Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73,28)

Predigten im August 2019



Hunger nach Brot und Hunger nach Leben Predigt über Joh.6,30-35 am 7. Sonntag nach Trinitatis 

 

Jesus wurde gefragt: Was tust du für ein Zeichen, auf dass wir sehen und dir glauben? Was wirkst du? Unsre Väter haben Manna gegessen in der Wüste, wie geschrieben steht »Brot vom Himmel gab er ihnen zu essen.«  Da sprach Jesus zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. Denn dies ist das Brot Gottes, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben. Da sprachen sie zu ihm: Herr, gib uns allezeit solches Brot. Jesus aber sprach zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.)  

 

Ich möchte Ihnen eine kleine Szene schildern, die ich vor wenigen Wochen selbst erlebt habe. Sie spielt in einer Großstadt – in einer Straßenbahn. Ich bin auf dem Weg vom Hotel zum Hauptbahnhof. Ein Mann in mittlerem Alter steht von seinem Platz auf, um an der nächsten Haltestelle auszusteigen. Er wäre mir bestimmt nicht aufgefallen, wenn er sich nicht schnell gebückt hätte, um etwas aufzuheben. Es ist der Rest einer angebissenen Butterbrezel. Die ist einem anderen wohl heruntergefallen und dann am Boden liegen geblieben. Der Mann hebt sie auf und hält sie zwischen zwei Fingern. Er steigt aus. Ich schaue ihm nach. Während die Straßenbahn wieder anfährt, sehe ich, wie er das Stück von der Brezel in den Mund schiebt. Die kleine Szene beschämt mich. Wie tief muss man sinken, denke ich mir, um etwas zu essen, was andere wegwerfen? Wir mögen ein reiches Land sein. Aber ist es auch ein Land der Gegensätze zwischen Arm und Reich, ein Land, in der es neben Wohlstand auch Not und Hunger gibt. Es ist die verborgene Not, die in kleinen Szenen sichtbar wird, wie ich sie eben geschildert habe. Es ist die Not, vor der man häufig die Augen verschließt. Es gibt sie, die Hungrigen, die sich in der Straßenbahn nach einer abgebissenen Brezel bücken, um sie später heimlich in den Mund zu schieben oder die in den öffentlichen Abfallbehältern stöbern, ob es nicht etwas Verwertbares gibt. Wir sehen sie nicht oder wir wollen sie nicht sehen, diese Menschen. Manchmal schauen wir weg, weil wir uns schämen oder weil wir sie nicht sehen wollen, die Armen, die Hungrigen.  

 

Heute hören wir im Evangelium, wie Jesus sagt: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.“ Er sagt das zu den Menschen, die Zeugen eines Wunders waren. Über 5000 Menschen hat er satt gemacht. Sie haben Jesus zugehört. Zuhören macht hungrig. Jesus wusste das, deshalb hat er ihnen zu essen gegeben.  Nur zwei Fische und fünf Gerstenbroten hatte er ausgeteilt. Aber jeder ist satt geworden. Was haben die Menschen da gestaunt. „So einer müsste unser König sein“, dachten sie sich. Deshalb hat sich Jesus von ihnen zurückgezogen, ist auf die andere Seite des Sees gefahren. Doch die Leute haben ihn aufgespürt. Vielleicht war es der Hunger, der sie angetrieben hatte. Sie wollten mehr Wunder dieser Art. „Herr, gib uns allezeit solches Brot!“ sagten sie zu ihm. 

 

 Diese Menschen haben nicht verstanden, dass Jesu mit dem Wunder ein Zeichen gesetzt hat, so wie er das mit allen Wundern machte. Seine Wunder weisen auf die Herrschaft Gottes hin, die durch ihn zu den Menschen kommt – durch seine Worte und durch seine Wunder. Sie weisen hin auf die Zeitenwende, die bevorsteht. Eine Herrschaft ist im Anbruch, unter der Menschen aufatmen dürfen, weil die Not ein Ende hat: der Hunger von Leib und Seele. Eine Herrschaft bricht an, in der sich keiner mehr seiner Not schämen muss. Diese wunderbaren Zeichen Jesu erzählen von Gottes Reich. Jesus selbst ist die Mitte, die tragende Säule dieser Herrschaft, die Quelle, aus der wir schöpfen, was zum Leben nötig ist: Frieden, Segen, Essen und Trinken, alles, was Leben erst lebenswert macht, kurz: das tägliche Brot.  

