Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)

Predigten im Monat Juli 2018


Die Talente nützen - Predigt über Jeremia 1,4-10 am 9. Sonntag nach Trinitatis


Endlich Sommerferien! Das Schuljahr ist vorüber. Die Kinder freuen sich auf die freie Zeit und die Eltern seufzen, wenn sie an die nächsten sechs Wochen denken. Am letzten Schultag werden die Zeugnisse ausgegeben. Ein spannender Tag. Ich denke zurück an meine Schulzeit. Die Noten haben mich weniger interessiert, die konnte ich mir ja ausrechnen. Viel wichtiger war mir die Bewertung - der Kommentar des Lehrers, der über dem Fächerkanon mit den Einzelzensuren stand. In ein oder zwei Sätzen konnte ich eine Würdigung meiner Persönlichkeit, meines Benehmens und meiner Mitarbeit  im vergangenen Schuljahr lesen. Meistens habe ich mich über diese beiden Sätze mehr geärgert als über ein Mangelhaft oder ein Ausreichend. Meine Mutter hat mich dann in den Arm genommen und getröstet. „Der Lehrer kennt dich nicht so gut wie ich! Ich weiß, was du kannst!“ Mit diesen Worten gelang es ihr, meine Welt wieder gerade zu rücken. An diesem Sonntag geht es zwar nicht um Zeugnisbewertungen, wohl aber um unsere Talente und Begabungen und ihre Würdigung durch Gott, der uns besser kennet als wir selbst. Wir sollen mit unseren Pfunden wuchern, unsere Begabungen und Talente nützen. Tun wir das? Oder haben wir zu wenig Selbstvertrauen? Diese Fragen begleiten uns, wenn wir von der Berufung eines jungen Menschen aus dem Alten Testament hören. Heute - wo es um Talente und Begabungen geht - feiern wir eine Taufe. Was die Berufung des Propheten Jeremia mit unseren Begabungen und Talenten und mit unserer Taufe zu tun hat, darüber möchte ich heute mit Ihnen nachdenken. Doch hören wir zunächst auf den kurzen Bibelabschnitt, der von dieser Berufung erzählt:

 

Und des HERRN Wort geschah zu mir:  Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.  Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR. Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.  Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen. (Lutherbibel 2017, herausgegeben von der Dt. Bibelgesellschaft, Stuttgart)

 

Ich stelle mir vor, wie Jeremia zumute war, als er von seiner Bestimmung erfahren hatte. Glücklich war er nicht darüber. „O Gott, warum ausgerechnet ich!“ hat er sich vielleicht gedacht.  Prophet Gottes zu sein ist alles andere als ein Traumjob. Ein Prophet hat im Auftrag Gottes zu reden und zu handeln. Meistens ist er der Überbringer schlechter Nachrichten, von Drohbotschaften, von Ermahnungen. Mutig sollen und mussten Propheten sein, wenn sie vor dem Volk und vor allem vor den Mächtigen ihres Landes, vor Königen und Herrschern auftraten, um ihnen nicht immer angenehme Wahrheiten ins Gesicht zu schleuderten. Manchmal hatte man den Propheten ihre Worte verübelt und mit ihnen kurzen Prozess gemacht. Nein, Prophet zu sein ist kein Traumjob. Ich würde mich nicht darum bewerben und Jeremia hat es auch nicht getan. Dazu muss man Autorität haben, redegewandt sein, gebildet und vor allem furchtlos, wird sich Jeremia gedacht haben. Begabungen über die er nach eigener Einschätzung nicht im Geringsten verfügte. Im Gegenteil. Jung war er und unerfahren. Sollte das nicht besser ein anderer machen? Ich stelle mir vor, wie er seinen Mut zusammennahm, um Gott zu widersprechen. „Ich tauge nicht zu predigen!“ sagte er „… ich bin zu jung!“ Wäre da nicht ein erfahrener Diplomat, ein kluger Stratege oder ein Schriftgelehrter mit profunden Kenntnissen der Schriften die bessere Wahl?

 

Aber Gott lässt sich nicht beirren. Er bleibt dabei! „Sage nicht, ich bin zu jung!“ antwortet er dem Propheten. „Du sollst gehen, wohin ich dich sende und predigen, was ich dir gebiete!“ Mit anderen Worten  - es kommt weder auf das Alter an, noch auf das, was du von dir selbst denkst.  Gott sagt: „Ich traue dir das zu und ich werde für dich sorgen, also sei guten Mutes.“ In der Tat - er  wird dem jungen Jeremia allerhand zumuten. Aber er wird ihn in allem nicht allein lassen. Wer die Lebens - und vor allem die Leidensgeschichte des Propheten Jeremia kennt, kann eigentlich schon jetzt Mitleid bekommen. Jeremia wird es nicht leicht haben. Man wird ihm widersprechen. Er wird um sein Leben fürchten. Man wird ihn in eine Zisterne werfen, ihm den Tod an den Hals wünschen und am Ende wird er entführt werden, seine Spur wird sich in der Geschichte verlieren. Und doch wird ihn dieses Wort Gottes begleitet haben - „fürchte dich nicht vor ihnen, ich bin bei dir und ich will dich  erretten.“

 

Um die Talente geht es heute, die anvertrauten Pfunde, mit denen wir wuchern sollen. Fürchte dich nicht, sagt Gott zu Jeremia und auch zu uns. Dieser Zuspruch soll uns Mut machen, auf unsere Berufung zu schauen, auf unsere Talente und Begabungen wahrzunehmen und sie auszuschöpfen. „Ich bin zu jung“- der Einwand gilt nicht. Ebenso wie der andere: „Ich bin zu alt!“ Als Abraham aufgefordert wurde,  seine Heimat zu verlassen, war er fünfundsiebzig. Viele Einwände, die wir aufbringen, um nicht zu tun, was von uns verlangt wird, haben ihre Ursache in dem, was andere von uns denken, was andere über uns sagen, was andere so meinen und behaupten: die Leute im Ort, die Lehrer, die Familie, die Freunde. Die schüchtern uns ein. Die machen uns kleiner, als wir sind. Das schlimmste aber ist, dass wir diese Meinungen uns oft zu eigen machen, sie akzeptieren, sie übernehmen. Obwohl wir es besser wissen müssten!

 

Aber Gott sieht ins Verborgene. „Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleib bereitete und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und stellte dich zum Propheten für die Völker…“ sagt Gott zu dem jungen Jeremia. Mich freut diese Aussage: „ich kannte dich!“ Sie gilt ja auch mir und sie gilt jedem von uns. Sie gilt dem Kind, das wir taufen. Die Worte an den Propheten Jeremia erinnern uns daran, das wir keine Zufallsprodukte sind. Wir sind Wunschkinder Gottes - und zwar so, wie wir sind, nicht, wie wir sein sollten, wie uns andere haben wollen oder wie wir selbst uns haben wollen. Gott kennt uns und schätzt uns. Er ruft uns beim Namen. Wir sind berufen. Unsere Berufung ist die Taufe. Da spricht Gott uns persönlich an. Der Gott, der uns schon gekannt hat, bevor wir wurden, hat etwas vor mit uns, hat uns zum Leben bestimmt, zum Leben mit ihm, an seiner Seite. Jedem von uns hat Gott etwas anvertraut, eine Gabe ins Herz gelegt, die es gilt, zu fördern, zu nützen und im Leben zu entfalten. Das ist unsere Aufgabe, vielleicht sogar unsere Lebensaufgabe. Eine spannende Herausforderung ist das, die auch Mühe bereitet. Ich kann nichts, gibt’s  nicht. Jedenfalls nicht bei Gott. Jeder kann etwas. Vielleicht denken wir zu sehr an Erfolge der anderen, vielleicht setzen wir die Messlatte zu hoch an. Das wird nicht verlangt. Nicht einmal von Jeremia. Zu dem sagt Gott: „du sollst gehen, wohin ich dich sende. Du sollst predigen, was ich dir sage.“ Es wird ihm gesagt, was er tun soll. Verlangt wird von ihm zunächst einmal die Bereitschaft, hinzuhören, der Stimme Gottes zu lauschen. Sind wir bereit, auf Gottes Stimme zu hören? Sind wir bereit, auf sein Wort zu hören? Sind wir bereit, die Talente auszugraben, die er in uns gelegt hat, sie einzusetzen und zu fördern? Wir sind getauft, das heißt, wir sind berufen. Gott hat uns angesprochen und einen Auftrag geben. „Fürchte dich nicht“ sagt er zu Jeremia und er sagt es zu uns. „Fürchte dich nicht, nach deinen Talenten zu graben, deine Begabungen anzunehmen und zu entfalten. Fürchte dich nicht. Gott wird dich wissen lassen, was zu tun ist, womit du ihn preisen kannst.“

