Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)

Predigten im Monat Juli 2018


Bewährungsfelder des Glaubens, Predigt über Phil.2,1-4 am 7.Sonntag nach Trinitatis 15.7.2018) anlässlich eines Vereinsjubiläums (Sportverein) 

„Ist nun bei euch Ermahnung in Christus, ist Trost der Liebe, ist Gemeinschaft des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit,  so macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid. Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.“ (Lutherbibel 2017, hg.v.d.Deutschen Bibelgesellschaft, Stuttgart)

 

Diese Worte des Apostels sind für mich Denkanstöße. Sie regen mich an, einer Frage nachzugehen: Wie geht es bei uns zu - in unserer Kirche, in unserer Gemeinde, in unseren Vereinen, aber auch in den Familien? Passt unser Verhalten zusammen mit den Vorstellungen des Apostels, wie „christliches Leben“aussehen sollte? In unserem Abschnitt ist von„herzlicher Liebe und Barmherzigkeit“die Rede, von „Demut“ und „Gemeinschaft des Geistes.“ Die Worte sind im Ton der Ermahnung gehalten - oder besser gesagt: im Ton der Ermutigung. Paulus will nicht mit erhobenen Zeigefinger dastehen! Er will seinen Lesern und Hörern Mut machen. Sie sollen ein menschenwürdiges Leben führen. Ein Leben, das seine Ausstrahlungskraft und Würde durch Jesus Christus erhält. Er ist die Mitte, der Mittelpunkt im Leben der Christen.  Er will Gemeinschaft mit uns haben. Und er  ist der tragende Grund unserer Gemeinde. Vielleicht ging es den Philippern im Alltag so wie uns auch: Wir stoßen schnell an unsere Grenzen – wenn es um Liebe geht oder um Barmherzigkeit oder gar um Demut. Immer wieder müssen wir daran erinnert werden, dass der Glaube Weichen stellt für die Wege, die wir gehen, für die Entscheidungen, die wir treffen, für das Leben, das wir führen. Es gibt Spannungen zwischen Theorie und Praxis - auch im Leben der Christen. 

 

„Seid eines Sinnes“ sagt Paulus. Er will keineswegs die Gleichschaltung aller Christen im Denken. Christen müssen nicht immer einer Meinung sein. Es geht um die Ausrichtung auf das Wesentliche - auf  Jesus Christus. Eines Sinnes zu sein – das verstehe ich als Herausforderung: „Richtet eure Sinne und Gedanken auf Jesus Christus aus!“Wenn ihr in euren Gemeinden, in euren Vereinen oder Verbänden zusammen seid und um eine Entscheidung ringt, wenn unterschiedliche Meinungen und Ansichten aufeinander prallen, dann schaut auf Jesus und überlegt euch, wie er gehandelt oder entschieden hätte. Christus ist der Grund, der Fels, auf dem wir unser Leben aufbauen. Deshalb kann Paulus voller Hoffnung sagen: „...ich bin darin guter Zuversicht, dass der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird's auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu.“

 

Der Auferstandene, der Vollbringer und Vollender unseres Glaubens, ist unter uns. Auch heute. Er will Gemeinschaft mit uns haben und er will Gemeinschaft mit uns herstellen. Deshalb  ist er gegenwärtig in den Versammlungen, er spricht zu uns durch das Wort der Propheten und Apostel, er stärkt uns durch sein Sakrament, er tröstet und richtet uns auf, er ermutigt uns, in seinem Sinn zu leben und zu handeln. Auf ihn  hin sollen wir unsere Gedanken, Wünsche, Pläne und Ziele ausrichten. Er ist das Zentrum, die Mitte. Wer Christus als den Auferstandenen erlebt, im Gottesdienst, in der Gemeinschaft der Heiligen, der begnadigten Sünder, wer die Werke der Barmherzigkeit an sich erfährt, wer sich in Liebe angenommen und versöhnt fühlt, bleibt nicht der alte. Er verändert sich. Christus hält bei ihm Einzug - in sein Herz, in seine Sinne, in sein ganzes Leben.

