Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)

Predigten im Monat Oktober 2017

 



Die Zeichen des Heils wahrnehmen. Predigt über 1.Mose 8,18-22 (Kirchweihsonntag) 

So ging Noah heraus mit seinen Söhnen und mit seiner Frau und den Frauen seiner Söhne, dazu alles wilde Getier, alles Vieh, alle Vögel und alles Gewürm, das auf Erden kriecht; das ging aus der Arche, ein jedes mit seinesgleichen. Noah aber baute dem HERRN einen Altar und nahm von allem reinen Vieh und von allen reinen Vögeln und opferte Brandopfer auf dem Altar. Und der HERR roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. (Lutherbibel 2017, herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft) 

  

Die Katastrophe ist vorbei! Nur wenige haben sie überlebt. Eine Hand voll Menschen und Tiere verlassen die Arche. Sie atmen dankbar die frische klare Luft. Sie genießen das Sonnenlicht, das die Erde allmählich  trocknet und sie sind froh, endlich wieder  festen Boden unter den Füßen zu fühlen. Die Arche lassen sie hinter sich zurück: diesen fensterlosen, stickigen Kasten, der für sie Gefängnis und Zufluchtsort gleichermaßen war, als die Welt unterzugehen schien. Woche um Woche haben sie darin verbracht, haben das Toben der Elemente gehört, das wohl die Todesschreie von Mensch und Tier übertönt hat, für die in der Arche kein Platz mehr vorhanden war. Jetzt ist die Sintflut vorbei. Noah und seine Familie gehen von Bord und mit ihm alle wilden Tiere, die Vögel, sogar das Gewürm, das die Sintflut überlebt hat: „das ging aus der Arche, ein jedes mit seinesgleichen“, schreibt die Bibel. 

  

So endet die Geschichte, die bei uns fast jedes Kind kennt – und die von einer furchtbaren Katastrophe in der Geschichte der Menschheit handelt. Ich lese sie deshalb mit Beklemmung. Sie erzählt von einem Gott, den es reut, den Menschen geschaffen zu haben. Was die Krone der Schöpfung sein sollte, hat den Untergang verdient. Eine niederschmetternde Beurteilung! 

  „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend an!“ Dieser Satz will mir nicht aus dem Kopf. Zweimal begegnet er in der Geschichte von Noah und der Sintflut. Am Anfang der Tragödie. Da ist es die bittere Erkenntnis des Schöpfers, das zum Todesurteil führt. „Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde, vom Menschen an bis zum Vieh und bis zum Gewürm und bis zu den Vögeln unter dem Himmel; denn es reut mich, dass ich sie gemacht habe!“ Und schließlich hören wir diese Feststellung noch einmal. Als Noah die Arche verlassen und einen Altar gebaut hat. Jetzt allerdings steht dieses Wort in einem anderen Zusammenhang. Gott sieht auf Noah, der ihm ein Opfer bringt. Der  „liebliche Geruch“ der Opfergaben steigt vom Altar zum Himmel empor und stimmt Gott milde. Er nimmt das Urteil zurück, das er einmal ausgesprochen hat. Wenn auch das Herz des Menschen vergiftet ist von der Sünde – die Schöpfung soll nicht mehr dafür büßen müssen. „Ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ Die Katastrophengeschichte endet mit einem Zuspruch und einem Segen. So wird ein neuer Anfang möglich. Gott segnet Noah und seine Söhne, gleich nach unserem Predigtabschnitt können wir das in der Bibel lesen. Gott gibt Noah ein Zeichen: den Regenbogen. Immer dann, wenn es regnet und die Sonne scheint, soll man das Zeichen sehen und sich daran erinnern, dass  Gott die Welt nicht mehr schlagen will. Die Katastrophe der Sintflut soll sich nicht mehr wiederholen.   

