Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)

In der Anschauung leben

Gedanken zu einem kontemplativen Lebensentwurf

Der folgende Beitrag ist ein Ausschnitt aus einem Vortrag, den ich zum Thema “Spiritualität - Geistliches Leben” beim Klausurtag des Dekanatsausschusses des Evangelisch - Lutherischen Dekanatsbezirks Rügheim am 16. Februar 2014 in Oberlaurigen gehalten habe. Dabei habe ich meinen eigenen spirituellen Hintergrund zuvor beschrieben. Ich gehöre einer geistlichen Gemeinschaft an - der evangelischen Michaelsbruderschaft. Ich übe das Herzensgebet.

1.

Es gibt Vorbilder. Sie prägen meistens unseren spirituellen Weg. Wir finden sie in unserer persönlichen Lebensgeschichte ebenso wie in der Geschichte der Kirche.

Wenn Sie auf Ihren Lebensweg schauen, den Sie bisher zurückgelegt haben, entdecken Sie sicher Personen, die für Ihren Glaubensweg entscheidend waren, die den Glauben auch wirklich glaubhaft vorgelebt haben. Vielleicht verbinden Sie auch bestimmte Situationen mit diesen Menschen, denken an Erlebnisse mit diesen Menschen, die sie beeindruckt haben. Das muss nichts außergewöhnliches sein. Vielleicht denken Sie jetzt an die Großmutter und daran, wie sie mit dem Küchenmesser ein kleines Kreuzzeichen in die Brotrinde geritzt hat, bevor der frische Laib angeschnitten wurde? Oder Sie sehen den Leiter der Jugendgruppe wieder vor sich, der so gut Gitarre spielen konnte und mit Ihnen so ganz andere Lieder gesungen hat, als der Pfarrer im Konfirmandenunterricht. Auch in unserem Glaubensleben tauchen sie auf, die Männer und Frauen, die für uns wegweisend waren. Spirituelle Menschen, Menschen, die man ein wenig bewundert und manchmal vielleicht sogar um ihre Glaubensfestigkeit beneidet hat.

Im Tagzeitenbuch, dem Gebetbuch der Evangelischen Michaelsbruder-schaft, ist für das Mittagsgebet eine “Vita” vorgesehen, eine Lebensbeschreibung. Deshalb wird im Kloster Kirchberg jeden Mittag das Lebensbild eines Heiligen vorgelesen. Heilige, so sagt das Augsburger Bekenntnis, sind Menschen, auf deren Leben man schauen soll. Wir erkennen an ihnen, wie ihnen Gnade widerfahren ist oder wie ihnen der Glaube geholfen hat. So sollen wir unseren Glauben stärken. Wenn wir mal unsere Vorbehalte gegen Heiligenverehrung beiseiteschieben, könnte man sagen: es sind spirituelle Menschen, Menschen, die zu ihrer Zeit versucht haben, dem Glauben ein Gesicht zu geben – und was anderes könnte Spiritualität sein als der Versuch, dem Glauben konkret werden zu lassen?

2.

Kontemplatives Leben bedeutet barrierefrei glauben zu können.

Spiritualität sollte „barrierefrei“ sein. Und deshalb sollte man das Wörtchen „wenn“ aus dem geistlichen Wortschatz verbannen und in eine liebevolle Distanz zu meinen Vorbildern treten. (Auch, wenn die fromme Großmutter oder der nette Jugendleiter in mir dagegen protestiert.) Das Wörtchen „wenn“ stellt Bedingungen und engt meinen Glaubensleben ein, es setzt zuweilen die Latte unendlich weit hoch, vor allem, wenn ich dabei auf meine Vorbilder schaue, also auf die Menschen, die meiner Meinung nach ein einwandfreies oder bewundernswertes Leben geführt haben.

Ich sage dann: Ja, wenn …

… ich einen festen Glauben hätte wie Martin Luther,

… ich so fromm und intellektuell wäre wie Philip Melanchthon,

… ich so schlagfertig sein könnte wie Teresa von Avila,

… ich so liebevoll wie Mutter Teresa von Kalkutta wäre,

… ich so vielseitig begabt und gescheit wie Albert Schweitzer wäre,

… ich so mutig wie Martin Luther King auftreten könnte,

ja, das wär was. Aber, weil ich weder Martin Luther noch Philip Melanchthon heiße, weder Teresa von Avila noch Mutter Teresa bin, mir der Mut von Martin Luther King fehlt und die Genialität von Albert Schweitzer, was macht mich dann zu etwas Besonderem?

