Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück. Psalm 73,28 



Vom täglichen Kampf - zum 21. Sonntag nach Trinitatis 

Als ich mich mit den biblischen Texten für diesen Sonntag beschäftigt habe, ist mir ein Tauflied eingefallen mit einer Zustandsbeschreibung für die Welt, in der wir leben: „Kampf und Krieg zerreisst die Welt, / einer drückt den andern nieder. / Dabei zählen Macht und Geld, / Klugheit und gesunde Glieder. / Mut und Freiheit, das sind Gaben. / Die wir bitter nötig haben.“ (EG 576) Damit wir bestehen können und nicht untergehen im Kampf der Welt, sind wir ausgerüstet mit der geistlichen Waffenrüstung, die uns beschützt – wir tragen den Helm des Heils und führen das Schwert des Geistes, Gottes Wort. Wir wissen, wie dem Bösen zu begegnen ist. Der Wochenspruch sagt uns, wie der geistliche Kampf gewonnen wird – durch die Liebe. Sie gibt uns die Kraft, der Mahnung des Apostels zu folgen: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Bitten wir Gott um ein Herz voller Liebe und einen Sack guter Ideen, wie wir das umsetzen können, was wir tun sollen. Vielleicht gelingt es uns dann, den kleinen Teufel, der uns das Leben schwer macht, an die Kette zu legen, so wie der kleine Bösewicht auf dem Mauervorsprung eines Hauses. 

22.10.2021


Gottes Wort achtsam (er) leben - zum 20. Sonntag nach Trinitatis

Manchmal tun klare Worte einfach nur gut. Worte, wie wir sie im Wochenspruch für den 20. Sonntag nach Trinitatis hören. Wir können sie nachlesen beim Propheten Micha. Wer das Buch liest, merkt, da spricht einer Klartext. Kurz und bündig und einprägsam sagt uns Micha, worauf es ankommt: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ Das kann man sich merken, danach kann man leben. So könnte man meinen. Gottes Wort halten! Klar, das bedeutet sicher: die Bibel zu lesen. Sich an die Gebote zu halten, oder? Doch da tauchen sie schon auf, die Einwände. Ich möchte mich nicht an alles halten, was in der Bibel steht! Zum Beispiel schon gar nicht an den folgenden Rat:  „Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, der züchtigt ihn beizeiten.“ (Sprüche 13, 24) Um den Wochenspruch aus dem Buch Micha besser zu verstehen, ist es hilfreich, sich nicht nur mit Luthers Übersetzung zufrieden zu geben, sondern auch andere zu Rate zu ziehen. Die Einheitsübersetzung von 2016 gibt das Prophetenwort so wieder:  „Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir erwartet: Nichts anderes als dies: Recht tun, Güte lieben und achtsam mitgehen mit deinem Gott.“  Gottes Wort wurde in den Alltag der Menschen hineingesprochen, von den Propheten zum Beispiel. Das waren Menschen wie Micha, durch und durch bodenständig und nicht immer diplomatisch. Bevor sie gesprochen haben, haben sie hingehört auf das, was Gott ihnen gesagt hat. Das Prophetenwort ist eine Aufforderung zum Hören und zum Handeln. Das Handeln kommt nach dem Hören. Es geht um eine Ausrichtung. Als Christ kann ich sagen: Gottes Wort ist Mensch geworden. Gottes Wort zu halten bedeutet für mich als Christ, sich an Jesus Christus zu halten. Der ist für uns zum Vorbild geworden. Er hat uns ein Beispiel dafür gegeben, wie Recht zu tun, Güte zu lieben und demütig zu sein  im Leben Gestalt annimmt. Jesus wendet sich den Menschen  zu und diese Zuwendung hilft, den Weg zurück in das Leben zu finden, zu dem sie bestimmt sind: das Leben in der Gemeinschaft mit Gott. Wer der Aufforderung des Micha folgt und sich dabei an Jesus orientiert, wird zu einem aktiven und zugleich achtsamen Leben vor Gott ermutigt, zum „mitgehen mit Gott!“  Das bringt mich dazu, jeweils zu fragen, was jetzt dran ist, was jetzt Gottes Wille in dieser oder jener Situation meines Lebens. Es gibt also keine fertigen, einfachen Antworten auf die Fragen des Lebens, auch nicht auf die Fragen des Glaubens. Es genügt nicht, auf jedes Problem mit einer Bibelstelle zu antworten. Ein Gott wohlgefälliges Leben ist ein achtsames Leben, ein Leben voll Aufmerksamkeit, Sensibilität und Liebe. Jesus hat diese Achtsamkeit vorgelebt. Gott hat uns durch das Prophetenwort klar gesagt, wie ein Leben nach seinem Willen aussieht, in erster Line bedeutet es, seinen Sohn, Gottes Mensch gewordenes Wort, im Glauben anzunehmen und im Herzen zu tragen, damit wir tun können, was wir tun sollen, in der Liebe zu leben und immer wieder danach zu fragen, was im Alltag Gottes Wille ist. Risiken und Nebenwirkungen sind dabei nicht ausgeschlossen.

18.10.2021



Um Heilung der inneren und äußeren Wunden bitten - Gedanken zum 19.Sonntag nach Trinitatis 

Eine Bitte um Heilung und zugleich ein Wort des Vertrauens ist der Wochenspruch aus dem Buch des Propheten Jeremia: „Heile du mich, Herr, so werde ich heil, hilf du mir, so ist mir geholfen!“ (Jeremia 17,14) Deprimierende Erfahrungen und Enttäuschungen haben den Propheten zu diesen Worten veranlasst. Im Auftrag Gottes sollte er sprechen. Aber nichts von dem, was er gesagt hat,  ist eingetreten. Jetzt erntet er Hohn und Spott. Niedergeschlagen ist er und am Boden zerstört.  An diesem Sonntag sind wir eingeladen, auf die äußeren wie auf die inneren Wunden  zu schauen, auf die Anfechtungen, unter denen wir leiden, auf den Schmerz, den wir in uns tragen ebenso wie auf körperliches Leid.  Und das alles dürfen wir vor Gott bringen. Wir können diesen Ruf um Heilung, um helfende und heilende Zuwendung auch stellvertretend für die Menschen laut werden lassen, von deren besonderer Not wir wissen und denen das Leid die Lippen versiegelt hat. Dazu ermutigt mich das Evangelium dieses Sonntags. Es erzählt davon, wie vier Freunde einen Gelähmten zu Jesus brachten. Weil sie wegen der Menschenmenge nicht zu ihm vordringen konnten, stiegen sie aufs Dach, deckten es ab und ließen ihren Freund an Seilen durch die Öffnung zu Jesus herunter. Heute sind wir eingeladen, unseren Schmerz und die Not der Menschen, die uns am Herzen liegen, zu Christus zu bringen, dem Arzt der Seelen. Mit den Worten des Propheten Jeremia können wir ihn bitten, zu heilen, was von alleine vielleicht nicht mehr oder nur sehr schlecht heilen kann. Und wir können es in der Gewissheit tun, die schon Jeremia Kraft geschenkt hat: „wenn du,Gott, hilfst, ist mir wirklich geholfen.“ Dieses Wort aus dem Alten Testament verlangt viel Vertrauen. Zu dem werden wir ermutigt. Um Vertrauen, um Glauben dürfen und sollen wir bitten. Gott wartet auf unser Gebet. Gerade jetzt.



Gedanken zum Erntedankfest - Bewusst leben, bewusst danken, die Schöpfung wertschätzen

Erntedankfest. Ich persönlich empfinde diesen Tag immer als Wendepunkt im Jahreslauf. Der Sommer ist jetzt vorbei. Die Natur bereitet sich vor auf Herbst und Winter. Wir schauen zurück auf das, was im Lauf des Jahres gesät, gehegt und gepflegt, bearbeitet und aufgebaut und geerntet wurde. Ist es gelungen? Ist es gut geworden? Vor allem aber, liegt ein Segen darauf? Nehmen wir die Hand wahr, aus der wir empfangen haben und die hinter und über allem steht? Die Hand des Schöpfers, dem wir alles verdanken? Ihm, dem Schöpfer, wollen wir heute Dank sagen für unser Leben und für alles, was wir haben Und doch legt sich auf die Dankbarkeit in diesem Jahr ein Schatten. Ich denke an die Hochwasserkatastrophe im Juli, ich erinnere mich an die Bilder von zerstörten Häusern, weinenden Menschen. Kleine Bäche verwandelten sich in mächtige Ströme und haben Unglück über die Anwohner in der Nähe gebracht. Ich denke an die sengende Hitze, die sich auf manche Erdteile gesenkt hat, an die Feuer, die an vielen Stätten ausgebrochen sind und nicht zuletzt an den Vulkanausbruch auf Palma. Wehrt sich die Erde? Wehrt sich die Schöpfung gegen die Ausbeutung durch uns Menschen? Passt das zusammen mit dem Erntedankfest? Sollten wir dieses Fest in einen Bußtag umwandeln? Ich denke an ein Gedicht des Dichterpfarrers Arno Pötzsch, der uns sagt, wofür er zeitlebens dankbar war:  „Er hat mit seiner Güte auch täglich mich gespeist, erquickt mein matt Gemüte, erfrischt mein’n Leib und Geist. Darum will ich ihm danken mit allem, was ich hab’, ihm, der mir ohne Schranken aus Liebe alles gab.“ Am Erntedankfest feiere ich in diesem Jahr eine Taufe. Ich denke an die Verheißung, die Jesaja seinem Volk gab und die ich mit der Taufe in Verbindung bringe: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein und wenn du durch Ströme gehst, sollen sie dich nicht ersäufen. Wenn du ins Feuer gehst, wirst du nicht brennen, und die Flamme wird dich nicht versengen. Dich ich bin der Herr, dein Gott…“  Gott ist also da, auch in Zeiten der Not, der Entbehrung, der Angst. Weiter sagt dieser Gott zu seinem Volk, dass er es lieb hat. Von dieser Liebe leben wir. Ihr will ich vertrauen. Sie hat Gestalt angenommen in Jesus Christus, der uns den Auftrag gegeben hat, in seinem Namen das Evangelium zu den Menschen zu bringen.  Im Vertrauen darauf, dass die Zusage Gottes gilt, will ich dankbar meinen Weg weitergehen, dankbar die Gaben der Schöpfung genießen und sie wertschätzen. Ich will im Vertrauen auf Gottes Fürsorge den Auftrag wahrnehmen, den er den Menschen gegeben hat, die Erde zu hegen und zu pflegen. 



Gottes gute Geister - Gedanken zu Michaelis

Da kommt mein Engel! sagte er stets zu ihr, wenn sie an sein Bett trat. Dabei war sie gar kein „überirdisches“ Wesen, sondern „nur“ eine Krankenschwester: Raphaela. Als er mit den eingegipsten Armen und Beinen hilflos im Bett lag und sich nicht bewegen konnte, hat sie ihn gefüttert, rasiert und gewaschen, die Kissen ausgeschüttelt, die Haare gekämmt, Tag, für Tag, Woche um Woche, so lange, bis er wieder hergestellt war und das Krankenhaus verlassen konnte. Nun wollte er sich von ihr verabschieden. Aber sie war nicht da. „Schwester Raphaela hat keine Zeit. Sie ist zu einem Kranken gerufen worden!“ meinte die leitende Stationsschwester kurz angebunden. So ist das mit Engeln: wenn sie gebraucht werden, sind sie da und wenn ihre Aufgabe erfüllt ist, verschwinden sie, als ob es sie nie gegeben hätte.  

Am 29. September ist „Michaelis“ – das Fest des „Erzengels Michael und aller Engel“, wie es offiziell heißt. Gibt es diese Engel wirklich? Und wenn ja, wie sollte man sie sich vorstellen? Ich denke, sie sind so wie Raphaela, die fleißige Krankenschwester.  Mit Rauschgoldengeln  haben sie wenig zu tun, die  Engel. Es sind Botschafter Gottes, seine „rechte Hand“ gewissermaßen. Sie kommen und gehen –  unbemerkt zuweilen. Sie überbringen den Menschen Nachrichten, die von „ganz oben“ kommen. Und manchmal „legen sie Hand an“. Dann stellen sie sich Menschen in den Weg, damit sie nicht in den Abgrund stolpern. Oder sie kommen, um einen Traurigen zu trösten. Manchmal zeigen sie Auswege aus verfahrenen Situationen. „Gute Mächte“ hat Dietrich Bonhoeffer diese Botschafter Gottes genannt und ihnen ein ganzes Lied gewidmet: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, / erwarten wir getrost, was kommen mag …“  Die guten Mächte wollen keinen Dank, keinen Lohn und auch keine Verehrung. Es genügt ihnen, wenn man durch sie aufmerksam wird, auf den einen, in dessen Auftrag sie kommen und handeln. „Gott ist mit uns, am Abend und am Morgen / und ganz gewiss an jedem neuen Tag“… heißt es in Bonhoeffers Lied.  Daran wollen sie uns erinnern, die Botschafter Gottes. 