 

Unsere Berufung ist es, im Vertrauen auf Gott zu leben - unser Leben anzunehmen, so wie es ist und Gott damit die Ehre zu geben. Wer gut singen kann, soll singen, wer handwerklich geschickt ist, soll Handwerken, wer gut zuhören kann, soll zuhören und wer trösten kann, soll trösten - an dem Ort, wo Gott ihn hinstellt. Wir schauen dabei auf den einen, in dem Gott uns nahe gekommen iar, noch viel näher als Jeremia das hätte tun können. Wir schauen auf Jesus Christus, in dem Gott selbst zu uns Menschen gekommen ist, um uns an unsere Bestimmung zu erinnern. Wir sind zum Leben bestimmt, zum Leben mit Gott in dieser Welt und zum ewigen Leben in seinem Reich. Die Taufe ist der Grundstein für unser Leben unter der Obhut Gottes. Sein Wort begleitet uns, sein Zuspruch, seine Ermutigung: Fürchte dich nicht, trau dich, ich bin bei dir. Die Geschichte des Jeremia ist keine erbauliche Geschichte. Die Lebens - und Leidensgeschichte Jesu ebenfalls nicht. Und doch sind beide Biographien Geschichten der Hoffnung und des Gottvertrauens. Über beiden Lebensgeschichten steht das Wort, das auch über unserem Leben steht: „Fürchte dich nicht … ich bin bei dir und will dich erretten.“ Bei Jeremia waren die Leute gemeint, die ihn anfeinden und vor denen ihn Gott retten wollte. Wir dürfen diesen Zuspruch grundsätzlicher verstehen. Am Ende wird Gott uns ins Leben führen und zur Vollendung bringen, was bei uns immer nur unvollendet bleiben kann. „Fürchte dich nicht!“ Dieses Wort macht uns Mut, unser Leben anzunehmen, neugierig und gespannt auf das zu sein, was Gott mit uns vor hat, neugierig und gespannt auf die Möglichkeiten, die Talente, Begabungen und Fähigkeiten anzunehmen und einzusetzen, die Gott mir anvertraut hat, um in der Zeit, die mir auf dieser Welt gegeben ist, anderen von diesem Gott zu erzählen. Amen.

  © Stefan Köttig, Altenstein, 29.7.2018



Alles ist erlaubt? Predigt über 1. Korinther 6,9 – 14.18-20 in Altenstein am 8.Sonntag nach Trinitatis (22.7.2018)

Wissen Sie, was eine Gardinenpredigt ist? Der Begriff meinte ursprüngliche die Strafpredigt einer Ehefrau. Im Mittelalter sollen die Ehebetten durch Bettvorhänge, Gardinen, abgeschirmt gewesen sein. Wenn ein Mann zu später Stunde angetrunken nach Hause kam und die Frau schon im Bett lag, durfte er sich durch die Gardine hindurch die Strafpredigt anhören. Das „Narrenschiff“ – eine Moralsatire aus dem 15. Jahrhundert – belegt diese Deutung.  Heutzutage bezieht sich der Begriff aber nicht nur auf den Ehemann, sondern auf alle, die gelegentlich eine strenge Zurechtweisung nötig haben. Und Zurechtweisungen, deftige Strafpredigten, wurden nicht nur im Mittelalter gehalten. Der folgende Abschnitt aus dem 1. Korintherbrief erinnert mich jedenfalls an eine Gardinenpredigt.

 

„... wisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Täuscht euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzendiener noch Ehebrecher noch Lustknaben noch Knabenschänder noch Diebe noch Habgierige noch Trunkenbolde noch Lästerer noch Räuber werden das Reich Gottes ererben. Und solche sind einige von euch gewesen. Aber ihr seid reingewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes. Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich. Die Speise dem Bauch und der Bauch der Speise; aber Gott wird das eine wie das andere zunichtemachen. Der Leib aber nicht der Hurerei, sondern dem Herrn, und der Herr dem Leibe. Gott aber hat den Herrn auferweckt und wird auch uns auferwecken durch seine Kraft. Wisst ihr nicht, dass eure Leiber Glieder Christi sind? Sollte ich nun die Glieder Christi nehmen und Hurenglieder daraus machen? Das sei ferne! Oder wisst ihr nicht: Wer sich an die Hure hängt, der ist ein Leib mit ihr? Denn die Schrift sagt: »Die zwei werden ein Fleisch sein« (1. Mose 2,24). 17 Wer aber dem Herrn anhängt, der ist ein Geist mit ihm. Flieht die Hurerei! Alle Sünden, die der Mensch tut, sind außerhalb seines Leibes; wer aber Hurerei treibt, der sündigt am eigenen Leibe. Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört? Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe. (Lutherbibel 2018, herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft, Stuttgart)

 

 

Donnerwetter! Diese Worte haben’s in sich. Ich stelle mir vor, wie still es gewesen sein muss, als der Vorsteher der Gemeinde von Korinth diese Worte aus dem Brief des Apostels vorgelesen hat – wahrscheinlich im Gottesdienst. Ich kann die Minen auf den Gesichtern der Zuhörer vor mir sehen – bedrückt, verärgert oder triumphierend. Die letzteren werden sich zurücklehnen, die Arme verschränken und zustimmend mit dem Kopf nicken. Recht so! Endlich nennt einer die unsittlichen Zustände in  der Gemeinde beim Namen. Natürlich stehen s i e nicht auf der Liste der Ungerechten. Sie können die Strafpredigt mit einem wohligen Schauer genießen – so wie der Klassenprimus die Standpauke des Lehrers, die natürlich den anderen gilt.  Einige aber werden wohl unruhig auf ihren Sitzen hin und her gerutscht sein. Vielleicht, weil sie sich selbst angesprochen fühlen? Der Alkoholiker etwa. Trunkenbold nennt ihn Paulus. So eine Anrede tut weh. Ob Paulus ihn verstehen kann? Und wie geht es uns mit den Worten, die uns da um die Ohren gehauen werden. Fühlen wir uns überhaupt angesprochen. Trunkenbold! Ich doch nicht! Naja, der eine oder andere Schoppen zu viel, das kommt schon mal vor. Aber deswegen bin ich doch kein Trinker. Ein Lästerer –  man wird doch wohl noch seine Meinung sagen dürfen. Natürlich ist keiner von uns unzüchtig. Naja, die Gedanken sind frei. Schauen darf man doch, vor allem im Sommer, wenn aufgrund der hohen Temperaturen so manche Kleiderordnung vernachlässigt wird, wenn bei den jungen Dingern manches T-Shirt etwas zu figurbetont ist oder manche Hose zu kurz. Schauen darf man doch, sagen manche Herren der Schöpfung, gegessen wird dann Zuhause. Oder? Ansonsten sind wir alle anständige und brave Christenmenschen! Also, wegen uns braucht der Apostel keine Gardinenpredigt zu halten.

