Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)

Predigten im Januar 2017

Lust an Gottes Wort – Predigt zu Psalm 1 am 29.1.2017 in Hafenpreppach 

1 Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen / noch tritt auf den Weg der Sünder noch sitzt, wo die Spötter sitzen, 2 sondern hat Lust am Gesetz des HERRN und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht! 3 Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, / der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht. Und was er macht, das gerät wohl. 4 Aber so sind die Gottlosen nicht, sondern wie Spreu, die der Wind verstreut. 5 Darum bestehen die Gottlosen nicht im Gericht noch die Sünder in der Gemeinde der Gerechten. 6 Denn der HERR kennt den Weg der Gerechten, aber der Gottlosen Weg vergeht. (Lutherbibel 2017, hg. Deutsche Bibelgesellschaft) 

 

Es gibt Vergleiche, die sind schmeichelhaft, die freuen und ermutigen zum weitermachen. „Du singst wie eine Amsel“ ist ein Kompliment. „Du klingst wie eine Krähe“ wäre das Gegenteil. Menschen, die sich mit Gottes Wort auseinander setzen, die heiligen Schriften studieren, bekommen von einem Psalmbeter heute ein großes Kompliment. Sie werden mit einem blühenden Baum verglichen, der tief in guter Erde verwurzelt ist. Ein schönes Bild. Ein Baum symbolisiert Beständigkeit. Ein Baum hält manchem Sturm stand. Unter seinen Ästen findet man Schutz und Geborgenheit.   „Wohl dem Menschen, der sich mit den Weisungen Gottes beschäftigt“, sagt der Psalmbeter. „Wohl dem Menschen, der Lust hat am Gesetz des Herrn, er ist wie ein Baum, der an Wasserbächen gepflanzt ist, der Frucht bringt und dessen Blätter nicht verwelken“. Wer wie so ein Baum sein möchte, könnte man sagen, muss Lust haben am Gesetz des Herrn. 

 

Lust! Ein sinnlicher Begriff. Der Umgang mit Gottes Wort soll etwas lustvolles sein. Bibellesen ist nicht so sehr eine Sache des Intellekts, sondern der Sinne, hat mit Genuß und Lust zu tun. Da möchte man sich mit der Zunge über die Lippen lecken, bei jedem Bibelwort. Es soll verkostet werden, wie ein guter, alter Wein! In den mittelalterlichen Klöstern hat man die Bibel nicht einfach gelesen, so wie man eine Gebrauchsanweisung studiert. Man hat sie langsam und bedächtig in sich aufgenommen. Dafür hat man sogar ein eigenes Wort, eine eigene Bezeichnung verwendet: Wiederkäuen – auf lateinisch: ruminare.

  

Die Lesung führt die feste Speise gewissermaßen zum Mund, die Meditation zerkleinert und zerkaut sie, das Gebet schmeckt sie, und die Kontemplation ist der Genuss selbst, der beglückt und belebt.“ Mit diesen Worten hat ein Mönch, der Kartäuser Guigo im 12. Jahrhundert, erklärt, wie diese besondere Art der Lektüre, die geistliche Bibellesung zu verstehen sei. (Edgar Friedmann OSB, Die Bibel beten, Münzerschwarzacher Kleinschriften 88, 1985, S. 19., zit. aus http://gottesdienstinstitut-nordkirche.de/ruminatio/) 

Deshalb die Frage. Haben Sie Lust auf Gottes Wort? Ist Ihnen Gottes Wort so wichtig, liegt es Ihnen so sehr am Herzen, dass Sie sich Tag und Nacht damit beschäftigen wollen! Wohlbemerkt: Wollen – nicht müssen! Oder schreckt sie dieses dicke Buch ab, das in einer altertümlichen Sprache geschrieben scheint, voller Worte, die schwer zu verstehen sind, die manchmal eher ermüden als erfrischen? 

 

„Wohl den Menschen, die ihre Lust haben am Gesetz des Herrn.“  Wir hören diese Worte in einer besonderen Zeit, in einem besonderen Jahr. Wir feiern 500 Jahre Reformation. In diesem Jahr wollen wir uns in unseren Abendgottesdiensten deshalb im Lauf des Jahres mit den Grundpfeilern beschäftigen, auf denen unser evangelischer Glaube sich gründet und die von den Reformatoren mit einer besonderen Bezeichnung versehen wurden.  Einer dieser Grund – Sätze lautet: Unser Glaube gründet sich allein auf die Heilige Schrift. „Sola Scriptura“ nennt man das in der Gelehrtensprache, auf Latein. Mit unseren Wurzeln beschäftigen wir uns in diesem Gottesdienst. Unser Glaube ist verwurzelt in Gottes Wort. Also können wir sagen: Wohl dem Menschen, der seine Wurzeln in Gottes Wort hat! Und im Zusammenhang mit dem, was ich vorhin gesagt habe, möchte ich ergänzen: wohl dem Menschen, der seine Lust hat an Gottes Wort. 

 

So wichtig war Martin Luther die Heilige Schrift, dass er sie in gut lesbares Deutsch übersetzt hat. Die Menschen sollten Gottes Wort schmecken, sollten es sich auf der Zunge zergehen lassen, in sich aufnehmen, damit es  Wohnung nehmen kann im Herzen. Mit lateinischen Worten, die man nicht versteht, geht das nicht. Also brauchen wir eine gute, eine wohlschmeckende Übersetzung. Zugegeben: Luther hat diese Leistung nicht allein vollbracht. Seine Übersetzung ist in einer Art Teamarbeit entstanden, bei der unser Reformator allerdings federführend war. Deutsche Übersetzungen der Bibel hat es zwar schon vor Martin Luther gegeben. Aber die waren dem einfachen Menschen schwer zugänglich, umständlich und holprig zu lesen, die lagen schwer auf der Zunge, harte Brocken gewissermaßen, an denen man sich leicht verschluckt. 

 

Die Bibel aber sollte aber jeder lesen, jeder verstehen können. Gottes Wort soll schmecken. Weil Gott durch sein Wort die Menschen anspricht und weil die Menschen durch Gottes Wort zum Leben finden, weil sie aufblühen sollen. Deshalb hat Martin Luther die Bibel ins Deutsche übersetzt – und ganz nebenbei unserem Vaterland zu einer einheitliche Hochsprache verholfen. 

 

Wohl dem, der Tag und Nacht über Gottes Wort nachsinnt, sagt der Psalmbeter. Die Mühe lohnt sich, die Zeit mit der Bibel ist keine vergeudete Zeit. Und diese Zeit, die wir brauchen, schenkt uns Gott, damit wir über sein Wort nachsinnen können – bei Tag und bei Nacht. Er schenkt uns den Sonntag, den Tag des Herrn. Das ist für uns freizeitverwöhnte Menschen vielleicht eine große Anfechtung. Weil man am Wochenende ja so viel anderes zu tun hat. Ausschlafen, Autowaschen und so weiter. Der Sonntag ist aber  nicht zum chillen und chatten geschaffen! Jedenfalls nicht in erster Linie. Der Sonntag dient der Erbauung und der seelischen Erhebung – wieder so ein altes Wort. Es steht im Grundgesetz. In unserem Zusammenhang bedeutet seelische Erhebung: Gottes Wort zu lesen und betrachten! Den Kontakt zu den Wurzeln erspüren, von denen wir leben.  Wer seinen Kleinen Katechismus kennt und Luthers Auslegung zum Gebot der Sonntagsheiligung gelernt hat, weiß, wofür der Sonntag eigentlich gedacht ist. Die Arbeit soll ruhen, damit wir Zeit für Gottes Wort haben. Luther verwendet dabei ein Wort, das heute auch in manchem Pädagogischen Regelwerk verpönt ist: Lernen. Zum dritten Gebot der Feiertagsheiligung schreibt Martin Luther: „Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir die Predigt und sein Wort nicht verachten, sondern es heilig halten, gerne hören und lernen.“ Heute denke ich, dass mit lernen nicht so sehr das auswendig lernen, sondern das wiederkäuen gemeint ist, von dich ich vorhin gesprochen habe, mit dem wir Gottes Wort aufnehmen und verinnerlichen. 

