Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)

Predigten im Monat September 2018


Sieghafter Glaube - Predigt am über 1. Joh. 5,4c und Mt.15,21-2 am 17. Sonntag nach Trinitatis anlässlich einer Jubelkonfirmation

Und Jesus ging weg von dort und entwich in die Gegend von Tyrus und Sidon.

Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach, Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt. Er aber antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach. Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde. Sie sprach: Ja, Herr; aber doch essen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde. 

(Lutherbibel 2017, herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft Stuttgart)


„Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat!“ Mit diesem Wort aus dem 1. Brief des Johannes gehen wir in die 17. Woche nach Trinitatis. Mich begleitet eine Frage, ein leiser Zweifel. Ist das wirklich so? Ist mein Glaube tatsächlich sieghaft? Wie oft mache ich gerade gegensätzliche Erfahrungen? Wie oft muss ich mich arrangieren, Kompromisse schließen! Wie oft kommt mein kleiner Glaube dabei ins Wanken?  Täglich stellt sie Ansprüche an mich - diese  Welt!  Sie steht hier für eine Macht, die mich bedrängt, die Einfluss auf mein Leben und Denken nehmen will. Sie nimmt Gestalt an, wird konkret im Alltag - verlockend, bedrängend, fordernd zuweilen. Die „Welt“ will mir einreden, was wichtig ist und was nicht. Sie flüstert mir zu, dass  der Glaube in Wahrheit etwas für Gutmenschen und Warmduscher ist - für Weltfremde eben. Die kann man  belächeln. Ernstnehmen muss man sie nicht. Die Welt sagt, an erster Stelle steht der Erfolg, das persönliche Wohlergehen, durchaus auch auf Kosten der anderen, wenn es sein muss. Es gilt, was mir nützt.  Die Welt setzt auf Zahlen. Deshalb folgt morgens auf die Nachrichten der Börsenbericht und kein Bibelwort. 

Heute feiern wir Jubelkonfirmation - die „jüngsten“ haben vor einem viertel Jahrhundert, die ältesten, wenn ich das mal so sagen darf, schon vor siebzig Jahren versprochen, unter Jesus Christus, ihren Herrn, zu leben und im Glauben zu wachsen. Und dann sind sie in die Schule des Lebens gegangen - und haben die Welt kennengelernt, ihre schöne Seite, aber auch die hässliche. Die schöne Seite - heranzuwachsen, sich das Leben zu erschließen, Freundschaften zu pflegen, einen Partner zu finden, mit dem man das Leben teilen möchte, Kinder zu bekommen und heranwachsen zu sehen und vieles mehr. Die andere Seite der Welt gibt es auch. Die Enttäuschungen, die Entfremdung, Misserfolge, Brüche, Trennungen und Tod. Und zwischen die beiden Polen, zwischen Hoch und Tief, zwischen Erfolg und Niederlage soll sich der Glaube bewähren, soll der Glaube die Oberhand behalten. Was für eine Herausforderung. Manchmal scheint die hässliche Seite die Oberhand zu behalten, manchmal scheint nicht der Glaube die Welt, sondern die Welt den Glauben bezwungen zu haben. Dann könnte man resignieren. Alles nur schöner Schein? Ist alles, was in der Kirche gesagt wird, nur eine Sonntagsrede? Und in der Welt herrschen die anderen Gesetze?