 

Die Korinther werdens aber wohl nötig gehabt haben. Und das, obwohl sie doch begeisterte Christen waren. In der Tat. Aber sie waren auch Kinder ihrer Zeit: sie besuchten den Gottesdienst und schätzen ihre heidnischen Philosophen. Sie waren offen für alles. Wenn es nur überzeugend vorgetragen wird. Und so kommt es, dass einige meinten, der Leib sei unbedeutend und ebenso die leiblichen Genüsse und Bedürfnisse. Die überraschende Schlussfolgerung war aber, dass man deshalb meinte, man könne die eigenen Triebe und Bedürfnisse ausleben. Gott interessiert sich nur für die Seele. 

Es war fast so wie heute: man ging zwar zur Kirche, aber ebenso gerne auch auf Partys, dort gab man sich dem Rausch hin, konsumierte Drogen und praktizierte freien Sex für freie Bürger. Das war nichts Besonderes in Korinth. Da stand ja sogar ein Sex – Tempel. Der war der Göttin Aphrodite, der Liebesgöttin, geweiht. Im Auftrag der Göttin boten angeblich rund 1000 Prostituierte ihre Dienste an. Salopp gesagt: Sex als Gottesdienst. Na, wenn das nicht eine bestimmte, vor allem männliche Laufkundschaft anzieht! Christen waren wohl auch  darunter. Die Seele für Gott – der Leib für … na Sie wissen schon. 

 

Heute haben wir keinen Aphrodite – Tempel. Aber wir haben das Internet, in dem wir bestimmte Seiten anklicken können, wir haben Hotlines mit bestimmten kostenpflichtigen Telefonnummern und Chatrooms, wo freundliche Damen und Herren wohl auf die Phantasien und Wünsche ihrer Kunden gerne eingehen, wir haben Fernsehprogramme, deren Werbung man zur später nächtlicher Stunde besser nicht sieht. Und wir haben Meinungsmacher, die uns überzeugen wollen, dass das alles Okay ist. Schließlich gilt: ich bin ein freier Mensch, mein Leib gehört mir, Triebe sind etwas Natürliches, sie müssen ausgelebt werden und so weiter. 

 

Alles ist mir erlaubt! Da gibt Paulus den Korinthern Recht. Und uns auch. Wir sind freie Menschen. Das stimmt. Wir merken nur nicht, dass wir dabei sind, unsere Freiheit zu verlieren, wenn wir glauben, dass wir tun können, worauf wir gerade Lust haben. Paulus sagt deshalb: alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen nehmen. Wir sind dazu berufen, im Reich Gottes zu leben. Setzt eure Berufung nicht aufs Spiel!  

 

Dieser Satz lädt mich ein, darüber nachzudenken, was mich gefangen nimmt, im täglichen Leben, was mich von meiner wahren Berufung abhält. „Lebt als Kinder des Lichts!“sagt der Wochenspruch. Das ist unsere Berufung. Wir sollen Kinder des Lichts sein. Wir sollen Botschafter vom Reich Gottes sein. Die Götzendiener werden das Reich Gottes nicht ererben?  Was sind eigentlich Götzen? Wir sind doch keine Heiden. Ich denke an das, was uns Martin Luther zum 1. Gebot ans Herz gelegt hat. Er schreibt: Es ist mancher, der meint, er habe Gott und alles genug, wenn er Geld und Gut hat. Er verlässt sich darauf und brüstet sich, damit so steif und sicher, dass er sonst auf niemanden etwas gibt….Also auch, wer trotzig darauf vertraut, dass er große Kunst, Klugheit, Gewalt, Gunst, Freundschaft und Ehre hat, der hat auch einen Gott, aber nicht diesen rechten einzigen Gott. Darum sage ich noch einmal, dass die rechte Auslegung dieses (ersten) Gebotes sei, dass einen Gott haben heißt: etwas haben, worauf das Herz gänzlich vertraut."Worauf vertraut mein Herz. Vertraue ich Gott oder meinem Bankkonto?

Das fügt sich nahtlos ein zu den anderen Ermahnungen. Diebe müssen draußen bleiben, schreibt Paulus. Wir sind keine Diebe, möchten wir entgegnen. Wie ist das dann mit denen, die bei der Fahrtkostenabrechnung ein paar Kilometer draufschlagen und den Arbeitgeber beschummeln? Ist doch nicht so schlimm?  Sind doch nur ein paar Euro.  Was ist schon dabei,  wenn man sich etwas kopiert, anstatt rechtmäßig zu kaufen – das neueste Album der Lieblingssängerin, der Blockbuster mit dem Lieblingsschauspieler. Die Geizhälse kommen nicht ins Reich Gottes, schreibt Paulus. Bin ich geizig, wenn ich nur einen Euro in den Klingelbeutel werfe? Wofür hab ich denn sonst jeden Tag Geld übrig –  für Zigaretten, Zeitungen, Bier? Und die Treue, die man dem Partner versprochen hat? Untreue beginnt meist im Kopf. Und sie tut weh. Sie demütigt den Partner, den mir Gott anvertraut hat, den zu lieben und zu ehren ich versprochen habe. Wenn wir ehrlich sind, haben wir schlechte Karten, was den Einlass in Gottes Reich betrifft – oder? Paulus zählt eine Reihe von Lastern auf und sagt den Korinther auf den Kopf zu: das habt ihr alles getan. Im selben Atemzug aber sagt er: ihr seid reingewaschen! Ihr seid geheiligt! Ihr seid heilig geworden – um Christi willen. Also lebt auch danach!

 

Die Kinder des Lichts sollen ehrlich sein. Dazu gehört auch die ehrliche Selbsteinschätzung. Die lautet: so gut bin ich gar nicht, wie ich immer geglaubt habe. Und  ebenso wichtig ist die neue Selbstwahrnehmung. Wir beginnen, uns in einem neuen Licht zu sehen –  uns und unseren Leib. Wir können den Leib nicht von der Seele trennen und die Seele nicht vom Leib. Der Mensch ist immer beides – Leib und Seele. Der Leib ist nichts Minderwertiges, das man vernachlässigen darf. In den Augen des Apostels hat er einen hohen Stellenwert. Der Leib, so sagt der Apostel, ist der Tempel Gottes. Der Leib ist das irdische Zuhause der Seele. Deshalb sollen wir ihn wertschätzen. Die Laster, die Paulus aufzählt, sind Beispiele dafür, wie Seele und Leib missbraucht, wie sie ausgebeutet, verwundet und kaputt gemacht werden – durch Geiz, durch Diebstahl, durch Treuebruch, durch eine Sexualität, die im anderen nur ein Objekt zur Triebbefriedigung sieht. 