 

Und da sind wir wieder beim Psalmbeter, der über Gottes Wort nachsinnt, Tag und Nacht – und seine Lust daran hat, diese Beschäftigung also als angenehm empfindet. Angenehm ist, was uns Freude macht. Gottes Wort macht vielleicht nicht Spaß. Aber es schenkt Freude. Lebensfreude. Weil es mich an meine Wurzeln weist, weil es mich zu Gott führt, der mir das Leben geschenkt hat, der es trägt und erhält. Genauer gesagt: es verbindet uns mit Jesus Christus. An Weihnachten haben wir gehört, dass Gottes Wort Fleisch wurde, dass es Mensch wurde. In Jesus begegnet uns Gott in einer unüberbietbaren Weise. In ihm und durch ihn spricht er uns an, bis heute. Wir erfahren, dass Gott alles mit uns teilen will. Wir erfahren, dass Gott uns nahe sein will. Er spricht uns an in seinem Wort, er will unser Herz berühren. Er will unser Leben zum blühen bringen. Wir müssen Gott allerdings die Chance geben, uns zu berühren, uns anzusprechen. Das mag bei jedem anders geschehen. Eines aber müssen wir machen. Wir müssen die Bibel aufschlagen. Wir müssen Gottes Wort an uns heranlassen. Wir müssen es herein lassen in unser Leben. Und wir werden staunen. Gottes Wort wird sich entfalten. Es wird wachsen und gedeihen, wird unser Leben zum blühen bringen, dass es eine Lust wird. 

 

Ich selbst habe immer wieder diese Erfahrung gemacht, dass Gottes Wort kein toter Buchstabe ist. Gottes Wort ist lebendig. Nein, wir müssen nicht Tag und Nacht über der Bibel brüten. Eine lebenslange Angelegenheit aber ist es schon, sich immer wieder einzulassen auf die Geschichten, in sie einzutauchen, sich in ihnen wieder zu erkennen und das für sich gelten zu lassen, was dort gesagt wird. Dann geschieht hin und wieder ein Wunder. Ich spüre, dass ich gemeint bin. Ich erkenne mich und mein Leben in den Geschichten der Bibel wieder und entdecke, wie nahe Gott mir durch sie kommt. Dann bin ich auch schon bei meinen Wurzeln, bei dem, was mich trägt und hält, was mich aufblühen lässt. 

 

Vielleicht war es diese Erkenntnis, die unsere Väter und Mütter im Glauben dazu gebracht haben, zu sagen: sola scriptura – allein durch die Heilige Schrift finde ich den Frieden, den mir die Welt nicht geben kann. Vielleicht war es diese Erkenntnis, die unser Väter und Mütter im Glauben dazu gebracht haben, um der Bibel willen alles aufzugeben, mit Sack und Pack das Land zu verlassen, weil der Landesfürst ihnen die Bibel wegnehmen wollte. So war das bei den evangelischen Salzburgern. Vielleicht ist es diese Erfahrung, dass Gottes Wort lebendig ist, die Menschen in den unfreien Ländern bis heute dazu bringt, die Bibel heimlich zu lesen, sie abzuschreiben und weiterzugeben – auch, wenn sie dafür bestraft werden. 

 

Verwurzelt ist unser Glaube in Gottes Liebe. Gottes Liebe war so stark, so tief und so überwältigend, dass sie Mensch geworden ist, sich mitgeteilt, sich ausgesprochen hat in Geschichten, in Gleichnissen und Liedern. Und die, die das erfahren haben, haben diese Botschaft aufgeschrieben und an uns weitergegeben. Nicht einfach so, sondern mit dem Auftrag, sie den Menschen in unserer Zeit mitzuteilen. 

 

Wenn ich die Bibel lesen, bin ich Zuhause, egal, wo ich mich gerade befinde. Deshalb ist mir persönlich die Bibel wichtig, wichtiger als jedes andere Buch. Mose und David, Josef und Maria, Jesaja oder Jeremia, die Geschichten der Helden und Nichthelden, wenn ich sie lese, immer und immer wieder, habe ich das Gefühl, Zuhause zu sein, geborgen zu sein bei dem Gott, der nicht nur zu Mose oder Elia gesprochen hat, sondern auch zu mir, damals, bei meiner Taufe und der zu mir gesagt hat, dass er mich liebt. Wenn ich die Bibel lesen, spüre ich, dass ich angesprochen bin, dass ich auf einem guten Weg bin. Ein Weg in die Wahrheit und das Leben. Und ich merke, dass ich nicht allein bin auf diesem Weg. Vielleicht brauchen wir Gottes Hilfe, dass wir uns nicht verlieren auf diesem Weg, dass wir aufblühen, wie ein Baum im Sommer blüht. Wir brauchen Gottes guten Geist, so wie der Baum die Wasserbäche braucht, um zu blühen. Deshalb werden wir am Ende des Gottesdienstes die Verse eines Sommerliedes singen, mitten im Winter. Eine Bitte, dass Gott uns den Boden bereitet. „Mach in mir deinem Geiste Raum, / dass ich dir wird ein guter Baum, / und lass mich Wurzel treiben,“ werden wir singen, lass mich verwurzelt sein in guter Erde, lass mich verwurzelt sein bei dir, mein Gott, dass ich aufatmen und leben und blühen kann. Amen.


Den Schritt aufs Wasser wagen! 

Predigt über Matthäus 14,22-33 am 4. Sonntag nach Epiphanias in Junkersdorf (29.1.2017)

Und alsbald trieb Jesus seine Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren, bis er das Volk gehen ließe. Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein. Und das Boot war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen. Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See. Und als ihn die Jünger sahen auf dem See gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst! und schrien vor Furcht. Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin's; fürchtet euch nicht! Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Und sie traten in das Boot und der Wind legte sich. Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn! (Lutherbibel 2017, hg.Deutsche Bibelgesellschaft)

 

Solange die See Ruhe gibt, mag es ja noch gemütlich sein an Bord des Bootes, dieser Nussschale, in der die Jünger sitzen. Leise schlagen die Ruder ins Wasser.  Kaum Wellen gibt es. Nur ein leichter Windhauch kräuselt die Oberfläche des Sees von Genezareth, den man wegen seiner Größe auch Galiläisches Meer nennt. Die Jünger schwatzen. „Richtig ungeduldig ist er gewesen, unser Herr!“ meint der eine. „Als ob er uns loshaben wollte!“ bestätigt ein anderer. „Er wollte eben seine Ruhe haben, einmal allein sein!“ mischt sich ein dritter ins Gespräch. Und richtig. Jesus trieb die Jünger an. Sie sollten ins Boot steigen und endlich losfahren. Vielleicht wollte er wirklich einmal für sich allein sein. Wer wollte ihm das verdenken. Es war auch allerhand geschehen. In Scharen waren sie zu Jesus geströmt, um ihn reden zu hören. Das müssen 5000 Menschen gewesen sein. Die haben ihm zugehört. Und dann hat Jesus das Brot und die Fische ausgeteilt und alle waren sie satt geworden: ein Wunder, an das sie alle noch lange denken sollten. 