Das Wort aus dem Johannesbrief und das Evangelium, das wir gehört haben, widersprechen dieser resignierende Zusammenfassung. „Unser Glaube ist der Sieg“ sagt Johannes. Und er fügt nicht „möglicherweise“ hinzu. Im Gegenteil. Unser Glaube ist der Sieg, weil nicht auf die eigene Kraft, die eigenen Möglichkeiten, die eigene Leistung  setzt. Der Glaube setzt auf ein Wort - auf Gottes Wort. In Jesus Christus ist es zu uns Menschen gekommen, ist es Person geworden. Dieses Wort lehrt andere Werte, als die, die in der Welt gelten. Der Glaube kennt den Widerspruch aber nicht die Niederlage, er ist hartnäckig. Der Glaube ist wie die Frau aus dem Evangelium. Sie hat eigentlich mit Jesus nichts am Hut. Sie geht nicht in die Kirche, sie ist nicht fromm im landläufigen Sinn. In den Augen der Gottesfürchtigen ist sie eine Heidin. Sie kommt aus einer Gegend, über die fromme Juden bestenfalls die Nase rümpfen. Aber diese Frau hat ein Herz. Und in diesem Herz wohnt die Liebe zu ihrer Tochter. Und diese Liebe ist stärker als ihr Stolz. Stärker als alle Dünkel und Vorurteile. Diese Liebe wagt es, die Grenzen zu überschreiten. Deshalb macht sie sich auf den Weg, dorthin, wo sich Jesus aufhält. Sie hat von ihm gehört. Sie weiß, dass er Kranke heilen, Tote ins Leben zurückholen und Besessene von ihren Dämonen befreien kann. Und deshalb ist er der, der ihrer Tochter helfen kann. Denn die wird, so schreibt das Evangelium, „von einem bösen Geist übel geplagt“ Und nichts und niemand scheint ihr helfen zu können. Also geht sie zu Jesus. Das lernen wir von der Frau: der Glaube nimmt Zuflucht zu Jesus. Er überlegt erst nicht, er zaudert nicht, er sieht den Helfer und er rennt zu ihm hin. So stelle ich mir die Frau vor. Sie läuft sich die Füße wund, um zu dem zu kommen, der helfen kann. So nimmt der Glaube Gestalt an. Er lässt sich nicht gefangen nehmen von der Not, lässt sich nicht einfangen von Phrasen wie: „Da kann man ja eh nichts machen“ oder „Ich bin nicht fromm genug, Jesus, das ist nur was für die ganz heiligen“. Der Glaube lässt sich sagen, wo die Hilfe zu finden ist - und dann geht er dort hin. „Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ ruft die Frau und benennt die Not. So schafft sich der Glaube Gehör: er spricht aus, was bedrückt und bedrängt. Wir können dieses Aussprechen oder Hinausschreien der Not auch Beten nennen. Das ist nicht immer nur ein Aufsagen von gelernten Worten wie dem Vaterunser. Das kann sich Bahn brechen in einem flehentlichen Hilferuf, in einem Stoßseufzer. Glauben Sie mir, er findet seinen Weg ans richtige Ohr und ins richtige Herz, er findet seinen Weg zu Jesus, auch wenn es zunächst nicht so aussieht. Der Glaube, der die Welt überwindet, lässt sich nicht entmutigen. Auch das lehrt uns die heidnische Frau, die um ihr Kind kämpft. Den die hört zunächst eine recht unfreundliche Antwort aus dem Munde Jesu: „Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde….“ Mir verschlägt es da immer die Sprache, wenn ich diese Antwort höre. Der Jesus, an den ich glaube, ist anders. Der sagt: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid!“ Der gießt einem hilflosen Menschen keinen Eimer Wasser über den Kopf. Aber genau das geschieht doch in der Geschichte. Eine brüske Abweisung, unfreundlicher geht’s nimmer. Oder? Aber die Frau lässt sich nicht entmutigen. Ob Jesus sie eigentlich nur prüfen will? Ob er sehen will, wie ernst ihr der Glaube ist. Kommt sie zu ihm, weil sie wirklich der Überzeugung ist, dass er und nur er helfen kann? Oder spricht sie ihre Bitte nur aus, um sich alle Eisen im Feuer heiß zu halten, etwa nach dem Motto: „Es kann ja nicht schaden, vielleicht hilft’s ja.“ Aber das wäre dann keine Glaube. Damit würde Jesus auch missbraucht. Man würde ihn zum Wunderheiler degradieren, wie es tausende gegeben hat und vielleicht auch noch gibt. Jesus ist kein Wunderheiler. Er ist der Retter, der Messias. Der Glaube, der die Welt überwindet, erkennt das, wer Jesus in Wahrheit ist - und bleibt deshalb beharrlich. Der Glaube bittet nicht nur um Hilfe, er bekennt auch, was er glaubt. Und das macht die Frau. Sie demütigt sich nicht, wie manche meinen könnten. Sie macht sich nicht klein, damit ihr geholfen wird. „Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen!“ Damit räumt sie ein, dass sie im Grund kein Anrecht auf Hilfe hat. Vielleicht vergessen wir das im Alltag immer wieder. Wie oft höre ich den Vorwurf: „Womit hab ich das verdient? Warum straft mich Gott?“ Menschen, die das sagen, haben oft etwas Schlimmes erlebt und deuten das als Strafe. Im Grunde sind sie aber auch der Meinung, dass sie etwas Besseres verdient haben. Und - so menschlich verständlich dieser Gedanke auch ist, er führt in die Irre. Hilfe, Zuwendung, Rettung und am Ende das Heil, wir haben nicht verdient. Das ist die große Zumutung, die Gott uns abverlangt: er verlangt von uns Demut. Wir haben das Heil nicht verdient. Es wird uns geschenkt. Im Bild vom Evangelium gesprochen: es wird uns zugeworfen, wie die Brotstücke den Hunden zugeworfen werden. Ein Anrecht darauf haben wir nicht. Ich bin mir im Klaren, dass das kein schöner und erst recht kein erbaulicher Gedanke ist. Er macht uns Menschen kleiner, als wir selbst uns sehen. Aber er enthält doch auch etwas, das uns entlastet. Wenn uns etwas Schlimmes widerfährt, wenn das Leben anders verläuft, als wir es gerne hätten oder geplant haben, dann ist das keine Strafe für ein Fehlverhalten. Es geschieht, weil wir in einer Welt leben, in der schlimme Dinge eben geschehen. Wir werden daran erinnert, dass wir zu den Bedürftigen gehören, dass wir in dieser Welt angewiesen sind auf Heil und Rettung. Wenn es uns gut geht, vergessen wir das oft. Wir nehmen das Gute oft als selbstverständlich hin.  Wenn es uns schlecht geht, gehen uns die Augen auf und wir erkennen, wer wir wirklich sind –  hilflose Menschen, angewiesen auf Gnade und Barmherzigkeit, wie die Hund auf die Brotstücke vom Tisch der Herren. Es gibt Menschen, die sind damit nicht einverstanden. Die verübeln das Gott und ziehen sich zurück. Manche vereinsamen in ihrer Not. Die Frau im Evangelium ist anders. Sie denkt an ihre  Tochter. Und deshalb lässt sie sich nicht abweisen. Sie bleibt beharrlich in ihrer Bitte. So wird sie uns zum Vorbild, wie der Glaube sich äußert, der Glaube, der uns durch die Misserfolge, die Niederlagen, die Durststrecken im Leben hindurchdrängt. Er trägt, indem er sich ausstreckt nach dem einen, der helfen kann. Er hält sich beharrlich fest an einem Namen, der uns Trost und Rettung bedeutet, an Jesus Christus.

