Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)

Schein – Heilige und Schein – Sünder? Predigt über Mt. 21, 28 – 32 am 11. Sonntag nach Trinitaits in Altenstein und Hafenpreppach (27.8.2017)

Jesus erzählte dies Gleichnis: „Es hatte ein Mann zwei Söhne und ging zu dem ersten und sprach: Mein Sohn, geh hin und arbeite heute im Weinberg. Er antwortete aber und sprach: Ich will nicht. Danach aber reute es ihn, und er ging hin. Und der Vater ging zum andern Sohn und sagte dasselbe. Der aber antwortete und sprach: Ja, Herr!, und ging nicht hin. Wer von den beiden hat des Vaters Willen getan? Sie sprachen: Der erste. Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr. Denn Johannes kam zu euch und wies euch den Weg der Gerechtigkeit, und ihr glaubtet ihm nicht; aber die Zöllner und Huren glaubten ihm. Und obwohl ihr's saht, reute es euch nicht, sodass ihr ihm danach geglaubt hättet. (Luther 2017, herausgegeben von der deutschen Bibelgesellschaft)    Zum Glauben nach dem Geschmack Jesu und dem Willen Gottes gehört mehr als nur Ja und Amen zu sagen! Mit einer Geschichte aus dem alltäglichen Leben wird uns das heute gesagt. Wie denkt ihr darüber? fragt Jesus seine Zuhörer und erzählt von dem Vater mit den zwei ungleichen Söhnen. Die beiden bekommen einen Auftrag. Sie sollen in den Weinberg des Vaters gehen und den ganzen Tag dort arbeiten.  Der eine schüttelt den Kopf. „Ich will nicht!“ sagt er und lässt seinen Vater stehen. Aber – was auch immer er sich vorgenommen hat, er hat keine Freude daran. Er hat ein schlechtes Gewissen. Er weiß ja um die Arbeit, die sich in diesen Tagen häuft. Da steht er auf, verlässt das Haus und geht hin, um zu tun, was ihm der Vater aufgetragen hat. Der andere Sohn nickt eifrig mit dem Kopf, als ihn der Vater bittet. „Natürlich, Vater!“ sagt er „Gewiss doch, wird gleich erledigt!“ Aber er führt die aufgetragene Arbeit  nicht aus Wie gut, dass der Vater nicht Gedanken lesen kann. „Du kannst viel reden...“ denkt er sich und lächelt unverbindlich, „... ich mach ja doch, was ich will!“   Was in diesem Gleichnis aus dem Matthäusevangelium erzählt wird,  kommt in den besten Familien vor, vielleicht sogar in unserer eigenen. Ein Vater mit zwei Söhnen. Der eine ist das Sorgenkind, der andere der Sonnenschein. Der eine ist undiszipliniert, aufbrausend, das schwarze Schaf. Dass aus dem nichts Gescheites werden kann, ist allen klar: den Verwandten, den Nachbarn, wer ihn halt meint, gut zu kennen. Sie bedauern den Vater, der mit so einem Sohn gestraft ist. Wie gut, dass es da  noch den anderen gibt. Der weiß, was sich gehört.  Ja, auf den kann sein Vater  stolz sein. Oder?     Wie sehr man sich täuschen kann, wenn man nur nach dem äußeren Schein urteilt! Das wird uns heute deutlich vor Augen geführt. Dass sich hinter dem Vater Gott selbst verbirgt, ahnen wir schon um des einen willen, der uns diese Geschichte erzählt. Jesus will seinen Hörern erklären, dass Gott nicht zufrieden ist damit, wenn das Ja und Amen  ohne Folgen für das Leben bleibt. Mit den religiösen Führern seiner Zeit geht Jesus deshalb hart ins Gericht. Bei denen war das so. Die predigten Wasser und tranken Wein. Die führten Gottes Wort und Willen oft im Mund, aber sie trugen es nicht im Herzen.    „Wer von den beiden Söhnen handelt nach dem Willen des Vaters?“ Die Antwort liegt klar auf der Hand. Natürlich das Sorgenkind, das sich zuerst weigert und dann doch in den Weinberg geht. Wer hätte das von ihm erwartet? Vielleicht nur der Vater, der seine Söhne kennt? Dieser zum Schein ungeratene Sohn nimmt seinen Vater ernst. Er setzt sich auseinander mit ihm, protestiert wohl, ärgert sich, stößt sich an ihm und an seiner Autorität – und weiß doch insgeheim, dass der Vater im Recht ist. „Diesen Sohn nehmt euch als Beispiel!“ sagt Jesus zu seinen Hörern und liest ihnen dann die Leviten.      „Wahrlich, ich sage euch: Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr. Denn Johannes kam zu euch und lehrte euch den rechten Weg, und ihr glaubtet ihm nicht; aber die Zöllner und Huren glaubten ihm. Und obwohl ihr's saht, tatet ihr dennoch nicht Buße, so daß ihr ihm dann auch geglaubt hättet...“     Zöllner und Huren als Vorbilder im Glauben! Kein Wunder, dass die in der Schrift bewanderten Hörer, die hochgelehrten Pharisäer, rote Köpfe bekommen haben. Wer mit Zöllner und Huren Umgang hat, verkehrt nicht gerade in den gehobenen Kreisen. Die Zöllner waren nicht gut angesehen, zur Zeit Jesu. Sie machen Geschäfte mit den Heiden  – also mit den Feinden des Gottesvolks. Außerdem hauen sie die eigenen Leute übers Ohr, betrügen sie meistens nach Strich und Faden. Auf Zöllner und Huren schaut man voll Verachtung herunter. Man sieht nicht zu ihnen auf! Deshalb werden sie wohl Anstoß erregt haben, die Worte Jesu. „Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr...“ sagt Jesus. Vorbilder im Glauben werden sie, weil sie sich auf den Weg gemacht haben, hinaus aus der Stadt, hin zum Jordan, wo Johannes gepredigt hat. „Was sollen wir tun?“ fragten sie ihn. „Sag uns, wie wir leben sollen, damit wir ins Reich Gottes kommen!“ Und Johannes hat es ihnen gesagt. Da sind sie zu ihm ins Wasser gestiegen, haben sich taufen lassen und Buße getan. Die Zöllner und Huren sind  Menschen, die Gott ernst nehmen, die sich von seinem Wort ansprechen und ihr Leben in Frage stellen lassen. Sie suchen Hilfe bei dem, der ihnen Hilfe anbieten kann.    Zum Glauben nach dem Geschmack Jesu und dem Willen Gottes gehört mehr als nur Ja und Amen zu sagen – ohne dass dieses Ja und Amen weitere Folgen für das Leben hat! Mit einer Geschichte aus dem alltäglichen Leben von den ungleichen Söhnen wird uns das heute gesagt – in deutlichen Worten, wie wir das von Jesus gewohnt sind. Es sind entlarvenden Worte. Vor Gott kann man sich nicht verstellen. Da wird offenbar, was man ist. Wir erfahren: es gibt Schein-Heilige und Schein-Sünder. Den Schein-Heiligen geht das Ja leicht über die Lippen und ebenso das Amen. Es ist ein oberflächliches Ja. Es ist ein Gott verletzendes Ja. Gedankenlos hingesprochen ist es. Es nimmt den Vater nicht ernst und macht ihn zum Narren. Die Schein-Heiligen lassen Gott einen guten Mann sein, solange er ihnen nicht hereinredet und sie nicht bei  ihren Geschäften stört.    Zum Glauben nach dem Geschmack Jesu und dem Willen Gottes gehört das Herz, das sich von Gott ansprechen, anrühren lässt. Der Sohn, der zunächst Nein sagt und dann doch hilft, ist ein Schein - Sünder. Aber der Schein trügt eben. Tatsächlich steht er dem Vater näher wie kein anderer.  Die Geschichte von den ungleichen Söhnen ermahnt und tröstet  uns – wie das in den meisten Gleichnissen Jesu der Fall ist. Sie ermahnt uns, weil sie uns sagt, dass wir Gott mit  Gleichgültigkeit mehr kränken als mit einem barschen Nein, das sich später immer noch in ein Ja verwandeln kann. Zugleich tröstet das Gleichnis von den beiden Söhnen, weil es  verrät, dass wohl sehr viel mehr  Menschen nach dem Willen Gottes leben und handeln, als es den Anschein hat. Nicht jeder, der Nein zu Gott sagt, meint dieses Nein wirklich so. Es mag Menschen geben, die Nein sagen und ein Ja leben. Es gibt Söhne und Töchter Gottes, die nichts von ihm wissen wollen und doch so leben, dass Gott seine Freude an ihnen hat. Manchmal sind das Menschen, die schon seit Jahren keine Kirche mehr von innen gesehen haben. Wenn es aber nötig ist, sind sie bereit ihr letztes Hemd für einen andern herzugeben. Heute denke ich auch an die vielen Menschen, die an keinen Gott mehr glauben können oder glauben wollen, weil ihnen das Leben ein hartes, vielleicht sogar unbarmherziges Schicksal zugemutet hat. Trotzdem sind sie nicht verbittert. Sie pflegen in ihrer Freizeit mit Hingabe Kranke oder leiten Rettungseinsätze, legen Hand an, wo Hilfe nötig ist und  treten für die Würde der Schwachen ein. Sie folgen der Stimme ihres Herzens und packen mit an, wenn ihre Hilfe gefragt ist. Am Ende werden sie überrascht sein, wenn sie der Vater in die Arme schließen wird, von dem sie doch ihr Leben lang nichts wissen wollten.    Zum Glauben nach dem Geschmack Jesu und dem Willen Gottes gehört mehr als nur Ja und Amen zu sagen! Mit einer Geschichte aus dem alltäglichen Leben von den ungleichen Söhnen wird das heute gesagt. Ich möchte mich davon ansprechen lassen und Gott ernst nehmen, der sein Wort an uns richtet. Etwas vermisse ich in dieser Geschichte allerdings. Sie erzählt von zwei Söhnen. Einem, der Ja sagt und Nein meint. Und einem, der Nein sagt und Ja meint. Von einem dritten Sohn oder einer weiteren Tochter steht leider nichts in unserer Geschichte. Ich meine die Söhne und Töchter, die sich ansprechen lassen, die Ja sagen und dieses Ja ernst meinen und die von Herzen gern tun, was ihnen der Vater aufträgt. Das sind diejenigen, die Gottes Wort hören und gerne tun. Aber die haben wohl kein warnendes Gleichnis nötig.    Es ist schon eine Herausforderung für uns Christen, dass unser Ja zu Gott Gestalt annehmen soll im Leben, damit es Folgen hat für mich und meine Welt. Wir tragen auf diese Weise zur Glaubwürdigkeit der Kirche bei. Wir ehren Gott mit unserem Leben ehren, mit dem, was wir bekennen und mit dem, was wir tun.  Dieser aktive Glaube ist  nach dem Geschmack Jesu und dem Willen Gottes ist. Da bin ich mir sicher. Wo er gelebt wird, werden Christen zum Salz der Erde und zu Hoffnungslichtern in der Welt. Amen.