 

Brot ist für mich ein Symbol. Es steht für alles, was ich zum Leben brauche, zum Überleben. Jesus ist das Brot des Lebens. Ich brauche ihn, damit meine Seele nicht verhungert. Denn ich habe nicht nur einen Magen, der knurrt. Ich habe auch eine hungrige Seele. Die sehnt sich nach Liebe und Geborgenheit, nach Frieden, nach einem Leben ohne Angst, nach Sicherheit, nach einem Leben in Würde, ein Leben, in dem sich niemand heimlich nach den Abfällen bücken muss, die andere hinwerfen und in denen niemand gedankenlos etwas wegwirft, was anderen zum Überleben hilft. 

 

„Schafft euch Speise, die nicht vergänglich ist, sondern die bleibt zum ewigen Leben...“  sagt Jesus. Er meint das Leben. Er schenkt den Menschen dieses Leben. Leben im Sinne Gottes. In diesem Leben unter Gottes Herrschaft werden die menschlichen Bedürfnisse sicherlich nicht vergessen. Nicht umsonst heißt es von Jesus, dass er mit allen Menschen, sogar mit den Zöllnern und Sündern, gegessen und getrunken hat. Nicht umsonst wird von der Hochzeit zu Kana erzählt. Dort hat Jesus Wasser in Wein verwandelt. Aber das ist nicht alles. Das gehört wohl dazu, aber es ist nicht alles. Jesus will uns das wahre Leben schenken. Ein Leben, in dem jeder Hunger gestillt wird. Der Hunger des Leibes, aber auch der Hunger der Seele. Zum wahren Leben gehört der Friede mit Gott und der Welt – mit Mensch und Tier und vor allem der Friede im eigenen Herz. Die Welt liegt noch im Unfrieden. Der Mensch ist noch im Unfrieden, vor allem mit sich selbst, aber auch mit der Welt, in der er lebt. Der Mensch ist hungrig. Er hungert nach de wahren Leben. Jesus schenkt uns dieses Leben. 

 

Ich verschließe meine Augen nicht vor der Wirklichkeit, wenn ich sage: Gott hat Frieden gestiftet durch Jesus Christus. Ich vergesse nicht den Hunger, nicht das Leid, nicht die Angst, nicht die Not, nicht den Krieg, der unsere Welt immer noch zermürbt. Und trotzdem wage ich es zu sagen: es gibt Zeichen, die uns auf diesen Frieden hinweisen, der im Anbruch ist. Unscheinbare Zeichen sind das, die darauf hinweisen. Zeichen, die man nicht wahrnimmt, wenn man nicht genau hinschaut. Fünf Brote und zwei Fische waren so ein Zeichen, ein Lächeln, das Wertschätzung ausdrückt, ist so ein Zeichen und ebenso eine Hand, die mir hingehalten wird, wenn ich hingefallen bin, eine Schulter, an die ich mich anlehnen kann, ein Taschentuch, das mir gereicht wird, wenn ich weinen muss. Kleine Zeichen sind das. Zeichen, der Aufmerksamkeit. Zeichen der Wertschätzung. Zeichen der Liebe, die man übersehen oder falsch verstehen kann. Auch das Stück Brot, das mir am Altar gereicht wird, am Tisch des Herrn, ist nur ein Zeichen. Aber eines, das es in sich hat. In diesem kleinen Stück Brot ist eine Kostprobe des Lebens. Ich bekomme einen Vorgeschmack dessen, wie es sein wird im Reich Gottes. Da bin ich nicht nur ein Gast, da bin ich Zuhause. So meint es der Wochenspruch. Ich bin kein Fremdling bei Gott, kein Gast, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenosse. Bei ihm darf ich leben, einer unter vielen, einer unter den Augen Gottes, der mich liebt, einer, der willkommen ist in diesem Reich. Genauso leicht zu missverstehen, wie die Rede Jesu, sind diese Zeichen, die sie begleiten. Sie wollen uns Mut machen und manchmal auch aufrütteln. Wir sollen für die Herrschaft Jesu eintreten. Wir sollen hinleben auf diese neue Welt, eine Welt ohne Hunger im Leib und in der Seele. Die Worte Jesu nähren die Seele, die nach dem wirklichen Leben hungert, dem Leben in der Gemeinschaft mit Gott, dem ewigen Leben. Es sind seine Worte die uns Mut machen, vor allem, wenn die Not groß ist. Vertrauen wir diesen Worten Jesu. Weil sie uns Leben und Seligkeit zusprechen. Und beten wir darum, dass der Auferstandene der Welt dieses Leben wirklich schenkt, bald schenkt – um der Menschen willen, die nach diesem Leben hungern. Um unser selbst willen. Denn auch wir haben Hunger. Hunger nach Brot. Hunger nach Leben. Amen. 

 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 4.8.2019