 

Die Aufgabe der Christen als Kinder des Lichts ist es, den Menschen die frohe Botschaft zu bringen – die Botschaft, dass beides in den Augen Gottes wertvoll ist: die Seele und der Leib, die Botschaft, dass die Menschen als Kinder Gottes eine besondere Würde haben.  Kinder des Lichtes sagen Ja zum Sünder und Nein zur Sünde. Sie sagen Nein zur Sünde, weil sie dem Glauben, der Hoffnung und der Liebe die Kraft zum Leben entzieht, weil sie unfrei macht und weh tut, den anderen, der durch die Sünde leidet. Christen sind die Kinder des Lichts, wenn sie ihren Glauben leben, wenn sie den anderen zeigen, worin die wahre Freiheit besteht – im Leben mit Christus und nicht im Ausleben der Triebe und der egoistischen Wünsche, mit denen ich meine Mitmenschen manchmal auch mich selbst erniedrige und demütige.

 

Wer in Christus frei geworden ist, kann sich aus alten Bindungen lösen. Befreiung  geschieht, wenn wir von der Hoffnung erzählen, die uns Kraft zum Leben in der wahren Freiheit schenkt. Gott aber hat den Herrn auferweckt und wird auch uns auferwecken durch seine Kraft. Mit diesen Worten umschreibt Paulus die Zukunft, auf die er seine ganze Hoffnung setzt. Eine Zukunft für  Leib und Seele. Der Auferstandene Christus hat seinen Jüngern immer wieder die verwundeten Hände und Füße gezeigt. Sie sollten erkennen, dass ihnen kein Geist erscheint. Sie sollten erkennen, dass auch der Leib eine Zukunft bei Gott hat. Sie sollten erkennen, dass er heilig ist, das bedeutet: dass er Gott gehört. Und so sollten wir ihn behandeln – ehrfürchtig und mit Respekt, mit Liebe.  Wie das geschehen kann? In dem wir die Früchte des Lichts zum reifen bringen, in dem wir Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit zu den Menschen bringen und in Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit leben. Die Wahrheit ist, dass Gott mit uns leben will – und dass wir mit Gott leben sollen, in seinem Reich. Darauf hin sollen wir leben, schon jetzt. Amen.

 

 © Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 22.7.2018

 


Bewährungsfelder des Glaubens, Predigt über Phil.2,1-4 am 7.Sonntag nach Trinitatis 15.7.2018) anlässlich eines Vereinsjubiläums (Sportverein) 

„Ist nun bei euch Ermahnung in Christus, ist Trost der Liebe, ist Gemeinschaft des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit,  so macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid. Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.“ (Lutherbibel 2017, hg.v.d.Deutschen Bibelgesellschaft, Stuttgart)

 

Diese Worte des Apostels sind für mich Denkanstöße. Sie regen mich an, einer Frage nachzugehen: Wie geht es bei uns zu - in unserer Kirche, in unserer Gemeinde, in unseren Vereinen, aber auch in den Familien? Passt unser Verhalten zusammen mit den Vorstellungen des Apostels, wie „christliches Leben“aussehen sollte? In unserem Abschnitt ist von„herzlicher Liebe und Barmherzigkeit“die Rede, von „Demut“ und „Gemeinschaft des Geistes.“ Die Worte sind im Ton der Ermahnung gehalten - oder besser gesagt: im Ton der Ermutigung. Paulus will nicht mit erhobenen Zeigefinger dastehen! Er will seinen Lesern und Hörern Mut machen. Sie sollen ein menschenwürdiges Leben führen. Ein Leben, das seine Ausstrahlungskraft und Würde durch Jesus Christus erhält. Er ist die Mitte, der Mittelpunkt im Leben der Christen.  Er will Gemeinschaft mit uns haben. Und er  ist der tragende Grund unserer Gemeinde. Vielleicht ging es den Philippern im Alltag so wie uns auch: Wir stoßen schnell an unsere Grenzen – wenn es um Liebe geht oder um Barmherzigkeit oder gar um Demut. Immer wieder müssen wir daran erinnert werden, dass der Glaube Weichen stellt für die Wege, die wir gehen, für die Entscheidungen, die wir treffen, für das Leben, das wir führen. Es gibt Spannungen zwischen Theorie und Praxis - auch im Leben der Christen. 

 

„Seid eines Sinnes“ sagt Paulus. Er will keineswegs die Gleichschaltung aller Christen im Denken. Christen müssen nicht immer einer Meinung sein. Es geht um die Ausrichtung auf das Wesentliche - auf  Jesus Christus. Eines Sinnes zu sein – das verstehe ich als Herausforderung: „Richtet eure Sinne und Gedanken auf Jesus Christus aus!“Wenn ihr in euren Gemeinden, in euren Vereinen oder Verbänden zusammen seid und um eine Entscheidung ringt, wenn unterschiedliche Meinungen und Ansichten aufeinander prallen, dann schaut auf Jesus und überlegt euch, wie er gehandelt oder entschieden hätte. Christus ist der Grund, der Fels, auf dem wir unser Leben aufbauen. Deshalb kann Paulus voller Hoffnung sagen: „...ich bin darin guter Zuversicht, dass der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird's auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu.“

 

Der Auferstandene, der Vollbringer und Vollender unseres Glaubens, ist unter uns. Auch heute. Er will Gemeinschaft mit uns haben und er will Gemeinschaft mit uns herstellen. Deshalb  ist er gegenwärtig in den Versammlungen, er spricht zu uns durch das Wort der Propheten und Apostel, er stärkt uns durch sein Sakrament, er tröstet und richtet uns auf, er ermutigt uns, in seinem Sinn zu leben und zu handeln. Auf ihn  hin sollen wir unsere Gedanken, Wünsche, Pläne und Ziele ausrichten. Er ist das Zentrum, die Mitte. Wer Christus als den Auferstandenen erlebt, im Gottesdienst, in der Gemeinschaft der Heiligen, der begnadigten Sünder, wer die Werke der Barmherzigkeit an sich erfährt, wer sich in Liebe angenommen und versöhnt fühlt, bleibt nicht der alte. Er verändert sich. Christus hält bei ihm Einzug - in sein Herz, in seine Sinne, in sein ganzes Leben.

 

