Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73,28)

Predigten im Monat November 2018


Bilder des Trostes - Bilder von Gottes neuer Welt. Predigt über Jesaja 65, 17 - 25 am Ewigkeitssonntag

Am letzten Sonntag im Kirchenjahr gedenken wir unserer Verstorbenen. Ich blicke in diesem Jahr in eine Menge verweinter Gesichter. In den kleinen Dorfgemeinden, für die ich als Pfarrer da bin, sind in den letzten zwölf Monaten  ziemlich viele Menschen gestorben – einige alt und lebenssatt, einige aber auch in jungen Jahren, völlig überraschend oder unter tragischen Umständen. Ein Wort begegnet mir in diesen Situationen immer wieder: „Warum?“ Diese Frage stellen die Hinterbliebenen, während sie mit der Schaufel etwas Erde und manchmal auch eine Handvoll Blüten in das offene Grab werfen. „Warum musste er oder sie ausgerechnet jetzt sterben. Wir haben doch noch so viel vorgehabt.“  Es gibt aber auch eine andere „W - Frage“. Die Älteren stellen sie, vielleicht etwas diskreter, aber nicht weniger dringlich: „Warum bin ich noch da? Was soll ich noch hier, wenn doch alle weg sind, die zu meinem Leben dazu gehörten, ich fühle mich ohne sie so allein, so verloren.“  Ich kann darauf keine plausible Antwort geben, keine, die den Schmerz stillt und sowohl das Herz und den Verstand gleichermaßen zufriedenstellen. Diese Fragen weisen hin auf den Zustand der Welt, die zwar ihre schönen Seiten hat, aber doch eine Welt des Todes ist. Es wird gelitten und gestorben in dieser Welt. Nicht nur in der Welt der Menschen, sogar in der Welt der Tiere. Ich denke an den Videovortrag über Afrika in unserer Gemeinde in der letzten Woche, wo einer aus der Reisegruppe zufällig mutgefilmt hat, wie zwei Hyänen ein junges Gnu aus ihrer Herde fortgetrieben und dann totgebissen haben. Das ist die Welt, in der wir leben. Der Tod führt in ihr das Regiment und wir erschrecken darüber. Den Bildern des Leides und der Verzweiflung, die uns die Frage nach dem Warum in den Sinn treiben, möchte ich andere Bilder gegenüber stellen. Bilder, die trösten. Eines malt der Prophet Jesaja für sein Volk. Er malt es mit Worten. Er beschreibt eine Welt, die Gott noch schaffen will. Eine Welt, in der nicht mehr geweint wird.


Hören wir einen Abschnitt aus dem 65. Kapitel seines Buches:


„Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.  Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich erschaffe Jerusalem zur Wonne und sein Volk zur Freude, und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens.  Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen, sondern als Knabe gilt, wer hundert Jahre alt stirbt, und wer die hundert Jahre nicht erreicht, gilt als verflucht.  Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen. Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne, und nicht pflanzen, was ein anderer esse. Denn die Tage meines Volks werden sein wie die Tage eines Baumes, und ihrer Hände Werk werden meine Auserwählten genießen.  Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des HERRN, und ihre Nachkommen sind bei ihnen.  Und es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören.  Wolf und Lamm sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Man wird weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR.“ Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart


Mit diesen Worten richten wir unseren Blick erwartungsvoll in die Zukunft. Jesaja spricht davon, was noch aussteht. Gott hat noch viel vor mit seiner ganzen Schöpfung. Der Prophet erzählt von einer neuen Welt, die Gott schaffen will. Er erzählt von einer neuen Schöpfung, in der Gottes Volk seine Heimat finden soll. Er erzählt es seinem Volk Israel. Zugleich spricht er zu allen Menschen, die in dieser Welt leben und leiden. Wir hören Gottes Antwort auf die Fragen und Klagen seines Volkes. Der Prophet erzählt von der neuen Welt Gottes – und wir dürfen, wir sollen in ihr leben.


Gott sagt: „Ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.“ Wie schön wäre es, wenn wir alles einfach so hinter uns lassen könnten: die Sorgen, die uns den Schlaf rauben, den Schmerz über einen Verlust, die Trauer nach dem Tod eines lieben Menschen. Das alles soll hinter uns liegen und wir sollen wieder lachen können. Unbeschwert. Wir sollen wieder versöhnt werden – mit uns selbst, mit der Welt, mit den Menschen, die uns verletzt haben und vor allem mit Gott, von dem wir uns entfernt haben. Das verspricht uns heute das Prophetenwort.


Für viele ist das heute unvorstellbar. Wir haben die Namen der Menschen gehört, die in diesem zuende gehenden Kirchenjahr gestorben sind. Sie hinterlassen eine Lücke. Der Verlust schmerzt. Vielleicht sogar ein Leben lang. Da scheint unmöglich zu sein, wozu das Prophetenwort uns aufruft: „Freut euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe!“ Beim ersten Hinhören klingen diese Worte wie Hohn und Spott für die Menschen, die davon überzeugt sind, sich nie mehr freuen zu können. Jesaja spricht aber nicht von dieser Welt, in der wir leben und leiden. Er wartet auf den neuen Himmel und die neue Erde. Aus seinem Aufruf zur Freude spricht die Sehnsucht nach dieser neuen Welt, die Gott schaffen wird. In ihr gibt es keinen Grund mehr zur Klage. Die Freude an der neuen Welt wird Gott mit seinem Volk verbinden, sie wird das Miteinander von Gott und Mensch bestimmen.