Sieghafter Glaube? - Zum 17.Sonntag nach Trinitatis

„Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat!“  Mit diesem Wort aus dem 1. Johannesbrief gehen wir am Sonntag in die 17. Woche nach Trinitatis. Und vielleicht mit einer Frage, einem leisen Zweifel. Ist das wirklich so? Ist unser Glaube wirklich so sieghaft - und kann er sich wehren? Die Welt steht hier „symbolisch“ für eine Macht, die mich bedrängt , die absoluten  Anspruch auf mich, auf mein Leben und Denken erhebt. Täglich muss ich Entscheidungen treffen. Manchmal haben sie erhebliche Folgen für mein Leben. Woran richte ich mich dabei?  Die Vertreter der „Welt“ wiollen mir einreden, dass Christsein  etwas für Gutmenschen ist, die man belächeln kann und ansonsten nicht weiter  ernst nehmen Nuss, weil sie ja so naiv sind. An erster Stelle steht in der Welt der Erfolg, das persönliche Wohlergehen, durchaus auch gelegentlich  auf Kosten der anderen. Es gilt, was mir nützt.  Der Glaube überwindet aber diese Denkweise und setzt andere Prioritäten. Gott tritt an die erste Stelle. Sein Wort und sein Wille sind maßgeblich. Weil der Begriff „Gott“ jedoch zu abstrakt ist, ist Gott in Fleisch und Blut übergegangen und Mensch geworden. Der Glaube an Gott ist immer auch der Glaube an den menschgewordenen Gottessohn, ist immer eine lebendige Beziehung. Wie äußert sie sich? Durch das Gebet.  Der Glaube lebt aus dem Gebet und äußert sich imBekenntnis. Der Glaube scheut auch nicht den Konflikt, die Auseinandersetzung mit der „Welt“, wenn es um die Wahrheit geht, um das Bekenntnis zu Jesus Christus und die Folgen, die sich daraus ergeben. Die Herausforderung für uns Christen besteht darin, sich diesem Konflikt im Alltag zu stellen und sich den Anforderungen der Welt, ihren Gesetzmäßigkeiten, wenn nötig, auch zu widersetzen. Es gilt, der entlarvenden Frage nicht auszuweichen: Was ist maßgeblich in meinem Leben? Welchen Ansprüchen suche ich zu genügen? Gelingt mir das Wagnis des Glaubens? Wage ich es, mich und mein Leben in Gottes Hand zu legen? Wage ich es, mich Jesus Christus anzuvertrauen? Lasse ich es zu, dass meine Sicherheit seine Liebe zu mir ist? Überlasse ich ihm die letzte Entscheidung, das letzte Wort. Meine ich es ernst, wenn ich bete: „Dein Wille geschehe?“ Eine Reihe von Fragen, die der Klärung bedürfen. Der Wochenspruch fordert uns auf, dass wir uns dafür die Zeit nehmen, jeder für sich, an jedem Tag aufs Neue.




Entmachtung des Tods - zum 16. Sonntag nach Trinitatis

„Endlich! Wahrheit ans Licht gebracht!“ Wenn so eine Schlagzeile in der Zeitung steht, liest man neugierig weiter. Das riecht ja geradezu nach einer Enthüllung. Um welche Wahrheit es sich wohl handeln mag, die da bis jetzt verborgen war? Vielleicht kann man den folgenden Bibelspruch als Schlagzeile in diesem Sinn verstehen: „Christus Jesus, hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.“  Das steht im 2. Brief des Paulus an Timotheus. Am Sonntag werden wir dieses Apostelwort in vielen evangelischen Gottesdiensten als Wochenspruch hören. Von einer Entmachtung und einer Enthüllung ist da die Rede. Dieses Apostelwort soll uns die Augen öffnen, damit wir die Wahrheit erfahren, die neuen Machtverhältnisse erkennen, unter denen wir leben – meist ohne etwas davon zu merken. Schließlich scheint es so, als ob dem Tod keineswegs die Macht genommen ist. Es müssen noch nicht einmal die großen Katastrophen sein, die uns erschrecken. Oft löst schon die Anzeige vom Tod eines Bekannten in der Zeitung ein beklemmendes Gefühl ein einem aus. Mit jeder Hiobsbotschaft werden wir daran erinnert, dass wir sterblich sind! Gegen den Tod ist eben kein Kraut gewachsen! Tag für Tag erleben wir das. Und dann sagt einer: Die Macht des Todes ist gebrochen! Das ewige Leben, das bis jetzt verborgen war, wird ans Licht gebracht! Das kann man mit Zahlen und Fakten nicht belegen. Das kann man nur glauben. Der Apostel spricht von einer Glaubenswahrheit. Er wirbt um unser Vertrauen. Das Leben, das er meint, ist untrennbar mit einem Namen verbunden: Jesus Christus. Wir glauben, dass er unseren Weg gegangen ist, den Weg in den Tod, um den Tod zu entmachten. Weil Gott ihn vom Tod auferweckt hat, ist die Macht des Todes gebrochen. Davon erzählt das Evangelium, die gute Nachricht.  Vertrauen wir dem Apostelwort, wenn wir vor der Macht des Todes erschrecken. Dann haben wir einen Halt und eine Hoffnung in diesem Leben und beginnen, die die Welt in einem neuen Licht zu sehen.


Alle eure Sorgen - zum 15. Sonntag nach Trinitatis

Die Nacht zieht sich hin. Schon zwei Uhr. Die Welt schläft. Nur ich liege wach im Bett und kann nicht schlafen. So vieles geht mir durch den Kopf. Ich denke an einen Menschen, der mir am Herzen liegt. Ob es ihm gut geht? Als ich ihn kürzlich gesehen habe, sah er richtig krank aus. Und gestern am Telefon klang seine Stimme so traurig und ratlos. Warum habe ich einfach nicht gefragt, was mit ihm los ist? Weil ich es wieder mal eilig hatte. Er ist nicht der Einzige, der mich jetzt am Einschlafen hindert. Andere kommen dazu. Der Kollege, über den ich mich geärgert habe. Die Nachbarin, die mich dumm angeredet hat. Und dann hab ich mal wieder meinen Mund nicht halten können und hab mich im Freundeskreis zu ein paar überflüssigen Bemerkungen über andere hinreißen lassen. Die sollten flapsig sein und waren tatsächlich einfach nur dumm. Dafür schäme ich mich jetzt in Grund und Boden. Weil es jetzt endgültig mit meiner Ruhe vorbei ist, beginne ich zu beten. Es wird ein langes Zwiegespräch. Ich gestehe Gott meine Ratlosigkeit ein, ich klage ihm meine Unruhe, beichte ihm meine Versäumnisse, alles, was ich tagsüber beiseite schiebe und dann vergesse. Ich gestehe es dem, der das alles längst weiß und der mir nun die Gelegenheit gibt, es  endlich los zu werden. „All eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch…“ hat der Apostel Petrus in seinem ersten Brief geschrieben. Ich glaube, ich darf zu den Sorgen auch noch meinen ganzen Mist dazulegen, den ich verbockt habe, alles, was mir misslungen ist und ebenso die Schuld, die ich mir aufgebürdet habe. Wenn ich nicht weiß, wohin mit meinen Sorgen, wenn mich das schlechte Gewissen und die innere Not in den seelischen Schwitzkasten nimmt, habe ich eine Adresse, habe ich jemanden, an den ich mich wenden kann, einen, der mich entlastet. An ihn darf ich alles abgeben, was mir auf den Nägeln brennt, vor allem dann, wenn ich nichts tun kann, ausser zu beten, wie jetzt zum Beispiel, mitten in der Nacht.  Als mir das klar wird, spüre ich, wie die ersehnte Ruhe in mein Herz einzieht und  endlich den Schlaf bringt. Mit einer Liedstrophe im Sinn dämmere ich weg: „Wenn dein Aug ob meinem wacht, / wenn dein Trost mir frommt, / weiss ich, dass auf gute Nacht / guter Morgen kommt.“ (EG 487,4)



Loben, nicht jammern - zum 14. Sonntag nach Trinitatis

„Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!“ Dazu ruft uns der Beter des 103.Psalms im Wochenspruch auf Gottes Barmherzigkeit wird in diesem Gebet gepriesen. Wir erfahren, warum wir Grund haben, Gott zu loben:  er vergibt „alle deine Sünden … und heilt alle deine Gebrechen.“ Barmherzigkeit, Milde, Nachsicht lässt Gott walten. Barmherzigkeit ist ein Wesenszug Gottes. In einer Geschichte aus dem Neuen Testament heilt Jesus zehn Aussätzige. Nur einer kommt zu ihm zurück, um sich zu bedanken.  Die anderen werden nicht weniger glücklich über ihre Heilung gewesen sein. Es fällt ihnen nur nicht ein, Danke zu sagen. Dankbarkeit scheint kein Wesenszug des Menschen zu sein. Deshalb muss man ihn immer wieder daran erinnern. Vergiss nicht, was Gott dir Gutes getan hat, mahnt der Wochenspruch. Häufig übersehen wir das Gute vor unseren Augen, weil wir unser Augenmerk auf das Negative hin schulen, auf den Mangel.  Bitten wir Gott darum, dass er unser Herz berührt und uns die Augen öffnet, damit wir seine Spuren in unserem Leben wieder wahrnehmen und seine Wohltaten an uns erkennen und damit uns das Danken in Fleisch und Blut übergeht. Dankbarkeit soll zum Wesenszug des neuen Menschen gehören, des Menschen, der sich von Gott geliebt und erlöst weiß. Dankbarkeit kann man sich antrainieren. Vielleicht, indem ich mir an jedem Abend einmal überlege, wofür ich heute Gott danken kann. Vielleicht kommen wir dann ins Staunen, wenn Gott unsere Herzen berührt, unsere Augen öffnet und wir entdecken, wir reich wir doch von ihm beschenkt sind. „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!“ Wie gut sich das anfühlt, zu loben, statt zu jammern. Wir werden es erfahren und staunen. Wir müssen es nur wagen.




Die Zeichen der Zeit wahrnehmen - zum 13. Sonntag nach Trinitatis

Die Zeichen der Zeit sind eindeutig: es herbstelt. Morgens braucht die Sonne länger, bis sie die Nebel auflöst. Der Wind frischt auf und lädt die Kinder ein, ihre Drachen steigen zu lassen. Der Wind frischt auf. Wir sind dankbar für die warmen Wohnstuben, abends. Um die Monate zu zählen, die dem Jahr noch bleiben, genügen die Finger einer Hand. Im Sonntagsgottesdienst hören wir einen Wochenspruch, der ans Ende des Kirchenjahres erinnert: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern (und Schwestern), das habt ihr mir getan!“ Diese Wort stammt aus dem Matthäusevangelium. Im November, wenn das Kirchenjahr fast zu Ende ist, werden wir den ganzen Abschnitt hören. Er handelt vom Endgericht, weist daraufhin, wovon Gott sein Urteil über die Menschen am jüngsten Tag abhängig macht. Gute Karten wird haben, wer sein Herz nicht vor den Bedürfnissen und Nöten der Schwächsten unter uns verschlossen hat. „Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters“ wird ihnen gesagt werden, „ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt“ Und wie im Herbst der Wind mich schon frösteln lässt, so ist es auch mit diesen Worten. Sie sorgen für Gänsehaut auf der Seele, lösen eine heilsame Unruhe aus. Wie halte ich es mit denen, die meine Hilfe brauchen - den Hungrigen und Durstigen, den Gefangenen, den Einsamen, den Fremden? Halte ich mir ihre Not vom Leib? Oder lasse ich mich ansprechen? Der Wochenspruch - ein Spruch gegen die Selbstzufriedenheit. Die Zeichen der Zeit sind eindeutig. Der Jahreslauf in der Natur erinnert mich daran. Die Uhr tickt.




