Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)

Predigten im Februar 2017


 


Die Hände, die zum beten ruhn  -Predigt über Lukas10,38-42 am Sonntag Estomihi in Altenstein (26.2.2017 – mit einer Taufe) 

 Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihnen zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll! Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden. (Luthertext 2017, hg.v.d. Deutschen Bibelgesellschaft)

Heute haben wir ein Kind getauft – die kleine Marie. Ihre Eltern und ihre Patin haben vor der Taufe versprochen, dafür zu sorgen, dass sie im christlichen Glauben heranwachsen kann. Wir lassen sie dabei nicht im Stich. Auch die Gemeinde ist dabei in die Pflicht genommen. In ihr soll sich Marie doch geborgen fühlen. Hier soll ihr Glaube wachsen und sich entfalten. Doch wie sieht er aus, der Glaube, zu dem Marie später einmal Ja sagen und den sie am Tag ihrer Konfirmation bekräftigen soll? Heute hören wir dazu die Geschichte zweier Schwestern. Er zeigt uns eine wichtige Seite des Glaubens. Wir erfahren, dass zum Glaubensleben auch Zeiten der Ruhe gehören, Zeiten, der Einkehr, der Besinnung. Vor allem aber braucht der Glaube ein offenes Ohr, ein weites Herz. Damit der Glaube im Herzen ankommen kann, muss man sie verstehen,  muss man die Worte Jesu hören und im Herzen ankommen lassen. Glauben hat mit Hinhören, mit Zuhören zu tun. Das können wir von der Maria lernen, die mit ihrer Schwester zusammen Jesus beherbergt. Ist das nicht ein schöner Zufall, dass wir gerade heute von ihr hören – am Tag von Maries Taufe? Vielleicht ist das eine Botschaft an die kleine Marie? Nimm dir in deinem Leben immer wieder Zeit, um hinzuhören auf die Botschaft, die dir das Leben und die wahre Glückseligkeit schenken kann. Nimm dir immer wieder dafür Zeit. Unsere Aufgabe ist es dann, dafür zu sorgen, dass Marie das versteht – dass man immer wieder hinhören muss auf das, was Jesus zu sagen hat, dass man dem Evangelium Zeit und Raum im Herzen geben kann. Das geht aber nur, wenn wir selbst uns dafür Zeit nehmen, Zeit, um zu lauschen, um hinzuhören, damit die Worte Jesu bei uns Eingang finden können. Was für eine Herausforderung. Und was für ein Ärgernis!

 

Marta und Maria! Ich muss es zugeben: Meine Sympathien gehören Marta. Ihren Ärger kann ich gut verstehen. Wenn ich jetzt über sie spreche, lasse ich meine Phantasie spielen. So stelle ich sie mir vor: Marta, die umtriebige, die resolute Frau, die auch mit Jesus ein deutliches Wort zu reden versteht, wenn es sein muss. Ich kann sie dabei richtig vor mir sehen. Empört stemmt sie die Arme in die Hüften. „Was genug ist, ist genug!“  denkt sie sich. „Ich habe die ganze Arbeit und Maria sitzt da und rührt keinen Finger.“ Eine Zeitlang lässt Marta sich das gefallen und sagt nichts. Dann aber bricht aus ihr heraus, was sich lange in ihr angestaut hat: „Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll!“ 

 

Im Haus der beiden Schwestern muss wohl Marta das Sagen gehabt haben. Lukas, der Evangelist, nennt zuerst ihren Namen. Lukas sagt, dass Marta Jesus aufgenommen hat. Marta war also die Herrin des Hauses – wenn auch vielleicht nur die heimliche. Sie hat dem Herrn die Tür geöffnet, sie hat ihn zum Bleiben eingeladen. Ihre männlichen Zeitgenossen müssen die Stirn gerunzelt haben. Wie kann sich eine Frau so etwas erlauben! So etwas war Sache des Hausvaters. Marta erfüllt die Pflichten eines Hausherrn und übt zugleich das Regiment über Herd und Gesinde. Ich kann sie mir nicht untätig vorstellen. In meinen Gedanken ist sie ständig auf den Beinen. Immer darauf bedacht, dass es der Gast bequem hat und dass auch sonst alles seinen Gang geht.  Gehört Marta vielleicht auch zu denen, die selbst beim Beten keine Ruhe haben? Hat die Heilige Theresa von Avila vielleicht an Menschen wie Marta gedacht? Folgendes Gebet wird der spanischen Ordensfrau zugeschrieben: „Herr der Töpfe und der Pfannen, ich habe keine Zeit, ein Heiliger zu sein ... Mache mich zu einem Heiligen, indem ich Mahlzeiten zubereite und Teller wasche. Nimm meine rauen Hände, weil sie für dich rau geworden sind.“   Vielleicht sind nicht nur die Hände rau geworden. Vielleicht ist auch der Ton rau geworden, in dem Marta sich jetzt an Jesus wendet, weil sie sich über ihre untätige Schwester ärgert. „Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll!“ 

 

Wenn Maria schon nicht weiß, was sich gehört, dann muss es ihr eben gesagt werden. Am besten von Jesus selbst, an dessen Lippen sie schon die ganze Zeit hängt. Zu Füßen Jesu hat sie sich niedergelassen, wie ein Schüler bei seinem Lehrer sitzt. Was für eine Provokation zu damaligen Zeit! Aufmerksam wie ein Schüler hört sie ihm zu, statt der Schwester zur Hand zu gehen. Vielleicht beneidet Marta ihre Schwester um diese Gabe: Die Hände ohne schlechtes Gewissen getrost in den Schoß legen zu können, um einfach nur hinzuhören – auf die Stimme Jesu, auf seine Worte. Viele von uns könnten das nicht. Wer rastet, der rostet, haben sie gelernt. Müßiggang ist aller Laster Anfang, ist ihnen gesagt worden. Eine gute Hausfrau hat immer etwas zu tun! Wer mit solchen Sätzen aufgewachsen ist, wird Maria nicht verstehen können. Sie legt die Hände in den Schoß. Sie schweigt. Sie hört, was Jesus sagt. Es sind Worte des Lebens, die sie aufnimmt. Da tritt alles andere zurück, kann warten, wird nicht unwichtig, aber vorübergehend zweitrangig: die Arbeit, die Sorge, die Frage, ob alles recht ist.

