Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)

Predigten im Monat Dezember 2017

"Was ihr gehört habt von Anfang an, das bleibe in euch." Predigt über 1. Johannes 2, 21 -25 am Silvesterabend 2017  

Heute Abend möchte ich Ihnen von einem meiner ersten Taufgespräche erzählen. Das war in meiner Zeit als Lehrvikar in der kleinen Stadt im Fichtelgebirge.  Ich sehe mich noch in dem kleinen gemütlichen  Wohnzimmer mit Eltern und Paten um den Tisch sitzen, während der künftige Täufling zufrieden in seiner Wiege lag und schlief. Der Ablauf des Gottesdienstes wurde besprochen ebenso wie die Auswahl der Lieder und des Taufspruchs. Schließlich war alles geregelt. „Ach, eine Frage hätte ich noch“, sagte der junge Vater, der sich während des Gesprächs eher zurückhaltend gezeigt und das Reden seiner Frau überlassen hatte. Seine Augen richteten sich jetzt kampflustig und neugierig zugleich auf mich. „Was halten Sie eigentlich vom Dalai Lama?“ Die Frage hatte mich etwas überrascht. Was hat denn der Dalai Lama mit unserer Taufe zu tun? „Nun ja“...sagte ich etwas unsicher „ein bewundernswerter Mensch ... er strahlt Ruhe und Freundlichkeit aus ...“ Mehr wusste ich nicht zu sagen – und wenn ich ehrlich bin, ich wollte jetzt auch nicht über das Oberhaupt des tibetischen Buddhismus sprechen, sondern über die Taufe. Der junge Vater begann aber zu strahlen. „Nicht wahr, Sie denken auch, dass das ein toller Mann ist, der Dalai Lama, genau wie Jesus...“ Da musste ich schon schlucken. Jesus und den Dalai Lama wollte ich eigentlich nicht in einem Atemzug genannt wissen. Aber der junge Vater ließ sich nicht bremsen. „Ich finde das toll, dass Sie so tolerant sind, Herr Vikar, ich meine, es spielt doch keine Rolle, was man glaubt, ob man Christ oder Buddhist ist, es kommt doch auf die Liebe an, nicht wahr? Und Jesus wollte doch auch, dass wir in der Liebe leben, der wollte doch bestimmt nicht so was wie die Kirche mit ihren vielen Dogmen.“  Natürlich habe ich mich über das Kompliment gefreut. Wer möchte sich nicht gerne bestätigen lassen, tolerant und weltoffen zu sein. Ich wusste nur nicht, woran er das festgemacht hat. Galt ich schon als tolerant, nur weil ich den Dalai Lama nicht in Bausch und Bogen verdammt habe? Ich weiß es nicht. Ich erinnere mich heute an diesen Mann, weil er eine Ansicht über Jesus vertreten hat, der heute viele von uns zustimmen – Jesus, ein guter Mensch, die Verkörperung der Liebe und Barmherzigkeit. Gewiss! Jesus – der wahre Mensch. Aber wie ist das mit der anderen Seite. Jesus – der wahre Gott. Wie stehen wir dazu, dass Jesus der Weg, die Wahrheit und das Leben ist (Johannes 14,6), stimmen wir ihm zu, wenn er sagt: „niemand kommt zum Vater, denn durch mich?“ 

 

Jesus und die Christen. Jesus und die Kirche. Diesen Satz könnte man von einem tiefen Seufzer begleiten lassen. Vor allem, wenn man den Abschnitt aus dem 1. Johannesbrief betrachtet, der heute zur Predigt vorgeschlagen ist. Da geht es um einen handfesten Streit um Jesus. Die Gemeinde war sich uneins. Auch Johannes nimmt recht harsch Stellung zu dem Problem. Ehrlich gesagt – ich hab mich lange gegen seine Worte gesträubt. Sie klingen so spröde, so aggressiv und rechthaberisch. Oder sind sie einfach nur leidenschaftlich? Johannes streitet mit einer Gruppe von Christenmenschen. Er streitet um die Wahrheit. Es geht ihn um Jesus Christus, um das rechte Verständnis des Gottssohnes. Ja, das liegt ihm am Herzen. Da nimmt er kein Blatt vor dem Mund. Deshalb die harschen Worte, die wir jetzt hören. Wer sie nachlesen will – sie stehen im 1. Johannesbrief im 2. Kapitel:  

 

Ich habe euch nicht geschrieben, als wüsstet ihr die Wahrheit nicht, sondern ihr wisst sie und wisst, dass keine Lüge aus der Wahrheit kommt. Wer ist ein Lügner, wenn nicht der, der leugnet, dass Jesus der Christus ist? Das ist der Antichrist, der den Vater und den Sohn leugnet. Wer den Sohn leugnet, der hat auch den Vater nicht; wer den Sohn bekennt, der hat auch den Vater. Was ihr gehört habt von Anfang an, das bleibe in euch. Wenn in euch bleibt, was ihr von Anfang an gehört habt, so werdet ihr auch im Sohn und im Vater bleiben. Und das ist die Verheißung, die er uns verheißen hat: das ewige Leben.“ 

 

Lügner. Antichristen. Donnerwetter, da geht Johannes ganz schön heftig gegen seine Gegner vor. So redet man doch nicht miteinander. Oder vielleicht doch? Ausgangspunkt war etwas zutiefst menschliches – es ging um die menschliche Seite Jesu. Das unterscheidet die Menschen der Antike von uns. Während wir heute eher damit Schwierigkeiten mit der göttlichen Seite Jesu haben, nahmen die Frommen damals gerade an seinem Menschsein heftig Anstoß. Der Gedanke, dass der Gottessohn ein leibhafter Mensch war, war vielen ein Dorn im Auge: ein Gott mit menschlichen Regungen, ein Gott mit Gefühlen, unterworfen den Gesetzen der Biologie und der Natur? Nein, das ist einfach unmöglich. Nein, der Erlöser kann doch kein richtiger Mensch gewesen sein mit allem, was zum Menschsein dazugehört, mit Hunger, Herzklopfen und Verdauungsbeschwerden. Nein, undenkbar. So groß war der Streit, dass es Entzweiung gab in der Gemeinde und Entfremdung. Dass Jesus sie durch sein Leiden und Sterben erlöst hatte, das konnten sie nicht annehmen. Nein, für die Erlösung brauchen sie keinen Menschen, der am Kreuz stirbt. Für die Erlösung brauchen sie Erleuchtung, Erkenntnis, keine Dornenkrone. In diesen Konflikt nimmt Johannes Stellung. Leidenschaftlich. Auch wenn er nicht zimperlich ist mit der Wahl der Worte, imponiert mir das. Ich frage mich, wie leidenschaftlich wir heute über Jesus reden, denken. Welche Bedeutung er für uns hat. Sind wir bereit, um die Wahrheit zu ringen? 

 

Diese Worte aus dem 1. Johannesbrief begleiten uns in das neue Jahr. Sollen wir das neue Jahr als Streithähne eröffnen? Gewiss nicht. Vielmehr soll uns ein Wort im Glauben stärken, das uns Johannes mit auf den Weg gibt. schreibt: „Was ihr gehört habt von Anfang an, das bleibe in euch!“  Für mich ist das ein Rat, an den ich mich halten kann, um im Wandel der Zeit zu bestehen. Haltet fest an dem, was euch gelehrt wurde, schreibt Johannes. Dabei darf man auch leidenschaftlich sein. Leidenschaftlich war Johannes. Er schreibt: „Wer den Sohn leugnet, der hat auch den Vater nicht; wer den Sohn bekennt, der hat auch den Vater.“ Den Sohn bekennen meint nichts anderes, als mutig daran festzuhalten, dass Jesus der Sohn des Vaters ist, der Gottessohn.  Wagen wir es, so weit zu gehen? Wenn ich Johannes recht verstehe, bedeutet den Sohn zu bekennen nichts anderes, als bei der Wahrheit zu bleiben, die uns gelehrt wurde und die uns im Zeugnis der Heiligen Schrift begegnet. Es ist das Bekenntnis zu Jesus als den Christus, den Gesalbten. Gesalbte waren Menschen, auf die Gott besonderen Anspruch erhoben hat – als Könige, als Priester, als Propheten. Jesus ist der Gesalbte, der Messias, der wahrer Mensch und zugleich auch wahrer Gott ist. 