Am Ende bekommt die Frau Recht - und zwar von Jesus selbst: „Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst.“ Ich vertraue darauf, dass Jesus diese Worte auch zu uns sagen wird. Er mutet uns Durststrecken zu. Er mutet uns Wartezeiten zu, vielleicht auch wundgelaufene Füße oder heißer geschriene Kehlen, er wartet darauf, dass wir zu ihm kommen, er wartet auf unser Gebet. Aber am Ende wird er uns aufrichten. Unsere Niederlagen, unser tägliches Versagen – wir können es vor ihn bringen. Am Ende hat er selbst alle Not auf sich genommen und am Kreuz ausgestanden, hat überwunden, was uns von ihm trennt, was uns vom wahren Leben abhält. Ein Zeichen hat er uns gegeben, an das wir uns halten können - in guten Zeiten zur Erinnerung und in schlechten Zeiten zum Trost. Ein Zeichen, das von seiner Nähe erzählt, vor allem im Leid. Das ist das Kreuz. Dort nämlich geschieht die Wandlung vom Verlierer zum Sieger. Am Kreuz erfolgt die Umwertung. Christus selbst hat sich am Kreuz erniedrigt - und doch mit seinem Sterben alle lebensverneinende Kräfte und Mächte überwunden. „Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst!“ sagt Jesus zur Frau. Was sie geantwortet hat, erfahren wir nicht. Nur, dass die Tochter gesund wurde, erfahren wir, dass ihr Einsatz also nicht vergeblich, ihr Glaube stark genug war. Das macht uns Mut, unser Leben im Glauben zu führen. Schauen wir auf die Frau im Evangelium. Lassen wir uns von ihrem Mut, ihrer Beharrlichkeit, ihrem Glauben berühren. Dann gilt auch für uns: „unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ Amen.