Die Schöpfung soll nicht mehr für die Untaten der Menschen büßen müssen. Allerdings ist der Mensch – das möchte ich hinzufügen – für seine Katastrophen selbst verantwortlich. Es ist also nicht Gott, sondern es sind oft die Menschen, die heute Katastrophen herausfordern – viele davon jedenfalls. Ich denke an die katastrophalen Veränderungen im Klima, für die der Mensch verantwortlich ist. Dass der Klimawandel und die Eingriffe der Menschen in die Natur häufige Ursache sind für sintflutartige Regenfälle, für Überschwemmungen im Sommer, für Schneelawinen im Winter, lässt sich wohl kaum bestreiten. Was dann über uns hereinbricht, sind die Folgen für unser Handeln und keine Strafen Gottes. Denn Gott hat versprochen, nicht mehr zu schlagen, was da lebt auf Erden. Die Schläge teilen wir jetzt meistens selbst aus. Der Mensch ist inzwischen eifrig bei der Sache, wenn es darum geht, diesen Segen aufzuheben, den Gott ausgesprochen hat. Ich meine den Segen, der auf dem Rhythmus des Wechsels von Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht liegt. Wir bringen die Schöpfung aus den Takt. Wir machen den Sonntag zum Werktag, die Nacht zum Tag. Wer soll da noch Atem holen können? Wir manipulieren und klonen, wir verändern das Erbgut, wir greifen ein in natürliche Abläufe – angeblich um des Fortschritts willen. Und so scheint sich das Urteil leider zu bestätigen, das wir auf den ersten Seiten der Bibel über das Wesen des Menschen finden. „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend an!“ 

  

Das Wort ist wie ein Schlag ins Gesicht. Ich möchte deshalb behaupten: wir brauchen Gott, damit er die Schöpfung vor uns schützt. Wir brauchen Gott, damit er uns vor uns selbst schützt und rettet. Vielleicht hat das der  Noah gewusst – und deshalb gleich nach dem Verlassen der Arche seinen Altar gebaut. Er dankt Gott für die Rettung. Und er sucht Gottes Nähe, damit Segen liegt auf dem neuen Leben, das nun beginnt. Ein Leben nach  der Katastrophe. Das Leben in der Gemeinschaft mit Gott, auf dessen Wort er hören will und dessen Nähe die Menschen so nötig haben, wie frisches Wasser und gesundes, fruchtbares Land. Noah weiß, dass nur die Nähe Gottes das menschliche Herz von allen Regungen heilen kann, die das Dichten und Trachten böse sein oder böse erscheinen lassen. Wie gut, dass sich Gott finden lässt von den Menschen und dass er sie nicht sich selbst überlässt. Wie gut, dass Gott in Jesus Christus selbst Mensch geworden ist, um einen Ausweg zu zeigen aus dem Teufelskreis von Sünde und Schuld. Wie Gut, dass er uns den Ort gezeigt hat, wo das böse Herz wieder gut werden, wo es heil werden kann – in seiner Nähe. Nicht im Labor kann das Herz geheilt werden, sondern in der Gemeinschaft mit dem Gott, der den Menschen zu seinem Bild geschaffen hat. 

  

Diese Gemeinschaft suchen wir  – zum Beispiel, wenn wir Gottesdienst feiern. Wir kommen in dieses Gotteshaus und bringen unser Leben vor Gott – unsere Freude, unseren Dank und unser Leid. Wir taufen unsere Kinder in dieser Kirche, junge Paare geben sich das Ja-Wort und bitten für ihren Weg um Gottes Segen. Wenn wir einen Menschen beerdigt haben, suchen wir hier Trost. Wir hören Gottes Wort. Es ist ein Wort, das Leben schenkt, das Mut macht, das mahnt und heilt. Wir lassen uns immer wieder einladen an seinen Tisch. In der Feier des Heiligen Abendmahls sind wir mit Christus in einer besonders innigen Weise verbunden, bekommen wir Anteil an seinem Leib und Blut, an seinem Leben, Sterben und Auferstehen. Heute, am Kirchweih Sonntag, danken wir Gott, dass wir einen Ort haben, an dem wir miteinander Gottesdienst feiern können, ein heilsamer Ort ist dies, weil er uns mit Christus verbindet. 