 

In diesem Jahr haben wir aufwändig das Reformationsjubiläum gefeiert, wir haben Martin Luther hochleben lassen, an die vier Soli, die vier Pfeiler des reformatorischen Glaubens erinnert. Einer davon lautet: Sola scriptura, allein die Schrift ist die Grundlage unseres Glaubens. Die Schrift gibt Zeugnis, dass „allein Christus“ der Mittler unseres Heiles ist. Christus – und kein anderer. In der Apostelgeschichte lesen wir:  „in keinem andern ist das Heil, auch ist kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir sollen selig werden.“ (Apg. 4,12) Wieder so eine Provokation! Wagen wir es noch, daran festzuhalten? Sind wir dann nicht abweisend gegenüber allen anderen Religionen? Ist es nicht viel sympathischer, zu harmonisieren und zu sagen, dass doch bitte jeder auf seine Weise selig werden solle, dass wir doch alle nur einen Herrgott haben, wenn es denn überhaupt einen gibt und dass schließlich ein – und derselbe Herrgott hinter allen Religionen stehe, in allen Religionen geehrt würde und dass es doch bittschön nur darauf ankommt, ein guter Mensch zu sein, edel, hilfreich und gut, wie schon Meister Goethe geschrieben hat? 

 

Ja, es stimmt, an dieser Stelle bin ich einseitig. Ich wage es und halte daran fest: „Gottes Wort wurde Mensch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit.“ Das haben mich die Väter und Mütter im Glauben gelehrt und daran möchte ich festhalten. Ich glaube nicht, dass mich dieses Bekenntnis gleich zu einem intoleranten Hassprediger werden lässt. Weil der, an den ich mich halte, mich gelehrt hat, meinen Nächsten zu lieben. Den Nächsten zu lieben bedeutet aber nicht, ihm nach den Mund zu reden. Den Nächsten zu lieben bedeutet nicht, zu leugnen, was man als Wahrheit erkannt hat. 

 

Was bewahrt unser leidenschaftliches Bekenntnis vor lieblosem Fanatismus? Ich denke, es ist die Lebensgemeinschaft mit Christus. „Wenn in euch bleibt, was ihr von Anfang an gehört habt, so werdet ihr auch im Sohn und im Vater bleiben. Und das ist die Verheißung, die er uns verheißen hat: das ewige Leben.“ Da ist es, das Wort, das mir Geborgenheit, Trost und Zuflucht bietet. Der Vater selbst schenkt mir Geborgenheit und Gemeinschaft. Erst dadurch werde ich den Mut finden, bei dem zu bleiben, was ich von Anfang an gehört habe, was mich gelehrt wurde und woran ich glaube. Ich muss auch niemanden überzeugen und schon gar nicht missionieren wollen. Ich muss es nur wagen, zu sagen, was ich glaube. Wer  in der Gemeinschaft mit dem Sohn und dem Vater lebt, lebt ein vom Geist Gottes erfülltes Leben das für sich spricht und das glaubwürdig macht in Wort und Tat. Es muss nach außen hin kein erfolgreiches Leben sein. Es ist vielmehr ein Leben in der Nachfolge und in der Lebensgemeinschaft dessen, der in einem Stall geboren wurde, der mit seinen Eltern als Kind ein Emigrantendasein geführt hat, der als Erwachsener angefeindet und schließlich verraten wurde, der sein Leben als Verurteilter am Kreuz beschlossen hat  - und den Gott am dritten Tag auferweckt hat.  Das zeigt mir, dass ein Leben im Glauben nicht zwangsläufig ein einfaches und unkompliziertes Leben ist, es ist ein ständiges Ringen um die Wahrheit und doch ein Leben, wie es tiefer und reicher nicht sein kann, weil es ein leidenschaftliches Leben ist. 

 

Es ist ein Leben in der Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott, der uns in Jesus Christus nahe gekommen ist. Wenn wir auf Christus schauen, schauen wir Gott und leben wir mit ihm. Ein Leben, das wir aus eigener Kraft nicht führen können. Und doch ein Leben, zu dem wir berufen sind. Wir sollen Zeugnis ablegen, auch im neuen Jahr, Zeugnis von dem, was wir von Anfang an gehört haben und wofür unser Herz brennt. Deshalb brauchen wir das Gebet, die Bitte um Wegbegleitung, um Mut zum Christus - Bekenntnis und zur Christus-Treue im neuen Jahr. Eine Treue, die durch die Liebe glaubwürdig wird, also des Glaubens würdig wird. Am letzten Tag im alten Jahr möchte ich um diese Wegbegleitung mit Worten aus dem Gesangbuch bitten, damit das Jahr 2018 ein Jahr des Herrn und damit ein gnadenreiches Jahr wird. 

 

„Hilf du uns durch die Zeiten / und mache fest das Herz, / geh selber uns zur Seiten / und führ uns himmelwärts. / Und ist es uns hienieden / so öde, so allein, / o lass in deinem Frieden / uns hier schon selig sein.“ Amen.

31.12.2017


Himmlische Aussichten und eine Tränenperle. Predigt über Offenbarung 7,9-12 am 2. Christtag 

In diesen Tagen betrachte ich gerne die Weihnachtskrippe in unserer Kirche. Im Zentrum sehen wir das Christuskind mit Maria und Josef. Die Hirten haben sich von ihrem Lagerplatz aufgemacht, um das Wunder zu bestaunen, von dem ihnen der Engel erzählt hat.  Ehrfürchtig treten sie vor die Krippe. Der Engel – der darf natürlich auch nicht fehlen. Er deutet das Geschehen, indem er auf das Kind weist. Und von weit her machen sich die Weisen auf den Weg. Sie bringen dem Kind ihre Gaben: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Sie sind noch unterwegs.  Und ich – der Betrachter – ich gehöre auch dazu. Irgendwo zwischen den Hirten möchte ich mich einreihen in die Schar derer, die herzukommen, um dem Kind die Ehre zu erweisen. Fremd fühle ich mich nicht. Die Personen der Weihnachtsgeschichte sind mir vertraut. Jahr für Jahr höre ich die Geschichten aus der Bibel, die meiner Seele gut tun.

Der Abschnitt aus der Offenbarung, den wir heute hören, passt nicht in das Bild. Was hat das letzte Buch der Bibel mit Weihnachten zu tun? Johannes führt uns nicht nach Bethlehem. Ein himmlischer Ausblick – das wird uns heute geschenkt. So wie es eine Vorgeschichte zu Weihnachten gibt – wir hören davon im Advent – , so gibt es auch eine Nachgeschichte. Einen himmlischen Epilog gewissermaßen. Weil aber in Gottes Händen Zeit und Ewigkeit ineinander übergehen, könnte es auch sein, dass sich das, was wir gleich hören und was noch zu kommen scheint, im Himmel längst als erfülltes Geschehen gefeiert wird. Was nach unserem Empfinden also noch kommen wird,  ist mit dem Heiligen Abend in Bethlehem bereits in Anbruch und im Himmel längst vollendet. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft scheinen im Himmel eins zu sein. Deshalb  müssten wir heute noch ein paar Figuren zu unserer Weihnachtskrippe dazustellen. Wobei die Mengenangabe  „ein paar“ reichlich untertrieben ist. Johannes spricht schließlich von einer großen Schar aus allen Nationen, Stämmen, Völkern und Sprachen, unzählbar ist sie. Da würde der Platz nicht ausreichen. Sie versammeln sich um einen Thron. Für den müssten wir auch noch einen Platz finden Vielleicht neben den Futtertrog mit dem Christuskind? Tiere kommen auch vor in der Weihnachtsgeschichte. Ochs und Esel und Schafe. Und ein Lamm. Das sitzt auf dem Thron.   

  

Werfen wir also mit Johannes einen Blick in de Himmel, schauen wir auf das, was noch aussteht und im Himmel bereits gefeiert wird: „Danach sah ich, und siehe, eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen; die standen vor dem Thron und vor dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern und mit Palmzweigen in ihren Händen,  und riefen mit großer Stimme: Das Heil ist bei unserm Gott, der auf dem Thron sitzt, und bei dem Lamm! Und alle Engel standen rings um den Thron und um die Ältesten und um die vier Wesen und fielen nieder vor dem Thron auf ihr Angesicht und beteten Gott an und sprachen: Amen, Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Kraft und Stärke sei unserm Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.“ (Luthertext 2017 – herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft Stuttgart) 

  

Himmlische Aussichten sind das.  Alle, die dort oben versammelt sind,  loben Gott, ohne Unterschied von Herkunft, Rang und Sprache.  Wir hören ihren Jubelruf: „Das Heil ist bei dem, der auf dem Thron sitzt, unserm Gott und dem Lamm!“ Mit diesem Bekenntnis fallen sie nieder und beten an. Auch das ist Fortsetzung und Vollendung von dem, was bescheidenen und zaghaften Anfang im Stall von Bethlehem begonnen hat. Dort knien die Hirten vor dem Kind. Sie schauen und staunen. Und über allem Schauen und Staunen werden sie so froh, dass sie Gott loben. Dieses Lob breitet sich aus über den Weltkreis und vollendet sich im Himmel. Wenn wir unsere Lieder singen, stimmen wir ein in diesen Lobgesang, schließen wir uns zusammen mit den Hirten im Stall und den Vollendeten im Himmel. 