 

Was hat das alles zu tun mit uns und unserem Alltag, dort wo das Leben sich abspielt, wo unser Herz schlägt – zum  Beispiel im Verein, den wir angehören, für den wir uns engagieren, in den wir Zeit und manchmal auch Geld investieren. Das könnte man jetzt fragen. Was hat das zu tun mit unserer Arbeit im Betrieb oder mit unserem Familienleben? Die Worte des Apostels dienen nicht nur der Erbauung in der Stunde am Sonntag, in der wir Gottesdienst feiern. Sie wollen umgesetzt werden im Alltag. Deshalb haben seine Worte eine ganze Menge mit unserem Leben im Alltag zu tun. Mir ist das erst jetzt, bei der WM an einem Beispiel klar geworden. Ich denke daran, wie sich die schwedische Nationalmannschaft und ihr Trainer hinter einen ihrer Spieler gestellt haben: Jimmy Durmaz. Der in Schweden geborene türkischstämmige Spieler war durch sein Foul dafür verantwortlich, das Toni Kroos in der buchstäblich letzten Minute das Siegestor für Deutschland geschossen hat. Gehässige Kommentare, von denen das Wort „Verräter“ noch das gelindeste war, ergossen sich danach über den Spieler – vor allem in den sogenannten sozialen Netzwerken. In einem öffentlichen Video haben er und seine  Mannschaft ein klares Zeichen gesetzt und uns ein Beispiel gegeben, wie das gemeint ist, wenn Paulus sagt: „Habt Liebe untereinander“ oder „in Demut achte einer den anderen höher als sich selbst…“ Sie haben ihren Kameraden den Rücken gestärkt, der sich in einer Stellungnahme zur Wehr gesetzt hat. Sie haben buchstäblich hinter ihm gestanden und nicht den Kopf eingezogen, nach dem Motto: geht mich nichts an, ist ja auch seine Schuld, hätte er besser gespielt. Ob uns das helfen könnte, in der unsäglichen Debatte um Mesud Ösil oder Ilkay Gündogan wegen ihres Auftritts bei dem türkischen Staatspräsidenten? Zugegeben: ich habe diesen Auftritt auch weder verstanden noch gebilligt. Die beiden haben auch zu Recht dafür Kritik eingesteckt. Auch würde es wohl helfen, wenn Ösil sich erklären würde. Aber es geht hier um unser Verhalten, wie wir als Christen mit dieser Sache umgehen – mit unserer Empörung, mit unserer Enttäuschung, auch mit unserem Zorn. Ich denke, es geht nicht zusammen mit dem Aufruf zur Liebe, zur Barmherzigkeit, wenn man sich jetzt auf das Fehlverhalten eines einzelnen einschießt und ihn als Sündbock für viele Missstände hernimmt.  Respekt, Liebe, Toleranz, Bereitschaft zu Vergebung, Mut zum Neuanfang – die Handlungsfelder, auf denen sich die Worte des Apostels in die Tat umsetzen lassen, liegen nicht nur im kirchlichen Umfeld, sind nicht nur geschrieben für besinnliche Worte im Gottesdienst oder in der Kirchengemeinde. Christliche Werte müssen sich dort bewähren, wo sich unser Leben abspielt – in der Familie, am Arbeitsplatz, aber auch im Verein, auf dem Fußballplatz oder nach dem Spiel in der Kneipe beim Bier. Im Sommerinterview des ZDF hat am vergangenen Sonntag unser Bundespräsident Frank Walter Steinmeyer eine Verrohung der Sprache beklagt und sich dabei vor allem auf das Verhalten und die Redekultur der Politiker bezogen. Diese Verrohung der Sprache nehme ich aber auch im Alltag war – in der Schule, im öffentlichen Leben oder auf der Straße. Wir haben Grund genug, unser Verhalten, das doch Gemeinschaft ermöglichen sollte, immer wieder kritisch zu hinterfragen und an den Worten der Schrift, an den Ermahnungen der Apostel, zu bemessen. „Habt Liebe untereinander!“" sagt Paulus und lenkt unseren Blick auf den, der uns die Liebe vorgelebt hat, auf Jesus Christus, der auch ein Freund deutlicher Worte war und sich dennoch als Anwalt der Liebe Gottes dafür eingesetzt hat, dass den Menschen ein Leben im Sinne Gottes ermöglicht wird und das bedeutet: ein Leben in der Liebe, die dem anderen die Luft zum Atmen lässt. Lasst euch von ihm anleiten. Wenn ich das tue, gelingt es mir nicht mehr, ungeprüft Urteile nachzusprechen über andere, über Menschen, die meistens auf der Straße oder an Stammtischen gefällt wurden. Wahrscheinlich fällt es mir dann auch nicht mehr so leicht, einfach wegzusehen und so zu tun, als ob mich das alles nichts angehen würde: wenn zum Beispiel die Würde von Menschen mit Füßen getreten wird. Das geschieht nicht nur, wenn jemand handgreiflich wird. Die Würde wird auch durch Worte oder Pfiffe verletzt, durch sogenanntes nonverbales Verhalten, das heißt: durch Abwendung und Nichtbeachtung – wenn jemand für mich Luft ist.

