Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)

Predigten im Monat Juni 2017


Das Gewand des Glaubens – maßgeschneidert. Predigt über Matthäus 22,1-14 am 2. Sonntag n. Trinitatis anlässlich einer Silbernen Konfirmation. 

Und Jesus fing an und redete abermals in Gleichnissen zu ihnen und sprach: Das Himmelreich gleicht einem König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete. Und er sandte seine Knechte aus, die Gäste zur Hochzeit zu rufen; doch sie wollten nicht kommen. Abermals sandte er andere Knechte aus und sprach: Sagt den Gästen: Siehe, meine Mahlzeit habe ich bereitet, meine Ochsen und mein Mastvieh ist geschlachtet und alles ist bereit; kommt zur Hochzeit! Aber sie verachteten das und gingen weg, einer auf seinen Acker, der andere an sein Geschäft. Die Übrigen aber ergriffen seine Knechte, verhöhnten und töteten sie. Da wurde der König zornig und schickte seine Heere aus und brachte diese Mörder um und zündete ihre Stadt an. Dann sprach er zu seinen Knechten: Die Hochzeit ist zwar bereit, aber die Gäste waren's nicht wert. Darum geht hinaus auf die Straßen und ladet zur Hochzeit ein, wen ihr findet.  Und die Knechte gingen auf die Straßen hinaus und brachten zusammen, alle, die sie fanden, Böse und Gute; und der Hochzeitssaal war voll mit Gästen. Da ging der König hinein zum Mahl, sich die Gäste anzusehen, und sah da einen Menschen, der hatte kein hochzeitliches Gewand an,  und sprach zu ihm: Freund, wie bist du hier hereingekommen und hast doch kein hochzeitliches Gewand an? Er aber verstummte. Da sprach der König zu seinen Dienern: Bindet ihm Hände und Füße und werft ihn in die äußerste Finsternis! Da wird sein Heulen und Zähneklappern. Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt. (Lutherbibel 2017,herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft.)

 

Hochzeit im Dorf! Der ganze Ort ist auf den Beinen. Wer nicht mit in die Kirche geht, um den Gottesdienst zu feiern, steht draußen vor dem Tor. Einen Blick auf das frisch vermählte Paar möchte man schon erhaschen. Was Braut und Bräutigam wohl tragen? Wer wird den Brautstrauß auffangen? Die Freiwillige Feuerwehr steht Spalier oder der Fußballverein. Früher war es üblich, eine Hand voll Münzen unter die Schaulustigen zu werfen. Die Kinder sind deshalb schon ungeduldig. Sie möchten möglichst viel davon aufsammeln. Hochzeit ist ­-  wie das Wort schon sagt – eine „hohe Zeit“. Zeit der Freude. Zeit zum Feiern. Endlich öffnen sich die Kirchenpforten. Orgelmusik dringt nach draußen. Ein strahlendes Paar verlässt die Kirche. Böllerschüsse krachen. Hände werden geschüttelt. Braut und Bräutigam werden umarmt von Freunden und Verwandten. Später wird gegessen und getrunken, gesungen und gelacht und getanzt, vielleicht bis der Mond blass wird und die Vögel den neuen Tag begrüßen. 

Hochzeit! Das ist die hohe Zeit der Freude. Vielleicht haben die Propheten des Alten Bundes deshalb das Bild von der Hochzeit gerne verwendet, wenn sie die Zeit beschreiben wollten, in der Gott sein Volk heimsucht und heimführt, wie der Bräutigam die Braut. Die Hochzeit, die hohe Zeit mit Gott – das ist die Zeit des Heils. Eine ausgelassene Zeit. Ausgeblendet wird die  Angst, der Tod, die Einsamkeit und was sonst noch Schatten werfen könnte auf das Leben der Menschen. Wenn Gott Hoch - Zeit feiert, wenn Gott sein Volk heim führt, wenn die gute Zeit anbricht, ist die Zeit der Tränen vorbei. Gott wird sie abwischen von den Wangen der Menschen, zärtlich und liebevoll. Dann können auch die Wunden an Leib und Seele heilen, die das Leben zugefügt hat. Gott vermählt sich mit seinem Volk, mit den Menschen. Wie Braut und Bräutigam sollen sie sein, eng verbunden in Liebe, zärtlich und innig. Jesus vergleicht das Himmelreich immer wieder mit einer Hochzeitsfeier, zu der die Menschen eingeladen sind. 

