Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)

Andachten, Artikel und Predigten im November 2016


Ein König, der wohl und gerecht regiert - ach, wenn er doch nur schon da wäre.

Predigt über Jeremia 23,5-8 am 1. Adventssonntag 

Heute ist 1. Advent. Eine freudenreiche Zeit beginnt. Auch, wenn der Advent eine besinnliche, ja sogar eine Bußzeit ist – die violette Farbe der Paramente an Kanzel und Altar erinnert daran – so liegt über diesen Tagen des Advent eine fröhliche Atmosphäre. Wir bereiten uns vor auf ein frohes Fest. An Weihnachten werden wir die Geburt eines Kindes feiern, dessen Name Programm ist: Jesus. Das bedeutet: Gott rettet. Gott kommt in diese Welt, um uns zu helfen. Wir haben eine Zukunft.

 

Von einer guten Zukunft spricht auch das Predigtwort aus dem Alten Testament. Wir finden es beim Propheten Jeremia: „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David einen gerechten Sproß erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. (Luther 1984, Deutsche Bibelgesellschaft)

 

Wie mögen die Worte des Propheten Jeremia bei seinen Zuhörern angekommen sein? Worte der Hoffnung hören wir da. Worte von einer neuen, einer besseren Zeit! Die Menschen damals hatten eine Aufmunterung dringend nötig. Es waren kriegerische Zeiten, in die diese Worte der Hoffnung gesprochen wurden. Das Land und die Stadt Jerusalem wurden von einem feindlichen Volk überfallen, belagert, zerstört. Ich spreche von Babylon. Die Oberschicht wurde zusammen mit ihren König deportiert. Zurück geblieben sind die einfachen Leute und ein junger, unerfahrener Vasallenkönig, der von den Siegern eingesetzt wurde. Nein, eigentlich war da nichts, was einen hat hoffen lassen.

 

Und jetzt diese Worte des Propheten. Es wird eine neue, eine gute Zeit kommen. Kaum zu glauben, oder? Vor allem, wenn man nichts davon sieht. Wenn statt Recht und Gerechtigkeit das Chaos herrscht oder der Terror oder die Angst. Von Gerechtigkeit keine Spur. Wie lange wir noch  auf sie warten müssen? Diese Frage verbindet uns mit Jeremia und trennt uns auch wieder von ihm und seiner Zeit. Wir träumen nicht von einem König, wenn wir uns nach gerechten Verhältnissen sehnen. Aber nach Gerechtigkeit sehnen wir uns auch und nach Frieden, nach Sicherheit.

 

Wir feiern heute die Taufe von Loni. Vielleicht fragen Sie sich, in welche Zeit sie hineinwachsen wird. Vielleicht machen uns die Worte des Propheten Jeremia deshalb Mut. Wir können sagen: was auch immer geschehen mag. Loni wird einer guten Zukunft entgegen gehen. Gott hat viel mit ihr vor. Und er steht ihr zur Seite. Sie wird ihren Weg nicht allein gehen. Sie hat Eltern und Paten, Geschwister, eine große Familie. Und sie hat Jesus zur Seite. Wir legen sie Jesus ans Herz, den König, dessen Herrschaft längst begonnen hat.  Der christliche Glaube sieht die Verheißung des Propheten Jeremia in Jesus Christus erfüllt. Das unterscheidet uns von unseren jüdischen Schwestern und Brüdern. Unsere Sehnsucht, unsere Wünsche und Hoffnungen finden in der Gestalt des Zimmermanns aus Nazareth ihre sichtbare Antwort. Wir sagen: Jesus Christus ist der König, der Mensch, die Person, mit der Gott auf unsere Sehnsucht nach  Frieden, nach Versöhnung und nach einer heilvollen Zeit antwortet.