Die neue Welt, mit dem neuen Himmel und der neuen Erde beschreibt Jesaja mit Bildern aus seinem Alltag. Sie sind unseren eigenen Wunsch-Bildern ähnlich. Sie beschreiben, wie ein erfülltes und zufriedenes Leben aussehen kann. Zugleich aber erinnern sie uns daran, wie weit wir noch von dieser Welt Gottes entfernt sind. Wir teilen die Not mit dem Gottesvolk Israel, das aufgerichtet werden soll, indem der Prophet das nahe Ende der Not verkündet. Jesaja spricht von einer Welt, in der Kinder nicht für einen frühen Tod gezeugt werden. Ich muss bei diesen Worten an die Mütter denken, die bis heute ihre Kinder beweinen – weil ihr Leben so kurz war und durch eine Krankheit, einen Unfall oder ein anderes Unglück vorzeitig abgebrochen wurde. Der Prophet spricht von einer neuen Welt, in der diese Kinder das Leben voll ausleben dürfen, das ihnen geschenkt wird  und ich wünsche mir, dass diese neue Welt bald anbricht. 


Das Prophetenwort sagt, das soll es nicht mehr geben, dass Menschen die Fülle ihre Jahre nicht mehr durchleben dürfen, sondern als Knabe gilt, wer mit hundert stirbt. Ich muss bei diesem Wort an die Männer und Frauen denken, die ihre Ehe – und Lebenspartner früh verloren haben, durch einen Unfall, durch eine Krankheit oder weil Krieg herrscht. Ich muss an die Männer und Frauen denken, die ihre Jahre nicht erfüllt haben, ihr Leben nicht leben konnten. Erst in der letzten Woche haben wir der Opfer der Kriege gedacht. Ihr Schicksal lässt in mir die Sehnsucht nach dieser neuen Heimat, nach der guten Welt Gottes wachsen. Die Sehnsucht wird immer stärker, je deutlicher mir wird, dass der Tod die Welt, in der wir leben, fest im Griff hat. Der Prophet spricht von dem guten Leben, das Gott seinem Volk ermöglichen möchte – ohne Todesangst und ohne vergebliche Müh. „Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne und nicht pflanzen, was ein anderer esse ... denn sie sind das Geschlecht des Gesegneten des Herrn, und ihre Nachkommen sind bei ihnen.“


Bei diesen Worten denke ich an die Menschen, die sich ihr Leben lang in allem abmühen und am Ende mit leeren Händen dastehen. Ich denke heute an die zu Kurz gekommenen, die bitter werden und jede Hoffnung auf Gerechtigkeit verloren haben. Die alle sollen zu ihrem Recht kommen in Gottes neuer Welt. Ach, wenn sie doch nur schon da wäre, möchte ich ausrufen!. Es ist Gott selbst, der dann seinem Volk ist ganz nahe ist und den fragenden, bedängten, gequälten Herzen seinen Frieden schenkt. In dieser engen Gemeinschaft mit Gott möchte ich auch gerne leben. Sie schenkt meinem fragenden, angefochtenen Herz den Frieden, die Ruhe und den Frieden, aus dem ein erfülltes Leben hervorgehen kann. In der Tat: diese Welt, von der Jesaja spricht, wünsche ich mir ebenfalls. Allerdings geht meine Hoffnung noch weiter, sie reicht über das hinaus, was der Prophet verheißt. Eine Welt, in der es keinen Tod gibt, hat sich selbst Jesaja noch nicht vorstellen können. Auch für die neue Welt nicht. Der Tod verliert zwar seine Schrecken – aber in der Welt, die Jesaja uns beschreibt, ist er noch nicht überwunden.

Deshalb denke ich heute nicht nur an die Bilder, die der Prophet von der neuen Welt Gottes mit seinen Worten malt. ich denke heute an den anderen, der für eine neue Welt Gottes mit seinem Leben eingestanden ist und uns den Segen der Ewigkeit ermöglicht hat. Ich denke an Jesus Christus, der Lazarus aus dem Grab ins Leben zurückgerufen hat, der dem frommem Jairus seine Tochter und der Witwe zu Nain den einzigen Sohn zurückgegeben hat. Wo Jesus gesprochen und gehandelt hat, da haben Menschen erfahren, wie es sein wird, im Reich Gottes, in der neuen Welt, mit dem neuen Himmel und der neuen Erde. Sie haben erfahren, dass für den Tod in dieser neuen Welt Gottes kein Platz sein wird. Jesus Christus ist für mich der Grund für die Hoffnung, dass auch für die Verstorbenen ein Platz in dieser neuen Welt, im Reich Gottes, sein wird. Ich glaube das, weil ich den Weg Jesu vor Augen habe. Der Weg Jesu endet nicht am Kreuz. Wir glauben und bekennen seine Auferstehung und seine Heimkehr zum Vater. Das ist der Grund zur Hoffnung für uns und unsere Verstorbenen: dass wir Anteil haben werden an dieser neuen Welt Gottes, die wir heute nur unvollkommen mit den Bildern und Vorstellungen unserer Welt beschreiben können. Wir haben Grund zur Hoffnung, dass unsere Verstorbenen von dieser neuen Welt Gottes nicht ausgeschlossen sind. Wir glauben, dass unser Herr Jesus Christus selbst das Tor in diese neue Welt Gottes ist.  Am Ende des Kirchenjahres, aber nicht nur da, bitten wir unseren Herrn, dass er bald wiederkomme und diese neue Welt Gottes heraufführe. Vielleicht schließt das Neue Testament gerade deshalb mit diesem flehenden Ruf um sein Erscheinen, der zugleich auch ein Bekenntnis ist: Maranatha, unser Herr, kommt. Ja, komm, Herr Jesus. Lasst uns einstimmen in diesen Ruf. Heute und in Ewigkeit. Amen.

  © Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 25.11.2018




 

Heilsame Korrespondenz! Predigt über Offenbarung 3,14-22 am Buß- und Bettag 

 

 

 Und dem Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe: Das sagt, der Amen heißt, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes:  Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach dass du kalt oder warm wärest!  Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde. Du sprichst: Ich bin reich und habe mehr als genug und brauche nichts!, und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß.  Ich rate dir, dass du Gold von mir kaufst, das im Feuer geläutert ist, damit du reich werdest, und weiße Kleider, damit du sie anziehst und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde, und Augensalbe, deine Augen zu salben, damit du sehen mögest.  Welche ich lieb habe, die weise ich zurecht und züchtige ich. So sei nun eifrig und tue Buße!  Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.  Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich überwunden habe und mich gesetzt habe mit meinem Vater auf seinen Thron. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

 

 

 

 

 

Es gibt Briefe, die verheißen nichts Gutes. Oft erkennt man schon am grauen Umschlag oder an der abgedruckten Absenderadresse, dass sie unangenehme Nachrichten enthalten – den Steuerbescheid oder, was noch schlimmer ist, einen Bußgeldbescheid. Das ist Post, auf die man gerne verzichten möchte. So einen Brief hat die Gemeinde in Laodicea erhalten. Der Inhalt war alles andere als schmeichelhaft. Da haben einigen sicher gehörig die Ohren geklungen, als die die Botschaft gehört haben.

 

 

 

 

 

 „Fad bist du, so fad, dass ich dich ausspucken werde, wie man schales Wasser ausspuckt! Mir ekelt vor dir!“ Das lässt der Herr einer Gemeinde. wissen, die es sich gut gehen lässt. Sie ist zufrieden mit sich und der Welt. Vielleicht dachte sie auch, dass Gott mit ihr zufrieden ist. Was war das für eine Gemeinde, die sich solch harte Worte gefallen lassen muss?  

 

 

 

 

 

Die antike Stadt Laodicea wurde im dritten vorchristlichen Jahrhundert von König Antiochus II. erbaut. Er benannte die Stadt nach seiner Frau Laodike. Laodicea war eine reiche Stadt mit einem blühenden Handel. Es wurde Baumwolle angebaut, Kurgäste, die die nahe gelegenen Heilquellen aufsuchten, trugen Geld in die Stadt. Durch das Heilwasser konnten man mit einem bestimmten Verfahren schwarze Stoffe Purpur färben. So wurde Laodicea zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor im römischen Reich. Und mit Hilfe des Heilwasser wurde dazu eine berühmte desinfizierende Augensalbe hergestellt. Das alles führte dazu, dass man in Laodizea   reich wurde. Sehr reich sogar. Als die Stadt von Erdbeben heimgesucht wurde, konnte man es sich sogar leisten, auf  fremde Hilfe von Rom zu verzichten. „Wir schaffen das“, sagten die Stadtväter mit dem Brustton der Überzeugung. Wir rappeln uns aus eigener Kraft wieder auf. Wir brauchen euch Römer nicht. Stolz waren die Stadtväter, stolz, auf niemand angewiesen zu sein. Stolz, Überheblichkeit und Selbstzufriedenheit, vielleicht sogar Selbstverliebtheit scheint ansteckend zu sein und hat sich wohl auch auf die christliche Gemeinde übertragen. Es war sicher eine reiche Gemeinde, die hier lebte und an die unser Brief gerichtet ist. Die Worte, die wir heute hören, gelten ja nicht den Stadtvätern von Laodicea, sondern der Gemeinde. An die wendet sich Christus, wenn er sagt: „Du sprichst: Ich bin reich und habe genug und brauche nichts! Und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß.“

 

 

 

 

 

„Sei eifrig und tue Buße!“ schreibt Johannes der Gemeinde in Laodicea im Auftrag des Herrn. Wir hören diesen Aufruf am Buß - und Bettag. Dieser Feiertag macht uns bewusst: auch uns tut es gut, immer wieder einmal über uns, über unser Leben als Christen in dieser Welt, über uns als christliche Gemeinde nachzudenken und unser Selbstverständnis vielleicht zu korrigieren. Der Buß - und Bettag lädt uns dazu ein:  lasst uns still werden, auf den Herrn der Kirche hören, auf das, was er uns durch sein Wort zu sagen hat – heute könnte dazu Gelegenheit sein. 