Pfr. Stefan Köttig, 23.9.2018, Altenstein



Die beiden Seiten der Wirklichkeit. Predigt über Apostelgeschichte 12,1-11 am 16.Sonntag nach Trinitatis 

 Um diese Zeit legte der König Herodes Hand an einige von der Gemeinde, sie zu misshandeln. Er tötete aber Jakobus, den Bruder des Johannes, mit dem Schwert.  Und als er sah, dass es den Juden gefiel, fuhr er fort und nahm auch Petrus gefangen. Es waren aber eben die Tage der Ungesäuerten Brote.  Als er ihn nun ergriffen hatte, warf er ihn ins Gefängnis und überantwortete ihn vier Abteilungen von je vier Soldaten, ihn zu bewachen. Denn er gedachte, ihn nach dem Passafest vor das Volk zu stellen. So wurde nun Petrus im Gefängnis festgehalten; aber die Gemeinde betete ohne Aufhören für ihn zu Gott.  Und in jener Nacht, als ihn Herodes vorführen lassen wollte, schlief Petrus zwischen zwei Soldaten, mit zwei Ketten gefesselt, und die Wachen vor der Tür bewachten das Gefängnis. Und siehe, der Engel des Herrn kam herein und Licht leuchtete auf in dem Raum; und er stieß Petrus in die Seite und weckte ihn und sprach: Steh schnell auf! Und die Ketten fielen ihm von seinen Händen. Und der Engel sprach zu ihm: Gürte dich und zieh deine Schuhe an! Und er tat es. Und er sprach zu ihm: Wirf deinen Mantel um und folge mir! Und er ging hinaus und folgte ihm und wusste nicht, dass das wahrhaftig geschehe durch den Engel, sondern meinte, eine Erscheinung zu sehen.  Sie gingen aber durch die erste und zweite Wache und kamen zu dem eisernen Tor, das zur Stadt führt; das tat sich ihnen von selber auf. Und sie traten hinaus und gingen eine Gasse weiter, und alsbald verließ ihn der Engel.  Und als Petrus zu sich gekommen war, sprach er: Nun weiß ich wahrhaftig, dass der Herr seinen Engel gesandt und mich aus der Hand des Herodes errettet hat und von allem, was das jüdische Volk erwartete. (Lutherbibel 2017, herausgegeben von der Dt. Bibelgesellschaft)

 

Diese Geschichte aus dem Leben des Apostels Petrus erscheint phantastisch und realistisch zugleich. Zunächst wird die Welt beschrieben, wie sie ist: hart und brutal. Da gibt es solche, die Angst und Schrecken verbreiten, die über andere Tod und Verderben bringen - und da gibt es andere, die der Willkür dieser Mächtigen ausgesetzt sind. In derselben Geschichte wird aber auch erzählt, wie Gott in diese Welt eingreift. Außerdem erfahren wir, was Christen tun können, wenn sie sich hilflos fühlen. Wir erfahren etwas über die Macht und die Kraft des Gebets. 

 

Zunächst etwas zum realistischen Rahmen unserer Geschichte. Es steht nicht gut um die ersten Christen. Herodes, ein König von Roms Gnaden, will sich bei seinem Volk einschmeicheln. Es handelt sich bei diesem König um Herodes Agrippa I. Der hat immer recht fromm und gottesfürchtig getan, wenn er gerade mal in Jerusalem war. Er wollte damit Eindruck schinden – beim Volk und vor allem bei denen, die Einfluss haben, bei den Hütern des Gesetzes, bei den Pharisäern zum Beispiel. Herodes hat sehr wohl bemerkt, dass die Christen sich gut als Sündenböcke eignen. Sie waren den religiösen Wortführern ein Dorn im Auge. Unbarmherzig geht er deshalb gegen sie vor. Er hofft, dadurch Sympathiepunkte zu sammeln. Die Apostelgeschichte erzählt von den Opfern des Königs - zum Beispiel von Jakobus, dem Sohn des Zebedäus und dem Bruder des Johannes. Höchstwahrscheinlich ist er ohne Gerichtsurteil um einen Kopf kürzer gemacht worden. Auch der Apostel Petrus wird verhaftet. Er soll in einem Schauprozess dem Volk vorgeführt werden. Dies soll nach dem Fest der Ungesäuerten Brote geschehen. Wie ein Schwerverbrecher wird er behandelt. Vier Wachen zu je vier Soldaten werden ihm zur Seite gestellt. In Ketten wird er gelegt. Tag und Nacht wird er überwacht. Sogar schlafen muss er zwischen zwei Soldaten. Schließlich soll er vor Gericht gestellt werden! Dabei ist das Urteil über ihn längst gefallen. Was wird das für ein Aufsehen erregen! Das Volk wird seinem Herrscher Herodes zujubeln, seine Macht und seine Stärke bewundern und vor der Härte erschrecken, mit denen er gegen diejenigen vorgeht, die er als Feindes des Volkes bezeichnet und die doch nur Opfer seines Machthungers sind. 

