Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)

Predigten im Juli 2017



Was hindert’s, dass ich mich taufen lasse? Vom unbürokratischen Umgang mit einem Sakrament.  Taufpredigt über Apostelgeschichte 8,26 – 40 

Wann sind wir denn endlich da?“ Ich weiß nicht, wie oft ich meinen Eltern als Kind mit dieser Frage auf die Nerven gegangen bin. Wenn wir mit dem vollbepackten Auto im Hochsommer Richtung Gardasee in den Urlaub gestartet sind, brauchten meine Eltern jedenfalls viel Geduld. Nicht nur, weil sich die Fahrt bei einer Höchstgeschwindigkeit von maximal 125 Stundenkilometern und natürlich ohne Klimaanlage ziemlich lange hingezogen hat. Auch wegen mir. Diese Frage habe ich so etwa alle zehn Minuten gestellt, immer lauter, immer drängender. Meine arme Mutter musste sich allerhand einfallen lassen, um meinen Bruder und mich auf der langen Fahrt abzulenken, während mein Vater mit dem Wagen seine liebe Not hatte. Das Auto war vom Großvater geliehen und machte am Brenner meistens schlapp. „Juhu, wir fahren jetzt mit einer Dampflok“, rief ich fröhlich und staunte über die Wolke aus der Motorhaube. Dann war ein längerer Aufenthalt an einem Parkplatz nötig Reisen können sich also hinziehen. Daran muss ich denken, wenn ich die Geschichte von dem Afrikaner höre, der getauft wurde. Dessen Gefährt war noch langsamer als unser Opel Kapitän, Baujahr 1964. Es handelte sich um einen Ochsenkarren, der sich in Schrittgeschwindigkeit fortbewegt hatte. Also noch etwas langsamer als wir. Davon lesen wir in der Apostelgeschichte im 8. Kapitel:

Aber der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach: Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt und öde ist. Und er stand auf und ging hin. Und siehe, ein Mann aus Äthiopien, ein Kämmerer und Mächtiger am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien, ihr Schatzmeister, war nach Jerusalem gekommen, um anzubeten. Nun zog er wieder heim und saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja. Der Geist aber sprach zu Philippus: Geh hin und halte dich zu diesem Wagen! Da lief Philippus hin und hörte, dass er den Propheten Jesaja las, und fragte: Verstehst du auch, was du liest? Er aber sprach: Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen. Die Stelle aber der Schrift, die er las, war diese »Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf. In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufzählen? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen.« Da antwortete der Kämmerer dem Philippus und sprach: Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem? Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit diesem Schriftwort an und predigte ihm das Evangelium von Jesus. Und als sie auf der Straße dahinfuhren, kamen sie an ein Wasser. Da sprach der Kämmerer: Siehe, da ist Wasser; was hindert's, dass ich mich taufen lasse? Und er ließ den Wagen halten und beide stiegen in das Wasser hinab, Philippus und der Kämmerer, und er taufte ihn. Als sie aber aus dem Wasser heraufstiegen, entrückte der Geist des Herrn den Philippus und der Kämmerer sah ihn nicht mehr; er zog aber seine Straße fröhlich. (Lutherbibel 2017, herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft).  