 

 

Der Buß - und Bettag lädt uns aber auch ein, zu ihm umzukehren, wenn wir merken, dass wir uns von ihm entfernt haben. Umkehren zu Christus, Buße zu tun - unser Abschnitt aus der Offenbarung kann uns eine Hilfe dabei sein. Er zeigt uns in einem Bild, wie das aussehen kann, wenn wir zu Christus umkehren wollen. Ich denke da vor allem an einen ganz bestimmten Vers aus dem Sendschreiben. Dort lesen wir: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Türe auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.“

 

 

 

 

 

Buße tun heißt, auf das Anklopfen Jesu zu hören! Für die Gemeinde in Laodicea muss das kein zaghaftes Klopfen, vielmehr ein ziemlich heftiges Poltern gewesen sein, mit dem Christus sich da bemerkbar gemacht hat. Hoffentlich hat er sie aufgeschreckt, mit seinen harten Worten. Sie wollen aufrütteln - nicht nur die Christen in Laodicea. „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an!“spricht Jesus. Bald ist Ewigkeitssonntag. Wir werden daran erinnert, dass Christus bald wiederkommt, um zu richten, die Lebenden und die Toten. Das sprechen wir in unserem Glaubensbekenntnis aus. Buße tun heißt deshalb: aufhorchen auf das Anklopfen Jesu. Aufhorchen auf das, was er uns zu sagen hat – solange noch Zeit dazu ist. Denn: er steht schon vor der Tür. Es dauert nicht mehr lange, bis er eintritt. Damit ist das Bild von der Buße aber noch nicht erschöpft. Buße tun heißt noch mehr, als nur zu horchen.

 

 

Buße tun heißt auch: dem Herrn die Türe zu öffnen. Nicht zu erschrecken, wenn man das Klopfen hört und sich dann die Ohren zuzuhalten. Auch nicht beleidigt zu sein. Sondern hinzugehen zur Türe, sie aufzumachen. Das heißt, zu Christus umzukehren. Das heißt, Buße zu tun. Was zu einem gesegneten, einem erfüllten Leben gehört, will er uns schenken. Die Gemeinde in Laodicea hat wohl geglaubt, das müsse sie sich mit den eigenen Händen verdienen. Dafür müsse sie hart arbeiten. Dann aber habe sie auch ein Recht darauf. Sie sucht das Heil also bei sich selbst, sie meint, es aus eigener Kraft zu erlangen. Christus ist anderer Meinung. Er sagt: „Ich rate dir, dass du Gold von mir kaufst, das im Feuer geläutert ist, damit du reich werdest und weiße Kleider, damit du sie anziehst und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde und Augensalbe, deine Augen zu salben, damit du sehen mögest.“

 

 

 

 

 

Der wahre Reichtum, das Glück, nach dem wir uns sehnen, die Hoffnung auf ein erfülltes, gesegnetes Leben: bei Christus ist das alles zu haben. Bei Christus und bei niemand anderem. Allerdings darf man diese Worte Jesu nicht falsch verstehen. Mit Jesus kann man keine Geschäfte machen. Unser Abschnitt aus der Offenbarung will das auch nicht behaupten. Wenn wir auch noch auf die anderen Worte der Bibel hören, auf die Evangelien oder auf Paulus beispielsweise, wird deutlich: Jesus verkauft das Heil nicht. Aber bei ihm, allein bei ihm, erhalten wir es - umsonst. Ohne Vorleistung. Allein aus Gnade.

 

 

Buße tun – umkehren, die Türe des Herzens für Jesus weit aufmachen, von ihm alles Gute erhoffen – dazu will uns unser Predigtwort aus der Offenbarung ermutigen. Die Türe können wir ihm ohne Angst öffnen. Kein Ungeheuer steht davor und auch kein unerbittlicher Richter. Wir können die Tür ohne Angst öffnen – und einen Freund einlassen. Denn auch das heißt Buße tun: „Christus, den Retter, hereinlassen.“

 

 

 

 

 

Der Gedanke an den Jüngsten Tag und sein Gericht will uns zwar aufrütteln, aber nicht niederknüppeln. Der, der wiederkommt will unser Retter sein. Er meint es gut mit uns, der Sohn des Gottes. Deshalb die harten Worte. Der Bußruf Jesu will ein Ruf in die Freundschaft sein. In die Freundschaft mit Gott und seinem Sohn, der zu uns kommen will, wenn wir ihn hereinlassen, wenn wir auf sein Wort hören und ihm die Türe auftun. Das hat er selbst gesagt: „Wenn jemand meine Stimme hört und mir die Türe aufmacht, werde ich zu ihm hineingehen und mit ihm Abendmahl halten.“

 

 

 

 

 