  

Vielleicht denken wir daran, wenn wir die Zeichen sehen, die Gott uns ans Herz legt. Zeichen seiner Liebe. Zeichen seiner Nähe. Sie fordern uns auf, Gottes Nähe zu suchen – so, wie Noah das getan hat. Deshalb hat er den Altar gebaut und seine Opfer gebracht. Schauen wir auf die Zeichen der Nähe Gottes, die wir haben. Ich meine den Regenbogen, der uns daran erinnert, dass Gott die Welt nicht mehr schlagen will. Ich meine das Kreuz, das vom Weg Jesu erzählt und uns daran erinnert, dass wir nicht allein sind, dass sich Gott nicht von uns abgewandt hat, wenn es uns schlecht geht.  Ich meine die Kirche, in der ein Altar und eine Kanzel steht – die Orte, an denen sich Gott uns zuwendet: in seinem Wort und in seinem Sakrament. Schauen wir immer wieder auf diese Zeichen, dankbar und voll Vertrauen. Sie erinnern uns an einen Gott, der es am Ende gut mit uns meint, weil er uns liebt. Deshalb können wir sagen: Ja, es wird eine Zeit geben, in der das Herz des Menschen nicht mehr böse ist, weil sich alle Wunden geschlossen haben. Das ist die Hoffnung, die wir haben. Von ihr leben wir. Amen. 

29.10.2017


Gekommen um zu heilen - Predigt über Markus 1,32 - 39 


Am Abend aber, da die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm alle Kranken und Besessenen.  Und die ganze Stadt war versammelt vor der Tür. Und er heilte viele, die an mancherlei Krankheiten litten, und trieb viele Dämonen aus und ließ die Dämonen nicht reden; denn sie kannten ihn. Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort.  Und Simon und die bei ihm waren, eilten ihm nach.  Und da sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich.  Und er sprach zu ihnen: Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Orte, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen.  Und er kam und predigte in ihren Synagogen in ganz Galiläa und trieb die Dämonen aus. (Lutherbibel 2017, herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft)

 

Das Evangelium führt uns heute nach Kapernaum! Das ist das Fischerdorf am See Genezareth. Dort hat sich Jesus gerne und häufig aufgehalten. Einen aufregenden Tag  haben die Bewohner der kleinen Ortschaft hinter sich gebracht. Deshalb denkt niemand daran, sich jetzt schlafen zu legen. Im Gegenteil. Nach dem Sonnenuntergang öffnen sich die Türen. Männer und Frauen, Kinder und Erwachsene, Junge und Alte strömen aus den Häusern hinaus auf die Straßen. Sie alle haben ein Ziel. Sie wollen hin zum Haus Simons, der auch Petrus genannt wird. Dort hält sich Jesus auf. Er ist das Tagesgespräch. Die Menschen erzählen sich, was  sie heute, am Sabbat, mit Jesus erlebt haben – im Haus, wo er zu Gast war und am morgen, beim Gottesdienst in der Synagoge. 

 

Als der wundertätige Rabbi aus Nazareth gerade mit der Predigt beginnen wollte, soll ein Dämon in einen der Gläubigen gefahren sein. Das mag für unsere Ohren unheimlich und befremdlich klingen. Die Firma „Teufel und Co.“ haben wir aus unserem Denken und aus unserer Vorstellungswelt verbannt. Ob es sie deshalb wirklich nicht gibt, mit ihren vielen höllisch gut ausgebildeten Mitarbeitern? Erfahrungen und Begegnungen mit bösen Mächten kennen wir doch auch – wir versuchen allerdings, für diese Phänomene stets eine natürliche Erklärung zu finden, machen Fanatismus, Radikalisierung oder eine Erkrankung des Geistes, der Seele für unerklärliches Verhalten verantwortlich. Nur unsere Umgangssprache bewahrt die Erinnerung an Kräfte in dieser Welt, die sich  nicht wegerklären lassen. Wenn sich ein uns vertrauter und an und für sich liebenswürdiger Mensch plötzlich aggressiv verhält, fragen wir uns: was ist denn in den gefahren. Ob es bei dem Gottesdienstbesucher auch so war, von dem das Evangelium berichtet? 