Der Afrikaner, von dem die Rede ist, war ein hochrangiger Beamter aus Äthiopien. Er hatte Urlaub im Heiligen Land gemacht. Nun befand er sich auf der Heimreise, auf der Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt und öde ist – so steht es in Luthers Bibelübersetzung. Diese Geschichte beschreibt, wie Menschen zusammengeführt werden und wie Gott seine Hand dabei im Spiel hat. Der Afrikaner war für die Finanzen seiner Königin, der Kandake, zuständig. Wir dürfen uns vorstellen, dass er nicht allein unterwegs war. Es handelte sich wohl um eine kleine Reisegesellschaft, eine Karawane in sengender Hitze. Der Kämmerer hatte es nicht eilig, nach Hause zu kommen. Wir dürfen uns vorstellen, wie er auf einem Ochsengespann sitzt, gut gepolstert auf bequemen Sitzen, über sich ein Sonnendach, das ihn vor der stechenden Sonne schützt, vielleicht fächelt ihm ein Sklave auch etwas Kühlung zu. Er ist ganz vertieft in die Lektüre heiliger Schriften, die er sich in Jerusalem gekauft hat. Auf einmal reißt ihn eine Stimme aus seiner Betrachtung. „Verstehst du denn, was du da liest?“ Die Stimme gehört Philippus. Der war eine Weile neben dem Karren hergelaufen. So war also die Reisegeschwindigkeit. Fast wie bei unserem Opel Kapitän. Man konnte neben dem Wagen laufen und sich dabei auch noch unterhalten. Eile mit Weile. Es war ein Gebot der Höflichkeit, dass ihn der Kämmerer einlud, einzusteigen. Ich glaube, dazu musste die Karawane dann nicht einmal anhalten. Philippus ist einfach aufgesprungen. Dann hat Zeit genug, um dem Kämmerer die schwierige Stelle zu erklären, was der Prophet Jesaja wohl damit gemeint hat, als er vom Gottesknecht sprach, der wie ein Lamm zur Schlachtbank geführt wurde.  Endlich kommen sie an eine Wasserstelle vorbei.  Da fragt der fromme Heide: „Gibt es einen Hinderungsgrund, dass ich mich taufen lasse?“ Eine rhetorische Frage. Weil nichts dagegen spricht, halten sie an, steigen aus und waten in den Tümpel. So tauft Philippus den Kämmerer, ohne vorher eine kirchliche Instanz um Erlaubnis zu fragen und ohne einen Taufschein auszustellen. Dafür hätte er heute wohl eine Rüge bekommen. Nach dem Taufvollzug aber geht alles ganz schnell. Weil die Aufgabe erfüllt ist, wird der Apostel vom Geist des Herrn entrückt. Er ist einfach weg. Er braucht also nicht den Weg nach Jerusalem zurücklaufen. So schnell kann man auch reisen. Und der Kämmerer? Der bleibt bei der gewohnten Reisegeschwindigkeit. „Er aber zog seine Straße fröhlich…“ lesen wir in der Schrift. Und er hatte es gewiss auch weiterhin nicht eilig, wieder an seinen Schreibtisch zurückzukehren. Wozu auch. Er hat alle Zeit der Welt – nicht nur, weil ein Beamter ist. 

 

Aber heute geht es nicht um Geschwindigkeiten. Auch nicht um Reisekomfort. Es geht um die Taufe und was sie bedeutet. Darauf weist uns das Thema unseres Gottesdienstes hin: Gott liebt dich so wie du bist. Es spielt keine Rolle, ob du ein Jude oder ein Heide bist, ob du aus Jerusalem kommst oder aus Äthiopien, aus Europa oder Afrika. Es spielt keine Rolle, ob du dick oder dünn bist, ob du gut aussiehst oder ob du reich oder arm bist. Durch die Taufe wirst du aufgenommen in die Familie Gottes, in die Gemeinschaft seiner Kinder. Die ist grenzüberschreitend. Die Geschichte sagt mir: Gott handelt in dieser Welt. Er handelt durch Menschen. Durch den Christen Philippus zum Beispiel. Ich erfahre, dass wir Christen einen Auftrag in dieser Welt haben. Wir sollen die Heilsbotschaft von der grenzenlosen Liebe Gottes ausrichten. Vor allem an diejenigen, die glauben, dass sie von dieser Botschaft ausgeschlossen seien. Niemand soll sich ausgeschlossen fühlen - schon gar nicht durch seine Herkunft, durch seine Hautfarbe, durch sein Geschlecht oder durch ein körperliches Gebrechen. Wie gesagt: Gott liebt dich so, wie du bist, weil er dich so, wie du bist, auch geschaffen hat. 


