Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)

Andachten, Artikel und Predigten im Oktober 2016


Wenn die Hände gebunden sind.Ein Brief aus dem Gefängnis

Predigt über Philipper 1, 3 - 11 am 22. Sonntag nach Trinitatis in Altenstein und Hafenpreppach


Jedes Mal, wenn ich an euch denke, danke ich meinem Gott. Ich bete immer für euch und tue es mit frohem Herzen. Denn ihr habt euch vom ersten Tag an bis heute gemeinsam mit mir für die gute Botschaft eingesetzt. Ich bin ganz sicher, dass Gott, der sein gutes Werk in euch angefangen hat, damit weitermachen und es vollenden wird bis zu dem Tag, an dem Christus Jesus wiederkommt. Es ist nur natürlich, wenn ich so empfinde, denn ihr liegt mir sehr am Herzen. Gemeinsam empfangen wir die Gnade Gottes, ob ich nun im Gefängnis bin oder die Botschaft Gottes verteidige und bekräftige. Gott weiß, wie sehr ich mich mit der herzlichen Liebe von Christus Jesus nach euch sehne. Ich bete darum, dass eure Liebe zueinander noch tiefer wird und dass sie an Erkenntnis und Einsicht zunimmt. Denn ihr sollt im Stande sein zu erkennen, worauf es ankommt, damit ihr rein und vorbildlich vor Christus steht, wenn er wiederkommt, erfüllt mit dem Guten, das der Glaube in euch wirkt, denn auf diese Weise wird Gott geehrt. (Übersetzung: Neues Leben. Die Bibel)


Als vor einiger Zeit der berühmte Fußballmanager Uli Hoeneß wegen Steuerhinterziehung zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde, haben viele Zeitungen Reportagen geliefert vom Alltag hinter Gittern. Es wurden Bilder gezeigt, wie Gefängniszellen gewöhnlich aussehen. Wenn ich daran denke, dass Menschen für einige Jahre in solchen Kammern, oft acht Quadratmeter, ihr Leben verbringen müssen, meine ich, dass eine Haftstrafe eine harte Strafe ist. Daran ändert auch nichts der kleine Fernseher, den manche Gefangene in ihrer Zelle haben. Und auch nicht, dass manche Häftlinge nicht den ganzen Tag in der Zelle eingeschlossen sind. Der Entzug der Freiheit ist eine harte Strafe. Er bedeutet nicht nur, dass man „weggesperrt“ wird. Er bedeutet auch Trennung von Menschen, die man liebt, der Frau, dem Mann, den Kindern, den Freunden. Es gibt Auflagen, was den Kontakt „nach draußen“ betrifft, Briefe werden geöffnet und eventuelle gelesen. Besuchszeiten sind festgelegt und unterliegen festen Bestimmungen. Nein, ein Gefängnisaufenthalt ist eine harte Strafe.


Der Abschnitt, über den wir heute nachdenken, ist Teil eines Gefangenschaftsbriefes. Paulus hat ihn aus dem Gefängnis heraus geschrieben. Als ich die ersten Zeilen gelesen habe, ging mir die folgende Frage durch den Kopf: Welche Briefe ich wohl aus dem Gefängnis heraus schreiben würde? Vor allem, wenn man mich zu Unrecht eingesperrt hätte? Vielleicht um meines Glaubens willen? Vielleicht ein Bittgesuch um Begnadigung? Darin würde ich dann meine Unschuld schildern, in der Hoffnung, dass   meine Richter ein Einsehen haben und sich überzeugen lassen? Vielleicht würde ich einen Hilferuf nach draußen absetzen? Ein „Vergissmeinnicht - Schreiben“. Ich bin unschuldig! Helft mir! Vergesst mich nicht. Vielleicht würden meine Briefe nach draußen mit der Zeit zu Klagebriefen, von Jahr zu Jahr immer bitterer im Ton, immer kälter, immer hoffnungsloser. Wen würde das wundern? Vielleicht würde ich auch verstummen, aufgeben, mich in mein Schicksal fügen. Es hat ja doch keinen Sinn.