 

Die Apostelworte wollen uns zum Nachdenken darüber anregen, wie das Leben bei den Christen aussehen könnte oder sollte, dort, wo sich das Leben abspielt. Wir leben von der Mitte her, die unserem Leben Sinn und Halt schenken will, von Jesus Christus, der unter uns ist und der uns um unserer selbst willen liebt. Er wird uns Kraft schenken, wenn wir den Kopf hängen lassen möchten, weil das eben alles nicht so einfach ist mit der Liebe und der Barmherzigkeit und der Demut. Er macht uns Mut, täglich neue Anfänge zu wagen zu einem Leben, das Spuren hinterlässt - vor allem bei uns selbst und dort, wo wir miteinander  leben – sei es in einer Gemeinde, in der Familie oder in einem Verein. Amen.

 ©  Stefan Köttig, Altenstein, 15.7.2018 


Heilsame Begegnung auf öden Straßen. Predigt über Apostelgeschichte 8,26- 39 am 6. Sonntag nach Trinitatis

 

 „Wie geht es dir?“ frage ich alte Bekannte erfreut, wenn sie mir über den Weg laufen. Manchmal kommen wir nach einer herzlichen Begrüßung ins Gespräch. Zum Abschied versprechen wir uns meist, Kontakt zu halten und wissen insgeheim doch, wie schwer das ist. Wir freuen uns dann darauf, wenn uns der Zufall wieder zusammenführen wird. Alte Bekannte sind für mich auch die Personen, über die wir heute nachdenken – einen heidnischen Intellektuellen und einen Missionar. Ich treffe sie regelmäßig, spätestens alle sechs Jahre, wenn ihre Geschichte im Predigtturnus wieder mal dran ist.  Es handelt sich um den Kämmerer aus Äthiopien und um Philippus. Wie oft sind sie mir schon begegnet? Wie oft habe ich über sie nachgedacht und gepredigt: in Familiengottesdiensten oder bei Taufgottesdiensten. Sie beginnt mit einem Auftrag. Gott sendet seinen Engel zu Philippus, den Missionar: „Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt und öde ist…“ 

 

Diese Aussage lässt mich schmunzeln. Wenn schon ein Engel eine Straße als öde bezeichnet, muss wirklich dort wirklich wenig los sein. Was für ein Irrtum. Diese öde Straße wird im Verlauf der Geschichte zum Ort der heilsamen Unterweisung.  Und ein Wassertümpel wandelt sich dort im Verlauf der Geschichte zu einem Gnadenbad. Doch darüber später.  Kehren wir zunächst einmal zurück zu Philippus. Er macht er sich auf den Weg. „Und er stand auf und ging…“heißt es in der Geschichte. Wie lange er unterwegs ist, wird nicht verraten. Bereits im zweiten Vers wird uns die andere Person vorgestellt – wegen ihr wird Philippus losgeschickt: „Und siehe, ein Mann aus Äthiopien, ein Kämmerer und Mächtiger am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien, welcher ihren ganzen Schatz verwaltete, der war nach Jerusalem gekommen, um anzubeten. Nun zog er wieder heim und saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja!“ 

 

Da ist er, unser zweiter alter Bekannter:  ein Mann aus Äthiopien, ein hochrangiger Hofbeamter der Kandake. Diesen Titel führte seine Königin. Für den Glauben der Israeliten hat er sich interessiert und deshalb - salopp gesagt - einen Bildungsurlaub in Jerusalem gemacht. Vielleicht wäre er gerne Jude geworden. Ein Gott, dessen Namen man nicht aussprechen und von dem man sich kein Bild machen darf, das ist doch für einen Intellektuellen etwas ganz anderes als die hölzernen und steinernen Bilder, die in den Tempeln seiner Heimat angebetet werden. Ob er das Volk Israel um seinen Gott beneidet hat, der sich jeder bildhaften Darstellung entzieht, aber dennoch seinem Volk so nahe ist, mit ihm hadert, es tröstet und immer wieder durch seine Propheten weidet, mahnt und ermutigt? „Ach ja“, wird er wohl geseufzt haben, „zum Volk dieses Gottes würde ich gerne gehören!“  Aber Jude zu werden war für ihn unmöglich. Er kann die Aufnahmebedingungen nicht erfüllen, um zu konvertieren. Wo in unserer Lutherbibel „Kämmerer“ steht, lesen wir in anderen Übersetzungen, dass es sich um einen Eunuchen gehandelt hat. Wir sollten bei diesem Wort nicht den gängigen Klischeevorstellungen verfallen. Eunuchen spielten in diesem Teil der Welt an vielen Königshöfen eine bedeutende Rolle, nicht nur als Haremswächter wie in orientalischen Märchen. Sie waren Erzieher der Prinzen und Prinzessinnen oder aufgrund ihrer Ausbildung einflussreiche Hofbeamte, wie unser Kämmerer. Viele Türen standen ihm offen aufgrund seiner Position. Nur Jude werden konnte er nicht. Jetzt sehen wir ihn auf einem gepolsterten Ochsenkarren sitzen und über eine Schriftrolle des Propheten Jesaja brüten. Er scheint also die hebraische Sprache gut zu beherrschen. So vertieft ist er in seiner Lektüre, dass er gar nicht bemerkt, wie da jemand neben ihm herläuft: Philippus. Mit einer Frage zieht der die Aufmerksamkeit des Kämmerers auf sich. „Verstehst du, was du liest?“