Ich erfahre aus der Geschichte, wie Gott zum Heil der Menschen am Werk ist - durch sein Wort und durch das Sakrament. Philippus predigt das Evangelium und der Kämmerer glaubt. Er lässt sich taufen. So wirkt Gott zum Heil der Menschen. Martin Luther, den wir im Jahr 2017 so ausgiebig feiern, hat dieses Wunder einmal so beschrieben: „Willst du Gnade erlangen, so siehe zu, dass du das Wort Gottes gespannt hörest oder sorgfältig bedenkest. Das Wort, sag ich, und das Wort allein ist Gefährt der Gnade Gottes...". Gottes Wort begegnet uns auf vielfältige Weise. Gott spricht uns an. Zum Beispiel durch Menschen wie Philippus. Er steht dem Afrikaner Rede und Antwort. er erzählt von seinem Glauben. Sie führen ein Gespräch, das Folgen hat. Heilsame Folgen. Der Afrikaner merkt, dass er ganz zu diesem Gott gehören will, von dem die Rede ist. Er hat Sehnsucht nach Gott. Da will einer sein Leben diesem Gott anvertrauen, der in Jesus Christus den Menschen gezeigt hat, wie sehr er sie liebt. Die Geschichte vom Kämmerer macht mir Mut, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Sie ist nicht nur Schauplatz unseres Elends, in dem gelitten und gestorben wird, in dem Menschen ausgegrenzt werden und vereinsamen. Sie ist der Ort, in dem Gott am Wirken ist - auch heute. Dieser Gott, der Philippus zum Kämmerer gesandt hat, damit er getauft wird, hat auch uns beim Namen gerufen. Und er ruft immer noch. Er ruft Menschen zu sich. Er lädt sie ein, unter seiner Herrschaft zu leben, als Teil einer Familie, von der für jedes Mitglied dies eine gilt: Gott liebt dich so, wie du bist. Amen. 


Wandel durch Trost - Predigt über 1.Mose 50, 1 - 14 am 4. Sonntag nach Trinitatis (9.7.2017)

Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als man ihm solches sagte. Und seine Brüder gingen selbst hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt?  Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.  So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen. (Lutherbibel 2017, herausgegeben von der deutschen Bibelgesellschaft)

Eine würdige Beerdigung hat Josef seinem Vater ausgerichtet! Da waren sich alle einig. Viele waren zu den Begräbnisfeierlichkeiten gekommen. Sogar vom Hofstaat des Pharao waren einige da. Jeder konnte es sehen - dieser Josef hatte es zu was gebracht. Er gehörte zu denen, ganz droben, an der Spitze des Staates. Aber die Herzen der einfachen Menschen hat er sich auch erobert. Sie waren ihm dankbar, dass er sie vor dem Hungertod bewahrt hatte durch eine umsichtige und vorausschauende Wirtschaftspolitik. Die Leute liebten Josef. Der Pharao liebte Josef. Und - was am wichtigsten war - der Vater Jakob liebte Josef über alles. Die Brüder mussten es  schließlich seufzend hinnehmen. Am Ende waren sie froh, dass alles so gut ausgegangen war. Als die Not am größten war, hatte sie ihr Vater in das reiche Nachbarland Ägypten geschickt. Sie sollten Korn kaufen, damit die Familie überleben konnte. Und so machten sie sich auf den Weg in das Land der Pyramiden. Sie hatten ja keine Ahnung, wem sie da gegenüber treten sollten. Aus dem kleinen Josef mit dem bunten Gewand, den sie so abgrundtief verabscheut haben, war ein ägyptischer Minister geworden, mit Frau und Kind, mit eigenem Palast und Dienerschaft. Kein Wunder, dass sie ihn nicht erkannten. Josef aber wusste sofort, wer da nach so vielen Jahren als Bittsteller zu ihm gekommen war.  Vielleicht war ihm in diesem Moment der Begegnung ein Licht aufgegangen. Er hatte verstanden, warum das alles so geschehen musste, was geschehen war. Er hatte begriffen: dass ihn die Brüder vor so vielen Jahren erst in den Brunnen geworfen und dann an Sklavenhändler verkauft hatten, dass er Diener in Ägypten wurde, durch eine Intrige ins Gefängnis kam und schließlich vom Knastbruder zum zweiten Mann im Staat aufstieg - das alles war Teil eines göttlichen Plans. Gott wollte es so, um seine Familie und sein Volk vor dem Untergang zu bewahren. Als er sich dann den Brüdern zu erkennen gab, als er  den Vater nach Ägypten holte und der seinen verlorenen Sohn in die Arme schließen konnte - da war alles verziehen.Die letzten Jahre seines Lebens durfte der Vater Jakob in der Nähe seines geliebten reichen und mächtigen Sohnes Josef verbringen und als glücklicher Mann sein Leben beschließen. Ein Happy End - nicht wahr?