Wertvoll in den Augen Gottes - zum 12. Sonntag nach Trinitatis

Da hat ein Sturm ganze Arbeit geleistet. Ein dicker Ast liegt abgebrochen am Boden. Ob sich der Baum je wieder erholen wird? Ich muss bei diesem Anblick an den Wochenspruch denken, den wir am 12. Sonntag nach Trinitatis hören. „Das geknickte Rohr wird Gott nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ Das ist ein Trostwort. Jesaja hat es einst ausgesprochen. Ein Trostwort für sein Volk in der babylonischen Gefangenschaft.  Gott wirft nichts weg, sagt Jesaja. Er hat ein Herz für alle, die wie ein Rohr vom Sturm geknickt sind oder deren Lebensmut am erlöschen ist, wie der Docht einer Kerze im Wind. Welches Schicksal wohl en Baum erwartet? Wird er gefällt, zersägt und zu Brennholz verarbeitet? Ich denke an ein Gleichnis, das Jesus erzählt hat. Da hatte einer einen Garten mit einem Feigenbaum. Der wollte und wollte keine Frucht bringen. Deshalb sollte er gefällt werden. Doch der Gärtner bat den Grundbesitzer um eine Schonfrist von einem Jahr. Er will ihn umgraben und düngen. Erst, wenn das nichts bringt, dann soll er ihn fällen. So ist Gott, denke ich mir.  Gott gibt das Schwache, das Zerbrechliche nicht auf, das was in den Augen der Welt keinen Wert hat. Er hält die Hand über die erlöschende Flamme, damit sie aufleuchten kann. Wie gut dieser Gedanke einem tut, wenn man sich schwach und ausgepowert fühlt oder wenn man merkt, dass man nicht mehr so viel leisten kann, wie früher, wenn die Lebenskräfte abnehmen. In den Augen Gottes bin ich wertvoll. Gott kann uns noch gebrauchen. Deshalb hält er die Hand über uns. Er sorgt dafür, dass die Flamme nicht ausgeht, die Hoffnung nicht erlischt.


Zum 11. Sonntag nach Trinitatis - Demut als Lebenshaltung

Wussten Sie, dass viele bekannte Zitate und Sprichwörter in der Bibel stehen? Eines davon lautet: „Hochmut kommt vor dem Fall!“ Das finden wir im Buch der Sprüche Salomos. Wörtlich heißt es dort: „Wer zugrunde gehen soll, der wird zuvor stolz und Hochmut kommt vor dem Fall“ (Sprüche 16,18) Auch der Wochenspruch, den wir am kommenden Sonntag hören, warnt vor Hochmut und legt uns die Demut als Lebenshaltung ans Herz. Er steht im 1.Petrusbrief und lautet: „Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade!“ (1.Petrus 5,5) In der kirchlichen Tradition wird dieses Bibelwort einem Mann zugeschrieben, der zugeben musste, dass er sich selbst falsch eingeschätzt hat und zwar gewaltig. Ich spreche vom Apostel Petrus.  Was für eine armselige Figur hat er doch in den letzten Tagen Jesu abgegeben. „Ich werde dich niemals im Stich lassen,“ hatte er seinem Herrn großmäulig versprochen. Doch Jesus wusste, was von solchen Treueschwüren zu halten war. „Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen“, antwortete er ihm. So ist es dann auch geschehen. Die Soldaten kamen, um Jesus zu verhaften, und Petrus ist das Herz in die Hose gerutscht, der Heldenmut war auf einmal wie weggeblasen. Vielmehr hat er Stein und Bein geschworen, dass er diesen Mann aus Nazareth nicht kennt. In Grund und Boden hat er sich später geschämt und bitterlich geweint, als er den Hahn krähen hörte. Die Geschichte hatte ein Nachspiel. Das fand nach Ostern frühmorgens an einem See statt. Dort erschien der Auferstandene den Jüngern. Da kam es zum klärenden Gespräch mit Petrus. Jesus tadelte ihn nicht. Er machte ihm keine Vorwürfe. Nur eines wollte er von ihm wissen: „Hast du mich lieb?“ Gott lässt sich nicht beeindrucken von stolzen Worten und pompösen Auftritten, daran erinnert mich die Geschichte von der Verleugnung des Petrus. Wenn auch die moderne Bibelwissenschaft bezweifelt, dass unser Wochenspruch von dem Apostel stammt, könnte man dieses Bibelwort als Zusammenfassung seiner Lebenserfahrung verstehen. Gott schaut hinter die Fassade und sieht das Herz der Menschen an. Vor ihm müssen wir nicht so tun, als ob wir immer alles aus eigener Kraft schaffen. Wir dürfen Schwäche zeigen. Am Ende leben wir alle davon, dass Gott sich uns freundlich zuwendet und uns schenkt, was wir zum Leben brauchen. So hat es Jesus getan. Er reichte Petrus ein Stück Brot und einen gebratenen Fisch und gab ihm einen Auftrag: „Weide meine Herde!“ Ich glaube, da ist Petrus erst wirklich zum Apostel geworden. Er hat erkannt, wie gut das tut, dass Gott sich uns zuwendet, obwohl oder gerade weil wir schwach sind und immer wieder an unsere Grenzen stoßen.


 

Zum Isaelsonntag

Der 10. Sonntag nach Trinitatis erinnert uns an die Wurzeln unseres Glaubens. Ein Schatten liegt auf diesem Gedenken. Gewidmet ist dieser Tag dem Gedenken, vor allem einer Katastrophe, die sich in das Gedächtnis des Volkes eingegraben hat. Ich meine die Zerstörung des Tempels durch die römischen Truppen im Jahr 70.nach Christus. Der Tempel ist Zentrum des Glaubens und des religiösen Lebens, ein heiliger Ort, an dem man sich der Gegenwart des Allerhöchsten besonders nahe fühlte. Er wurde in Schutt und Asche gelegt. Ein Abbild des Grauens, das im vergangenen Jahrhundert durch unser eigenes Volk übertroffen wurde. Der Apostel Paulus weist darauf hin, dass der Leib ein Tempel Gottes ist. In den Gaskammern und Arbeitslagern wurde der Tempel Gottes mehrfach geschändet, gedemütigt und zerstört. Deshalb ist diese Gedenken für uns ein Anlass zur Trauer und Buße. Jesus war Jude. Paulus und Petrus waren Juden. Vergessen wir das niemals. Vielleicht können Juden und Christen aber zusammenfinden im Glauben, in der gemeinsamen Klage und in der Bitte um heilende Zuwendung, die uns durch den einen, den Allerhöchsten widerfährt, den Jesus uns Vater zu nennen gelehrt hat. Um seiner Barmherzigkeit willen dürfen wir, wenn auch zaghaft und demütig einstimmen in den Lobruf auf den einen Gott Israels, der doch auch unser Vater ist: „Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat.“ Wir bekennen den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Allein um Jesu Christi willen dürfen wir ihn Vater nennen.



Mit den Pfunden wuchern - zum 9. Sonntag nach Trinitatis     

„Junge, du hast Talent, du  bist nur zu faul zum üben...“ sagte mein Klavierlehrer zu mir, als ich noch ein Bub war. Er hatte Recht. Ich hatte einfach keine Lust auf Fingerübungen, auf Beethovens „Für Elise“ und Schumanns „Fröhlichen Landmann.“ Dass ich keine Lust hatte, wollte ich nicht zugeben. Da war es einfacher, den Kopf hängen zu lassen und zu sagen: „Ich kann das nicht!“  Wer weiß, was aus mir geworden wäre, wenn ich auf meinen Lehrer gehört hätte? Im Sonntagsevangelium geht es um anvertraute Talente. Da handelt es sich allerdings nicht um musische Begabung, sondern um materielles Vermögen, um eine Menge Geld. Da werden wir hellhörig. Bei Geld hört der Spaß auf. Wenigstens für die meisten von uns. Vielleicht können viele von uns den Mann verstehen, der seine Angestellten nach Erfolg und Leistung belohnt. Weil er verreisen musste, hat er ihnen sein Vermögen anvertraut. Der Erste bekam fünf Zentner Silber, der andere zwei und der dritte einen. Wahrscheinlich kannte der Chef seine Mitarbeiter und hatte das Geld nach ihren Fähigkeiten und Begabungen verteilt. Nach der Rückkehr des Chefs sollte die Abrechnung sein.  Die beiden „Knechte“, die ihren Einsatz geschickt auf zehn und vier Zentner verdoppelt hatten, wurde über den grünen Klee gelobt und belohnt. Einen Mordsanpfiff samt fristloser Kündigung erhielt der dritte. Dabei hatte er doch gar nichts getan. Und genau das war sein Fehler. Er hatte den Zentner Silber einfach vergraben. Das ist natürlich keine gewinnbringende Anlage. Vielleicht hatte er sich folgendes gedacht: „Der Chef geht auf Reisen und ich soll seine Arbeit machen? Kommt nicht in die Tüte! Wenn ich mich verspekuliere, dann bin ich erledigt!“ Er wollte einfach keine Verantwortung übernehmen. O Mann war da der Chef sauer. Man muss „mit den Pfunden wuchern“ - diese Redensart bezieht sich auf unser Gleichnis. Was man hat, muss man auch einsetzen, Phantasie, Köpfchen, Geschick, eben alles, was einem der Herrgott an Fähigkeiten geschenkt hat, soll man auch gebrauchen. Das Evangelium macht Mut, auch mal was zu riskieren. Nur wer wagt, gewinnt! Gott hat jedem Talente gegeben, die man im Leben einsetzen soll. Jetzt spreche ich wieder von unseren Begabungen, nicht vom Kontostand. Unsere Talente und Begabungen sind der wahre Reichtum, den ich mehren soll. Deshalb ist das Evangelium ein gut gemeinter aber durchaus kräftiger Tritt in den Allerwertesten für alle die den Hintern nicht hochkriegen. Du kannst etwas, also trau dich! Setz deine Gaben ein, vergrab sie nicht, lass sie nicht vermodern. Auch der Wochenspruch schlägt in diese Kerbe: „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen. Und wem viel anvertraut ist, von dem wird man um so mehr fordern!“ „Was hast du aus den Gaben gemacht, die ich dir gegeben habe?“ Irgendwann einmal wird Gott uns das fragen. Bitten wir ihn darum, dass wir die Begabungen, die er uns ins Herz gelegt hat, unsere Fähigkeiten und Talente  erkennen, annehmen und gebrauchen – zu unserem Heil und zu Gottes Lob. 



Kinder des Lichts sein - zum 8.Sonntag nach Trinitatis

An diesem Sonntag bekommen wir im Wochenspruch einen Auftrag: „Lebt als Kinder des Lichts.“ Das ist die blumige Sprache des Orients. Gemeint ist: verhaltet euch so, dass durch euch und mit euch ein gutes Leben im Sinne Gottes möglich wird. Bringt Licht in die Dunkelheit. Wie kann das geschehen? Auch darauf gibt der Wochenspruch eine Antwort – indem ihr gütig seid, gerecht und glaubwürdig. Was für eine Herausforderung in dieser Zeit. Wieviel Dunkelheit, wieviel Angst und Not begegnen uns heute. Pure Verzweiflung ist in die Gesichter der Menschen geschrieben, die bei der Flutkatastrophe vor einer Woche alles verloren haben. Der Schmerz hat sich eingegraben in die Seelen und zeigt sich in den Gesichtern der Angehörigen der Opfer von Hass und Gewalt. Die Schäden der Flut werden wohl irgendwann einmal behoben sein. Das Leid der Seele kann man nicht beheben. Es bleibt. Es wandelt wohl seine Gestalt, aber es bleibt. Es bleibt die Erinnerung,  der Schmerz, die Verzweiflung, es bleiben die Tränen. Immer wieder werden wir an die Abgründe menschlicher Bosheit geführt. Die Kinder des Lichts haben eine schwere Aufgabe in dieser Zeit. Sie sollen die Frucht des Lichts hineintragen an die Orte der Dunkelheit und zu den Menschen, die an diesen Orten sind. Allein schaffen wir das nicht. Wir brauchen dazu Gottes Hilfe. Bitten wir Gott in unseren Gottesdiensten um seinen Segen, damit wir dem Aufruf gerecht werden: „Lebt als die Kinder des Lichts. Die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“ Die Welt hat diese Früchte nötiger denn je. 



Nicht mehr nur zu Gast sein - zum 7. Sonntag nach Trinitatis

„Fremd ist der Fremde nur in der Fremde…“ lässt uns Karl Valentin wissen. Und noch etwas erfahren wir von ihm - „dass ein Fremder, der sich fremd fühlt, ein Fremder ist, und zwar so lange, wie er sich nicht mehr fremd fühlt, dann ist er kein Fremder mehr.“ (Der Fremde, 1940)  Ob sich ein Mensch fremd fühlt oder nicht, hängt mit vielen Faktoren zusammen. Einer davon ist das Verhalten der  „nicht-fremden“ Mitmenschen, der sogenannten „Einheimischen“. Die Art und Weise, wie sie den Fremden aufnehmen, behandeln, ist ausschlaggebend dafür, ob Fremde sich „einleben“ und Wurzeln schlagen können oder nicht. Um sich fremd zu fühlen, muss man allerdings nicht einmal aus dem Ausland kommen. „Manch einem Münchner“, sagt Karl Valentin augenzwinkernd, sei zum Beispiel das Hofbräuhaus nicht fremd, wohl aber das Deutsche Museum in der gleichen Stadt. Und manchem Christenmensch mag es ähnlich gehen, fremd oder nicht: der Fußballplatz scheint ihm vertrauter zu sein als das Gotteshaus, in dem er getauft worden ist. Warum wohl? Vielleicht, weil es ihm in der Kirche geht wie Karl Valentins „Münchner“ im Deutschen Museum? Weil er sich dort nicht Zuhauf fühlt? Warum ist das so. Vielleicht,  weil dort, ich meine jetzt die Kirche, eine Sprache gesprochen wird, die von vielen nicht (mehr) verstanden wird? Oder weil es im Haus Gottes genügend Museumswächter gibt, die dafür sorgen, dass der Fremdling ein Fremdling bleibt, einer, der eben nicht zu der eingeschworenen Gemeinschaft der Alteingesessenen dazugehört? Dass sie für Gott längst keine Gäste und kein Fremdlinge mehr sind,  lesen wir im Brief an die Christen in Ephesus: „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.“ (Epheser 2,19) Ich höre aus dem Wochenspruch auch eine Mahnung an uns, die „Alteingesessenen“. Vergessen wir nicht, dass sich im Volk und Haus Gottes nicht nur  eine kleine handverlesene Gemeinschaft heimisch fühlen soll. Das Apostelwort fordert uns auf, alles zu tun, dass sich alle im Haus Gottes Zuhause fühlen, die „Alteingesessenen“ ebenso wie die, die neu dazugekommen sind oder die einfach nur mal unverbindlich in die Gemeinde Gottes hineinschnuppern wollen.  Wie gesagt, man ist nur solange fremd, wie man sich fremd fühlt. Und wo man sich willkommenfühlt, möchte man vielleicht auch bleiben.



