Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)

Ich möcht', dass einer mit mir geht!  Überlegungen zur geistlichen Begleitung


Vortrag  beim Konvent der Evangelischen Michaelsbruderschaft in Pegnitz am 16.3.2013 (Auszug)


I. Vorwort

Geistliche Begleitung – ein Begriff, der in den letzten Jahren aufgekommen ist und inzwischen Gegenstand vieler Überlegunge: was ist darunter zu verstehen?

Ich möchte über Geistliche Begleitung nachdenken. Meine Gedanken sind persönlich und wissenschaftlich nicht abgesichert (und möglicherweise ganz und gar nicht originell)

Um es gleich vorweg zu sage – ich spreche von Geistlicher Begleitung im kirchlich - christlichen Umfeld. Diejenigen, mit denen ich zu tun habe, die um geistliche Begleitung bitten, sind kirchlich engagiert, christlich sozialisiert.

Meine Überlegungen sind aus den Erfahrungen mit Geistlicher Begleitung auf diesem Hintergrund hervorgegangen. Deshalb möchte ich gleich zu Beginn einen Liedvers zitieren, der wohl allen bekannt ist.

Ich möcht’, dass einer mit mir geht,

der’s Leben kennt, der mich versteht,

der mich zu allen Zeiten kann geleiten.

Ich möcht’, dass einer mit mir geht. (EG 209)

Dieses Lied deutet 4 Voraussetzungen für Geistliche Begleitung an.


II. Voraussetzungen für Geistliche Begleitung

1. Voraussetzung: Der Wunsch nach Begleitung

(Ich möcht, dass einer mit mir geht …)

Gemeint ist der Weg des Glaubens – Lebens

Ich fühle mich allein auf diesem Weg, habe Sehnsucht nach Begleitung.

Die Sehnsucht ist ein wichtiger Indikator. Ich spüre, dass ich mich möglicherweise allein auf meinem Weg verliere.

Ich fürchte die Schwierigkeiten, die Stolpersteine oder die Abgründe,

ich weiß auch nicht so recht, wohin ich gehen soll, wohin ich will,

ich weiß nur, dass ich irgendwo hin will.

Ich möcht‘, dass einer mit mir geht


2. Voraussetzung: Der Wunsch nach Verständnis

… der mich versteht

Ich sehne mich nach einem, der mich begleitet und Verständnis hat für das, was mich bewegt, meine Unsicherheit, meine Fragen, meine Ziellosigkeit.

Manchmal weiß ich selbst nicht so genau, was mich umtreibt,

deshalb halten mich die anderen vielleicht für unzuverlässig oder für seltsam,

manchmal kann ich einfach gar nicht mehr glauben, was früher selbstverständlich war, aber das kann ich niemandem aus meinem Umfeld sagen, weil sie mich nicht verstehen würden

Ich möchte‘, dass mich einer versteht


3. Voraussetzung: der Begleiter muss Erfahrung haben.

Ich möcht’, dass einer mit mir geht, der’s Leben kennt,

Einer meiner Lehrer hat einmal gesagt, wer Bergführer sein will, muss sich in den Bergen auskennen. Sonst endet das Ganze in der Katastrophe.

Ähnliches gilt für die Geistliche Begleitung.

Der Begleiter muss einen geistlichen Weg vorausgegangen sein und ihn kennen. Das muss dann nicht unbedingt der Weg sein, den der zu Begleitende später einschlägt. Aber er muss sich mit „Risiken und Nebenwirkungen“ auskennen, die dem Menschen auf dem geistlichen Weg begegnen können, wie auch immer dieser Weg aussehen kann, welche Wendungen er nehmen kann.

Auch, wenn der Begleitete aus einem anderen kirchlichen Umfeld kommt als der Begleiter, kann der Begleiter dann eine Hilfestellung geben.

Geistliche Begleitung ist Wegbegleitung in der Selbsterfahrung als Kind Gottes,

ist Begleitung in der Erfahrung, von Gott angesprochen und berührt zu werden,

ist Hilfe im Umgang mit der Erfahrung, die manchmal erschütternd sein kann und in ihrer Verarbeitung, in ihrer Annahme.