Die Hochzeitsfeier, von der wir heute im Evangelium erfahren haben nimmt allerdings keinen guten Verlauf. Ein König richtet seinem Sohn die Hochzeit aus. Wenn in Königshäusern geheiratet wird, dann meist im großen Stil.  Doch in der Geschichte von heute kommt es zu einem Skandal. Die geladenen Gäste kommen nicht. Obwohl alles vorbereitet ist: Die Ochsen hängen am Spieß. Die Getränke sind kalt gestellt. Die Tafel ist reichlich gedeckt.  Aber die Gäste winken ab. Sie haben die Einladung nicht ernst genommen. Sie haben nie wirklich vorgehabt, zu kommen. Was für eine Blamage, was für  eine Demütigung des Gastgebers. Es kommt noch schlimmer: die Hochzeitslader werden verhöhnt und umgebracht. Das fordert Vergeltung. Der König schickt seine Soldaten aus und macht kurzen Prozess. Orientalische Herrscher kannten keine Gnade, wenn sie beleidigt wurden: da wurden dann nicht Tränen der Rührung, da wurde Blut vergossen. Wenn die geladenen Gäste nicht kommen wollen, sind sie es auch nicht wert. In unserer Geschichte pfeift der König auf die Etikette. Noch einmal schickt er seine Knechte aus. Sie sollen einladen, wer ihnen über den Weg läuft.  

Ein buntgewürfelter Haufen setzt sich jetzt an die gedeckte Tafel. Endlich bekommen die eine Chance, die bisher immer chancenlos waren. Eigentlich wäre das ein versöhnlicher Ausgang, ein Happy End. Wäre da nicht der König. Er wird mir unheimlich. Er mischt sich unter die Gäste und sieht sich jeden genau an. Nicht wohlwollend, sondern forschend, prüfend, richtend. Auf einmal bleibt er stehen. Einer der Gäste fällt auf. Er ist anders gekleidet, trägt kein „hochzeitliches Gewand.“ Wir können uns darunter ein frischgewaschenes Kleid vorstellen, das der Gastgeber den Gästen bei der Anreise überreicht hat. In der Heimat Jesu und den Nachbarländern war das guter Brauch. Es hat zur Gastfreundschaft gehört, dass niemand in ungepflegten, verschwitzten und von der Anreise staubig gewordenen Kleidern feiern musste. 

„Freundchen, wie bist du hier hereingekommen?“ will der Gastgeber wissen. Ich stelle mir vor, wie die Musik jetzt verstummt. Alle Augen richten sich nun auf den König und den Eindringling. Dem fehlen die Worte. Und noch bevor er etwas sagen kann, sind schon die Diener zur Stelle. Auf Geheiß ihres Herrn packen sie den ungeladenen Gast an Händen und Füßen und werfen ihn durch das Tor hinaus in die Finsternis, dort wo „Heulen und Zähneklappern“ ist, wie der Evangelist sagt. Während das Tor krachend hinter ihm zufällt, beginnt die Musik wieder zu spielen. Die Menschen feiern und er bleibt draußen sitzen, allein, in der Dunkelheit, bei den Hunden, im Staub der Straße.

Eine beklemmende Vorstellung ist das. Wir hören ja eine Geschichte vom Himmelreich. Gott begegnet uns in der Rolle des Königs, der tief verletzt reagiert und den Gast hinauswirft. Kann mir das auch blühen? frage ich mich. Da ist noch „die Moral von der Geschicht“, die ein mulmiges Gefühl bei mir auslöst: „Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt!“ hören wir Jesus sagen. Aus der Geschichte ist eine Tragödie geworden – zumindest für den einen, den die Diener aus dem Ballsaal geworfen haben. Wird es Menschen geben, die draußen bleiben, die nicht mitfeiern dürfen, die heulen und mit den Zähnen klappern müssen, wenn die hohe Zeit anbricht, wenn Gott Hochzeit feiert? Die Geschichte rüttelt mich auf, erschüttert meine Selbstsicherheit. „Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt!“  Bin ich einer von denen, die wieder rausfliegen? Die  Mahnung soll aber nicht Angst machen, aber beunruhigen. Wir sollen Platz nehmen dürfen an der reichlich gedeckten Tafel, weil wir eingeladen sind. Deshalb erzählt Jesus diese Geschichte, damit gerade das nicht passiert – vor die Tür gesetzt zu werden.