Wertgeachtet in den Augen Gottes - Zum 6. Sonntag nach Trinitatis

"Vielleicht hätte mir ich doch besser eine schicke Krawatte umbinden sollen“, denke ich mir. Aber jetzt ist es zu spät. Jetzt sitze ich da, im Vorzimmer und warte. Zusammen mit zwei anderen Kandidaten. Die sind gut gestylt, tragen Markenklamotten und Designerbrillen. Die Zeit, in der eine lockere Kleiderordnung chic war, scheint vorbei zu sein. Ob diese Jungen ihre Nervosität nur geschickt verbergen? Oder bin ich wirklich der einzige, der  aufgeregt und unsicher ist. Ganz lässig sitzen sie da und wischen über ihre Smartphones.  Ich kann ihre Blicke noch spüren, mit denen sie mich vorhin taxiert haben. Die haben Bände gesprochen: „Du hast keine Chance gegen uns!“ Sie haben wahrscheinlich Recht, denke ich mir. Eigentlich bin ich zu alt für diese Bewerbungsspielchen. Ich kann nichts dafür, dass ich arbeitslos bin und fühle mich doch schuldig. Gekündigt wegen Geschäftsaufgabe! Und noch sieben Jahre bis zur Rente! Wie soll ich die nur überstehen? Was habe ich den anderen voraus, womit kann ich punkten? Mit Lebenserfahrung? Ob so etwas zählt? „Der könnte mein Sohn sein“, schoß es mir durch den Kopf, als mir vorhin der Personalchef die Hand gegeben und mich zu den anderen Kandidaten ins Vorzimmer begleitet hatte. Jetzt würde ein gutes Wort helfen, eines, das aufbaut, die Angst verscheucht, das  mein Selbstwertgefühl stärkt und mir Mut macht. So ein Wort hatte der Prophet Jesaja im Auftrag Gottes gesprochen. Wir hören es als Wochenspruch am 6.Sonntag nach Trinitatis. „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“ Die Israeliten hörten es einst in einer Situation, in der sie ganz unten waren - als Kriegsgefangene, ohne Heimat, ohne Hoffnung. Ich habe dich erlöst - befreit, sagt Gott in diesem Wort zu seinem Volk. „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen.“ Das sagt er auch zu mir.  Gott kennt meinen Namen. Er muss nicht erst in meine Personalakte schauen, um zu wissen, wen er vor sich hat. Er weiß, wie es um mich steht. Und er verspricht mir ein Leben nach seinen Vorstellungen, ein Leben in Würde. „Du bist in meinen Augen wertgeachtet. Du bist herrlich. Ich habe dich lieb“ sagt Gott zu seinem Verlierer - Volk - fast in einem Atemzug mit dem Zuspruch von eben. Gott hat mich bei meinem Namen gerufen - in der Taufe! Diese erlösende Zusage Gottes gilt deshalb für jeden von uns. Daran erinnert uns der Taufgedächtnissonntag. In der Taufe sagt Gott mir am Anfang meines Lebens, wonach ich mich im Grunde immer sehne, selbst im Alter, wenn die Haare grau werden und der Gang gebeugt, wenn ich den  aktuellen Bewertungskriterien nicht mehr Stand halte, wenn ich in den Augen derer  nichts mehr gelte, die heute das Sagen haben. Ich möchte angesehen sein. Ich sehne mich danach, wahrgenommen zu werden, anerkannt zu werden. Und das werde ich auch. Ich bin in Gottes Augen wertgeachtet. Ich bin herrlich. Ich bin geliebt. Vielleicht hebt das die Kränkung nicht auf, wenn ich trotzdem nach dem Vorstellungsgespräch eine Absage erhalte, wenn ich merke, dass ich nicht mehr mitkomme mit den anderen, den jüngeren, dass ich auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr zu vermitteln bin. Das Wort erinnert mich daran, dass Gott andere Maßstäbe anlegt, als die Menschen. Sein Maßstab heißt Liebe. Die hat Gestalt angenommen in einem schwachen, angreifbaren Menschen. Einem, der in den Augen vieler auch gescheitert ist. Ich spreche von Jesus Christus. Der garantiert mit seinem Leben dafür, dass Gott nichts zurück nimmt von dem, was er dem Menschen am Anfang seines Lebensweges versprochen hat, was er mir versprochen hat: Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst. Du bist wertgeachtet in meinen Augen.



Der Tag des Hinhörens - Zu 5. Sonntag nach Trinitatis

„Heute ist der Tag des Zuhörens…“ verkündete vor kurzem der Moderator einer Morgensendung im Radio. Dieser Tag sollte dazu ermutigen, mehr aufeinander zu hören, aufeinander zu achten. Haben wir so einen Tag wirklich nötig?“ dachte ich mir, während ich mein Brötchen kaute. „Anscheinend schon…“ antwortete ich mir selbst.  Zuhören ist eine Form der Nächstenliebe. Wenn ich mich meinem Nächsten zuwende und wirklich hinhöre auf das, was er oder sie mir zu sagen hat, erweise ich meinem Gegenüber Respekt. Diese Wertschätzung bleiben wir anderen oft schuldig. Ich frage mich, ob wir nicht nur unseren Mitmenschen Herz und Ohr verschließen, sondern auch Gott? Den 5. Sonntag nach Trinitatis könnte man zum Sonntag des Hinhörens erklären. An diesen Sonntag geht es um Gottes Ruf und um unsere Berufung. Und es geht auch darum, ob wir diesen Ruf hören, ihn an uns heran lassen. Oder ob wir die Ohren „auf Durchzug“ stellen. Jesus hat die Menschen in Gottes Namen angesprochen und eingeladen. Sein Ruf in die Nachfolge gilt auch uns. Wir sollen ihm folgen auf den Weg ins Leben. Wir sollen selig werden. Nicht, weil wir es verdient haben, sondern weil Gott uns wertschätzt, weil er uns liebt. Im Wochenspruch aus dem Epheserbrief wird das so ausgesprochen: „Aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch. Gottes Gabe ist es.“ Für uns moderne Menschen, die ständig unter enormen Leistungsdruck stehen und meinen, für alles, was gut und wichtig ist,  einen hohen Preis zahlen zu müssen, eine unglaubliche Botschaft, nicht wahr? Was für ein Jammer, wenn wir so eine gute Nachricht überhören!



Einer trage des anderen Last - zum 4. Sonntag nach Trinitatis

Die alte Frau tut mir leid. Wir begegnen uns im Treppenhaus. Sie steht unten beim Eingang und sieht seufzend nach oben. So viele Stufen bis zu ihrer Wohnung!  Eine schwere Einkaufstasche hält sie in ihrer Hand. „Ich trag Ihnen das rasch hoch“, sage ich zu ihr. Die Frau lächelt. Sie kennt mich schon von Kindesbeinen an: „Schön, dich zu sehen!“ sagt sie. „Bist du mal wieder Zuhause? Hast du Urlaub?“ Mein Angebot lehnt sie freundlich ab. „Ach lass mal, das schaff ich schon. Die paar Konservendosen kann ich doch alleine tragen!“ Ein diskreter Blick lässt mich ahnen, dass in dem großen Stoffbeutel weit mehr als nur ein paar Dosen stecken. Sicher hat sie deshalb auch nichts dagegen, dass ich keinen Einwand dulde und ihr die Einkaufstasche sanft aus der Hand nehme. Ich staune über das Gewicht. „Da haben Sie wohl für die ganze Woche eingekauft, nicht wahr?“ Die Frau lächelt verlegen. „Na ja, irgendwann gehen eben die Vorräte aus!“ Es klingt fast wie eine Entschuldigung, als sie dann noch hinzufügt: „Ab und zu will ich auch mal unter die Leute. Trotz Corona. Den ganzen Tag in der Wohnung bleiben, da fällt mir die Decke auf den Kopf!“ Gewiss hatte der Apostel Paulus nicht an die Konservendosen der alten Frau gedacht, als er in seinem Brief an die Galater schrieb: „Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen!“ (Galater 6,2) Diesen Auftrag hören wir am 4. Sonntag nach Trinitatis im Gottesdienst als Wochenspruch. Ob man ihn als Verhaltenstipp für diese Tage verstehen kann? Wir fürchten ein Virus, das man nicht sehen kann. Doch es ist da und macht sich immer wieder bemerkbar. Die Last, unter der viele Menschen heute leiden, kann man ebenfalls nicht sehen: die Einsamkeit, Angst, Isolation, Traurigkeit, Ratlosigkeit. Diese Last stemmt man wohl nicht allein dadurch, dass man eine Einkaufstasche nach oben trägt. Oder vielleicht doch?  Das Gesetz Christi, das wir erfüllen sollen, ist nicht auf Papier, sondern in unsere Herzen geschrieben. Wir können es mit fünf Buchstaben zusammenfassen: Liebe. Das Gesetz Christi appelliert an unser Mitgefühl, hilft uns, darauf zu achten, was gerade dran ist. Die Liebe sorgt dafür, dass wir schnell merken, was die Not wenden kann. Das sind es oft die kleinen Dinge, die viel Großes bewirken können. Ein freundliches Wort, ein Telefonanruf oder ein spontaner Besuch helfen, die Last etwas erträglicher zu machen. Und wenn es nur ein paar Stufen in einem Treppenhaus ohne Fahrstuhl sind, die man gemeinsam zurücklegt.                                           26.6.2021




Johannes, der Täufer

Am 24. Juni ist der Gedenktag der Geburt des Täufers Johannes - kurz: Johanni.. Ein denkwürdiges Datum.  Jetzt geht das Jahr in die zweite Hälfte, die Tage werden kürzer, die Schatten länger. Niemand weiß, wie Johannes wirklich ausgesehen hat. Die Beschreibungen jedoch, die ich von ihm  in der Bibel lese, rufen in mir ein Bild hervor, das mich eher erschreckt als erbaut. Ich sehe dann einen abgerissenen Typ, mit struppigen Haar, in einem Fellmantel gekleidet und mit grimmigen Blick. So jemandem möchte ich nicht im Dunkeln begegnen. Doch der Schein trügt. Johannes der Täufer hat seinen Platz im kirchlichen Kalender zu Recht. Das liegt an seiner Botschaft. Er ist die Stimme des Rufers in der Wüste: „Bereitet dem Herrn den Weg!“

Vielleicht fehlt uns heute die Unerschrockenheit und die Leidenschaftlichkeit mit der er seinem Auftrag nachging, die Buße zur Vergebung der Sünden predigte und taufte. Johannes hat stets deutliche Worte gebraucht und sich dabei nicht um „political correctness“ geschert. Schließlich geht es um Gottes Wort und Gottes Willen. Es geht um Rettung, um Vergebung. Die aber setzt Buße und Umkehr voraus. Dass Johannes früher oder später in Ungnade gefallen, ins Gefängnis geworfen und schließlich Opfer eines Justizmordes wurde (wenn man seine  aus der Laune des Königs angeordnete Hinrichtung so bezeichnen kann) darf eigentlich nicht verwundern. Ob uns Johannes der Täufer heute die Frage stellt, wie das mit unserer Leidenschaft für den Glauben ist? Wagen wir es, gegen den Strom zu schwimmen, zu bekennen, was wir von Herzen glauben? Wir müssen ja nicht einmal die Konsequenzen fürchten, die er selbst zu tragen hatte. Allenfalls könntest Spott und Hohn, Häme, Ablehnung oder Gleichgültigkeit die Folgen sein, wenn man mal auf die Weichspüler in den Worten verzichtet. Vor allem aber müssen wir uns von Johannes dem Täufer die Frage stellen lassen: bereiten wir dem Herrn den Weg, wagen wir es noch, auf Christus hinzuweisen und zu sagen: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt trägt?“ (Johannes 1,29)



Gesucht und gefunden oder "Von Hirten und Katzen" - Gedanken zum 3. Sonntag nach Trinitatis

Die folgende Andacht habe ich vor ein paar Jahren geschrieben. Meine Katze lebt schon lange nicht mehr. Ihr habe ich aber viele Anregungen für meine Predigten und Artikel zu verdanken und in meiner Erinnerung höre ich sie immer noch schnurren. Vielleicht ist das aber auch nur das Brummen des Kühlschranks.


