Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)

Predigten im Monat September 2017



Lohnt sich das überhaupt? Predigt über Lukas 18, 28-30 am 15. Sonntag nach Trinitatis 


Da sprach Petrus: Siehe, wir haben, was wir hatten, verlassen und sind dir nachgefolgt. Er aber sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Es ist niemand, der Haus oder Frau oder Brüder oder Eltern oder Kinder verlässt um des Reiches Gottes willen, der es nicht vielfach wieder empfange in dieser Zeit und in der kommenden Welt das ewige Leben. (Lutherbibel 2017, herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft.) 


Lohnt sich das noch? seufzt der Mann. Jeden Morgen um fünf dieselbe Frage, wenn der Wecker klingelt. Lohnt sich das noch? Dann quält er sich aus dem Bett und zieht sich an, packt das Stullenpaket in die Tasche und geht zum Bus. Vor ein paar Tagen hat er erfahren, dass der Betrieb geschlossen wird. Dann wird er auf der Straße sitzen. Fast vierzig Jahre im gleichen Betrieb – von der Lehre an. Fast vierzig Jahre pünktlich und zuverlässig. Und dann arbeitslos. Lohnt sich das noch, zur Arbeit zu gehen? fragt er sich. „Wieso tu ich mir das überhaupt noch an?“  Weil du blöd bist Weil du dir alles gefallen lässt! sagt sein Sohn und lacht ihm ins Gesicht.  „Weil ich nicht anders kann“, sagt er sich selbst.

 

Vielleicht haben Sie diese Frage sich auch schon einmal gestellt. Die Frage danach, ob sich Ihr Einsatz lohnt, die Mühe, die Kraft, die Begeisterung für etwas. Lohnt es sich, für meine Familie ein behagliches Heim herzurichten, ein gutes Essen zu kochen, den Tisch liebevoll zu decken, wenn jeder kommt, wann er will und dann nur ein paar Happen reinstopft, weil gleich wieder irgendetwas anderes dran ist: das Fußballtraining, der Stammtisch, die Vereinssitzung?  Lohnt sich das Engagement in der Kirchengemeinde noch, lohnt es sich, den anderen vom Glauben zu erzählen und für den Glauben zu werben, wenn mir niemand zuhört oder wenn sich die anderen über mich lustig machen? Lohnt sich der Einsatz für eine gerechte Lebensordnung, wenn am Ende in unserem Land doch nur Geld und materielle Werte im Vordergrund stehen?  Manche resignieren, wenn sie sich diese oder ähnliche Fragen stellen. 

 

Ich denke, die Jünger Jesu haben sich das auch immer wieder gefragt. Lohnt sich das: alles aufzugeben, alles zu verlassen: das Heim, die Familie, die Arbeitsstelle, das sichere Einkommen – um einem Wanderprediger zu folgen, der den Menschen sagt: „wenn dich einer auf die linke Wange schlägt, halte ihm auch noch die andere hin.“ Viel zu häufig haben sie mit ansehen müssen, wie die Leute nur darüber gelacht und die Probe aufs Exempel gemacht haben. Lohnt sich das alles? Vielleicht hat Petrus diese Frage im Herzen bewegt, als er zu Jesus sagte: „Siehe, wir haben, was wir hatten verlassen und sind dir nachgefolgt.“ Damals ist er Zeuge gewesen, wie einer Nein gesagt hat. Nein zu Jesus. Nein zur Einladung, alles aufzugeben und sich auf den Gottessohn einzulassen. Da war der reiche Jüngling. Der wollte wissen, was er tun muss, um in den Himmel zu kommen. Vielleicht kann man auch sagen: er wollte wissen, was man tun muss, um nicht am Leben vorbei zu leben. Vielleicht wollte er wissen, wie man sein Leben so gestalten kann, dass es sich gut anfühlt. Ein erfülltes Leben wünscht sich der junge Mann – und weiß und ahnt dabei, dass Reichtum allein ebenso wenig den Seelenfrieden schenken kann, wie ein Glaube, der nur aus Pflichterfüllung besteht, aus dem Einhalten von Satzungen und Geboten. Diesen Mann, den die Bibel einfach nur „den reichen Jüngling nennt,“  hat Jesus aufgefordert, alles den Armen zu schenken, was er besitzt und ihm nachzufolgen. Der reiche Jüngling hat daraufhin nur den Kopf geschüttelt und ist heimgegangen. Er hätte zu viel aufgeben müssen. 

 

 „Siehe, was wir haben, hatten wir verlassen und sind dir nachgefolgt..." sagt Petrus, während er dem Jüngling ratlos nachschaut. „Wir haben getan, was du von diesem jungen Mann verlangt hast. Und was haben wir davon? „Eine ganze Menge“ antwortet im Jesus.  „Wahrlich, ich sage euch: es ist niemand, der Haus oder Frau oder Brüder oder Eltern oder Kinder verlässt um des Reiches Gottes willen, der es nicht vielfach wieder empfange in dieser Zeit und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.“ Niemand wird auf den Himmel vertröstet. Schon jetzt, sagt Jesus, in dieser Zeit, wirst du belohnt werden. Allerdings sieht dieser Lohn der Nachfolge ganz anders aus, als wir uns das vorstellen. Vielleicht kann man den Reichtum nur mit den Augen des Herzens erkennen, weil das Herz die Schatzkammer ist, die den Lohn der Nachfolge aufnimmt? 