Heute, am Buß - und  Bettag, ist so eine Gelegenheit, Buße zu tun und dem Ruf in die Unkehr zu folgen. Wir können gemeinsam einen ersten Schritt in diese Richtung machen. Wenn wir miteinander das Sündenbekenntnis sprechen, machen wir so einen Anfang. wenn wir uns öffnen für sein Wort, machen wir so einen Anfang, wenn wir uns von ihm ansprechen und einladen lassen. Dann schauen wir von uns weg. Dann vertrauen wir nicht mehr dem, was wir geleistet haben. Dann schauen wir hin zu dem, der alles für uns getan hat. Wenn wir miteinander das Heilige Abendmahl feiern, dann lassen wir uns von ihm beschenken: mit dem Heil seiner Gemeinschaft. In diesem Licht können wir unser Leben mit all seinen Schwächen und Mängeln anschauen und ihm anvertrauen. Es ist die Liebe, die hinter dem Bußruf steht. In ihrem Licht kann heil werden, was durch unsere Schuld verdorben wurde. Christus steht vor unserer Tür. Öffnen wir ihm. Christus, der Friede, der größer ist als unsere Vernunft, möge uns die Augen öffnen, damit wir die Wahrheit erkennen: dass wir nicht vorweisen können, dass wir mit leeren Händen dastehen, dass wir nur eines tun können: ihm die Tür des Herzens zu öffnen, damit er einziehen kann in unser Leben, um uns Heil und Heilung zu schenken. Amen.

 

 

 

 

 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 21.11.2018

 


Treue oder Kompromiss? Predigt über Offenbarung 2,8-11 am Vorletzten Sonntag im Kirchenjahr (18.11.2018)

Und dem Engel der Gemeinde in Smyrna schreibe: Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und ist lebendig geworden: Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut – du bist aber reich – und die Lästerung von denen, die sagen, sie seien Juden, und sind's nicht, sondern sind die Versammlung des Satans.  Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst! Siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, damit ihr versucht werdet, und ihr werdet in Bedrängnis sein zehn Tage. Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer überwindet, dem soll kein Leid geschehen von dem zweiten Tode. (Lutherbibel 2017, hg. v. d. Deutschen Bibelgesellschaft, Stuttgart) 

 

 „Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben!“ Dieses Wort aus der Offenbarung begegnet mir immer wieder – häufig als Predigtwort bei Beerdigungen. Die Menschen, die wir dann zu Grabe tragen, sind meist betagt. Das Wort aus der Bibel hat sie durchs Leben begleitet. Es wurde vielen als Konfirmationsspruch mitgegeben. In manchen Schlafzimmern hing es gerahmt über dem Ehebett oder es war ordentlich abgeheftet in der Mappe, bei den Schul– und Abschlusszeugnissen. Meist war dieser Spruch handschriftlich mit Tinte eingetragen, die inzwischen recht verblasst ist und den Eintrag schwer leserlich erscheinen lässt, dazu die Jahreszahl, meist eine aus den zwanziger, dreißiger oder vierziger Jahren. Ich hadere ein wenig mit diesem Aufruf zur Treue. Vielleicht, weil er in früheren Jahren gerne dazu verwendet wurde, Gehorsam einzufordern, oft bedingungslosen Gehorsam, vor allem gegenüber den Autoritäten in dieser Welt. Meinen Frieden habe ich mit diesem Aufruf zum Gehorsam schließen können, nachdem ich mir bewusst gemacht habe, wer da zum Gehorsam aufruft und in welchem Zusammenhang das geschieht. 

 

Ursprünglich war er an eine kleine Gemeinde gerichtet. In Smyrna lebte die Christenheit des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung. An sie war unser Sendschreiben gerichtet. Heute sagen wir Izmir zu dieser Stadt und machen dort vielleicht Urlaub: eine Hafenstadt am Mittelmeer, an der Westküste der Türkei. Eine multikulturelle Stadt, damals zumindest. Als jüdische Sekte wurden die Christen dort angesehen. Vielen waren sie ein Dorn im Auge. Nicht nur der Obrigkeit, vor allem aber auch der. Ich stelle mir vor, dass sie auch den anderen unangenehm aufgefallen sind, allen, die versucht haben, so einigermaßen zurechtzukommen mit der allmächtig und allgegenwärtig scheinenden römischen Staatsmacht. Ich stelle mir vor, dass die Christen überall in der Stadt aneckten, wegen der Kompromisslosigkeit ihres Glaubens. Sie konnten und wollten dem Kaiser nicht geben, was Gottes war. Sie konnten und wollten ihm nicht das Opfer bringen, das er verlangt hat. Deswegen mussten sie Schikanen in Kauf nehmen. Sie sind denunziert worden, immer wieder. Sie haben sich in Lebensgefahr gebracht. Wer dem Kaiser nicht Opfer bringen wollte, galt in den Augen der Obrigkeit als Staatsfeind, als Terrorist und – man höre und staune – als Atheist. Das lag daran, dass der Kaiser sich als Gottheit verehren ließ. Manche waren vielleicht bereit, Kompromisse einzugehen. Was ist schon ein kleines Opfer, wenn man dann in Ruhe gelassen wird? Ist es nicht sinnvoll, sich mit der Staatsmacht zu arrangieren, Kompromisse zu schließen, wenn man sich dafür ein wenig Sicherheit erkauft? Muss man unbedingt jeden erzählen, was man glaubt? Muss man unbedingt sagen, dass Jesus der Herr ist, wenn man genügend Menschen kennt, die das nicht hören wollen? Ist es nicht einfacher, den Mund zu halten, den Glauben für sich zu behalten, im stillen Kämmerlein zu leben. Nein. Es ist nicht gut. Unser Abschnitt will trösten, aber auch ermutigen, den Glauben zu bekennen. Christus spricht hier zu den Christen. „Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst!“ Damit wir deutlich ausgesprochen, dass Treue zum Glauben durchaus Nachteile, ja auch Leiden mit sich bringt. Zugleich aber erfahren die Christen, dass sie ihr Herr nicht allein lässt in der Not, dass er ihnen beistehen wird. 