 

Die christliche Gemeinde in unserer Geschichte  lebt im Untergrund. Für sie gilt der Grundsatz: Es ist besser, wenn man nicht auffällt. Noch steckt ihnen der Schreck über das gewaltsame Ende des Jakobus in den Gliedern. Sie sind erschüttert, dass dieses Schicksal nun auch Petrus droht. Wie soll es ohne ihn weitergehen? Ich stelle mir vor, wie sich die Christen in Jerusalem hinter verschlossenen Türen versammeln. Verängstigt. Verstört. Ohne klares Ziel vor Augen. Aber sie legen die Hände nicht in den Schoß. Sie wenden sich an den, der ihnen jetzt noch helfen kann. Sie wenden sich an den, der ihnen versprochen hat: „Ich bin bei euch alle Tage!“Sie beten zum Herrn. Das ist der Rahmen unserer Geschichte. Sie spielt in der Welt, in der viele leiden, verfolgt werden, ein gewaltsames Ende finden. Aber in dieser Welt geschieht etwas Wunderbares. Gott greift ein. Er hört die Klagen und die Gebete der Christen, die die Hände zum Himmel heben und um Hilfe rufen. Gott hilft. Er rettet den Apostel Petrus. Wie das geschieht, davon erzählt der phantastische Teil unserer Geschichte. 

 

Gott schickt einen Engel ins Gefängnis. So wird die Geschichte in ein wunderbares Licht getaucht. Petrus hat geschlafen, fest geschlafen, als er auf einmal ziemlich unsanft geweckt wird. Er spürt einen Stoß in die Rippen. Er öffnet die Augen und kann nicht glauben, was er um sich herum sieht. So hell, so strahlend hell wird es in seiner Zelle. Warum nur die Soldaten nicht wach werden? Petrus spürt, wie die Ketten von ihm abfallen. Er kann sich frei bewegen. Das muss ein Traum sein! So benommen ist er, dass der Engel ihm sagen muss, was zu tun ist: Gürte dich! Zieh deine Schuhe an! Wirf deinen Mantel um! Folge mir!Dann verlassen die beiden das Gefängnis. Die Tore springen auf. Tore, die immer schwer bewacht und gut verriegelt sind. Aber die Wachen merken nichts. Draußen, auf der Straße, als Petrus die kalte, frische Nachtluft einatmet, verlässt ihn der Engel. Da   erst kommt er zu sich. Er sieht herab auf seine Hand - und Fußgelenke. Sie sind noch wundgescheuert von den Ketten. Aber er ist frei. Er dreht sich um. Die Umrisse des Gefängnisses zeichnen sich wie drohende Schatten in der Dämmerung ab. Kein Laut ist von dort zu hören. Keine aufgeregten Schreie von hin und herlaufenden Soldaten, kein Alarmsignal, das die anderen über seinen Ausbruch informiert. Die Wachen haben  dieses Wunder einfach verschlafen. „Nun weiß ich wahrhaftig, dass der Herr seinen Engel gesandt und mich aus der Hand des Herodes errettet hat ..." sagt sich Petrus. Vielleicht dämmert ihn jetzt erst, was geschehen ist. Dann dreht er sich um und geht zu den Menschen, die für ihn gebetet haben. Er sucht das Haus Marias. Er weiß, dass sich die Schwestern und Brüder dort aufhalten. 