  

Etwas fehlt mir im Krippenidyll der Heiligen Nacht. Das möchte ich heute den Jesuskind zu Füßen legen. Ich denke, es gehört dazu und es findet auch bei Johannes eine Würdigung. Ich möchte heute eine symbolische Träne dem Jesuskind zu Füßen legen. Die Träne steht für die vielen, unschuldigen Opfer, für die Märtyrer, die für den Glauben an Christus ihr Leben lassen mussten. Die finden wir alle wieder, versammelt um den Thron. „Diese sind’s, die gekommen sind aus der großen Trübsal  …“ werden wir später eine Stimme sprechen hören. Einer von ihnen mag wohl Stephanus sein. Der kirchliche Festkalender erinnert heute an ihn. Stephanus war Diakon in der Jerusalemer Urgemeinde. Er sollte für die gerechte Verteilung der Lebensmittel unter den  Witwen in der Gemeinde  sorgen. Er  fiel einer Intrige zum Opfer. Man zerrte ihn vors Gericht. In einer flammenden Predigt legte er Zeugnis von seinem Glauben ab und wurde dafür gesteinigt. Noch im Sterben sieht er Christus zur Rechten Gottes  sitzen und findet die Kraft, für seine Peiniger zu beten. In einer Randnotiz berichtet die Apostelgeschichte von einem jungen Mann, der die Kleider der Männer bewachte, die Stephanus töteten. Das war Saulus, der später als Völkerapostel ebenfalls den Märtyrertod sterben wird. Er fand Gefallen an der Hinrichtung, schreibt die Apostelgeschichte. 

  

Die symbolische Tränenperle lege ich dem Jesuskind in die Krippe. Sie gilt allen Menschen, die bis heute gedemütigt, gefoltert, verfolgt, vergewaltigt und ermordet werden – manchmal im Namen Gottes und manchmal im Namen einer politischen Überzeugung . Die Welt ist nicht besser geworden seit damals. Und doch hat sich in der Heiligen Nacht etwas geändert. Die Welt hat Hoffnung im Leid bekommen. Diese Hoffnung nimmt Gestalt an in einem Menschen und in einem Tier: in einem Kind, das in einer Futterkrippe liegt und im Lamm, das auf einem Thron sitzt.  Eigentlich müssten die Mächtigen sie nicht fürchten: Kinder sind schwach. Und Lämmer hilflos. Die Kinder können nichts ausrichten gegen Soldaten. Und die Lämmer nichts gegen den Schlachter. Und doch erschrak Herodes, als er von der Geburt des Kindes hörte.  Und das Lamm wird häufig mit einer Siegesfahne dargestellt. „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“  Dieses Gotteswort aus dem 2 Korintherbrief könnte eine Erklärung dafür sein, warum das Kind in der Krippe und das Lamm so bedrohlich sind für die finsteren Mächte. Vom Kind und vom Lamm geht eine Kraft aus, vor der am Ende die Mächtigen dieser Welt kapitulieren müssen. Im Kind und im Lamm erscheint uns die Macht der Liebe Gottes. Gott wird ein Kind. Gott wird Mensch. Einer der mit seinen Weg der Gottes – und Nächstenliebe eine Bahn bricht durch die Wogen der Trübsal und des Leids. Gott wird ein Mensch, der seinen Weg geht wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird und so die Macht des Todes zerbricht. 

  

Einen himmlischen Ausblick – oder sollte ich besser sagen: Einblick - erhalten wir an diesem zweiten Weihnachtsmorgen. Im Himmel kommt zur Vollendung, was mit der Weihnachtsgeschichte beginnt. Die Herrschaft des Schwachen, des Lammes, des Kindes, wird sich durchsetzen, dann wird aufgehoben, was jetzt das Leben schwer macht: sie werden nicht mehr hungern noch dürsten; es wird auch nicht auf ihnen lasten die Sonne oder irgendeine Hitze; denn das Lamm mitten auf dem Thron wird sie weiden und leiten zu den Quellen des lebendigen Wassers, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen. Das wird von den Menschen gesagt, die durch die große Trübsal gegangen sind. Menschen wie Stephanus, die vielen bekannten und unbekannten Märtyrer, aber sicher auch wir. Auch, wenn wir nicht verfolgt werden um unseres Glaubens willen, müssen wir alle einer großen Trübsal standhalten und eine große Bewährungsprobe bestehen: wir müssen sterben, früher oder später. Was hilft uns in dieser großen und doch individuellen Trübsal? Ich denke, der himmlische Ausblick, an dem wir teilhaben durften, das Vertrauen darauf, dass unsere Tränen gezählt sind  und dass wir alle geborgen sind unter der Herrschaft des Kindes von Bethlehem und des Lammes auf dem Thron. 

  

Was können wir tun? Wir können einstimmen in den Lobgesang, der bereits laut geworden ist und in dem die Grenzen durchlässig werden zwischen uns Menschen auf dieser Welt und denen, die bereits vor dem Thron stehen. Und dann können wir es wie die Hirten machen. Wir kehren um in unseren Alltag und preisen und loben Gott für das, was uns erzählt worden ist. Unser Alltag hat sich verändert. Er wird erfüllt von einer großen Freude, getragen von einer ewigen Hoffnung. Wir sprechen von dem, was uns Kraft gibt, weiterzuleben. Wir sprechen von der großen Hoffnung, die wir haben, dass wir geborgen sind unter der Herrschaft des Kindes und des Lammes. Wir erzählen, worauf wir unser Vertrauen setzen: auf die Macht der Liebe, die in den Schwachen kräftig wird. Amen. 

26.12.2017



Kind Gottes sein! Predigt über 1.Joh.3,1-6 zum Christfest  (25.12.2017) 

„Das ist meine Tochter!“ flüstert mir der Mann stolz zu. Er deutet auf das Mädchen, das vorne auf der Bühne steht und beim Konzert des Schulorchesters mit der Geige einen Solopart spielt. Ja gut, ein paar kleine Patzer sind im Vortrag zu hören. Aber das stört den Vater nicht. Seine Tochter steht vorne und spielt vor Publikum. Das macht ihn stolz. Als wir alle freundlich applaudieren, möchte der junge Mann am liebsten aufstehen und sich verneigen. An diesen Auftritt denke ich, wenn ich den Abschnitt aus dem ersten Johannesbrief lese. Gott ist, so erfahren wir, wie der junge Vater. So groß ist seine Liebe, dass sie aus gewöhnlichen, fehlerhaften und nicht immer liebenswerten Menschen Gottes Kinder macht.  Johannes schreibt:

 „Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum erkennt uns die Welt nicht; denn sie hat ihn nicht erkannt. Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen: Wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist. Und jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat, der reinigt sich, wie auch jener rein ist. Wer Sünde tut, der tut auch Unrecht, und die Sünde ist das Unrecht. Und ihr wisst, dass er erschienen ist, damit er die Sünden wegnehme, und in ihm ist keine Sünde. Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht; wer sündigt, der hat ihn nicht gesehen noch erkannt. (Lutherbibel 2017, herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft, Stuttgart) 

 

Johannes spricht in einem Atemzug von Gottes Liebe und von unserer Bestimmung. Er sagt: „seht, welche Liebe uns der Vater erwiesen hat, dass wir Gottes Kinder heißen sollen - und wir sind es auch!“ Wir  sind Gottes Kinder. Was für eine Aussage. Ich denke heute bei diesen Worten an die Weihnachtsgeschichte. Dort sehen wir die Kinder Gottes  vor der Krippe stehen – die Hirten auf dem Feld ebenso wie die frommen Pharisäer in Jerusalem oder die Weisen aus dem Morgenland. Und nicht nur die. Auch du und ich – wir dürfen uns dazu stellen! Johannes sagt uns an diesem weihnachtlichen Morgen, dass wir dazu gehören. Wir gehören zur Familie Gottes. Und Gott sieht uns mit besonderen Augen an. Liebevoll sieht er uns an. Die Patzer, die Misstöne in unserem Leben, stören diese Liebe nicht. Vielleicht fragt ihr euch, warum das so ist. Gott liebt uns um des Kindes willen, dessen Geburt wir feiern. Er schaut nicht auf unsere Fehler, sondern auf den Weg, den das Kind gegangen ist. Ein Weg der Versöhnung und des Friedens. Ein Weg aus der Entfremdung zurück in die Geborgenheit beim Vater. Ein Weg zurück ins Elternhaus. 