Das hochzeitliche Gewand ist nichts anderes als ein Bild für mein Leben mit Gott. Wir sollen es annehmen und tragen, das Festkleid, das Gott uns schenkt Es ist das Gewand des Glaubens, des Gottvertrauens, von dem die Rede ist. Die Taufkleider, die man früher den Täuflingen zur Taufe angelegt hat, waren ein Hinweis auf die Kleider des Heils, die wir tragen. Gott selbst legt sie uns an. Wie der Gastgeber den Gast mit einem Feierkleid beschenkt, so erhalten wir dieses Gewand, gewoben aus Liebe und Zuwendung. Mit diesem Kleid können wir Gott unter die Augen treten. Es ist uns auf den Leib geschneidert, dieses Gewand, es ist Maßarbeit, nicht von der Stange, unendlich wertvoll ist es und einzigartig, deshalb sollen wir es annehmen und tragen. Allerdings müssen wir es schon tragen. Wir können es auch auszuiehen. Vielleicht haben wir die Einladung Gottes über die Geschäfte des Alltags schlichtweg vergessen? Dann können wir auch mit dem Festkleid nichts mehr anfangen. Vielleicht haben wir es abgelegt, irgendwann einmal – dieses Gewand. Vielleicht waren wir  der Meinung, dass uns dieses Kleid im Alltag hinderlich ist. Wir fühlen uns „overdressed“. Durch dieses Gewand unterscheiden wir uns von den anderen, die keines haben. Man fällt damit auf. Wie peinlich! Man könnte den anderen ja ein Dorn im Auge sein. Man möchte nicht zum Gespött werden, nicht hören wie sie sich lustig machen: du und dein altmodischer Glaube. Du mit deiner Frömmelei! Vielleicht hatten wir aber auch unsere Zweifel, ob es noch tragbar ist, dieses Kleid, ob wir noch reinpassen. Zweifel sind wie Motten, die Löcher in das Festkleid fressen.

Dieser  Gottesdienst zum Gedächtnis der Konfirmation vor einem Viertel Jahrhundert ist ein Erinnerungsgottesdienst. Er erinnert uns daran, wozu wir berufen sind – zur Gemeinschaft mit Gott. Der meint es ernst mit uns: wir sind eingeladen. Wir sollen leben im Reich Gottes, das ist unsere Bestimmung. Wir sind berufen zu einem Leben in der Gemeinschaft mit ihm, in der Fülle des Lebens. Wir sollen teilhaben an der Hochzeit, an der hohen Zeit des Heils. Mit der Ankunft Jesu in dieser Welt ist sie angebrochen, die gute Zeit. Gott will uns dabei haben! Vielleicht ist dieser Festtag eine Gelegenheit, dieses Gewand wieder hervor zuholen, anzuziehen – und zu staunen: es passt immer noch. Und es kleidet einen wirklich gut. Wenn wir es tragen, verschwindet wohl die Gänsehaut, die Angst vor dem strengen Blick des Königs. Sie weicht der Freude auf dieses Fest, zu dem wir geladen sind. Die Kleider, die Gott uns schenkt sind Kleider zum Wohlfühlen. Es lebt sich gut darin. Und es lebt sich ewig. Amen




Kommunikation von oben und von unten. Predigt über 1. Mose 11,1 - 9 am Pfingstmontag