Und nun war die Beerdigung. Ob es einen Leichenschmaus gab, weiß ich nicht. Ich kann es mir aber gar nicht anders vorstellen. Ich sehe die Trauergesellschaft beisammen sitzen. Die einen heben das Glas zur Ehre des Verstorbenen. Die anderen lassen den Sohn hochleben, der dieses Mahl ausgerichtet hatte. Josef hatte sich nicht Lumpen lassen. Das Essen schmeckt, die Stimmung ist gut und der Wein ebenfalls. Nur die Brüder fühlen sich nicht so recht wohl in ihrer Haut. Sie sitzen beieinander und stecken die Köpfe zusammen. Ob Josef das ernst gemeint hat mit der Vergebung? Sie waren sich da nicht so sicher. Nicht nur Elefanten sind dünnhäutig. Im alten Orient konnte man sich Zeit lassen mit der Rache. „Wir haben ihm so viel Unrecht getan“, flüsterten sie sich zu. „Wir haben ihn wirklich gehasst! Und wir haben ihn unseren Hass spüren lassen.“ Das mussten sie zugeben. Dass sie ihm verkauft hatten, schien zunächst eine geniale Idee gewesen zu sein. So brauchten sie sich damals die Hände nicht schmutzig machen, klebte kein Blut an ihren Händen und den Bruder sind sie doch losgeworden. Dafür mussten sie Jahre lang mit dem schlechten Gewissen zurecht kommen, immer dann, wenn sie den gramgebeugten Vater sahen, der den Verlust seines geliebten Josef einfach nicht verwinden konnte. Hatte sich der Wunsch nach Rache über all die Jahre nicht doch recht tief hineingebohrt in die Seele des Bruders? fragten sie sich. Würde Josef nicht immer wieder daran erinnert, wenn er seine Brüder sieht. Sind  die Wut, die Enttäuschung und die Bitterkeit dann nicht doch stärker als die Geschwisterliebe. Wären wir an seiner Stelle auch so edelmütig? fragten sie sich und kannten die Antwort doch schon: wir würden abwarten. Rache ist süß, der Wunsch nach Vergeltung kann mit den Jahren immer stärker werden. Wir würden an Josefs Stelle warten, bis der Vater tot ist. Der Vater - der hat sie geschützt. Sie wussten, dass Josef es nicht übers Herz bringen würde, sie umzubringen oder wenigstens in die Sklaverei oder ins Gefängnis zu stecken, solange der Vater am Leben ist.  Aber jetzt ist der Vater tot. Und die Zeit der Trauer wird auch einmal zu Ende sein. Dann würden wir an Josefs Stelle gnadenlos zuschlagen. Was also sollten sie tun? Darüber dachten sie nach. Abhauen? Bei Nacht und Nebel über die Grenze flüchten? Nein, das war aussichtslos. Ein Mann im Rang Josefs hat Macht und Einfluss. Er würde ihnen die Soldaten nachschicken. Die hätten sie schnell eingeholt und zurück gebracht. Dann wäre ihr Leben erst recht keinen Pfifferling mehr wert.

Und während die anderen also essen und trinken und die Gedanken sich allmählich wieder vom Tod dem Leben zuwenden, schmiedeten sie einen Plan - so stelle ich mir das vor.  Sie wollen ihren Kopf aus der Schlinge ziehen, indem an den Familiensinn und die Gottesfurcht Josefs appelieren. Noch einmal soll ihnen der Vater helfen, übers Grab hinaus gewissermaßen. Sie setzen also einen Brief auf, den Josef nach wenigen Tagen erhält: „Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! “. Die  Brüder haben, wie es scheint, ins Schwarze getroffen. Josef weint, als er die Nachricht hört, die ihm der Bote vorliest. Allerdings ist er nicht mehr der Jüngling von damals und auch nicht der naive Gutmensch, den man mit ein paar schönen Worten übertölpeln kann. Ich glaube, er durchschaut die Brüder. Deshalb bestellt er sie zu sich. Da klopft ihnen wahrscheinlich doch das Herz bis zum Hals. Aber Josef ist nicht so wie sie. Die Jahre haben ihn wirklich und wahrhaftig verändert. Nicht Hass, nicht Ärger, nicht einmal Enttäuschung bemächtigen sich seiner. Er sieht die Angst in ihren Augen. So groß ist die Angst, dass sie  sich hinter dem toten Vater und einer Lüge verstecken. Und da empfindet er wohl tiefes Mitleid. Sie haben noch immer nicht erfahren, wie es ist, wenn man aufrichtig liebt und vergibt, denkt er sich. Sie denken, ich bin wie sie! Und dann beginnt er, die Angst und das Misstrauen endgültig aus ihren Herzen zu räumen, mit jedem Wort, das er zu ihnen spricht. „Fürchtet euch nicht!“ sagt er. „Stehe ich denn an Gottes statt?  Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.  So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen.“ 