 

Jesus sagt: es ist nicht umsonst, wenn ihr mir nachfolgt. Es ist nicht umsonst, wenn ihr Sicherheiten aufgegeben habt, es ist nicht umsonst, wenn euch die Leute auslachen oder nicht mehr ernst nehmen oder euch in Grund und Boden brüllen, weil es ihnen nicht gefällt, was ihr zu sagen habt. Es ist nicht vergeblich. Ihr seid nicht die Gelackmeierten, die Blöden. Ihr bekommt etwas dafür. Jesus spricht vom Lohn der Nachfolge. Wer mit mir lebt, bekommt das Leben in Fülle, sagt er uns und deshalb lohnt es sich, ihm zu folgen. 

 

Ich denke an einen Nachfolger Jesu, der das wohl erfahren hat: den heiligen Franz. 1181 oder 82 ist er in Assisi geboren. Das war gleichfalls ein reicher Jüngling. Verschwenderisch hat er gelebt. Einer, der gerne singt und feiert. Einmal hatte er einen Traum. Er hörte eine Stimme, die ihn fragte: „Wer kann dir Besseres geben, der Herr oder der Knecht?“ Er antwortete: „Der Herr!“ Da sagte ihm die Stimme. „Warum verlässt du also den Herrn um des Knechtes willen?“ Darauf fragte Franziskus: „Was willst du, Herr, dass ich tue?“ Er solle zurückkehren in seine Stadt und auf weitere Anweisungen warten, antwortete die Stimme. Franziskus kehrte um. Unterwegs traf  er auf einen Aussätzigen. Zunächst überfiel ihn Ekel bei seinem Anblick. Dann überwand er sich und stieg vom Pferd. Er küsste den Aussätzigen und gab ihm Geld. So begann seine Wandlung vom Sonnyboy zum Heiligen. Etwa ein Jahr später besuchte er die verlassene, halbverfallene Kirche San Damiano in der Nähe seiner Heimatstadt. Dort hörte er wieder die Stimme. Jetzt sagte sie: „Francesco, geh und baue meine Kirche wieder auf, weil sie zerfällt.“ Da wusste er, dass ihn der Herr in die Nachfolge gerufen hatte. Und er fühlte, dass ihn nichts und niemand von diesem Herrn trennen durfte - weder Menschen noch materieller Besitz. Er gab alles auf, was er hatte. Vor seinem Vater und vor dem Bischof seiner Stadt verzichtete er auf das väterliche Erbe. Er gab dem Vater nicht nur alles Geld zurück, das er von ihm hatte. Er zog auch den edlen Zwirn aus, die Markenklamotten, die er bis dahin trug. Nackt, wie ein Neugeborenes trat er den Weg in das neue Leben, in die Nachfolge Jesu an. Der heilige Franz, auch einer, der sagen konnte: „Siehe, was ich hatte, habe ich verlassen und bin dir nachgefolgt..."  Ich glaube, Franziskus hatte seinen Entschluss nie bereut. Ich denke, er hat etwas Neues bekommen, er hat den Reichtum der Welt eingetauscht gegen den Lohn der Nachfolge. 

 

Nein – ich meine nicht, dass wir jetzt unsere Konten auflösen, das gesamte Geld spenden und künftig unter der Brücke leben sollen. Es geht nicht so sehr um Verzicht. es geht um Neuausrichtung im Leben und um die damit verbundenen Folgen für den Alltag. Es geht um Wahrnehmung. Ich gebe etwas auf und bekomme etwas anderes dafür und stelle fest, dass mein Leben reicher, erfüllter wird. Das ist der Lohn der Nachfolge: der Blick wird frei für das Wesentliche. Franz von Assisi hat einen freien Blick bekommen für Gott und ein Herz das reich an Liebe war. Diese Liebe hat den Ekel vor dem aussätzigen Kranken überwunden, diese Liebe hat ihn den Frieden finden lassen, der nötig ist, um mit Gott und der Welt versöhnt zu leben, um in der belebten und unbelebten Kreatur Geschwister zu finden, für die  er später den Sonnengesang angestimmt hat. 

 

Wer in der Nachfolge Jesu lebt, weiß sich geliebt. Diese Liebe macht Mut zum Bekenntnis. Sie ist stärker als die Angst, ausgelacht oder nicht ernst genommen zu werden. Wer in der Nachfolge Jesu lebt, wird nicht betriebsblind oder weltfremd. Gewiss - es wird ihm bestimmt nicht einfach gemacht, heute als Christ nach Gottes Wort zu leben. Er wird immer auch die Schatten des Kreuzes zu spüren bekommen. Gleich nach unserem Predigtwort finden wir bei Lukas die dritte Ankündigung von Jesu Leiden und Sterben. Der Weg in die Nachfolge Jesu kann auch unter das Kreuz führen. Die Botschaft von Ostern sagt aber, dass dieser Weg unter dem Kreuz nicht abrupt abbricht. Er führt in das Reich Gottes, in die zukünftige Welt des ewigen Lebens. Wer diesen Weg geht, hinterlässt Wegspuren für andere. Die machen die Augen auf und folgen diesen Spuren. Die machen das Herz auf und schöpfen neue Hoffnung. Es lohnt sich, um dieser Menschen willen, von denen wir vielleicht gar nichts ahnen. 