Die Pädagogen sagen, es gehört zur Ausbildung, zur Ausformung des Menschen, dass er sich an Vorbildern orientiert, sie z.T. auch imitiert, bis er zu einem eigenen Standpunkt findet. Es gibt aber auch spirituelles Epigonentum. Das bricht auf, wenn wir selbst einen Menschen auf den Sockel heben und sagen: So sollte ich sein, so wie Martin Luther oder Mutter Theresa oder eben jemand anderes. Lachen Sie nicht, es gibt viele, die das tun.

3.

Der geistliche Weg führt weg von der Kopie, hin zum Original!

Den folgenden Satz habe ich auf der Homepage eines Ordens, der Pallotiner, gefunden, die Geistliche Begleitung anbieten. Dort steht: „Alle Menschen werden als Original geboren, / doch viele sterben als Kopie.“ Der Satz will ein wenig provozieren. Ich zitiere ihn jetzt auch im Zusammenhang mit der Frage nach unserem geistlichen Leben, im Blick auf den Wert aber auch auf die Grenzen von Vorbildern im Glauben, die man mit sich herumträgt, die einem zunächst helfen, dann aber auch zur Altlast werden können. Deshalb möchte ich die kleine Geschichte an dieser Stelle wiedergeben, die die Pallotiner an diese provokante These angeschlossen haben. Vielleicht kennen Sie sie? Macht nichts, diese Geschichte kann man immer wieder hören.

Rabbi Sussja von Anipoli pflegte auf seinen Wanderungen von Ort zu Ort den Menschen zu sagen: „Ich fürchte mich nicht davor, keine Antwort zu finden, wenn ich nach meinem Tod vom höchsten Richter gefragt werde: Sussja, warum warst Du Deinem Volk nicht so ein großer Führer wie Mose oder so ein feuriger Prophet wie Elija oder so ein berühmter Schriftgelehrter wie Rabbi Akiba? - Aber ich fürchte, dass meine Worte verstummen, wenn ich gefragt werde: Sussja, warum bist Du nicht Sussja geworden? Warum hast Du Dich entfernt von dem Bild, nach dem ich Dich geschaffen? Warum bist Du mit Deinen Anlagen und mit meinen Gaben Dir so fremd, so unähnlich geworden

Mit anderen Worten – warum hast du zu sehr auf diese Bilder geschaut, die du mit dir herumträgst, die Bilder von den tapferen Streitern des Glaubens. Warum bist so wenig du selbst gewesen, auch in dem, was du glaubst und darin, wie du deinen Glauben gestaltest. Ich möchte diese Geschichte übertragen auf unsere Frage nach dem geistlichen Leben. Das soll keine Kopie sein, auch, wenn es ein Leben in einer geistlichen Gemeinschaft ist, etwa einer Kommunität, eines Ordens, einer Bruderschaft – oder einer Gemeinde oder einer Ehe. Deshalb muss man sich irgendwann auch einmal von seinen Vorbildern wieder freimachen. Es ist möglich und wahrscheinlich, dass Konflikte mit bestehenden Ordnungen, auch geistlichen Ordnungen nicht ausbleiben. Aber die müssen ausgefochten werden.

4.

Kontemplatives Leben ist einfaches Leben in Gott, in dem wir leben, weben und sind.

Kontemplatives Leben ist Leben in der Gotteskindschaft. Dabei darf ich so sein, wie ich bin, mit den Anlagen und Gaben, die Gott mir gegeben hat, um mit ihm zu leben. So verstehe ich „Spiritualität“. Kontemplatives Leben ist Leben unter Gott. Einfach nur leben unter Gott, nicht mehr und nicht weniger. Gott hat mich geschaffen. Der Apostel Paulus sagt, dass der Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist. Ich bin ein Tempel des Heiligen Geistes. Spiritueller geht’s nimmer. Deshalb ergänze ich: Kontemplatives Leben geschieht, wenn ich Gott in mir leben lasse.

Kontemplatives Leben ist Leben mit Gott, in dem wir leben, weben und sind, wie Paulus zu den Athenern und heute auch zu uns sagt. Die Voraussetzung für dieses Leben hat Gott selbst geschaffen, indem er mich gemacht, mir seinen Odem eingehaucht und mich zu seinem Wohnsitz (Tempel des Hl. Geistes) erklärt hat. Aber: wie kann ich Gott in mir wahrnehmen, wie kann ich ihn hören unter den vielen Stimmen, die in mir laut werden?

5.

Die Voraussetzung für kontemplatives Leben: der Sehnsucht nachspüren

Noch einmal ein Wort zu der chassidischen Geschichte. Sie sagt: sei du selbst.

Gott hat uns Anlagen und Begabungen gegeben, die wir vielleicht übersehen, weil wir so sehr auf die Vorbilder schauen oder auf die Traditionen, in denen wir leben – die Traditionen, die von Kirche zu Kirche und von Gemeinde zu Gemeinde verschieden sind.