 

Ich bin froh, dass es diese Geschichte in der Bibel gibt - auch wenn sie sich über alles hinwegsetzt, was wir modernen Menschen für möglich und für unmöglich halten. Ich bin froh, dass es diese Geschichte gibt, die von den beiden Seiten unserer Welt erzählt - von der realistisch - harten und von der phantastisch - himmlischen. Vor allem deshalb bin ich froh, weil uns im Alltag immer viel häufiger die nüchterne, die realistische und die harte Seite der Welt gezeigt wird. Ich denke in diesem Zusammenhang an die Unschuldigen dieser Welt, die vor den Schranken vieler Unrechtsgerichte stehen - ich denke an die vielen unbekannten  Christen, Juden, Moslems oder Atheisten, die um ihres Glaubens oder um ihrer Weltanschauung willen verfolgt, ergriffen und misshandelt werden, denen ein kurzer Prozess gemacht wird oder die einfach von der Bildfläche verschwinden und in irgendeinem anonymen Massengrab verscharrt werden. Ich denke an alle, denen es ähnlich wie Jakobus gegangen ist. Ich denke an die vielen Märtyrer, deren Name nur noch Gott kennt. Und ich denke an die Ohnmacht der anderen - derer, die sich um sie gesorgt haben, die sich verborgen halten und die sich der brutalen Macht der Unterdrücker hilflos ausgeliefert fühlen. Ich denke an alle, die den Freund oder die Freundin, den Kameraden oder Genossen, den Bruder oder die Schwester verloren haben, die mit ansehen mussten, wie sie ergriffen, vergewaltigt, verschleppt oder getötet worden sind und die darüber sprachlos geworden sind. Sprachlos vor Entsetzen. Sprachlos vor den Fakten, die der Tod schafft. 

 

Ich denke an die Gemeinde in Jerusalem. Die hatte Angst um Petrus und die hatte Angst um die eigene Existenz. Da wusste ja keiner, wer der nächste sein würde. Gestern Jakobus, heute Petrus - und morgen vielleicht ich oder du? Diese Gemeinde hat einen Weg aus der Sprachlosigkeit des Entsetzens gefunden. Sie hat gebetet. Wer betet, gibt die Hoffnung nicht auf. Er resigniert nicht. Beten ist keine Flucht aus der Welt. Wer betet bringt seine Not vor Gott, spricht sie vor Gott aus. Wer betet, vertraut darauf, dass die Welt nicht den Menschen überlassen bleibt. Und auch nicht den lebensfeindlichen Mächten, die sich unter den Menschen austoben, um Angst, Furcht und Entsetzen zu verbreiten. Mit bangem Herzen und von Zweifeln geplagt stelle ich mir die Jerusalemer Gemeinde vor. Sie hat sich in ihren Häusern verborgen, um für Petrus zu beten.  

 

Die Geschichte aus dem Neuen Testament erzählt von der wunderbaren Errettung des Apostels Petrus. Sie  macht uns Mut. Sie sagt uns, was wir tun können, wenn wir uns in dieser Welt hilflos und ohnmächtig fühlen. Sie zeigt, wie wichtig das Gebet der Christen ist - für einzelne, denen anders nicht mehr zu helfen ist. Die Geschichte ermutigt uns, damit zu rechnen, dass Gott uns hört und erhört. Die Apostelgeschichte erzählt davon in einer Art und Weise, die uns Vernunftmenschen recht märchenhaft erscheint. Und Märchen sind ja bekanntlich nicht wahr. Oder? Die Apostelgeschichte kümmert sich herzlich wenig um das, was wir für vernünftig oder für unvernünftig, für möglich oder unmöglich halten. Altes und Neues Testament sprechen häufig von Engeln. Die erscheinen meist dann, wenn vom Handeln Gottes in dieser Welt erzählt wird und wenn beschrieben werden soll, wie Gott mit Menschen in Verbindung tritt, wie Gott Menschen leitet oder beschützt: Er sendet seine Boten. Engel sind die helfenden Hände Gottes in unserer Geschichte. Bitten wir Gott um ein waches und offenes Herz, das sich vor dieser anderen Wirklichkeit nicht verschließt: vor der Wirklichkeit der helfenden Hände Gottes in dieser Welt. Von den Fakten, die Gott schafft, spricht übrigens auch der Wochenspruch. Er verweist uns auf Christus, dem ersten Nothelfer, an den wir uns wenden dürfen. Er hat dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat. Er wird Sorge dafür tragen, dass dieses Leben seinen Weg zu uns findet. Die Geschichte von der wunderbaren Errettung des Petrus unterstreicht das. Amen. 

©  Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein,16.9.2018