Wo sie sich nur wieder versteckt hat? Nein, diese Sucherei macht kein Vergnügen. Ich bin müde. Ich möchte schlafen gehen. Es ist schon spät. Um diese Zeit müsste sie eigentlich wieder Zuhause sein. Um diese Zeit kommt sie immer, streicht schnurrend um meine Beine. Zeit für einen Spätimbiss - vom Herrchen persönlich serviert. Doch sie kommt nicht. Langsam mache ich mir Sorgen. Wer es noch nicht bemerkt hat: ich spreche von meiner Katze. Was, wenn ihr etwas passiert ist? Wenn sie eingesperrt wurde? Oder wenn sie jemand gefangen hat? Katzenfänger sollen zur Zeit wieder unterwegs sein. Ich verscheuche diese Gedanken wie lästige Fliegen. Aber sie sind hartnäckig. Sie heften sich an mich und machen mich unruhig. Da helfen auch nicht die Sätze, die ich wie ein Mantra zur Beruhigung aufsage: Eine Katze ist selbständig. Eine Katze hat sieben Leben. Eine Katze fällt immer auf ihre Pfoten. Sie helfen nicht. Die Unruhe bleibt, die Sorge. Meine Katze liebt das warme Wohnzimmer, nicht den verschneiten Garten. Deshalb ziehe ich meinen Mantel über den Pyjama, schlüpfe barfuß in die Stiefel,  schnappe die Taschenlampe und verlasse das Haus. Eisiger Wind schlägt mir entgegen. Schneeregen rieselt in den Kragen. Ich rufe, leise, zitternd, folge dem Lichtkegel der Taschenlampe, stolpere trotzdem über Baumwurzeln und unerwartete Treppenstufen. Nichts. Entmutigt und hilfesuchend wandert mein Blick himmelwärts, an der Regenrinne der Hauswand entlang, hinauf zum warm erleuchteten Wohnzimmerfenster im 1. Stock. Dort hat hinter den Scheiben ein vertrauter Schatten auf der Fensterbank Platz genommen. Zwei funkelnde Mandelaugen beobachten mich neugierig von oben herab. Was sich die Katze in diesem Augenblick wohl denken mag, während sie gelangweilt die Pfoten leckt. Vielleicht: „seltsame Wesen, diese Menschen. Bei so einem Wetter das Haus verlassen! Wie unvernünftig “ Etwas verschämt stolpere ich zurück ins Haus. Wie gut, dass es schon so spät und dunkel ist. Was wohl die Nachbarn denken würden, wenn sie mich so sehen könnten? Ärger, Scham aber noch viel mehr Erleichterung spüre ich. Jetzt kann ich den Guten Hirten aus dem Gleichnis verstehen, von dem wir am Sonntag im Evangelium lesen. Mehrmals hat er seine Herde abgezählt: 97,98,99 … immer dasselbe Ergebnis: ein Schaf fehlt. Es müssten 100 sein. Das lässt ihn keine Ruhe. Er macht er sich auf den Weg. Er weiß, in der Wildnis hat das Schaf keine Überlebenschance. Er sucht und sucht, bis er in der Ferne ein ängstliches Blöken hört. Da hüpft sein Herz vor Freude. Er eilt dem Geräusch nach, bis er das Tier gefunden hat. Dann beugt er sich herunter, hebt es auf und legt es um seine Schultern. Die andern mögen ihn für verrückt halten. So viel Aufhebens um eines Schafes willen. Den Verlust hätte er doch verschmerzen können. Er hat ja noch 99! So viel Getue um eine Katze. Die sucht sich schon ein warmes Plätzchen in einem Schuppen. Ich freue mich, dass Jesus das Gleichnis von dem verlorenen Schaf erzählt hat, um uns daran zu erinnern, wie sehr wir Gott am Herzen liegen. Der Verlust eines Sünders ließe sich doch leicht verschmerzen. Es sind ja noch Millionen guter Menschen da! Trotzdem macht er sich auf die Suche, der menschenfreundliche, tierliebende Gott. Er wird Mensch, um das Verlorene zu suchen und zu retten, um es heimzutragen ins Gottesreich - wo Mensch und Tier ihr warmes Plätzchen haben sollen. Wenn sich Gott also die Mühe macht, den Himmel zu verlassen, um die Sünder selig zu machen, dann darf ich auch nachts meine Katze suchen -  oder? Auch, wenn ich mich zum Affen mache. Aber die liebt Gott sicher auch.

18.6.2021


Eine Einladung -  zum 2. Sonntag nach Trinitatis

„Stellen Sie sich vor, sie sind alle gekommen!“ sagte die alte Dame. Sie war gerührt und fröhlich zugleich. „Alle fünf Enkel und sogar die beiden Urenkel. Groß sind sie geworden. Die gehen jetzt schon in den Kindergarten!“ Die Einladung auszusprechen hatte sie große Überwindung gekostet. Wie lange hatte sie darauf gewartet, dass ihre Kinder oder Enkel sie besuchen kommen. Vergeblich „Warum kommt nur keiner?“ klagte sie immer wieder. „Die tun ja schon so, als ob ich tot wäre…“ Die Frau hat mir leidgetan. Deshalb habe ich ihr einen Vorschlag gemacht. „Warten Sie nicht, bis die Jungen zu Ihnen kommen! Machen Sie den Anfang! Laden Sie alle einmal zu sich ein! Einfach so. Auf gut Glück!“ Kaum hatte ich meinen Rat ausgesprochen, war mir unwohl. Was, wenn keiner kommt? Wenn sie alle eine Ausrede vorschieben? Wäre das nicht eine bittere Erkenntnis für die Frau, wenn ihr so klar würde, dass sie wirklich allein ist? Wie erleichtert ich doch war, dass der Versuch geglückt ist. Die alte Dame hat sich mit viel Mühe von jedem einzelnen ihrer Enkel die Telefonnummer herausgesucht und sie angerufen. „Was waren die überrascht, als sie meine Stimme gehört haben“, sagte sie mir und musste lachen.  „Und was meinen Sie, was die zu mir gesagt haben? Klar doch, Oma, wir kommen! Ohne zu zögern! Und das, obwohl ich drei von ihnen schon einige Jahre nicht mehr gesehen habe.“ Die alte Frau blickt verträumt zum Fenster. Es ist, als ob sie jetzt nur noch zu sich selbst spricht.  „Wie die sich verändert haben … Was war das für ein schöner  Nachmittag…“ Jetzt seufzt sie. „Gesagt haben sie, sie wollten mich bald wieder besuchen. Hoffentlich tun sie es auch … ich bin froh, dass ich sie alle angerufen habe …“ Manchmal lohnt es sich, eine Einladung auszusprechen, auch, wenn es zunächst so aussieht, als ob sie erfolglos bleiben würde. Und noch viel mehr lohnt es sich, so eine Einladung anzunehmen.  Am Sonntag hören wir eine besondere  Einladung.  Jesus spricht sie aus: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ (Matthäus 11,28)  Die Mühseligen und Beladenen sind eingeladen. Alle, die eine Last mit sich herumtragen - äußerlich oder inwendig, am Leib, in der Seele, im Herzen. Eingeladen sind alle, denen nichts leicht von der Hand geht, denen nichts geschenkt wird, die sich alles schwer erarbeiten müssen. Eingeladen sind alle, an die sonst niemand denkt, die Einsamen, die Verlassenen, die Unscheinbaren. Eingeladen sind alle, die eine Sehnsucht in sich spüren, die Sehnsucht nach einem erfüllten, sinnvollen, guten Leben, wie immer das auch bei jedem aussehen mag. „Ich will euch erquicken“ sagt Jesus. Das heißt: „Ich will euch schenken, wonach ihr euch sehnt!“  Bei ihm dürfen wir aufatmen und zur Ruhe kommen, neue Kraft schöpfen, Lebenskraft. Dazu gehört auch die Freude, die im Leben manchmal abhanden gekommen ist und die sich einstellt, wenn man spürt, dass man willkommen ist bei dem, der die Einladung ausgesprochen hat.



Nicht nur Nettiquette - Zum 1. Sonntag nach Trinitatis

„Wer euch hört, der hört mich und wer euch verachtet, der verachtet mich!“ Dieses Wort beschließt nach Meinung vieler Ausleger eine Rede, mit der Jesus die Jünger aussendet. Sie sollen zu den Menschen gehen, um ihnen in seinem Auftrag die Botschaft vom nahen Reich Gottes zu überbringen. Ob ihnen bewusst war, welche Verantwortung sie damit haben?  Sie sollen zum Mund Jesu werden. Jesus will durch sie sprechen. „Wer euch hört, der hört mich!“  Was für eine Aufwertung ihrer Person. Jesus stellt sich hinter seine Jünger. Er ermutigt sie, aus der Deckung zu gehen, in seinem Namen zu sprechen, davon erzählen, was sie selbst gesehen und erfahren haben. Ob dieser Auftrag auch uns gilt? Ich denke schon. Wir sind aufgerufen, in der Nachfolge Jesu zu leben und unseren Glauben öffentlich zu vertreten, an den Orten, an denen wir leben und mit Hilfe der Medien, die uns zur Verfügung stehen. Wer allerdings die Worte Jesu im Mund führt, soll auch selbst danach leben. Das soll man schon daran merken, wie die heutigen Jünger und Jüngerinnen Jesu leben und vor allem, wie sie miteinander kommunizieren. Achten wir  also auf unseren Wortschatz! Wie reden wir miteinander und wie reden wir übereinander - vor allem, wenn es darum geht, die Botschaft Jesu weiterzusagen, die Gute Nachricht von der Liebe Gottes zu uns Menschen. Es geht dabei nicht um eine oberflächliche „Nettiquette“. Es geht um Respekt, Wertschätzung und Menschenwürde. Diese Werte gehen vor allem in den sogenannten „sozialen“ Netzwerken häufig dadurch verloren, dass häufig zuerst gepostet und erst später nachgedacht wird (wenn überhaupt). So finden Kommentare und Bemerkungen ihren Weg ins Netz und damit an die Öffentlichkeit, die dort eigentlich nichts verloren haben. Schnelle Reaktion und aktuelle Präsenz, kontroverse Aussprache und Diskussion sind zwar wünschenswert und dienen der Meinungsbildung. Manchmal wäre es aber doch nicht so verkehrt, eine alte Regel zu beherzigen, die noch aus „vordigitaler“ Zeit stammt:  vor der Veröffentlichung erstmal eine Nacht darüber zu schlafen. „Wer euch hört, der hört mich!“ sagt Jesus. Eine Leitfrage könnte sein: Könnte Jesus das unterschreiben, was  ich meine, in seinem Namen sagen zu müssen?