 Haben Sie heute schon gezwitschert? Bitte missverstehen Sie mich nicht:  ich will nicht wissen, ob Sie heute morgen schon einen gezwitschert haben, einen Schnaps oder ein anderes alkoholhaltiges Getränk. Ich habe gefragt, sie gezwitschert haben. Viele tun das: sie twittern. Das englische Wort Twitter heißt auf Deutsch „Gezwitscher.“ Gemeint ist ein beliebter Kommunikationsdienst, genauer gesagt: einen Mikrobloggingdienst der Firma Twitter. Die hat wegen ihres Namens ein blaues Vögelchen als Firmen - Logo. Twittern ist angesagt, sogar bei einflussreichen Politikern, die gleich nach dem Aufstehen mit Hilfe dieses Mediums der Welt mitteilen, was diese eigentlich gar nicht wissen will. Allerdings ist die Kommunikation per Twitter auf 140 Zeichen beschränkt. Meine Predigt hat mit ihren 874 Zeichen an dieser Stelle diese Grenze längst überschritten. Diese Einsicht könnte ich jetzt auf Facebook posten und ein verlegenes Selfie dranhängen. Oder sollte ich mich besser aufs „chatten“ verlegen? Der englische Begriff bedeutet nichts anderes als „quatschen,“ vornehmer kann man es auch ausdrücken und mit „plaudern“ übersetzen.  Es handelt sich dabei laut Wikipedia um eine „elektronische Form der Kommunikation in Echtzeit“. Gechattet wird in Chatrooms, das sind also virtuelle Plauderstübchen. Man sitzt dabei vor Computer, Laptop, Tablet oder Smartphone und tippt ein, was man seinem Gegenüber eigentliches Gesicht sagen sollte. Der Gesprächspartner bleibt zunächst unsichtbar, er oder sie sitzt im Nachbardorf oder in Australien. Weil man sich nicht sieht, sinkt die Hemmschwelle und mit ihr oft das Niveau der Gespräche. Häufig - nicht immer -  geht es um Anbahnung oder Durchführung erotischer Beziehungen oder wie beim twittern um Austausch von Nichtigkeiten.  Von der Möglichkeit des kriminellen Missbrauchs dieser Kommunikationsform möchte ich jetzt gar nicht reden. Inzwischen habe ich schon 1987 Zeichen inklusive Leerzeichen verbraucht und Sie wissen fragen sich sicher, was das mit dem Pfingstfest zu tun hat? Vielleicht sollte ich mal zur Sache kommen, damit ich meine Follower - das sind Sie, meine Zuhörer - nicht verliere. (In Twitter-Sprache würde das so aussehen;  #langweilige #Predigt.)

Ich spreche vom „twittern,“ vom „posten“ und „chatten“, weil das viel genützte Kommunikationsformen der Gegenwart sind, mit ihren Vor - und Nachteilen. Ich will das nicht schlecht reden. ich nütze diese Medien selbst. Sie können auch hilfreich sein. Bei dem Amoklauf in München im vergangenen Juli beispielsweise konnte die Polizei mit Hilfe von Facebook und Twitter die Menschen beruhigen und informieren. Das war eine Form gelungener Kommunikation, für die sie auch viel Lob erhalten hat. Um gelungene Kommunikation geht es heute, an Pfingsten. Das Pfingstfest ist für mich das Fest der gelungenen und der heilsamen Kommunikation. Menschen kommunizieren miteinander. Sie tauschen sich aus und - o Wunder - sie verstehen sich. Was gesagt und verstanden wird, ist heilsam für den, der es hört. Das ist ein Meisterstück, das nur der heilige Geist zustande bringt.  Davon erzählt die Apostelgeschichte. Da erfahren wir, wie die Jünger sich zurück gezogen haben. Ihr Herz war voller Furcht. Schließlich wussten sie nicht so recht, was aus ihnen noch werden sollte. Die öffentliche Meinung konnte sich schließlich schnell gegen sie wenden. Die Lage war brenzlig. Jesus war nicht mehr da. Am Pfingsttag nun waren sie alle an einem Ort, schreibt die Bibel. Da war auf einmal die Luft erfüllt von einem Brausen, wie bei einem gewaltigen Sturm. Der Himmel tat sich auf und der Heilige Geist kam in Gestalt von Feuerzungen auf die Jünger herab. Da war die Angst wie weggeblasen. Die Jünger verlassen das Haus, gehen auf die Straße und fangen an zu predigen. Und sie wurden verstanden. Die Menschen, die sie hörten „… entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer?“ Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache? Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Römer, die bei uns wohnen, Juden und Proselyten, Kreter und Araber: Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden.  Sie entsetzten sich aber alle und waren ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden?“ (Luthertext 2017, Deutsche Bibelgesellschaft)

