Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)

Andachten, Artikel und Predigten im September 2016


 Glaube ist eine Sache des Herzens und des Mundes 

 Konfirmandenprüfung anno dazumal. Das war keine einfache Sache. Die Kirche war rappelvoll. Schwitzend saßen die jungen Kandidaten vorne in der ersten Reihe. Das gestärkte Hemd scheuerte am Hals, der Anzug war neu unbequem und ebenso das extra für diesen Anlass genähte Kleid. Stoßgebete wurden zum Himmel geschickt. Lieber Gott, lass diesen Kelch der Prüfung an mir vorübergehen! Gefühlte 1000 Augenpaare richteten sich schließlich auf die armen Sünder in der ersten Bank. „Bis hierher hat mich Gott gebracht...“ Die Kirche bebt vom Gesang der Gemeinde. Nachdem der letzte Orgelton des Liedes verhallt war, ging es ans Eingemachte. Der Pfarrer, der bis dahin mit dem Rücken zur Gemeinde am Altar gebetet hatte, wandte sich den Kindern zu. Streng blickte er jedem ins Gesicht. Dann kamen die Fragen. Gebellt im Befehlston:  Das erste Gebot und die Auslegung!“ Und jeweils ein Name. Der Junge, der aufgerufen wurde, schnellte mit rotem Gesicht in die Höhe. Hastig sagte er auf, was er gelernt hatte. Dabei verhaspelte er sich. Aber  der Pfarrer schien zufrieden. Er nickte! Die Antwort war richtig. Geschafft. Auch die Eltern und die Paten waren erleichtert. Was für eine Blamage, wenn er heute gescheitert wäre, der Filius. Wo sich der Bub doch so schwer mit dem Lernen tut! Eine ganze Stunde dauerte die Prüfung. Jeder kam dran, einmal, zweimal, dreimal. Der Kleinen Katechismus wurde rauf und runter gebetet, natürlich samt Auslegung. Anschließend die Lieder aus dem Gesangbuch. Jeder musste eins aufsagen. „Befiehlt du deine Wege!“ „Ach, bleib mit deiner Gnade!“ „Ein feste Burg!“ Alle Strophen der Lutherhymne. Nach dem Gesangbuch wurde die Bibel abgeklopft. „In des Alten Bundes schriften merke an der ersten Stell Mose, Josua und Richter, Ruth und Zwei von Samuel....“ Wehe, wenn das man nicht gelernt hatte. Aber dann, irgendwann einmal kam der Segen, der Schlussakkord der Orgel. Die Glocken läuteten. Geschafft.

 

War das auch so, bei Ihnen, vor einem halben Jahrhundert oder noch früher? Oder so ähnlich? Aus den Erzählungen vieler in Ehren ergrauter Zeitgenossen kenne ich solche und ähnliche Geschichten. „Da haben es die Konfirmanden heute leichter...“ Das ist die einhellige Meinung der Älteren. „Was wir alles lernen mussten!“ Immer wieder höre ich das. Für mich sind das fast schon Gruselgeschichten. Und immer wieder wird auch von der Angst erzählt. Die Angst, zu versagen, die Angst, sich zu blamieren. Die Angst, etwas falsch zu machen, beim ersten Gang zum Tisch des Herrn negativ aufzufallen, sich zu verschlucken oder zu kichern, obwohl man das doch eigentlich nicht will. So war das früher. Wahrscheinlich müssen fünfzig Jahre vergehen, bis man mit etwas verklärtem Blick erzählen kann, was einen früher in Angst und Schrecken versetzt hat. 

 

Ob das dazugehört zu dem Bekenntnis, zu dem Paulus die Christen aufgerufen hat – die Christen in Rom, damals vor 2000 Jahren. Und uns heute. War das von den Reformatoren so gemeint mit der Konfirmation. Die sollte ja ein Bekenntnis sein – ein Bekenntnis der Lippen und des Herzens gleichermaßen. Konfirmation bedeutet Bekräftigung des Glaubens. Ich soll mich zu meinem Glauben bekennen. Und ich soll diesen Glauben leben im Alltag. Dazu werden wir heute ermutigt. Die Worte aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer sind eindeutig. Er schreibt: 

 

Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet. Denn wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet. 

 

Am 17. Sonntag nach Trinitatis hören wir diese Worte. Sie geben das Thema des Sonntags an. Einen sieghaften Glauben gilt es zu bekennen. Aber wie sieht der denn aus, im Alltag? Etwa so, wie im Sonntagsgottesdienst? Oder so, wie damals, bei der Prüfung, als die Glaubensinhalte abgeklopft wurden? 