 

Eine provokante Frage ist das, auch für uns. Verstehen wir, was wir lesen, wenn wir die Bibel aufschlagen?  Über die Bedeutung der Taufe und das Leben der Getauften denken wir heute nach. „Verstehst du, was du liest?“ fragt Philippus. Die biblischen Schriften wollen verstanden werden. In unserer Zeit wird der Erfahrung, den Gefühlen und dem persönlichen Erleben ein hoher Stellenwert zugesprochen. Zu Recht. Der Mensch fühlt und denkt, er freut sich, er trauert, hat Angst und Sehnsucht und sucht im Glauben dabei seine Verankerung. Wie gut, dass es diese Methoden gibt, die uns über den Umgang mit unseren Gefühlen und Träumen, der Bilderwelt unserer Seelen einen Weg zum Glauben erschließen - durch Meditation und Tanz beispielsweise.  Darüber aber darf das Nachdenken und Verstehen nicht ins Abseits geraten. Die Botschaft der Bibel will nicht nur erfühlt, sondern auch verstanden werden. Nicht umsonst sagt Martin Luther im Kleinen Katechismus in der Erklärung zum 3. Gebot, zur Heiligung des Sabbats, des Feiertags: „Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir die Predigt und sein Wort nicht verachten, sondern es heilig halten, gerne hören und lernen.“Wie man Gottes Wort heilig hält, zeigt uns der heidnische Kämmerer. Er liest es. Er beschäftigt sich intensiv damit, Wort für Wort, Buchstabe für Buchstabe. Gottes Wort soll in Fleisch und Blut übergehen, in Herz und Verstand Einzug halten.  Und wir sollten es ihm gleichtun. Nicht nur lesen, was in unserer schnelllebigen Welt oft mit Überfliegen verwechselt wird. Sondern memorieren, lernen, ins Herz aufnehmen, was man liest. Das ist lernen. Dabei stößt man allerdings schnell an die Grenzen des Verstehens. Deshalb lässt sich der Kämmerer gerne helfen. Er hört auf Philippus, der ihm die Textstelle, um die es geht, ausführlich erklärt. Und so erfährt er, wie die Christen die Worte des Propheten Jesaja, wie sie die ganze Schrift deuten. Sie lesen sie auf Christus hin, erkennen in seinem Leben und Leiden den Heilsweg, der für uns zugleich ein Weg der Erlösung ist. Erlösung heißt Befreiung. Wer zu Christus gehört, wird aus Bindungen befreit, die ihn einschränken, hemmen, am Leben hindern. Leben aus der Bibel und mit dem biblischen Wort, das erfahren wir heute, dient dem Aufbau einer persönlichen Christusbeziehung. Christus ist für mich gestorben. Was da vor langer Zeit geschehen ist, hat Auswirkungen bis in meine Gegenwart. Es dient meinem Heil.  Wer in dieser Beziehung lebt, spürt die Sehnsucht nach einer noch engeren Verbindung, die über das Nachdenken und Memorieren hinausgeht. 