 

Plötzlich, so sagen die Leute, ist der Mann von seinem Platz aufgesprungen und hat laut zu schreien begonnen. Stellen Sie sich mal vor, so etwas würde in unserer Kirche geschehen! Das würde im Dorf auch schnell die Runde machen. „Was willst du von uns, Jesus von Nazareth?“ hat der Mann geschrien. „Du bist gekommen, uns zu vernichten. Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes!" Da hören wir ein Glaubensbekenntnis aus dem Mund eines Besessenen, eines Menschen, der von einer fremden, bösartigen Macht in Besitz genommen wurde und nicht mehr Herr seiner selbst ist. „Du bist der Heilige Gottes“, ruft der Dämon, weil er erkennt, was den Menschen noch verborgen ist: dass hier kein gewöhnlicher Mensch vor ihnen steht, dass Gottes Geist in diesem Mann wohnt, dass Gott selbst durch ihn spricht und handelt. Zugleich muss der Dämon auch zugeben, was dieser Heilige Gottes vorhat – die Werke des Teufels zu zerstören, die den Menschen krank und friedlos machen. Das unterscheidet das Glaubensbekenntnis der Dämonen von dem des Frommen. Die treibt die Angst zum Bekenntnis, weil sie ahnen, dass die Zeit ihrer Herrschaft zu Ende geht. Uns hingegen spricht die Hoffnung aus der Seele. 

 

Schließlich konnten die Gottesdienstbesucher miterleben, wie Jesus von Nazareth seinen Auftrag erfüllt – durch ein Wort, eine Geste, einen Befehl. „Verstumme und fahr aus!“ herrscht er den Dämon an, der gehorchen muss und mit einem lauten Schrei ausfährt, nicht ohne vorher an dem armen Mann seine Wut auszulassen, nicht ohne ihn vorher noch einmal kräftig hin und her zu stoßen. Wer von uns wäre da nicht auch entsetzt? „Was ist das?“ Diese Frage bewegt die Augenzeugen. Vom Evangelisten Markus bekommen sie die Antwort in den Mund gelegt: „eine neue Lehre in Vollmacht! Er gebietet auch den unreinen Geistern, und sie gehorchen ihm!“

 

Eine neue Lehre! In Vollmacht! Darüber möchten die Leute aus Kapernaum mehr erfahren, mehr wissen. Ich stelle mir vor, wie sie Jesus deshalb nach dem Gottesdienst begleiten. Die meisten wissen, dass die Schwiegermutter seines Gastgebers, Petrus, krank ist. Die alte Frau ist vom Fieber geschwächt. Ob sie jemals wieder gesund wird? Wie staunen sie, als Jesus an ihr Bett tritt, sie bei der Hand fasst. Da weicht das Fieber von ihr. Mit eigenen Augen können sie sehen, wie die bis eben  noch Todkranke aufsteht und die Gäste bedient - so als ob sie nie krank gewesen wäre. Einige schütteln den Kopf. Eine  Heilung am Sabbat? Ist das erlaubt? Was wohl die Schriftgelehrten dazu sagen? 

 

Ich glaube, dass jeder in Kapernaum einen Angehörigen, einen Freund oder Bekannten hat, dem es ebenfalls schlecht geht und der ebenfalls so ein Wunder gut vertragen könnte. Deshalb warten die Menschen sehnsüchtig auf den Sonnenuntergang. Dann ist der Sabbat vorbei. Dann erlaubt ihnen das Gesetz, dass sie ihre Kranken zu Jesus bringen können. Und so tun sie es auch. Markus schreibt: „Und er half vielen Kranken, die mit mancherlei Gebrechen beladen waren, und trieb viele böse Geister aus und ließ die Geister nicht reden; denn sie kannten ihn."