 

Dieser Jesus Christus ist auf eine ganz besondere Art und Weise König. Ganz anders, als wir es bis heute von den starken Männern und Frauen gewohnt sind. Wohltuend anders. Die Evangelien zeigen mir einen Jesus, der genau hinsieht. Er hält die Augen auf und nimmt wahr, was um ihn herum  vor sich geht. Das macht auch der König, von dem Jeremia spricht. Jeremia sagt: der König aus dem Geschlecht Davids wird „wohl regieren“.

 

Der König, an den wir glauben, regiert gut und gerecht - weil er den Menschen ins Herz sieht und weil er die Not wahrnimmt, in der wir leben. Die materielle Not ebenso wie die ungestillte Sehnsucht nach einem guten Leben, nach Frieden, nach Versöhnung. Jesus sieht die Menschen und gewinnt sie lieb. Deshalb ist er für uns Christen der König, der Gerechtigkeit üben wird im Lande. Schauen wir, wie sich Jesus für Gerechtigkeit eingesetzt hat, wie er Gottes Herrschaft zu den Menschen gebracht hat – durch die Liebe. Er hat die Menschen Gottes Liebe spüren lassen. Er hat ihre Bedürfnisse und Nöte wahrgenommen, ihre Ängste ernst genommen. Er hat sich ihnen zugewandt. Den Blinden hat er die Augen geöffnet, den Kranken die Hand aufgelegt. Er hat mit den Hungrigen gegessen, hat sie eingeladen in Gottes Tischgemeinschaft. Und er hat das Unrecht beim Namen genannt, die Lüge entlarvt. Er hat für Gottes Recht gestritten, das ist wahr. Bis ans Kreuz hat ihn das gebracht. Er hat dem Willen Gottes wieder Geltung verschafft. Gott will unser Herz, er will uns mit Leib und Seele. Er will, dass wir ihn lieben, von ganzen Herzen, mit all unserer Kraft und mit unserem Wesen.

 

Der König der Gerechtigkeit verschafft Gottes Willen wieder die ungeteilte Geltung. Es ist der Wille zum Leben, das wir haben sollen, das Gott uns schenken will. Es ist der Wille zur Versöhnung und zum Frieden, den Gott uns anbietet. So sammelt der König ein neues Volk - aus Juden und Heiden. Und Loni darf mit uns zusammen zu diesem Volk gehören. Wir sind ist das Volk, das unter einer guten Herrschaft steht. Wir sind Gottes Kinder. Die Taufe macht uns dazu.

 

Unser Denken und Handeln sollte davon bestimmt sein, dass wir  Kinder Gottes sind, dass wir dazu berufen sind, in der Nähe des Auferstandenen zu leben. Wir haben ein wunderbares Ziel vor Augen haben: das Reich Gottes mit seinem wunderbaren König an der Spitze, mit Jesus Christus, unserem Herrn. Nach so einem Herrscher  können wir uns in der Tat sehnen. Auf so einen König dürfen wir uns freuen. Deshalb ist der Advent eine Zeit der Vorfreude und der Hoffnung. Der Advent erinnert uns daran, dass dieser König bereits gekommen ist, um seine Herrschaft anzutreten. Und er wird wiederkommen, um seine Herrschaft zu vollenden. Auch, wenn Terror und Gewalt uns immer wieder erschrecken: am Ende wird sich sein Friede durchsetzen. Die Evangelien sagen uns, dass wir Grund zur Freude haben. Gehen wir ihm entgegen, im Glauben. Beten wir um seine Wiederkunft. Freuen wir uns darauf, dass er kommt. Mit den Worten eines bekannten Adventsliedes können wir uns glücklich preisen und in den Jubel über seine Herrschaft einstimmen:

 

                    

„O wohl dem Land, o wohl der Stadt,/so diesen König bei sich hat./ Wohl allen Herzen insgemein,/ da dieser König ziehet ein./ Er ist die rechte Freudensonn,/ bringt mit sich lauter Freud und Wonn./ Gelobet sei mein Gott,/mein Tröster früh und spat."