 

Ein paar Jünger sehen zurück, wie Jesus ihnen noch einmal zuwinkt und sich dann abwendet. Ja, er scheint müde zu sein. Sie wussten auch, dass er jetzt wieder Kraft schöpfen muss – aus dem Gespräch mit dem Vater in der Einsamkeit. Die Jünger selbst sollten in dieser Nacht kein Auge zutun. Während sie noch von den Ereignissen des Tages sprechen, merken sie zunächst nicht, wie der Wind immer heftiger die Segel aufbläht, wie die Nacht den Himmel schwarz färbt und wie immer größere Wellen an das Boot schlagen. Erst als der Sturm über sie hereinbricht, wird ihnen das bewusst: allein sind sie, den Elementen ausgeliefert auf einem heimtückischen See, der sich schon viele Opfer geholt hat. Die Fallwinde der Berge können das Wasser in kürzester Zeit in ein hungriges Ungeheuer verwandeln. Der Wind ist jetzt schon so laut, dass man sich anschreien muss. „Festhalten!“ brüllt Petrus.  Groß ist die Gefahr, über Bord gespült zu werden. Wenn doch nur Jesus da wäre! denken sich die Jünger. Die einen beginnen zu weinen, die anderen, zu beten. 

Ist das nicht auch ein Bild für unser Leben – so eine Fahrt über den See? Solange alles gut geht, solange die Elemente still halten, solange das Leben in ruhigen Bahnen verläuft, mag ja alles schön und gut sein. Dann kann man es sich so richtig bequem machen im eigenen Boot und sich an allem freuen: an dem Wasser, an der sanften Prise, dem Schaukeln der Wellen.  

Wen haben Sie mit ins Boot des Lebens genommen? Vielleicht gibt es einen Partner, der vor Jahren versprochen hat, treu zu sein in guten wie in schlechten Tagen? Vielleicht sind  Kinder mit dabei in im Lebensboot oder inzwischen auch schon Enkelkinder. Die Familie, die Freunde. Das Boot ist groß. Aber nicht immer verläuft so eine Überfahrt nach Plan. Manchmal legt das Schiff an und die Passagiere steigen aus, mit denen man am liebsten immer zusammen wäre: die Kinder möchten lieber ihren Weg allein fortsetzen. Sie steigen um auf ein anderes Schiff. Oder der Partner merkt auf einmal, dass er die Reise mit einem anderen fortsetzen möchte. Er schleicht sich von  Bord. Manchmal kann es geschehen, dass jemand stirbt, gewaltsam über Bord geht. Auf einmal muss du das Ruder allein festhalten, dafür sorgen, dass das Boot nicht kentert, Kurs halten, wenn  der Wind ins Gesicht bläst. Wer von uns bekommt es dann nicht mit der Angst zu tun. Es geht uns wie den Jüngern – unser Boot kommt in Not durch die Wellen und die plötzliche Dunkelheit raubt uns den Orientierungssinn. Doch zurück zur Geschichte aus dem Matthäusevangelium.

Ein Aufschrei! Die Jünger trauen ihren Augen nicht. Was sie sehen, kann nicht sein. Es versetzt sie  in Panik!  Nein, es ist nicht der Sturm. Sie sehen den Mensch, den sie sich so herbeigesehnt hatten: Jesus. Er läuft über das Wasser, direkt auf sie zu. Das macht ihnen Angst. Das kann nur ein Gespenst sein, ein böser Geist, der sie trügt. Das ist vielleicht nur ein kleiner Nebenaspekt in unserer Geschichte. Und doch gehört er zu den Erfahrungen im Leben dazu. Menschen werden sich immer wieder einmal fremd und unheimlich, weil  jeder  von ihnen eine unbekannte, geheimnisvolle und manchmal auch unheimliche Seite hat, die wir nicht kennen. Und ebenso ist es wohl auch mit dem Gottessohn. Immer wieder zeigt er sich den Jüngern von einer anderen, einer unbekannten Seite. Was man nicht verstehen kann, wird einem schnell unheimlich.

 

Jesus hört die Schreie der Jünger und die Angst. Seid getrost, ich bin’s fürchtet euch nicht, ruft er ihnen zu. In der Geschichte kommt er auf sie zu. Er spricht sie an. Er nimmt ihnen die Furcht vor den Wellen, dem Sturm. Und vor ihm selbst.  Kaum ist die erste Gefahr gebannt, wird Petrus deshalb auch schon übermütig. „Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser, sagt er. Einer, der auf dem Wasser laufen kann, wird wohl auch dazu in der Lage sein. Er wird dem Wasser befehlen, mich zu tragen, denkt sich Petrus. Und Jesus spricht: Komm her! Also: Probier’s doch aus. Wag es.  Da steigt Petrus aus dem Boot. Vorsichtig setzt er den einen Fuß aufs Wasser und dann den andern. Und – o Wunder: das Wasser trägt. Schon wieder so eine Lebenserfahrung. Ich fasse mir ein Herz. Ich wage den Schritt ins Ungewisse. Ich bin bereit etwas zu riskieren. Ist das nicht auch so in unserem Leben?  Bekommen wir das nicht auch immer wieder zu hören: Trau dich etwas. Von nichts kommt nichts. Sei ein Mann. Oder: du musst als Frau in dieser Gesellschaft zeigen, dass du gleichwertig bist. Lass dich nicht unterkriegen. Und dann wagen wir’s. Wir setzen den Fuß auf das Wasser. Wir gehen aus der Deckung und wagen uns über uns selbst hinaus, so wie Petrus. Ob das mal gut geht? fragen sich die anderen, die im sicheren Schiff zurück bleiben? Ob das mal gut geht? fragen wir uns selbst vielleicht. Und da passiert es auch schon. Es klappt nicht. Der Gehversuch scheitert. Bei Petrus war das so. Auf einmal sind sie da: die Angst, die Zweifel. Ich bin viel zu schwer. Ich geh unter.  Wie konnte ich mich nur auf so einen Versuch einlassen!  Der  Glaube trägt ihn nicht. Petrus sieht die Wellen. Er spürt die Zweifel im Herzen. Er bekommt Angst. Wäre ich nur im Schiff geblieben! Das kalte Wasser, der heulende Sturm, die lauernde Gefahr. Petrus verliert den Boden unter den Füßen. Er geht unter. Das hat er nun davon, denken die Jünger, die im sicheren Boot sitzen. Er hat sich selbst überschätzt. 

So ist das mit dem Vertrauen, auch mit dem Gottvertrauen. Es trägt nicht immer. Woran das liegt? Vielleicht, weil ich insgeheim doch mehr auf meine eigenen Kräfte, auf meine eigenen Möglichkeiten vertraue als auf dieses eine Wort, das vom Wasser zu mir herüber kommt, das Wort Jesu: fürchte dich nicht! komm her!