 

Jetzt kommen neben dem Denken das  Fühlen und Erfahren des Glaubens zu ihrem Recht. Aus der Geschichte der Begegnung und der Belehrung wird eine Taufgeschichte. Denn inzwischen kamen sie an einer Wasserstelle vorbei. Vielleicht nur ein kleiner Tümpel mit trüben Wasser, gerade gut genug, um das Vieh zu tränken und eine Pause zu machen. Für den Kämmerer wird diese Wasserstelle zu einem Ort, der sein Leben umkrempelt. „Was hindert’s, dass ich mich taufen lasse?“ fragt er seinen Lehrer. Philippus scheint in das Herz des Kämmerers zu sehen. Er scheint seinen Glauben und seine Sehnsucht zu spüren. Nein, er findet keinen Grund, die Taufe abzulehnen. So steigen sie in das Wasser - der christliche Missionar und der Heide, um sich taufen zu lassen. Ob man sich später an dieser unkomplizierten Haltung und Handlung des Missionars gestoßen hat? In jüngeren Handschriften findet man einen Zusatz, eine Einfügung. Da spricht Philippus: „Wenn du von ganzem Herzen glaubst, so kann es geschehen.“ Und der Kämmerer antwortet darauf: „Ich glaube, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist.“ Das persönliche Bekenntnis zu Christus ist  die Voraussetzung für die Taufe. Die Unterweisung in Form eines Gesprächs über die Bibel soll auf die Taufe vorbereiten. So wollte es die junge Kirche. Deshalb hat sie diese Bekenntnis in die Geschichte eingefügt. Deshalb sprechen wir bis heute vor der Taufe gemeinsam  das Glaubensbekenntnis. Und deshalb feiern wir auch die Konfirmation, in der die jungen Christen ihr Bekenntnis zu Christus, das einst Eltern und Paten mit der Gemeinde stellvertretend gesprochen haben, nachholen und bekräftigen.  

 

Eine bahnbrechende Geschichte hören wir heute. Eine Geschichte, in der Trennungen überwunden werden. Wir erfahren, wie das Taufwasser Grenzen auslöscht, die heute gerne wieder hochgezogen werden. Die Geschichte erinnert uns daran, dass das Gottesvolk die Grenzen anders zieht als wir das heute tun. Nicht die Nation, nicht die Herkunft, nicht die Hautfarbe, nicht Bildungsgrad oder die körperliche Unversehrtheit, erst recht keine Behinderung oder Krankheit entscheiden darüber, ob ich zum Volk Gottes gehören darf oder nicht - sondern das persönliche Bekenntnis zu Christus und die Bereitschaft, mit ihm zu leben. Der Taufgedächtnissonntag ermutigt uns, darüber nachzudenken, ob ich das Bekenntnis des Kämmerers nachsprechen kann: „Ich glaube, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist.“ Der Taufgedächtnissonntag will uns an unsere Taufe erinnern, daran, dass wir durch die Taufe zu diesem weltweiten Volk Gottes, zu seiner Familie gehören. Vielleicht provoziert er uns auch. Er fragt danach, wie wichtig mir das in meinem Leben ist – oder ob nicht vielleicht andere Bindungen mein Herz in Beschlag nehmen. Warum die Verbindung mit Christus, die durch die Taufe besiegelt wird, gegen nichts eingetauscht werden sollte, erfahren wir am Ende der Geschichte.

 

Von dem Kämmerer wird gesagt: „…er zog aber seine Straße fröhlich.“ Die Taufe hat ihn zu einem fröhlichen Menschen gemacht. Er weiß, dass Gott ihn so wie er ist angenommen hat, dass er Gott recht ist und dass er zur Familie Gottes gehört. Das sind doch in der Tat himmlische Aussichten. Sie lassen das Herz leicht und fröhlich werden. Dass Philippus in der Geschichte auf einmal nicht mehr da ist, spielt jetzt keine Rolle mehr. Seine Aufgabe war erfüllt. Vielleicht hat Gott ihn an einer anderen Stelle gebraucht. Wenn der Kämmerer allerdings in seinem Leben Jerusalem noch einmal besucht haben sollte, wird für ihn diese Straße wohl niemals mehr öde gewesen sein. Sie wird ihn  sein Lebtag lang an diese Begegnung erinnern, die sein Leben verändert hat. Auch wir haben einen Ort, der uns daran erinnert, dass wir zur weltweiten Familie Gottes gehören. Das ist der Taufstein in unserer Kirche. Wenn wir ihn sehen und uns daran erinnern, was uns mit der Taufe geschenkt wird, können wir auch unseren Lebensweg fröhlich fortsetzen.  Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 08.07. 2018 


Vertrauen wagen. Predigt über 1. Mose 12, 1 – 4 am 5. Sonntag nach Trinitatis. (1.7.2018)


„Und der Herr sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. Da zog Abram aus, wie der Herr zu ihm gesagt hatte.“ 