 

Lohnt sich das noch? ich würde den von der Arbeitslosigkeit bedrohten Mann sagen, dass es sich gelohnt hat, treu zu sein und zuverlässig – schon um seiner selbst willen. Auch, wenn der äußere Schein dagegen spricht. Und ich möchte allen sagen, es lohnt sich Christ zu sein, es lohnt sich,  an die Liebe zu glauben und von unserer Hoffnung zu erzählen. Auch die Opfer lohnen sich, die wir bringen – der Gang zum Gottesdienst, das Engagement in der Gemeinde, die Konsequenzen, die der Glaube für sein Leben im Alltag zieht. Es werden nicht alle darüber lachen! Es gibt mehr Menschen, die sich nach diesem guten Wort der Hoffnung sehnen als wir ahnen. Das ist meine Erfahrung. Das Leben, das uns geschenkt wird, sieht wohl anders aus, als das, was sich viele unter einem erfolgreichen Dasein in der Welt vorstellen. Es bringt keinen messbaren oder vorzeigbaren Erfolg, nicht immer Anerkennung, schon gar keinen Reichtum. Es schenkt den Frieden. Aber der ist höher als alle Vernunft, alles Denken. 

 

Wollen wir heute den Auferstandenen darum bitten, dass er uns die Kraft gibt zu diesem Leben in seiner Nachfolge. Damit wir nicht mutlos werden, wenn wir merken, wie Menschen sich von uns abwenden, weil wir zu diesem Jesus gehören, damit wir nicht schwach werden, wenn wir selbst nicht mehr so recht wissen, was wir noch glauben sollen und damit wir das Ziel erreichen, das er uns gesteckt hat: das ewige Leben an seiner Seite. Amen. 

24.9.2017



Lebensfenster – Himmelsfenster. Predigt über Markus 1,40-45 am 14. Sonntag nach Trinitatis anlässlich einer Jubelkonfirmation  

 Und es kam zu Jesus ein Aussätziger, der bat ihn, kniete nieder und sprach zu ihm: Willst du, so kannst du mich reinigen.  Und es jammerte ihn, und er streckte seine Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will's tun; sei rein! Und alsbald wich der Aussatz von ihm, und er wurde rein.  Und Jesus bedrohte ihn und trieb ihn alsbald von sich und sprach zu ihm: Sieh zu, dass du niemandem etwas sagst; sondern geh hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis.  Er aber ging fort und fing an, viel davon zu reden und die Geschichte bekannt zu machen, sodass Jesus hinfort nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte; sondern er war draußen an einsamen Orten; und sie kamen zu ihm von allen Enden. 

 (Lutherbibel 2017, herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft)

 

Fenster! Das sind Kontaktstellen zur Außenwelt. Wir schauen aus dem  Fenster, um zu erfahren, ob der Nachbar schon aufgestanden ist oder ob wir den Regenschirm mitnehmen müssen, wenn wir zur Arbeit gehen. Wir grüßen den Gemeindearbeiter, der die Straße kehrt. Wir halten Ausschau nach dem gelben Auto von der Post, weil wir auf einen Brief warten.  Manchmal sind Fenster die einzige Möglichkeit, Kontakt mit der Außenwelt aufzunehmen. Ich denke an eine alte Frau bei der das so war, damals in meiner ersten Gemeinde. Ihre kleine Dachwohnung konnte sie nach dem Schlaganfall nicht mehr verlassen. Von morgen bis zum Abend saß sie am Fenster und sah mit reglosem Gesicht, wie sich das Leben auf der Straße dort unten vor ihren Augen abspielte, ohne von ihr Notiz zu nehmen. Auch ich habe sie eigentlich nur zufällig entdeckt. Nachdem ich von ihrem Schicksal erfahren hatte, habe ich mir angewöhnt, stehen zu bleiben, nach oben zu ihrem Fenster zu sehen und ihr zuzuwinken – wenn ich an ihrem Haus vorbeikam. Es hat eine Zeit gedauert, bis die alte Frau begriffen hatte, dass mein Gruß ihr gegolten hat. Ein flüchtiges Lächeln und ein kurzes Strahlen in ihren Augen hat ihr Gesicht dann aufleuchten lassen. Sie hat sich gefreut, weil sie  wahrgenommen wurde und begonnen, zurück zu winken. 

 

Von Fenstern handelt das Gedicht, von dem ich Ihnen jetzt einige Zeilen vorlesen möchte. Es stammt aus der Feder von Dorothee Sölle, der bekannten, wenn auch umstrittenen Theologin, die im Jahr 2003 gestorben ist. Eines ihrer Gedichte erzählt von besonderen Fenstern. Es sind die Fenster der Verwundbarkeit. Vielleicht ahnen Sie, was dieses Gedicht mit unserem Abschnitt aus der Bibel verbindet, wenn Sie die Worte der Dichterin hören: 

 

„Ein fenster der verwundbarkeit / ist meine haut / ohne feuchtigkeit und ohne berührung / muss ich sterben. / Wir brauchen licht / um denken zu können / wir brauchen luft / um atmen zu können / wir brauchen ein fenster / zum himmel“ (Dorothee Sölle) 

 

Die Haut ist ein Schutzorgan. Die Haut umgibt mich wie ein Mantel, sie wärmt mich, schützt mich. Zugleich ist die Haut auch ein Sinnesorgan. Über die Haut nehme ich Kontakt auf  zu meiner Umwelt. Und empfindlich ist sie, die Haut. Wir müssen sie schützen vor Sonneneinstrahlung. Die Mediziner werden nicht müde, im Sommer vor den Gefahren der Sonnenstrahlen zu warnen. Die Haut ist empfindlich, sagen die Ärzte. Die Dichterin sagt, die Haut ist ein Fenster der Verwundbarkeit: ohne feuchtigkeit und ohne berührung / muss ich sterben.