 

„Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe!“ sagt Jesus und ich wünsche mir, dass sich Marta über seine Antwort nicht ärgert. Ich stelle mir vor, dass Jesus es so sagt, dass Marta dadurch nicht verletzt wird. Jesus weiß um die Sorgen, die auf ihr lasten, die ihr die Ruhe rauben, die sie umtreibt, vom Herd zu den Gästen, von den Gästen hinaus in den Hof, von dort in den Stall und dann wieder zurück ins Haus. Jetzt bekommt sie nicht einmal von Jesus Schützenhilfe. Er nimmt Maria in Schutz – und ich wünsche mir, dass Marta begreift, warum ihre Schwester das gute Teil erwählt hat, das nicht von ihr genommen wird. 

 

Nicht, dass Maria nur herumsitzt. Das aber macht sie zum Vorbild: dass sie im richtigen Augenblick zuhören kann. Dass sie die Worte des Lebens an sich heranlässt. Die tägliche Mühe und Arbeit möchte uns manchmal ablenken vom Wesentlichen, vom wahren, vom wirklichen Leben, das uns in Jesus Christus begegnet. Maria hat das gute Teil erwählt, weil sie sich Zeit nimmt für Jesus, damit seine Worte den Weg finden von den Ohren ins Herz. Sie hört ihm zu. Maria wird für uns zum Vorbild – und für Marta zum Stein des Anstoßes. 

 

So wie Maria sollten die Jünger sein. Nicht Petrus, der Fels ist das Vorbild und noch nicht einmal Johannes, der Lieblingsjünger Jesu. Sondern Maria! Sie wird zum Vorbild, weil sie im richtigen Augenblick nichts anderes macht, als zu Füßen Jesu zu sitzen, damit sie ihm zuhören kann, ihn fragen, von ihm lernen kann. Aus diesem Hören wächst das rechte Tun. Später wird Maria wissen, was sie zu tun hat, wie sie zu leben hat. Sie weiß es, weil sie Jesus ihr Herz geöffnet hat, weil sie seine Worte in sich aufgenommen, weil sie von ihm gelernt hat. 

 

Wie man als Jünger lebt, wie man als Christ in der Nachfolge lebt – die Geschichte von den zwei Schwestern will uns helfen, eine Antwort darauf zu finden. Alles hat seine Zeit! Das lehrt mich das Beispiel von Marta und Maria. Das Arbeiten und das Ruhen, das Zuhören und das Zupacken. Beides hat sein Recht und seine Zeit. Vielleicht folgt das eine aus dem anderen. Man darf es nicht gegeneinander ausspielen. Es gibt Zeiten, in denen die Hände ruhen, in denen ich nichts tun muss, nichts tun soll. Ich brauche Zeit zur Ruhe, zur Muße. Zeit, um die Worte Jesu in mein Herz zu lassen, damit sie mich prägen, mir den Weg zeigen in das Leben, in mein Leben, damit sie mir sagen, was zu tun ist, wenn ich handeln muss. „Die Hände, die zum beten ruhn, / die macht er stark zur Tat“ heißt es in einem Lied. Beten, Schweigen, Zuhören, sich von Gott etwas sagen lassen! Wir brauchen Zeit dazu. Gott hat uns diese Zeit gegeben. Einen ganzen Tag in der Woche haben wir Zeit. Gott hat uns den Sonntag gegeben. Und werktags wird sich vielleicht auch eine kurze „stille“ Zeit finden, damit ich den Kopf, die Ohren, das Herz frei bekomme für das Wesentliche, für Gott, der mir das Leben schenkt, das nicht untergehen soll in Ruhelosigkeit, Hektik und blindem Aktionismus. Ich darf sicher sein, dass Gott mir die Hände stark macht zur Tat, damit ich „mein Werk mit Freuden“ angreifen kann, damit ich sehe, was gerade dran ist, damit ich die Aufgaben erkenne, die auf mich warten, damit ich sie angreife und in Gottes Namen und mit seiner Hilfe bewältige. Bitten wir den Herrn, dass er uns hilft, so zu leben, dass wir es merken, was an der Zeit ist: das Zuhören oder das Zupacken. Amen. 

 

Mut zur Geduld! Predigt über Mk.4,26-29 am Sonntag Sexagesimae  (19.2.2016)

Und Jesus sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft  und schläft und steht auf, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie. Von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre. Wenn aber die Frucht reif ist, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da. (Luthertext 2017, hgg.v.d. Deutsche Bibelgesellschaft)

 

Sind Sie ein geduldiger Menschn? Können Sie warten? Zum Beispiel morgens beim Frühstück. Können Sie warten, bis der Partner fertig ist – oder räumen Sie schon mal den Tisch ab, während der noch an der Semmel kaut? Oder im Straßenverkehr! Können Sie warten, bis der Fahrer im Wagen vor ihnen endlich anfährt, wenn die Ampel längst auf grün umgeschaltet hat – oder liegt die Hand schon auf der Hupe? Wie gehen wir damit um, wenn uns alles zu lange dauert, wenn wir meinen, dass nichts vorangeht – beruflich oder privat, wenn die Vorhaben sich nicht so verwirklichen lassen, wie man sich das vorgestellt hat? “Seid geduldig”, sagt Jesus zu seinen Jüngern. Das Reich Gottes kommt gewiss!