Wenn wir den Fuß aufs Wasser setzten -  lassen wir uns dann wirklich tragen von diesem Wort Jesu, das uns die Furcht nimmt?  Die Furcht vor dem stürmischen Leben? Die Furcht vor den Wellen, die über uns herein schlagen? Petrus hat Angst bekommen.  Herr, hilf mir! mehr bringt er nicht mehr über die Lippen. Da reicht ihm das Wasser schon bis an die Kehle. Wie gut, dass da eine Hand nach ihm greift. Es ist Jesus, der ihn herauszieht, heraus aus seiner Angst, aus seiner Schwäche, aus seinem Kleinglauben. „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“  Warum hast du auf die Wellen gesehen? Warum hast du dich ablenken lassen vom Sturm? Warum hast du nicht auf mich geschaut? Ob Jesus enttäuscht war von seinem Jünger? Vielleicht waren die Wellen einfach zu groß, vielleicht war das Wasser zu kalt, der Sog in die Tiefe zu stark, um tapfer zu bleiben?  Am Ende bleibt den Jüngern nur das staunende und zugleich dankbare Bekenntnis: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!

Welche Erfahrung machen wir gerade? Sitzen wir im Sicheren? Ist unser Boot den Stürmen des Lebens gewachsen. Oder fühlen wir uns alleingelassen, wie in einer Nussschale, die von den Wellen hin und her geworfen wird? Das Schiff auf dem Wasser ist ein Bild für die Kirche, sagen manche Ausleger. Und zugleich ist es doch auch ein Bild für mein Leben. Die Jünger haben auf ihrer Überfahrt eine wichtige Erfahrung gemacht. Sie sind nicht allein – auch, wenn sie denken, dass sie allein gelassen sind. Der Herr kommt ihnen entgegen. Die Wellen müssen ihm gehorchen. In  den Stürmen des Lebens kommt ihnen die Stimme entgegen: Fürchte dich nicht. Ich halte dich. Die Liebe Gottes ist stärker als jeder Wind und jede Welle, stärker als meine Zweifel und mein manchmal recht schwächlicher Glaube.

Ich wünsche Ihnen und auch mir selbst immer wieder diese tragende Erfahrung, die am Ende in das dankbare Lob, in das staunende Bekenntnis mündet: du bist wahrhaftig Gottes Sohn – der sich auf den Weg macht, durch die Nacht, durch den Sturm, durch die Angst hin zu mir, um bei mir zu sein, um mich festzuhalten und – wenn es nötig ist – um mich aus dem Wasser ins Leben zu ziehen, weil mein Glaube noch nicht kräftig genug ist, weil er noch wachsen und reifen muss. Amen. 



 

Sich auf den Weg des Glaubens machen.

Predigt über Johannes 4, 46 – 54 am 3. Sonntag nach Epiphanias in Altenstein 

„Jesus kam abermals nach Kana in Galiläa, wo er das Wasser zu Wein gemacht hatte. Und es war ein Mann im Dienst des Königs; dessen Sohn lag krank in Kapernaum. Dieser hörte, dass Jesus aus Judäa nach Galiläa kam, und ging hin zu ihm und bat ihn, herabzukommen und seinem Sohn zu helfen; denn der war todkrank. Und Jesus sprach zu ihm: Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht. Der Mann sprach zu ihm: Herr, komm herab, ehe mein Kind stirbt! Jesus spricht zu ihm: Geh hin, dein Sohn lebt! Der Mensch glaubte dem Wort, das Jesus zu ihm sagte, und ging hin. Und während er hinabging, begegneten ihm seine Knechte und sagten: Dein Kind lebt. Da erforschte er von ihnen die Stunde, in der es besser mit ihm geworden war. Und sie antworteten ihm: Gestern um die siebente Stunde verließ ihn das Fieber. Da merkte der Vater, dass es die Stunde war, in der Jesus zu ihm gesagt hatte: Dein Sohn lebt. Und er glaubte mit seinem ganzen Hause. Das ist nun das zweite Zeichen, das Jesus tat, als er aus Judäa nach Galiläa kam.“ (Luthertext 2017, hg. Deutsche Bibelgesellschaft) 

 

"Ich möchte Glauben haben, / der über Zweifel siegt, /der Antwort weiß auf Fragen / und Halt im Leben gibt".  Diese Liedzeilen sind mir in den Sinn gekommen, als ich über diese Geschichte aus dem Johannesevangelium nachgedacht habe. Die Not hat mich berührt, die mir in dieser Erzählung begegnet – die Not eines Vaters, der um das Leben seines Kindes bangt.  Wäre das nicht wunderbar, so einen festen Glauben zu haben, der einen durch die Not trägt. Wäre es nicht hilfreich, einen felsenfesten Glauben zu haben, unerschütterlich zu sein, fest wie ein Fels in der Brandung zu stehen?

 

Ich befürchte, dass ich nicht zu diesen Felsen gehöre. Ich weiß keine Antwort auf die schwierigen Fragen, die Menschen stellen. Menschen, wie der besorgte Vater aus unserer Geschichte. „Warum mein Kind?“ fragt er sich wahrscheinlich. „Warum muss ausgerechnet mein Kind so schwer krank werden?“ Ratlos und ruhelos stelle ich mir diesen Vater vor. Wenn er zu mir mit dieser Frage gekommen wäre, hätte ich wohl betreten zu Boden geblickt. Ich hätte ihm gestehen müssen, dass mir keine Antwort einfällt auf seine Frage. Wenn Menschen sterbenskrank werden, wenn sie leiden müssen, kann ich ihnen keine Antwort geben. Ich kann nur die Hände falten und beten und diese Frage weiter geben an dem einen, der die Antwort weiß.  Dem Vater aus der Geschichte gilt mein Mitgefühl. Die Ärzte machen ihm kaum noch Hoffnung. „Wenn nicht ein Wunder geschieht“, sagen sie und führen den Satz nicht zuende. Jeder  weiß, was sie dann sagen müssten: „wenn nicht ein Wunder geschieht, dann wird dein Kind sterben.“ 

 

In solchen Fällen hat man nichts zu verlieren. Deshalb wird der Vater hellhörig. Er hört von einem Mann, der im Land umherzieht. Von dem erzählt man sich die tollsten Geschichten. Bei einer Hochzeit soll er Wasser in Wein verwandelt haben. Ob der ihm helfen kann, dieser Wanderprediger aus Nazareth. Der Name allein ist ja schon vielversprechend: Jeschua, Jesus – zu Deutsch: Gott rettet. Kann man dieses Suchen des Vaters Glauben nennen? Er macht sich auf den Weg, der königliche Angestellte. 26 Kilometer liegen zwischen Kana und Kapernaum. Endlich kommt er an, er fragt sich durch, findet Jesus und fällt vor ihm nieder: Herr, komm und hilf, mein Kind ist todkrank. 

 

Ich möchte Glauben haben, / der über Zweifel siegt – wieder denke ich an diese Liedzeile. Vor allem, wenn ich sehe, wie Jesus mit dem Vater umspringt. Ich verstehe ihn nicht. Seine Worte passen nicht zu dem Bild, das ich von ihm habe. Sagt Jesus nicht: lasst die Kinder zu mir kommen?  Den verzweifelten Vater fertig er barsch ab. „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht!“ Herr, du sprichst in Rätseln, ich verstehe dich nicht – möchte ich da einwenden. Wie kannst du so mit dem Vater dieses Kindes sprechen! Er setzt seine Hoffnung auf dich – und du weist ihn zurück?  War Jesus einfach nur schlecht gelaunt oder enttäuscht? Die Galiläer, so lesen wir bei Johannes,  haben Jesus aufgenommen, weil sie gesehen hatten, was er auf dem Fest getan hatte. Sie waren Augenzeugen von dem Wunder, das er in Kana gewirkt hat. Vielleicht haben sie den kostbaren Wein getrunken, den die verdutzten Diener aus den Wasserkrügen ausgeschenkt haben. Schließlich waren sie auch zum Fest gekommen. War Jesus enttäuscht, dass die  Menschen nur auf die äußeren Dinge schauen, dass sie aus ihm einen Harlekin machen, einen Wundertäter, der mit seinen Kunststücken etwas Farbe, etwas Abwechslung in den grauen Alltag bringt? War er zornig darüber, dass sie nicht das Zeichen erkennen, das hinter dem Wunder steht, dass sie das Zeichen der Zeit nicht wahrnehmen, dass Gottes Reich im Anbruch ist? 