Evangelische Gedanken zum katholischen Fest - Fronleichnam

Die Straße zum Marktplatz ist durch einen Polizeiwagen abgesperrt. Dort, wo sonst die Obst - und Gemüsehändler ihre Stände haben, ist ein Altar aufgebaut. Aus einem kleinen, provisorischen Lautsprecher an einer Straßenlaterne perlen blecherne Stimmen - rhythmisches Gemurmel das mit einem kräftigen Amen beschlossen wird. Fronleichnamsprozession in der Stadt. Eine Hand voll Menschen steht da und wartet darauf, dass die Schar betender und singender Menschen endlich ankommt.„Schau mal, da sind sie!“ sagt ein junger Mann zu seinem Sohn. Er hebt ihn hoch und setzt ihn auf seine Schultern, damit er von dort oben alles besser sehen kann.. „Mann“ sagt der Junge aufgeregt und beginnt zu winken. „Mann!“  Er meint den Geistlichen, der die Prozession anführt. Würdevoll schreitet er unter dem Baldachin, dem Himmel, der von den Honoratioren der Stadt getragen wird. Eine Ehre ist das, so nahe dem Allerheiligsten zu sein. Gemeint ist natürlich nicht der Priester, sondern Jesus Christus, dessen Gegenwart in der Hostie verehrt wird. Bald ist die letzte Station erreicht. Hinter dem Altar sind Bänke aufgestellt. Fronleichnam ist ein sinnliches Fest. Nach dem Gottesdienst wird gefeiert, mit Bier und Bratwurst, Kaffee und selbst gebackenen Kuchen. Frömmigkeit will gelebt werden. Glaube will gefeiert werden. Deshalb mag ich Fronleichnam, obwohl ich nicht katholisch bin. Bei diesem Fest wird gefeiert, was Leib und Seele stärkt und zusammenhält. Es geht es um etwas höchst Lebendiges und wesentlich Leibhaftes. Es geht um den auferstandenen Herrn und die Art und Weise seiner Vergegenwärtigung, es geht um die  Erfahrung seiner Gegenwart im Sakrament des Heiligen Abendmahls, der Eucharistie. „Fron - Leichnam “ bedeutet - sehr frei übersetzt - Leib des Herrn. Gefeiert und verehrt wird  seit dem Mittelalter an diesem Tag die Gegenwart Christi in unserer Welt. Gefeiert wird, dass er sein Versprechen wahr macht, das er den Jüngern zum Abschied gegeben hat: „Ich bin bei euch, alle Tage, bis ans Ende der Welt.“ In den englischsprachigen Ländern wird dieser Feiertag einfach nur „Corpus Christi“ genannt, zu deutsch Leib Christi. Fronleichnam ist ein katholischer Feiertag! Wenn es bei Fronleichnam um die Demonstration einer bestimmten Lehre vom Abendmahl geht, genauer gesagt, wenn es um die Darstellung einer bestimmten Vorstellung geht, wie wir uns die Gegenwart Jesu in den Elementen, in Brot und Wein,  bei der Feier seines Mahles konkret vorzustellen haben, dann ist Fronleichnam ein Fest, bei dem wir, die „Protestanten“ , draußen bleiben müssen, wie der Hund vor der Metzgerei. Allerdings habe ich meine Zweifel, ob das der Sinn von Fronleichnam ist. Es geht um gelebten Glauben. Vielleicht denke ich da zu „evangelisch“? Achtung:  „evangelisch“ ist  ein abgeleitetes Adjektiv. Keine konfessionelle Abgrenzung. Ich denke evangelisch, also vom Evangelium her, von den heiligen und heilsamen Geschichten um Jesus Christus. Ich erlaube mir deshalb , Fronleichnam evangelisch zu deuten. Ich glaube, es geht bei diesem Fest darum, die innige Gemeinschaft mit dem Auferstandenen zu feiern. Und zwar öffentlich zu feiern. Es geht um Christus, der uns beim Abendmahl in den Elementen von Brot und Wein begegnet und der kein Wort darüber verloren hat, wie genau nun diese Gegenwart zustande kommt. „Er hat ein Gedächtnis seiner Wunder gestiftet, der gnädige und barmherzige Herr!“ sagt der Psalmbeter  (Psalm 111,4) Wir denken bei diesen Worten  an die Einsetzung des Heiligen Abendmahls am Gründonnerstag. Bei seinem letzten Mahl setzt Jesus Brot und Wein in Beziehung zu seinem Leiden und Sterben. Er bricht das Brot und reicht es seinen Jüngern. Dann segnet er den Kelch und gibt ihn ebenfalls weiter. Alle sollen begreifen:  "Was mit mir geschieht,  mein Leiden und Sterben, das geschieht zu eurem Heil!"  Schließlich gibt er seinen Jüngern einen Auftrag. „Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ Das geschieht, so oft wir von diesem Brot essen und von diesem Kelch trinken und unseren Glauben bezeugen. Es handelt sich in der Feier des Abendmahls, der Eucharistie, um ein sehr inniges Geschehen, um ein Geheimnis des Glaubens und um Pflege der Gemeinschaft mit Christus. Geheimnisse kann man aber nicht erklären. Sonst sind sie keine Geheimnisse mehr.  Ist denn im ehrenden Gedenken nicht ebenfalls der anwesend, an den wir denken? Lob und Anbetung, Ehrfurcht und Demut sind meiner Meinung die angemessenen Haltungen, um sich diesem Geheimnis zu nähern, um die Gegenwart des Auferstandenen zu verehren und zu feiern. Der Mensch wird sich seiner Nichtigkeit gegenüber dem Großen Gott bewusst. Zugleich darf er aufatmen. Der große  Gott, den wir loben, macht sich selbst klein. Er kommt in unsere Welt. Er wird Mensch. Jesus legt sich selbst mit seinem Leben in unsere Hand. Das Stück Brot erinnert uns daran. Und wenn wir uns an ihn erinnern, ist er unter uns, nimmt die Seele ihn auf, wie der Leib das Brot und den Wein. Dafür können wir ihm nur danken. Deshalb ist die Feier des heiligen Abendmahls eine „Eucharistie“ - also eine Danksagung (so lautet die deutsche Umschreibung dieses griechischen Begriffes). Wir sind dankbar, dass wir „sehen und schmecken dürfen, wie freundlich der Herr ist.“ Diese Dankbarkeit darf man zeigen. Dieser Glaube ist nicht für die fromme Nische bestimmt. Er will und soll öffentlich gemacht werden. Fronleichnam ist ein wunderbares Beispiel, wie das geschehen kann.



Gedanken zu Trinitatis

Am Sonntag nach Pfingsten ist das Fest der Heiligen Dreifaltigkeit, Trinitatis. Es ist  das wohl "unbekannteste" oder "unpopulärste" der christlichen Feste. Vielleicht liegt das daran, dass es nicht aus dem Leben der Kirche, sondern aus dem Nachdenken der Theologen über das Wesen Gottes heraus entstanden ist. An Weihnachten feiern wir die Geburt Jesu. Als als Kind in der Krippe begegnet uns Gott. Wir erleben den leidenden Gottessohn in der Passionszeit und fühlen uns ihm verbunden, wenn wir selbst leiden. Wir freuen uns über seine Auferstehung und haben eine lebendige, österliche Hoffnung, wenn wir an die Gräber unserer Verstorbenen treten. Wenn wir immer wieder neue Kraft schöpfen und spüren, wie gut uns die Hoffnung und die Verbundenheit mit den anderen tut, dann ahnen wir etwas von der Kraft des heiligen Geistes. Die  Theologen (vor allem des frühen Mittelalters)  haben nun versucht, wie man das alles „unter einen Hut“ bringen kann und sind auf die Lehre vom Dreieinigen Gott gekommen, die Trinität, die Dreiheit. Das ist schwer zu verstehen, vor allem, weil man ja nicht an drei Götter glauben will.  Mir hilft der Gedanke vom dreiblättrigen Kleeblatt, mit dem eins der heilige Patrick den Iren die Dreifaltigkeit erklärt hat. Es sind drei Blätter und doch eine Pflanze. So ist es mit Gott, wir erfahren ihn so unterschiedlich und es ist doch einer, der uns auf unterschiedliche Weise begegnet. Ich wünsche Ihnen (und natürlich auch mir selbst), dass wir den Reichtum der Liebe Gottes im Alltag erfahren. Dass die Natur den dreieinigen Gott predigt, kann man in dem Bild der Blumen sehen, die ich immer wieder gerne fotografiere …



Heilsame Worte - zum Pfingstfest

„Was feiern wir an Pfingsten?“ Die Frage kommt aus dem Radio, wo gerade Werbung gemacht wird. Sie weckt mein Interesse. Die fröhliche Antwort darauf lautet: „Na, 25 % Preisermäßigung auf jede Sonnenbrille!“ Da hat also eine Optikerkette Pfingsten für sich entdeckt. Ich bin enttäuscht. Allerdings regt mich diese Frage an, darüber nachzudenken was Pfingsten für mich persönlich bedeutet. Gewiss fällt mir zuerst die Geschichte aus der Bibel ein, die ich schon von Kindergottesdienstzeiten her kenne und liebe. (Apostelgeschichte, Kapitel 2). Sie erzählt von eingeschüchterten Menschen, die wieder mutig wurden, von ratlosen Menschen, die sich neu ausgerichtet hatten. Sie erzählt von den Jüngern, die hinaus auf die Straßen und Plätze gegangen sind. Der Heilige Geist kam wie ein Sturmwind auf sie, hat ihre Angst weggeblasen und das Feuer im Herzen, die Begeisterung für den Glauben, neu entfacht. Alle, die ihnen zuhörten, staunten. Sie fragten sich:  „Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache?“ Ich weiß nicht, welches das größere Pfingstwunder ist - dieser neue Impuls, die Angst hinter sich zu lassen, hinauszugehen und zu predigen? Oder die Reaktion der Menschen darauf? Wir feiern an Pfingsten das Geschenk des Heiligen Geistes. Gottes Geist wirkt heilsame Worte. Worte, die verstanden werden. Die Jünger öffnen den Mund und erzählen von ihrem Glauben. Sie sprechen Worte, die  der Seele gut tun. Die Reaktionen der Hörer sind unterschiedlich.Die einen werden nachdenklich, die anderen machen sich lustig. Die einen fragen betroffen: „Was soll das werden?“ Die anderen winken ab: „Sie sind voll des süßen Weins.“ Trotzdem sind es heilsame Worte, die die Jünger sprechen, weil sie Glauben wecken, Hoffnung stärken, Liebe vertiefen, weil sie auf das heilsame Wort hinweisen, das Mensch geworden ist. Nehmen wir sie auf in den Wort-Schatz unseres Herzens - diese heilsamen Worte des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe.



Zwischenzeit, Zeit zum Hinhören! Zum Sonntag Exaudi

Der sechste Sonntag nach Ostern hat den lateinischen Namen „Exaudi.“ Das heißt „Höre“ und bezieht sich auf Psalm 27, in dem es heißt: „Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe.“ Wir bitten also Gott um Gehör. Umgekehrt fordert Gott das auch von seinem Volk und heute auch von uns. Im Psalm 81,9 heißt es: „Höre, mein Volk, ich will dich ermahnen. Israel, du sollst mich hören!“ Wir befinden uns wie die Jünger in einer Zwischenzeit. Die lebten in der Erwartung. Jesus ist zum Himmel aufgefahren. Das haben wir am Donnerstag gefeiert. Den Jüngern wurde etwas versprochen. „Ihr werdet den Heiligen Geist empfangen“, sagte Jesus zum Abschied. Das ist beim Pfingstfest geschehen. Es hat das Leben der Jünger verändert. Angst und Unsicherheit wurden weggefegt, die Herzen entflammt und die Lippen geöffnet. So wurden die Jünger ausgerüstet, um den Auftrag zu erfüllen, hinauszugehen und das Evangelium zu verkünden. Wir gehen auf Pfingsten zu. Wir bitten um die Gabe des Heiligen Geistes. Den brauchen wir zum Hinhören auf Gottes Stimme und zur Antwort im Gebet. Dass Gott unser Rufen hört, aber auch, dass wir im Lärm der Welt nicht Gottes Stimme überhören, darum wollen wir Gott in dieser Zwischenzeit der Erwartung bitten. Christus ist zum Vater gegangen, wir haben einen Fürsprecher bei Gott. Um seinetwillen wird er weder Herz noch Ohr verschließen.


Aufgefahren in den Himmel? 

Eineinhalb Wochen vor Pfingsten ist Christi Himmelfahrt. In unserer Gemeinde verlassen wir an diesem Tag das Gotteshaus, um einen Gottesdienst im Grünen zu feiern. Der Himmel ist dann unser Kirchendach. Manchmal sehen wir wahrscheinlich genauso skeptisch und fragend nach oben, wie das wohl die Jünger Jesu einst getan haben. Allerdings aus anderen Beweggründen. „Hoffentlich regnet es nicht“, sagen wir, wenn sich Wolken vor die Sonne schieben. Die Jünger hatten andere Sorgen.  Was sie gesehen haben, ging über ihren Verstand. Es ist ja auch schwer zu begreifen, was  der Evangelist Lukas in nur zwei Sätzen beschreibt: „Jesus führte die Jünger hinaus bis nach Betanien und hob die Hände auf und segnete sie. Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel.“  Wo ist Jesus hingegangen? fragen wir uns wie einst die Jünger. Mir hilft dabei die Erklärung einer Lehrerin aus der Grundschule. Sie lehrte die Kinder: „Wenn wir sagen, dass Jesus im Himmel ist, müssen wir nicht nach oben schauen. Jesus ist nicht im All, sondern im Über – All!“. Gemeint ist folgendes:  wir sehen ihn nicht – und doch ist er da. Er ist eben überall. Der Himmel, in den Jesus aufgefahren ist, ist  nicht ein ferner Ort über uns. Der Himmel ist dort, wo Menschen dem Auferstandenen vertrauen. Er kommt zu uns, er spricht uns an in seinem Wort. Er stärkt unseren Glauben durch die Gaben von seinem Tisch, durch Brot und Wein. Er ruft uns beim Namen in der Taufe. Er hört uns zu, wenn wir uns an ihn wenden im Gebet. Seit Christi. Himmelfahrt gibt es  keinen Raum mehr, in dem Jesus nicht zu finden ist. Wir kommen also nicht erst in den Himmel. Wir sind schon mitten drin. Der Auferstandene bringt den Himmel zu uns, in unser Herz, in unser Leben. „Der Himmel geht über allen auf, auf alle über, über allen auf!“ singen wir bei unserem Gottesdienst im Grünen. Der Himmel kommt zu uns. Wenn das kein Grund ist, dieses Fest zu feiern! 