Mit einem Gleichnis will Jesus seine Jünger trösten. Sie lassen den Kopf hängen. Es geht einfach nicht voran - denken sie sich. Ihre Arbeit scheint vergebliche Mh’ zu sein. Der Taumel der ersten Begeisterung hat sich gelegt. Die ersehnten Erfolge bleiben aus. Wie war das am Anfang der Wirksamkeit Jesu! Als er sie in die Nachfolge gerufen und zu Jüngern gemacht hatte. Wie hingen sie an seinen Lippen. Das war etwas Neues, was Jesus ihnen gegeben hatte. Neue Hoffnung auf mehr Gerechtigkeit, auf Frieden. „Gottes Reich steht vor der Tr!“ hat er den Menschen zugerufen und sie haben gesehen und erfahren, wie das gemeint war. Jesus hatte ihnen die Augen geöffnet für die Zeichen der Zeit. Sie haben sie wahrgenommen und auch verstanden.


Sie haben mitangesehen, wie der blinde Bartimäus seinen Stock in die Ecke geworfen und sich ihnen angeschlossen hatte. Sie hören noch seinen Hilferuf, als sie in Jericho waren. „Du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ Wie laut, wie herzergreifend. Und sie erinnern sich noch, wie Jesus den Blinden zu sich gerufen hatte. „Was willst du von mir?“ wollte er wissen. „Ich will sehend werden, Herr!“ Die Antwort Bartimäus war eindeutig. „Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen!“ Das war alles, was Jesus gesagt hatte. Und aus dem Blinden war ein Sehender geworden. Ein wirklich sehender. Einer, der erkannt hatte, was die anderen nicht sehen wollten, die Pharisäer, die Schriftgelehrten: dass Jesus der war, den Gott seinem Volk vor langer Zeit versprochen und den die Propheten angekündigt hatten.


Viele solcher Beispiele könnten sie erzählen, die Jünger. Geschichten von Menschen die nach der Begegnung mit Jesus wieder aufblühten.  Geschichten vom Leben, von der Hoffnung, von Heilung. Ein Gelähmter, der wieder gehen konnte, ein Aussätziger, der von seine ansteckenden Krankheit geheilt wurde, ein totes Kind, das er ins Leben zurück gerufen hatte ... Und immer wieder Staunen, Jubel, Freudenschreie und Tränen der Dankbarkeit. Schließlich hat er sie selbst losgeschickt, die Jünger. Jesus hatte sie ausgesandt, um den Menschen vom nahen Gottesreich zu predigen, um selbst Blinde sehend, Lahme gehend zu machen, um selbst das Gnadenjahr des Herrn zu verkündigen. Wie begeistert sie da waren. Aufgeregt erzählten sie von dem, was sie erlebt hatten – von den Wundern, die sie in seinem Namen tun konnten.


Aber dann - mit der Zeit – hat sich die Ernüchterung eingeschlichen wie ein ungebetener Gast. Die Jünger merken, dass sich so gut wie nichts geändert hat. Trotz allem. Trotz der Taten. Trotz der Wunder. Trotz der Zeichen. Im Gegenteil. Immer wieder stoßen sie mit der Zeit auch auf Widerspruch. Wo Hoffnung gesät wird, wächst Misstrauen und Missgunst. „Wie kann Jesus von Gott kommen, wenn er den Sabbat bricht!“ entrüsten sich die Gegner und planen, wie sie diesen Aufwiegler zur Strecke bringen können. Es sind die Nebensätze der Evangelien, die uns darauf aufmerksam machen. Immer wieder erfahren wir von den Ortswechseln, dass Jesus ein Dorf, eine Gegend schnell verlassen müsste, weil er mal hier und mal dort nicht mehr erwünscht war, weil der Boden heiß wurde.

 

Und dann schließlich die deprimierende Erkenntnis: es ändert sich nichts. „Kehrt um! Ändert euer Leben!“ Dieser Ruf zur Buße verhallt ungehört. Wer von der Freude über Gottes Herrschaft einmal ergriffen wird, der kann doch nicht mehr der alte bleiben. Der lässt sich von Gottes Willen bestimmen, von seinem Willen zum Leben, zur Liebe, zur Menschenfreundlichkeit. Aber davon wollten die meisten auf einmal gar nichts hören. Davon, dass sie sich ändern müssten. „Wir doch nicht!“ entgegnen sie immer häufiger. „Die anderen vielleicht. Aber wir, wir sind doch ganz in Ordnung!“


Die Jünger sind enttäuscht. Sie haben anderes erwartet, anderes erhofft. Und sie haben auch geglaubt, dass Gottes Reich nun auch wirklich hereinbricht, damit endlich auch der letzte Zweifler zur Ruhe kommt und die letzten Tränen getrocknet werden. Doch nichts passiert. Das macht dann keine Freude mehr, wenn der Erfolg ausbleibt. Und wenn alles beim Alten bleibt, wenn die Reichen noch reicher, die Armen noch ärmer, die Traurigen noch trauriger und die Kranken noch kränker werden – was soll dann der Einsatz? Man kann hören, wie der Teufel lacht und sich die Hände reibt.