 

Die Geschichte aus dem Markusevangelium erzählt von einem, den niemand mehr berühren wollte. Sie handelt von einem Aussätzigen. Seine Haut ist krank geworden. Die Lepra hat ihn entstellt. Die Menschen haben ihn deshalb gemieden. In den Augen seiner Mitmenschen war er bereits tot. Er musste alles verlassen, Haus und Hof, Familie und Freunde. Sie haben ihn gemieden wie die Pest. Wer Aussatz hatte, war nicht nur krank. Schlimmer noch: er war unrein, ausgeschlossen von Gott und der Welt – im wörtlichen Sinn. Er durfte niemanden mehr unter die Augen treten. Den Menschen nicht und Gott auch nicht. Als dieser Kranke erfährt, dass Jesus in der Nähe ist, wagt er  sich aus seinem Versteck. Er geht zu Jesus, fällt vor ihm auf die Knie. „Willst du, so kannst du mich reinigen!“ sagt er zu ihm. 

 

Und Jesus sieht ihn an. Er sieht durch das Fenster der Verwundbarkeit. Er sieht den Kranken, seinen Jammer, seine Angst, seine Verzweiflung, vielleicht aber auch den verborgenen Zorn und die ungelöste Frage, die sich jeder unheilbar Kranke irgendwann einmal stellt: warum ich? Was habe ich verbrochen, dass mir so ein Leiden auferlegt wird? Ich kennen keinen Kranken, der sich nicht früher oder später einmal diese Frage stellt, auf die es keine Antwort gibt. 

 

„Willst du, so kannst du mich reinigen!“  sagt der Kranke, während er vor Jesus im Staub kniet. Das ist eigentlich schon ein Glaubensbekenntnis: Du, du kannst mir helfen.  Du musst es nur wollen! Da geschieht das Wunder. Jesus will. Er sieht durch dieses Fenster der Verwundbarkeit in das Herz des Kranken und hat Mitleid. Mehr noch: Es jammerte ihn, schreibt Markus. Er lässt sich anstecken von der Not, dem Leid, der Angst, den Fragen, der Hilflosigkeit des Kranken und streckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: ich will’s tun: sei rein. 

 

ein fenster der verwundbarkeit / ist meine haut / ohne feuchtigkeit und ohne berührung / muss ich sterben – heißt es in dem Gedicht. Weil Jesus nicht will, dass der Aussätzige stirbt, rührt er ihn an, berührt er die krankgewordene Haut und die kranke Seele unter der Haut. Und sogleich wich der Aussatz von ihm und er wurde rein, berichtet Markus. 

 

Wir brauchen licht / um denken zu können / wir brauchen luft / um atmen zu können / wir brauchen ein fenster / zum Himmel – schreibt Dorothee Sölle in ihrem Gedicht. Wo Menschen eingemauert werden, müssen sie sterben. Sie verkümmern, werden einsam und krank und sterben. Der Kranke war eingemauert. Ihm blieb nur der Hilferuf aus diesem kleinen Fenster der Verwundbarkeit. Eingemauert haben ihn die Menschen, die ihn gemieden haben – aus Angst vor Ansteckung. Eingemauert haben ihn die Priester und Schriftgelehrten, die ihn für unrein erklärt und aus der Gemeinschaft des Gottesvolkes ausgestoßen haben, die ihm gesagt haben: du bist unrein, du darfst Gott nicht mehr unter die Augen treten. Scher dich weg. 

 