 

So endet der Tag in Kapernaum. Woher kommt sie, diese Vollmacht, diese Autorität, mit der Jesus den Dämonen über den Mund fährt und nicht nur denen? Diese Frage begleitet die Menschen in die Nacht. Woher kommt seine Kraft, sie alle aufzurichten, die Kranken, die Mutlosen, die Bedürftigen? Ob Ihnen Jesus darauf eine Antwort geben wird?  Doch den können sie am nächsten Morgen nicht mehr fragen. Er ist nicht mehr da. In aller Herrgottsfrüh ist er aufgestanden, um den Ort zu verlassen. Er lässt alle zurück: die Kranken, die Besessenen, ihre Angehörigen, die Jünger. Er verlässt die Stadt. Er sucht die Einsamkeit. Er betet. Immer wieder zieht er sich zurück, um allein zu sein - allein mit sich und mit Gott, zu dem er voll Vertrauen Vater sagt. Das ist die Quelle, aus der Jesus seine Kraft schöpft: die Kraft zu helfen und zu heilen. Der Vater ist die Quelle. Ich stelle mir vor, wie Jesus sich selbst, sein Leben, Denken und Fühlen, sein ganzes Dasein mit dem Vater verbindet, wie er eins wird mit Gott im Gebet. Beten und Atmen, Helfen und Heilen sind eins bei Jesus. Ob das die Menschen verstehen, die ihn brauchen und enttäuscht sind, weil er nicht mehr da ist? 

 

Die Jünger, die bemerkt haben, wie  Jesus aufsteht und fortgeht, laufen ihm nach. „Herr, jedermann sucht dich!“ sagen sie, als sie ihn eingeholt haben. Ich höre einen Vorwurf daraus. „Wie kannst du dich zurückziehen, wenn es noch so viele gibt, denen du helfen könntest!“ Sie verstehen ihren Herrn nicht. Sie verstehen nicht, was es bedeutet, wenn Jesus Kranken die Hand auflegt. Die Taten Jesu sollen Zeichen sein. Sie weisen auf das eigentliche Wunder hin, das den meisten noch verborgen ist. Ich meine das Wunder der Nähe Gottes. Gott selbst kommt zu den Menschen, um sie zu retten. Er kommt in Jesus Christus – jetzt noch verborgen in der Gestalt eines sterblichen Menschen und dereinst einmal in seiner göttlichen Herrlichkeit. Die Menschen erkennen dieses eigentliche Wunder vor ihren Augen nicht. Noch nicht. Auch die Augen der Jünger sind zunächst noch getrübt. Erst viel später werden ihnen die Augen aufgetan. Dann, wenn ihnen der Auferstandene seine Wunden zeigen wird - dann werden sie erkennen, was ihnen jetzt noch verborgen ist und was bis jetzt nur die Dämonen erkannt haben: dass Gott selbst sich aufgemacht hat und in die Welt gekommen ist, um die Menschen zu retten. 

 

Dieser Tag in Kapernaum, von dem Markus erzählt, soll Spuren hinterlassen. Bei den Menschen, die geheilt worden sind. Bei denen, die Zeugen der Heilung wurden. Und bei uns. Die Geschichte aus dem Evangelium will Vertrauen wecken. Jesus heilt und hilft. Vertrauen wir dem Herrn, der Macht hat, der heilen und helfen kann. Viele Menschen in Kapernaum haben Jesus vertraut. Auch, wenn sie  nicht alles verstanden haben, was er gesagt oder getan hat. Trotzdem haben sie sich selbst und ihre Lieben diesem Jesus anvertraut. Vielleicht ist das er erste und wichtigste Schritt im Glauben – dass wir unsere Lieben und vielleicht auch uns selbst zu Jesus hintragen, hinschleppen oder vor ihn hinlegen. Heute geschieht das im Gebet, in der Fürbitte. Das setzt Glauben und Vertrauen voraus. So wie die Menschen in Kapernaum geglaubt und vertraut haben, dass Jesus der eine ist, der helfen kann. 