Da erzählt ihnen Jesus diese Gleichnisse. Jesus sagt seinen Jüngern: „Mit dem Reich Gottes ist es wie mit dem Samen, der gesät wird und in der Erde wächst. Tag um Tag. Ein Wunder der Natur, das sich unseren Blicken entzieht. Und so, wie das Samenkorn seine Zeit braucht, bis es sich entfaltet, wächst und gedeiht, so ist es auch mit dem Reich Gottes. Es braucht seine Zeit. Also verliert nicht den Mut!“ 

Und auch das höre ich aus den Worten. „Lasst euch genügen an den kleinen Schritten. Begnügt euch damit, dass ihr es seid, die das Saatgut säen. Das ist eure Aufgabe. Die Saat aufgehen und wachsen zu lassen ist nicht eure Aufgabe. Dafür sorgt ein anderer. Lasst euch genügen an den kleinen Schritten, daran, dass ihr einem Aussätzigen Hoffnung schenkt ohne gleich die Lepra auszurotten, lasst euch genügen daran, dass ihr einem Hungernden das Brot brecht ohne gleich das Welthungerproblem zu lösen, seid zufrieden damit, dass ihr einen Traurigen tröstet, ohne gleich das Leid der Welt auszumerzen. So streut ihr den Samen der Herrschaft Gottes aus in der Welt. Bis heute. Vertraut darauf, dass Gott das Seine dazu tun wird, um diese Herrschaft durchzusetzen.“


Ich höre aus diesen Worten einen Trost für alle, die auch darunter leiden, dass angeblich nichts geschieht. Die Bänke in den Gottesdiensten bleiben leer. Die Gemeinden schrumpfen. Die Kirche, die gebaut ist aus lebendigen Steinen, wird baufällig, die Bausubstanz wird angegriffen, sie löst sich auf in den Tränen, die  geweint werden, in den Zweifeln, die nagen, in der Angst und der Ratlosigkeit, im Schweigen Gottes.


Aber Gottes Reich wächst. Es setzt sich durch. Dafür wird Gott selbst sorgen. Sehen können wir das nicht. Auch nicht beschleunigen. Das Gleichnis von der Saat, die von selbst wächst, ruft uns zur Geduld. Es macht uns Mut. Trauen wir Gott zu, dass er vollbringen wird, was in seinem Namen begonnen wurde- Das Gleichnis von der Saat, die selbst wächst, nimmt auch eine Last von uns. Wir sind nicht dafür verantwortlich, wie schnell oder wie langsam sich Gottes Herrschaft in dieser Welt durchsetzt. Dafür sorgt Gott selbst. Bleiben wir bei dem, was unsere Aufgabe ist: die Hoffnung auf Gottes Reich in die Welt hinauszutragen. Auch, wenn viele Zeitgenossen skeptisch die Stirn runzeln oder sich über uns lustig machen. Legen wir nicht die Hände in den Schoß. Wir haben einen Auftrag. Sagen wir nicht: es bringt ja doch nichts! Schweigen wir nicht, wenn wir Zeugnis ablegen und von unserem Glauben sprechen und von unserer Hoffnung. Auch, wenn wir ausgelacht werden. Wie trostlos ist eine Welt, in der die christliche Botschaft verstummt. Gehen wir los, wie die Jünger. Mutig und unbeirrt. Gehen wir hin zu den Menschen, die uns brauchen: zu unseren Familienangehörigen, zu unseren Bekannten oder Freunden, zu unseren Kolleginnen und Kollegen. Erzählen wir von der Hoffnung die wir haben und die mit dem Namen Jesus Christus verbunden ist. Erzählen wir von der Hoffnung auf das Reich, in dem die Blinden sehend, die Lahmen gehend, die Aussätzigen rein werden, in dem die Toten wieder erwachen und den Gefangenen wieder frei sein werden. So setzen wir Zeichen durch unseren Glauben. Wir selbst sind das Zeichen, das hinweist auf das, was noch kommt. Wir wecken die Sehnsucht. Wir machen neugierig. Wir stärken die Hoffnung. Wir tun dies, indem wir festhalten, an dem, was wir glauben, in dem wir treu bleiben, in dem wir unseren Glauben leben, mutig und fröhlich. Unsere Arbeit ist nicht vergeblich. Die Mühe ist nicht umsonst. Denn mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst - er weiß nicht wie. Er weiß nur, dass es geschieht. Es geschieht, weil Jesus es gesagt hat. Das muss genügen. Auch uns. Amen.

 


Wirklich nur unnütze Knechte? Predigt über Lukas 17,7-10  am Sonntag Septuagesimae in Altenstein und Hafenpreppach

 

Jesus sprach: Wer unter euch hat einen Knecht, der pflügt oder das Vieh weidet, und sagt ihm, wenn der vom Feld heimkommt: Komm gleich her und setz dich zu Tisch? Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Bereite mir das Abendessen, schürze dich und diene mir, bis ich gegessen und getrunken habe; und danach sollst du essen und trinken? Dankt er etwa dem Knecht, dass er getan hat, was befohlen war? So auch ihr! Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren. (Lutherbibel 2017, hg. Deutsche Bibelgesellschaft) 

 