Geistliche Begleitung ist zum Teil auch Begleitung auf der via purgativa, in der manche fromme Selbstsicherheit verbrennt. Deshalb kommt als


4. Voraussetzung: der Begleiter muss Zeit haben

Der Geistliche Begleiter ist der, „… der mich zu allen Zeiten kann geleiten.“

Wer sich auf einen geistlichen Weg macht, erlebt Höhen und Tiefen. Deshalb braucht er die Begleitung, das begleitende Gespräch.

„Zu allen Zeiten“ bedeutet nicht, dass eine Rufbereitschaft rund um die Uhr gemeint ist. Dennoch geschieht geistliche Begleitung über einen längeren Zeitraum,

in regelmäßigen, verbindlichen Treffen zu Einzelgesprächen.

Darüber hinaus sollte der Begleiter ansprechbar sein, wenn etwas zusammen – oder aufbricht.

Eine gewisse seelische und geistliche Stabilität des Begleiters ist deshalb Voraussetzung.

Aus dem Gesagten versuche ich, meine Erklärung zu formulieren, was Geistliche Begleitung denn nun ist:

Geistliche Begleitung ist eine zeitlich befristete Begleitung auf dem Weg des Glaubens, in der Begleitete zu einer intensiven geistlichen Erfahrung findet. Es geht darum, dem Begleiteten zur Vertiefung der eigenen, persönlichen Gottesbeziehung zu helfen und zu einer individuellen, authenthischen Form des gelebten Glaubens („praxis pietatis“).


Noch ein Wort zu dem zitierten Lied. Es endet mit folgender Strophe

 

Sie nennen ihn den Herren Christ,

der durch den Tod gegangen ist;

er will durch Leid und Freuden mich geleiten.
Ich möcht’, dass er auch mit mir geht

 

 


In dem Lied wird ausgesprochen, dass der wahre Begleiter Christus ist, nach dem sich der Beter der 1. Strophe eigentlich sehnt. Und so ist es auch in der Geistlichen Begleitung. In Wahrheit sehnt sich der Begleitete nach einer tieferen Beziehung zu Christus.

Ich muss dazu sagen, dass ich in meiner geistlichen Tätigkeit stark von meinem Theologieprofessor Manfred Seitz geprägt bin. Von ihm habe ich gelernt, dass es im Glaubensleben darum geht, eine Christusbeziehung aufzubauen.

Geistliche Begleitung geschieht also in einer Dreierbeziehung von Christus, dem Begleiter und dem Begleiteten mit dem Ziel, eine Beziehung zu Christus aufzubauen oder zu vertiefen.

Geistliche Begleiter sollten Asketen sein!

Vielleicht überrascht oder entsetzt Sie diese Aussage. Ich gebe zu, ich wollte jetzt ein wenig provozieren - nicht den zu Begleitenden, sondern den Begleiter. Wir stellen uns unter Asketen hagere Kostverächter vor, die alles weltliche (und alles was Spaß macht) ablehnen. Aber das ist ein Klischee, eine Karikatur des Asketen. Zugegeben - die Väter der Wüste haben die Welt geflohen, haben sich in ihre Zelle zurückgezogen, gefastet und gebetet. Das war ihre Übung. Und das meint Askese - Übung. Wer einen geistlichen Weg gehen will, übt ihn ein. Ja - der Glaube will geübt werden. Das meine ich damit. Geistliche Begleiter sollen selbst Übende sein. Ihr Vorteil gegenüber den zu Begleitenden besteht darin, dass Sie in der Übung des Glaubens etwas mehr Erfahrung habe. Auch der Geistliche Begleiter ist grundsätzlich immer auch Begleiteter. Ein Geistlicher Begleiter, der selbst keine Begleitung in Anspruch nimmt, sollte andere besser nicht begleiten.

Geistliche Begleiter sind Beauftragte.

Christliche Geistliche Wegbegleitung geschieht meiner Meinung nach im Auftrag Jesu. Und sie geschieht in dem Vertrauen, dass Christus selbst der eigentliche Begleiter ist, der beide führt, Begleitete und Begleiter.