Jesus ist gekommen, um das Fenster zum Himmel zu öffnen. Der Himmel beginnt dort, wo das Leben blüht. Das Leben blüht dort, wo die verwundbaren, kranken, von Leiden geschlagenen und von Sehnsucht erfüllten Menschen berührt werden von der Liebe. Die Liebe aber, das wissen wir von Johannes, hat ihre Quelle in Gott. Der ist in Jesus Christus zu den Menschen gekommen, vor allem zu denen, die im Staub liegen, die verwundbar sind und die oft an ihren Wunden leiden und sterben. In der Taufe ist uns ein Fenster zum Himmel geöffnet worden. Gott schaut uns durch dieses Fenster an. Voller Liebe. Er hat uns beim Namen gerufen. In der Konfirmation haben wir ihm geantwortet, haben wir Ja gesagt. Ja, Gott, wir wollen uns von dir berühren lassen. Von deinem Wort, von deiner Liebe, von deiner Freundlichkeit wollen wir uns anrühren lassen. Was ist daraus geworden, aus unserem Ja zu Gott? Vielleicht sind wir im Leben zu oft verletzt und enttäuscht worden? Kinder, die geschlagen werden, scheuen die Berührung. Weil sie Angst haben, erneut verletzt zu werden. Sie werden scheu und misstrauisch. Auch die Kinder Gottes. Manchmal stirbt etwas ab. Der Glaube, die Hoffnung, die Liebe, das Vertrauen. Dann braucht es einen, der  den Glauben, die Hoffnung und die Liebe in uns wieder zum Leben erweckt und uns daran erinnert, was wir sind: Gottes geliebte Kinder. Dann braucht es einen, der die Hand auflegt, um die Wunde zu heilen. Jesus hat sich den Menschen im Auftrag Gottes zugewandt, damit das geschehen kann: Heilung. Vor allem denen hat er sich zugewandt, die zweifeln, die leiden, die unsicher sind oder die ihn vergessen haben, damit sie zu ihm zurückfinden. Gottes Berührungen verletzten nicht, sie heilen. Das hat er den Menschen gezeigt. Das will er uns zeigen. Auch uns will er sich zuwenden. Sogar heute. Er spricht uns an in seinem Wort. Er wendet sich uns zu im Sakrament, in der Feier des Heiligen Abendmahls. Er lädt uns ein an seinen Tisch. Er schenkt uns Gemeinschaft. Das Fenster zum Himmel steht also offen. Und nicht nur das Fenster. Auch die Tür. Vielleicht ist dieser Tag und die Erinnerung an die Konfirmation die Gelegenheit, sich wieder darauf zu besinnen, sich erneut einladen, erneut berühren zu lassen von Gottes Freundlichkeit und Liebe. 

 

Die Menschen, die heil geworden sind, die sich haben berühren lassen, sollen Boten werden, Vorboten der neuen Welt Gottes, in der dieses neue Leben möglich wird – ein Leben, das sich nicht mehr einsperren lässt durch die Lieblosigkeit, durch die Angst, durch Hartherzigkeit der anderen. Wir alle brauchen ein Fenster zum Himmel, das sich öffnen lässt. Um ein Zimmerfenster zu öffnen braucht es nur einen Handgriff. Um das Fenster zum Himmel zu öffnen, braucht es oft auch nicht mehr als eine Berührung, ein gutes Wort, ein wärmender Blick und ein Gebet, vor allem braucht es den von Liebe erfüllten Glauben. Amen. 

17.9.2017 -14. Sonntag nach Trinitatis - Junkersdorf a.d.W und Hafenpreppach


Familienbande. Predigt über Markus 3,31 -15 am 13. Sonntag bei einer Jubelkonfirmation 

Und es kamen seine (Jesu) Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen. Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir. Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter. (Lutherbibel 2017, herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft) 

  

Neulich vor der Schule, kurz vor Unterrichtsbeginn. Die Schülerinnen und Schüler stehen in Grüppchen auf dem Pausenhof vor dem Eingang zu dem großen Gebäude, das sie gleich aufnehmen wird. Einen Moment noch will man das hinauszögern. Einen Moment noch will man die Freiheit genießen und mit den Freundinnen und Freunden plaudern, schnell noch eine Mitteilung per Whats’ App versenden. Im Schulhaus herrscht Handyverbot. Gleich ertönt der Gong. Dann müssen sie wieder in die Klassenzimmer. Dann beginnt der Unterricht. 

  

Ein Auto fährt vor. Ein Mädchen sitzt hinten. Es springt aus den Wagen und will so schnell wie möglich zu den anderen. Eine Frau steigt ebenfalls aus. Die Fahrerin. Die Mutter. Sie hält etwas in der Hand. „Mäuschen! Du hast dein Pausenbrot vergessen!“ ruft sie dem Mädchen nach und winkt mit der Stulle. Das Mäuschen bleibt wie angewurzelt stehen und läuft rot an. Die Mutter gibt ihr das Brot und begeht eine weitere unverzeihliche Sünde. Sie gibt ihrer Tochter einen schmatzenden Kuss auf die Stirn. Das Mädchen möchte im Erdboden versinken. Barsch reist es der Mutter die Stulle aus der Hand und wendet sich ab. Sichtlich verärgert. Wie peinlich Eltern doch manchmal sein können. 

  

So ist das manchmal mit elterlichen Autoritäten, mit der Familie. Man tut am besten so, als ob sie nicht zu einem gehören. Wie war das damals, vor fünfzig Jahren oder noch früher, als Sie konfirmiert wurden? Da hatten die Autoritäten vielleicht noch ein anderes Ansehen  als heute – der Vater, die Mutter, die Paten, der Herr Pfarrer. Eine pampige Antwort hätte man sich zweimal überlegt, weil man sich sonst eine Ohrfeige eingehandelt hätte. Vom Recht auf gewaltfreie Erziehung wusste man damals noch nichts. Aber Schabernak wurde früher auch getrieben, Streiche hat man ihnen gespielt, den Großen. Man hat heimlich ihre Zigaretten geraucht oder beim Bierholen für den Vater einen Schluck aus dem Krug genommen. Einen großen zuweilen.  Später wird man sich davon erzählen und lachen: weißt du noch? 

Das alles gehört eben dazu, zum Leben: dass man sich abseilt von den Eltern, dass man die Möglichkeiten auslotet, wie weit man die Geduld der Autoritäten strapazieren kann. Das ist das eine. Doch manchmal geschieht etwas, das über diese gewöhnlichen Kabbeleien hinaus geht. Gräben zwischen Eltern und Kindern und manchmal auch unter Geschwistern tun sich immer wieder einmal auf, so wie bei einem unvermuteten Erdbeben – das ist heute so und das war früher auch so. Auf einmal versteht man sich nicht mehr. Wo ist nur das süße Mädchen oder der netten Junge geblieben? Auf einmal sind sie nicht mehr da. Dafür steht man einem Menschen gegenüber, der einem fremd geworden ist. 