„Bin ich wirklich nur ein unnützer Knecht?“ Der alte Mann atmet bei diesen Worten heftig durch die Nase. Er ärgert sich. Am liebsten würde er sein altes, zerlesenes Gesangbuch nehmen, aufstehen und heimgehen. Aber so etwas macht man nicht. Der Pfarrer spricht schließlich noch. Wenn er jetzt aufstehen und gehen würde – würde wohl das ganze Dorf darüber sprechen. Deshalb bleibt er sitzen und ärgert sich. „Ich bin kein unnützer Knecht!“ Da ist er sich ziemlich sicher. Jeden Morgen steht er mit den Hühnern auf, zieht sich an, setzt sich auf sein klappriges Fahrrad und trägt die Zeitungen aus. Und den Gemeindebrief. Und den Amtsboten. Bei Wind und Wetter, im Sommer wie im Winter. Wenn das Festzelt aufgebaut wird, ist er zur Stelle. Wenn die Sitzgarnituren für das Gemeindefest aufgestellt werden müssen, ist er da. Wenn am Ausschank oder in der Würstchenbude Not am Mann ist, springt er ein. Selbstverständlich. Gefehlt hat er noch nie. Nicht bei der Arbeit, nicht im Gottesdienst und auch nicht in den Vereinen, denen er angehört. Krankmeldung? Er doch nicht! „Ich bin doch mit meinen fünfundsiebzig noch besser drauf, als manche von den Jungen“, denkt er sich. Von den Jüngeren hält er nicht allzu viel. Von denen will doch keiner mehr was machen, sagt er. „Was wäre denn, wenn Menschen wie ich nicht mehr da wären!“ Und jetzt muss er sich das anhören: ihr seid unnütze Knechte. Ihr habt nur getan, was ihr zu tun schuldig seid. Nicht, dass er viel erwartet, aber ein kleines Dankeschön, darüber würde er sich schon freuen. Und jetzt hört er, dass er sogar das gar nicht verdient. Nein, heute wird er nicht gestärkt aus der Kirche gehen. Der Sonntag ist ihm heute gründlich verdorben. 

 

Ich kann den alten Mann verstehen. Und ebenso jeden anderen, der Anstoß nimmt an den Worten aus dem Gleichnis. Unnütze Knechte! Unnütze Mägde! Was für eine abwertende Bezeichnung für geleistete Arbeit. Ich glaub, niemanden soll die Anerkennung für die Arbeit verweigert werden, die er leistet. Ein Dankeschön das von Herzen kommt, wem tut das nicht gut? Ein herzliches Vergelt’s Gott  zeigt mir, dass meine Arbeit etwas wert ist, dass ich etwas wert bin. Wenn Jesus zu uns sagt: Ihr seid unnütze Knechte, dann will er die Arbeit, die wir leisten, nicht herabwürdigen. Er sagt nicht: eure Mühe ist nichts wert, sie hat keine Bedeutung. 

 

Es geht nicht um den Wert unserer Arbeit. Wenn Jesus dieses Gleichnis erzählt, dann will er etwas über Gott und den Menschen sagen. Es geht um uns selbst. Und dann kann es aber sein, dass ich doch wieder Anstoß nehmen an diesen Worten. Die sind wie ein Spiegel im Badezimmer. Der beschönigt nichts. Jeden Morgen zeigt er mir, wie ich wirklich bin. Ich sehe meine Kummerfalten, die Fettpölsterchen, den hässlichen Pickel auf der Nase.  Jesus hält uns mit seinen Worten einen Spiegel vor. Es ist der Spiegel der göttlichen Wahrheit. Dieser Spiegel zeigt uns, wie wir vor Gott dastehen. Er offenbart, wer wir tatsächlich sind - armselige Menschen, die vor Gott keine Ansprüche anzumelden haben. So etwa muss es Martin Luther empfunden haben, am Ende seines Lebens. „Wir sind Bettler, das ist wahr!“ Das sollen seine letzten Worte gewesen sein. Ein Bettler hat seinen Platz in der Fußgängerzone, am Bordstein. Er hat einen Hut vor sich liegen. Geldstücke liegen darin. Davon lebt der Bettler. Von den Almosen, von dem, was abfällt. 

 

Jesus will uns mit dem Gleichnis vom Knechtslohn einen Platz zuweisen, der uns nicht gefällt. Es ist der Platz unten, nicht oben. Deshalb ärgern wir uns vielleicht über diese Worte. Sie kratzen an unserer Eitelkeit. Wir stehen unter Gott, nicht neben ihm. So wie ein Knecht, ein Sklave, unter seinem Herrn steht – jedenfalls zu Zeiten, als es noch Sklaven gab. Der Sklave hat seinen Dienst verrichtet, ohne ein Wort des Dankes oder der Anerkennung dafür zu erwarten. Im Gegenteil, er war, froh, wenn er nicht aufgefallen ist. Wenn er seinen Dienst schlampig ausübt, hätte er wohl mit schmerzhaften Konsequenzen zu rechnen. Sein Herr war ihm keine Rechenschaft schuldig. So war das damals. Er hätte seinen Knecht auspeitschen und davonjagen können. 

 

Nein, wir sind keine Sklaven. Schon gar nicht in den Augen Gottes. Aber wir leben unter Gott, nicht neben Gott. Wir stehen ihm nicht auf Augenhöhe gegenüber.  Das kratzt  an unserer Eitelkeit, an unserem Selbstwertgefühl. Vor allem uns modernen Menschen passt das nicht, weil wir uns aufgewertet haben – wir sind selbstbewusste Menschen, wir pochen auf Gleichstellung. Wehe, wenn wir uns beleidigt, wenn wir uns nicht wertgeschätzt fühlen. Dann beschweren wir uns und das nicht zu selten. Und jetzt das! Hart spricht die Bibel durch dieses Gleichnis von der Wirklichkeit des Menschen. Eine Wirklichkeit, die auch frommen Menschen weh tun kann, verletzen kann – wenn ich mich selbst zum Maß aller Dinge erkläre! 