 

 Lasst uns auch in diesem Vertrauen leben! Lasst uns in dem Vertrauen leben, dass der Auferstandene bei uns ist und dass er uns Leben und Heilung schenken will. Vertrauen wir ihm alles an, was uns umtreibt, was wir nicht verstehen können, was uns Angst macht oder gefangen nimmt: unsere Fragen, unsere Sorgen, auch unsere Zweifel. Vertrauen wir darauf, dass er uns das Leben schenken will, ein Leben frei von den Mächten, die uns Angst machen - in welcher Gestalt sie uns auch immer begegnen mögen, ganz gleich, wie wir sie auch bezeichnen mögen – als Krankheiten von Leib und Seele oder als Dämonen. Pflegen wir den Kontakt mit dem Herrn. Am frühen Morgen hat er Kapernaum verlassen, um zu beten und dann, um zu den Menschen zu gehen, die in den anderen Städten und an anderen Orten wohnen, damit sie das lebensschaffende Wort der Gnade hören. An einem dieser Orte leben wir. Auch zu uns will er kommen. Auch uns will er begegnen. Die Zeit der Stille, die Zeit für das Gebet, für die tägliche Bibellesung, für den Gottesdienst ist lebenswichtig. Sie wird zum Ort der Begegnung mit dem Herrn, der heilen und helfen kann. Sie verbindet uns mit dem, der uns das Leben geschenkt hat, der es hält, trägt und retten wird. Amen.

22.10.2017


Den Nächsten das Herz finden lassen - Predigt über Jesaja 58,7-12 am Erntedankfest 

Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!  Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.  Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne«. (Lutherbibel 2017, herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft)

„Brich mit den Hungrigen dein Brot, / sprich mit den Sprachlosen ein Wort, / sing mit den Traurigen ein Lied, / teil mit den Einsamen dein Haus!“ Mit dieser Aufforderung beginnt die erste Strophe eines Liedes aus unserem Gesangbuch. Wir werden es gleich nach der Predigt singen und vielleicht überrascht sein: da steht nur, was man tun soll – weshalb und zu welchem Zweck wird nicht verraten. Die Melodie aber ist beschwingt und fröhlich. Es ist, als ob sie selbst schon etwas von dem Lohn verrät, den ich für meinen Einsatz erwarten darf: wenn ich mit den Traurigen ein Lied singe, das von der Hoffnung spricht, wenn ich den Hungrigen abgebe vom Brot, das satt macht, wenn ich mit den Einsamen die Zeit verbringe, wenn ich dem Obdachlosen ein Dach über dem Kopf anbiete – dann geschieht etwas mit mir, etwas, das mir und den anderen gut tut. Dieses Lied nimmt ein Wort auf, das vor langer Zeit ein Prophet seinem Volk zugerufen hat und über das heute zu predigen ist: „Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“

 

Das sagt einer einem unzufriedenem Volk. Gemeint sind zunächst einmal die Israeliten. Die haben eine schwere Zeit hinter sich gehabt. Die Israeliten haben eine Katastrophe durchlitten. Ihr Tempel ist zerstört und das Volk in die Gefangenschaft geführt worden. Dort mussten sie Zwangsarbeiten leisten. Im fernen Babylonien haben sie sich zurückgesehnt in die Heimat und haben von einem neuen Tempel geträumt, den sie dort bauen wollten. Nun ist das Wunder längst geschehen. Die Verbannten durften zurückkehren. Das Gotteshaus ist wieder aufgebaut worden. Und doch ist nichts mehr so, wie es einmal war. Die Wirklichkeit sieht eben anders aus, als man es sich vorgestellt hat. Es waren harte Zeiten und man hat lernen müssen, wieder miteinander auszukommen: die Zurückgekehrten mit den Daheimgebliebenen, die Alteingesessenen mit den Fremden. In diese Situation hinein spricht der Prophet zu seinem Volk: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!