  

„Sei getreu!“ Diesen Aufruf höre ich heute. Das Leben besteht doch aus Kompromissen! Ist das nicht ein immer wieder zitierter Glaubenssatz?  Wie viele Kompromisse kann ich schließen, ohne dem untreu zu werden, der in meinem Herzen wohnen will, ohne Christus untreu zu werden?  Wie weit kann ich gehen, ohne den Glauben zu verleugnen, der mir ans Herz gelegt wurde. Heute hören wir diesen Aufruf: „Sei getreu bis an den Tod!“Das klingt so kämpferisch! Was kann uns in Deutschland schon passieren, wenn wir treu zur Kirche gehen? Was kann uns schon passieren, wenn wir uns zu Christus bekennen! Viele Christen in anderen Ländern haben es da schwerer, vielleicht auch die Christen, die heute in Izmir wohnen oder in Istanbul, in Kairo, in Kabul oder in Bagdad und in Teheran. Unser Glaube steht auf dem Prüfstand, muss sich bewähren – damals, wie heute, auch, wenn wir nicht um unser Leben bangen, auch, wenn wir gewiss nicht von den Behörden schikaniert werden. Trotzdem ist christliches Leben im Alltag eine Herausforderung, ein Balanceakt. Wie weit kann ich gehen? Wie viel Kompromisse verträgt mein Glaube im Alltag? 

 

„Sei getreu!“ Das ist kein Befehl, vielmehr eine Ermutigung, eine Werbung. Vergiss nicht das Wesentliche! Das erste Wort, das Christus an seine Gemeinde richtet, ist ein Wort des Trostes und der Anteilnahme. „Ich kenne deine Bedrängnis!“sagt Jesus. Er weiß um die Not, um die Angst und die Unsicherheit derer, die an ihn glauben. Er weiß, wie schwer es ist, treu zu bleiben, wenn Treue zu Christus bedeutet, gegen den Strom zu schwimmen.  „Ich kenne deine Bedrängnis“ sagt Jesus. Er weiß, welche Konsequenzen das nach sich zieht, wenn man gegen den Strom schwimmt: es bringt Leiden mit sich. Heute wirft man uns nicht ins Gefängnis. Man wirft uns möglicherweise „nur“ Intoleranz vor, wenn wir beispielsweise daran festhalten, dass es nur einen Namen unter dem Himmel gibt, der Leben und Seligkeit verspricht: der Name Jesu. Das passt doch nicht so recht zu einer multikulturellen Gesellschaft. Die ersten Christen mussten für dieses Bekenntnis als Staatsfeinde mit dem Leben bezahlen. Wir werden schlimmstenfalls nicht mehr ernst genommen. Aber auch das tut weh, zieht Leiden nach sich.  

 

 Christus schreibt seiner Gemeinde einen Brief. Er wirbt um Vertrauen und Treue. Er fordert nicht bedingungslosen Gehorsam, wie einst der selbstherrliche Kaiser in unserem Land oder später der Diktator, der sich Führer nannte und der in Wahrheit ein Verführer war. Wer hier Glaubenstreue fordert ist der Gute Hirte, der sein Leben für die Herde ließ. Das ist der – im buchstäblichen Sinn – himmelweite Unterschied. „Ich weiß, dass du es schwer hast“,lässt er die Christen wissen. „Ich weiß, dass es nicht leicht ist, bei mir zu bleiben, am Bekenntnis des Glaubens festzuhalten. Aber: fürchte dich nicht!“ Der Abschnitt aus der Offenbarung ist eine Ermutigung. Wag es,schreibt Christus. Glaube und vertraue mir! Ich bin bei dir, auch, wenn dir der Wind um die Ohren pfeift, wenn sie sich über dich lustig machen oder dich angreifen, nicht nur die Mächtigen im Staat, auch die anderen, die Macher der öffentlichen Meinung, die geistige Elite vielleicht, die Intellektuellen, die Meister des geschliffenen Wortes. Hab keine Angst. Es sieht wohl so aus, als ob du dich damit ins Abseits manövrierst. Am Ende aber will ich dein Leben krönen!Das höre ich heute in den Worten Jesu. Er will mein Leben krönen. Was für Aussichten! 