Manchmal verwechseln wir Tradition mit Glauben und Brauchtumspflege mit Spiritualität. Und dann spüren wir, dass wir unzufrieden sind, wir spüren, dass uns das nicht mehr befriedigt: der Kirchgang am Sonntagmorgen mit Gottesdiensten nach Agende I, die Lektüre der täglichen Losungen, der wöchentliche Hauskreis, die Bibelstunde. Ich selbst habe einmal eine Zeit lang einfach keine Psalmen mehr singen mögen. Sie wollten mir einfach nicht mehr über die Lippen kommen. Ich bin darüber tüchtig erschrocken. Zunächst. Bis ich auf etwas gestoßen bin, was mich umgeworfen hat. Dazu musste ich mir aber zunächst erlauben, unzufrieden zu sein. Ich musste lernen, sie näher anzuschauen, sie nicht von mir wegzuschieben. Ich musste lernen, hinter die Unzufriedenheit zu schauen, neugierig zu werden auf das, was mich dort erwartet. Es war Gott, der dort auf mich gewartet hat. Er war wohl der Meinung, dass unsere gegenseitige Beziehung eine neue Tiefe braucht. Mir war bewusst geworden, dass hinter dieser Unzufriedenheit mit meinem bisherigen geistlichen Leben die Sehnsucht nach Gott stand, die Sehnsucht, enger und intensiver mit Gott zu leben, verbunden zu sein.

Die Sehnsucht, so habe ich gelernt, ist ein sehnendes Suchen. Im Blick auf das geistliche Leben ist es die Suche nach dem tragenden Sinn meines Daseins, der Sinn, der mich erfüllt, der mich hält, der mich glauben lässt. Ich nenne diesen tragenden Sinn Gott und sage: wir sehnen uns letztendlich nach Gott – weil sich Gott hinter allen Dingen verbirgt, weil Gott hinter allem und in allem, was ist, was zu finden ist. „Geht und verkündigt, dass Jesus lebt, er lebt in allem, was lebt und webt.“ Dieser Vers aus dem bekannten Osterlied („Er ist erstanden. Halleluja“) stand ursprünglich im Silberpfeil zu lesen. Vor diesem Satz sind die Überarbeiter des nun nicht mehr so ganz neuen Gesangbuchs erschrocken. Er war ihnen wohl zu revolutionär, nicht rechtgläubig genug. Deswegen singen wir heute in Übereinstimmung mit der Dogmatik und dafür in holprigem Deutsch: „Geht und verkündigt, dass Jesus lebt, darüber freu sich alles, was lebt.“

Ich glaube deshalb, dass Gott selbst an mir werkelt, wenn ich diese treibende Kraft und Unruhe in mir spüre. Und ich muss auch nicht erschrecken, wenn mir plötzlich alles fragwürdig wird. Die Sehnsucht sorgt dafür, dass ich mich auf den Weg mache. Kontemplatives Leben ist ein Leben unter Gott und in Gott, habe ich gesagt. Es ist der Gott, der mich anspricht, mich anrührt.

Unzufriedenheit mit meinem derzeitigen Glaubensleben könnte also ein „spiritueller Impuls“ von Gott sein, ein geistlicher Wink. „Geh hinaus aus deinem Vaterhaus hin in ein Land, das ich dir zeigen werde!“ Lass dich auf mich ein, sagt Gott zu Abraham und vielleicht auch zu mir. Und wenn Gott in mir ist und ich in ihm bin, brauche ich die Veränderung, den Weg, den Wandel und das Ziel nicht zu fürchten. Gott ist ja immer schon da, auch in der Veränderung, auch im Wandel und auch in meiner Unzufriedenheit, in meinem Fragen und Suchen.

6.

Kontemplatives Leben bedeutet in ständigen Kontakt mit Gott zu sein

Die natürlichste und zugleich schwierigste Art, mit Gott zu leben bedeutet: mit ihm in Kontakt zu treten. Das geschieht vor allem durch das Gebet. Was ist ein Gebet? Wie geht beten? Wie weit da die Vorstellungen auseinander gehen! Wenn ich nach einer Taufe zum Mittagessen eingeladen werde, muss ich mir meine Mahlzeit verdienen. „Herr Pfarrer, würden Sie bitte das Tischgebet sprechen?“ werde ich gefragt und ich hab mich noch nie getraut, nein zu sagen. Warum eigentlich immer ich? Weil ich der Pfarrer bin, ganz klar. Vielleicht, weil beten mein „Geschäft“ ist. Vielleicht will man sich auch nicht blamieren. Es könnte ja offenbar werden, dass in dieser Familie, in der ich Gast bin, normalerweise nicht vor dem Essen gebetet wird. Aber wenn der Pfarrer da ist, dann gehört sich das. Daran erinnert man sich. Aber, was sagt man, wenn man betet. Das Gebet bekommt etwas Zwanghaftes, etwas Aufgesetztes. Jeder ist froh, wenn der Pfarrer Amen sagt und die Suppe noch nicht kalt ist. Alles hat seine Zeit, sagt der Prediger. Auch beten hat seine Zeit und nicht beten ebenfalls.