 

Wir sind Gottes Kinder! Wer von uns das Glück hatte, behütet aufgewachsen zu sein, der kann mit dieser Aussage etwas anfangen. Er wird gerne an seine Kindheit  zurückdenken, vor allem zu Weihnachten. Wer den Segen einer glücklichen Kindheit erfahren hat, der mag sich das heute gerne sagen lassen, dass er ein Kind Gottes ist. Weil er erfahren hat, wie schön es sein kann, ein Kind zu sein. Kind sein bedeutet: geborgen zu sein, ein Zuhause zu haben, behütet aufzuwachsen, Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Großeltern, Onkel oder Tanten zu haben, Menschen, die dir sagen: wir haben dich lieb, wir sind stolz auf dich. 

 

Tappen wir jetzt in die Weihnachtsfalle? Die schnappt zu, wenn wir in Erinnerungen schwelgen und dabei das „Kind-sein“ verklären. Unsere Weihnachtslieder können dazu verleiten. Wir besingen den „holden Knaben im lockigen Haar“ und vielleicht stiehlt sich dabei auch eine Träne der Rührung in die Augenwinkel. Wir stehen vor der Weihnachtskrippe und singen: „da liegt es das Kindlein, auf Heu und auf Stroh, / Maria und Josef betrachten es froh.“  Ob das wirklich so war?  Vielleicht hat Josef insgeheim doch noch gezweifelt an der Treue seiner Frau? Und Maria, vielleicht hat sie schon geahnt, welchen Kummer sie wegen ihres Kindes noch haben wird? Der Dichter des Kinderliedes aus unserem Gesangbuch erinnert an den Weg, den das Kind geht und schreibt: „O betet: Du liebes, du göttliches Kind, /  was leidest du alles für unsere Sünd! / Ach hier in der Krippe schon Armut und Not, / am Kreuze dort gar noch den bitteren Tod.“ Aber diese Strophe  fällt am Heiligen Abend meistens unter den Tisch. Den Tod möchten wir ausklammern. Wenigstens einmal im Jahr möchten wir so tun, als ob es ihn nicht geben würde. 

 

Wir feiern an Weihnachten aber nicht die Geburt des holden Knaben mit lockigem Haar, sondern des Kindes, das keine Heimat hat. Seine Eltern müssen mit ihm fliehen, ins Exil gehen nach Ägypten, weil ihm Herodes nach dem Leben trachtet. Selbst nach dem Tod des Königs wagen sie sich nicht zurück nach Bethlehem. So arg sitzt ihnen die Angst im Nacken. Sie gehen zurück nach Nazareth. Dort soll Jesus in Ruhe aufwachsen können. 

 

Wir sind Kinder Gottes. Das ist der Gott, der in die Schatten der Welt hineingegangen ist, sie durchlebt und durchlitten hat. Wir sind Kinder des Gottes, der zu den Heimatlosen gegangen ist, der sie zu sich gerufen hat, um Ihnen ein Zuhause zu schenken – den niedrigen, den geschundenen, den geschlagenen, den verwundeten, den sterbenden Menschen. Gott bietet ihnen und uns ein Zuhause an.  Er lädt uns ein, in seiner Nähe zu leben. Nicht, weil wir es verdient hätten, sondern weil er uns liebt. Johannes sagt, dass wir Gott gleich sein werden. wenn wir bei ihm ankommen, werden wir ihn sehen, wie er ist – liebevoll. Und wenn wir bei ihm ankommen, werden wir so sein, wie er uns ursprünglich geschaffen hat, wir werden rein sein, was uns belastet, beschwert, traurig oder schuldig macht, wird von uns abfallen. An Weihnachten sind wir eingeladen, uns auf den Weg zu machen, hin zur Krippe. Dort ist er der Eingang in das Leben, zu dem wir bestimmt sind. Dort werden wir finden, was wir unser Leben lang suchen – Geborgenheit und Liebe, ein Zuhause eben. Allerdings kostet der Heimweg zu Gott Mühe. Wir müssen aufstehen, hingehen, dorthin, wo das Jesuskind, dort wo Gott selbst zu finden ist. Vielleicht gefällt uns der Ort nicht, an dem das göttliche Kind zu finden ist? Im „Lied vom verlorenen Jesuskind“ zeigt uns der Dichter Jean Annouilh die Orte, an denen wir suchen müssen, wenn wir das Jesuskind finden wollen, dessen Brüder und Schwestern wir doch sind. 

 

"Jesuskind, wo bist du? Du bist nicht mehr zu sehn. / Leer ist deine Krippe, wo Ochs und Esel stehn ... / Ich seh Maria, die Mutter, und Joseph Hand in Hand, / ich seh die schönen Fürsten vom fernen Morgenland. / Doch dich kann ich nicht finden. / Wo bist du, Jesuskind?" "Ich bin im Herzen der Armen, die ganz vergessen sind." / "Maria, voller Sorgen, die sucht dich überall, / draußen bei den Wirten, in jeder Eck im Stall. / Im Hof ruft Vater Joseph und schaut ins Regenfass. / Sogar der Mohrenkönig, er wird vor Schrecken blass. / Alles sucht und ruft dich: / Wo bist du, Jesuskind?" / "Ich bin im Herzen der Kranken, die arm und einsam sind." / "Die Könige sind gegangen, sie sind schon klein und fern; / die Hirten auf dem Felde, sie sehn nicht mehr den Stern. / Die Nacht wird kalt und finster - erloschen ist das Licht. / Die armen Menschen seufzen: Nein, nein, das war Er nicht! / Doch rufen sie noch immer: / Wo bist du, Jesuskind?" / "Ich bin im Herzen der Heiden, die ohne Hoffnung sind." 

 

Das sind die Orte, an denen der Gottessohn bis heute  zu finden ist. Dorthin hat er sich begeben, zu den Heillosen, damit  in seiner Nähe die Wunden heilen, die wir Menschen einander zugefügt haben. Zu den Kranken, die jegliche Hoffnung auf Genesung aufgegeben haben, zu den Skeptikern, den Zweiflern, die ihren Glauben im Lauf der Jahre verloren haben. Dort ist er zu finden, dessen Geburt wir feiern – Jesus, Gottes Sohn und unser Bruder. Es könnte allerdings auch sein, dass wir schon längst angekommen sind. Es könnte sein, dass er es ist, der zu uns kommt. Weil wir selbst zu den Armen, den Kranken, den Hoffnungslosen und den Ungläubigen gehören, weil wir tagaus und tagein mit der Enttäuschung ringen, weil uns nichts gelungen ist, unsere Pläne und Wünsche von der Realität über den Haufen geworfen wurden. Vielleicht ist er bei uns zu finden, den Gescheiterten, die einfach ihr Leben nicht auf die Reihe bekommen, vielleicht ist er bei uns zu finden, den Kranken, wenn wir wieder mal eine Tablette zu viel geschluckt haben, weil wir den fiesen Schmerz nicht ertragen können, der unseren Körper aushöhlt und uns fertig macht. Vielleicht steht er längst neben uns und zeigt uns den Weg, wenn wir nicht weiter wissen. Dann müssen wir nichts anderes tun, als aufzuschauen, hinzuschauen, ihn anschauen.  „Für dich bin ich gekommen“ sagt er zu uns. „Ich bin gekommen, damit du die Last deines Lebens nicht allein tragen musst.“ Und dann wird er uns daran erinnern, warum wir es doch gut haben. „Du brauchst dich nicht plagen“, sagt er. „Ich hab alles für dich getan, was nötig ist, damit du zum Frieden findest.“ Dann werden wir staunen und spüren: wir, die Unbehausten, die Einsamen, wir  haben eine Familie. Wir haben einen Vater, der uns liebt, der sich um uns sorgt – und der stolz auf uns ist, trotz allem, was schief gegangen ist im Leben. 