„Du, Oma, warum hängst du so an dieser alten Küchenuhr?“ Ich glaube, ich bin noch nicht in die Schule gegangen, als ich meiner Großmutter diese Frage eines nachmittags gestellt hatte, als ich am Küchentisch bei den Hausaufgaben saß. Diese Küchenuhr ging immer etwas nach. Sie war klobig und hässlich und man musste aufpassen, wenn man sie mit ihrem großen Schlüssel aufzog, damit man das Uhrwerk nicht kaputt machte. Mein Großvater wollte sie öfters schon durch eine andere, modernere ersetzen. Aber die Großmutter hat das stets verhindert. An diesem Nachmittag hat sie mir das Geheimnis verraten, warum diese Uhr so wertvoll war. „Die erinnert mich an Zuhause!“ sagte sie und nahm mich in den Arm. Zuhause! Das war nicht der Ort, an dem ich selbst geboren und groß geworden war. Das war nicht dort, wo wir jetzt lebten: im Haus meiner Eltern und Großeltern. Zuhause, das war die kleine Stadt im Sudetenland, aus dem die Großeltern beide stammten. Mit leuchtenden Augen erzählte die Großmutter von dem schönen Haus, in dem sie  dortwohnten. „Wir hatten es nach unserer Hochzeit gebaut ... “ sagte sie. „Dein Vater und deine Tante sind dort geboren. Als die so alt waren wie du jetzt, mussten wir fort. Hals über Kopf.“ Da sind ihr dann auch schon die Tränen in die Augen gestiegen, wie so oft, wenn sie von dieser Zeit erzählte. „Wir waren keine Flüchtlinge!“ sagte sie bestimmt, „obwohl man uns immer wieder so genannt hatte. Wir wurden vertrieben. Zwei Stunden hatten wir Zeit, um das Haus zu verlassen. Mitnehmen durften wir nur, was wir tragen konnten.“  

 

Meine Großeltern waren nicht mehr jung, aber auch noch nicht salt, als die neuen Herren des Landes sie und ihre Familie mit Gewehren zu den Güterwagen trieben, um sie dort zu verladen wie man Vieh verlud. Heute kann ich nur staunen über die Lebensleistung meiner Großeltern und ihrer Generation, denen es gelungen war, sich mit viel Fleiß eine neue Existenz aus dem Nichts aufzubauen: ein neues Haus und ein neues Geschäft. Meine Großmutter war eine fromme Frau. Sie hat dem Herrgott nicht die Schuld für ihr Schicksal gegeben. „Schuld war der Krieg“ sagte sie. „Schuld waren wir selbst, die Menschen, weil wir es nicht schafften, im Frieden miteinander zu leben, weil wir nie zufrieden sind, mit dem, was wir haben und weil kein Glaube mehr in den Herzen der Menschen wohnt und keine Gottesfurcht.“ Heute muss ich an sie denken. Das Land, die Stadt, in der sie dann alt geworden und gestorben ist, war wohl in den folgenden Jahrzehnten zu ihrem neuen Zuhause geworden. Die Heimat aber war anderswo. Die Heimat war dort, wo dieses Haus ihrer Jugend stand. Dieses Haus, in dessen Küche eine Uhr hing, die so aussah wie diese alte, schäbige an der Wand. 

 

Daran muss ich heute bei der Geschichte aus dem Alten Testament denken. Ich weiß, es gibt etliche Unterschiede. Abraham wurde nicht vertrieben. Das ist richtig. Er war um einiges älter, als meine Großeltern damals. Auch das ist wahr. Und er hat sich freiwillig auf den Weg ins Ungewisse gemacht. 75 Jahre soll er da gewesen sein. Uralt war das in einer Zeit, in der die Menschen vielleicht nur zwanzig oder dreißig Jahre alt geworden sind, weil sie durch Krieg oder Krankheiten oft vorzeitig aus dem Leben gerissen wurden. Und so stelle ich ihn mir vor: als einen vom Leben gezeichneten Mann. Er stammte aus der Gegend am Eufrat. Als Kleinviehnomade war er Besitzer einer stattlichen Herde aus Schafen und Ziegen. „Nun wird es langsam Zeit, dass ich mein Haus bestelle!“ Immer wieder ging ihm dieser Gedanke durch den Kopf. Immer wieder wollte er ihn verscheuchen, wie man eine lästige Fliege verjagt, die einem vor der Nase tanzt. Die Vorstellung, seinen Besitz zu verteilen, gefiel Abraham nicht. Es war ja nicht so, dass er zu sehr an seinem Hab und Gut hing. Er wusste nur nicht, wem er seinen Besitz hinterlassen sollte. Vielleicht seinem Neffen Lot, dem nächsten Verwandten? Oder seinem treuesten Knecht? Es gab ja sonst niemanden! Er und seine Frau Sarah waren kinderlos. Ich stelle mir vor, dass das für den frommen, rechtschaffenen und weisen Abraham eine starke Glaubensprüfung gewesen ist. Wer viele Kinder hatte, galt als von Gott gesegnet. Da fehlte also etwas Wichtiges im Leben von Abraham und Sara. Eines Tages – oder besser gesagt: eines Nachts – hatte Abraham ein Erlebnis, das ihn von Grund auf veränderte. Er hörte, wie Gott ihn rief. Gott rief ihn fort - weg von allem, was für ihn Schutz und Sicherheit bedeutete: fort vom Land seiner Väter, fort aus der Heimat, fort vom sicheren Dach über dem Kopf, fort vom Zuhause. Gottes Ruf riss ihn aus dem allen heraus. Wohin die Reise gehen sollte, wurde nicht verraten. Da beschränkte sich Gott nur auf den vagen Hinweis, dass er ihm das Land schon noch zeigen werde. Einen alten Baum verpflanzt man nicht mehr?Von wegen! Gott mutet Abraham zu, noch einmal etwas ganz Neues anzufangen. 