„Wer da bedrängt ist findet Mauern, ein Dach und muss nicht beten“ schreibt Reiner Kunze in seinem Gedicht „Pfarrhaus.“ Das Pfarrhaus wird ja immer noch gerne als Ort gelebter evangelischer Spiritualität angesehen. Und vielleicht gehört es auch zur evangelischen Freiheit, auf spirituelle Zwänge zu verzichten, nicht beten zu müssen. Manchmal kann es aber auch geschehen, dass der Kontakt zu Gott abbricht. Nachdenken über Gott, von Gott reden, hochintellektuell und aphorismenreich ersetzt nicht die persönliche Beziehung zu Gott. Wer nur predigt und nicht selbst betet, wird unglaubwürdig.

Vom Jesuitenpater Franz Jalics, genauer gesagt: aus seinen Büchern und auch aus dem Mund seiner Schüler habe ich gelernt, dass es verschiedene Arten gibt, zu beten. Meiner Meinung nach sind die unterschiedlichen Arten des Betens lediglich Arten, wie meine Gottesbeziehung Gestalt annimmt. Diese unterschiedlichen Weisen zu Beten haben alle ihre Berechtigung und ihre Zeit. Sie alle sind Wege, mit Gott in Beziehung zu treten. Es ist auch nicht so, dass es da eine Hierarchie gibt, dass man von einer niederen zu einer höheren Kunst des Betens fortschreitet. Und doch: Der geistliche Weg, den wir gehen, ist ein abenteuerlicher und vielgestaltiger Weg. Er wird zum Abenteuer, wenn ich mich auf Gott einlasse.

7.

Es gibt verschiedene Arten des Betens – (k)eine Typologie

a. Beten mit Texten

Die christliche Tradition kennt verschieden Formen des Gebets. Wir lernen als Kinder schon vorformulierte Gebete. Ich denke an meine Mutter, die abends an meinem Bett saß und mit mir gebetet hat: „Lieber Gott, komm, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm.“ An die Stelle der Kindergebete treten später die Erwachsenengebete: Luthers Morgen – oder Abendsegen beispielsweise, das Vaterunser, auch die liturgischen Gebete des Gottesdienstes gehören dazu. Wenn wir als Michaelsbrüder im Konvent zusammenkommen, beten wir die Stundengebete – wir singen Hymnen, Psalmen in greogrianischer Tonart, sprechen Wechselgebete, Litaneien usw. Einmal in der Woche halten wir das Brudergebet, jeweils am Samstag. Auch dafür haben wir eine Gebetsvorlage. Im Brudergebet bringen wir die Brüder und ihre Familien mit ihren Sorgen und Nöten im besonderen und die ganze Kirche vor Gott. Deshalb bekommen wir regelmäßig per Mail eine Fürbittliste mit Namen von Brüdern oder Familienangehörigen, denen es schlecht oder gut geht, für die wir bitten oder danken sollen. Wir gedenken der Verstorbenen in der Fürbitte und sind alles in allem gut vernetzt. Als ich im Herbst krank war und es mir sehr schlecht ging, hab ich eine Rundmail an alle Brüder geschickt mit der Bitte um Fürbitte. Eines Tages las ich die Anfrage eines Bruder in meinem Postfach: Wie geht es dir? Wir beten jeden Morgen für dich. Helfen die Gebete oder sollen wir weitermachen? Das ist das Beten mit Texten.

b. Die schriftgebundene Meditation

Vielleicht merken wir aber, dass uns das irgendwie „zu wenig“ ist. Vielleicht greifen wir dann zur Bibel, wählen Texte aus, die wir betrachten. Vielleicht nehmen wir an ignatianischen Exerzitien teil. Dort lernen wir, in biblische Geschichten einzutauchen, so als ob wir dabei wären, wenn Jesus beispielsweise in Jerusalem einzieht. Wir lernen dann auch, auf uns zu schauen, wir fühlen uns ein in die besondere Situation der biblischen Geschichten und bitten Gott, dass er uns zeigen möge, was wir daraus lernen sollen. Mit Hilfe dieser biblischen Betrachtung gelingt es uns vielleicht, um es „gut protestantisch“ zu sagen: unser Leben unter Gottes Wort zu bringen. Es geht darum, unser Leben anzuschauen und nachzuspüren, ob es mit Gottes Willen vereinbar ist oder ob wir uns ändern müssen, Buße tun.