Leben zwischen den Zeiten

Predigt über Offb.21,1-7 am Ewigkeitssonntag in Altenstein und Hafenpreppach, 22.11.201

Der letzte Sonntag im Kirchenjahr hat zwei Namen. „Ewigkeitssonntag“ wird er genannt und auch „Totensonntag.“ Beide Namen zeigen an, was uns in dieser Zeit und besonders an diesem Tag bewegt.

Totensonntag! Wir denken an unsere Verstorbenen. Deshalb sind die viele von Ihnen heute in diesen Gottesdienst gekommen. Mit gemischten Gefühlen, denke ich mir. Der Totensonntag erinnert mich daran, daß jemand von mir gegangen ist. Ein Mensch, nach dem ich Sehnsucht habe, der mir fehlt. Ewigkeitssontag. Dieser andere Nae lenkt unseren Blick in die gemeinsame Zukunft, die uns mit den Verstorbenen über den Tod hinaus verbindet. Heute hören wir einen Abschnitt aus der Offenbarung des Johannes, der ebenfalls unsere Gedanken ausrichtet auf ein Geschehen, das noch aussteht. Dieser Prophet aus dem Neuen Testament, den man auf die  Insel Patmos verbannt hat, durfte einen Blick in die Ewigkeit werfen. Was er in seinen Visionen gesehen hat, darüber wollen wir heute nachdenken. Hören wir, was Johannes im 21. Kapitel seiner Offenbarung schreibt: 

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Wer überwindet, der wird es alles ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein.(Luther 1984, Deutsche Bibelgesellschaft)

Die Worte des Johannes machen mir Hoffnung, zugleich beunruhigen sie mich. Ein beängstigendes Bild ist das, das er uns bietet. Es birgt das Ende der Welt in sich, das Ende von dem niemand die Zeit, noch die Stunde weiß. Johannes sieht einen neuen Himmel und eine neue Erde. Er sagt, die erste Erde ist vergangen. Unsere Erde gibt es nicht mehr. Das ist die Erde, auf der wir leben. Das ist unser Zuhause.  Diese Erde wird nicht mehr sein. Auch der Himmel wird nicht mehr sein. Beängstigend ist das, nicht wahr?  Ich lebe gerne in dieser Welt. Sie ist meine Heimat, mein Zuhause. Doch ich habe auch Angst in dieser Welt. Angst vor dem, was wir Menschen mit unserem Zuhause machen. Wie wir damit umgehen. Ich leide unter der Kälte, die in diesem Zuhause manchmal herrscht. Ich denke dabei weniger an die niedrigen Jahrestemperaturen als an die Kälte, die von uns selbst ausgeht - wenn wir einander Liebe schuldig bleiben. Und das tun wir oft. Und zu den schlimmen Dingen unserer Heimat, unserer Welt, gehört eben auch, daß auf ihr der Schatten des Todes liegt, dass Menschen um einen Angehörigen weinen müssen, dass Menschen umeinander Sorge haben, dass sich Menschen mit Krankheiten oder Schicksalsschlägen abmühen.

 