Ganz anders ist das bei diesem Brief, den Paulus aus dem Gefängnis an die Gemeinde in Philippi schreibt. Er hätte allen Grund gehabt, zu klagen. Alles ist möglich in seinem Fall. Freiheit oder Verurteilung. Von Paulus hören wir aber keine Klage.Im Gegenteil. Er beginnt seinen Brief mit einem Dank an Gott. „Ich danke meinem Gott, so oft ich an euch denke!“  Dankbarkeit und Freude bilden die Grundmelodie, die sich durch unseren Abschnitt zieht - und vielleicht sogar durch den ganzen Brief. Es gibt Ausleger, die bezweifeln die Einheitlichkeit des Schreibens. Sie meinen, dass der Philipperbrief aus verschiedenen Briefen zusammen gesetzt sei.  Andere widersprechen dieser Auffassung. Aber das spielt jetzt keine Rolle. Der Dank, die Freude, das Lob Gottes - immer wieder wird es zur Sprache gebracht. Paulus sendet also einen Freudenbrief aus dem Gefängnis. Ich weiß nicht, ob es diesen Begriff gibt. Klageschreiben kennen wir. Aber Freudenbriefe? Mit dem Brief an die Philipper halten wir einen in den Händen! Freude, Gottvertrauen und Dankbarkeit führen die Feder. Ein inniges Verhältnis zu der Gemeinde in Philippi hat Paulus. Das merkt man dem Schreiben an. Wir erfahren von einem Besuch, den Paulus bekommen hat. Epaphroditus wurde von der Gemeinde gesandt mit einem Geldgeschenk, das Paulus wohl helfen sollte, über die Runden zu kommen. Leider wurde Epaphroditus schwer bei diesem Besuch schwer krank. Nach seiner Genesung, wieder ein Grund für Paulus, dankbar zu sein, sandte er ihn zurück mit dem Dankschreiben in der Tasche.


Paulus dankt Gott für die Verbundenheit mit dieser Gemeinde, mit den Philippern. Er dankt für die Gemeinschaft, die sie an der Ausbreitung des Evangeliums haben. Er weiß, dass sein Werk fortgesetzt wird, auch, wenn er selbst hinter Gittern sitzt. Es ist nicht sein Verdienst, dass in der Gemeinde gebetet und gepredigt wird, dass die Menschen zusammen kommen und Gottesdienst feiern, dass die Gemeinde lebt. Es ist Gottes Werk. Vertrauen spricht aus diesem Brief. Gottvertrauen. Und Demut. Gott wird das Werk vollenden, schreibt Paulus. Gott und nicht ich, sein Apostel, sein Gesandter. Das können wir von ihm lernen. Das können wir von ihm lernen. Demut, die mich entlastet, die eine Bürde und eine Sorge von mir nimmt. Wie oft meinen wir doch, dass es ohne uns nicht geht. „Was wird aus der Firma, wenn ich nicht mehr da bin!“ denkt sich der Meister. Diese Sorge lässt ihn nicht schlafen, macht ihn krank. „Wer sorgt für meine Kinder, wenn ich ausfalle?“ denkt sich die Alleinerziehende Mutter. Sie sieht die Aufgaben, die zu erledigen sind, sie leidet unter dem Druck, der auf ihr lastet. Sie will gar nicht daran denken, was passiert, wenn sie ihm nicht mehr stand halten kann. „Was wird aus der Gemeinde, wenn ich nicht mehr da bin!“ Nicht nur Pfarrer oder Pfarrerinnen treibt dieser Gedanke oft um. Auch vielen Mitarbeiter, vielen Helferinnen und Helfer, setzt diese Frage zu. Sie sehen die Arbeit, die sie gerne machen - und fühlen sich wie Einzelkämpfer auf weiter Flur. Es scheint niemand da zu sein, der ihr Werk einmal fortsetzt. Von Paulus lerne ich Gottvertrauen. Er sitzt in seiner Zelle. Er weiß, was alles noch zu tun ist. Er leidet wohl auch darunter, dass ihm jetzt die Hände gebunden sind - aber er weiß auch, dass nicht er die Gemeinde trägt, sondern sie trägt ihn. Und er weiß, dass es nicht sein Werk ist, wenn sich Menschen vom Evangelium ansprechen lassen, wenn sich Männer und Frauen zusammen setzen und in der Bibel lesen, wenn sie die Alten oder Kranken besuchen. Es ist Gottes Geist, der die Herzen berührt, der die Lippen öffnet, die Hände stärkt, die Menschen in Bewegung bringt. Es ist Gott, der für seine Kirche sorgt. Daran werden wir heute von Paulus erinnert - und können uns freuen, jeder von uns. Wir erfahren heute: Gott sorgt für seine Gemeinde. Nicht nur, wenn wir eingesperrt werden. Wenn wir ausfallen, wenn wir krank werden oder gebrechlich, wenn uns die Kraft verlässt oder der Mut, kurz: wenn wir daran gehindert werden, zu tun, was zu tun ist, dann wird Gott für seine Gemeinde weiter sorgen. Gott hat das gute Werk begonnen. Er wird es auch vollenden. Der Apostel war nur sein Werkzeug. Und Gott wird auch zu Ende bringen, was in seinem Namen begonnen wurde und unter seinem Segen steht. Deshalb die Freude. Paulus sieht, wie es weitergeht - mit der Verbreitung des Evangeliums. Das lässt den Apostel nicht gram werden über sein Schicksal. Er wird nicht depressiv und auch nicht verbittert. Er freut sich und er dankt Gott für seine Gemeinde. Das höre ich heute. 