Die Jünger nützen die damals üblichen Kommunikationsmedien - das ist die Sprache, die öffentliche Predigt auf der Straße. Später werden sie ein weiteres Medium einsetzen - den Brief. Jetzt aber gehen sie erst einmal hinaus zu den Menschen auf die Straße, reden und werden verstanden. Das ist für mich das größte Wunder. Wenn man so miteinander von den Dingen sprechen kann, die einem am Herzen liegen - und von den anderen verstanden wird. Das ist Kommunikation von oben. Ermöglicht durch den Geist Gottes, der den Mund und die Herzen öffnet und die richtigen Worte auf die Zunge legt.


An Pfingsten geschieht  Kommunikation von oben, geistreich und heilsam. Das wirklich Wichtige wird gesagt und verstanden. Es kommt an in den Herzen der Menschen. Eigentlich ein paradiesischer Zustand. Nicht wahr? Die Bibel erzählt jedenfalls davon, dass es einmal eine Zeit gegeben hat, in der das so war. Da hatte alle Welt einerlei Zunge und eine Sprache. Es wurde so miteinander kommuniziert, das jeder jeden verstanden hat. Vielleicht wurde auch nur gesagt, was wirklich wichtig war. Und dann kam der Moment, wo sich die Menschen diesen Zustand kaputt gemacht haben. In maßloser Selbstüberschätzung haben sie alles kaputt gemacht. Davon erzählt das Alte Testament im ersten Buch Mose, dem Buch Genesis, im 11. Kapitel. Es ist die Geschichte vom Turmbau zu Babel. Sie will erklären, warum Menschen so viele unterschiedliche Sprachen sprechen. Gott hat ihre Sprache verwirrt, so erfahren wir. Es war eine Schutzmaßnahme. Die Menschen wollten einen Turm bauen, der in den Himmel reicht. Sie wollten eindringen in einen Bereich, der ihnen verwehrt ist. Schließlich wollten sie sein wie Gott. Das verhindert Gott , indem er ihre Sprache verwirrt. Sie sollen den Himmel nicht einnehmen und so die eigene Maßlosigkeit und Selbstüberschätzung vergötzen. Sie können nicht mehr miteinander sprechen. So scheitert ihr Projekt.

Das ist der Zustand, in dem wir uns befinden. Im Zustand gestörter Kommunikation. Wir verstehen einander nicht mehr. Nicht nur, weil wir unterschiedliche Sprachen sprechen. Sondern weil weil wir die Sprache oft auch missbrauchen. Die Sprache wird zum Mittel, das den Zweck erfüllen soll. Und der ist oft eigennützig, gemein und hinterhältig. Wie oft werden Worte ins Gegenteil verdreht, mit fatalen Folgen, wie oft wird aneinander vorbei geredet, wie oft lügen sich Menschen ins Gesicht, vertauschen Wahrheit und Lüge. Sie werden zum Handlanger der Kommunikation von unten. Der Teufel ist der Vater der Lüge, sagt Jesus. Der Vater der Lüge ist der eigentliche Urheber der Kommunikation von unten. Auch davon erzählt die Bibel. Kommunikation von unten beginnt eigentlich schon im Paradies, noch lange, bevor die Menschen versuchen, einen Turm in den Himmel zu bauen. Die Schlange macht vor, wie man die Wahrheit verfälschen und Menschen damit ins Unglück stürzen kann. Als Eva vor dem Baum der Erkenntnis steht, von dessen Frucht sie nicht essen soll, zeigt sie, wie etwas entsteht, was in jüngster Zeit als „alternative Fakten“ bezeichnet wird: eine Lüge. Die Schlange verändert dabei nur den Satzbau und setzt ein Fragezeichen ans Ende. Sie hinterfragt damit eine Anordnung Gottes. Sie sagt: „Sollte Gott wirklich gesagt haben, von dieser Frucht dürft ihr nicht essen?“ Sie hinterfragt also, sie zweifelt die Redlichkeit Gottes an - und die Menschen gehen ihr auf den Leim. Doch zurück zu unserer Geschichte vom Turmbau. Die Menschen nehmen sich so unendlich wichtig  und merken gar nicht, wie armselig sie sind. 