 

Zwei Dinge sind mir wichtig, wenn ich die Worte aus dem Römerbrief bedenke. Der Glaube, den wir vor der Welt bekennen sollen, ist eine Herzensangelegenheit. „Wenn du mit deinem Munde bekennst...“ schreibt Paulus. Gott will aber keine Lippenbekenntnisse. Es geht nicht nur um Inhalte, die man wissen muss. Es geht darum, zu bekennen, was mir am Herzen liegt. Es geht um einen Namen und eine Person und darum, was sie mir bedeuten. Es geht um mein Verhältnis zu Jesus Christus. Es geht um einen ausdauernden und einen beharrlichen Glauben. Das wird mir deutlich, wenn ich an die Geschichte denke, die wir im Evangelium gehört haben. 

 

Von einer Frau erzählt uns der Evangelist Matthäus, von einer verzweifelten Mutter. Sie weiß sich nicht mehr zu helfen. Mit ihrer Tochter stimmt etwas nicht. Sie ist krank. Sie wird übel geplagt von einem bösen Geist! So sagte man, wenn die Krankheit unbekannt und unheimlich war. Die Frau hört von Jesus. Von dem, so sagen die Leute, geht eine Macht aus, eine heilsame. Deshalb macht sie sich auf den Weg. Sie hat schlechte Karten. Das weiß sie. Sie ist keine Jüdin. Sie gehört nicht zum Gottesvolk. Eine kanaanäische Frau nennt sie Matthäus. Wir erfahren nicht einmal ihren Namen. Als sie Jesus sieht und ihn um Hilfe bittet, erntet sie erst einmal eine Abfuhr. „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen Israels“ sagt Jesus. Aber die Frau lässt sich nicht abwimmeln. Sie bleibt beharrlich. Sie lässt alle Demütigungen über sich ergehen. Auch, dass sie mit einer bettelnden Hündin verglichen wird, macht ihr nichts aus. Hauptsache, der Tochter wird geholfen. Am Ende antwortet Jesus: „Dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst!“ Die Tochter wird geheilt. 

 

Beharrlichkeit und Herzblut gehören zum Glauben. Das lerne ich von der Frau. Sie lässt sich nicht abwimmeln. Auch nicht von Misserfolgen, von rüden Antworten, von erster Zurückweisung. Sie hängt sich an Jesus, weil sie weiß – bei ihm und nur bei ihm ist die Rettung zu finden. Sie weiß, dass sie vordringen wird, dass ihr Ruf um Hilfe den Weg zum Herzen finden wird. 

 

Den Glauben bekennen bedeutet also nicht nur, ein Bekenntnis aufzusagen. Es geht darum, dass wir uns klar werden, woran unser Herz hängt – und zwar so sehr, dass wir uns auch nicht von Misserfolgen entmutigen lassen. Was für eine Herausforderung. Wie oft geraten wir in unserem Leben an Abgründe? Wie oft fragen wir uns, warum Gott uns nicht hilft? Was habe ich verbrochen, dass Gott mich so straft? Diese Sätze höre ich immer wieder von Menschen, denen Leid widerfahren ist. Und manchmal steigen sie auch in meinem Herz auf. Manchmal ist einfach schwer, mit dem Munde zu bekennen und mit dem Herzen zu glauben. So vieles scheint dagegen zu sprechen. Mir selbst aber helfen dann die Worte, aus denen mein Glaube seine Kraft schöpft, an denen sich mein Glaube so beharrlich festhält, wie die Frau sich am Rockzipfel Jesu festhielt. Das sind meist Worte der Heiligen Schrift oder des Gesangbuchs. „In wieviel Not, hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet....“ oder „Befiehlt dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn...“ oder „und ob ich schon wanderte im finstern Tal...“ oder die Losung oder oder oder. Und dann wird mir klar, wie froh ich doch  bin, dass ich auch etwas gelernt habe. Ein wenig jedenfalls. Es ist vielleicht nicht so viel, wie das, was früher eingebläut würde, aber es ist mein Proviant, von dem ich zehre und von dem sich mein Herz nährt, vor allem, in den Stunden der Anfechtung. Und dann ich froh. Nein, den Drill vergangener Zeiten, wie es ihn früher im Konfirmandenunterricht gegeben hat, möchte ich den jungen Menschen heute nicht mehr zumuten. Aber etwas Schwarzbrot braucht auch der Glaube, eine eiserne Ration gewissermaßen, etwas, an dem man sich festhalten kann. Gerade in unserer Zeit, in der sich unsere Gesellschaft so multikulutrell und multireligiös gibt, in der wir überflutet werden von spirituellen und pseudospirituellen Angeboten, tut auch ein bisschen Basiswissen in Sachen Christentum ganz gut.  Der Glaube ist eine Herzensangelegenheit. Bitten wir Gott darum, dass er unser Herz immer wieder berührt, damit wir nicht vergessen, an wen wir uns wenden können, wenn wir Ausschau halten nach Hilfe, so wie die Frau, und damit nicht vergessen, wem wir danken können, für all das Gute, das es doch auch immer wieder  in unserem Leben gegeben hat und immer noch gibt. Amen. 