  

Unser Evangelium für diesen Sonntag lässt vermuten, dass sich zwischen Jesus und seiner Familie so ein Graben aufgetan hat. Man könnte den Eindruck bekommen, als ob Jesus mit seiner Verwandtschaft nichts zu tun haben wollte. Die Schwestern und Brüder und die Mutter werden regelrecht abgefertigt und bloßgestellt. Und umgekehrt wird es auch nicht anders gewesen sein. Die Geschwister scheinen keine gute Meinung von ihrem Bruder gehabt zu haben. Und das hat mit Entwicklung, mit Persönlichkeitsfindung und Pubertät nichts mehr zu tun. Zu diesem Eindruck kann man kommen, wenn man in der Bibel mit den Augen  von unserem Predigtabschnitt weg ein paar Zeilen weiter nach oben wandert. Da lesen wir. „Als Jesus in das Haus zurückkehrte, in dem er wohnte, kamen wieder so viele Menschen zu ihm, dass er und seine Jünger nicht einmal Zeit fanden zu essen. Als seine Familie davon hörte, wollten sie ihn zu sich nach Hause holen. Er hat den Verstand verloren,‘ meinten sie.“ 

  

Jetzt haben sich die Geschwister auf den Weg gemacht, um ihn nach Hause zu holen. Nicht etwa, weil sie Sehnsucht nach ihm hatten. Ich glaube, der Trubel um ihren Bruder war ihnen peinlich. Sie haben sich für Jesus geschämt, der sich mit allen anlegt, die Rang und Namen haben. „Die Leute zerreißen sich das Maul. Seht nur, wie er sich aufführt. Ein Fanatiker!“ höre ich seine Geschwister schimpfen. „Er schadet sich und er schadet auch uns! Er ist von Sinnen!“ Ich vermute, dass sie deshalb zu ihm kommen. Sie wollen mit ihm reden, vielleicht sogar  aus dem Verkehr ziehen, ihn unter Verschluss halten. Nun müssen sie sich einen Weg bahnen durch den Pulk von Menschen: die Geschwister, zusammen mit ihrer Mutter. So viele stehen vor dem Haus, in dem Jesus lehrte, dass an ein Durchkommen nicht zu denken ist. Deshalb schicken sie ihm eine Botschaft. „Sagt ihm, dass seine Mutter und seine Geschwister gekommen sind!“ Vielleicht hat er wenigstens den Anstand, sie hereinzubitten. Vielleicht hat er ja wenigstens noch vor der Mutter Respekt. 

  

Aber da haben sie sich gründlich getäuscht. Sie werden abgespeist. Sie werden nicht vorgelassen und Jesus hält es auch nicht für nötig, zu ihnen zu kommen. „Wer ist meine Mutter? Wer sind meine Brüder?“ fragt er seine Zuhörer. Ich stelle mir vor, wie Jesus weit mit dem Arm ausholt, als ob er die Menschen umarmen möchte, die vor ihm stehen. „Diese Leute hier sind meine Mutter und meine Brüder?“ sagt er. Diese kleine Episode aus dem Markusevangelium: ist anstößig und befreiend zugleich. Wir erfahren heute:  Jesus lässt sich nicht vereinnahmen. Schon gar nicht durch Bluts – und Familienbande. „Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“ sagte bereits der Zwölfjährige zu seinen Eltern, als sie ihn im Tempel nach tagelanger Suche endlich gefunden haben. „Das, was meines Vaters ist?“ – das ist gewiss nicht deine Schreinerwerkstatt, lieber Josef. Jesus lässt sich nicht vereinnahmen. Nicht durch Bluts – und Familienbande, aber auch nicht durch ein frommes Anspruchsdenken. Wie oft hat man in der Geschichte der Kirche versucht, diesen Jesus für sich zu vereinnahmen. In unserer Geschichte wehrt sich Jesus gegen solche Besitzansprüche. Mit einer Geste zerreißt Jesus die Familienbande und zugleich weitet er den Verwandtschaftsbegriff aus. „Wer den Willen Gottes tut, ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter!“ Das hat gesessen. Jedenfalls vorerst. 

  

 Was für eine Fügung, dass wir gerade heutedie Jubelkonfirmation feiern. Die Konfirmation ist ein Bekenntnis zu Jesus, aber auch zum Leben in der Kirche. Die Kirche – die Christenheit –  wird gerne auch Familie Gottes genannt. In einer Familie ist man sich nicht immer einig. Manchmal entfremdet man sich voneinander. Wir gehen unterschiedliche Lebenswege, nicht immer läuft alles glatt. Manchmal verlieren wir uns aus den Augen. Manchmal verlieren wir Gott aus den Augen. Vielleicht ist so ein Fest die Gelegenheit, noch einmal neu anzufangen, sich noch einmal auf das zu besinnen, was uns trägt, was uns verbindet, die gekappten Familienbande mit Gott neu einzurichten. Was macht uns zu Schwestern und Brüder Jesu? Was schließt uns zur Familie Gottes zusammen – über alle Grenzen hinweg? Die Antwort scheint so einfach und ist im Leben so schwer zu verwirklichen. Jesus sagt: „Wer den Willen Gottes tut, ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter!“