Was hat das alles zu tun mit uns und unserem Alltag, dort wo das Leben sich abspielt, wo unser Herz schlägt – zum  Beispiel im Verein, den wir angehören, für den wir uns engagieren, in den wir Zeit und manchmal auch Geld investieren. Das könnte man jetzt fragen. Was hat das zu tun mit unserer Arbeit im Betrieb oder mit unserem Familienleben? Die Worte des Apostels dienen nicht nur der Erbauung in der Stunde am Sonntag, in der wir Gottesdienst feiern. Sie wollen umgesetzt werden im Alltag. Deshalb haben seine Worte eine ganze Menge mit unserem Leben im Alltag zu tun. Mir ist das erst jetzt, bei der WM an einem Beispiel klar geworden. Ich denke daran, wie sich die schwedische Nationalmannschaft und ihr Trainer hinter einen ihrer Spieler gestellt haben: Jimmy Durmaz. Der in Schweden geborene türkischstämmige Spieler war durch sein Foul dafür verantwortlich, das Toni Kroos in der buchstäblich letzten Minute das Siegestor für Deutschland geschossen hat. Gehässige Kommentare, von denen das Wort „Verräter“ noch das gelindeste war, ergossen sich danach über den Spieler – vor allem in den sogenannten sozialen Netzwerken. In einem öffentlichen Video haben er und seine  Mannschaft ein klares Zeichen gesetzt und uns ein Beispiel gegeben, wie das gemeint ist, wenn Paulus sagt: „Habt Liebe untereinander“ oder „in Demut achte einer den anderen höher als sich selbst…“ Sie haben ihren Kameraden den Rücken gestärkt, der sich in einer Stellungnahme zur Wehr gesetzt hat. Sie haben buchstäblich hinter ihm gestanden und nicht den Kopf eingezogen, nach dem Motto: geht mich nichts an, ist ja auch seine Schuld, hätte er besser gespielt. Ob uns das helfen könnte, in der unsäglichen Debatte um Mesud Ösil oder Ilkay Gündogan wegen ihres Auftritts bei dem türkischen Staatspräsidenten? Zugegeben: ich habe diesen Auftritt auch weder verstanden noch gebilligt. Die beiden haben auch zu Recht dafür Kritik eingesteckt. Auch würde es wohl helfen, wenn Ösil sich erklären würde. Aber es geht hier um unser Verhalten, wie wir als Christen mit dieser Sache umgehen – mit unserer Empörung, mit unserer Enttäuschung, auch mit unserem Zorn. Ich denke, es geht nicht zusammen mit dem Aufruf zur Liebe, zur Barmherzigkeit, wenn man sich jetzt auf das Fehlverhalten eines einzelnen einschießt und ihn als Sündbock für viele Missstände hernimmt.  Respekt, Liebe, Toleranz, Bereitschaft zu Vergebung, Mut zum Neuanfang – die Handlungsfelder, auf denen sich die Worte des Apostels in die Tat umsetzen lassen, liegen nicht nur im kirchlichen Umfeld, sind nicht nur geschrieben für besinnliche Worte im Gottesdienst oder in der Kirchengemeinde. Christliche Werte müssen sich dort bewähren, wo sich unser Leben abspielt – in der Familie, am Arbeitsplatz, aber auch im Verein, auf dem Fußballplatz oder nach dem Spiel in der Kneipe beim Bier. Im Sommerinterview des ZDF hat am vergangenen Sonntag unser Bundespräsident Frank Walter Steinmeyer eine Verrohung der Sprache beklagt und sich dabei vor allem auf das Verhalten und die Redekultur der Politiker bezogen. Diese Verrohung der Sprache nehme ich aber auch im Alltag war – in der Schule, im öffentlichen Leben oder auf der Straße. Wir haben Grund genug, unser Verhalten, das doch Gemeinschaft ermöglichen sollte, immer wieder kritisch zu hinterfragen und an den Worten der Schrift, an den Ermahnungen der Apostel, zu bemessen. „Habt Liebe untereinander!“" sagt Paulus und lenkt unseren Blick auf den, der uns die Liebe vorgelebt hat, auf Jesus Christus, der auch ein Freund deutlicher Worte war und sich dennoch als Anwalt der Liebe Gottes dafür eingesetzt hat, dass den Menschen ein Leben im Sinne Gottes ermöglicht wird und das bedeutet: ein Leben in der Liebe, die dem anderen die Luft zum Atmen lässt. Lasst euch von ihm anleiten. Wenn ich das tue, gelingt es mir nicht mehr, ungeprüft Urteile nachzusprechen über andere, über Menschen, die meistens auf der Straße oder an Stammtischen gefällt wurden. Wahrscheinlich fällt es mir dann auch nicht mehr so leicht, einfach wegzusehen und so zu tun, als ob mich das alles nichts angehen würde: wenn zum Beispiel die Würde von Menschen mit Füßen getreten wird. Das geschieht nicht nur, wenn jemand handgreiflich wird. Die Würde wird auch durch Worte oder Pfiffe verletzt, durch sogenanntes nonverbales Verhalten, das heißt: durch Abwendung und Nichtbeachtung – wenn jemand für mich Luft ist.

 

Die Apostelworte wollen uns zum Nachdenken darüber anregen, wie das Leben bei den Christen aussehen könnte oder sollte, dort, wo sich das Leben abspielt. Wir leben von der Mitte her, die unserem Leben Sinn und Halt schenken will, von Jesus Christus, der unter uns ist und der uns um unserer selbst willen liebt. Er wird uns Kraft schenken, wenn wir den Kopf hängen lassen möchten, weil das eben alles nicht so einfach ist mit der Liebe und der Barmherzigkeit und der Demut. Er macht uns Mut, täglich neue Anfänge zu wagen zu einem Leben, das Spuren hinterlässt - vor allem bei uns selbst und dort, wo wir miteinander  leben – sei es in einer Gemeinde, in der Familie oder in einem Verein. Amen.

 ©  Stefan Köttig, Altenstein, 15.7.2018 


Heilsame Begegnung auf öden Straßen. Predigt über Apostelgeschichte 8,26- 39 am 6. Sonntag nach Trinitatis

 

 „Wie geht es dir?“ frage ich alte Bekannte erfreut, wenn sie mir über den Weg laufen. Manchmal kommen wir nach einer herzlichen Begrüßung ins Gespräch. Zum Abschied versprechen wir uns meist, Kontakt zu halten und wissen insgeheim doch, wie schwer das ist. Wir freuen uns dann darauf, wenn uns der Zufall wieder zusammenführen wird. Alte Bekannte sind für mich auch die Personen, über die wir heute nachdenken – einen heidnischen Intellektuellen und einen Missionar. Ich treffe sie regelmäßig, spätestens alle sechs Jahre, wenn ihre Geschichte im Predigtturnus wieder mal dran ist.  Es handelt sich um den Kämmerer aus Äthiopien und um Philippus. Wie oft sind sie mir schon begegnet? Wie oft habe ich über sie nachgedacht und gepredigt: in Familiengottesdiensten oder bei Taufgottesdiensten. Sie beginnt mit einem Auftrag. Gott sendet seinen Engel zu Philippus, den Missionar: „Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt und öde ist…“ 

 

Diese Aussage lässt mich schmunzeln. Wenn schon ein Engel eine Straße als öde bezeichnet, muss wirklich dort wirklich wenig los sein. Was für ein Irrtum. Diese öde Straße wird im Verlauf der Geschichte zum Ort der heilsamen Unterweisung.  Und ein Wassertümpel wandelt sich dort im Verlauf der Geschichte zu einem Gnadenbad. Doch darüber später.  Kehren wir zunächst einmal zurück zu Philippus. Er macht er sich auf den Weg. „Und er stand auf und ging…“heißt es in der Geschichte. Wie lange er unterwegs ist, wird nicht verraten. Bereits im zweiten Vers wird uns die andere Person vorgestellt – wegen ihr wird Philippus losgeschickt: „Und siehe, ein Mann aus Äthiopien, ein Kämmerer und Mächtiger am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien, welcher ihren ganzen Schatz verwaltete, der war nach Jerusalem gekommen, um anzubeten. Nun zog er wieder heim und saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja!“ 

 