Die Brüder werden wohl ihren Ohren nicht getraut haben. Ja, Josef tröstet sie und redet freundlich mit ihnen, lesen wir in der Schrift. Und vielleicht ist es dieser Trost, der ihnen dazu verhilft, endlich zu den Menschen zu werden, die ihren Frieden finden, Frieden und Versöhnung. Die Geschichte von Josef und seinen Brüdern wird zur Herausforderung für uns alle. Es ist  mehr als nur eine Familiengeschichte, die von Bruderhass und Bruderliebe, von Schuld und Vergebung erzählt. Sie gibt auch Antworten auf Fragen, die uns umtreiben. Sie erzählt davon, dass ein tieferer Sinn hinter den Lebenswendungen und Schicksalen in den Biografien der Menschen stehen kann, ein Sinn, der uns oft verborgen bleibt. Dann macht sie macht Mut zum Gottvertrauen. Sie erzählt von Josef, der oft nicht verstanden hat, warum sein Leben so und nicht anders verlaufen ist - und er dennoch an Gott festgehalten hat. Obwohl er doch Grund gehabt hätte, an Gott zu verzweifeln. Die Geschichte kratzt aber auch an unserem Stolz. Setzen wir nicht immer wieder gerne Wissen und Verstehen an die  Stelle von  Glauben und Vertrauen - vor allem, wenn es um unser Leben mit seinen Höhen  und Tiefen geht? 

Lange nach Josef sagt der Apostel Paulus im Brief an die Römer:  „Wir aber glauben, dass denen die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“  Bei ihm ist längst nicht alles glatt gegangen im Leben. Da hat es Krankheiten, Misshandlungen und Verfolgungen gegeben, am Ende ist er als Märtyrer gestorben.  Werden wir in unserem Leben nicht auch immer wieder an unsere Grenzen stoßen, an schmerzhafte Grenzen, in denen der Glaube und nicht der Verstand herausgefordert wird ? Warum fällt es uns dann nur so schwer, diesem Apostelwort  zu vertrauen? 

Mit dem Beispiel des Josef und dem Pauluswort soll niemandem der Mund gestopft werden, der Grund zur Klage hat: der meint, dass  ihm im Leben übel mitgespielt worden ist oder der den frühen Tod eines lieben Menschen beklagt und darüber Zweifel an Gottes Gerechtigkeit bekommt, um nur wenige Beispiele zu nennen. Die Geschichte von Josef und seinen Brüdern will uns sicher nicht den Mund verbieten, wenn wir Fragen haben, nach dem Sinn unseres Lebens oder dem Grund unseres Schicksals. Die Geschichte von Josef und seinen Brüdern und der Satz des Apostels wollen vielmehr trösten, wenn wir Gott und die Welt nicht mehr verstehen. Wenn wir keinen Sinn mehr sehen im Schicksal, das uns oder anderen widerfährt. Vielleicht ermahnt sie uns auch zur Demut, die se Geschichte. Und zur Ehrlichkeit! Wir sind Menschen. Wir sind nicht das Maß aller Dinge. Ja, das ist eine Zumutung. Es ist eine Zumutung, einzuräumen, nicht alles zu verstehen, nicht alles sofort zu ergründen, Es ist eine Zumutung, bei der Wahrheit zu bleiben und nicht zur Lüge zu greifen. Es ist eine Zumutung, Geduld und Vertrauen zu haben. Vertrauen, dass ich mit meinem Leben, mit allem, was mir widerfährt, doch geborgen bin in der Hand Gottes. Und dass es Gott auch mit mir gedenkt, gut zu tun. Selbst dann, wenn ich nichts davon spüre oder erkenne. Und noch größer ist die Herausforderung, über all diesen Erfahrungen nicht Bitterkeit im Herzen aufkommen zu lassen. Bitterkeit ist Gift für den Glauben. Bitterkeit vergiftet unser Zusammenleben. Bitterkeit verschleiert den Blick für die Wahrheit. Von dieser Wahrheit erzählt uns die Geschichte Josefs.


