Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)

 

Stille sein und Vertrauen

Predigt über Jesaja 30, 15 -17 am Altjahresabend in Altenstein und Hafenpreppach (31.12.2016)

Das Jahr geht still zu Ende, / nun sei auch still, mein Herz, / in Gottes treue Hände, / leg ich nun Freud und Schmerz / und was dies Jahr umschlossen, was Gott der Herr nur weiß, / die Tränen, die geflossen, die Wunden brennend heiß ....

   

Ja, ich gebe zu: diese Worte aus unserem Gesangbuch klingen ein wenig schwülstig. Wenn sich schon Herz auf Schmerz reimt! Das erinnert an Liebesromane und nasse Taschentücher. So hat man halt im 19. Jahrhundert gedichtet, gebetet und gesungen, denke ich mir. Trotzdem sprechen mich diese Zeilen an. Vielleicht, weil sie – verpackt in einer Sprache, die nicht die meine ist – zum Ausdruck bringen, was auch mich bewegt, vor allem an diesem Abend. „Warum es so viel Leiden, / so kurzes Glück nur gibt? / Warum denn immer scheiden, / wo wir so sehr geliebt? / So manches Aug gebrochen / und mancher Mund nun stumm, / der erst noch hold gesprochen: / du armes Herz, warum? fragt die Dichterin in der 2. Strophe. Sie heißt Eleonore Reuß, genauer: Prinzessin Reuß - Köstriz, Angeblich soll sie mit diesem Lied die eigene Trauer um den unerwarteten Tod einer engen Freundin, der Schriftstellerin Marie Nathusius, verarbeitet haben.

 

Das Jahr geht still zu Ende, / nun sei auch still, mein Herz...“ diese poetischen Worte laden mich ein, alles, was mich bewegt, was mich freut und belastet, was mir in den letzten zwölf Monaten gut getan hat und was mich gekränkt hat, noch einmal in Ruhe anzuschauen – und dann loszulassen, es in Gottes Hände zu legen, es abzugeben. Nichts soll mich beschweren, wenn ich ins neue Jahr hinüber trete. Und schon wieder höre ich einen Einwand: ach, wenn das doch so einfach wäre! Die Altlasten begleiten uns wie ein Schatten ins neue Jahr. Das meiste davon ist auch am Neujahrsmorgen noch da! Wenn ich heute Schulden habe, werde ich morgen vielleicht noch etwas ärmer sein, wenn ich heute krank bin, werde ich morgen nicht plötzlich gesund sein. Wenn ich mich heute mit einem Menschen gestritten habe, wird mir die Versöhnung über Nacht wahrscheinlich nicht mehr gelingen, wenn ich heute um einen Menschen trauere, ist der Kummer morgen nicht einfach weggeblasen.

 

Wie kann ich mit den vielen Probleme in meinem Leben zurecht kommen? Die adelige Dichterin findet bei Gott Trost und Halt. „Hilf du uns durch die Zeiten / und mache fest das Herz, / geh selber uns zur Seiten / und führ uns heimatwärts. / Und ist es uns hienieden / so öde, so allein, / o lass in deinem Frieden / uns hier schon selig sein.“ Schön gesagt! Wie kommt man nur zu diesem Frieden? Vielleicht hilft uns ein Wort des Propheten Jesaja weiter, über das wir heute Abend nachdenken wollen: „Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen. Durch Stillesein und Vertrauen würdet ihr stark sein...“ sagt er uns heute Abend.

 

Was für eine Herausforderung! Was für eine Zumutung. Umkehren. Also: das Leben ändern. Stillesein und Vertrauen – was für Ratschläge! Das klingt nach Wegducken und Aussitzen der Probleme. Würden Sie einen Politiker wählen, der so etwas auf seine Wahlplakate druckt? „Durch Stillesein und Vertrauen würdet ihr stark sein!“ Für mich ist dieses Prophetenwort eine Herausforderung, es kratzt an meiner Eitelkeit. Will es mich ausbremsen? Wir können doch nicht die Hände in den Schoß legen? Es gibt so viel zu tun! Wir müssen in die Hände spucken und die Aufgaben in Angriff nehmen. Von allein lösen sich weder die Probleme in meinem Leben noch die unserem Land!