            

Manchmal kommt es mir zu vor, als ob zu sehr geklagt wird. Christen sollen keine Klageweiber sein, die ihr Schicksal beweinen und über die Mängel klagen, die sie wahrnehmen - zu leere Kassen, schwindende Besucherzahlen im Gottesdienst, mangelndes Interesse der Jugend. Nicht, dass wir vor den Nöten die Augen verschließen sollen. Nicht, dass wir die Mängel schönreden sollen. Die Frage ist nur, welchen Raum wir ihnen in unserem Herzen gewähren. Auch Paulus hat nicht vergessen, dass er im Gefängnis sitzt. Auch Paulus hat gewusst, dass er Gegner hat, die ihr eigenes Süppchen kochen und ganz froh darüber waren, dass man ihn weggesperrt hat.  Aber er hat Gott vertraut. Trauen wir Gott zu, dass er für seine Kirche sorgt? Trauen wir Gott zu, dass er für uns sorgt? Glauben wir von Herzen, dass wir in seiner Hand geborgen sind - es komme, was kommen soll? So gesehen stellen diese von der Freude diktierten Worte eine Anfrage an uns. Sie sind eine Herausforderung und eine Ermutigung. Gott sorgt für seine Gemeinde. Und sie sind ein Trost.  Wir erfahren heute auch, dass es immer noch etwas gibt, was wir tun können, selbst, wenn uns die Hände buchstäblich gebunden sind. Wir können beten - füreinander. Das Gebet, die Fürbitte und der Fürdank - also der Dank für den Nächsten - ist uns aufgetragen. Durch das Gebet sind wir nicht nur mit Gott in Kontakt, sondern auch mit den Menschen, von denen wir getrennt sind, nicht nur durch Gefängnismauern. Das Gebet sorgt dafür, dass die Liebe nicht erlischt und ebensowenig der Eifer. Christen sind keine Jammerlappen sondern Freudenboten. Umsorgt von Gott wird nicht nur das Herz, sondern auch der Blick weit, damit wir prüfen können, was gerade anfällt, was zu tun nötig ist. Umsorgt und getragen von Gott wird das Herz frei, selbst, wenn der Leib gebunden ist. Umsorgt und getragen von Gott, können wir auch die Mängel an uns selbst wahrnehmen - mangelnder Glaube, mangelndes Gottvertrauen, vielleicht auch mangelnde Liebe untereinander. Wir erkennen, worauf es ankommt. So schreibt es auch Paulus. Es kommt auf den Glauben an, genauer gesagt, auf das Vertrauen zu Gott, der für mich sorgt.  „Bei dir, Gott, ist die Vergebung, dass man dich fürchte!“ heißt es im Wochenspruch. Die Ehrfurcht aber soll in das Lob münden. In das Lob auf den fürsorglichen Gott. Bitten wir Gott um seinen Geist, dass wir im Sinn des Apostels leben, beten und wirken können, zu seinem Lobpreis und zu unserer Freude. Amen.