 

Seht, welche Liebe uns der Vater erzeigt hat, dass wir Gottes Kinder sind, sagt Johannes. Gott selbst ist wie der stolze Vater, von vorhin.. Er sieht auf Jesus und er  schaut auf uns. „Das sind meine Kinder“ sagt er und öffnet uns an Weihnachten sein Herz, damit wir bei ihm ein Zuhause finden, einen Ort, an dem wir geborgen sind. Ein Zuhause, aus dem uns nichts und niemand vertreiben kann. Das Tor zu seinem Herz hat uns Jesus geöffnet – indem er unsere Leben geteilt hat, unsere Tränen mitgeweint, unsere Schmerzen getragen, unsere Schuld getilgt und unseren Tod überwunden hat. Unser Elend, unsere Enttäuschung, unsere Krankheit und unser Schmerz, unsere Zweifel und unsere Hoffnungslosigkeit  verwandeln sich, sie werden wie Stall und Krippe zum Ort, an dem Gottes Sohn wohnen will, sie werden zum Ort des Heils und der Heilung. Und dann können wir uns doch wieder freuen – und die Lieder der Freude singen, zusammen mit den anderen. Die Patzer und Fehler in unserem Leben und in unseren Liedern stören Gott nicht. Wir sind ja seine Kinder. Nicht, weil wir so gut sind, sondern weil er uns liebt. Amen. 

25.12.2017


In allem den Abglanz Gottes sehen. Dem Geheimnis von Weihnachten auf der Spur. Predigt am Heiligen Abend (24.12.2017

Was ist das Geheimnis von Weihnachten? wollte der Junge wissen. Weil er niemanden hatte, den er fragen konnte, schaltete er den Computer an und tippte die Frage in eine Suchmaschine. So macht man das heute. Diesmal allerdings blieben ihm Google & Co die Antwort schuldig. Die Vorschläge, die sie ihm anboten, wollten ihm nicht so recht gefallen: „40 Predigten zu Weihnachten“ wurden ihn in Aussicht gestellt sowie unzählige Zitate und Aphorismen zum Thema „Geheimnis,“ ein Wikipedia Eintrag über „Christliche Feste und Feiertage“ und eine Wortanalyse über die Herkunft des Begriffs „Geheimnis.“ "So wird das nichts", dachte der junge Mann. Er war verzweifelt. Ob er es einmal auf die gute alte Art versuchen sollte? So, wie das die Menschen früher gemacht hatten? Einen Menschen mit Lebenserfahrung aufsuchen und fragen? Aber wen? Den Pfarrer? Der hat in diesen Tagen keine Zeit! Die Eltern? Kann man vergessen. Die haben von Religion keine Ahnung. Die Großeltern? Ja, die vielleicht! Aber die machen gerade Winterlaub in Thailand. Der junge Mann ist nicht zu beneiden. Als er seinen Computer gerade herunterfahren wollte, wurde sein Blick von einem Satz eingefangen; „Ein Einsiedler lebte allein auf einem Berg ...“ konnte er noch lesen, bevor der Bildschirm schwarz wurde. Einsiedler! Waren das nicht fromme und gelehrte Männer? So hatte er es einmal gehört. Einsiedler wussten meistens Antworten, die andere nicht geben konnten. Also fährt er den Computer wieder hoch, tippt den Satz aus dem Gedächtnis ein und findet eine faszinierende Geschichte. Ihm war, als ob sie für ihn geschrieben wurde. Sie handelt von einem jungen Mann, der sich- wie er selbst -  mit einem Bündel voll Fragen auf den Weg gemacht hat und Antworten bei  diesem Einsiedler gefunden hatte. Er wollte wissen, wie die Welt und die Menschen besser zu verstehen seien. Hören wir also die Geschichte:

„Ein Einsiedler lebte allein auf einem Berg in einer Hütte. Menschen, die Hilfe suchten, besuchten ihn dort hin und wieder. Auch ein junger Mann pflegte ihn dort aufzusuchen. „Was lernst du?" fragte der Alte ihn. „Ich lerne, das Große groß und das Kleine klein zu sehen", antwortete der Besucher. „So lerne weiter", entließ ihn der Einsiedler. Im Jahr darauf kam der Junge wieder. Und wiederum wurde er gefragt: „Was lernst du?" „Ich lerne, dass das Große klein und das Kleine groß sein kann." „So lerne weiter." Der alte Mann entließ ihn. Auch im Jahr darauf fand sich der junge Mann wieder in der Hütte ein. Auf die Frage des Einsiedlers antwortete er: „Ich habe gelernt, dass es nichts Geringes gibt." „Das ist sehr gut", erhielt er zur Antwort, „so lerne weiter." Danach kam der Junge viele Jahre nicht mehr zur Hütte am Berg. Doch der alte Mann sorgte sich nicht um ihn. Als der junge Mann danach den Einsiedler wieder besuchte, sah ihn dieser lächelnd an. „Ich habe gelernt, auf allen Dingen und in allem den Abglanz Gottes zu sehen", sprach er. Da umarmte ihn sein Lehrer und segnete ihn. (Quelle unbekannt) 

 

Für mich wird das heute Abend zu einer Geschichte, mit der wir dem Geheimnis von Weihnachten auf die Spur kommen. Sie lehrt uns, das Geschenk wahrzunehmen, das Gott uns in der heiligen Nacht macht. Um das zu verstehen, müssen wir uns auf den Weg machen, wie der junge Mann. 

 

„Ich lerne, das Große groß und das Kleine klein zu sehen", sagt er zu dem Einsiedler. Wie schwer uns das oft fällt, das Große groß und das kleine Klein sein zu sehen und es – das füge ich hinzu – so zu lieben, wie es ist: das Große und das Kleine in der Welt, in der ich lebe. Es geht darum, die Gegebenheiten  zu nehmen wie sie sind: meine Familie, in die ich hinein geboren bin, die Menschen, mit denen ich lebe, die Frau oder der Mann an meiner Seite. Kann ich sie lieben - so, wie sie sind? Kann ich sie groß oder klein sein lassen? Oder bin ich unzufrieden, weil ich sie gern anders haben möchte? Kann ich Weihnachten einfach Weihnachten sein lassen? Wird Weihnachten wirklich erst dann schön, wenn die Rahmenbedingungen perfekt sind, wenn es draußen kalt ist und schneit. Wenn der Heilige Abend nach Plan abläuft? Wenn die Kinder nicht meckern, weil sie heute nicht zu ihren Freunden gehen sollen? Wenn der Partner einmal nicht nach dem Essen einfach den Fernseher aufdreht und dann einschläft? Was aber, wenn halt doch wieder keine besinnlichen Lieder gesungen werden? Ist dann weniger Weihnachten? Wie gut, dass im Himmel andere Maßstäbe gelten. Hätten die Engel sonst vom Frieden auf Erden singen können, wenn sie daran eine Bedingung geknüpft hätten? Die Hirten waren Hirten, als ihnen der Engel des Herrn erschienen ist. Sie haben sich nicht verändert. Sie sind Hirten geblieben – ungepflegt, arm, raubeinig – und ein wenig gestunken haben sie sicher auch.   Nur, dass sie fröhlicher geworden sind, in dieser Nacht. Sie haben gespürt, dass das Kind in der Krippe um ihretwillen geboren ist. Sie müssen nicht erst das Hemd und den Beruf wechseln, damit sie von Gott angeschaut werden. Auch die Sterndeuter, die Könige aus dem Morgenland, sind geblieben was sie waren: Könige, Gelehrte, vornehme Heiden. Sie müssen nicht erst die Religion wechseln, damit das Kind in der Krippe sie anlächelt. Sie dürfen so bleiben, wie sie sind. Nur, dass ihr Herz jetzt voll Hoffnung ist, als sie wieder heim reisen, wahrscheinlich nach Babylonien. Gottes Liebe überwindet die Grenzen, die wir Menschen hochziehen, sie überschreitet sogar die Grenzen von Kultur und Religionen. Das erfahren die Sterndeuter und werden dankbar. Gott sieht die Menschen liebevoll an, die Großen und die Kleinen. Das ist die Botschaft von Weihnachten. 