   

Wir sind nicht die einzigen, die so denken. Sogar in biblischen Zeiten, haben sich die Menschen mit diesem Ratschlag schwer getan. Da gab es einen König, der wollte auch nicht glauben, dass man durch Stillesein und Vertrauen stark sein würde. Hiskia hieß dieser Mann. Vor über zweieinhalb Jahrtausenden hat er über sein kleines Land regiert. Juda. Das war übrig geblieben von dem einst so mächtigen Reich der Könige David und Salomos. Ein kümmerlicher Rest. Der fühlte sich im Würgegriff einer gefährlichen Großmacht: Assyrien. Immer lauter rasselte der Feind aus dem Norden, wie man Assyrien nannte, mit den Säbeln, immer bedrohlicher und unheimlicher wurde das. Wenn es doch nur eine Möglichkeit gäbe, die Last dieser Bedrohung von sich abzuschütteln. „Ich kann doch nicht die Hände in den Schoß legen!“ wird sich Hiskia gedacht haben. „Ich muss etwas tun. Ich  suche mir einen starken Bündnispartner.“ Deshalb wandte sich der König an Ägypten. Mit seinen Pferden und Streitwagen verfügte das einst mächtige Pharaonenreich über eine beeindruckende Kavallerie. Schließlich glaubte man, die Gunst der Stunde nutzen und das assyrische Joch von den Schultern schütteln zu können. „Wir schaffen das“, wird sich Hiskia gedacht haben. „Zusammen mit den Ägyptern kriegen wir das hin!“ Die Israeliten haben den flinken Rossen und den ägyptischen Schwertern jedenfalls mehr vertraut als dem Ratschlag des Propheten.  Die Israeliten haben einen hohen Preis zahlen müssen für ihren Irrtum. Sanherib, der assyrische König, hat kurzen Prozess mit seinen Gegnern gemacht und Juda war am Ende schlimmer dran als vorher. Stillesein und Vertrauen wäre klüger gewesen. Genauer: Stillesein und Gott-Vertrauen.

 

 Stille sein bedeutet ja nicht, die Hände in den Schoß zu legen und den Kopf einzuziehen. Stille sein bedeutet nicht, Probleme einfach auszusitzen in der Hoffnung, dass sie sich von allein lösen. Stille sein bedeutet, aufmerksam werden für Gott, der mir helfen will. Stille sein ist die Voraussetzung, um aus Glauben handeln zu können. Stillesein und Vertrauen setzt Umkehr, setzt Buße voraus. Umkehr zu Gott, der mir helfen kann. Abkehr vom bedingungslosen Vertrauen auf die eigenen Möglichkeiten und Stärken.

 

Durch Stille sein werdet ihr stark, sagt Jesaja. Wir leben in einer lauten und künstlichen Welt, die wir uns selbst erschaffen haben. Wir vertrauen nicht Rossen und Streitwagen, sondern den technischen Errungenschaften, zum Beispiel dem schnellen Internet. Wir wollen mobil sein, ständig erreichbar. Deshalb posten wir in den Sozialen Netzwerken, schreiben permanent SMS und Whats App Nachrichten, skypen  und chatten was das Zeug hält. Panik bricht aus, wenn die Verbindung durch Stromausfall zusammenbricht, das Programm abstürzt, die Daten gehackt werden.  Vielleicht ist es gut, wenn die gewohnten Abläufe hin und wieder einmal unterbrochen, wenn uns die Möglichkeiten ab und zu aus der Hand genommen werden, wie man einem Kind das Spielzeug wegnimmt, damit wir uns wieder besinnen? Damit wir umkehren, still werden, damit wir uns besinnen auf das, was unser Leben wirklich trägt. Manchmal geschieht das – wenn ein Sturm die Leitung kappt. Wie gut, wenn man dann weiß, wo die Taschenlampe liegt.

 

Die Mönche Irlands waren dankbar für „geschenkte Tage“. So nannten sie Zeiten, an denen das Wetter so schlecht und stürmisch war, dass sie das Kloster nicht verlassen konnten, um auf den Feldern zu arbeiten oder um zu missionieren. Sie nutzen diese Zeit zum Gebet, zur Betrachtung und Erforschung von Gottes Willen – und zur Erholung. Da war keine Klage über Verdienstausfälle und geplatzte Termine. Da war Zeit für Gott, jeden Tag und manchmal noch ein wenig mehr. Geschenkte Zeit war das, nicht verlorene.