 

Aber – was kann der Vater dafür? Du, Herr, bist seine letzte Rettung, sein letzter Ausweg! Ich glaube, dem Vater waren Zeichen und Wunder ziemlich gleichgültig. Der wollte nur, dass jemand seinem Kind hilft.  „Herr, komm herab, ehe mein Kind stirbt!“ mehr sagt er nicht, der Mann aus Kapernaum. Wenn es sein muss, lässt er sich noch einmal abkanzeln. Hauptsache, das Kind überlebt. Dass Jesus der einzige ist, der sein Kind noch retten kann, das weiß der Vater. Ob er das Geheimnis ahnt, das ihm in der Person Jesu begegnet. Herr, komm herab, ehe mein Kind stirbt! Dieser Bittruf wird für mich zum Glaubensbekenntnis. Herr, komm, denn nur du kannst noch helfen. 

 

Ich möchte Glauben haben! Nicht einen Glauben, der über alle Zweifel erhaben ist. Einen Glauben, wie er sich in der Bitte des Vaters offenbart. Ein hartnäckiges Festhalten, ein unbeirrbares Vertrauen, vielleicht wider besseres Wissen: der ist’s, der retten kann, der helfen kann, der und kein anderer. Da kann kommen was will … 

 

Vielleicht muss man sich auf den Weg machen, so wie der Vater des kranken Kindes, um zu diesem Vertrauen zu finden. Vielleicht muss ich gerade kein Fels in der Brandung sein, keiner, der auf alles eine Antwort weiß. Ein Fels ist unbeweglich, starr und schwer. Ich will lieber ein Wegweiser sein. Einer, der hinweist auf den, dessen Name schon Rettung bedeutet: Jesus aus Nazareth. 

 

Glauben bedeutet dann, mit allen Zweifeln und Ängsten, mit dem flauen Gefühl der Hilflosigkeit, mit der schweren Zunge, die kaum Antworten findet, mit der Angst und der aufsteigenden Verzweiflung einfach loszugehen, den Weg zurückzulegen, den Weg von Kapernaum nach Kana. Für mich das ein Weg  aus der Hilflosigkeit hin zu dem der Hilfe schenken kann. 

 

Jesus sagt zu dem Vater: Geh hin, dein Sohn lebt! Mehr nicht. Ich stelle mir vor, wie er den Vater stehen lässt. Mehr ist nicht zu tun. Der Vater, so schreibt Johannes, „glaubte dem Wort, das Jesus zu ihm sagte und ging hin.“ Es genügt ihm die Antwort des Herrn. Er hat in Jesus eben keinen Zauberkünstler gesehen, der sich den Respekt und die Anerkennung der Leute durch Kunststücke verdient. Er hat in Jesus den erkannt, der helfen kann, der und kein anderer. Was hat er denn noch zu verlieren? Wenn Jesus der Helfer ist, muss sein Wort genügen! Das ist Glaube, der Halt im Leben gibt. Aber so etwas erkennt man vielleicht erst in der Rückschau. Unterwegs trifft der Vater auf seine Diener. Die sind ihm entgegen geeilt. „Dein Kind lebt“ rufen sie ihm zu, vielleicht schon von weitem. „Da erforschte er von ihnen die Stunde, in er es besser mit ihm geworden war!“ Der Vater will es genau wissen und erfährt, was er im Herzen längst wusste. In der Stunde, als Jesus sagte: „dein Sohn lebt!“ War das Fieber von ihm gewichen.  

 

Herr, du kannst alles geben: / dass Glauben in mir reift,/ dass Hoffnung wächst zum Leben / und Liebe mich ergreift.  Mit dieser Bitte endet das Lied, das ich eingangs erwähnt habe. Der Glaube will wachsen und reifen. Es braucht seine Zeit. Der Glaube will Gestalt annehmen im Leben. Er hat ein Ziel, einen Namen. Glauben bedeutet, sich mit der Angst und den Fragen, dem Nichtwissen und den Zweifeln und der Hoffnung auf den Weg zu machen, beharrlich und zäh alles von dem zu erwarten, der mir helfen kann, Jesus Christus. 

 

Jesus mutet uns zu, diesen Weg zu gehen. Die Geschichte aus dem Johannesevangelium zeigt, dass es keine einfache Sache ist, sich auf den Weg des Glaubens zu machen. Sie zeigt auch, dass Jesus den Glauben auf die Probe stellt? Ist er echt oder nur auf Spektakel, auf Zeichen und Wunder aus. Es gilt dann, beharrlich zu bleiben. Unsere Geschichte ist nicht das einzige Beispiel dafür. Sie macht uns aber Mut, beharrlich dran zu bleiben. „Herr, komm!“  Das können wir sagen, mit allem, was uns umtreibt, was uns auf den Weg bringt. Die Geschichte zeigt uns, dass es kein vergeblicher Weg ist, den wir gehen, der Weg des Glaubens. Amen.


Angekommen im Alltag

Predigt über Matthäus 4,12 - 17 am 1. Sonntag nach Epiphanias in Altenstein und Hafenpreppach (8.1.2017) 

 Da nun Jesus hörte, dass Johannes gefangen gesetzt worden war, zog er sich nach Galiläa zurück. Und er verließ Nazareth, kam und wohnte in Kapernaum, das am Galiläischen Meer liegt im Gebiet von Sebulon und Naftali, auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja, der da spricht (Jesaja 8,23; 9,1): „Das Land Sebulon und das Land Naftali, das Land am Meer, das Land jenseits des Jordans, das Galiläa der Heiden, das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen; und denen, die saßen im Land und Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen.“ Seit der Zeit fing Jesus an zu predigen und zu sagen: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen! (Lutherbibel 2017, Hg. Deutsche Bibelgesellschaft) 

 

In knappen Worten beschreibt der Evangelist Matthäus, wie Jesu seinen „Alltag“ als Heiland und Retter der Welt aufnimmt. Er beginnt mit einem Ortswechsel, einem Personenwechsel und einem Perspektivenwechsel. Eng verbunden erscheinen uns Ortswechsel und Personenwechsel - so, als ob das eine den Anstoß für das andere gegeben hat. Der Alltag Jesu beginnt mit einer Tragödie: die Verhaftung Johannes des Täufers. Vergessen wir nicht: da ist eine enge Beziehung zwischen Jesus und dem Täufer. Jesus hört die Botschaft des Täufers am Jordan. „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ Er selbst ist von der Botschaft des Täufers überzeugt. Buße heißt Umkehr. Sie fordert ein öffentliches Bekenntnis. Das ist die Taufe. Deshalb macht sich Jesus auf den Weg zum Jordan und lässt sich taufen. 