Die Geschichte vom ersten Pfingstfest ist die Geschichte von der gelungenen Kommunikation. Diese Geschichte lässt mich hoffen. Gott bringt wieder zurecht, was seit dem Turmbau in Unordnung geraten ist. Sie zeigt mir, dass eine neue Zeit in Anbruch ist.. Jesus sagt uns, wie wir an der „Kommunikation von oben“ mitwirken können - indem wir die Wahrheit sagen und bei der Wahrheit bleiben. Jesus sagt im Johannesevangelium: „Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“

Die Lüge macht unfrei. Die Wahrheit macht frei. Es ist nur so schwer, bei der Wahrheit zu bleiben. Vielleicht brauchen wir deshalb die Kraft des Heiligen Geistes, den Tröster und Ermahner, den Beistand. Den hat Jesus uns versprochen. Wir sehnen uns nach einer Zeit, in der Verständigung wieder möglich ist, in der wir nicht mehr aneinander vorbeireden, in der wir nicht mehr die Wahrheit verfälschen durch oberflächliche Rede, durch Fake News oder Alternative Fakten, also Lügen. Vielleicht tut uns das Pfingstfest in unserer Zeit so gut, weil es uns darauf hinweist, dass ein heilvoller Prozess in Gang gesetzt ist. Ein Prozess, an dem wir teilhaben, teilnehmen können, indem wir bei der Wahrheit bleiben, in dem wir bei Christus bleiben, bei dem wahren Wort Gottes, ein Wort, das Leben schafft und leben ermöglicht. Bitten wir um Gottes Heiligen Geist, damit es uns gelingt, bei der Wahrheit zu bleiben, damit Kommunikation von oben möglich wird, Kommunikation, die zum Leben hilft. Amen.







Aus dem Schmerz geboren – die Kirche. Predigt über Johannes 16,5-15 zum Pfingstfest (Gottesdienst mit Taufe und Abendmahl) (4.6.2017) 

Jesus sagte zu seinen Jüngern: Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin? Doch weil ich dies zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer. Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, werde ich ihn zu euch senden.  Und wenn er kommt, wird er der Welt die Augen auftun über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht; über die nde: dass sie nicht an mich glauben;  über die Gerechtigkeit: dass ich zum Vater gehe und ihr mich hinfort nicht seht;  über das Gericht: dass der Fürst dieser Welt gerichtet ist.  Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen. Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in aller Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selber reden; sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen. Er wird mich verherrlichen; denn von dem Meinen wird er's nehmen und euch verkündigen. Alles, was der Vater hat, das ist mein. Darum habe ich gesagt: Er nimmt es von dem Meinen und wird es euch verkündigen. (Lutherbibel 2017, herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft)

 

Abschiedsworte an diesem Feiertag? Irgendwie passt das nicht! Pfingsten ist ein fröhliches Fest. Nicht umsonst wird es als Geburtstag der Kirche bezeichnet. Auch die Natur scheint das zu wissen. Alles grünt und blüht in dieser Zeit. Wir feiern Pfingsten im Frühjahr oder besser gesagt im Frühsommer. Junge Birken säumen den Altar. Rot leuchtet die Farbe der Paramente. Sie erinnert an das Feuer, an Begeisterung, an den Lebensfluss. Das verträgt sich nur schwer mit den Worten aus dem Johannesevangelium, die wir gerade gehört haben. Die Abschiedsworte Jesu erinnern an Tränen und Trennung, an Schmerz und Wehmut. Wir kommen heute mit anderen Gefühlen in die Kirche. Wir feiern eine Taufe im Gottesdienst. Wir feiern das Leben. Die Nachricht von der Geburt eines Kindes zaubert ein Lächeln auf unsere Lippen. Es erinnert uns daran, dass die Welt eine Zukunft hat. Die Taufe eines Kindes erinnert daran, dass die Gemeinde wächst. Es geht weiter mit der Kirche. Die Worte Jesu werfen einen Schatten auf diese fröhliche Stimmung. „Ich gehe zum Vater...“ sagt Jesus. Da ist sie wieder – die Erinnerung an den Karfreitag, an das Kreuz, an die Tränen, an die Furcht. Hat die der Heilige Geist nicht aus den Herzen der Jünger geblasen, an Pfingsten? 