Johannes sagt: das ist die alte Welt. Sie vergeht. Sie hat ein Ende. Im Glaubensbekenntnis verbinden  wir dieses En-de der Welt mit dem Jüngsten Tag, mit der Wiederkunft Jesu und mit dem Gericht. Dann aber spricht Johannes von dem, was mich hoffen lässt. Er spricht von der neuen Welt Gottes, die an die Stelle der alten treten wird. Johannes versucht, zu beschreiben, was er in Visionen von Gottes neuer Welt gesehen hat. Er bedient sich dabei der Bilder vom Gottesreich, die seinen Zeitgenossen noch vertraut waren, uns hingegen fremdartig erscheinen. Damals hat Jerusalem eine wichtige Rolle in dieser alten Welt gespielt. Auch für die ersten Christen war Jerusalem die Heilige Stadt. Die Stadt mit dem Tempel. Die  Stadt, in der sich Israel seinem Gott sehr nahe fühlte. Dort wird sich alles einmal abspielen, was von der Endzeit erwartet wird, so hat man deshalb geglaubt. Der Messias wird dort den Menschen erscheinen und die Heidenvölker werden einmal zum Tempel pilgern, um den wahren Gott zu ehren.  Johannes r spricht von der neuen Welt Gottes, in die er hat schauen dürfen. Er nennt diese neue Welt Gottes das „neue Jerusalem.“ Aus dem Himmel herab kommt sie zu den Menschen, bereitet wie eine geschmückte Braut  für ihren Mann. Johannes  spricht jetzt nicht mehr vom Gericht, sondern von unserer neuen Heimat, von unserem neuen Zuhause, dem Ort, an dem sich die Wunden schließen und heilen. Eine freundliche Stadt ist das, in der es sich zu leben lohnt. Eine Stadt ohne Schatten, ohne Leid, ohne Geschrei, ohne Angst, ohne Tod. Johannes beschreibt, wie ein Leben in dieser neuen Stadt aussehen wird. Alles wird sich auf den Mittelpunkt in dieser Stadt  konzentrieren, ausrichten. Diese Mitte ist Gott selbst. Er schlägt sein Zelt auf bei den Menschen. Er wohnt bei ihnen - schaubar, nicht mehr verborgen im Allerheiligsten des Tempels, nicht mehr verborgen im Menschenwort oder unter Brot und Wein - wie wir das heute bekennen. Wer im neuen Jerusalem lebt, ist aus dem Glauben ins Schauen getreten. Die Einwohner dieser Stadt haben Gott in ihrer Mitte. Sie werden Gottes Volk sein und Gott selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein. Mich tröstet der Gedanke, dass unsere Verstorbenen uns einen Schritt auf dieses Ziel hin voraus gegangen sind. 

Johannes erzählt von der Fürsorge Gottes an den Einwohnern seiner Stadt. Johannes sagt, daß Gott selbst die Tränen von ihren Augen abwischen wird. Da ist kein ferner Gott mehr, den man oft nicht begreift, an den man verzweifeln kann, sondern einer, der sich zu den Niedergeschlagenen herunter beugt und die Verzweifelten tröstet. Darauf hoffe ich und warte ich. Ich glaube, daß Gott in dieser neuen Welt nicht nur die Tränen abwischt, dass nicht nur Leid, Geschrei und Schmerz verstummen, weil wir uns leer geweint haben. Ich glaube, dass wir dann auch die Antworten bekommen, die uns jetzt noch umtreiben und das Glauben schwer machen.

Wer darf in dieser Stadt wohnen? Ich glaube, daß wir zu denen gehören sollen, die dort leben werden. Ich denke an die Worte Jesu vor seinem Tod. Er spricht sie zu seinen Jüngern, die Angst um ihren Herrn haben. Er sagt: „Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten.“ Ich glaube, daß uns der Zugang zu dieser Stadt, zu dieser neuen Welt Gottes offen steht. Jesus Christus ist unser Zugang in dieses neue Jerusalem. Und ich denke, daß auch unsere Verstorbenen ihren Platz in diesem neuen Jerusalem haben. Sie gehören mit  dazu. Auch wenn von ihnen in diesem Predigtwort nicht die Rede ist. Ich glaube, daß sie um Jesu Christi willen dazu gehören. Ich glaube, daß für sie und für uns das Wort  gilt, das Gott über die spricht, die in seiner Nähe leben sollen. Er sagt: „Siehe, ich mache alles neu.“

Ich glaube, wir werden nicht die alten sein, wenn wir unser neues Zuhause beziehen. Ebensowenig, wie die Erde und der Himmel die alten sind. Weil Gottes neue Welt keine Neuauflage der alten sein will. Die neue Welt Gottes ist bestimmt von Gott, der die Welt mit sich versöhnt hat, durch Jesus Christus. Wir werden versöhnt sein, wenn wir unseren Platz in der Nähe Gottes einnehmen werden. Das ist die große Hoffnung, die ich habe. Wir werden versöhnt sein, mit uns selbst, miteinander und mit Gott. Es wird kein Streit mehr sein. In unser unruhiges Herz wird mit der Ewigkeit auch der Friede Gottes und die Liebe Christi einziehen. Das ist die Hoffnung, die ich mit dieser Zukunft verbinde. An dieser Stelle wird mir klar, wie unendlich weit der Prophet Johannes nach vorn blickt. 