 

Das Große groß und das Kleine klein zu sehen also die Gegebenheiten so sein zu lassen, wie sie sind, bedeutet allerdings nicht, dass alles beim Alten bleibt, dass die alten Zustände festgeschrieben werden, dass sich nichts ändern darf. Die Freude hat sie ja verändert – die Hirten und die Sterndeuter. Die Freude, dass Gott sie mit den Augen eines Kindes anschaut. Weihnachten lehrt uns, die Dinge in einem neuen Licht zu sehen. Wir lernen, mit den Augen des Kindes zu sehen. Wir lernen, das, was ist, liebevoll anzuschauen. Das verändert uns, wie es den jungen Mann verändert hat. 

 

Im Jahr darauf kam der Junge wieder. Und wiederum wurde er gefragt: „Was lernst du?" „Ich lerne, dass das Große klein und das Kleine groß sein kann."  In Wahrheit sind die Dinge oft nicht so, wie sie uns erscheinen:  das, was wir für groß und wichtig halten, erweist sich in Wahrheit als aufgebläht. Umgekehrt: Das kleine, das scheinbar bedeutungslose kann seine wahre Größe zeigen, wenn ich mir die Mühe mache, genau hinzusehen. Unter dem Stern von Bethlehem erscheinen die Menschen im rechten Licht. Unter dem Stern von Bethlehem werden die Irrtümer entlarvt. Das beste und zugleich traurigste Beispiel dafür ist Herodes. Er hält sich für so unsagbar groß und zittert vor einem Kind um seine Macht. Er steht für die Schattenseite von Weihnachten. Die gibt es auch. Die Schatten des Todes, die Enttäuschung, die Angst lösen sich nicht ohne weiteres im Lobgesang der Engel auf. Aber sie sind durchlässiger geworden für die Hoffnung. Unter dem Stern von Bethlehem wird uns die Möglichkeit geschenkt im Kleinen das wirklich Große zu entdecken und sich darüber zu freuen: im Lächeln des Kindes entdecken wir das Lächeln Gottes! Was für ein Geschenk. 

 

Das führt uns zur nächsten Entdeckung, die der junge Mann in der Geschichte machte und an der wir teilhaben dürfen: es gibt nichts Geringes, sagt er zu seinem Meister. Nichts ist unwichtig, nichts unbedeutend, alles hat seinen Wert. Die Krippe darf arm und bescheiden sein. Der Stall darf unaufgeräumt bleiben, obwohl hoher Besuch ansteht. Die Hirten dürfen ärmliche Kleidung tragen, obwohl sie dem König der Welt begegnen. Und die Sterndeuter dürfen todmüde sein, nach der langen Reise aus dem Morgenland. Weihnachten in Deutschland darf verregnet sein. Die Kinder dürfen einen anderen Geschmack als die Eltern haben und umgekehrt natürlich auch. Die Nacht wird deswegen nicht weniger heilig sein, auch wenn sich unsere Wünsche nicht erfüllen. Heilig wird sie durch das Geschenk, das Gott den Menschen in dieser Nacht gemacht hat. 

 

„Ich habe gelernt, auf allen Dingen und in allem den Abglanz Gottes zu sehen,“ sagte der junge Mann zum Einsiedler in unserer Geschichte. „Da umarmte ihn sein Lehrer und segnete ihn.“ In allem den Abglanz Gottes zu sehen, den Glanz seiner Liebe, der aus dem Stall und der Krippe eine himmlische Residenz macht, in der sich die Welt versammelt. In allem den Abglanz Gottes zu sehen, der die Dinge und die Menschen heilig spricht und unter den Schutz des Höchsten stellt. Wer den Abglanz Gottes erkennt, der kann das Große groß und das keine klein sein lassen, weil er hinter die Dinge schaut, weil er die wahren Zusammenhänge entdeckt. Es ist der Zusammenhang der Liebe: der Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat, erscheint im Kind von Bethlehem. Er lächelt die Welt an und verbindet sie miteinander, die Hirten, die Könige und uns. Er verbindet uns miteinander zur großen Familie Gottes, in der das Große groß und das Kleine klein sein darf und in der das Wunder geschieht – dass das Kleine sich als großartig erweist, dass Gott ein Kind wird, das die Welt rettet. 

 

Dem Geheimnis von Weihnachten sind wir auf der Spur – vielleicht ist das eine Lebensaufgabe: das Kleine klein, das Große groß sein lassen und in allem und auf allem den Abglanz Gottes zu sehen, sogar auf uns fragenden, unruhigen und umgetriebenen Menschen.  Sollte uns das nicht genug sein, damit es Weihnachten werden kann in uns? Amen. 

24.12.2017

 


Wo bleibst du, Trost, der ganzen Welt? Predigt über Jesaja 63,15f.19b;64,1-3 am 2.Advent 

Adventszeit – das ist Liederzeit. Ich singe gerne und spüre, wie etwas von der Freude, der Vorfreude auf den, dessen Kommen erwartet wird, aus den Worten und Melodien der Adventslieder Eingang in mein Herz findet. Unser Abschnitt aus dem Jesajabuch ist auch ein Lied. Aber kein fröhliches. Es ist ein Klagelied. Aber nicht nur Verzweiflung, auch Erwartung und Hoffnung spricht aus diesen Zeilen. Sie machen aus dem Klagelied ein Adventslied – dabei wird die Not, aus der diese Worte gesprochen werden, nicht verharmlost, das Leid nicht verniedlicht. Doch lassen wir Jesaja zunächst selbst sprechen: 

So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich.  Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, HERR, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name.  Warum lässt du uns, HERR, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind! Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten. ... Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten,  wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten, und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen!  Auch hat man es von alters her nicht vernommen. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.“ (Lutherbibel 2017, herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft)

Gott ist unendlich weit weg von uns! Er lässt uns allein. Er schweigt zu unseren Nöten. Das höre ich aus diesen Zeilen. Israel hat sich nach einem verlorenen Krieg gegen die Großmacht Babylon in einer schweren Glaubenskrise befunden. Die Großen und Einflussreichen sind deportiert worden, die kleinen Leute sind zurück geblieben, der Tempel war ein Schutthaufen. Die Stadt Jerusalem lag in Trümmern. Und Gott schien sich von seinem Volk abgewandt zu haben. Aber in seiner Not gibt sich Israel mit dem Schweigen Gottes nicht zufrieden. Es stimmt einen Psalm an. Einen Klagepsalm 

 

Gott scheint zu schweigen. Das ist die Erfahrung, die bis heute immer wieder Menschen machen, auch Fromme, auch Gottergebene. Ich denke an die  krebskranke Frau auf der Palliativstation im Krankenhaus oder an den durch einen Arbeitsunfall gelähmten Familienvater. Ich denke an alle, die nicht schlafen können, weil sie eine Frage quält, auf  die sie keine Antwort finden:  Warum ich? Warum bin ich krank geworden? Warum ist mein Kind gestorben? Warum müssen wir hungern und frieren? Warum dürfen wir nicht im Frieden leben? Warum hilft uns denn niemand?

Viele heben dabei den Blick zum Himmel, falten die Hände und wenden sich an den, der doch die Fäden in der Hand hält und die Geschicke der Welt zu lenken scheint. Andere haben das aufgegeben. Gott scheint zu schweigen. Deshalb falten sie nicht mehr die Hände. Sie ballen die Faust. Sie werden zornig und beginnen zu zweifeln. In der Tat: es gibt so viele Gründe, nicht zu glauben, zu zweifeln und zu verzweifeln.