(Predigt zur Jubelkonfirmation über Römer 10, 9-17 am 18.9.2016 in Altenstein)                   

 

Von verstauten Koffern und der Ewigkeit im Herzen

Die Koffer sind wieder auf dem Dachboden verstaut. Dort erholen sie sich von der letzten Reise. Aufkleber erinnern an Ziele in fernen Ländern,  Schrammen, Dellen und Kratzer an die unsanfte Behandlung unterwegs, an Hände, die sie auf Gepäckwagen gehievt, auf Rollbänder geworfen, im Laderaum von Flugzeugen verstaut und wieder von dort hervorgeholt haben.  Jetzt stehen sie auf dem Dachboden und können sich erholen, während der Staub eine feine Decke über sie breitet. Mit dem Herbst beginnt die Zeit der Erinnerungen und der Sehnsucht nach dem vergangenen Sommer, nach lauen Nächten und sirrenden Mücken, nach Sonnenbräune und Himbeereis. Heutzutage sind unsere Erinnerungen daran meist digital gespeichert. Sie befinden sich sofort abrufbereit auf  den Festplatten der Laptops und Tablets und wenn man nicht aufpasst, sind sie unwiderruflich gelöscht. Früher war das anders. Da wurden im Urlaub noch Dias oder Fotos gemacht. Die Filme mussten erst zum entwickeln ins Labor geschickt werden. Ob die Bilder etwas geworden sind? Oder sind sie unscharf und verwackelt?  Wie groß war die Freude, wenn sie „albumtauglich“ waren.  „Schau mal, wie braun wir waren!“ haben wir uns beim Anschauen der Bilder zugerufen und einen Moment lang war es wieder da, dieses heitere und unbeschwerte Gefühl, das wir mit dem Urlaub verbinden. Aber nun hat uns der Alltag wieder. Das Jahr geht ins letzte Viertel. Die Blätter färben sich bunt, bald fallen sie. Noch klammert man sich fest am warmen Altweibersommer und hofft auf einen Goldenen Oktober. Doch am Abend wird es bereits ungemütlich auf der Terrasse. Die Schatten werden länger, die Temperaturen frostiger, die Gartenstühle in die Garage gestellt und mit Plastikfolie zugedeckt.  Der  November hat den Charme einer Traueranzeige. Jetzt werden die Gräber besucht. Vielen wird in dieser Zeit deutlich, wie einsam sie sind. „Umringt von Fall und Wandel leben wir!“ heißt es in einem Abendlied. Ob da auch von uns gesprochen wird?  Wie gut, dass noch etwas in diesem Lied gesagt wird: „Unwandelbar bist du: Herr, bleib bei mir!“   Mit dieser Bitte auf den Lippen können wir den Wandel annehmen und es ertragen, dass mit dem Kalenderjahr auch ein weiteres Jahr von unserem Leben zu Ende geht. Wir sind zwar  Geschöpfe dieser Welt, wir blühen auf wie die Blumen und welken dahin, doch wir verlieren uns nicht in diesem immer währenden Werden und Vergehen der Natur. Wir gehen nicht darin auf. Der Prediger aus dem Alten Testament nennt uns den Grund dafür. Er lobt Gott, der „alles schön gemacht hat zu seiner Zeit.“ Er hat den Menschen die „Ewigkeit ins Herz gelegt“. (Prediger 3,11). Mit der Ewigkeit im Herzen können wir beides annehmen - das Leben und unsere Vergänglichkeit. Vielleicht sind die schönen Erinnerungen an die unbeschwerten Momente kleine Hinweise, Fingerzeige Gottes, die uns ahnen lassen, wie sie sich anfühlt, die Ewigkeit. Mit Gott an der Seite und der Ewigkeit im Herzen können wir annehmen, was kommt, dankbar und gelassen. Mit dem Wissen um die Ewigkeit, die Gott uns ins Herz gelegt hat, können wir sie auch im letzten Viertel des Jahres und im letzten Abschnitt des Lebens spüren, die Freude am Dasein, die Lust am Leben.

(A&Ha - der Gemeindebrief, 2016 Nr. 3, S.2)