Warum wir dem Konflikt nicht ausweichen können

Predigt über Epheser 6,10 – 17 am 21. Sonntag nach Trinitatis in Hafenpreppach (16.10.2016)

 Seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke. Zieht an die Waffenrüstung Gottes, damit ihr bestehen könnt gegen die listigen Anschläge des Teufels. Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächtigen und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in dieser Finsternis herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel. Deshalb ergreift die Waffenrüstung Gottes, damit ihr an dem bösen Tag Widerstand leisten und alles überwinden und das Feld behalten könnt. So steht nun fest, umgürtet an euren Lenden mit Wahrheit und angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit und an den Beinen gestiefelt, bereit einzutreten für das Evangelium des Friedens. Vor allen Dingen aber ergreift den Schild des Glaubens, mit dem ihr auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösen, und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes.

 

„Schön war die Taufe, Herr Pfarrer, aber soll ich Ihnen was verraten? Mit einem Lied hab ich mir ziemlich schwer getan!“ sagte einer der Taufgäste nach dem Gottesdienst zu dem geistlichen Herrn, der an der Kirchentür die Leute verabschiedete. Der war gespannt, welches Lied jetzt wohl gemeint war. „Na, das mit dem Krieg und dem Kampf. Ich weiß nicht, das passt doch nicht zu so einem schönen Anlass, oder?“  Ach so, jetzt war klar, welche Worte Anstoß erregt haben: „Kampf und Krieg  zerreißt die Welt, / einer drückt den andern nieder. / Dabei zählen Macht und Geld, / Klugheit und gesunde Glieder. / Mut und Freiheit, das sind Gaben, / die wir bitter nötig haben!“  (576 Vers 2)  In der Tat, das ist keine schöne Zustandsbeschreibung der Welt. Aber doch eine sehr realistische. Es ist die Welt, in die unsere Kinder hineingetauft werden. Gleicht das Leben in dieser Welt nicht oft einem Kampfplatz? Achten wir doch nur einmal auf unsere Sprache! Wie kämpferisch sie doch unser Leben im Alltag beschreibt. Da gibt es den Arbeitskampf. In der Geschäftswelt tobt ein Konkurrenzkampf. Wir kämpfen gegen die Gewalten der Natur, die wir vielleicht selbst entfesselt haben. Manchmal wird uns persönlich der Kampf gegen eine bedrohliche Krankheit aufgezwungen. Wir bekommen mit, wie Menschen, die uns nahe stehen, in diesem Kampf untergehen, wie sie sich entfremden. Wir erleben, wie Ehen auseinander gehen, wie Freundschaften zerbrechen, manchmal sogar in Feindschaften umschlagen, oft ohne erkennbaren Grund. Da bin ich froh, dass wir in dieser Welt mit ihren vielen Kampfarenen nicht allein gelassen sind. Auch unsere Kinder nicht. Das Tauflied endet nicht mit Krieg und Kampf.  Es mündet in einen Ausblick, der Mut macht: „Taufen dich in Jesu Namen. / Er ist unsre Hoffnung. Amen.“ Hoffnung ist das letzte Wort. Nicht Krieg.

 

Von Kampf und Krieg handelt auch der Abschnitt aus dem Epheserbrief, über den wir heute nachdenken. Viele Ausleger meinen, dass es sich bei diesen Worten um ein Rundschreiben handelt, das nicht nur an eine einzige Gemeinde gerichtet ist. Umso mehr dürfen wir uns heute angesprochen fühlen, vor allem, wenn wir spüren, dass die Welt um uns herum im Aufruhr gerät, wenn die großen und die kleinen Kämpfe um uns herum uns erschüttern, uns Angst machen, wenn man versucht, uns auszureden, dass Jesus unsere Hoffnung ist und wenn man alles schlecht reden will, was wir mit den Namen Jesu in Verbindung bringen: den Glauben an Gott, die Hoffnung auf das Leben, die Liebe zum Nächsten. Im Epheserbrief wird uns gesagt: „…wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächtigen und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in dieser Finsternis herrschen….“  Diese Herren der Welt - so erfahren wir heute - vertragen das Licht nicht, das im Namen Jesu aufleuchtet. Ihnen können und sollen wir etwas entgegen setzen. Wir sind ihren Attacken keineswegs hilflos ausgesetzt. Wir können und sollen uns wehren. Es ist ein wehrhafter Glaube, zu dem wir berufen sind.