c. Das affektive Gebet

Eine andere Form ist das spontane Gebet. Ich verzichte auf Vorformuliertes und spreche, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Diese Zwiesprache mit Gott kann man auch als affektives Gebet bezeichnen. Meine Gefühlslage bringe ich vor Gott. Ich bin berührt vom Bibeltext, den ich betrachtet habe oder von einer besonderen Situation und komme ins Gespräch mit Gott – ich klage, ich lobe, ich weine, ich stammle mit eigenen Worten. Ich bringe mich vor Gott, so, wie ich bin. So kennen wir es ja auch von den Vorbildern aus der Schrift, von Mose oder David, von Elia oder Jesus.

8.

Es ist gut, feste Gebetszeiten einzuhalten und Regel – mäßig zu beten

Ein bruderschaftlichr Einschub: Beten ja – aber wann?

Das Beten mit Texten, die Schriftbetrachtung, das spontane, affektive Gebet ist die häufigste Form, in der unser Leben vor Gott Gestalt annimmt. Es ist gut und entlastet, wenn das regelmäßig geschieht.

Die Evangelische Michaelsbruderschaft beispielsweise verpflichtet ihre Mitglieder durch die Regel nicht nur zum regelmäßigen Gebet sondern auch zu festen Gebetszeiten. Einige Zitate aus der Regel sollen das belegen. Dort heißt es: „„Die Brüder widmen jeden Morgen und jeden Abend einige Zeit der Stille und der Andacht.“ „Die Bruderschaft verpflichtet ihre Glieder zur Gemeinschaft im täglichen Gebet“. „An jedem Sonnabend, soweit möglich um neun Uhr abends gedenken wir besonders der Brüder.“ „ Auch wenn das Einhalten der Stunde für das Gebet nicht möglich ist, ist ein kurzes fürbittendes Gebet zu dieser Stunde geboten.“

Um es gleich zu sagen – ich schätze die Regel unserer Bruderschaft. Sie ist mir eine Lebens – und Glaubenshilfe, aber ich bin zugleich auch dankbar für die Worte meines Helfers Sieger von Kirchbach, der mir bei meinem Eintritt in die Probezeit die Regel mit folgenden Worten überreicht hat: Nimm sie als Hilfe, nicht als Gesetz, sonst kommst du unter die Räder!

9.

Vom Wert der Geistlichen Disziplin – eine geistliche Lebensordnung hilft mir, kontemplatives Leben(Leben unter Gott) zu gestalten.

Die Evangelische Michaelsbruderschaft ist eine Gemeinschaft von Männern, deren Leben nach einer geistlichen Ordnung geregelt ist. Diese Regel hilft mir, eine geistliche Disziplin einzuhalten. Sie hilft mir, mein Leben in der Gotteskindschaft auszugestalten. Weil ich aber allein damit wohl schnell an meine Grenzen stoße, gibt es das Amt des Helfers in der Bruderschaft. Der Helfer ist ein Bruder, den ich mir ausgewählt habe und der vom Konvent beauftragt ist, mir beizustehen. An ihn kann ich mich wenden mit allen Sorgen und Nöten, wenn ich Zoff mit einem Mitbruder habe beispielsweise, erst Recht aber, wenn ich andere Schwierigkeiten habe. Der Helfer achtet aber auch auf die Einhaltung der bruderschaftlichen Disziplin. In der Tat entsteht mit der Zeit ein sehr enges Vertrauensverhältnis zwischen dem Helfer und seinem Schützling. Die Gespräche, die sie führen, unterliegen dem Beichtgeheimnis. Der Helfer hilft aber nicht nur, er achtet auch darauf, dass ich meinen Pflichten der Bruderschaft gegenüber nachkomme. Es gibt aber genügend Gelegenheiten, mit der Ordnung der Bruderschaft und erst Recht mit den Brüdern in Konflikt zu geraten. Dann kann ich mich an meinen Helfer wenden. Einmal im Jahr verfasst der Bruder einen Rechenschaftsbericht, den er seinem Helfer vorlegt. Das ist Pflicht. In diesem Bericht legt der Bruder über sein Leben, vor allem über seinen geistlichen Weg, Rechenschaft ab. Er schaut dazu alle Lebensbereiche an. Es tut ganz gut, sich einmal im Jahr hinzusetzen, Rückschau zu halten und aufzuschreiben, was mein Leben im Lauf eines Jahres erfüllt und manchmal erschüttert hat.