Da ist er, unser zweiter alter Bekannter:  ein Mann aus Äthiopien, ein hochrangiger Hofbeamter der Kandake. Diesen Titel führte seine Königin. Für den Glauben der Israeliten hat er sich interessiert und deshalb - salopp gesagt - einen Bildungsurlaub in Jerusalem gemacht. Vielleicht wäre er gerne Jude geworden. Ein Gott, dessen Namen man nicht aussprechen und von dem man sich kein Bild machen darf, das ist doch für einen Intellektuellen etwas ganz anderes als die hölzernen und steinernen Bilder, die in den Tempeln seiner Heimat angebetet werden. Ob er das Volk Israel um seinen Gott beneidet hat, der sich jeder bildhaften Darstellung entzieht, aber dennoch seinem Volk so nahe ist, mit ihm hadert, es tröstet und immer wieder durch seine Propheten weidet, mahnt und ermutigt? „Ach ja“, wird er wohl geseufzt haben, „zum Volk dieses Gottes würde ich gerne gehören!“  Aber Jude zu werden war für ihn unmöglich. Er kann die Aufnahmebedingungen nicht erfüllen, um zu konvertieren. Wo in unserer Lutherbibel „Kämmerer“ steht, lesen wir in anderen Übersetzungen, dass es sich um einen Eunuchen gehandelt hat. Wir sollten bei diesem Wort nicht den gängigen Klischeevorstellungen verfallen. Eunuchen spielten in diesem Teil der Welt an vielen Königshöfen eine bedeutende Rolle, nicht nur als Haremswächter wie in orientalischen Märchen. Sie waren Erzieher der Prinzen und Prinzessinnen oder aufgrund ihrer Ausbildung einflussreiche Hofbeamte, wie unser Kämmerer. Viele Türen standen ihm offen aufgrund seiner Position. Nur Jude werden konnte er nicht. Jetzt sehen wir ihn auf einem gepolsterten Ochsenkarren sitzen und über eine Schriftrolle des Propheten Jesaja brüten. Er scheint also die hebraische Sprache gut zu beherrschen. So vertieft ist er in seiner Lektüre, dass er gar nicht bemerkt, wie da jemand neben ihm herläuft: Philippus. Mit einer Frage zieht der die Aufmerksamkeit des Kämmerers auf sich. „Verstehst du, was du liest?“

 

Eine provokante Frage ist das, auch für uns. Verstehen wir, was wir lesen, wenn wir die Bibel aufschlagen?  Über die Bedeutung der Taufe und das Leben der Getauften denken wir heute nach. „Verstehst du, was du liest?“ fragt Philippus. Die biblischen Schriften wollen verstanden werden. In unserer Zeit wird der Erfahrung, den Gefühlen und dem persönlichen Erleben ein hoher Stellenwert zugesprochen. Zu Recht. Der Mensch fühlt und denkt, er freut sich, er trauert, hat Angst und Sehnsucht und sucht im Glauben dabei seine Verankerung. Wie gut, dass es diese Methoden gibt, die uns über den Umgang mit unseren Gefühlen und Träumen, der Bilderwelt unserer Seelen einen Weg zum Glauben erschließen - durch Meditation und Tanz beispielsweise.  Darüber aber darf das Nachdenken und Verstehen nicht ins Abseits geraten. Die Botschaft der Bibel will nicht nur erfühlt, sondern auch verstanden werden. Nicht umsonst sagt Martin Luther im Kleinen Katechismus in der Erklärung zum 3. Gebot, zur Heiligung des Sabbats, des Feiertags: „Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir die Predigt und sein Wort nicht verachten, sondern es heilig halten, gerne hören und lernen.“Wie man Gottes Wort heilig hält, zeigt uns der heidnische Kämmerer. Er liest es. Er beschäftigt sich intensiv damit, Wort für Wort, Buchstabe für Buchstabe. Gottes Wort soll in Fleisch und Blut übergehen, in Herz und Verstand Einzug halten.  Und wir sollten es ihm gleichtun. Nicht nur lesen, was in unserer schnelllebigen Welt oft mit Überfliegen verwechselt wird. Sondern memorieren, lernen, ins Herz aufnehmen, was man liest. Das ist lernen. Dabei stößt man allerdings schnell an die Grenzen des Verstehens. Deshalb lässt sich der Kämmerer gerne helfen. Er hört auf Philippus, der ihm die Textstelle, um die es geht, ausführlich erklärt. Und so erfährt er, wie die Christen die Worte des Propheten Jesaja, wie sie die ganze Schrift deuten. Sie lesen sie auf Christus hin, erkennen in seinem Leben und Leiden den Heilsweg, der für uns zugleich ein Weg der Erlösung ist. Erlösung heißt Befreiung. Wer zu Christus gehört, wird aus Bindungen befreit, die ihn einschränken, hemmen, am Leben hindern. Leben aus der Bibel und mit dem biblischen Wort, das erfahren wir heute, dient dem Aufbau einer persönlichen Christusbeziehung. Christus ist für mich gestorben. Was da vor langer Zeit geschehen ist, hat Auswirkungen bis in meine Gegenwart. Es dient meinem Heil.  Wer in dieser Beziehung lebt, spürt die Sehnsucht nach einer noch engeren Verbindung, die über das Nachdenken und Memorieren hinausgeht. 

 

Jetzt kommen neben dem Denken das  Fühlen und Erfahren des Glaubens zu ihrem Recht. Aus der Geschichte der Begegnung und der Belehrung wird eine Taufgeschichte. Denn inzwischen kamen sie an einer Wasserstelle vorbei. Vielleicht nur ein kleiner Tümpel mit trüben Wasser, gerade gut genug, um das Vieh zu tränken und eine Pause zu machen. Für den Kämmerer wird diese Wasserstelle zu einem Ort, der sein Leben umkrempelt. „Was hindert’s, dass ich mich taufen lasse?“ fragt er seinen Lehrer. Philippus scheint in das Herz des Kämmerers zu sehen. Er scheint seinen Glauben und seine Sehnsucht zu spüren. Nein, er findet keinen Grund, die Taufe abzulehnen. So steigen sie in das Wasser - der christliche Missionar und der Heide, um sich taufen zu lassen. Ob man sich später an dieser unkomplizierten Haltung und Handlung des Missionars gestoßen hat? In jüngeren Handschriften findet man einen Zusatz, eine Einfügung. Da spricht Philippus: „Wenn du von ganzem Herzen glaubst, so kann es geschehen.“ Und der Kämmerer antwortet darauf: „Ich glaube, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist.“ Das persönliche Bekenntnis zu Christus ist  die Voraussetzung für die Taufe. Die Unterweisung in Form eines Gesprächs über die Bibel soll auf die Taufe vorbereiten. So wollte es die junge Kirche. Deshalb hat sie diese Bekenntnis in die Geschichte eingefügt. Deshalb sprechen wir bis heute vor der Taufe gemeinsam  das Glaubensbekenntnis. Und deshalb feiern wir auch die Konfirmation, in der die jungen Christen ihr Bekenntnis zu Christus, das einst Eltern und Paten mit der Gemeinde stellvertretend gesprochen haben, nachholen und bekräftigen.  

 

Eine bahnbrechende Geschichte hören wir heute. Eine Geschichte, in der Trennungen überwunden werden. Wir erfahren, wie das Taufwasser Grenzen auslöscht, die heute gerne wieder hochgezogen werden. Die Geschichte erinnert uns daran, dass das Gottesvolk die Grenzen anders zieht als wir das heute tun. Nicht die Nation, nicht die Herkunft, nicht die Hautfarbe, nicht Bildungsgrad oder die körperliche Unversehrtheit, erst recht keine Behinderung oder Krankheit entscheiden darüber, ob ich zum Volk Gottes gehören darf oder nicht - sondern das persönliche Bekenntnis zu Christus und die Bereitschaft, mit ihm zu leben. Der Taufgedächtnissonntag ermutigt uns, darüber nachzudenken, ob ich das Bekenntnis des Kämmerers nachsprechen kann: „Ich glaube, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist.“ Der Taufgedächtnissonntag will uns an unsere Taufe erinnern, daran, dass wir durch die Taufe zu diesem weltweiten Volk Gottes, zu seiner Familie gehören. Vielleicht provoziert er uns auch. Er fragt danach, wie wichtig mir das in meinem Leben ist – oder ob nicht vielleicht andere Bindungen mein Herz in Beschlag nehmen. Warum die Verbindung mit Christus, die durch die Taufe besiegelt wird, gegen nichts eingetauscht werden sollte, erfahren wir am Ende der Geschichte.