 

Der Apostel spricht von der geistlichen Waffenrüstung, mit der Gott uns ausgerüstet hat. Das Bild ist uns heute fremd. Der Christenmenschen wird mit  einem römischen Fußsoldaten verglichen. Es sind die Waffen für den Nahkampf, die er trägt. Das erschreckt mich und beruhigt mich zugleich. Es erschreckt mich, weil mir klar wird, dass ich dem Kampf nicht ausweichen kann, dass ich vorne dran bin. Mein Alltag ist keineswegs beschaulich und mein Leben ist keineswegs so still und friedlich, wie ich das gerne hätte. Im Alltag heißt es, sich zu bewähren. Aber das Apostelwort beruhigt mich, weil ich daran erinnert werde, dass ich den Angriffen nicht schutzlos ausgeliefert bin. Die Waffen, von denen hier die Rede ist, dienen der Verteidigung, nicht dem Angriff. Es geht also um Abwehr, nicht um einen Kreuzzug. Auch tobt der Kampf nicht auf irdischen Schlachtfeldern, die sich geographisch eingrenzen lassen. Er wird in unseren Herzen ausgefochten. Die Dämonen, die dort ihre listigen Angriffe führen, haben heute andere Namen. Sie tragen nicht die Namen, die wir in der Bibel finden, sie heißen nicht Satan oder Beelzebub oder Diabolos. Sie heißen Gleichgültigkeit, Lieblosigkeit, Oberflächlichkeit, vielleicht auch  Ungerechtigkeit und sicher auch Dummheit und Lüge.

 

Wie können wir den Kampf aufnehmen? Der Christ führt das Schwert des Geistes, das Wort Gottes. Er trägt den Schutzhelm des Heils. Fest soll er stehen, der Christenmensch, gegürtet mit Wahrheit und dem Panzer der Gerechtigkeit. Für mich hat diese Wahrheit und die Gerechtigkeit einen Namen. Im Johannesevangelium sagt Jesus von sich selbst: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ Glaube ich an die Wahrheit, die in Jesus Christus Gestalt angenommen hat? Lebe ich in der Wahrheit. Halte ich an der Wahrheit fest? Halte ich mich an Jesus Christus fest. Oder nehme ich doch immer wieder Zuflucht beim Vater der Lüge, wie der Teufel genannt wird? Mach ich mit beim Verdrehen der Wahrheit, beim Zurechtbiegen, beim Schönen der Lüge und Verfälschen der Wahrheit? Schließe ich Kompromisse auf Kosten der Wahrheit, dass Jesus unsere Hoffnung ist? Jesus und kein anderer! Es braucht die Gabe der Unterscheidung zwischen Wahrheit und Lüge. Und es braucht Mut zum Festhalten an der Wahrheit, zum Leben in der Wahrheit, zum Festhalten an dem Bekenntnis, dass Jesus unsere Hoffnung ist.  Es braucht den Heiligen Geist, der uns die Augen öffnet, die Herzen erleuchtet. Um diese Gabe kann man nur bitten. Man kann sie sich nur schenken lassen. Der Mut und die Kraft zum wahrhaftigen Leben im Glauben finden wir deshalb durch das Gebet.  rt nicht auf, zu beten und zu flehen! Betet jederzeit im Geist schreibt der Apostel deshalb unmittelbar nach unserem Predigtwort. Im Gebet wird die Verbindung zum Himmel aufrecht erhalten, aus dem Gebet schöpfen wir die Kraft, um den Glauben zu bekennen, in der Liebe zu leben und an der Wahrheit festzuhalten. Wenn uns allerdings die Worte fehlen, wenn wir nicht mehr wissen, was man und vor allem wie man betet, wird die Waffe kraftlos, sind wir dem Feind ausgeliefert. Eine christliche Gemeinde ist eine betende Gemeinde. Im Gebet nimmt sie den Kampf auf, gebraucht sie die Waffen, die ihr anvertraut sind. Es ist meiner Meinung nach nicht Ausdruck einer frommen Hilflosigkeit, sondern der Glaubensstärke, wenn Christen gerade nach Katastrophen, nach Anschlägen oder Attentaten die Kirchen öffnen und zu Gebetsgottesdiensten einladen.  Auch wenn jeder an dem Platz, an den Gott ihn hinstellt, für die Wahrheit eintreten soll, sind Christen keine Einzelkämpfer. Sie brauchen die Gemeinschaft der Gläubigen, sie brauchen die Kirche und noch mehr brauchen sie den Herrn der Kirche, Jesus Christus. Sie brauchen den Gottesdienst, sie brauchen die Sakramente, zur Stärkung, sie brauchen das Wort, die heilsamen Orte, an denen sich Christus in dieser Welt erfahren, spüren und erleben lässt.