  

Das sind Worte wie aus einer Bußpredigt. Da wird etwas eingefordert – Solidarität mit denen, die nichts haben. Aus den klugen Büchern und Erklärungen zu dieser Bibelstelle weiß ich, dass die Israeliten – vor allem die Heimkehrer -   fromme Menschen waren. Ich behaupte jetzt einfach einmal: sie waren fromm und gottesfürchtig, aber dennoch nicht glücklich. Es hat ihnen etwas Wichtiges gefehlt. Das Feuer des Glaubens war erloschen. Es ist vielleicht so wie mit einem Lied, von dessen Text man nur noch ein paar Bruchstücke kennt und dessen Melodie gänzlich in Vergessenheit geraten ist. Die Melodie aber ist so etwas wie die Seele eines Liedes. Sie trägt den Geist, das Gefühl, das Leben hinein in den Text und berührt damit die Herzen der Menschen. Ohne die Melodie wirkt der Text sperrig oder hölzern. Und so war es vielleicht auch mit dem Glaubensleben der Israeliten.  Was haben sie nicht alles getan. Sie haben Gott  durch Losorakel befragt. Sie haben regelmäßige Fast-Tage gehalten, die Gottesdienste im Tempel besucht, die vorgeschriebenen Opfer dargebracht und erwartet, dass Gott es ihnen lohnen wollte. Aber das, was sie sich ersehnt hatten, wollte sich einfach nicht einstellen. Da hat etwas gefehlt, zum Glück, zum Wohlstand. Es war der Segen, der hat gefehlt. 

  

Weil sein Volk von selbst nicht drauf kommt, sagt Gott ihnen durch seinen Propheten, woran sie kranken. Sie haben einander aus dem Blick verloren. Das Feuer ist erloschen, das Herz ist kalt geworden. Jeder hat nur noch an sich selbst, an sein eigenes Wohl gedacht und dabei den Mitmenschen aus den Augen verloren. Wie kann Gott sich über Opfer freuen, wenn vor den Toren des Tempels die Menschen verhungern!  Ich fühle mich da angesprochen – auch, wenn wir unsere Lebensverhältnisse nicht so ohne weiteres mit den Zuständen im Jerusalem jener Zeiten vergleichen dürfen. Was prägt uns heute? Einige Schlagworte fallen mir ein, die den Alltag prägen: Unzufriedenheit! Angst vor Überfremdung! Misstrauen! Neid! Die Angst, dass man zu kurz kommt im Leben ist für viele der ständige Begleiter. Und sich mit anderen und für andere zu freuen gelingt wohl auch nur wenigen. Vielleicht liegt das daran, dass wir  einander aus den Augen verloren haben, dass wir uns „einander entzogen“ haben – um es mit den Worten des Propheten zu sagen. Jeder macht sein eigenes Ding, ist sich selbst der Nächste. Dagegen setzt der Prophet die Aufforderung: „Brich dem Hungrigen dein Brot ... !“

  

Im Unterschied zu dem  Lied aus unserem Gesangbuch verrät uns der Prophet, welche Folgen das für uns haben wird, wenn die Bedürfnisse und vor allem die Nöte unseres Nächsten wieder ins Blickfeld treten. Er spricht nicht vom Lohn für eine Leistung sondern von der Verwandlung des Menschen. Der Prophet spricht davon, wie sich unser Leben verändern wird, wenn wir wieder einen Blick für den Nächsten bekommen, wenn wir den Hungrigen „unser Herz finden lassen“. Was für ein schönes Bild. Doch bedeutet es nicht auch, dass wir unser Herz verborgen halten – und alles, was zum Herz gehört: das Mitleid, die Liebe, die Anteilnahme. Vor wem wir unser Herz verschließen, der muss draußen bleiben aus unserem Leben. Wenn wir dem Bedürftigen unser Herz finden lassen, werden wir uns wandeln. 