Beim Michaelsfest im Herbst werden auf Grund dieser Berichte Helfergespräche geführt. Sie haben – um einen neutestamentlichen Begriff einzuführen – „parakletische“ Funktion: es geht dabei um Trost, Stärkung, Ermutigung, aber auch Ermahnung. Für diese Gespräche nehmen wir uns einen ganzen Tag Zeit. Dieser Tag endet dann mit einer Beichtfeier und persönlicher Einzelsegnung.

10.

Das Gebet ist als geistliche Speise für die Seele lebensnotwendig. Das Ziel des geistlichen Lebens – in Gott sein.

Die Regel verlangt also, dass ich mir täglich Zeit nehme für das Gebet. Es ist also nicht in die Beliebigkeit gestellt. Also mache ich mir die Mühe, morgens etwas früher aufzustehen, um meine Gebetszeit einhalten zu können. Das Gebet steht an erster Stelle - auch in der Regel.

„Der Bruder übt in Treue und Gehorsam das tägliche Gebet. Er betet in Sammlung des Geistes und Gemütes. Er bittet darum, dass sein ganzes Sein und Wesen durchdrungen werde von der heiligen Gegenwart des Höchsten. Dem treuen Beter wird die Erfahrung zuteil, dass ihm das Gebet so unentbehrlich wird wie das Atmen seines Leibes. Ihm wird das Gebet zur täglichen Speise.“

Das Gebet ist die Nahrung für die Seele. Wenn ich dem Leib nicht regelmäßig Nahrung zuführe, hungert er. Ausfall – und Mangelerscheinungen sind die Folge. Der Mensch wird krank und stirbt im schlimmsten Fall. Wie wichtig ist mir die Versorgung der Seele. Das Gebet soll meine Existenz sein, weil Gott meine Existenz ist. Das Gebet soll Lebenselixier sein. Ich erinnere daran, wie ich kontemplatives Leben verstehe: Leben in der Gotteskindschaft, kontemplatives Leben ist Leben mit Gott und Leben in Gott. Kontemplatives Leben bedeutet, dass mein „ganzes Sein und Wesen durchdrungen werde von der heiligen Gegenwart des Höchsten.“ Kontemplatives Leben ist also nur möglich, wenn ich Gott erlaube, in mir zu leben, zu weben, zu sein. Damit das geschehen kann, brauche ich Zeit der Stille und der Andacht.

11.

Kontemplatives Leben ist Leben in der Anschauung Gottes durch das „einfache“ Gebet.

Wer schaut hier wen an? Vielleicht kennen Sie die folgende Geschichte. Sie erklärt, was ich damit meine, dass Kontemplation ein Leben in der Anschauung Gottes ist.

Der Pfarrer von Ars ging eines Tages in seine Kirche und sah dort einen einfachen Bauern knien. Er dachte sich nichts dabei. So viele Menschen kamen den Tag über in seine Kirche, um “dem lieben Gott” von ihren Sorgen zu erzählen. Als er aber nach einer Stunde wieder in die Kirche kam und den Bauern immer noch knien sah, ging er auf ihn zu und fragte ihn: “Sag mal, was sagst du dem lieben Gott da eigentlich die ganze Zeit?” Darauf entgegnete der Bauer ihm nur: “Eigentlich gar nichts, Herr Pfarrer.” Auf den Tabernakel deutend fuhr er nur fort: “Ich schaue ihn an - und Er schaut mich an.”

Das genügt, würde Theresa von Avila dazu sagen. Ich schaue ihn an und er schaut mich an.

Kontemplativ beten und kontemplativ leben bedeutet nichts anders als „in dieser Anschauung Gottes“ leben, also von Gott angeschaut zu werden und selbst Gott zu schauen. Damit meine ich nicht, dass man den ganzen Tag reglos in der Kirche verbringt. In der Anschauung Gottes zu leben bedeutet, das Alltägliche als den Ort der Gegenwart Gottes zu erfahren, damit ernst zu machen damit, dass wir in Gott leben, weben und sind.

Ich möchte das Gedicht von Reiner Kunze deshalb „kontemplativ“ interpretieren. Gott ist das schützende Dach, unter dem ich lebe, er ist die Mauer, die mich behüten und bergen – deshalb muss ich nicht mehr mit Worten beten. Ich muss nichts mehr artikulieren, keine Worte mehr verwenden. Es genügt, einfach nur dazu sein. Ich selbst bin das Gebet in Gott und Gott selbst ist das Gebet in mir. Wer in der Anschauung Gottes lebt, für den wird alles zum Gebet, weil es in Gott geschieht, jede Tätigkeit, jeder Atemzug, jeder Gedanke wird Gebet, wenn ich ganz bei dem bin, was ich tue, wenn ich gegenwärtig bin, wenn ich präsent bin. Weil ich dann ganz bei Gott bin.

12.

