Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)

Gerade aufgeschrieben 

Auf dieser Seite lesen Sie die aktuelle Andacht oder einen jüngst verfassten Artikel, Kommentar, vielleicht auch einen Prosatext - was mir halt gerade aus der Feder fließ. Aber halt, eigentlich müsste ich sagen: was ich gerade getippt habe, denn eine Feder  oder einen Füller verwende ich zum Schreiben schon lange nicht mehr - und wenn, dann nur, um Notizen zu machen, die ich später kaum entziffern kann.                   

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Von Fremden und Heimischen

Fremd ist der Fremde nur in der Fremde…“ lässt uns Karl Valentin wissen. Und noch etwas erfahren wir von ihm - „dass ein Fremder, der sich fremd fühlt, ein Fremder ist, und zwar so lange, wie er sich nicht mehr fremd fühlt, dann ist er kein Fremder mehr.“ (Der Fremde, 1940)  Ob sich ein Mensch fremd fühlt oder nicht, hängt mit vielen Faktoren zusammen. Einer davon ist das Verhalten der  „nicht-fremden“ Mitmenschen, der sogenannten „Einheimischen“. Die Art und Weise, wie sie den Fremden aufnehmen, behandeln, ist ausschlaggebend dafür, ob Fremde sich „einleben“ und Wurzeln schlagen können oder nicht. Um sich fremd zu fühlen, muss man allerdings nicht einmal aus dem Ausland kommen. „Manch einem Münchner“, sagt Karl Valentin augenzwinkernd, sei zum Beispiel das Hofbräuhaus nicht fremd, wohl aber das Deutsche Museum in der gleichen Stadt. Und manchem Christenmensch mag es ähnlich gehen, fremd oder nicht: der Fußballplatz scheint ihm vertrauter zu sein als der Gottesdienst, den er nur einmal im Jahr, an Weihnachten, besucht. Warum wohl? Vielleicht, weil es dort wie im Deutschen Museum zugeht, weil dort eine Sprache gesprochen wird, die er nicht (mehr) versteht? Weil es genügend Museumswächter gibt, die ihn in die Schranken weisen? Dass sie für Gott längst keine Gäste und kein Fremdlinge mehr sind,  schreibt der Apostel im Brief an die Christen in Ephesus: „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.“ (Epheser 2,19) Allerdings muss es eine Zeit gegeben haben, in der das nicht so wahr.  Der Verfasser bezieht sich dabei auf auf die Probleme, die Juden - und Heidenchristen einst miteinander hatten. Da sind wohl aufgrund unterschiedlicher kultureller und religiöser Prägungen Welten aufeinander geprallt. Wir alle aber haben bei Gott ein Zuhause! Das liegt daran, dass Christus uns die Tür zu Gott geöffnet hat. Durch sein Opfer am Kreuz  hat er den Trennzaun, die Feindschaft, niedergerissen. Wir haben jetzt Frieden mit Gott, wie sollten wir dann nicht auch Frieden untereinander haben ? Wie sollten wir dann nicht in Frieden gemeinsam leben und glauben können, so dass sich niemand fremd fühlen muss, wenigstens in der Kirche nicht. Ist das religiöses Science Fiction? Etwas, worauf wir noch hoffen, weil es noch nicht verwirklicht ist?  Dort, wo Menschen leben, menschelt es eben, selbst im Volk Gottes und in seinem Hause. Da möchten manche Mitbürger und Hausgenossen Gewohnheitsrechte für sich in Anspruch nehmen gegenüber den Neuen , die noch nicht so recht wissen, ob das wirklich ihr Zuhause werden kann, die Kirche, Gottes Volk auf Erden. Ich höre deshalb aus dem Wochenspruch auch einen mahnenden Unterton. Vergessen wir nicht, dass sich im Volk und Haus Gottes nicht nur  eine kleine handverlesene Gemeinschaft heimisch fühlen soll, sondern auch  die anderen - die neu in die Gemeinden kommen, die andere Wurzeln haben, andere Traditionen. Es gehören auch die dazu, die sich fremd fühlen, obwohl sie doch  eigentlich von Kindesbeinen an dabei waren und sich mit der Zeit entfremdet haben. Das Apostelwort fordert uns auf, alles zu tun, dass sie alle ihren Platz finden oder wiederfinden und sich nicht mehr fremd fühlen. Wie gesagt, man ist nur solange fremd, wie man sich fremd fühlt.

18.7.2018