  

„Dein Licht wird in der Finsternis aufgehen und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.“ Was für eine Verheißung gerade jetzt, wo so viele darunter leiden, dass sich bei Regen der Tag kaum noch von der Nacht unterscheidet. „Du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.“ Wie müssen die Menschen das empfunden haben, die um Wasserquellen Kriege führten. In einem solchen Garten kann das Leben blühen. In so einem Garten möchte man seine Zelte aufschlagen und überwintern. Mit diesen Bildern beschreibt uns der Prophet aus dem Alten Testament, wie der Segen der Liebe das Leben der Menschen verändert, wie sie selbst zum Segen werden. Ich muss in diesem Zusammenhang an das Gespräch eines Entwicklungshelfers denken, der viele Jahre in Äthiopien gelebt hat. Der sagte mir, dass es für ihn jeden Tag ein Wunder und ein Geschenk sei, dass er nur den Wasserhahn aufdrehen müssen und dann frisches und vor allem gesundes, trinkbares Wasser zu bekommen, Wasser, das wir nicht nur trinken, sondern auch gebrauchen – zum Duschen beispielsweise oder zum Blumengießen. Wie verschwenderisch wir doch mit unserem Reichtum umgehen. 

  

Wir hören diese Worte am Erntedankfest. Wir sehen den Altar vor uns. Die Früchte menschlicher Arbeit liegen darauf. Es sind Mittel zum Leben. Noch etwas steht heute auf dem Altar. Eine Schale mit kleinen Broten – den Hostien. Eine Kanne mit Wein sehen wir. Manchmal ist Traubensaft statt Wein darin. Auch das sind Mittel zum Leben. Zum Überleben. Sie verbinden uns mit dem, der sie gesegnet hat. Sie verbinden uns mit Jesus Christus, der mit seinen Jüngern das Heilige Abendmahl gefeiert und Brot und Wein als Zeichen eingesetzt hat, die uns an seinen Weg erinnern. Es ist der Weg in das Leben. Der Weg aus der Einsamkeit, aus der Unzufriedenheit, aus der Kälte in die Gemeinschaft mit dem, der die Quelle des Lebens ist und bei dem Finsternis nicht finster ist. 

  

Wir werden beschenkt. Die Gaben am Erntedankaltar sind Mittel, von denen wir leben. Ohne sie würde der Leib verhungern. Auch Christus schenkt uns Lebensmittel, ein Mittel zum Leben. Ohne ihn würde die Seele verhungern. Wenn wir Brot und Wein empfangen, werden wir mit hineingenommen in die Lebensgemeinschaft mit dem Auferstandenen. Wir schmecken und sehen wie freundlich der Herr ist. Seine Liebe und Zuwendung verdienen wir uns nicht. Sie wird uns geschenkt. Und Gott fragt nicht danach, ob sich das rechnet, ob sich das lohnt. Er bricht mit dem Hungrigen das Brot, wenn wir Abendmahl feiern. Er bricht es mit uns. Wir hungern nach Leben. Er reicht uns das Brot des Lebens und teilt es mit uns. Er beschenkt uns und wir können dieses Geschenk nur dankbar und freudig annehmen. Und noch etwas. Wir können andere teil haben lassen an diesem Geschenk. Vielleicht werden wir überrascht sein – weil dieses Geschenk des Lebens nicht weniger wird, wenn man es teilt, weil es mehr und mehr wird. Und deshalb ist dieses Lied mit den vielen Aufforderungen ein fröhliches Lied. Es ahnt bereits den Segen, der sich einstellt, wenn man sein Brot mit dem Hungrigen bricht und mit den Traurigen ein Lied singt. Was es uns bringt, merken wir, wenn wir es tun. Wir werden staunen, weil sich Dankbarkeit, Freude und Zufriedenheit einstellen, weil wir spüren, wie sich der Segen Gottes in unserem Leben entfaltet – wie die Melodie eines Liedes, das uns froh stimmt. Amen. 

1.10.2017