 

 „Ist Gott für mich, so trete / gleich alles wider mich; / sooft ich ruf und bete, weicht alles hinter sich. / Hab ich das Haupt zum Freunde / und bin geliebt bei Gott, / was kann mir tun der Feinde / und Widersacher Rott?“ Paul Gerhart, von dem diese Zeilen stammen, hatte viele Anfeindungen zu ertragen. Seinen Kampf für die Wahrheit des Glaubens konnte er in diesem Vertrauen führen, dass er nicht allein ist, dass er das „Haupt zum Freunde“ hat. Das hat ihn bei allen Widerwärtigkeiten und Schicksalsschlägen zu einer tröstlichen Sicht der Welt verholfen, statt zu verzweifeln. Die Mächte der Finsternis konnten sein Leben nicht verdunkeln. Vielmehr konnte er zu den Worten finden, die uns auch in unserem persönlichen Kampf Kraft und Mut schenken:  Mein Herze geht in Sprüngen / und kann nicht traurig sein,/ ist voller Freud und Singen, / sieht lauter Sonnenschein. / Die Sonne, die mir lachet, / ist mein Herr Jesus Christ;/ das, was mich singen machet, / ist, was im Himmel ist.

 

Das ist die Kraft, die wir brauchen, um Gottes Waffenrüstung zu tragen, das ist die Kraft, die uns hilft, entschieden und doch liebevoll einzutreten für die Wahrheit des Glaubens in unserem Herzen: das Vertrauen, etwas zu haben, das einem nicht genommen werden kann, was einen in der Finsternis noch singen lässt: Gottes Liebe zu uns Menschen, die stärker ist als alle Finsternis, vor der wir erschrecken. Wie gut, dass Gott uns in dieser Welt nicht allein lässt. Wenn sich die Welt in einen Kampfplatz verwandelt, haben etwas entgegen zu setzen. Setzen wir die Waffen ein, die uns gegeben sind, singen wir, beten wir und hoffen wir. Wir tun es nicht vergebens und wir streiten nicht allein. Amen.


Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb!

Predigt über 2. Korinther 9,6-15 am Erntedankfest in Hafenpreppach (2.10.2016)


"Grüß Gott, ich komme von Ihrer Kirchengemeinde, wir führen die Herbstsammlung durch. Ob Sie uns mit einer kleinen Spende unterstützen möchten?" Zu dieser Standardbegrüßung setzt die Frau an, wenn sich die Tür öffnet. So viele Jahre macht sie sich nun schon für ihre Gemeinde auf den Weg, im Frühjahr und im Herbst und immer dann, wenn sie gebraucht wird. Und stets klopft ihr Herz bis zum Hals, wenn sie auf den Klingelknopf drückt, wenn sie lauscht, ob sich hinter der Tür etwas regt, wenn sie hört, wie sich Schritte nähern. Manchmal kann sie auch schon an den Stimmen hinter der Tür hören, ob sie willkommen ist oder nicht.  "Ich mach`s für den Herrgott", beruhigt sie sich seufzend. Es kostet sie immer ein wenig Überwindung, sich anzuziehen, das Haus zu verlassen, bewaffnet mit Stift, Sammelliste und Geldtasche. Immer wieder liest sie neue Namensschilder an den Haustüren ihres Sammelbezirks, nie weiß sie, wie sie empfangen wird. Manchmal wird ihr die Tür gleich wieder vor der Nase zugeschlagen. "Wir geben nichts", kann sie dann noch als mürrischen Kommentar hören. Manchmal wird sie dumm angeredet. "Immer will die Kirche nur mein Geld", hört sie dann. Oder: “Wir zahlen doch eh schon so viel Kirchensteuer". Manchmal hat sie Glück. Dann meinen es die Leute gut mit ihr. Sie bekommt einen Fünf Euro Schein oder etwas mehr. Und was sie besonders freut: gelegentlich erntet sie ein Lächeln, hört sie ein freundliches Wort. Das gehört dann ihr persönlich. Das muss sie nicht teilen. Das ist ihr Lohn. Deshalb macht sie sich immer wieder auf den Weg.