Als Christen fragen wir uns: Was können wir tun, um nicht sprachlos zu werden? Um nicht auch an Gott zu verzweifeln. Das können wir vom Gottesvolk lernen: klagen wir Gott unser Leid, wenn unser Glaube erschüttert wird, behalten wir unsere Not nicht bei uns. Die Klage bewahrt uns vor Sprachlosigkeit, die am Ende in die Resignation führt. Schütten wir unser Herz vor dem aus, der  die  Herzen  schaut. Das Gottesvolk weiß - ohne Gottes Zuwendung ist es verloren. Deshalb der dringende Ruf  nach oben: „So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung!“

In dem  Lied  „O Heiland, reiß die Himmel auf“  nimmt der Jesuitenpater Friedrich von Spee die Prophetenworte aus dem Jesajabuch auf, um sie für seine eigene Zeit neu auszusprechen. Seine Zeit  - das war der 30 jährige Krieg. Das Land war ausgeblutet. Plündernde Landsknechte, mordende Soldaten machten die Gegend unsicher und hinterließen eine Spur der Zerstörung. Den Rest erledigte die  Pest. Kein Wunder, dass die Menschen  in ständiger Angst lebten. So lässt sich die Zeit beschreiben, in der Friedrich von Spee gelebt hat. Zum Krieg, zu den Seuchen und zur allgemeinen Not kam noch der Hexenwahn. Angst macht misstrauisch. Es muss doch einen Schuldigen geben. Das waren die Hexen. Die waren schuld, wenn das Kind starb, , der Blitz eingeschlagen ist, der Hagelschlag die Ernte vernichtet hat. Als Seelsorger begleitete Friedrich von Spee viele Frauen auf ihrem Leidensweg bis zum  Scheiterhaufen - machtlos und zugleich auch voll Trauer und Zorn über das Unrecht, das diesen Frauen widerfahren ist. Er war überzeugt davon, dass keine einzige zu Recht als Hexe verurteilt wurde. Und Gott scheint zu dem Unrecht zu schweigen. In seinen Liedern hat er keinen Hehl daraus gemacht, wie sehr ihn diese Frage belastet hat: „Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, /darauf sie all ihr Hoffnung stellt. / O komm, ach komm vom höchsten Saal/komm tröst uns hier im Jammertal."

Warum sollen wir Gott nicht ebenfalls unsere Not klagen? Vor allem, wenn wir sein Schweigen nicht mehr ertragen können. Wenn die Sehnsucht  nach Trost und Geborgenheit immer heftiger in uns brennt. Es ist besser sein Elend laut hinauszuschreien, als am stummen Kummer zu ersticken. Pater Spee hat seine Not ausgesprochen, sein Herz vor Gott ausgeschüttet: „Hier leiden wir die größte Not, / vor Augen steht der ewig Tod. / Ach komm, führ uns mit starker Hand/vom Elend zu dem Vaterland.“  Wir können von Israel klagen lernen. Und von Pater Spee. Aber nicht nur das! Israel beweint nicht nur das Schweigen seines fernen Gottes. Es hält darüber hinaus fest an dem Bekenntnis, dass Gott immer noch Israels Vater sei. Wie Israel festhalten am Bekenntnis zum Vater, der uns liebt - das kann ein weiterer Schritt gegen die Verzweiflung sein. „Bist du doch unser Vater, denn Abraham weiß von uns nichts .... Du, Herr, bist unser Vater,' Unser Erlöser" ist von alters her dein Name."  So spricht das Gottesvolk, voll Vertrauen, den bitteren Erfahrungen zum Trotz. In diesem Bekenntnis kann es sich bergen. „Du bist unser Vater!“ zweimal wird dieses Bekenntnis ausgesprochen. „Du bist unser Vater!“ Was damit alles gesagt ist:  du Gott, siehst unsere Not. Zu dir können wir rufen, selbst dann, wenn wir alles verloren haben. Du wirst uns nicht aufgeben. Erst recht nicht, wenn wir mit leeren Händen dastehen und nichts anderes vorweisen können, als unsere Zweifel und unsere Hoffnung auf dich!

Es ist nicht mehr als ein von banger Erwartung getragener Stoßseufzer, den das Gottesvolk zum Himmel schickt – aber er ist getragen von einer festen Zuversicht: „Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen..., dass dein Name kund würde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten...!" Getragen von dem Glauben, dass Gott sein Volk nicht für immer verlassen hat, spricht Israel diese Bitte aus, gegen die Mauer aus Unheil, Demütigungen und gegen die Angst, von Gott verlassen zu sein. Und so schließt der Prophet  sein Klagelied mit einem Lob auf den Gott, der wohl tut all jenen, die auf ihn harren. 

Unser Adventslied aus dem dreißigjährigen Krieg schließt ebenfalls mit einem Lob. Diese letzte, dankbare Strophe wurde allerdings erst Jahre später dem Lied hinzugefügt. Aber schließlich heißt es in der Heiligen Schrift, dass alles seine Zeit hat - das Klagen ebenso wie das Danken. Vielleicht hat es diese Zeit gebraucht, bis unser Dichter Friedrich von Spee oder ein anderer nach ihm den Weg vom Klagen zum Danken, aus der Verzweiflung in die Zuversicht gefunden hat, bis er in der Lage war, davon zu sprechen, wie er sich seine  Zukunft in Gottes Reich vorstellen wird: „Da wollen wir all danken dir, / unseren Erlöser für und für, / da wollen wir all loben dich / zu aller Zeit und ewiglich.“  

Als Christen glauben wir, dass dieser Gott zu uns gekommen ist. Deshalb ist das Lied des Jesaja für mich ein Adventslied. Es lebt von der Erwartung. Es wartet auf die Antwort. Gott  hat nicht geschwiegen. Er hat sich nicht zurückgezogen in den Himmel. Er hat ein Wort gesprochen. Ein Machtwort. Es ist Mensch geworden, dieses Wort und hat unter uns gelebt. Jesus Christus heißt dieses Wort. Er ist zu uns gekommen. Gott hat den Himmel nicht zerrissen, die Berge sind nicht zerflossen. Gott ist nicht so gekommen, wie es sich das Gottesvolk ausgemalt hat. Als Kind in der Krippe hat er seinen Weg bei uns begonnen.  Wo Christen dem Herrn ihr Leid klagen, mischt sich in ihr Gebet oft die Bitte um seine Wiederkunft. So werden christliche Klagelieder zu Adventsliedern, die uns die Zeit ansagen, in der wir leben. Es ist die Zeit der Morgendämmerung. Gott wendet sich der Welt zu. Unser Gott kommt und schweigt nicht, sagt ein anderer Psalm. Er hört unsere Klage und er antwortet durch Jesus Christus. Amen.  

10.12.2017


Predigt über Offb.5,1-5 6 – 14) am 1.Advent 2017 in Altenstein

Manche Kinofilme beginnen mit dem Ende der Handlung. Dann wird ein Schriftzug eingeblendet. Etwa: „Ein Jahr zuvor...“ – die Szene verschwimmt, die Zeitblende versetzt uns an den Anfang der Handlung und der Zuschauer darf Schritt für Schritt miterleben, wie eines nach dem anderen geschieht, bis man wieder an dem Punkt angelangt ist, an dem der Film begonnen hat. Ob die Auswahl unseres Predigtabschnitts für den 1. Advent auch so ein Kunstkniff ist? Wir hören heute einen Abschnitt aus der Offenbarung, dem letzten Buch der Bibel. Wir erfahren, was am Ende der Zeiten kommen wird. Wir erfahren, dass die Weltgeschichte ein sprichwörtliches Buch mit sieben Siegeln ist, das niemand öffnen kann. Dem Seher Johannes treibt diese Feststellung die Tränen in die Augen. Doch hören wir selbst, was er uns aufgeschrieben hat:

 

„Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch, beschrieben innen und außen, versiegelt mit sieben Siegeln. Und ich sah einen starken Engel, der rief mit großer Stimme: Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen? Und niemand, weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde, konnte das Buch auftun und hineinsehen. Und ich weinte sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch aufzutun und hineinzusehen. Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm  Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel.“ (Luthertext1984, herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft)

Die Weltgeschichte – ein Buch mit Sieben Siegeln. Darin ist aufgeschrieben, was kommen soll. Wer verfügt über die Geschichte, wer ist der Herr über die Zeit, über jeden Tag, der darin verzeichnet ist?  Vielleicht geht es ihnen wie mir: ich habe oft  das Gefühl, dass ich nicht Herr über meine Lebenszeit bin, nicht einmal über die Zeit, die in meinem Kalender so wohl geordnet erscheint. Es gibt so vieles, das sich in den Vordergrund drängt, meine Gedanken beherrscht, meinen  Tagesablauf bestimmt und  sich im Nachhinein dann doch als unwichtig herausstellt. Wenn ich darüber nachdenke, frage ich mich: wer ist eigentlich Herr über mich und meine Zeit, wer bestimmt und lenkt meine  Tage und Stunden, aus denen sich meine Lebensgeschichte zusammensetzt?

 

Was ich im Kleinen für mich und mein Leben feststelle, kann ich auch im Großen beobachten. Die Weltgeschichte erscheint mir oft als undurchsichtig und beängstigend. Wer hat darin eigentlich das Sagen? Wer lenkt und bestimmt sie? Sind es die gewählten Volksvertreter? Oder sind es nicht doch eher die Vertreter des Kapitals und der Weltwirtschaft? Wer einen Blick in die Geschichte der  Welt wagt, stößt immer wieder auf Menschen, die  den absoluten Anspruch auf die Weltherrschaft und auf die Menschen erhoben haben und den Gang der Geschichte lenken wollten.

