Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)

Gerade aufgeschrieben 

Auf dieser Seite lesen Sie die aktuelle Andacht oder einen jüngst verfassten Artikel, Kommentar, vielleicht auch einen Prosatext - was mir halt gerade aus der Feder fließ. Aber halt, eigentlich müsste ich sagen: was ich gerade getippt habe, denn eine Feder  oder einen Füller verwende ich zum Schreiben schon lange nicht mehr - und wenn, dann nur, um Notizen zu machen, die ich später kaum entziffern kann.                   

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Doch nicht der! Gedanken zum Wochenspruch am 13. Sonntag nach Trinitatis - Matthäus 25,40

„Mensch Jesus, du machst es einem aber auch wirklich nicht einfach!“ denke ich mir auf dem Heimweg vom Gottesdienst. Auslöser dieses Stoßseufzers ist die Begegnung mit einem unangenehmen Menschen. Da hat sich jemand in meine Beschaulichkeit eingeschlichen, einen, den ich nicht sehen wollte, jedenfalls nicht am Sonntagmorgen, nicht im Urlaub und nicht an diesem Ort. Wie schön dieser sonnige Sommermorgen doch begonnen hat. Ich hatte mir vorgenommen, den Gottesdienst mal „von der anderen Seite aus“ mitzufeiern, diesmal vor und nicht hinter dem Altar stehend, einfach nur mitsingen, mitbeten. Da sehe ich vor dem Eingang zur Kirche einen Mann - ziemlich heruntergekommen, ungepflegt, abgerissen. Er kniet auf dem Pflaster, die hohle Hand ausgestreckt, einen Augenaufschlag zum Gotterbarmen. Ich möchte gerne wegsehen. Zu spät! Unsere Blicke habe sich bereits getroffen. Er nickt mir zu. Ein Gruß? Eine Aufforderung? Vor sich hat er eine kleine Pappschachtel stehen mit ein paar Münzen drin. Die Botschaft ist klar - hier wird gebettelt. Ich gebe nichts. Ich ärgere mich. Ich gehe schnell vorbei, angeschoben von einer Flutwelle  voll ärgerlicher Gedanken. Ob das der Ortspfarrer weiß? Die Polizei müsste man holen. Solche Typen haben hier nichts verloren. Das weiß man doch, die gehören alle zu Bettler- Banden und sind selbst meist Kriminelle…. Es gibt also Gründe genug, um das Geld in der Tasche zu lassen. Ich setze mich in die Kirchenbank und möchte den Mann vergessen. Es gelingt mir nicht. Endlich beginnt der Gottesdienst. Nach dem Orgelvorspiel folgt die Begrüßung. Der Wochenspruch wird vorgelesen. Er steht bei Matthäus und lässt mich leise stöhnen: „Christus spricht: Was ihr getan habt einem von diesen meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan.“ Da ist er wieder. Der Mann von vorhin. „Herr, so einen kannst du doch nicht gemeint haben!“möchte ich einwenden. Die Geringen, das sind doch die andern, die wirklich Not leiden, die Flüchtlinge im Mittelmeer, die Rentner, die nach einem arbeitsreichen Leben von Altersarmut bedroht sind, die Opfer einer Katastrophe, die alles verloren haben und so weiter. Aber doch nicht dieses Gesindel. Was würde Jesus darauf antworten? Vielleicht: „Woher weißt du so viel über diesen Menschen? Geht es dir wirklich nur um diesen einen Euro, den du jetzt  gespart hast? Geht es nicht um etwas ganz anderes? Bist du diesem Menschen nicht mehr als nur etwas Geld schuldig geblieben? Hast du selbst nicht gerade diesen Mann zum geringsten aller Brüder gemacht - indem du auf ihn herabschaust?“ Da wird mir doch flau im Magen. Bin ich vorhin vielleicht auch an ihm vorbeigegangen - voll Empörung und Ärger? An dem, der zuerst die Scheinheiligkeit seiner Zeitgenossen entlarvt hat und heute meine eigne? Der Pharisäer in mir hat sich geärgert - und dann geschämt. Aber, vielleicht hat das so sein sollen, an diesem Sonntagmorgen.

26.8.2018