 

Das Gleichnis vom Knechtslohn widerspricht uns heftig. Wenn wir uns einsetzen für Gerechtigkeit, für  Frieden, wenn wir uns an die Gebote halten, wenn wir Liebe üben im Großen und im Kleinen, dann können wir keine Ansprüche daraus ableiten. Weil das alles für uns Menschen selbstverständlich sein soll. Es gehört zu den Diensten, die uns der Herr aufgetragen hat. Eine schwerverdauliche Kost, zugegeben. Auch, wenn das Gleichnis mit dieser Feststellung endet, dass wir vor Gott Knechte und Mägde sind, die keine Forderungen zu stellen haben, kann ich jetzt noch nicht Amen sagen und die Predigt abschließen. Ich kann es nicht, weil ich an den denken muß, der dieses Gleichnis ausgesprochen hat. Weil es von ihm kommt, wird es ebenfalls zur frohen Botschaft, zum Evangelium. Das Gleichnis vom Knechtslohn wird zur frohen Botschaft, weil es von Jesus erzählt wird. Dieser Jesus hat sich selbst zum „unnützen“ Knecht gemacht. Paulus schreibt im Brief an die Philipper von diesem Jesus: „.Er war Gott gleich, / hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich / und wurde wie ein Sklave / und den Menschen gleich./  Sein Leben war das eines Menschen;/ er erniedrigte sich / und war gehorsam bis zum Tod, /bis zum Tod am Kreuz.

 

So hat er  mich befreit, aus meinem Sklavendasein erlöst und mich aufgewertet. Weil er für mich vor Gott eingetreten ist und eintreten wird, habe ich es gar nicht nötig, vor Gott irgendetwas vorzuweisen, mir seine Anerkennung zu verdienen oder mich Gott gegenüber abzusichern. Gott schenkt mir alles, wonach ich mich sehne: Leben und Seligkeit. Dazu ist Christus in die Welt gekommen. Er sagt: Du brauchst dich vor Gott nicht zu beweisen. Er liebt dich, so wie du bist. Und deshalb kannst du so leben, wie es dir dein Herr vorgelebt hat. Du kannst tun, was er dir zu tun aufträgt, du kannst deiner Bestimmung folgen. Es ist dir bestimmt, als Sohn, als Tochter Gottes zu leben. Es ist dir aufgetragen, in der Nachfolge Jesu zu leben. Es ist deine Berufung, in der Liebe zu leben. Deine Werke sind die Früchte deiner Liebe. Du musst sie in keine Waagschale werfen. Vor Gott musst du nicht rechnen, nicht kalkulieren, nicht erst Gewinn und Verlust abwägen, nicht ständig nach deinem Wert fragen. Du kannst getrost in den Spiegel schauen, der dir vorgehalten wird und wahrnehmen, was dir der Spiegel zeigt – Gottes Kind mit allen Kummer – und Lachfalten, mit allen Narben und Flecken, die sich im Lauf eines Lebens gebildet haben. Ich kann die Kummerfalten und die Lachfalten, den Rettungsrin. Ich muss nichts schönreden und nichts schönfärben. 

 

Gott liebt mich so wie ich bin, nicht um meiner, Fähigkeiten sondern um Jesu willen.  Unter Gott leben bedeutet nicht Unterwürfigkeit, sondern Geborgenheit. Ich bin geborgen in seiner Liebe. Das macht mich frei, dem Beispiel Jesu zu folgen. Mein Herr heißt Jesus Christus, dem ich soviel wert bin, dass er für mich das Kreuz ertragen und das Leben erworben hat. Mein Herr heißt Jesus Christus, der mir von einem Gott erzählt, der uns mit offenen Armen empfängt, wie der Vater den verlorenen Sohn – und nicht wie ein Sklavenaufseher die Peitsche schwingt. 

  

Die Frage ist nur, ob wir uns in diese offenen Arme fallen lassen wollen, oder ob wir uns nicht doch in unserem Stolz verletzt fühlen, weil  die Bibel uns zunächst einmal daran erinnert, dass unser Platz der eines Knechts ist, weit unter Gott und nicht neben ihm. In einer Gesellschaft wie der unseren, in der es vor allem darauf ankommt gut dazustehen, mag es auch viel Überwindung kosten, wenn man zugeben muss, dass man nichts vorweisen, sondern sich nur beschenken, nur begnadigen lassen kann. Was mich wertvoll vor Gott macht, ist nicht das, was ich alles auflisten kann. Was mich aufwertet ist die Liebe, die erschienen ist in dem Menschensohn, der seinen Freunden die Füße gewaschen hat und für mich in den Tod gegangen ist. Diese Liebe bewahre unsere Herzen und Sinne. In Christus Jesus unserem Herrn. Amen. 