 

Ich denke an die Gegenwart. Das Kirchenjahr sagt mir: wir stehen zwischen den Zeiten. Wir leben in dieser Welt und warten auf die Zukünftige. Wir sind noch lange nicht am Ziel. Es kostet sicher viel Überwindung die Hoffnung auf Gottes neue Welt nicht im Gegenüber des Leides, der Trauer zu verlieren. Dazu will uns Johannes Mut machen. Gott sagt aus seiner neuen Welt heraus: „Wer überwindet, der wird es alles erben, und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein.“

                    

Gott stellt uns einen Helfer zur Seite, damit wir überwinden, damit wir eintreten können, in Gottes neue Welt. Wir werden vor allem nächste Woche, am 1.Advent, an den Einzug dieses Helfers in die Alte Welt denken. Ich spreche von Jesus Christus, der gerade in die alte, vom Tod verdunkelte Welt gekommen ist, um uns den Weg in die neue zu bereiten. Er ist zum Gott – mit - uns, zum Gott an unserer Seite geworden. Er gibt uns heute Kraft und Halt. Heute stehen wir zwischen den Zeiten und Welten. Wir leben in einer vergehenden und warten auf die zukünftige. Unser Glaube sagt: wir warten nicht vergeblich. Mit Jesus Christus, der in die Welt gekommen ist, fallen bereits die ersten Strahlen von Gottes neuer Welt in unser Leben. Sie tragen das Licht der Hoffnung in das von Trauer überschattetes Leben. Ich wünsche allen, die mit einem traurigen Herz in unser Gotteshaus gekommen sind, dass ein Strahl von diesem Licht jetzt seinen Weg auch zu ihnen findet, damit es wieder heller werden kann in ihrem Leben. Amen


Die Leiden dieser Zeit und unsere Hoffnung - Predigt über Römer 8,18-25 am Vorletzten Sonntag im Kirchenjahr, Volkstrauertag


Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat –, doch auf Hoffnung; denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet. Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes. Denn wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht? Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld. (Lutherbibel 1984,  c. Deutsche Bibelgesellschaft)