 

Am 1. Sonntag nach Epiphanias hören wir im Evangelium von der Taufe Jesu, wie sich der Himmel öffnet und Gott sich zu Jesus bekennt: „Dies ist mein lieber Sohn, den sollt ihr hören!“ So geschieht Berufung und Beauftragung! Jesus ist nicht länger der gehorsame Sohn der Maria und des Josef. Der von seinem Vater das Handwerk des Zimmermanns gelernt und wohl auch ausgeübt hat. Der von seinen Eltern das Geschäft übernehmen, heiraten und eine gut bürgerliche Existenz in Nazareth führen sollte. Vielleicht war es so vorgesehen? Wer weiß! Maria wird wohl geahnt haben, dass das nur ein frommer Wunsch ist, der in ihrem Herzen wohnt. Ein Wunsch, der sich niemals verwirklichen wird. Und dennoch, insgeheim wird sie das so gehofft haben. Da bin ich mir sicher. Weil das der Wunsch aller Eltern ist - die Familie um sich zu scharen, die Kinder wohl versorgt in der Nähe zu wissen, getrost alt zu werden und mit dem Blick auf Enkel und Urenkel einmal in Frieden sterben zu können. Ein frommer Wunsch. Den Eltern wird er meistens nicht oder nur teilweise erfüllt. In der Familie Jesu war das jedenfalls so. 

 

Ich stelle mir vor, wie die Kunde von Jerusalem sich bis nach Nazareth ausbreitet: Herodes hat den Täufer einkassiert. Das hat er nun davon. Warum muss er den König auch wegen seiner Hochzeit mit der Schwägerin kritisieren. Das haben die hohen Herren nicht gerne, wenn man an ihrer Eitelkeit kratzt. Und viele andere werden aufgeatmet haben. Endlich ist der Störenfried beseitigt. Unruhe hat er gestiftet mit seinen drohenden Reden von der Axt, die an die Wurzel gelegt ist, vom nahen göttlichen Gericht. Unangenehm war den Pharisäern und Sadduzäern, der geistlichen Oberschicht, verletzend und auch anstößig ist es doch, wenn man als Otterngezücht bezeichnet wird, wenn einem gesagt wird: deine Herkunft nützt dir gar nichts. Gott schaut nicht darauf, ob du von Abraham abstammst. Gott schaut auf das, was du tust und danach wirst du gerichtet. Wie gut, dass dieser Unruhestifter also hinter Schloss und Riegel sitzt. Da gehört er hin. Und weil die meisten wohl auch ihren König kannten, rechneten sie damit, dass die Tage des Täufers gezählt waren. 

 

Nun also weiß man es auch in Nazareth. Die Frauen erzählen sich davon, wenn sie am Brunnen Wasser schöpfen, die Männer hören es in der Synagoge oder am Dorfplatz: der Täufer sitzt im Gefängnis. Und auch Jesus hört es. Beunruhigt legt er das Werkzeug zur Seite und tritt aus der Werkstatt des Vaters. Er weiß, dass er gehen muss. Er spürt es, tief in seinem Herzen. Die Botschaft des Täufers, er muss sie jetzt weitersagen. Er muss sie neu aussprechen. Er muss sie hintragen zu den Menschen, die in der Finsternis leben. Er spürt, wie sie warten, er spürt die Sehnsucht nach dem Licht. Er spürt aber auch, dass Johannes ihnen die Angst nicht nehmen konnte. Er muss die Botschaft neu hineinsprechen in die Dunkelheit. Er muss gehen. Und so bricht der Tag an, vor dem sich Maria wohl am meisten gefürchtet hat. Der Tag, an dem sie ihren Sohn endgültig gehen und loslassen muss. Jesus zieht nach Galiläa. Er sucht sich eine Bleibe in Kapernaum, dem Fischerdorf am Galiläischen Meer. So nannte man den See Genezareth wegen seiner Größe und Unberechenbarkeit. Später wird Jesus einmal Wind und Wellen bändigen und die Jünger werden sich fürchten. Sie werden die Majestät und Macht Jesu ahnen, der den Naturgewalten Einhalt gebieten kann, jenen Kräften, die so häufig und so ungestüm über die Fischer hereinbrechen, wenn sie auf den See hinausfahren und die schon so viele Opfer gefordert hatten. 

 

Jesus zieht nach Galiläa. Ich kann mir vorstellen, dass manch frommer Zeitgenosse da den Kopf schüttelt. Galiläa ist doch das Ende der Welt. Da sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht. Da verschwimmen die Grenzen hin zum Heidentum. Die Menschen in Galiläa sind in den Augen der Jerusalemer Oberschicht dumme, einfältige Querulanten und Unruhestifter, Menschen, denen man besser nicht traut, die man kaum verstehen kann. Sie sprechen einen recht seltsamen Dialekt. Wahrscheinlich hat deshalb auch die Magd des Hohenpriesters den Petrus als Anhänger Jesu entlarvt. „Du! Du bist einer von ihnen!“ Dein Sprache verrät dich!“ hat sie ausgerufen und auf ihn gezeigt. Also dorthin zieht Jesus, dort nimmt er seinen ersten Wohnsitz. Nach Galiläa wird er sich immer wieder zurückziehen, wenn der Boden zu heiß, die Gegend um Jerusalem für ihn  zu gefährlich wird. In Kapernaum wird er seine ersten Jünger um sich scharen, Simon und Andreas, die Fischer. 

 

In Kapernaum beginnt dann der Perspektivenwechsel. Jesus nimmt die Botschaft des Täufers wortwörtlich auf. „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbei gekommen!“ Doch wenn ihm die Menschen zuhören, wird ihnen nicht mehr bang ums Herz sein. Vielmehr wird sich erfüllen, was der Prophet Jesaja vorausgesagt hat „Das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen; und denen, die saßen im Land und Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen.“ 

 

Galiläa - ich denke, das ist nicht nur der staubige, schäbige Hinterhof im Heiligen Land. Galiläa steht stellvertretend für die Welt, in der wir leben. Wir alle leben in der Finsternis. Wir leiden, weil die Schatten des Todes auf uns liegen. Erst vor Weihnachten haben wir in unserem eigenen Land wieder erfahren, wie das ist, wenn der Tod unversehens über die Menschen kommt. Und nicht nur da, nicht nur durch Gewalt und Terror spüren wir die Macht des Todes. Der Schrecken hat auch vor dem Jahreswechsel nicht halt gemacht. Nebelbänke und Glatteis haben in der Neujahrsnacht auf unseren Autobahnen Todesopfer gefordert. In Istanbul wurden Menschen in der ersten Nacht des neuen Jahres ermordet, Menschen, die das neue Jahr in einer Disko begrüßen wollten, einfach so, wahllos, aus purem Hass wurden sie niedergeschossen. Im syrischen Aleppo wird weitergekämpft und  ebenso an den vielen anderen Kriegsschauplätzen dieser Welt. Die vielen Todesanzeigen in unseren Zeitungen erinnern daran, dass auch unter weniger dramatischen Umständen in diesem Jahr wieder geweint und getrauert wird. Galiläa, das Volk, das im Finstern lebt, das Volk, das weint, das sich ängstet und vor Sorge nicht zur Ruhe kommt, das Volk, das sich nicht abfinden kann mit der Finsternis, in der es lebt, - wir finden es überall. Wir sind ein Teil davon. Deshalb dürfen wir uns angesprochen fühlen. Zu den Menschen, die in der Finsternis leben, soll der Ruf Jesu dringen. Zu uns. Den Menschen, die den Ruf hören, soll es warm ums Herz werden. Das ist der Unterschied zum Täufer, dem zornigen Asketen. Bei seinen Worten sind die Menschen erschrocken. Bei den Worten Jesu beginnen sie, den Kopf zu heben, erwartungsvoll und hoffnungsvoll. Weil der Ruf zur Buße, zur Umkehr, eine Einladung wird. Jesus spricht sie aus, wenn er zu den Menschen geht, wenn er sich als Gast an ihre Tische setzt, wenn er Hochzeit mit ihnen feiert, oder ihre Toten beklagt, wenn er übers Land zieht oder in ihren Synagogen spricht. Tu Buße heißt jetzt: nimm Gottes Einladung zum Leben an. Wenn sich Jesus dann mit den frisch gewählten Jüngern auf den Weg zu den Menschen macht, kommt das Leben zu den Menschen. Jesus zeigt den Menschen, wozu sie bestimmt sind, wo Gott sie haben will. Er will ihnen den Weg zeigen, der in das Licht führt, der in das Leben führt - ein Leben ohne Angst, ein Leben, in dem sich die Tränen der Trauer in Tränen der Freude verwandeln. Ein Leben, zu dem Gott die Menschen berufen hat. Später wird Jesus von sich sagen, dass er das Licht der Welt ist und das es niemals dunkel wird um die, die ihm vertrauen. Weil in ihm das Leben, nach dem wir uns sehnen, aufleuchtet, das Leben, zu dem wir berufen sind. 