 

Die Feiertage, die Zeit zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag, die Zeit zwischen den Jahren könnten wir als geschenkte Zeit annehmen: eine Zeit, um still zu sein, damit die Seele in mir lauschen kann, was Gott ihr sagen will. „Durch Stillesein und Vertrauen werdet ihr stark sein!“ Das hören wir am Altjahresabend. Es ist Gottes Rat für uns, mit dem wir ins neue Jahr gehen.  Vielleicht haben wir aber nicht nur verlernt, still zu werden, zu lauschen. Vielleicht wissen wir auch nicht mehr, wie Vertrauen geht? Dann ist es gut, wenn wir immer wieder einmal auf Worte stoßen, die uns weiter helfen. So ein Wort habe ich ebenfalls in unserem Gesangbuch gefunden – als Zwischentext nach dem vorhin erwähnten Lied. Es stammt von einem unbekannten Weisen aus China und zeigt mir, wie Vertrauen Gestalt annimmt. „Ich sagte zu dem Engel, / der an der Pforte des neuen Jahres stand: Gib mir ein Licht, damit ich sicheren Fußes der Ungewissheit entgegen gehen kann! Aber er antwortete: Gehe nur hin in die Dunkelheit und lege deine Hand in die Hand Gottes! Das ist besser als ein Licht und sicherer als ein bekannter Weg!

So geht Vertrauen – die Hand Gottes ergreifen und den ersten Schritt ins Ungewisse wagen, sich führen lassen. Ruhig und gefasst, nicht, weil ich alles im Griff habe, sondern weil Gottes Hand mich hält. Ob Eleonore Reuß, die Dichterin unsers Liedes, das so erfahren hat? Ihr Glaube hat ihr Mut gemacht, ihre Hand in Gottes Hand zu legen. „O dass ist sichres Gehen / durch diese Erdenzeit: / nur immer vorwärts sehen / mit sel’ger Freudigkeit“ schreibt sie und lässt sich von den Einwänden, den Fakten, die der Tod schafft, nicht erschrecken: „wird uns durch Grabeshügel / der klare Blick verbaut, / Herr, gib der Seele Flügel, / dass sie hinüberschaut.“  Das mag uns auch gelingen – wenn wir es nur wagen, wenn still werden und vertrauen. Dann bekommen wir den Blick frei. Dann können wir hinüber schauen über die Grabhügel der Angst, der Zweifel, der Unsicherheit. Dann können wir uns auf den Weg machen. Wir gehen an einer guten Hand. Schritt für Schritt. Hinein in das Leben. Amen.




Mit den Augen des Herzens schauen - das Licht erkennen

Predigt über Joh. 8,12 - 16 am zweiten Christtag in Hafenpreppach (26.12.2016)

Nun sind die Kerzen am Christbaum wohl ziemlich heruntergebrannt – sofern Sie noch echte Kerzen auf die Zweige gesteckt haben. Der Glanz des Weihnachtsfestes verblasst allmählich und der Alltag wirft seine Schatten voraus. Ich möchte mich heute mit Ihnen auf den Weg machen, auf Spurensuche. Wo ist sie geblieben – die Weihnachtsfreude. Wird sie morgen oder übermorgen wieder umgetauscht gegen das graue Einerlei, gegen die gewohnte Hektik? Auch die Erinnerung an schöne Tage mit der Familie kann schnell verblassen! Zurück bleibt meist ein Hauch Wehmut.  Ein Wort aus dem Johannesevangelium möchte ich mir ausleihen und wie eine kleine Lampe vor mich herhalten, wenn ich unterwegs bin im sogenannten grauen Alltag. Dieses Wort soll mir helfen, die Ecken und Kanten des Lebens auszuleuchten und alle Winkel, damit sie sichtbar werden die  Spuren der Hoffnung, die Spuren des Lebens und der „großen Freude“, die der Engel in der Heiligen Nacht den Hirten am Felde verkündet hat.