Die Geschichte von Josef und seinen Brüdern spricht vom Plan Gottes. Die Menschen, die in ihm eine Rolle spielen, können ihn zunächst nicht durchschauen, können  ihn zunächst nicht verstehen. Erst am Ende wird ihnen der tiefere Sinn enthüllt. Lange nach Josef ist Jesus Christus gekommen. Wir wissen von seinem Leben und Sterben. Wir hören die Auferstehungsbotschaft und bekennen Jesus als den Erlöser der Welt. Das gibt der   Geschichte von Josef und seinen Brüdern eine weitere Deutung. Sie erzählt jetzt nicht nur, wie Gott sein Volk rettet. Sie wird zum Gleichnis, zum Prolog, zum um Vorspiel für die Geschichte von Jesus und uns. Die Geschichte Jesu erzählt, wie Gott die Welt rettet. Er schickt seinen Sohn in die Welt, um ihnen den Weg in die Heimat, in Gottes Reich zu ebnen. In dieser Geschichte kommen wir vor. Die Taufe stellt uns hinein in die Heilsgeschichte Gottes. Sie verbindet uns mit Jesus Christus. Weil wir zu diesem Jesus gehören, der die Welt erlöst hat, weil wir zum Gottesvolk gehören, für das Gott sorgt und an dem ihm viel liegt - deshalb haben wir Grund zur Hoffnung, dass uns alle Dinge zum besten dienen, auch wenn wir vieles nicht verstehen und manchmal verzweifeln möchten. 

Nehmen wir uns an Josef ein Beispiel. Er hat Gott vertraut. Er hat nicht gefragt - warum wird mir das alles zugemutet - der Verrat, der Verkauf in die Sklaverei, die Trennung von der Familie, der Aufenthalt in der Fremde. Er hat Gott vertraut. So groß war sein Glaube und sein Vertrauen, so tief der Friede der aus Glauben und Gottvertrauen in einem Menschen wächst, dass er sogar vergeben konnte. Dazu möchte uns die Geschichte heute Mut machen. Vertrauen wir Gott, auch, wenn wir ihn oft nicht verstehen. Vertrauen wir darauf, dass er auch unsere Geschichte  zu ihrem guten Ende führt, mit der Schuld, die es darin gibt, mit den Fragen, die darin gestellt werden, mit den Tränen, die geweint werden, aber auch mit der Hoffnung, die wir haben - vertrauen wir um Jesu Christi willen. Amen.


Herzenswerte. Die Beharrlichkeit Gottes. Predigt über Lukas 15, 1- 10 am 4. Sonntag nach Trinitatis   

Es nahten sich ihm aber allerlei Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen.  Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eins von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er's findet? Und wenn er's gefunden hat, so legt er sich's auf die Schultern voller Freude. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen. Oder welche Frau, die zehn Silbergroschen hat und einen davon verliert, zündet nicht ein Licht an und kehrt das Haus und sucht mit Fleiß, bis sie ihn findet? Und wenn sie ihn gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: Freut euch mit mir; denn ich habe meinen Silbergroschen gefunden, den ich verloren hatte. So, sage ich euch, wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut. (Lutherbibel 2017, herausgegeben von der deutschen Bibelgesellschaft)

 