Wie gut also, dass Jesus im Alltag angekommen ist, im Alltag der Menschen von Galiläa, im Alltag des Simon und des Jakobus. Als sie dabei waren, die Fischernetze zum Trockenen aufzuhängen, hören sie den Ruf Jesu. Da hat sich ihr Alltag verwandelt. Das ist das Reich Gottes in ihrem Alltag angekommen, da haben sie das Licht gesehen. Lassen wir es auch in unserem Alltag ankommen. Lassen wir den Ruf Jesu auch bei uns ankommen. Lassen wir es hell werden in unserem Alltag und in unserem Leben. Amen. 




Das Nachwort des Täufers

Predigt über Johannes 1,15-18 an Epiphanis 2017 in Altenstein und Hafenpreppach

Stellen wir uns die Weihnachtsgeschichte doch einmal als opulentes Theaterstück vor, dessen Aufführung sich über mehrere Wochen hinzieht.. Jedes Mal, wenn wir Gottesdienst gefeiert haben, wurde eine Szene daraus aufgeführt. Die Geschichte beginnt bereits im Advent mit einer seltsamen Begegnung. Ein Engel erscheint Maria und bringt ihr eine gute Nachricht: „Du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären. Jesus sollst du ihn nennen.“ Na, ob das eine gute Nachricht ist für eine junge ledige Frau in biblischen Zeiten? Vor allem, wenn das Kind nicht vom Bräutigam stammt? Eine Zeit der Zweifel, der Anfechtung aber auch des Vertrauens beginnt für Maria und ihren Verlobten Josef. Davon handeln die ersten Szenen.

 

Die nächste führt uns bereits hinein in die Heilige Nacht.  Wir überspringen den Weg des Paares nach Bethlehem und die vergebliche Suche nach einer Herberge. Wir sind bei den Hirten auf dem Feld. Sie hören eine frohe Botschaft. Wieder ist es ein Engel, der sie überbringt: „Euch ist heute der Heiland geboren. Ihr werden finden ein Kind, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“ Da machen sie sich auf den Weg zum Stall und beten das Kind an.  „Ich steh an deiner Krippen hier...“ singen wir Zuschauer dazu, gewissermaßen als Chor im Hintergrund.


Schließlich die aktuelle Szene. Drei Könige erscheinen. Einen weiten Weg haben sie hinter sich. Sie kommen aus dem Zweistromland. Sie folgen einem Stern. Sie bringen dem neugeborenen König ihre Geschenke: Gold für den König der Welt, Weihrauch für den Hohenpriester, der für uns eintritt vor Gott und Myrrhe, die Arznei, die zur Salbung und zur Einbalsamierung verwendet wird. Nun schließen sich die dunklen Kapitel an – der Kindermord und die Flucht nach Ägypten.  Dann fällt der Vorhang. Das Publikum applaudiert und will aufstehen. Die Geschichte ist aus und vorbei. Gleich werden die Requisiten beiseite geräumt. Die Krippe kommt auf den Speicher, der nadelnde Christbaum wird geleert und landet auf dem Komposthaufen. Doch halt. Da bewegt sich der Vorhang. Einer der Schauspieler schlüpft heraus und beginnt zu sprechen. Die Zuschauer sind irritiert. Ist das Stück etwa immer noch nicht zu Ende? Sie setzen sich wieder hin. Ein Räuspern und Raunen geht durch den Saal. Ach ja, es folgt noch der Epilog. So nennt man das Nachspiel, die Zusammenfassung, die Moral von der Geschichte.

 

Der Mann, von dem ich spreche, ist Johannes der Täufer. In unserer Geschichte vom Weihnachtsfest hat er eigentlich nur eine kleine Rolle, einen kurzen Auftritt in der Adventszeit. Dann ist er verschwunden. Jetzt schickt ihn der andere Johannes, der Evangelist, noch einmal auf die Bühne. In seinem Evangelium lässt er den Täufer sagen, was er von der Geschichte hält, die wir gehört, bestaunt und gefeiert haben. Genauer: wir erfahren, was er von dem Mann hält, um dessen Geburt es geht.

 

Der Täufer sagt:  „Dieser war es, von dem ich gesagt habe: Nach mir wird kommen, der vor mir gewesen ist; denn er war eher als ich. Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden. Niemand hat Gott je gesehen; der Eingeborene, der Gott ist und in des Vaters Schoß ist, der hat es verkündigt.“ (aus: Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft)

 

Ein paar Sätze nur spricht er. Sätze, die es in sich haben. Sie wollen anschaulich machen, was der Begriff „Epiphanias“ eigentlich meint. So nennen wir den heutigen Feiertag. Epiphanias. Das Wort bedeutet „Erscheinung“ und drückt aus, dass Gott selbst in Jesus zu den Menschen gekommen ist. Der Gott, von dem man sich kein Bildnis und Gleichnis machen darf, erscheint in einem Menschen. Eigentlich müssten wir jetzt die Luft anhalten, erschrecken, den Kopf schütteln. Nein, nein! Das kann doch nicht sein:  der Gott, dessen Glanz und Herrlichkeit niemand sehen kann, ohne zu vergehen, kommt zu den Menschen. „Weh mir, ich vergehe, denn ich bin unreiner Lippen!“ Der Prophet Jesaja ruft das erschrocken aus, als er in einer Vision Gott zu sehen bekommt. Ein gewöhnlicher Mensch überlebt diese Begegnung nicht, denn Gott ist wie ein verzehrendes Feuer. „Kein Mensch wird leben, der mich sieht...“ hat dieser Gott einmal zu Mose gesagt, als der mit ihm haderte. „Wenn meine Herrlichkeit an dir vorbeizieht, will ich dich in eine Felskluft stellen und meine Hand über dich halten, bis ich an dir vorüber gegangen bin. Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen, aber mein Angesicht kann man nicht sehen...“ Dieser unnahbare, dieser heilige und alles verzehrende Gott, der sich im Himmel mit feurigen Wesen umgibt, den Cherubim und Seraphim, der wird an Weihnachten nahbar, wird angreifbar, wird anschaubar und fassbar, wird Mensch und Kind. Was für ein Wunder! „Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude, / A und O, Anfang und Ende steht da, / Gottheit und Menschheit vereinen sich beide; / Schöpfer, wie kommst du uns Menschen so nah! / Himmel und Erde, erzählet’s den Heiden: / Jesus ist kommen, Grund ewiger Freuden...“ singen wir deshalb in diesen Tagen. Das bedeutet Epiphanias, das bedeutet Erscheinung.