Warum wir es gut haben!                                                                                                                                                                                                           

Predigt über 2.Mose 3,11-14 am letzten Sonntag nach Epiphanias (In diesem Gottesdienst fand eine Taufe statt)

Mose sprach zu Gott: Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten? Er sprach: Ich will mit dir sein. Und das soll dir das Zeichen sein, dass ich dich gesandt habe: Wenn du mein Volk aus Ägypten geführt hast, werdet ihr Gott dienen auf diesem Berge. Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!, und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen sagen? Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: »Ich werde sein«, der hat mich zu euch gesandt. (Lutherbibel 2017, hg. Deutsche Bibelgesellschaft)

 

„Du sollst es einmal besser haben!“ Wenn Vater das gesagt hat, begann der Sohn die Augen zu verdrehen. Er wusste, dass jetzt eine langen Rede folgen würde. Jetzt würde er sich wieder anhören müssen, warum er lieber Hausaufgaben machen sollte, statt mit den Freunden Fußball zu spielen, warum er besser ein gutes Buch lesen sollten, statt vor dem Fernseher herumzuhängen, dass einem im Leben nichts geschenkt wird, dass man es nur gut meint mit ihm und so weiter und so weiter. 

 

„Du sollst es einmal besser haben!“ Eltern sagen das sicher in der besten Absicht. Sie beginnen, Pläne zu schmieden. Die Kinder sollen erreichen, was den Eltern verwehrt war. Nicht immer fällt es Eltern dann leicht, nachzugeben, einzusehen, dass Kinder vielleicht andere Wege gehen müssen oder wollen, als das  für sie geplant war. 

 

 „Du sollst es einmal besser haben!“ Ob die Eltern des kleinen Mose das auch gesagt haben?  Ihr Kind ist unter denkbar ungünstigen Zeiten zur Welt gekommen. Die Eltern des Kindes waren Sklaven in Ägypten. Und ihr Sohn würde sich wohl auch einmal der Knute des Sklaventreibers fügen müssen. „Du sollst es einmal besser haben“ – ein frommer, doch unerfüllbarer Wunsch! Doch es sollte anders kommen.  Der Pharao hatte Angst, dass sich die Israeliten vermehren und die innere Sicherheit des Landes gefährden könnten. Deshalb gab er den Befehl zum Kindermord. Alle neugeborenen Knaben sollten gleich nach der Geburt von den Hebammen getötet werden. Um ihr Kind von diesem Schicksal zu bewahren, hat die Mutter es in einem Weidenkorb am Nil ausgesetzt. Dort wurde der Knabe von der Tochter des Pharao gefunden und an Kindes Statt angenommen. Was für ein Schicksal. Dass ihr Junge einmal ein Prinz würde, damit hatte die Mutter nicht gerechnet. Und auch nicht, dass aus dem Prinzen einmal ein gesuchter Mörder wurde. Als junger Erwachsener hat Mose einen ägyptischen Aufseher erschlagen, als der einen hebräischen Arbeiter totprügelte. Mose floh und wurde zur Fahndung ausgeschrieben. Auch damit hatte die Mutter sicher nicht gerechnet. Ich weiß nicht, wie lange sie noch gelebt hat, ob noch miterleben durfte, wie Mose zum Hoffnungsträger ihres Volkes wurde. Der war schließlich nach Midian geflohen, wo er Schafhirte wurde. Und dort hatte er eine Begegnung, die sein Leben von Grund auf verändert hatte. 

 

In der Wüste, beim Hüten der Herde, wird seine Neugierde geweckt. Ein Dornbusch erregt seine Aufmerksamkeit. Ein Busch der in Flammen steht ist vielleicht noch nichts Besonderes. Wenn aber die Flammen hell lodern und den Busch dennoch nicht verbrennen, muss man sich das näher ansehen. Genauso denkt Mose. „Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt...“ Da hört er eine Stimme. Sie ruft seinen Namen: „Mose, Mose!“

 

Ich muss gestehen, dass mich diese Stelle immer wieder bewegt. Ich spüre die Einsamkeit der Wüste. Sie ist für mich Sinnbild für das Leben des Mose und manchmal auch für mein eigenes. Moses, einer, der die Einsamkeit sucht, einer, der mit seinem alten Leben abgeschlossen hat, einer der nicht mehr zurück kann, der Schuld auf sich geladen hat – auch, wenn er selbst seine Tat vielleicht in einem anderen Licht gesehen hat. Mich bewegt diese Geschichte aus der Bibel. Ich höre, wie Gott in der Wüste spricht. Ich erlebe, wie  eine trostlosen Gegend zum Gnadenort wird: weil sich Gott an diesem Ort einem Menschen zuwendet. 

  

„Zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort darauf du stehst ist heiliges Land!“ hört Mose die Stimme aus dem Dornbusch sprechen. Sie gehört Gott, der das Elend der Menschen wahrnimmt. Das Elend der Menschen, deren Leben zur Einöde geworden ist. Gott hört die Klagen seines Volkes in Ägypten. Ihre Sklaverei, ihr Leiden, ihre Not. Gott kommt in diese Welt. Er kommt zu Mose in die Wüste. Er wendet sich seinem Volk zu, das in Ägypten leidet. Und er kommt zu uns – zu den Menschen, die in sichern Verhältnissen leben und deren Leben trotzdem überschattet wird: von Leiden, von Ängsten, von Unzufriedenheit, von Trauer, von Angst. 

 

Aus dem Dornbusch spricht Gott zu Mose. Gott macht die Not der Menschen zu seiner eigenen. Er verrät  Mose seinen Namen: „Ich werde sein!“ Das bedeutet: ich werde da sein! ich werde ganz und gar für dich da sein und für dein Volk! Gott ist für sein Volk da. Gott ist für uns da. Er kommt zu uns in diese Welt, in der nicht nur Dornen schlimme Wunden verursachen, sondern auch Schwerter und manchmal auch Worte, die wie Peitschenhiebe verletzen können. 