 

Wie mag diese Krönung aussehen? Vielleicht, indem Christus mir am Ende Recht gibt. Vielleicht, wenn ich am Ende merke, dass es nicht vergeblich war, am Glauben festzuhalten. Christus fordert nicht nur von uns Menschen lebenslange Treue. Er selbst ist treu – über den Tod hinaus. Er bekennt sich zu uns, noch bevor wir in der Lage sind, uns zu ihm zu bekennen. In der Taufe am Anfang unseres Lebens verspricht er uns, dass er uns treu bleibt, dass er bei uns ist, dass er uns nicht verlässt, vor allem nicht, wenn wir unsicher sind, wenn wir nicht mehr so recht wissen, was wir noch glauben sollen.  Wenn wir in der Gefahr sind, sprachlos zu werden. Vielleicht hilft es uns, dann immer wieder Zuflucht zu nehmen zu den Liedern und Gebeten, die uns von Kind auf begleitet haben und in denen die Sprache des Glaubens Ausdruck und Gehör gefunden hat. Vielleicht gehört das zur Treue dazu – dass wir den anderen heute diese vertrauten Worte ans Herz legen, Worte, die man sich ausleihen kann, wenn einem selbst die Worte fehlen: unseren Kindern, unseren Schülern, unseren Mitmenschen. Worte, die man beten kann, wenn man keine eigenen Worte mehr findet. Worte des Glaubens, die wir in der Bibel finden oder in den Liedern, die vom Glauben erzählen. Treu sind wir, wenn wir dafür sorgen, dass unser Glaube nicht sprachlos wird, dass wir die Lieder des Glaubens singen, die unsere Väter und Mütter gesungen haben und dass wir an die nächste Generation weitergeben, was wir von Herzen glauben. Bitten wir Christus um den Mut zur Treue. Er wird ihn in unser Herz legen. Weil er wahrmachen möchte, was er uns versprochen hat, weil er unser Leben am Ende krönen möchte. Amen.  

© Pfarrer Stefan Köttig, 18.11.2018  


Vom Tag des Heils, der Zeit der Gnade und dem Licht, das uns leuchtet. Predigt zum Drittletzten Sonntag im Kirchenjahr 

Die Uhren ticken wieder anders. Seit zwei Wochen schon. Die Zeit ist umgestellt. Es ist Winterzeit. Das bedeutet: es wird früher dunkel. Allein die Temperaturen verweigern sich noch, bleiben beharrlich herbstlich-mild, statt frühwinterlich nasskalt zu werden. Wir sind erstaunt: schon wieder November. Wir sind im im vorletzten Monat des Jahres angekommen. War nicht erst Sommer? Wie fühlen wir uns, wenn sich der Wandel der Zeit bemerkbar macht? Spüren wir, wie die Uhr tickt? Ich meine Lebensuhr? Ich stelle sie mir als  eine Sanduhr vor. Der obere Teil ist angefüllt mit unserer Lebenszeit. Der schmale Hals ist die Gegenwart. Der „Bauch“ ist die Ewigkeit. Unaufhörlich rinnt, der Sand mit unserer Lebenszeit von der oberen Hälfte durch den schmalen Hals in die untere. Wenn wir merken, wie der obere Teil immer leerer wird, erschrecken wir. Und ebenso, wenn wir die Jahreszeiten mit Lebensabschnitten vergleichen und dann erkennen: wir stehen nicht mehr in der Blüte, nicht mehr in der Mitte des Lebens, nicht mehr im Sommer. Wir sind im Herbst angekommen.


Der Herbst hat aber doch auch seine schönen Seiten, könnte man trotzig einwenden. Wer wollte das bestreiten? Wir denken dabei an den „Altweibersommer“ und schmunzeln über diese wenig charmante Bezeichnung. Wir denken an buntes Laub, an flatternde Drachen im Herbstwind und freuen uns am reifen Wein, der golden in den Gläsern funkelt.  Ein Herbstgedicht von Eduard Mörike beschreibt die schöne Seite des Herbstes, die noch die Erinnerung an den Sommer in sich trägt: „Im Nebel ruhet noch die Welt, / noch träumen Wald und Wiesen: / bald siehst du, wenn der Schleier fällt, / herbstkräftig die gedämpfte Welt / im warmen Golde fließen.“ Septembermorgen heißt das Gedicht. Sicher mussten Sie es auch in der Schule auswendig lernen, so wie ich. Deshalb löst es bei mir gemischte Gefühle aus – ebenso wie die Jahreszeit, die es beschreibt. Ich freue mich einerseits an den Bildern, die den Septembermorgen beschreiben. Doch zugleich rufen ausgerechnet diese Zeilen bei mir Erinnerungen an meine Schulzeit hervor, die mir weniger gefallen. „Septembermorgen“ – bei den Versen sehe ich nicht nur die Schönheit des Herbstes, sondern immer auch unseren strengen Herrn Lehrer vor mir, der diese Zeilen abgefragt hat:  wehe, du hast ein Wort vergessen, dich beim Aufsagen verhaspelt und die Schönheit der Verse zerstört! 


Mit dem Herbst geht es mir ebenso. Er hat zwei Seiten, er löst unterschiedliche Stimmungen aus, die Freude an den schönen Seiten dieser Jahreszeit und auch die bitteren Einsichten. Ist der Herbst nicht trotz aller Schönheit der Anfang vom Ende? Bringt der Herbst mit der früh einsetzenden Dunkelheit nicht auch die Erinnerung an die Vergänglichkeit all dessen, was man festhalten möchte?  Wie kann man zurechtkommen mit diesen vielfältigen Lebenserfahrungen? Mit Schönheit und Vergänglichkeit, mir Freude und Leid? Früher hat man in der dunklen Jahreszeit Kerzen angezündet und ins Fenster gestellt. Sie trugen ihr Licht in die Nacht, wiesen dem Wanderer dem Weg, erzählten vom Leben und warmen Stuben, vielleicht auch von Gastfreundlichkeit, einer warmen Mahlzeit und einem Bett für die Nacht. 