 

Abraham hatte sich rufen lassen. Dennoch ist der Ruf eine Zumutung, die wohl nur durch einen tiefen Glauben, durch ein unerschütterliches Vertrauen zu ertragen war - Vertrauen zu dem, der ihn gerufen hatte - zu Gott selbst, der von Abraham dieses Wagnis des Neuanfangs verlangte und  ihn zugleich mit einer großen Verheißung Mut machte:„...ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.“  

 

Ich will dich segnen! Abraham soll all das bekommen, wonach die Seele verlangt. Er soll zum Ahnherrn eines großen Volkes werden. Er soll einen großen Namen bekommen. Abraham soll ein Segen sein. „Auf das Wort hin will er's wagen; / ohne Klagen, ohne Fragen / steht er auf und zieht er fort, / Richtung zeigt ihm Gottes Wort...“  heißt es in einem Lied über Abraham. So wird er zum Vater aller Glaubenden. Er vertraut sich ganz diesem Gott an - einen Gott, der jetzt immer wieder zu ihm spricht und ihn wissen lässt, wie es weitergeht. Und das wiederum verbindet Abraham mit Menschen wie meinen Großeltern. Die waren Gott dankbar – trotz allem, was sie erlebt hatten: Krieg, Verlust, Vertreibung und oft ein schwerer Neubeginn. Sie haben das Leben, so wie es kam, aus Gottes Hand angenommen. „Wir haben unsere Heimat verloren“ sagten es. „Aber jetzt leben wir auch wieder in einem schönen Haus. Es geht uns wieder gut, aus unseren Kindern ist etwas geworden, sie haben geheiratet. Wir haben gesunde Enkel und wir haben genug zu essen …“ Das war das Glaubensbekenntnis meiner Großeltern, dafür haben sie Gott gedankt, jeden Sonntag im Gottesdienst. Keine Klage. Dankbarkeit! Was sie geglaubt haben, gaben sie weiter an uns, die Jüngeren. 

 

Abraham wird zum Vater aller Glaubenden, weil er  uns lehrt, was Glauben bedeutet. Glauben heißt Vertrauen. Abraham hat sein Schicksal in die Hand dieses einen Gottes gelegt, der ihn segnen wollte. Er haderte nicht mit diesem Gott. Er sagte nicht: ich bin zu alt, such dir einen jüngeren. Oder: ich mag nicht mehr weiterziehen, ich bin zu schwach für solche Mühen. Er lebte mit diesem Gott. Er baute ihm Altäre, brachte ihm Opfer dar  und vertraute dem Versprechen, das Gott ihm am Ende seines Lebens noch gab, ein Versprechen, das eine große Zukunft und Leben in sich barg, ein Versprechen auf das hin man’s in der Tat noch einmal wagen konnte, sich aufzumachen auf einen weiten Weg: „...in dir sollen gesegnet  werden alle Geschlechter auf  Erden.“

 

Die Geschichte vom Stammvater Abraham zeigt mir, was Gott von seinem Volk erwartet - Gehorsam und Vertrauen. Die Geschichte von Abraham erinnert mich daran, dass wir unterwegs sind - als Gottesvolk, miteinander und doch auch jeder für sich. Die Geschichte von Abraham zeigt mir, dass Gott uns etwas zumutet und uns etwas schenken will. Er mutet uns Wandel und Veränderung im Leben zu und verspricht uns seinen Segen. 