  

Wir hören die Geschichte von der Berufung des Mose am letzten Sonntag nach Epiphanias. Wir hören sie an einem Taufsonntag. Es ist eine Geschichte, die uns Mut macht. Sie erinnert uns daran, dass Gott die Menschen nicht aufgibt. Wir sehen, wie Gott an Mose festhält – obwohl der weder die gesellschaftlichen, noch die moralischen Standards für einen Volkshelden erfüllt, von den intellektuellen Fähigkeiten ganz zu schweigen. Mose will die Rolle nicht annehmen, die Gott für ihn vorgesehen hat. Er wendet ein, dass er nicht so gut reden kann, er befürchtet, dass man ihn über den Tisch ziehen, in Grund und Boden reden könnte. Trotzdem hält Gott an ihm fest. „Ich werde da sein!“ verspricht er ihm. „Ich werde bei dir sein!“ Auch uns gilt dieses Wort. Auch uns hat Gott versprochen: „ich werde für dich da sein. Du gehst deinen Weg ins Leben nicht allein.“ In der Taufe wird uns das versprochen. Unsere Lebenspläne mögen oft über den Haufen geworfen werden. Unsere Lebenswege mögen sich manchmal in Irrwege verwandeln. Irgendwann werden sie abgebrochen, irgendwann müssen wir sterben. Und vieles von dem, was wir uns im Leben erhoffen, was wir uns wünschen, wird sich nicht erfüllen. Auch das musste Mose erleben. Am Ende darf er zwar noch hinüberschauen, darf er das Heilige Land noch sehen. Erreichen wird er es nicht. Ein anderer wird an seine Stelle treten und das Volk führen. Mose muss das hinnehmen. Und doch darf er getrost sterben. Mit einem guten Ausblick. Er stirbt im Vertrauen auf Gott, der die Zusage seiner Nähe im Tod nicht zurück nimmt. Auch daran dürfen wir denken, wenn wir die Taufe feiern. Was Gott verspricht, hält allem stand. Sogar dem Tod. Gott ist treu. Er hält zu uns. Unsere Pläne werden vom Schicksal manchmal über den Haufen geworfen. Gottes Plan mit uns bleibt bestehen. Gott hat viel mit uns vor. Mit jedem von uns. Und deshalb machen wir uns  auf den Weg, so wie sich Mose auf den Weg gemacht hat. 

  

Eine Botschaft hat Gott für die Menschen. Mose soll nach Ägypten zurückkehren und sagen: „Ich habe euer Klagen gehört!“ Er soll sein Volk herausführen aus dem Elend. Er soll es in ein neues Leben führen. Sie sollen ihren Weg in ein Land finden, in dem Milch und Honig fließt. Das war der Inbegriff des sorgenfreien, gesegneten, begnadeten Lebens. Gott verspricht Leben. Ein Leben, in dem sich keiner mehr vor der Peitsche eines Sklaventreibers ducken muss. Ein Leben, das nicht mehr von der Angst ums Überleben überschattet wird – und das nicht mehr zur trostlosen Wüste werden soll. 

 

Wir hören die Geschichte von der Berufung des Mose am letzten Sonntag nach Epiphanias. Im Evangelium lesen wir, wie Jesus auf dem Berg vor den Jüngern verklärt wird. Die Jünger sehen Jesus auf einmal, wie er wirklich ist. Sie erkennen in ihm den Gottes Sohn, der die letzte Grenze, den Tod überwindet. Während die Hoffnungen des Mose und seines Volkes sich noch mit dem Leben in einem irdischen, gelobten Land begnügten, dürfen wir am Berg der Verklärung hinüber schauen, ahnen wir, wozu wir bestimmt sind, zum Leben in der Fülle, das den Tod nicht mehr kennt und ebenso nicht mehr die Tränen, die Trauer, die Angst. Das wird uns in der Taufe versprochen. „Ich bin für euch da!“ verrät Gott Mose. Deshalb: macht euch auf den Weg aus der Sklaverei in ein freies Leben. „Ich bin für euch da!“  Das sagt Gott auch zu uns. Das erinnert mich an ein anderes Wort aus der Bibel. Wir finden es im Neuen Testament. Der Auferstandene sagt seinen Jüngern zum Abschied: „Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende!“ Mit dieser Zusage können wir uns auf den Weg machen. 

  

Wir können und sollen unseren Weg durch das Leben gehen im Vertrauen auf diesen Gott, der sich Mose offenbart hat und der in Jesus Christus zum Gott an unserer Seite geworden ist. Er hat uns das Leben versprochen. Ein freies Leben. Ein Leben ohne Angst und im Vertrauen darauf, dass Gott da ist, dass Gott-mit-uns ist.  Dass wir auf unserem Weg in das Leben nicht scheitern werden, wollen wir glauben – um der Worte willen, die Gott zu Mose im Dornbusch gesprochen und die Jesus seinen Jüngern beim Abschied hinterlassen hat. Gott ist da, ganz in unserer Nähe, wo immer uns auch der Weg hinführt. Deshalb werden wir es einmal besser haben als Mose. Nur, dass wir nicht die Augen verdrehen müssen, wenn uns das gesagt wird. Vielmehr, dass sie leuchten dürfen unsere Augen. Sie sollen strahlen vor Freude. Weil auf uns schon ein Glanz dessen liegt, was wir erwarten, was wir erhoffen, weil, um es mit den Worten des Wochenspruch zu sagen, über uns der Herr aufgeht, wie die Morgensonne, weil seine Herrlichkeit über uns erscheint. Sie weist uns den Weg in das Leben. Amen.