„Warum ist das Haus dort drüben kaputt?“  Als ich meinen Vater diese Frage gestellt habe, war ich gerade in der ersten Klasse und der Krieg war schon über zwanzig Jahre vorbei. Die Städte waren wieder aufgebaut. Das Wirtschaftswunder florierte. Und dann diese Bauruine, mitten in der belebten Nürnberger Innenstadt. Mit der Antwort meines Vaters konnte ich damals nicht viel anfangen: „Das ist noch vom Krieg übrig geblieben, da ist einmal eine Bombe draufgefallen!“ „Was ist eine Bombe?“ wollte ich wissen. Und noch etwas lag mir auf dem Herzen: „Was ist Krieg?“ Der Krieg! Davon hatte ich die Erwachsenen daheim häufig reden hören, die Eltern und Großeltern. Und dann haben sie ernste Gesichter gemacht und meine Großtanten haben dann etwas geweint – sie waren allesamt Kriegerwitwen. Als Kinder hörten wir die Erzählungen von heulenden Sirenen in der Nacht, von Flucht und Vertreibung, dem Verlust der Heimat und der Klage um toten Soldaten, die irgendwo in Russland begraben lagen und deren Namen mich daran erinnerten, dass sie zu unserer Familie gehörten, obwohl ich sie nie kennen gelernt hatte. Inzwischen gibt es keine zerschossenen Häuser mehr in unserem Land. Ab und zu werden noch Fliegerbomben aus dem 2. Weltkrieg ausgegraben. Auch dann streckt der längst vergangene Krieg wieder seine Hand aus. Dann herrscht Ausnahmezustand, werden Stadtviertel abgeriegelt und Bahnhöfe gesperrt, bis die Bombe entschärft oder gesprengt wird. Bleibende Schäden hat der Krieg bis heute  hinterlassen: in den Seelen der Menschen, die ihn erlebt und erlitten haben, die nun alt geworden sind und deren Leben sich dem Ende zuneigt. Spuren des Leidens, der Trauer. Die alten Menschen erzählen bis heute davon. Immer wieder. Der Krieg hat ihr Leben geprägt, verändert, manchmal auch zerstört.  71 Jahre lebten wir hier in Deutschland in Frieden.  Eine Zeitlang kam Krieg  nur noch in den Nachrichten vor. Im nahen Osten, in Afghanistan, im Irak. Das ändert sich jetzt. Auch das Gesicht des Krieges ändert sich. Es verjüngt sich. Es nimmt Gestalt an in radikalisierten Jugendlichen, die Selbstmordattentate planen und durchführen – auch bei uns. Es nimmt Gestalt an in der Angst, im Misstrauen und in der Wortwahl – auch unter uns. Unter einem Schläfer hat man  zum Beispiel vor dem 11. September 2001 etwas anderes verstanden als heute.

 

Am vorletzten Sonntag im Kirchenjahr ist  in unserem Land Volkstrauertag. Wir gedenken der Opfer der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts.  An diesem Tag hören wir den Apostel Paulus von den Leiden dieser Zeit sprechen. Die Trauer um unsere Kriegstoten, die Wunden der Erinnerung und die Angst vor neuen Wellen des Terrors gehören dazu. Der Apostel spricht von einer Lebenserfahrung, die wir nicht nur in Kriegs – sondern auch in Friedenszeiten machen. Er spricht von der Knechtschaft der Vergänglichkeit. Er spricht von der Sklaverei und von der Verlorenheit. Sklaven haben keinen freien Willen. Sklaven müssen tun, was von ihnen verlangt wird. Sklaven haben keine Rechte. Sie sind ihren Herren restlos ausgeliefert. Der Tod, so hat es den Anschein, ist der Sklaventreiber Die Vergänglichkeit ist die Fessel und zugleich die Peitsche, mit der die Sklaven gezüchtigt werden. Diese Sklaven sind wir. Seine Peitschenhiebe tun weh. Unendlich weh. Dass wir gefangen sind in diesem Netzwerk aus Leid und Sterben, erfahren wir Tag für Tag. Der Tod gehört zum Leben, sagen wir. Sterben ist ein natürlicher Vorgang. Das mag aus biologischer Sicht richtig sein. Die Tränen der Trauernden sprechen eine andere Sprache. Wir wollen uns nicht damit abfinden, dass wir sterben müssen. Loslassen tut weh. Und zurückbleiben ohne den geliebten Menschen tut ebenfalls weh. Auch das gehört zu den Leiden dieser Zeit. Aber nicht nur die Menschen leiden. Die ganze Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen. Alle Kreatur, lesen wir bei Paulus, harrt ängstlich einer anderen, einer besseren Zeit. Mir bedeutet dieser Abschnitt aus dem Römerbrief sehr viel. Er erinnert uns daran, dass nicht nur die Menschheit zu leiden hat. Die ganze Schöpfung sehnt sich nach Erlösung. Die ganze Schöpfung sehnt sich mit uns nach einer Zeit des Aufatmens, in der dieser Kreislauf aus Werden und Vergehen, aus Fressen und Gefressen werden, aus Töten um zu Überleben endlich durchbrochen wird.