Kopfschütteln und Murren oder Luftsprünge und Freudenschreie! So unterschiedliche Verhaltensweisen kann Jesus bei den Menschen auslösen. Die Pharisäer und Schriftgelehrten schütteln den Kopf und murren. Sie verstehen Jesus nicht. Sie zweifeln an seinem Verstand. „Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen“ sagen sie.  Vielleicht stört sie das fröhliche Gelächter, die ausgelassene Stimmung. So stelle ich mir das vor. Die Stimmen wehen durch die Fenster des Hauses, in dem Jesus gerade zu Gast ist. Sie tragen Lebensfreude zu ihnen hinaus auf die Straße. Es ist das Haus eines Zöllners, in das Jesus gegangen ist. Niemals, unter keinen Umständen, würden sie selbst einen Fuß über die Türschwelle dieses Hauses setzen. Aber sie haben genau beobachtet, wer außer Jesus ebenfalls dort hinein gegangen ist: die junge Frau, von der jeder weiß, dass sie es mit der ehelichen Treue nicht so genau nimmt. Oder der Händler, über den man sagt, dass er die Gewichte an seiner Waage manipuliert.  Der Aussätzige mit den ekligen Geschwüren, der doch wohl für seine Sünden von Gott gestraft scheint. Der Heide, ein Unbeschnittener, der wohl niemals zum Volk Gottes dazugehören wird. Kurz, Menschen, die man mit Schimpf und Schande davonjagen oder von denen man sich als ehrbarer Bürger fern halten sollte. Mit denen setzt sich Jesus an einen Tisch und feiert. Wahrscheinlich interessiert ihn überhaupt nicht, was die Leute davon halten, was sie, die Schriftgelehrten, die Gottesgelehrten dazu sagen. Und noch weniger kümmert ihn wohl Gottes Wort. Dort steht es schwarz auf weiß: diese Menschen sind Sünder. Sie sind Abschaum.  Ich stelle mir vor, wie Jesus aus dem Haus tritt und zu ihnen geht, noch bevor sie die Straßenseite wechseln können. Es scheint, als ob er ihre Einwände gehört, ihre Empörung gespürt hat. Ihr Murren muss laut genug gewesen sein, dass es  bis zu ihm vorgedrungen ist. Er nimmt ihre Vorwürfe ernst, geht darauf ein. Er debattiert nicht, er  antwortet ihnen mit zwei Geschichten. Die sollen erklären, warum er so und nicht anders handelt, warum er mit den Zöllnern und Sündern an einem Tisch sitzt. 

 

Da ist die Geschichte von dem Mann mit den 100 Schafen. Eines davon ist verloren gegangen. Das lässt dem Mann keine Ruhe. Was er macht, löst ebenfalls Kopfschütteln aus. Er lässt die 99 Schafe zurück, um das eine zu suchen. So viel liegt ihm an dem einen Tier. Er hört nicht mit der Suche auf, bis er es gefunden hat. Er weiß, dass es verloren ist, wenn er es aufgibt. Allein hat es keine Chance in der Wildnis. Endlich hat er es gefunden. Voller Freude hebt er es auf, legt es um seine Schultern und trägt es nach Hause. Da kann man nur den Kopf schütteln. Unvernünftig ist das. Ist es nicht viel vernünftiger, die 99 Schafe im Auge zu behalten? Nicht auszudenken, wenn in der Zeit dieser Suche ein Wolf kommt und ein Blutbad anrichtet unter der Herde? Ist dann der Schaden nicht größer? Ist es nicht vernünftiger, ein Schaf zu opfern, als die ganze Herde zu gefährden? Wir wissen inzwischen: wenn Jesus Geschichten erzählt, will er etwas über Gott aussagen. Bei Gott gibt es kein Aufwiegen, kein Fragen nach Gewinn und Verlust. Gott ist wie der Mann, der so unvernünftig ist, dass alle nur den Kopf schütteln. Er gibt keine Ruhe, bis er das eine Schaf wiedergefunden und nach Hause gebracht hat. Er macht sich auf, verlässt sein Haus und sucht und findet und freut sich. Und wie er sich freut. So ist Gott. SO sehr liegen ihn die Menschen am Herzen. Er sagt nicht: der Verlust eines Sünders lässt sich doch leicht verschmerzen. Es sind ja noch Millionen guter Menschen da! Nein, er macht er sich auf die Suche. Er wird Mensch, um das Verlorene zu suchen und zu retten, um es heimzutragen ins Gottesreich. 

 

 Weil das aber noch nicht reicht, fügt Jesus noch ein weiteres Gleichnis an. Wir hören von der Frau, die das Haus auf den Kopf stellt, weil sie einen Silbergroschen verloren hat. Das war eine Menge Geld. Dafür musste ein Tagelöhner einen Tag lang hart arbeiten. Frauen bekamen 10 Silbergroschen als Hochzeitsgabe. Vielleicht kann man dieses Geschenk deshalb mit einem Ehering  vergleichen oder einem wertvollen Medaillon, das man geschenkt bekommen hat und an dem das Herz hängt. Wer  so ein Schmuckstück verliert, sucht auch das Haus ab, um es wiederzufinden. Nicht, weil der Schmuck oder das Geldstück unersetzbar sind, nicht wegen des Materialswerts. Es ist der  „Herzenswert“, der die Mühe rechtfertigt. Die Frau nimmt  also einen Besen und stellt das ganze Haus auf dem Kopf. Ihre Ausdauer wird belohnt. Da liegt sie in einer Mauerfuge, die Münze! Wie sie da wohl hingekommen ist? Als sie das Geldstück in der Hand hält, weiß die Frau nicht, ob sie lachen oder weinen soll vor Glück. Sie jubelt und tanzt und ruft ihre Freundinnen herbei. Die Münze! Ich hab sie wiedergefunden. Und ihre Freundinnen fallen ihr lachend um den Hals. 