 

Nach seinem Auftritt verbeugt sich der Täufer. Was er zu sagen hatte, hat er gesagt.  Eigentlich müsste jetzt tosender Applaus über ihn hereinbrechen. Gottheit und Menschheit vereinen sich beide. Wie wunderbar! Schöpfer, wie kommst du uns Menschen so nah! Wir brauchen nur die Hand nach dir auszustrecken. Diese Botschaft hat Sprengkraft, ist wie ein Erdbeben, nur dass in diesem Fall nicht Wege verschüttet und Leben vernichtet, sondern verschüttete Zugänge frei gesprengt und Leben neu ermöglicht wird. Das gut bewachte, fest verschlossene Tor zum Paradies wird aufgestoßen und die Fülle des Heils kommt zu den Menschen, weil Gott in einem Menschen die Welt besucht. Was für eine Botschaft.

 

Das Publikum nimmt’s gelassen zur Kenntnis und applaudiert höflich. Sie hören die Botschaft schließlich Jahr für Jahr und haben sich daran gewöhnt. Deshalb schaut jeder, dass er so schnell wie möglich den Saal verlässt. Keiner möchte an der Garderobenausgabe lange auf den Mantel oder die Jacke warten. Die einen wollen noch ins Restaurant, einen Happen essen gehen, die anderen nach Hause. Morgen beginnt wieder der Alltag mit seiner Arbeit.

 

Ich stelle mir vor, wie der Täufer sprachlos den murmelnden Menschen nachschaut. Sie haben es nicht begriffen, denkt er sich. Sie verwechseln die Weihnachtsgeschichte mit einem Märchenstück, mit Hänsel und Gretel. Was da gesagt wurde, stellt einen unerhörten Anspruch dar, wie er danach nie mehr wieder gemacht wurde: in Jesus kommt Gott selbst zu den Menschen. Ja, Jesus selbst ist Gott. Und Gott ist Jesus. Jesus ist nicht nur ein guter Mensch. Jesus ist nicht nur ein von Gottes Geist inspirierter Prophet. „Ich und der Vater sind eins!“ (Johannes 10,30) sagt Jesus von sich. „Wer mich sieht, sieht den Vater“ (Johannes 14,9) Gottheit und Menschheit vereinen sich beide. Sie leuchten auf in dieser Person und tragen Licht hinein in die Welt: im Kind von Bethlehem, im  zwölfjährigen Jungen, der im Tempel die Schriftgelehrten sprachlos macht, im Wanderprediger, der mit seinen Jüngern durch die Lande zieht, der Kranke heilt und in Gleichnissen Gottes Reich zu den Menschen bringt, der den Wind und den Wellen auf dem See Genezareth Einhalt gebietet,  der Dämonen austreibt und die frommen Heuchler entlarvt, der die Toten zurück ins Leben ruft. Was muss denn noch geschehen? Gottheit und Menschheit vereinen sich beide in Jesus von Nazareth. Sie leuchtet auf, unüberbietbar und beängstigend schön auf dem Tabor, dem Gottesberg und beängstigend schrecklich im Gekreuzigten. „Dieser war es“... sagt Johannes... „der vor mir gewesen ist.... und von seiner Fülle haben wir genommen Gnade um Gnade.“ 

 

Die Lebensgeschichte Jesu ist die Geschichte, wie Gottes Gnade bei den Menschen ankommt, wie sie sich mitteilt. Gnade, das ist liebevolle und heilvolle Zuwendung Gottes zu den Menschen, zu den Bedürftigen. Und wer von uns ist das nicht? Bedürftig sind die Menschen, die unten liegen, am Boden. Der Aussätzige, den keiner anschauen mag wegen seiner ekligen Wunden. Der Betrüger, mit dem niemand mehr an einem Tisch sitzen mag oder die Ehebrecherin, die gegen das Gesetz verstoßen hat. Der verzweifelte Vater, des Knaben mit der Fallsucht, die hartnäckige heidnische Mutter mit der besessenen Tochter, der niemand helfen kann, der Ausgestoßene von Gerasa, der blinde Bettler aus Jericho und gewiss noch du und ich, Menschen, die Hilfe und Zuwendung bitter nötig haben. Die alle treten ins Blickfeld des Herrn. „Was willst du, dass ich dir tun soll!“ fragt er sie, fragt er uns. Das ist die Gnade, von der wir leben. Wir leben von der Zuwendung Gottes, die in Jesus Christus in unüberbietbarer Weise zu den Menschen kommt.

 

Wenn nun die Lebensgeschichte Jesu davon erzählt, wie die Gnade Gottes bei den Menschen ankommt, dann erzählt die Leidensgeschichte Jesu, wie Gottes Gnadenangebot von den Menschen beantwortet wird. Die Menschen weisen ihn ab. Sie verlachen, verfolgen, sie foltern und töten ihn. „Wir haben ein Gesetz und nach dem Gesetz muss er sterben, denn er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht!“ sagen seine Ankläger. Es ist das Gesetz des Mose, nach dem sie richten. Eigentlich ist dieses Gesetz eine gute Gabe. Es weist den Weg in ein Leben nach Gottes Maßstäben. Leider haben es die Menschen zu ihren Zwecken entfremdet. Die Menschen gebrauchen es, um sich abzugrenzen von Gott. Sie tun es, in dem sie Ausführungsbestimmungen zum Gesetz aufgestellt haben. Ein Gesetz fordert Leistung. Und erbrachte Leistung fordert Lohn. Gnade aber ist unverdient, ist geschenkt. Man kann sie nicht einfordern. Vielen gefällt das nicht. Sie möchten lieber Lohn für Leistung. Die Leistung hebt sie auf Augenhöhe zu Gott, der Stolz auf die fromme Leistung verwandelt Gläubige in Gläubiger und schließlich in Ankläger. Ob unser Publikum deshalb die Worte des Täufers überhört?

 

Wie wird unser Leben aussehen, nach dieser Aufführung, nach diesen Worten, vor allem nach diesem Epilog? Wird es ein Leben in der Gnade sein? Schöpfen wir aus der Fülle der Gnade? Gibt es ein Echo in unserem Leben auf die große Freude, die uns der Engel verkündigt? Dazu sind wir berufen. Zu einem Leben in der großen Freude. Es sind die drei Könige, die uns zeigen, wie das rechte Verhalten aussieht nach der Begegnung mit Gott in Jesus Christus. Das ist die Anbetung. Gott schenkt uns seine Gnade, er wendet sich uns zu. Die Antwort auf Gottes Hinwendung zu den Menschen ist Anbetung und Gotteslob über das unverdiente Geschenk, nicht Rechthaberei und Diskussion, mag sie noch so fromm oder gelehrt sein.  Wer keine eignen Worte findet, kann sich der alten Worte bedienen, die darauf warten gesungen oder gebetet zu werden. Worte wie diese:

 

„Kommt und lasst uns Christus ehren, / Herz und Sinnen zu ihm kehren; / singet fröhlich, lasst euch hören, / wertes Volk der Christenheit. / Sünd und Hölle mag sich grämen, / Tod und Teufel mag sich schämen; / wir, die unser Heil annehmen, / werfen allen Kummer hin. / Sehet, was hat Gott gegeben: /  seinen Sohn zum ewgen Leben. / Dieser kann und will uns heben / aus dem Leid ins Himmels Freud.“  (Evangelisches Gesangbuch Nr. 39) Amen.