 

 Wie gut, dass Paulus seine Worte in den Rahmen einer großen Hoffnung stellt. Er schreibt: … ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. Diese Worte könnten als Vertröstung verstanden und abgewertet werden, wenn man die andere Erfahrung ausklammert, wenn man so tun würde, als ob es das Leid nicht geben würde und wenn man sich die Gefühle verbieten würde, die sich im Leid manchmal einstellen: die Wut, die Verzweiflung, die Hilflosigkeit.  Der Apostel sagt nicht, dass alles wieder gut wird. Die Welt ist in einem schlimmen Zustand. Und wir sind es ebenfalls. Wir sind der Vergänglichkeit unterworfen und können nichts dagegen tun. Oder vielleicht doch? Da gibt es ein Schlüsselwort, das uns hilft, unser Leben zu leben, mit all den Tränen, die darin vergossen werden, mit dem Leid, das uns begegnet, mit der Angst und auch mit der Erfahrung, dass man selbst der Vergänglichkeit ausgeliefert ist. Das Schlüsselwort heißt „Hoffnung“. Wir sind der Vergänglichkeit unterworfen – doch auf Hoffnung hin, schreibt Paulus.

 

Da gibt es etwas, das uns das Leiden zwar nicht abnimmt, aber erträglich macht. Das ist das Vertrauen, der Glaube, der uns ins Herz gelegt wird. Als solche, die leiden und sterben müssen und nichts dagegen tun können, hören wir das Wort von unserer Zukunft. Sie bricht an, wenn die Herrlichkeit der Kinder Gottes offenbar wird, wenn sichtbar wird, was verborgen schon da ist. Der Genfer Reformator Johannes Calvin schreibt: „Wir sollen nicht mehr bedenken, was wir sind, sondern was wir sein werden.“ Die Sklaven sollen einmal als freie Kinder Gottes leben. Die Fesseln der Knechtschaft sollen aufgehoben werden. Da ist etwas in uns vorhanden, das uns Mut macht. Paulus nennt das „die Erstlingsgabe“. Er meint Gottes Geist, der uns dieses Vertrauen ins Herz legt und am Leben erhält, manchmal auch gegen den Augenschein. Es ist Gottes Geist, der uns daran erinnert, dass wir als Kinder Gottes eine Zukunft haben, die alles in den Schatten stellen wird, was uns bis jetzt in Atem hält.

 

          

Wenn wir von unserer Zukunft als Kinder Gottes reden oder träumen, dann reden wir uns nicht das Leiden schön. Wenn wir vor den Hoffnungslosen von unserer Hoffnung sprechen, vertrösten wir niemanden. Wir leben auf ein gutes Ziel hin, daran wollen wir festhalten. Wir vertrauen Gott, der uns in unsere Vergänglichkeit hinein ein Wort des Lebens zugesprochen hat. Dieses Wort hat Gestalt angenommen, ist Fleisch geworden, ist Mensch geworden. Ich spreche von Jesus Christus. Der Gottessohn ist sich nicht zu schade gewesen, Mensch zu werden, den Weg aller Kreatur zu gehen, durch Tod und Vergänglichkeit hindurch. So nahe ist uns Gott gekommen. Wir sollen nicht auf das sehen, was wir sind, sondern was wir sein werden. In Jesus Christus ist anschaulich geworden, was wir sein werden – Kinder Gottes, denen Gott selbst die Tränen abwischen wird. Das ist keine Vertröstung auf  eine  ungewisse, ferne Zukunft. Das ist unser Trost für die Zukunft, für unsere Zukunft. Daran wollen wir festhalten, wenn uns das Leiden in der Zeit überwältigen mag. So werden wir die große Herausforderung bestehen, vor die Gott uns stellt. „Nix g’wisses weiß man nicht!“ sagt der Volksmund. Aber das ist ja gerade das Geheimnis des Glaubens. Das wir nicht wissen, dass wir hoffen und  vertrauen. Um Jesu Christi willen. Amen.