 

Aufstehen und fortziehen. Ohne den Zuspruch Gottes hätte es Abraham wohl nicht gewagt. Aufstehen und fortziehen. Etwas Neues anfangen im Leben, sogar noch im Alter. Mit klopfendem Herzen und weichen Knien manchmal und doch voll Hoffnung. Aufstehen, etwas Neues wagen.  Sich rufen lassen und Folgen! Das ist die Zumutung.  Wir sollen es immer wieder mit Gott wagen, uns immer wieder ganz auf ihn verlassen und dann aufbrechen, in das Land, das er uns zeigen wird. Das fremde Land, in das Gott uns führt, kann so unterschiedlich aussehen – vielleicht müssen wir dazu nicht einmal die Koffer packen. Vielleicht bedeutet es auch nur, sich einzugestehen, dass nichts so bleibt, wie es ist, dass die Kinder das Haus verlassen, dass der Körper älter und gebrechlicher wird, dass sich Krankheiten einstellen, die mich einschränken – und dass schließlich der große Aufbruch am Ende des Lebens kommt. Für Christen bedeutet sterben ins Vaterhaus heimzukehren, ans Ziel zu kommen. Es geht heute aber nicht nur darum, was Gott uns abverlangt, sondern auch, was er uns schenken will.  

 

Du sollst ein Segen sein!Das ist die Bestimmung Abrahams – und vielleicht auch unsere. So verstehe ich mein Christenleben. Den Segen Gottes in die Welt tragen, die sich jeden Tag immer etwas ändert. Den Segen Gottes in diese Welt tragen – und das im fröhlichen Vertrauen, selbst gesegnet zu sein, das ist unser Auftrag. Den Segen weitergeben – auch da denke ich an meine Großmutter. Wenn wir in den Urlaub gefahren sind, oder auch nur am Morgen auf dem Weg zur Schule, hat uns die Großmutter gesegnet, ein Kreuzzeichen auf die Stirn gemacht: „Behüt dich Gott!“ waren ihre Worte.  Sie hat sich nicht darum gekümmert, dass mir als Jugendlichen das oft peinlich war. So sind wir in unseren Alltag hinaus gegangen, mit einem Segen. Ich denke, die Segensworte haben ihre Spuren hinterlassen in unseren Herzen, haben uns geformt und zu dem gemacht was wir sind, heute. Ein Segen sollen wir sein, für andere. Nicht nur durch die Worte, die wir anderen zusprechen. Auch durch die Taten. Vom Glauben sollen wir erzählen, den anderen, die vielleicht Sehnsucht danach haben. Und vertrauen sollen wir, dass Gott etwas Gutes daraus macht. Ein Segen sollen wir sein.  Wer mit dem Segen des Herrn geht, braucht sich nicht zu fürchten, wenn ihm Neues begegnet, Unbekanntes, Aufregendes. Deshalb habe ich mir vorgenommen, gelassener zu sein und dem Herrn der Kirche zu vertrauen – Jesus Christus. Der hat seinen Jüngern ebenfalls versprochen, sie nicht allein zu lassen, wenn sie sich aufmachen. „Siehe, ich bin alle Tage bei euch, bis an das Ender der Welt!“ sagt er zu ihnen, als er sie aussandte, um das Evangelium zu verkündigen. Ich glaube daran, dass er uns auf unserem Weg begleitet. Er spricht zu uns durch sein Wort, er stärkt uns durch sein Sakrament, damit unsere Schritte fest werden. Er lässt uns nicht ins Ungewisse laufen, schon gar nicht auf einen Abgrund zu. Auf Jesus, den Herrn der Kirche will ich schauen und mich an die Maßstäbe halten, die er setzt. Mit ihnen will ich das Alte und das Neue prüfen und das Gute bewahren, will ich Veränderungen im Glauben und Leben wagen - ich denke an den Maßstab der Liebe, des Gottvertrauens, der Barmherzigkeit. So kann man zum Segen werden für andere. Vertrauen wir also dem, der sein Volk begleitet. Vertrauen wir Gott, wie Abraham das getan hat. Vertrauen wir, dass auch uns die Verheißung gilt, die ihm Kraft gegeben hat, den Weg zu gehen, zu dem wir berufen sind, und das Ziel zu finden. Es war der Glaube, das Vertrauen, das aus Abraham einen Gerechten gemacht hat, das Vertrauen,  das nicht enttäuscht worden ist. Amen. 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 01.07. 2018