  

Wie tut man den Willen Gottes? Darüber nachzudenken kann  zur Lebensaufgabe werden. Vielleicht lässt sich der Wille Gottes in einer Regel zusammenfassen, die uns Jesus ans Herz gelegt hat. Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen. Und wir sollen unseren Nächsten lieben wie uns selbst. Fünf Buchstaben sind es, die wir betrachten und mit Leben erfüllen sollen: Liebe. Liebe zu Gott, Liebe zum Mitmenschen und auch Liebe zu mir selbst. Liebe hat mit Wertschätzung zu tun. Gott, meinen Mitmenschen auch ich selbst verdienen es, wertgeschätzt zu werden, verdienen es, geliebt zu werden. Diese Liebe auszufüllen, ihr ein Gesicht und einen Namen zu geben, in ihr zu leben, das ist die Lebensaufgabe der Christen. Wer anderes über diese Liebe stellt, läuft Gefahr, die Gemeinschaft mit Gott zu verlieren und die Familie Gottes zu verlassen –  das eigene Interesse, die eigene Familie, das eigene Volk beispielsweise. Wer in der Liebe lebt, gehört dazu, gehört zur Familie Gottes, darf sich einreihen in die Schar derer, über die Jesus sagt:  „Diese Leute hier sind meine Mutter und meine Brüder.“ Das sind Menschen, die es nicht einfacher haben im Leben als die anderen. Und doch unterscheiden sich diese Menschen von den anderen. Sie leben mit einer großen Hoffnung im Herzen. Sie wissen, wo sie hingehören, sie wissen, zu wem sie gehören. Sie gehören zum Gott des Lebens. Sie werden zu Menschen, durch die Gottes Liebe hindurchscheint, sich mitteilt. Eine Liebe, die ihren Glanz in die Welt wirft und dafür sorgt, dass unsere Welt lebenswert bleibt.  Wir feiern heute das Gedächtnis der Konfirmation. Wir werden daran erinnert, zu wem wir gehören, wir werden daran erinnert, dass wir Teil der Familie Gottes sind. Diese Feier, der Gottesdienst, der Segen, das Abendmahl können uns helfen, die Familienbande mit Gott wieder zu beleben, den Glauben zu stärken – und weiterzuleben: als Bruder und Schwester Jesu. Amen. 

     10.9.2017 - 13. Sonntag nach Trinitatis  (Ditterswind)


Die große Wandlung - Predigt über Jesaja 29,17 – 24 

 Sommerlochmeldungen! Das sind die Lückenfüller in ereignisloser Zeit, wenn alle Urlaub machen und die Zeitungsmacher an ihren Bleistiften kauen. Sie wissen  nicht so recht, womit sie die Seiten der nächsten Ausgabe füllen sollen. Meist lesen wir dann, dass das Ungeheuer von Loch Ness wieder mal gesichtet wurde. Oder wir erfahren, dass in einem Badeweiher eine riesige Schnappschildkröte die Badegäste in Angst und Schrecken versetzt. Eine Krankenschwester in den USA gewinnt über 600 Millionen Euro und irgendwo heiratet eine Mädchen aus dem Volk einen blaublütigen Prinzen. So wirklich wichtig ist das alles nicht, aber unterhaltsam und lesenswert. Wie gesagt: Füllmaterial für das Sommerloch.

 

In diesem Jahr ist das etwas anders. Ein dicklicher koreanischer Diktator ärgert die Anrainerstaaten und droht mit der Atombombe. Ein Terroranschlag in Barcelona fordert mehrere Tote, darunter viele Touristen. Ein Erdrutsch in der Schweiz macht ein Dorf unbewohnbar. Ein Hurrikan sorgt dafür, dass die texanische Millionenstadt Houston im Wasser versinkt und der Monsun in Südindien fordert über 2000 Todesopfer. Da sehnt man sich nach dem Ungeheuer von Loch Ness und nach den anderen Meldungen, die unterhalten, aber nicht erschrecken. 

 

Keine Sommerlochmeldung hören wir heute im Gottesdienst. Wir erfahren, dass dem Heiligen Land und vielleicht der ganzen Welt eine „großen Wandlung“ bevorsteht. So lautet die Überschrift zu dem Bibelabschnitt, über den heute gepredigt wird. Er steht im Buch des Propheten Jesaja. Sicher stammt diese Überschrift nicht von dem Propheten selbst, vielmehr von den Herausgebern der Lutherbibel. Sie passt aber zu meiner Sehnsucht nach guten Nachrichten und zur Botschaft, die wir heute hören. 