 

Von dem Kämmerer wird gesagt: „…er zog aber seine Straße fröhlich.“ Die Taufe hat ihn zu einem fröhlichen Menschen gemacht. Er weiß, dass Gott ihn so wie er ist angenommen hat, dass er Gott recht ist und dass er zur Familie Gottes gehört. Das sind doch in der Tat himmlische Aussichten. Sie lassen das Herz leicht und fröhlich werden. Dass Philippus in der Geschichte auf einmal nicht mehr da ist, spielt jetzt keine Rolle mehr. Seine Aufgabe war erfüllt. Vielleicht hat Gott ihn an einer anderen Stelle gebraucht. Wenn der Kämmerer allerdings in seinem Leben Jerusalem noch einmal besucht haben sollte, wird für ihn diese Straße wohl niemals mehr öde gewesen sein. Sie wird ihn  sein Lebtag lang an diese Begegnung erinnern, die sein Leben verändert hat. Auch wir haben einen Ort, der uns daran erinnert, dass wir zur weltweiten Familie Gottes gehören. Das ist der Taufstein in unserer Kirche. Wenn wir ihn sehen und uns daran erinnern, was uns mit der Taufe geschenkt wird, können wir auch unseren Lebensweg fröhlich fortsetzen.  Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 08.07. 2018 


Vertrauen wagen. Predigt über 1. Mose 12, 1 – 4 am 5. Sonntag nach Trinitatis. (1.7.2018)


„Und der Herr sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. Da zog Abram aus, wie der Herr zu ihm gesagt hatte.“ 


„Du, Oma, warum hängst du so an dieser alten Küchenuhr?“ Ich glaube, ich bin noch nicht in die Schule gegangen, als ich meiner Großmutter diese Frage eines nachmittags gestellt hatte, als ich am Küchentisch bei den Hausaufgaben saß. Diese Küchenuhr ging immer etwas nach. Sie war klobig und hässlich und man musste aufpassen, wenn man sie mit ihrem großen Schlüssel aufzog, damit man das Uhrwerk nicht kaputt machte. Mein Großvater wollte sie öfters schon durch eine andere, modernere ersetzen. Aber die Großmutter hat das stets verhindert. An diesem Nachmittag hat sie mir das Geheimnis verraten, warum diese Uhr so wertvoll war. „Die erinnert mich an Zuhause!“ sagte sie und nahm mich in den Arm. Zuhause! Das war nicht der Ort, an dem ich selbst geboren und groß geworden war. Das war nicht dort, wo wir jetzt lebten: im Haus meiner Eltern und Großeltern. Zuhause, das war die kleine Stadt im Sudetenland, aus dem die Großeltern beide stammten. Mit leuchtenden Augen erzählte die Großmutter von dem schönen Haus, in dem sie  dortwohnten. „Wir hatten es nach unserer Hochzeit gebaut ... “ sagte sie. „Dein Vater und deine Tante sind dort geboren. Als die so alt waren wie du jetzt, mussten wir fort. Hals über Kopf.“ Da sind ihr dann auch schon die Tränen in die Augen gestiegen, wie so oft, wenn sie von dieser Zeit erzählte. „Wir waren keine Flüchtlinge!“ sagte sie bestimmt, „obwohl man uns immer wieder so genannt hatte. Wir wurden vertrieben. Zwei Stunden hatten wir Zeit, um das Haus zu verlassen. Mitnehmen durften wir nur, was wir tragen konnten.“  

 

Meine Großeltern waren nicht mehr jung, aber auch noch nicht salt, als die neuen Herren des Landes sie und ihre Familie mit Gewehren zu den Güterwagen trieben, um sie dort zu verladen wie man Vieh verlud. Heute kann ich nur staunen über die Lebensleistung meiner Großeltern und ihrer Generation, denen es gelungen war, sich mit viel Fleiß eine neue Existenz aus dem Nichts aufzubauen: ein neues Haus und ein neues Geschäft. Meine Großmutter war eine fromme Frau. Sie hat dem Herrgott nicht die Schuld für ihr Schicksal gegeben. „Schuld war der Krieg“ sagte sie. „Schuld waren wir selbst, die Menschen, weil wir es nicht schafften, im Frieden miteinander zu leben, weil wir nie zufrieden sind, mit dem, was wir haben und weil kein Glaube mehr in den Herzen der Menschen wohnt und keine Gottesfurcht.“ Heute muss ich an sie denken. Das Land, die Stadt, in der sie dann alt geworden und gestorben ist, war wohl in den folgenden Jahrzehnten zu ihrem neuen Zuhause geworden. Die Heimat aber war anderswo. Die Heimat war dort, wo dieses Haus ihrer Jugend stand. Dieses Haus, in dessen Küche eine Uhr hing, die so aussah wie diese alte, schäbige an der Wand. 

 

Daran muss ich heute bei der Geschichte aus dem Alten Testament denken. Ich weiß, es gibt etliche Unterschiede. Abraham wurde nicht vertrieben. Das ist richtig. Er war um einiges älter, als meine Großeltern damals. Auch das ist wahr. Und er hat sich freiwillig auf den Weg ins Ungewisse gemacht. 75 Jahre soll er da gewesen sein. Uralt war das in einer Zeit, in der die Menschen vielleicht nur zwanzig oder dreißig Jahre alt geworden sind, weil sie durch Krieg oder Krankheiten oft vorzeitig aus dem Leben gerissen wurden. Und so stelle ich ihn mir vor: als einen vom Leben gezeichneten Mann. Er stammte aus der Gegend am Eufrat. Als Kleinviehnomade war er Besitzer einer stattlichen Herde aus Schafen und Ziegen. „Nun wird es langsam Zeit, dass ich mein Haus bestelle!“ Immer wieder ging ihm dieser Gedanke durch den Kopf. Immer wieder wollte er ihn verscheuchen, wie man eine lästige Fliege verjagt, die einem vor der Nase tanzt. Die Vorstellung, seinen Besitz zu verteilen, gefiel Abraham nicht. Es war ja nicht so, dass er zu sehr an seinem Hab und Gut hing. Er wusste nur nicht, wem er seinen Besitz hinterlassen sollte. Vielleicht seinem Neffen Lot, dem nächsten Verwandten? Oder seinem treuesten Knecht? Es gab ja sonst niemanden! Er und seine Frau Sarah waren kinderlos. Ich stelle mir vor, dass das für den frommen, rechtschaffenen und weisen Abraham eine starke Glaubensprüfung gewesen ist. Wer viele Kinder hatte, galt als von Gott gesegnet. Da fehlte also etwas Wichtiges im Leben von Abraham und Sara. Eines Tages – oder besser gesagt: eines Nachts – hatte Abraham ein Erlebnis, das ihn von Grund auf veränderte. Er hörte, wie Gott ihn rief. Gott rief ihn fort - weg von allem, was für ihn Schutz und Sicherheit bedeutete: fort vom Land seiner Väter, fort aus der Heimat, fort vom sicheren Dach über dem Kopf, fort vom Zuhause. Gottes Ruf riss ihn aus dem allen heraus. Wohin die Reise gehen sollte, wurde nicht verraten. Da beschränkte sich Gott nur auf den vagen Hinweis, dass er ihm das Land schon noch zeigen werde. Einen alten Baum verpflanzt man nicht mehr?Von wegen! Gott mutet Abraham zu, noch einmal etwas ganz Neues anzufangen. 