Des Christen Handwerk ist beten - zum Sonntag Rogate

Der Sonntag vor Christi Himmelfahrt heißt Rogate! Betet! In früheren Zeiten haben sich die Väter und Mütter diesen Aufruf zu Herzen genommen. Sie haben ihren Sonntagsstaat angezogen und das Gebetbuch in die Hand genommen. Singend und betend sind sie so über die Felder gezogen. Flurprozessionen nannte man. Bittgänge waren es. Die Väter und Mütter haben so die Natur in die Obhut Gottes gegeben. In manchen Gemeinden gab es sogar einen Hagelfeiertag. Da ruhte die Arbeit. Man ging zur Kirche, um Gottes Schutz vor Blitz - und Hagelschlag, vor Sturm und anderem Schaden zu erflehen. Aus gegebenen Anlass. Erinnerungen und Erfahrungen wurden früher nicht digital auf Festplatten oder USB Sticks gespeichert. Erinnerungen wurden aufbewahrt und weitergegeben im Brauchtum, in Gebeten, Gesängen und Gedenktagen. Es war die Erinnerung an „verhagelte“ Ernten, an Unwetter, an Feuer durch Blitzschläge und an Brandkatastrophen, es war die Erfahrung, wie unsicher die eigene Existenz ist, wie sehr man doch angewiesen ist auf göttlichen Schutz - und Beistand. Die haben unsere Väter und Mütter das Beten gelehrt. Sie wussten, wie anfällig und schutzbedürftig alles ist, was in diesen Tagen heranwächst, was grünt und blüht, jede Pflanze, jeder Trieb, jede Blüte, aber auch der Mensch, Haus und Hof. Diese Bittgänge gibt es heute nur noch vereinzelt. Als ob wir heute keinen Schutz nötig hätten.  Wir können zwar Frosteinbrüche und Unwetter zielsicher vorhersagen und den Verlauf einer Sturmfront mit Hilfe unserer Wetterapps abschätzen. Die Folgen eines Sturms können sie nicht abwenden. Unsere Väter und Mütter im Glauben vertrauten dem Handwerk des Christen. Das ist das Gebet.  „Eines Christen Handwerk ist beten. Wie ein Schuster einen Schuh macht, und ein Schneider einen Rock, also soll ein Christ beten“ sagte einst der Reformator Martin Luther. Unsere Väter und Mütter wussten noch, warum dieses Handwerk so wichtig war. Sie haben bei ihren Bittgängen, mit ihren Gebeten und in ihren Gottesdiensten die  Welt und Gott  zusammengebracht, sie haben sich selbst mit ihren Nöten und Ängsten in Gottes Hand gelegt. Sie haben es getan, indem sie die Hände gefaltet und gebetet haben. Sie hatten Gottvertrauen. Sie haben geglaubt. Des Christen Handwerk ist das Beten. Glaube und Gottvertrauen sind notwendende Voraussetzung für die Ausübung des Handwerks der Christen. Die Väter und Mütter haben ihr Handwerk noch verstanden. Haben wir es inzwischen verlernt?

7.5.2021


Aufruf zum Ungehorsam? Zum Sonntag Kantate!

Der Wochenspruch aus dem 98. Psalm zum Sonntag Kantate ruft dazu auf, ein Lied anzustimmen. „Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!“ In diesen Tagen kling das wie ein Aufruf zum Ungehorsam. Immer noch gilt: „Der Gemeindegesang ist untersagt.“ Ja, es stimmt schon, das Coronavirus hat uns alle fest im Griff. Es reitet gerne auf Aerosolwölkchen und sucht sich seinen Weg von Mund zu Mund, wird aus und leicht wieder eingeatmet. Davor soll uns die Maske schützen, die wir tragen. Deshalb sind unsere Gottesdienste schon eine ganze Weile eine recht schweigsame Angelegenheit. Was löst dieser Aufruf da in uns aus? Ein Aufbegehren? Hoffentlich nicht, denn so ist der Wochenspruch auch nicht gemeint. Gott tut Wunder, sagt der Psalmbeter und darüber sollen wir ihn loben. Wir haben auch Grund dazu, trotz allem. Das größte Wunder haben wir an Ostern gefeiert - die Auferstehung Jesu, seinen Sieg über den Tod. Das neue Lied ist ein Freiheitslied. Wir besingen die Befreiung aus der Gewaltherrschaft des Todes. Und wie stark sein Einfluss ist, spüren wir seit einem Jahr ganz besonders intensiv. Wie wohltuend der Gedanke doch ist, dass seine Macht gebrochen ist. Die ganze Schöpfung soll von ihm befreit werden. Deshalb darf sie auch mit uns zusammen einstimmen in das Lob: „Das Meer brause und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen. Die Ströme sollen in die Hände klatschen und alle Berge seien fröhlich vor dem Herrn; denn er kommt, das Erdreich zu richten….“ (Ps.98,7f) Gott wird uns aus dem Klammergriff des Todes retten. Er wird dafür sorgen, dass wahres Leben möglich wird. Alles Leid, alle Ungerechtigkeit, alle Not, alle Verhältnisse, die mir heute noch Angst machen, werden überwunden sein. Jetzt schon können wir mit der Melodie des neuen Liedes vertraut werden, können uns auf die Melodie des Lebens einstimmen. Sie klingt an in den vielen alten und neuen Chorälen, die die Auferstehung und das Leben preisen. Es sind Lieder des neuen Lebens, zu dem wir bestimmt sind, es sind die Liebeslieder auf den Gott des Lebens, der uns die Freiheit schenkt. Wenn wir sie zur Zeit noch nicht laut singen dürfen, können wir sie immerhin summen. Und ihre Melodie schwingt in unseren Herzen und trägt die Hoffnung hinein in unser Leben.

30.4.2021


Begeisterung für das Leben - zum Sonntag Jubilate

Der 3. Sonntag in der Osterzeit heißt Jubilate! Zu deutsch: Jubelt. So beginnt der 66. Psalm. Martin Luther hat ihn mit folgenden Worten übersetzt: „Jauchzet Gott, alle Lande! Lobsinget zur Ehre seines Namens. Sprecht zu Gott: Wie wunderbar sind deine Werke!“ Wie gut mir dieser Aufruf tut. Gerade in dieser Zeit, die so von Angst geprägt ist. Der Psalm lenkt meinen Blick auf die Schönheit dieser Welt.  Ich glaube, das uns durch die Pandemie der Blick dafür verstellt wurde. Aber es gibt sie noch, die Wunder der Natur, die Spuren der Hoffnung und der Freude. Auch in unserem Alltag. Ich zum Beispiel freue mich jeden Morgen am Gesang, mit dem die Vögel den neuen Tag begrüßen. Ich liebe das frische Grün der Bäume und den Geruch des blühenden Flieders.  Und dann kann ich den Psalmbeter auf einmal verstehen, wenn er uns auffordert: „Sprecht zu Gott: Wie wunderbar sind deine Werke!“ Durch die neue Woche begleitet uns ein Wort des Apostel Paulus. Er schreibt von einer neuen Schöpfung Gottes und er meint uns damit: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen. Siehe, Neues ist geworden.“ Da ist etwas neues im Anbruch und wir sollen ein Teil dieses Neuen sein. Die erwachende und erblühende Natur wird zum Fingerzeig auf das neue Leben, das Gott für uns bereit hält. Den Anbruch dieses neuen Lebens haben wir an Ostern mit der Auferstehung Jesu gefeiert. Die alte Welt mit ihren Bedrohungen und Ängsten mag uns immer noch erschrecken. Das stimmt. Und doch haben wir Zeichen, die uns froh stimmen. Zeichen des Lebens. Gott ist stärker als der Tod. Gott ist stärker als die Angst, die mich im Griff hat. Deshalb:Jauchzet Gott alle Lande. Lobsinget zur Ehre seines Namens. Sprecht zu Gott: Wie wunderbar sind deine Werke!“                                                          23.4.2021


Gute Hirten und ihre Hirtenstäbe - zum 2. Sonntag nach Ostern (Miserikordias Domini, Hirtensonntag)

„Ich bin der gute Hirte“ sagt Jesus im Johannesevangelium. Er will den Gläubigen damit Mut machen. Er ist für sie da, wie ein guter Hirte für seine Herde. Er lässt sie nicht aus den Augen. Er sorgt für sie. Morgen werden wir im Gottesdienst das Gleichnis Jesu vom guten Hirten hören und gemeinsam den Psalm 23 beten: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln…“ Dabei denken wir an Jesus, unseren guten Hirten. Nach Ostern bekommt Petrus vom Auferstandenen einen Auftrag: „Weide meine Herde!““ Dreimal sagt Jesus das zu ihm, so wichtig ist ihm das. Ich glaube, dieser Auftrag gilt nicht nur dem Apostel, sondern auch allen Menschen, die Verantwortung für andere übernehmen. Eltern sollen gute Hirten sein für ihre Kinder, Lehrer für ihre Schüler und Schülerinnen, Ausbilder in den Betrieben für ihre Auszubildenden und natürlich auch die Geistlichen. Sie sollen gute Hirten für ihre Gemeinden sein. Sie werden ja nicht umsonst Pastoren genannt. Pastor ist das lateinische Wort für Hirte. Einer davon war der Altensteiner Pfarrer Conrad Feustling. 1552 kam er in das Bergdorf. 43 Jahre hat er hier als Prediger und Seelsorger gewirkt. Wo genau er begraben wurde, wissen wir nicht mehr. Sein prächtiger Grabstein ist aber in unserer Kirche zu bestaunen. Dort sehen wir Conrad Feustling, wie er die Bibel in der Hand hält. Ich stelle mir vor, dass sie sein Hirtenstab war, mit dem er die Gemeinde geführt hat. Aus ihr hat er sich Rat geholt, bei ihr hat er Halt und Trost gefunden.  Manchmal hat er sich wohl auch daran festgehalten, immer dann, wenn ihm sein Dienst schwergefallen ist und das muss ziemlich häufig gewesen sein. Seuchen, ein früher Tod, Krieg, Hunger und soziales Elend waren für die Menschen im 16. Jahrhundert eine alltägliche Erfahrung. Ich denke, wir können von Conrad Feustling lernen. Seit über einem Jahr hat die Welt unter den Auswirkungen einer Pandemie zu leiden. Da möchte ich es ebenso machen, wie er. Ich halte mich fest an Gottes Wort. Vor allem an dem Zuspruch Jesu, der uns aus der Bibel entgegenkommt und der uns durch die neue Woche begleitet: „Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme. Und ich kenne sie und sie folgen mir und ich gebe ihnen das ewige Leben.“  Ich weiß, da ist jemand an meiner Seite, der auf mich Acht gibt, damit ich nicht unter die Räder komme oder mich verirre, wenn mein Lebensweg unübersichtlich wird. Er macht mir Mut, wenn mir die Angst vor dem unsichtbaren Virus zu schaffen macht, das unser Leben so einschränkt. Ich weiß, da ist jemand, der mich hört, wenn ich nach ihm rufe. Ihm will ich vertrauen. Er wird mich gut durch diese Zeit führen.



Berührende Geschichten - Gedanken zum Sonntag nach Ostern (Quasimodogeniti)

Wie die neugeborenen Kinder sollen wir sein. „Wie die neugeborenen Kinder seid begierigen nach der vernünftigen, lauteren Milch!“ Das schreibt der Apostel Petrus. Wenn sie gestillt sind, schlafen die kleinen Kinder satt und zufrieden ein an der Brust der Mutter. Sie spüren die Nähe, Vertrautheit, Geborgenheit. Das tut ihnen gut. Das brauchen sie ebenso, wie die Milch. Nähe, Berührung, das Gefühl der Geborgenheit, für mich gehört das zum Glauben dazu. Die Ostergeschichten bestärken mich darin. Sie erzählen von Begegnungen mit dem Auferstandenen. Es sind manchmal buchstäblich berührende Geschichten. Thomas darf sogar seinen Finger in die offen Wunde legen, damit er glauben kann. Der Glaube lebt von der Nähe, die aus der Gemeinschaft  mit dem Auferstandenen wächst. Wenn ich müde werde, wenn mein Glaube schwach und mutlos wird, dann helfen mir diese Geschichten, die wir in dieser Zeit hören. Sie erzählen von den Begegnungen mit dem Auferstandenen. Sie beleben meinen Glauben. Ich spüre, wie die Kraft und die Hoffnung zurückkehrt, vielleicht, weil mich der Auferstandene selbst durch sie berührt. Ich spüre, wie durch sie das Leben seinen Weg zu mir findet. Lassen wir uns von der Botschaft berühren, die seit Ostern um die Welt geht. Gott wendet sich uns in Jesus Christus zu. Es ist ein Gott, der dem Müden neue Kraft schenkt, dass sie sich wie neugeboren fühlen.