Kontemplatives Beten heißt achtsam leben

Erlauben Sie mir dazu einen Blick über den Tellerrand unserer Religion. Es gibt eine schöne Zen Geschichte, die das verdeutlicht:

Es kamen einmal ein paar Suchende zu einem alten Zenmeister. “Herr”, fragten sie “was tust du, um glücklich und zufrieden zu sein? Wir wären auch gerne so glücklich wie du.” Der Alte antwortete mit mildem Lächeln: “Wenn ich liege, dann liege ich. Wenn ich aufstehe, dann stehe ich auf. Wenn ich gehe, dann gehe ich und wenn ich esse, dann esse ich.” Die Fragenden schauten etwas betreten in die Runde. Einer platzte heraus: “Bitte, treibe keinen Spott mit uns. Was du sagst, tun wir auch. Wir schlafen, essen und gehen. Aber wir sind nicht glücklich. Was ist also dein Geheimnis?” Es kam die gleiche Antwort: “Wenn ich liege, dann liege ich. Wenn ich aufstehe, dann stehe ich auf. Wenn ich gehe, dann gehe ich und wenn ich esse, dann esse ich.” Die Unruhe und den Unmut der Suchenden spürend fügte der Meister nach einer Weile hinzu: “Sicher liegt auch Ihr und Ihr geht auch und Ihr esst. Aber während Ihr liegt, denkt Ihr schon ans Aufstehen. Während Ihr aufsteht, überlegt Ihr wohin Ihr geht und während Ihr geht, fragt Ihr Euch, was Ihr essen werdet. So sind Eure Gedanken ständig woanders und nicht da, wo Ihr gerade seid. In dem Schnittpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft findet das eigentliche Leben statt. Lasst Euch auf diesen nicht messbaren Augenblick ganz ein und Ihr habt die Chance, wirklich glücklich und zufrieden zu sein.”

Auch das ist beten – vor allem. In allem präsent, gegenwärtig und ganz da zu sein. Sicher werden Sie jetzt überrascht sein, aber auch Hemden zu bügeln wird zum Gebet, wenn ich es ganz und gar achtsam tue und nicht in Gedanken dabei die Einkaufsliste durchgehe oder daran denke, dass ich noch ein Telefonat zu führen habe. Einen Apfel bewusst zu essen, kann zu Gebet werden, wenn ich nicht dabei daran denke, dass ich auch einen Kuchen hätte backen können. Die Kunst in der Kontemplation besteht daran, sich ganz auf den Augenblick einzulassen – in dem Vertrauen, dass Gott in diesem Augenblick ganz da ist, in dem Moment, in dem ich die Hemden bügle oder den Apfel esse. So wird Beten zu einer Lebenshaltung. Beten ist nicht vorbei, wenn ich Amen sage und dann zu den Geschäften des Alltags übergehe. Ich bete in den Geschäften des Alltags, wenn ich präsent bin.

Die Meditation, das Verweilen im Schweigen, ist zwar auch Gebet. Wenn aber der Gong ertönt und wir uns vom Platz erheben, ist das Gebet nicht vorüber. Es wird fortgesetzt im Tun. Die Meditation und das Verweilen im Schweigen sind tägliche Übungen um präsent zu werden. Das geschieht in der Meditation, in dem ich lerne, das aufzugeben, was wir normalerweise gern tun. Wir verzichten auf Worte, Gedanken, Affekte.

Es genügt, von Gott angeschaut zu werden und Gott selbst anzuschauen – und darin alles zu finden. Es ist die Heiligung des Alltäglichen. Im Zen Buddhismus wird diese Lebenshaltung „Achtsamkeit“ genannt. Der Begriff hat auch Eingang gefunden in die christliche Spiritualität. Leben in der Gotteskindschaft bedeutet: in dieser Achtsamkeit zu leben und darin Gott zu finden, der Gott, in dem wir leben, weben und sind – und darin zu verweilen.

Das ist eine alles übergreifende Art zu beten, bei der die Worte überflüssig werden. Wie kommt man dazu? Der fromme Bauer aus der Geschichte hat es vorgemacht. In dem wir nichts tun. Teresa von Avila nennt das einfach Gebet auch „inneres Beten“. Sie schreibt in ihren Erinnerungen („Das Buch meines Lebens“): „…meiner Meinung nach ist inneres Beten nichts anderes als Verweilen bei einem Freund, mit dem wir oft allein zusammenkommen, einfach um bei ihm zu sein, weil wir sicher wissen, dass er uns liebt.“ Es ist nicht so, dass man nicht mehr mit Worten beten darf. Es ist vielmehr so, dass Worte überflüssig geworden sind. Wir sind uns sicher, dass er uns liebt. Weil er uns liebt, brauchen wir keine Worte mehr. Es ist wie bei Verliebten. Sie sitzen beieinander auf der Parkbank und halten Händchen. Sie brauchen sich nicht ständig zu sagen, dass sie sich lieb haben. Sie spüren es einfach.