An diese Frau muss ich denken, wenn ich den Spendenaufruf des Apostels Paulus an die Korinther lese. Eine bedeutende antike Handelsstadt war Korinth, sogar mit zwei Häfen. Die Schiffe, die dort anlegten stellten den Kontakt her zur großen, weiten Welt. Kein Wunder, dass sich viele Einwanderer dort niedergelassen hatten. Hier gab es Juden, die den Gott Israels verehrten, Heiden, die zu den verschiedensten Göttern beteten und Christen. Eine quirlige Gemeinde muss das gewesen sein. Paulus gründete sie bei seiner zweiten Missionsreise. Ihnen schreibt er nun einen Spendenbrief. Damit setzt er einen Beschluss der Kirchenleitung um. Von den Aposteln wurde festgelegt, dass die Urgemeinde in Jerusalem unterstützt werden sollte. Die war in Not geraten und auf die internationale Solidarität und Geschwisterhilfe angewiesen.


Ich kann mir vorstellen, dass die Reaktionen darauf unterschiedlich ausgesehen haben. "Was haben wir mit denen zu schaffen?" "Uns wird auch nichts geschenkt!" "Wer unterstützt uns, wenn wir Geld brauchen?" Vielleicht hätten die Antworten so aussehen können. Ja, das könnte man verstehen. Das denken wir vielleicht auch manchmal, wenn wir etwas spenden sollen. Dann finden wir Gründe genug, es nicht zu tun. „Weiß ich denn, ob mein Geld wirklich dort ankommt, wo es gebraucht wird?“  „Wie viel Geld wird abgezogen für die Verwaltung?“ Und überhaupt: „Wer hilft mir, wenn ich in Not bin?“ Solche Fragen sind nicht von der Hand zu weisen. Hören wir deshalb genau hin, was Paulus den Korinthern schreibt. Er verrät uns, warum es trotz aller Einwände heilsam ist, dem Spendenaufruf zu folgen:


"Denkt daran: Ein Bauer, der nur wenig Samen aussät, wird auch nur eine kleine Ernte einbringen. Wer aber viel sät, wird auch viel ernten. Jeder von euch muss selbst entscheiden, wie viel er geben möchte. Gebt jedoch nicht widerwillig oder unter Zwang , denn Gott liebt den Menschen, der gern gibt. Er wird euch großzügig mit allem versorgen, was ihr braucht. Ihr werden haben, was ihr braucht, und ihr werdet sogar noch etwas übrig behalten, das ihr mit anderen teilen könnt. In der Schrift heißt es: 'Er hat ausgestreut und den Armen gegeben, - seine Gerechtigkeit bleibt in Ewigkeit.' Denn es ist Gott, der dem Bauern Saatgut  und Brot zu  essen gibt. Genauso wird er euch viele Gelegenheiten geben, Gutes zu tun, und eure Großzügigkeit wird viele Früchte tragen. Ihr werdet  empfangen, damit  ihr umso großzügiger geben könnt.Und wenn wir eure Gaben denen bringen, die sie nötig haben, werden sie Gott von Herzen danken. Auf diese Weise geschehen gleich zwei gute Dinge: Die Not der Gemeinde in Jerusalem wird gelindert, und sie werden Gott voller Freude danken. Durch euer großzügiges Geschenk werdet ihr also zur Verherrlichung Gottes beitragen. Denn eure Großzügigkeit ihnen gegenüber beweist, dass ihr der Botschaft von Christus gehorcht. Sie beten für euch und möchten euch wiedersehen, weil sich Gottes reiche Gnade an euch zeigt. Wir danken Gott für seinen Sohn - ein Geschenk, das so wunderbar ist, dass es sich nicht in Worte fassen lässt."