10.4.2021


Die heilsame Zeit des Übergangs - Warum die Osternacht so wichtig ist

Zwischen Karsamstag und Ostersonntag liegt die Osternacht. Das ist die heilsame Zeit des Übergangs, in der sich schließlich durch den Tränenschleier hindurch das Licht der Osterkerze einen Weg bahnt, in der aus Weinen Lachen wird. "Der Herr ist auferstanden"... , rufen wir uns in dieser Nacht uns zur und antworten mit dem folgenden Bekenntnis: "Er ist wahrhaftig auferstanden.Halleluja. " Dann  schmücken wir den Altar, zünden die Kerzen an, während die Glocken nach dem langen Schweigen wieder zu läuten beginnen. Wir erinnern uns an die Taufe, in der uns das Leben zugesprochen wurde, das den Tod überwinden wird und feiern das Heilige Abendmahl, die Eucharistie. Christus, der den Tod besiegt hat, ist dann unter uns - im Geist und konkret in erfahrbar in der Feier des Heiligen Mahls. Das glauben wir. Im letzten Buch der Bibel spricht Christus: „Ich war tot und siehe, ich bin lebendig und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle!“ Das ist der Wochenspruch, der uns durch die österliche Woche begleitet, die in dieser Nacht anbricht. Jetzt wissen wir, wo er war,  als man ihn in aller Eile bestattet hat. Er hat die Herrschaft angetreten. Sie ist grenzenlos. Sie reicht über den Tod hinaus.  Die Nacht vom Karsamstag hinein in den Ostermorgen kann sich hinziehen, wie das bei durchwachten Nächten oft der Fall ist. Ich denke, das ist natürlich. Es braucht seine Zeit, bis die Botschaft von Ostern, bis das Licht der Osterkerze sich einen Weg bahnt durch die Dunkelheit. Es braucht auch für gläubige Christen Zeit, den Schmerz, die Trauer um einen lieben Menschen zu verarbeiten. Es braucht seine Zeit, bis die Botschaft der Hoffnung ihren Weg findet, durch die Dunkelheit des Nichtwissens, des Zweifels, der Tränen in das Herz findet, bis aus dem Weinen ein Lachen wird. Die Osternacht gibt uns diese Zeit, die Stunden bis zum Anbruch des dritten Tages, bis zum Bewusstwerden der Hoffnung, die wir haben. Geben wir uns diese Zeit. Lassen wir die Osterfreude in uns heranreifen, wie das Korn, das aus der Erde zum Leben hervorbricht.

3.4.2021


Zum Karfreitag

Der Altar ist abgeräumt. Schmucklos sieht er aus. Keiner Kerzen, keine Altarbibel. Was dem Glauben Glanz und Festlichkeit verleiht, ist verschwunden. Trostlos wirkt der Ort, um den wir uns zur Eucharistie versammeln, das Abendmahl feiern. Am Karfreitag denken wir an den Tod Jesu am Kreuz. Trostlos fühlen wir uns auch, wenn der Tod zuschlägt, wenn uns genommen wird, was was wir lieben, woran unser Herz hängt. Zwei Worte Jesu am Kreuz sind mir in dieser Karwoche  wichtig geworden. Sie helfen mir, wenn ich vor dem Tod erschrecke, der so viele unterschiedliche Gesichter hat. Jesus ruft verzweifelt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ Dieses Gefühl des Ausgeliefertseins, der Hilflosigkeit, der Unsicherheit oder des Zweifels, wenn mich die Schatten des Todes berühren - ich darf es zur Sprache bringen. Ich darf zur Sprache bringen, dass meine Glaube an seine Grenzen stößt, dass ich nicht auf alles eine Antwort habe, auch nicht als Glaubender. Jesus erlaubt mir, nach dem Warum zu fragen. Und dann ist da noch das andere Wort: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“. Da ist es wieder, das Vertrauen. Es kehrt zurück zu mir, wenn ich mich daran erinnern lasse, dass  ich nicht allein bin, dass ich getragen werde, wenn mich auch alle Kräfte des Lebens und des Glaubens verlassen. Da ist eine gute Hand, die mich auffängt. Es ist Gottes Hand, aus der ich alles empfange: das Leben, es kommt von ihm und kehrt zu ihm zurück. Wenn ich sterbe, bin ich nicht allein. In der Taufe wurde ich dieser Hand Gottes anvertraut. Sie trägt mich, auch wenn ich sie nicht sehe. Sie hält mich, wenn ich allen Halt verliere. Sie führt mich in die Auferstehung. Von der Hoffnung und der Freude, vom Trost trennen mich drei Tage. Und auch in denen bin ich nicht allein.



Jesusbilder und wie wir damit umgehen - zum Palmsonntag

Mit dem Palmsonntag beginnt die Karwoche, auch Heilige Woche genannt. Die letzten Stationen auf dem Leidensweg Jesu werden betrachtet – der Einzug in Jerusalem, das letzte Abendmahl, die Verhaftung im Garten Gethsemane, die Verurteilung, die Kreuzigung, Jesu Tod und Grablegung. Der Palmsonntag ist stark vom Jubelruf der Menge bestimmt. „Hosianna“ rufen sie Jesus zu und winken begeistert mit Palmzweigen. Das war ein Siegeszeichen. Andere werfen ihre Mäntel über die Straße, auf der Jesus entlang reitet. So heißt man Sieger willkommen. Die Menschen sehen in Jesus ihren Retter. Hosianna, der Jubelruf, ist im Kern ein Bittruf. Wörtlich übersetzt bedeutet es: „Hilf doch!“ Die Menschen hoffen, dass Jesus in Jerusalem einzieht, um zu helfen. Sie sehnen sich nach einem der die Macht ergreift, die verhassten Römer zum Teufel jagt, das Reich Gottes auf Erden aufrichtet. Was für ein Irrtum! Die Menschen wollen die Zeichen nicht sehen, die Jesus setzt – durch die Wahl des Reittiers zum Beispiel. Auf einem Esel reiten nicht nur die kleinen Leute. Auch der gerechte Richter und erst recht der messianische Friedenskönig, der erwartet wird.„Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer!“ Der Prophet Sacharja zeichnet ein anderes Bild von diesem König. Er ist „arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.“ (Sacharja 9,9) Vielleicht hat sich deshalb schnell das Blatt gewendet, als die Menschen begriffen haben, dass sich Jesus nicht vereinnahmen lässt, auch nicht von ihrer Begeisterung, dass sich Jesus nicht instrumentalisieren lässt. Der Palmsonntag mit seiner Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem lässt uns unsere Vorstellungen von Jesus hinterfragen. Wen sehen wir in dem Mann aus Nazareth, der bescheiden auf einem Esel in die Stadt hinein reitet? Was erwarten wir von ihm? Vor allem aber, wie verhalten wir uns, wenn er unsere Vorstellungen nicht zufrieden stellt? Wenden wir uns dann ebenfalls enttäuscht ab?


Schaffe mir Recht - Gedanken zum 5. Sonntag in der Passionszeit, Sonntag Judika

Ein Mann steht fassungslos vor den Trümmern seines Hauses. Ein Erdrutsch hat es weggefegt. Und nicht nur seines. Eine ganze Siedlung ist buchstäblich von der Erdoberfläche verschwunden. Etliche Menschen liegen begraben unter Schutt und Steinen. Mit jeder Stunde schwindet die Hoffnung auf Rettung. Und das alles nur, weil gepfuscht wurde. Ein Häuserblock wurde an einem Ort hochgezogen, der dafür ungeeignet ist. Das wurde ermöglicht, weil zuvor an einem anderem Ort zu einer anderen Stunde ein Geldumschlag diskret über den Tisch geschoben wurde. Jetzt ziehen die Verantwortlichen den Kopf geschickt aus der Schlinge. Sie schieben die Schuld auf andere.  „Das ist ungerecht!“ denkt sich der Mann, der seine Familie verloren hat. „Gibt es niemand, der für Gerechtigkeit sorgt?“  Vielleicht spricht ihm der Beter des 43. Psalms aus der Seele.  „Gott, schaffe mir Recht … und errette mich von den falschen und bösen Leuten!“ betet er. Von den Menschen erwartet er keine Gerechtigkeit mehr. Manchmal scheint es so zu sein, dass es bis heute eine unheilige Allianz solcher „bösen und falschen“ Leute gibt, die an den Hebeln der Macht sitzen und sie nach Lust und Laune zu ihren Gunsten bedienen. Der Beter des Psalms wendet sich in seiner Ohnmacht an Gott. Sein drängender Ruf nach Gerechtigkeit ist im lateinischen Namen des kommenden Sonntags enthalten: „Judika“ heißt er. Das bedeutet „schaffe (mir) Recht“ und bezieht sich auf den eben genannten Psalm.  Dieser Sonntag erlaubt uns die Klage, erlaubt uns den Hilferuf, gerade, wenn wir uns ausgenutzt, ausgebootet, übergangen oder über den Tisch gezogen fühlen. Ich vertraue darauf, dass Gott längst reagiert hat. Jesus Christus ist die Antwort auf unseren Hilferuf. Die Mächtigen haben sich lustig gemacht über ihn, sie haben sich über ihn geärgert.  Zugleich haben sie ihn gefürchtet. Deshalb wurde er verraten, verhaftet und schließlich nach einem fragwürdigen Prozess ans Kreuz geschlagen. Wenn wir seinem Beispiel folgen, scheint es so, als ob wir ebenfalls auf der Verliererseite stehen. Wir glauben aber, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat.  Am Ende wird sich das Leben gegen den Tod, das Recht gegen das Unrecht, die Liebe gegen den Hass durchsetzen. Am Ende wird Gott auch uns Recht verschaffen. Es braucht eine große Portion Gottvertrauen, im Leid daran festzuhalten. Der Psalmbeter hat sie aufgebracht. Deshalb konnte er sich sagen lassen: „Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichtes Hilfe und mein Gott ist.“



Sterben um zu leben! Gedanken zum 4.Sonntag in der Passionszeit -  Lätare

Lätare! Freut euch! Was für ein Name für den 4. Sonntag in der Fastenzeit. Seltsam! In den Wochen vor Ostern denken wir an den Leidensweg Jesu. Wir fasten, wir üben Verzicht. Da vergeht einem das Lachen. Dennoch hören wir am kommenden Sonntag den Aufruf: Freut euch. Dieser Widerspruch wird noch verstärkt, wenn wir jetzt über das Wort aus dem Johannesevangelium nachdenken, das uns als Wochenspruch und Leitgedanke durch die nächsten sieben Tage begleiten soll: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ Jesus spricht vom Geheimnis seiner Passion, warum es gut ist, dass er diesen schweren Weg für uns geht. Um das begreiflich zu machen, zeigt Jesus den Jüngern ein winziges Weizenkorn, als ob er sagen wollte: „Wenn ich dieses kleine Körnchen in der Hand halte, fest umschlossen in der Faust verberge, ist es wertlos. Ich muss es in die Erde fallen lassen. Es muss sich verwandeln, seine alte, vertraute Gestalt muss sich auflösen, ganz und gar verschwinden, damit etwas Neues wachsen kann. So ist das mit mir und mit meinem Weg. Ihr müsst mich loslassen, damit ich meine Aufgabe erfüllen kann – euch zu erlösen aus der Hoffnungslosigkeit und Angst, die der Tod mit sich bringt!“ Was für eine Herausforderung. Nicht nur für die Jünger. Auch für uns. Einen Menschen loslassen, wenn das Ende nahe ist! Wie schwer! Ich kann die Jünger gut verstehen, dass sie das nicht hören wollten. Wir wollen nicht hergeben, nicht loslassen, was wir lieb haben, weil wir das Schicksal des Weizenkorns fürchten. Wir schauen dabei nur auf das Vergehen der alten Gestalt und übersehen das Geheimnis des Wandels, wir übersehen, dass das alte aufgeht ins neue Leben. „Wer leben will wie Gott auf dieser Erde,  muss sterben wie ein Weizenkorn, muss sterben, um zu leben“ heißt es in einem Lied aus unserem Gesangbuch. Wir müssen sterben wie ein Weizenkorn, in der Tat. Aber sterben wie ein Weizenkorn bedeutet nicht vergehen in der Erde, für immer und ewig, sondern aufgehen in Gott, für immer und ewig. Wenn das Weizenkorn stirbt, bringt es viel Frucht, sagt Jesus. Die Frucht seines Leidens ist das neue Leben, das aus dem Tod hervorgeht, das ewige Leben, zu dem wir bestimmt sind, an dem wir Anteil bekommen sollen, das Leben mit Gott. Loslassen tut zwar immer noch weh. Das Körnchen Hoffnung, das uns Jesus mit seinem Wort ins Herz legt, wird uns helfen, dass aus dem Schmerz Hoffnung wird und aus der Hoffnung Freude über das Leben, das Gott uns am Ende schenken will.