Etwas provokanter formuliert diese Einsicht Angelius Silesius im „Cherubinischen Wandersmann“: „Meinstu, O armer Mensch / dass deines Munds geschrey, / Der rechte Lobgesang der stillen Gottheit sei?/ Gott ist so überalle, dass man nichts sprechen kann: / Drumb bettestu ihn auch mit schweigen besser an. Geschäfftig seyn ist gutt; Viel besser aber Bethen: noch besser Stumm und still für Gott, den Herren trethen.“ Damit kann man auch psalmodierende Michaelsbrüder ärgern. Aber nicht nur sie. Wir modernen Menschen, die alles erklären und definieren (also eingrenzen) und beschreiben wollen, tun unsmit dem Verweilen schwer. Einem wackeren Protestanten, der gelernt hat, vom Wort Gottes zu leben, die Bibel als Gottes Wort über alles zu setzen, täglich in ihr zu lesen, will das schwer eingehen, dass der Moment kommt, wo Worte, auch Schriftworte „überflüssig“ werden und die Bibel getrost im Regal stehen bleiben kann.

Kontemplatives Leben ist Leben in der Gotteskindschaft, Leben unter Gott und in Gott. Beten in diesem Sinn bedeutet nichts anderes, als einfach da sein vor Gott. Dieses einfache Da Sein dürfen will geübt und gelernt sein. Und es braucht seine Zeit. Das ist die Übung, die wir in der Meditation machen. Wir brauchen Zeit, um still zu werden, damit wir Gott wahrnehmen im Hier und Jetzt, damit wir wahrnehmen, dass wir in Gott leben, weben und sind.

Dazu eine kleine Geschichte zum Abschluss von den christlichen Wüstenvätern:

Drei Studierende, die sich liebten, wurden Mönche, und jeder von ihnen nahm sich ein gutes Werk vor. Der erste erwählte dies: er wollte Streitende zum Frieden zurück führen, nach dem Wort der Schrift: Selig sind die Friedfertigen (Mt.5,9). Der zweite wollte Kranke besuchen. Der dritte ging in die Wüste, um dort in Ruhe zu leben. Der erste, der sich um die Streitenden mühte, konnte doch nicht alle heilen. Und von Verzagtheit übermannt, ging er zum zweiten, der den Kranken diente, und fand auch den in gedrückter Stimmung; denn auch er konnte sein Vorhaben nicht ganz ausführen. Sie kamen daher beide überein, den dritten aufzusuchen, der in die Wüste gegangen war, und sie erzählten ihm ihre Nöte und baten ihn, er möge ihnen aufrichtig sagen, was er gewonnen habe. Er schwieg eine Weile, dann goss er Wasser in ein Gefäß und sagte ihnen, sie sollten hineinschauen. Das Wasser war aber noch ganz unruhig. Nach einiger Zeit ließ er sie wieder hineinschauen und sprach: „Betrachtet nun, wie ruhig das Wasser jetzt geworden ist.“ Und sie schauten hinein und erblickten ihr Angesicht wie in einem Spiegel. Darauf sagte er weiter: „So geht es dem, der unter den Menschen weilt: Wegen der Unruhe und Verwirrung kann er seine Sünden nicht sehen. Wer sich aber ruhig hält und besonders in der Einsamkeit, der wird bald seine Fehler einsehen.“

Es dauert halt seine Zeit, bis das Wasser still wird und wir im Spiegel unserer Seele Gott selbst erkennen, der uns darin anschaut, liebevoll anschaut und dem es genügt, dass wir sind, was wir sind: seine Kinder.

Vielleicht sind sie neugierig geworden. Wie könnte ich versuchen, kontemplativ im Alltag zu leben?

Im folgendem Kapitel habe ich zu den obigen Thesen einige Impulsfragen zusammengestellt.

Literaturangaben

Leider ist es mir nicht gelungen, für alle zitierten Texte die Belegstellen zu finden. Meine “Weisheiten” verdanke ich jedoch zum größten Teil den folgenden Verfassern und ihren Büchern:

Teresa von Avila: Das Buch meines Lebens. Vollständige Neuübertragung (Herder spektrum)

Franz Jalics: Der kontemplative Weg (Ignatianische Impulse, Band 14), 2. Auflage 2006, Echter Verlag

derselbe: Lernen wir beten, 2. Uflage, 1997, Echter Verlag

derselbe: Kontemplative Exerzitien, 8. Auflage 2003, Echter Verlag

Angelus Silesius: Cherubinischer Wandersmann. Kritische Ausgabe. Reclam 1984 - 2006