Botschaft ins Herz zu lassen, die Gott für mich bereithält. Damit der Buchstabe zum Gotteswort werden kann, braucht es den Glauben. Damit seine Botschaft bei mir ankommt, braucht es ein offenes Herz, ein Herz, das auf Empfang steht und sich führen lässt. 

 

Am Ende kommen die Weisen ans Ziel. Sie finden das Kind und beten es an. Dann kehren sie voll Freude zurück in ihre Heimat, in ihren Alltag. So wie wir das auch tun. Und doch hat sie die Begegnung mit dem Kind verändert. Es hat sie froh gemacht. Sie haben gefunden, was sie gesucht haben. Sie sind dem Gott begegnet, der so ganz anders ist als die Götter, die man in ihrer Heimat verehrte. Sie sind einem Gott begegnet, der sie anschaut in einem Kind. Es ist ein Gott, der nach anderen Maßstäben handelt, als sie das gewohnt waren. Vielleicht werden sie später gemerkt haben, dass sich ihr Leben durch die Begegnung an der Krippe verändert hat. Es ist heller geworden. Durch die Hoffnung, die sie jetzt haben. Von den Zeichen der Hoffnung habe ich in diesen Weihnachtstagen öfters gesprochen. Von der Krippe und dem Kreuz. Die Krippe ist der Ort der Geburt. Das Kreuz ist der Ort des Todes. Und heute hören wir, dass Gott beide Orte besucht hat und dass Gott an beiden Orten zu finden ist, dass es keinen Ort mehr gibt, der wirklich Gottverlassen ist. Mit diesem Vertrauen können wir in unseren Alltag zurückkehren. Er wird gewiss nicht mehr grau sein. Die Freude, die wir erfahren haben, trägt ihr Licht in den Alltag. Der Stern, dem wir folgen, weist uns den Weg in ein gutes Leben. Amen.  

 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 6.1.2019  


Geh deinen Weg ohne Furcht. Predigt über Josua 1,1-9  am Neujahrstag 2019

Nachdem Mose, der Knecht des HERRN, gestorben war, sprach der HERR zu Josua, dem Sohn Nuns, Moses Diener: Mein Knecht Mose ist gestorben; so mach dich nun auf und zieh über den Jordan, du und dies ganze Volk, in das Land, das ich ihnen, den Israeliten, gebe.  Jede Stätte, auf die eure Fußsohlen treten werden, habe ich euch gegeben, wie ich Mose zugesagt habe. Von der Wüste bis zum Libanon und von dem großen Strom Euphrat bis an das große Meer gegen Sonnenuntergang, das ganze Land der Hetiter, soll euer Gebiet sein.  Es soll dir niemand widerstehen dein Leben lang. Wie ich mit Mose gewesen bin, so will ich auch mit dir sein. Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen.  Sei getrost und unverzagt; denn du sollst diesem Volk das Land austeilen, das ich ihnen zum Erbe geben will, wie ich ihren Vätern geschworen habe. Sei nur getrost und ganz unverzagt, dass du hältst und tust in allen Dingen nach dem Gesetz, das dir Mose, mein Knecht, geboten hat. Weiche nicht davon, weder zur Rechten noch zur Linken, auf dass du es recht ausrichten kannst, wohin du auch gehst.  Und lass das Buch dieses Gesetzes nicht von deinem Munde kommen, sondern betrachte es Tag und Nacht, dass du hältst und tust in allen Dingen nach dem, was darin geschrieben steht. Dann wird es dir auf deinen Wegen gelingen, und du wirst es recht ausrichten. Habe ich dir nicht geboten: Sei getrost und unverzagt? Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)
 
„Geh ruhig deinen Weg! Du gehst ihn nicht allein!“ Mit so einer Ermutigung kann man sich auf den Weg machen, wohin auch immer er führen mag. Wenn ich ein Ziel vor Augen habe, wenn ich weiß, wo ich hinmuss und was mich am Ende erwartet, kann ich beruhigt losgehen. Es ist die Ungewissheit, die mir zu schaffen macht. Wenn der Verlauf des Weges sich im Nebel verliert, wenn ich die Gefahrenstellen nicht kenne oder wenn es ein unerfreuliches Ziel ist, dann gehe ich schweren Herzens los, manchmal auch mit zitternden Schritten. 
 