Ich habe da so meine Zweifel. Wir feiern die Geburt der Kirche, das ist wohl wahr. Doch ist eine Geburt nicht oft ein anstrengender, ein erschöpfender und zuweilen auch schmerzhafter Vorgang, am meisten natürlich für die Mutter? Nicht umsonst gibt es bei der Taufe den Muttersegen – ein Dank dafür, dass Mutter und Kind wohlauf sind, verbunden mit der Bitte, dass Gott sie beschützen mögen. Wenn ich die Abschiedsworte Jesu höre, wird mir klar, dass die Kirche aus dem Schmerz geboren wurde, aus der Angst, aus dem Gefühl des „Verlassen seins“, das sich bei den Jüngern eingestellt hat, weil Jesus von ihnen fortgegangen ist und sie in dieser Welt zurück gelassen hat.

Ich glaube, die Jünger  hätten lieber etwas anderes gehabt. Sie hätten es lieber gesehen, dass der vertraute und geliebte Jesus bei ihnen geblieben wäre. Der, den sie gekannt haben und dem sie ihr Leben anvertraut haben, für den sie ihre Familien verlassen, ihren Beruf aufgegeben und ihre sichere Existenz gegen ein unstetes Wanderleben eingetauscht haben. Sie wollten keinen verklärten, zum Himmel erhobenen und ihren Blicken entzogenen Christus, sondern den anderen, den Jesus aus Fleisch und Blut, der ihnen sagt, was zu tun ist, der den Kranken die Hand auflegt, der mit den Heuchlern ins Gericht geht. Dieser leibhafte Jesus war es schließlich, der ihrem Leben Sicherheit gegeben hatte. Es war dieser Rabbi aus Nazareth, der Sohn Josefs, des Zimmermanns und der Maria, mit dem man Essen und Trinken, Feiern und Streiten, Wandern und Rasten konnte! Und dieser Jesus sagte ihnen auf einmal: Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat!“ Auf gut deutsch: ich verlasse euch. Ich gehe. Ihr werde mich nicht mehr sehen! Das  tut weh. Und er sagt: „Es ist gut für euch, dass ich gehe!“ Warum das so ist, haben die Jünger erst viel später gemerkt. Da haben sie etwas erfahren: wir sind gar nicht allein. Jesus hat schließlich versprochen, dass er sie nicht als Waisen zurücklässt. Er hat versprochen, dass er ihnen einen Beistand senden wird. An Pfingsten erfahren sie, wie das gemeint ist. Die Jünger spüren: Er ist da! Der Tröster ist da, den uns Jesus versprochen hat, der Beistand, der Ratgeber, der Heilige Geist. Er ist da! Er selbst ist da!

Das feiern wir heute. Wir feiern das Da-Sein Jesu in unserer Mitte, wir feiern seine Gegenwart in der Kirche, die aus lebendigen Steinen erbaut ist – einer davon bin ich und ein anderer bist du. Wir feiern den Geist Jesu in unserer Mitte. Pfingsten ist nicht nur einmal im Jahr, sieben Wochen nach dem Osterfest. Pfingsten ist immer dann, wenn Christen merken, dass sie nicht allein sind, wenn sie die Gegenwart ihres Herrn zu spüren bekommen. Pfingsten geschieht, wenn die Christen es wagen, den Mund aufzumachen und ihren Mitmenschen zu sagen, woran sie glauben, worauf sie hoffen und wieso sie nicht verzweifeln – selbst im Gegenüber des Todes nicht. Pfingsten ist, wenn sich die Christen mit dem Glauben wieder auseinandersetzen, den sie vielleicht in der Geschäftigkeit und Hektik des Alltags vergessen haben. Pfingsten geschieht, wenn der Glaube wieder Herzenssache wird. Wir sind nicht auf uns allein gestellt. Jesus sendet den Beistand, den Heiligen Geist. Jesus sagt den Jüngern, woran sie es merken können, dass er da ist, dass er in ihrem Leben aktiv ist. Sein Geist öffnet ihnen die Augen für die Wahrheit. Das hat etwas entlarvendes und mag durchaus auch erschreckend sein. Der Geist öffnet die Augen über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht. Jesus sagt: über die Sünde, dass sie nicht an mich glauben, über die Gerechtigkeit, dass ich zum Vater gehe und ihr mich hinfort nicht seht, über das Gericht, dass der Fürst dieser Welt gerichtet ist.