Wo Licht ist, ist Hoffnung, ist Leben – davon erzählt das Licht der Kerzen. Auch heute noch, wo das Kerzenlicht durch LEDs ersetzt wird. Wenn wir an Lebensschwellen treten, geben wir uns Kerzen mit auf dem Weg. Kinder bekommen eine Taufkerze, ganz am Anfang des Lebensweges. Auch Brautleuten wird am Tag ihrer Hochzeit eine Kerze geschenkt.  Die soll sie daran erinnern, dass sie nicht alleine sind auf ihrem gemeinsamen Weg ins Leben. Am Ewigkeitssonntag zünden wir Kerzen für die Verstorbenen an. Die Erfahrung der Endlichkeit müssen die Menschen nicht mehr fürchten. Das Licht dieser Kerzen erzählt von dem, was ewig ist, was bleibt in allem Wandel. Sie erzählen von Christus, dem Licht der Welt. Sie erinnern an sein Versprechen: „Wer mir nachfolgt, wird nicht im Finstern bleiben, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ Gewiss: Schatten können weiterhin  auf den Weg fallen. Enttäuschungen kann es weiterhin geben. Gefahren lauern auch weiterhin in der Dunkelheit.  Aber das Licht wird dafür sorgen, dass man seinen Weg findet. Das Licht lässt mich nicht nur die Gefahren sehen, die Stolpersteine auf dem Weg. Mit dem Licht sehe ich auch die Hilfestellungen, die es gibt: den Wegweiser, der die Richtung anzeigt, den Weggefährten, der mit mir geht. Dieses Licht sorgt für die Verwandlung, es trägt die Farbe dorthin zurück, wo die Nacht alles dunkelgrau erscheinen lässt. Es sorgt dafür, dass auch die von der Vergänglichkeit gezeichnete Welt wieder bunt wird. Es ist die Hoffnung, es ist der Glaube und vor allem die Liebe, die uns lehrt, auch in der vergänglichen Welt die Zeichen der Zeit wahrzunehmen. „Jetzt ist die Zeit der Gnade. Jetzt ist der Tag des Heils.“ Jetzt, am Ende des Jahres, wenn die Uhren wieder anders ticken, die Welt dunkler wird, jetzt leuchtet das Licht auf. Jetzt begegnet uns Christus, das Licht der Welt. Jetzt erst recht.


Sein Licht erzählt von der Hoffnung, die wir haben und die unvergänglich ist. Hoffnung, wie sie Jesus Christus den Menschen geschenkt hat, als er ihnen die Botschaft von Gottes Reich verkündet hat, als er mit den Sündern zu Tisch saß, als er die Kinder gesegnet, die Kranken geheilt, Tote ins Leben zurückgerufen hat. Da konnten die Menschen eine Ahnung von dem Leben bekommen, das Gott ihnen schenken will. Einen besonderen Grund zur Freude haben wir – und der wird von keiner Dunkelheit mehr verschluckt. Christus verspricht, bei uns zu sein. „Ich bin bei euch alle Tage, bis ans Ende der Welt.“ Diese Zusage macht der Auferstandene seinen Jüngern. Mit diesen Versprechen sendet er sie in die Welt, gibt er ihnen einen Auftrag. Sie sollen sein Licht in die Welt hineintragen. Sie sollen die Gute Nachricht zu den Menschen tragen. Sie sollen die Menschen taufen und einladen zu einem Leben im Schein des Lichtes, in der Gemeinschaft mit Jesus, dem Auferstandenen. Er ist Grund unserer Hoffnung. Die Lebens-Zusage Jesu gilt: "Ich lebe und ihr sollt auch leben!" Das wahre Leben ist gemeint, das ewige Leben, das Christus uns schenkt. Es beginnt schon jetzt, in unserer vergänglichen Welt. Es beginnt jetzt, wenn wir sein Licht in unsere Herzen lassen, wenn wir sein Wort hören und aufnehmen. Und deshalb brauchen Christen die Zeitumstellung nicht zu fürchten und auch nicht die Dunkelheit, nicht den Herbst und den Winter des Lebens, nicht die Schnelllebigkeit und Vergänglichkeit. 

„Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende…“ schreibt der Prediger Salomo. Die Ewigkeit erwartet uns nicht erst am Ende, wenn das letzte Sandkorn durch die Lebensuhr gerieselt ist. Wir tragen sie längst im Herzen. Sie leuchtet auf, wenn Menschen ihre Hoffnung auf Jesus Christus setzen, wenn das Licht, das Gott in diese Welt gesetzt hat, in uns zu leuchten beginnt. Wenn wir es wahrnehmen, leben wir in der Zeit der Gnade. Dann ist der Tag des Heils für uns angebrochen. Amen. 

11.11.2018