Ein Sack voll guter Argumente ist das! Vielleicht entkräften sie die eine oder andere Sorge. Die sollte man nicht einfach beiseite wischen. Es muss nicht immer pure Hartherzigkeit oder Gleichgültigkeit sein, die uns in einer ablehnenden Haltung begegnet. Manchmal verbirgt sich dahinter tiefe Enttäuschung. Was für eine bittere Lebenserfahrung steht hinter dem Satz: "Mir hat auch niemand geholfen!"  Deshalb sagt Paulus zunächst einmal:  "gebt nicht widerwillig oder unter Zwang". "Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb!" übersetzt Luther diesen Rat. Er hat damit den Nagel auf den Kopf getroffen. Was aber, macht den Geber fröhlich? Es ist das Vertrauen in die Fürsorge Gottes. Wer erfahren hat, dass Gott für ihn sorgt, der kann Gott loben und sein Herz für die Menschen öffnen, die in Not sind. Ja, es geht darum Not, zu lindern, in erster Linie vielleicht sogar. Hinter oder über diesem sozialen Zweck steht der andere: es geht darum, dass Gott gelobt werden kann. Menschen, die erfahren, dass ihnen geholfen wurde, sollen den Blick wieder heben können, befreit von der Sorge sollen sie Gott loben und preisen. Auch uns wird das heute gesagt. "Ihr werdet haben, was ihr braucht. Deshalb könnt ihr getrost abgeben! Es wird immer noch genug für euch selbst da sein.“ Und fast scheint es so, als ob wir hinter seinen Worten die Worte Jesu aus der Bergpredigt hören. „Sorgt euch nicht“, sagt der Herr. „Schaut die Lilien auf den Feld an, sie säen nicht und ernten nicht und ihr himmlischer Vater ernährt sie doch.“ Gott sorgt für uns. Wir werden haben, was wir zum Leben brauchen. Wir werden nicht ärmer, wenn wir geben, sondern reicher. Unser Herz weitet sich. "Die Liebe ist das Gut, das sich vermehrt, wenn es geteilt wird" sagt ein Dichterwort. Paulus drückt es so aus: "Wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen.“ Ich vertraue der Fürsorge Gottes. Dieses Vertrauen weitet nicht nur das Herz, sondern auch den Blick. Ich sehe den Nächsten in seiner Not. Er wird mir nicht egal, selbst, wenn er weit von mir entfernt wohnt. Das ist der andere Aspekt - die Solidarität, die geschwisterliche Verbundenheit über die Grenzen hinweg. 

           

An dieser Stelle möchte ich einen Blick zurück werfen in unsere jüngere Geschichte. Ich kenne sie auch nur von den Erzählungen meiner Großeltern und von den Berichten in den Geschichtsbüchern. Als nach dem 2. Weltkrieg unser Land am Boden lag, die Menschen zum Teil in Ruinen lebten, waren es Christen im fernen Amerika, die sich von der Not der Menschen anrühren ließen. Sie haben sich anrühren lassen von der Not. Mit Hilfe ihrer Care-Pakete, haben sich viele hier in Deutschland über Wasser halten können. Manche älteren Zeitgenossen bekommen heute noch leuchtende Augen, wenn sie erzählen, welche Schätze sie ausgepackt hatten. Diese Freude über Milchpulver, Kaffee und Schokolade und manch anderen Schätze hat sie dankbar gemacht und unendlich froh. Und darum geht es - nicht um eine Pflichtgabe, sondern um Dankbarkeit. Daran erinnert der Apostel Paulus die Gemeinde in Korinth und heute, am Erntedankfest, auch uns. Wenn wir spenden, geben wir etwas zurück von dem, was wir selbst empfangen haben. Die Spende, die Gabe, soll helfen, die Not zu lindern. Und sie soll zur Dankbarkeit führen, zum Lob Gottes, von dem wir alles haben. Mit einem Dank endet der Spendenaufruf des Apostels. "Gott sei Dank für seine unaussprechliche Gabe." Schließlich leben wir alle von der großen und gänzlich unverdienten Zuwendung Gottes, mit der wir beschenkt werden. Gott wendet sich uns zu in seinem Sohn Jesus Christus. Er gibt damit etwas von sich. Er schenkt von Herzen. Er sendet seinen Sohn zu uns, hinein in unsere Not, hinein in unsere Armut, um uns den Weg zu zeigen, der in das Leben führt.  Es ist der Weg der Liebe, die auf die Nöte des Nächsten schaut. Vielleicht denk Sie an das, was der Apostel Paulus uns ans Herz legt, wenn es demnächst an ihrer Tür klingelt, wenn Sie öffnen und hören, wie jemand zu Ihnen sagt: "Grüß Gott, ich komme von Ihrer Kirchengemeinde, wir führen die Herbstsammlung durch. Ob Sie uns mit einer kleinen Spende unterstützen möchten?"  Amen.