 

Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden. Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen; und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels. Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten, welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen. Darum spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen. Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände – ihre Kinder – in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten. Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen. (Lutherbibel 2017, herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft) 

 

Das lässt einen doch aufatmen. Noch eine kleine Weile, bis der große Wandel beginnt. Dann erobert der Wald sich seine Terrain zurück. Das ist doch eine gute Nachricht.  Die Wälder, so habe ich als Schüler gelernt, sind die grünen Lungen der Erde. Die opfern wir bedenkenlos dem wirtschaftlichen Fortschritt. Das soll schon zur Zeit des Jesaja so gewesen sein. Holz war wichtig für den Bau von Schiffen und Palästen. Also wurde abgeholzt. Ob diese wohltuende Verheißung auch für die anderen Naturflächen der Welt gelten mag, die heute schonungslos dem Fortschritt geopfert werden? Ob der Regenwald sich erholen wird? Was ausgebeutet wurde, soll wieder wachsen und gedeihen. Diese Botschaft höre ich heute. Ob das auch für die Flüsse gilt, die man begradigt oder kanalisiert hat. Sollen sie wieder zu ihren ursprünglichen Verlauf zurückfinden? Es soll wieder Platz sein, dass Regen – und Schmelzwasser in Fülle ablaufen und versickern kann. Die Natur soll wieder zur ihrem Recht kommen! Ist das nur ein schöner Traum? Oder darf man ihn dranhängen an die Verheißung des Jesaja? 

 

Es soll nicht bei der einen Wohltat bleiben. Wir erfahren: es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern, mit allen, die das Recht beugen und sich dabei so sicher fühlen. Die Worte so lange verdrehen, bis sie passen. Die Lügner und Blender der Propaganda. Ich weiß nicht, ob es recht ist, das Bibelwort vom Ende der Tyrannen mit Personen der Zeitgeschichte zusammenzubringen, mit denen, die Macht haben, die Welt in einen Abgrund zu stürzen. Das Bibelwort ist ja schon über zweieinhalbtausend Jahre alt.  Tyrannen aber hat es damals auch schon gegeben. Was kennzeichnet einen Tyrannen? Im Internet habe ich zwei Erklärungen gefunden. 

 

Ein Tyrann regiert ein Land allein. Da gibt es keine Gewaltenteilung. Er setzt rücksichtslos Gewalt ein, um an der Macht zu bleiben und seine Ziele zu erreichen. Die andere Erklärung ist kürzer: ein Tyrann ist ein herrschsüchtiger Mensch. Es gibt also große und kleine Tyrannen. Und sind nicht die kleinen die schlimmsten? Die Ehemänner, die Familienväter, die Büro –und Amtsstubendikatoren, die Macht auskosten, die sie über andere haben – über Familienmitglieder, Angestellte, Bittsteller? So wie die großen Vorbilder in den oberen Etagen der Macht! Heute erfahren wir: die Zeit der Tyrannen – wo immer sie sich austoben –  geht zu Ende. Die Zeit der Wandlung beginnt. Es kommt der Tag, an dem wir frei sein werden von den Egomanen, wo immer sie auch auftreten – im Wohnzimmer oder auf der Weltbühne. Was für ein Ausblick. Doch dabei soll es nicht bleiben. 

 

„Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen!“ sagt der Prophet. „Sein Antlitz soll nicht mehr erblassen.“ Jakob –  gemeint ist das Haus Israel, das Gottesvolk. Kleiner, und geringer als die Völker ist es, die sich um dieses kleine Land scharen. Immer wieder musste es um seine Existenz fürchten, weil die Tyrannen es in die Zange nahmen. Immer wieder gab und gibt es sie, die ihm das Recht auf sein Dasein bestreiten. Vielleicht dürfen sich alle angesprochen fühlen, denen es ähnlich geht, die beschämt werden, Tag für Tag, die blass werden, weil ihnen die Luft ausgeht. Was in den Augen der Welt, im Blickfeld der Großen, gering und unbedeutend ist, darf aufsehen und aufatmen. Die Elenden, die Ärmsten unter den Menschen. Sie bekommen ihre Würde zurück. Und dann wird die Welt etwas tun, was sie Gott schon lange schuldet: 

 

„Sie werden meinen Namen heiligen“ – auch das gehört zur großen Wandlung. Gottes Name soll geheiligt werden. Die Zeit der Gottvergessenheit wird vorbei sein. Gottes Wort und Wille wird wieder Geltung haben. Die Menschen werden wieder danach fragen und sie werden Gottes Wort gerne tun. „Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen.“ Ich denke, da ist die Blindheit und die Verstocktheit gegenüber Gottes Wort und Willen gemeint. Die wird sich auflösen. Gott wird zu seinem Recht kommen, das Recht, das wir Menschen Gott im Lauf der Menschheitsgeschichte immer mehr abgesprochen haben. Das erste Gebot wird wieder Geltung haben, vielleicht in der Auslegung, die wir bei Martin Luther gelernt haben. Wir werden Gott fürchten und lieben, nicht nur ein bisschen, nicht nur, wenn es uns in den Kram passt, sondern über alle Dinge werden wir ihn fürchten, lieben und vertrauen. 

 

Von einer großen Wandlung hören wir heute. Sie wird kommen. Das ist keine Sommerlochmeldung, mit der die Lücken in der Berichterstattung gefüllt werden. Es ist ein Evangelium, eine gute Nachricht. Die haben wir heute nötiger denn je. Wie gut, dass sie Jesaja aufgeschrieben hat. Wie gut, dass sie uns zugesprochen wird. Bitten wir darum, dass Gott sie bald wahr macht.  Gerade in unseren Tagen mit den beängstigenden Schlagzeilen glaube ich, es wird Zeit, dass der Wandel beginnt und sich vollendet. Amen. 

3.9.2017 - 12. Sonntag nach Trinitatis