 

Abraham hatte sich rufen lassen. Dennoch ist der Ruf eine Zumutung, die wohl nur durch einen tiefen Glauben, durch ein unerschütterliches Vertrauen zu ertragen war - Vertrauen zu dem, der ihn gerufen hatte - zu Gott selbst, der von Abraham dieses Wagnis des Neuanfangs verlangte und  ihn zugleich mit einer großen Verheißung Mut machte:„...ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.“  

 

Ich will dich segnen! Abraham soll all das bekommen, wonach die Seele verlangt. Er soll zum Ahnherrn eines großen Volkes werden. Er soll einen großen Namen bekommen. Abraham soll ein Segen sein. „Auf das Wort hin will er's wagen; / ohne Klagen, ohne Fragen / steht er auf und zieht er fort, / Richtung zeigt ihm Gottes Wort...“  heißt es in einem Lied über Abraham. So wird er zum Vater aller Glaubenden. Er vertraut sich ganz diesem Gott an - einen Gott, der jetzt immer wieder zu ihm spricht und ihn wissen lässt, wie es weitergeht. Und das wiederum verbindet Abraham mit Menschen wie meinen Großeltern. Die waren Gott dankbar – trotz allem, was sie erlebt hatten: Krieg, Verlust, Vertreibung und oft ein schwerer Neubeginn. Sie haben das Leben, so wie es kam, aus Gottes Hand angenommen. „Wir haben unsere Heimat verloren“ sagten es. „Aber jetzt leben wir auch wieder in einem schönen Haus. Es geht uns wieder gut, aus unseren Kindern ist etwas geworden, sie haben geheiratet. Wir haben gesunde Enkel und wir haben genug zu essen …“ Das war das Glaubensbekenntnis meiner Großeltern, dafür haben sie Gott gedankt, jeden Sonntag im Gottesdienst. Keine Klage. Dankbarkeit! Was sie geglaubt haben, gaben sie weiter an uns, die Jüngeren. 

 

Abraham wird zum Vater aller Glaubenden, weil er  uns lehrt, was Glauben bedeutet. Glauben heißt Vertrauen. Abraham hat sein Schicksal in die Hand dieses einen Gottes gelegt, der ihn segnen wollte. Er haderte nicht mit diesem Gott. Er sagte nicht: ich bin zu alt, such dir einen jüngeren. Oder: ich mag nicht mehr weiterziehen, ich bin zu schwach für solche Mühen. Er lebte mit diesem Gott. Er baute ihm Altäre, brachte ihm Opfer dar  und vertraute dem Versprechen, das Gott ihm am Ende seines Lebens noch gab, ein Versprechen, das eine große Zukunft und Leben in sich barg, ein Versprechen auf das hin man’s in der Tat noch einmal wagen konnte, sich aufzumachen auf einen weiten Weg: „...in dir sollen gesegnet  werden alle Geschlechter auf  Erden.“

 

Die Geschichte vom Stammvater Abraham zeigt mir, was Gott von seinem Volk erwartet - Gehorsam und Vertrauen. Die Geschichte von Abraham erinnert mich daran, dass wir unterwegs sind - als Gottesvolk, miteinander und doch auch jeder für sich. Die Geschichte von Abraham zeigt mir, dass Gott uns etwas zumutet und uns etwas schenken will. Er mutet uns Wandel und Veränderung im Leben zu und verspricht uns seinen Segen. 

 

Aufstehen und fortziehen. Ohne den Zuspruch Gottes hätte es Abraham wohl nicht gewagt. Aufstehen und fortziehen. Etwas Neues anfangen im Leben, sogar noch im Alter. Mit klopfendem Herzen und weichen Knien manchmal und doch voll Hoffnung. Aufstehen, etwas Neues wagen.  Sich rufen lassen und Folgen! Das ist die Zumutung.  Wir sollen es immer wieder mit Gott wagen, uns immer wieder ganz auf ihn verlassen und dann aufbrechen, in das Land, das er uns zeigen wird. Das fremde Land, in das Gott uns führt, kann so unterschiedlich aussehen – vielleicht müssen wir dazu nicht einmal die Koffer packen. Vielleicht bedeutet es auch nur, sich einzugestehen, dass nichts so bleibt, wie es ist, dass die Kinder das Haus verlassen, dass der Körper älter und gebrechlicher wird, dass sich Krankheiten einstellen, die mich einschränken – und dass schließlich der große Aufbruch am Ende des Lebens kommt. Für Christen bedeutet sterben ins Vaterhaus heimzukehren, ans Ziel zu kommen. Es geht heute aber nicht nur darum, was Gott uns abverlangt, sondern auch, was er uns schenken will.  

 

Du sollst ein Segen sein!Das ist die Bestimmung Abrahams – und vielleicht auch unsere. So verstehe ich mein Christenleben. Den Segen Gottes in die Welt tragen, die sich jeden Tag immer etwas ändert. Den Segen Gottes in diese Welt tragen – und das im fröhlichen Vertrauen, selbst gesegnet zu sein, das ist unser Auftrag. Den Segen weitergeben – auch da denke ich an meine Großmutter. Wenn wir in den Urlaub gefahren sind, oder auch nur am Morgen auf dem Weg zur Schule, hat uns die Großmutter gesegnet, ein Kreuzzeichen auf die Stirn gemacht: „Behüt dich Gott!“ waren ihre Worte.  Sie hat sich nicht darum gekümmert, dass mir als Jugendlichen das oft peinlich war. So sind wir in unseren Alltag hinaus gegangen, mit einem Segen. Ich denke, die Segensworte haben ihre Spuren hinterlassen in unseren Herzen, haben uns geformt und zu dem gemacht was wir sind, heute. Ein Segen sollen wir sein, für andere. Nicht nur durch die Worte, die wir anderen zusprechen. Auch durch die Taten. Vom Glauben sollen wir erzählen, den anderen, die vielleicht Sehnsucht danach haben. Und vertrauen sollen wir, dass Gott etwas Gutes daraus macht. Ein Segen sollen wir sein.  Wer mit dem Segen des Herrn geht, braucht sich nicht zu fürchten, wenn ihm Neues begegnet, Unbekanntes, Aufregendes. Deshalb habe ich mir vorgenommen, gelassener zu sein und dem Herrn der Kirche zu vertrauen – Jesus Christus. Der hat seinen Jüngern ebenfalls versprochen, sie nicht allein zu lassen, wenn sie sich aufmachen. „Siehe, ich bin alle Tage bei euch, bis an das Ender der Welt!“ sagt er zu ihnen, als er sie aussandte, um das Evangelium zu verkündigen. Ich glaube daran, dass er uns auf unserem Weg begleitet. Er spricht zu uns durch sein Wort, er stärkt uns durch sein Sakrament, damit unsere Schritte fest werden. Er lässt uns nicht ins Ungewisse laufen, schon gar nicht auf einen Abgrund zu. Auf Jesus, den Herrn der Kirche will ich schauen und mich an die Maßstäbe halten, die er setzt. Mit ihnen will ich das Alte und das Neue prüfen und das Gute bewahren, will ich Veränderungen im Glauben und Leben wagen - ich denke an den Maßstab der Liebe, des Gottvertrauens, der Barmherzigkeit. So kann man zum Segen werden für andere. Vertrauen wir also dem, der sein Volk begleitet. Vertrauen wir Gott, wie Abraham das getan hat. Vertrauen wir, dass auch uns die Verheißung gilt, die ihm Kraft gegeben hat, den Weg zu gehen, zu dem wir berufen sind, und das Ziel zu finden. Es war der Glaube, das Vertrauen, das aus Abraham einen Gerechten gemacht hat, das Vertrauen,  das nicht enttäuscht worden ist. Amen. 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 01.07. 2018