 

Jubelrufe und Freudensprünge – das ist die andere Haltung, die Herzenshaltung, die Haltung Gottes. Jesus geht hin zu dem, was verloren ist, um es für Gott zu suchen und  zurückzugewinnen. Wer schon einmal etwas verloren hat, woran das Herz hängt, und es dann nach langer Suche endlich wieder gefunden hat, bekommt eine Ahnung von der Freude Gottes. Gott freut sich über jeden Menschen, der verloren war und zurückgewonnen wird. Jesus sagt: dann bricht der Himmel  in Jubel aus. Vielleicht würde Jesus heute sagen: das ist wie bei einer gewonnen Weltmeisterschaft. Da tobt das Stadion, ein Autokorso zieht sich durch die Stadt, die Nacht wird zum Tag gemacht. Und die Engel fallen sich um die Arme und tanzen über den Wolken. 

 

Gott gibt niemanden auf. Er macht sich auf den Weg zu den Menschen. Er wird Mensch und gibt keine Ruhe, bis er gefunden hat, was verloren ist. Da kann Gott hartnäckig sein. Er lässt die Argumente der Rechthaber nicht gelten, die wie Todesurteile klingen. Sätze wie: bei dem ist Hopfen und Malz verloren. Oder: da rechnet sich der Aufwand nicht. Gott schreibt niemanden ab. Gott gibt nicht eher Ruhe, bis er bekommt, was er sucht, bis er gefunden hat, was verloren ist. Er kümmert sich auch nicht um die Grenzen, die von den Hütern der Moral und der Religion aufgerichtet werden., von Menschen wie den Schriftgelehrten und den Pharisäern.. Er überschreitet sie, um zu suchen, was verloren ist. Nicht einmal die Grenze des Todes kann ihn dabei aufhalten. 

 

Wie gut, dass sich Gott auf die Suche nach den Menschen macht – wie der Hirte, der das Schaf oder  die fleißige Hausfrau die nach dem Silbergroschen sucht. Wie gut, dass Gott nicht abwägt, ob es sich lohnt, den oder die zu retten. Beharrlich und ausdauernd sind die Menschen im Gleichnis, die Frau und der Hirte. Und ebenso Jesus. Er isst und trinkt mit den Zöllnern und Sündern, mit den Menschen, die von den anderen aufgegeben wurden, Menschen, bei denen Hopfen und Malz verloren zu sein scheint. Er pflegt die Gemeinschaft mit ihnen, wendet sich ihnen zu – und in dieser Zuwendung begegnet ihnen der suchende, der beharrliche, der ausdauernde Gott, der sich nach diesen Menschen verlangt, der sie in seiner Gemeinschaft haben will. 

 

Wie gut, dass er keine Ruhe gibt. Da sollen die Schriftgelehrten ruhig murren – damals wie heute. Vielleicht werden sie am Ende staunen. Dann merken sie, dass es nur einen Weg gibt, um in den Himmel zu kommen. Man muss sich von Gott suchen, finden und heimtragen lassen. Mit einer Reihe frommer Wünsche möchte ich schließen. Ich wünsche ich mir, dass auch den Selbstgerechten, die so gerne über andere urteilen, die immer alles besser wissen und besser können die Augen aufgehen. Ich wünsche mir, dass sie merken: in den Himmel kann man sich nur tragen lassen. Dass auch sie am Ende gesucht und gefunden werden, wünsche ich mir. Und dass sie dann am lautesten einstimmen in den himmlischen Jubel der Erlösten, das wünsche ich mir auch. Aber das ist dann wohl eine andere Geschichte. Eine, die man sich am Ende der Zeit erzählen wird, vielleicht sogar erst im Himmel. Amen.