 

Zur Zeit des Sehers Johannes, war das der römische Kaiser Domitian. Er hat sich von aller Welt als Gott verehren lassen. Wer den Kniefall verweigert hat, ist getötet oder – wie der Prophet Johannes - auf eine einsame Insel verbannt  worden. Bis heute treten solche Menschen immer wieder auf. Menschen, die Anspruch auf uns erheben –  auf unseren Leib, unsere Seele, auf unsere Zeit, auf unser Leben. Es gibt Menschen, die darüber verfügen wollen. Es gibt Menschen, die uns beherrschen wollen. So bleibt die Frage weiter offen - wer verfügt über die Zeit und über die Geschichte, über unsere persönliche und über die der Welt?

 

Unser Predigtwort verrät die Antwort. Es sagt - wer der Herr ist und entlarvt damit zugleich die falschen Herren mit ihren unrechtmäßigen Besitzansprüchen auf uns, auf unser Leben und auf das Leben der Welt. Was wir hören, lässt hoffen - für uns und unsere Welt. Deshalb können wir im Advent getrost Kerzen anzünden und zuversichtlich sein. Dieser Prophet - so nenne ich Johannes - hat einen Blick in den Himmel werfen dürfen. Er will uns mitteilen, was er gesehen und erlebt hat. Was er erfahren hat, lässt sich kaum in Worte fassen. Gott wäre nicht Gott, wenn er sich mit menschlichen Begriffen beschreiben ließe. Der Prophet Johannes verwendet eine bildhafte und symbolische Sprache aus einer anderen, einer fernen Zeit. Es ist die Bilderwelt des Alten Testaments, die er gebraucht, nicht unsere. Er liefert kein Protokoll ab. Aber er erzählt uns auch kein Märchen! Er malt mit seinen Worten ein Bild von der Welt, in die er hat hineinblicken dürfen. Er vergleicht sie mit einem Thronsaal, ähnlich wie in der prächtigen Residenz  eines Herrschers seiner Zeit, also vor zweitausend Jahren. Wir würden vielleicht andere Bilder verwenden, um Gottes Majestät zu beschreiben. Er sieht einen Hofstaat, versammelt um einen Thron. Gottes Thron.

 

Johannes sieht ein Buch mit sieben Siegeln. Es ist Gottes Geschichtsbuch. Es enthält Gottes Plan für die Welt und für alle, die darin vorkommen. Es ist Gottes Zeitplan. Da ist all das eingetragen, was Gott wichtig ist, da steht alles, was ist, was war und was sein soll. Auch unsere Geschichte mit ihren Höhen und Tiefen ist darin aufgezeichnet. Wir alle spielen darin eine Rolle - weil wir in der Welt leben, um die es in diesem Geschichtsbuch Gottes geht und weil wir Gott unendlich wichtig sind. Sieben Siegel trägt dieses Buch. Siegel sind Hoheitszeichen: was in diesem Buch steht, ist beschlossene Sache. Es ist Gottes Sache, weil es Gottes Siegel sind, die an diesem Buch hängen.

 

Und nun hört der Prophet Johannes eine Frage. „Wer ist würdig, die Siegel aufzubrechen und das Buch zu öffnen?“ Die Antwort ist niederschmetternd. Niemand ist würdig, Gottes Plan mit dieser Welt, den Geschichtsplan aufzurollen und gar auszuführen. Ist die Welt deshalb der Spielplatz von Menschen wie dem machthungrigen Domitian und seinen Nachfolgern?

 

Heute dürfen wir mit dem Propheten Johannes einen Blick in den Himmel werfen - und müssen erfahren, dass niemand da ist, der diesen Plan Gottes ausführen kann. Das ist zum Heulen. Dem Seher Johannes kommen deshalb die Tränen. Er weint, bis ihn endlich eine Stimme ruft: „Hör auf zu weinen!“  Einer ist würdig, das Buch zu öffnen, damit seinen Lauf nehmen kann, was Gott verfügt hat. Ein Name wird nicht genannt. Als Löwe und als Lamm wird dieser eine bezeichnet. Jetzt verstehe ich auch, warum wir gerade am 1. Advent diesen Abschnitt betrachten. Weil wir daran denken, wie alles begonnen hat – wie der, den Johannes als Löwen von Juda und zugleich auch als Lamm beschrieben hat, in diese Welt gekommen ist.

 

Gemeint ist Jesus Christus - als Kind in die Welt hineingeboren, als Messias von den Menschen in Jerusalem freudig begrüßt, als Verbrecher gekreuzigt nach einem Urteil von Pontius Pilatus, als Erlöser auferstanden durch Gottes Kraft. Er ist den Weg ans Kreuz gegangen, um uns zu befreien, um uns auszulösen aus den Fängen des Todes. Am 1. Advent feiern wir die Ankunft des Retters, feiern wir, wie das Heil seinen Lauf nimmt. Die unseligen Kräfte und Mächte, die gern über uns und unser Leben herrschen wollen, haben ausgespielt! Der Löwe aus Juda hat sie verschlungen, das Lamm hat uns ausgelöst. Das ist alles schon vorweggenommen, als ob es geschehen wäre. Wir sind frei von den Mächten und Gewalten der Finsternis. Wir sind befreit auf Hoffnung. Wir stehen noch mittendrin in der Geschichte. Die Dinge entwickeln sich noch. Aber wir erfahren bereits, wie sie ausgehen. Sie dürfen uns nicht mehr vom Wesentlichen abhalten, von der Liebe zu Gott und von der Liebe zu den Menschen - ich meine die Liebe, die sich Zeit nimmt und die Zeit schenkt, Zeit zum Gebet und Zeit für den Nächsten, Zeit zum Gespräch, Zeit, um zu hören und Zeit, um zu trösten.

 

Der Himmel ist voll Jubel über diesen Erlöser, den Johannes in der Gestalt eines Löwen und eines Lammes sieht. Weil er  wie ein Löwe   Herr ist  über alles was es gibt - auf der Erde und im Himmel und unter der Erde. Und weil er zugleich auch das Lamm ist - ein Opferlamm, hingegeben für unsere Schuld, für unsere Versäumnisse. Wir erfahren, dass Jesus beides zugleich ist – Löwe und Lamm. In den Augen der Welt schwach. Und in Wahrheit doch stark. In den Augen der Welt ein einfacher Mensch. In Wahrheit doch Gottes Sohn, der das Buch mit den Sieben Siegeln öffnen wird. Stimmen wir ein in den Jubel! Christus ist der Herr in Zeit und Ewigkeit. Das ist die Botschaft, die Hoffnung macht, wenn wir erschrecken vor den angeblichen Herren und Gewalten dieser Welt. Christus ist der Herr in Zeit und Ewigkeit - das ist die Botschaft, die Hoffnung macht! Wir sollten sie im Herzen bewahren, wenn wir die Bibel aufschlagen und weiterlesen, was alles geschehen soll, wenn ein Siegel nach dem anderen gebrochen wird. Dann nimmt das Ende seinen Lauf. Das sind keine schönen Aussichten, die uns vor Augen gestellt werden – zumindest nicht für diese Welt, in der wir leben. Und doch braucht uns das nicht zu erschrecken. Im Gegenteil.

 

Christus ist der Herr in Zeit und Ewigkeit – wir hören diese Botschaft am ersten Advent in einer Welt, in der oft die Angst regiert. Diese Botschaft will uns die Angst nehmen – oder wenigstens erträglicher machen. Wir erwarten die Ankunft einer neuen Welt. Sie ist bereits angebrochen mit der Geburt Jesu, die wir bald wieder feiern. Sie wird sich vollenden, die neue Welt. Christus bringt sie ans Ziel, zur Vollendung.

 

Im Advent zünden wir Kerzen an. Ihr warmer Schein erzählt von dieser Hoffnung, die wir haben. Gerade in dieser dunklen Jahreszeit, die viele auch belastet - vor allem, weil sie uns so sehr daran erinnert, wie wenig Zeit zum Leben wir oft haben. Zünden wir die Kerzen an. Ihr Schein erzählt uns von dem, der sich selbst als das Licht der Welt bezeichnet hat. Johannes sagt, dass er gekommen ist, um Gottes Plan mit der Welt zu vollenden. Er segnet unsere Zeit. Er schenkt uns die Ewigkeit. Amen.


3.12.2017