Der Beistand, der Tröster, der Ermutiger öffnet uns die Augen – damit wir erkennen, was Bestand hat, vor den Augen Gottes und damit wir es wagen, die Wahrheit auszusprechen. Der Geist enthüllt, vielleicht entblößt er sogar. Er nennt Dinge beim Namen, die nicht opportun sind. Der Geist sagt, es ist eine Sünde, dass sie nicht an Jesus glauben! Gemeint sind die Gegner, die doch aus dem Volk Gottes kommen, die es doch besser wissen müssten, die Schriftgelehrten, die Sachverständigen. Es ist eine Sünde, den Anspruch, den Jesus stellt, zu verneinen oder in Frage zu stellen oder zu relativieren – oder auch zu verschweigen. Jesus hat den Anspruch, der Weg, die Wahrheit und das Leben zu sein. „Niemand kommt zum Vater, denn durch mich!“ ermahnt er seine Jünger. Deshalb bekennt Petrus kurz nach dem Pfingstfest vor dem Hohen Rat:  „...in keinem andern ist das Heil, auch ist kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir sollen selig werden...“ (Apg.4,12). Er wurde dafür vor Gericht gestellt und streng getadelt. Wer solche Worte heute wiederholt, muss damit rechnen, als Fanatiker oder als Fundamentalist angesehen zu werden. Das möchten wir uns ersparen. Wir möchten tolerant und liebenswert sein. Aber der Geist pfeift auf „politcal correctness“. Er berührt unsere Herzen, ermutigt uns, einseitig zu sein, wenn es um Jesus geht, den Glauben zu bekennen. Er wird uns auch helfen, die richtigen Worte zu finden. Worte, die aufbauen und nicht zerstören. Worte, die zu Jesus hinführen, nicht abschrecken. Vertrauen wir darauf, die rechten Worte zu finden – ist das nicht das Pfingstwunder, von dem die Apostelgeschichte erzählt? Ist das nicht das eigentliche Wunder, dass der Heilige Geist den Jüngern die richtigen Worte in den Mund gelegt hat, damit sie verstanden werden? Nur aussprechen müssen wir sie schon selbst, die Worte, die den Glauben bekennen. Machen wir also den Mund auf. Sprechen wir von unserem Glauben. Verschweigen nicht die Wahrheit. Die Aufgabe des Heiligen Geistes ist es, der Wahrheit zum Recht zu verhelfen und den auferstandenen Herrn als Sohn Gottes zu verherrlichen. Dazu will er die Jünger in Dienst nehmen. Er will es durch sie tun. Und nicht nur sie. Auch wir sind dazu berufen.

 

An Pfingsten feiern wir das Da-Sein Jesu in unserer Mitte. Vertrauen wir ihm. Er wird uns beistehen. Er wird uns helfen, unseren Glauben in der Liebe, aber auch in der Treue zu ihm zu leben und bei der Wahrheit zu bleiben. Er wird uns die Augen öffnen, damit wir Wahrheit von der Lüge unterscheiden können, er sorgt auch dafür, dass Glaubenseifer nicht in Fanatismus umschlägt. Gewiss werden wir dann immer wieder unsere kleinen Pfingstwunder im Alltagerleben. Wir werden erleben, wie unser Glaube zu leuchten beginnt, er trägt das Feuer in sich, das schon in den Jüngern gebrannt hat, das Licht, das die Dunkelheit vertreibt, ein Störfeuer mag es sein für alle, die sich mit der Oberflächlichkeit zufrieden geben,  ein Leuchtfeuer, das Hoffnung schenkt und den Weg weist, wird es sein für alle, die danach Ausschau halten. Vielleicht sind das mehr, als wir zu hoffen wagen. Amen.