Am Anfang eines neuen Jahres geht es mir ähnlich. Ich weiß nicht so recht, was das Jahr bringen wird, wer mir auf meinem Weg begegnet und wohin mich mein Weg führen wird, mein persönlicher Lebensweg. Dann bin ich dankbar für ein gutes Wort, ein Wort der Ermutigung, ein Wort der Wegbegleitung. So ein Wort höre ich heute. „Sei getrost und unverzagt. Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht, denn der Herr, dein Gott ist mit dir in allem, was du tun wirst!“Da kann man sich doch getrost auf den Weg machen, mit so einem Wegbegleiter, nicht wahr? 
 
Nun muss ich zugeben: ursprünglich ist dieses Wort an jemanden anderem gerichtet worden. Das war Josua, ein junger Mann mit einer großen Aufgabe. Auf ihm lastete die Verantwortung für ein ganzes Volk. Die Israeliten waren aus Ägypten geflohen. Mose hat sie vierzig Jahre durch die Wüste geführt. Ein gutes Ziel hatten sie vor Augen: das gelobte Land, in dem sie wohnen sollte. Aber dann war Mose gestorben. Und Josua sollte seine Aufgabe übernehmen. Er sollte das Volk ans Ziel bringen. Sie können sich vorstellen, wie ihm zumut war. Ob ich das alles schaffe, was mir zugemutet wird? Sicher hat er sich das gefragt. Wie gut ihm dieses Wort wohl getan hat? Er ist nicht allein. Gott geht mit ihm. Das erfährt er am Anfang seines Weges. 
 
Dieses Wort gilt auch uns. Gott sagt es uns allen in der Taufe: Fürchte dich nicht. Ich bin mit dir. Du gehst deinen Weg nicht allein.Er sagt es Menschen, die sich miteinander auf den Weg machen. Zum Beispiel, wenn sie an den Traualtar treten. Er sagt ihnen: Sei mutig. Habt keine Angst. Ich gehe den Weg mit. Und wenn man dann eine Wegstrecke zurückgelegt hat, darf man miteinander zurückschauen. Das Volk Israel hat das jedenfalls gemacht. Es hat Stationen der Rast eingelegt, zurück geschaut auf den Weg, der hinter ihm lag. Höhen und Tiefen hat es auf diesem Weg gegeben, Konflikte, Streit vielleicht, Kampf und Krieg waren dem Volk Israel nicht erspart geblieben, der Glaube wurde immer wieder auf die Probe gestellt. Nicht immer hat das Volk diese Probe bestanden. Und doch ist Gott seiner Verheißung treu geblieben, hat sich nicht von seinem Volk abgewandt. Und so konnte es weiterziehen.
 
Einen großen Vertrauensvorschuss hat Gott Josua gegeben. „Wie ich mit Mose gewesen bin, so werde ich auch mit dir sein!“ sagt Gott zu dem jungen, unerfahrenen Mann. Es ist nicht nur so, dass Josua Gott vertrauen soll und dass wir Gott vertrauen sollen. Gott vertraut auch uns. Er traut uns etwas zu. Und er vertraut uns etwas an. Dem Volk Israel vertraut er das Heilige Land an.„Jede Stätte, auf die eure Fußsohlen treten werden, habe ich euch gegeben, wie ich Mose zugesagt habe.“ Gott hält sich an seine Zusagen.   
 
Was hat Gott uns anvertraut? Was ist unser „heiliges Land“ – das kann ja für jeden etwas anderes sein. Das kann die Familie sein, dass kann die Beziehung zu einem Menschen sein, den ich lieb habe, einer, den Gott mir ans Herz legt. Mein heiliges Land, das Gott mir anvertraut, das kann mein Beruf sein, den ich als Berufung verstehe – als Lehrer oder als Geistlicher, als Arzt oder Krankenpfleger. Vielleicht lohnt es sich, das eigene Leben als heiliges Land anzusehen, das Gott mir anvertraut, durch das er mich führen und begleiten will. Es liegt dann auch an mir, ob ich einen Garten daraus mache, oder ob ich es zur Wüste werden lasse. Ein heiliges Land wird mein Leben durch den einen, der alles heilig macht, durch Gott selbst.  
 
Wenn wir die Geschichten vom Weg des Gottesvolkes mit Mose und später mit Josua lesen, merken wir: das ist nicht immer eine Erfolgsgeschichte. Das ist auch eine Geschichte, in der das Gottesvolk immer wieder auch auf einen Schlingerkurs gerät, ins Zweifeln kommt, mit Gott hadert, mault und unzufrieden ist. Deshalb ermahnt Gott den Josua. Er gibt ihm einen Kompass zur Hand: Gottes Wort. Er soll es Tag und Nacht betrachten, nicht nur überfliegen, er soll es sich zu Herzen nehmen und sich daranhalten. Gottes Wort ist der Wegbegleiter, der mir hilft, damit ich mich orientieren kann, damit ich mich nicht verliere. Bin ich bereit, auf Gottes Wort zu hören? Dazu müsste ich Gottes Wort an mich heran lassen, zum Beispiel, indem ich der Bibel lese. Vielleicht hilft es mir, am Morgen in die Losungen zu schauen, sie als Kompass für den Tag anzunehmen. Nicht immer gefällt mir, was ich da lesen. Aber, da bin ich dann schon in einem Gespräch mit diesem Bibelwort. Ich lasse mich von ihm hinterfragen, vielleicht auch korrigieren. Und ich richte an dieses Wort meine Anfragen. So beginnt ein Gespräch mit Gott  - sicher ganz anders, als Mose und Josua mit Gott gesprochen haben. Vielleicht spüre ich dann, wie Gottes Wort in meinem Leben hineinzusprechen beginnt. Ich merke mit der Zeit, dass ich nicht nur einen anspruchsvollen Wegbegleiter habe, sondern auch einen verlässlichen. Ich möchte Ihnen Mut machen, den Weg durchs neue Jahr mit Gottes Wort zu beginnen. Gottes Wort, das haben wir vor einer Woche gefeiert, ist Mensch geworden, ist anschaulich geworden in einem Kind. Gottes Wort ins Leben zu nehmen, bedeutet nicht nur, Bibelverse zu studieren. Gottes Wort ins Leben zu nehmen bedeutet, Christus ins Leben zu lassen, sich an ihm auszurichten und im Vertrauen auf ihn zu handeln. Dazu wird Gott dann seinen Segen geben.
Gott sagt heute zu  uns: hab keine Angst vor dem neuen Jahr, vor dem, was auf dich zukommt. Sei getrost. Ich geh deinen Weg mit dir. Im Vertrauen auf Gottes Zusage können wir uns auf den Weg machen.  Der Abschnitt aus dem Buch Josua macht uns Mut. Wir gehen unseren Weg nicht allein.  Ein Leben, das gelingt, ein Leben im Sinne Gottes muss nicht immer dort aufleuchten, wo wir erfolgreich sind oder wo wir uns durchsetzen. Ein Leben nach dem Willen Gottes nimmt dort Gestalt an, wo die Liebe und die Barmherzigkeit, zu der uns Jesus, das menschgewordene Gotteswort ermutigt, ihre Spuren hinterlassen. „Sei getrost und unverzagt! Ich lasse dich nicht allein!“Auch Jesus hat seine Jünger mit solchen ermutigenden Worten in die Welt gesandt. Er sagt: „Ich bin bei euch, alle Tage, bis ans Ende der Welt.“ Mit diesem Zuspruch können wir uns auf den Weg machen. Wir gehen einem guten Ziel entgegen. Amen. 
 
© Pfarrer Stefan Köttig, 1.1.2019, Altenstein