 

Ich denke an ein Wort Jesu. Es soll uns hinführen zu dem Kind in der Krippe, zu ihm, dem wahren Gott und wahren Mensch. Es ist ein Wort, mit dem Jesus etwas über sich selbst aussagt, über seinen Weg, seine Bestimmung.  Zugleich ist es eine Einladung an uns. Jesus sagt: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Luther 1984, Deutsche Bibelgesellschaft)

 

Es gibt Ausleger, die meinen, Jesus habe dies in Anspielung auf einen Festbrauch in Jerusalem  gesagt. Am Laubhüttenfest wurde nachts der Tempelvorhof festlich beleuchtet. Dieses Licht hat einen hellen Glanz auf die heilige Stadt geworfen. Das alles ist nur vordergründig. „Ich bin das wahre Licht“ sagt Jesus. Mir gefällt diese Deutung – auch, wenn sie umstritten ist. Ich denke dabei an die Festbeleuchtung in unseren Städten, an die vielen Lichterketten. In diesen Wochen um das Weihnachtsfest sind die Innenstädte nachts noch etwas heller als sonst. Das liegt an den zahlreichen elektrischen Kerzen, an den blinkenden Weihnachtssternen und den strahlenden Christbäumen. Eine Zeitlang lenken sie ab von der Dunkelheit, die uns im Leben immer wieder einholt und die wir so gern vergessen möchten: die Sorgen um geliebte Menschen, denen es vielleicht nicht so gut geht, die Angst um den Arbeitsplatz, der wieder einmal in Gefahr ist, den Ärger mit den Kollegen in der Firma oder auch die quälende Einsamkeit, die viele quält. Eine kurze Zeit lang lenkt das künstliche Licht der Festbeleuchtung davon ab. Wenn es allerdings nach den Feiertagen abgeschaltet wird, ist alles wieder beim Alten, holen mich die Schatten des Alltags wieder ein, bedrückt mich die Finsternis umso mehr.

 

Jesus lenkt meinen Blick weg von dem vordergründigen, dem künstlichen, dem kalten Licht, das nur blendet. Er weist hin auf das wahre Licht, das beständig ist, das nicht verlöscht. Ein Licht, an dem ich mich wärmen kann. Ein Licht, das mir den Weg zeigt aus der Angst, aus der Einsamkeit, aus der Unruhe. „Ich selbst, ich bin das Licht!“ sagt Jesus – und verspricht etwas. „Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“  Mit diesem Wort sagt Jesus den Menschen, was er für sie sein will. Ein Licht, das neue Hoffnung schenkt, das mir den Weg in das Leben ohne Angst zeigt. Es führt mich zu ihm hin bei dem ich alles finde, was ich in dieser dunklen Welt vermisse: Geborgenheit, Verständnis, Liebe, Barmherzigkeit.

 

„Ich bin das Licht der Welt!“  Dieses Wort weist mich an Jesus. Es lädt mich ein, ihm zu folgen und zeigt mir, wie ich selbst zum Licht werde, ein Licht, das wärmt und schützt und den Weg weist. Das Licht Jesu bringt Hoffnung in diese Welt. Und wer den Weg Jesu folgt, trägt dazu bei, dass sich die Hoffnung ausbreitet. Wer das Licht der Welt annimmt, bleibt nicht der Alte. Mit dem geschieht etwas. Das Licht hält Einzug in sein Leben. Ich kann nach den Feiertagen getrost meinen Weg in den Alltag fortsetzen. Das Licht zeigt mir den Weg, hilft mir, wahrzunehmen, aufzudecken, Furcht zu vertreiben und Hoffnung und Liebe weiterzugeben. Das Wort Jesu vom Licht ruft mich in seine Nachfolge. Wie sie aussieht, wie sie Gestalt annimmt, wie sich Hoffnung und Leben in dieser Welt durchsetzen – wir erfahren es, wenn wir auf Jesus Christus sehen, wenn wir hören was er sagt, wenn wir wahrnehmen, wie er mit den Menschen umgeht.

 

„Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben....“ sagt Jesus und allmählich ahne ich, welches Geschenk mir Gott zu Weihnachten gemacht hat. Er schenkt mir das Licht des Lebens! Ich finde es bei dem, der  selbst  Licht der Welt ist. „Das ewig Licht geht da herein, / gibt der Welt ein’ neuen Schein; / es leucht’ wohl mitten in der Nacht / und uns des Lichtes Kinder macht" dichtete Martin Luther in seinem Weihnachtslied. Jede Strophe endet mit einem Ruf um Erbarmen und Zuwendung: Kyrieleis. Wie ein Seufzer klingt das, weil so schwer zu glauben scheint, was das gesungen wird. So viele Widersprüche scheint es zu geben, so viele Erfahrungen von Dunkelheit fühlen wir im Leben.

 

„Jesus, du sagst, dass du das Licht bist! Woher nimmst du dir das Recht heraus?“ fragen deshalb die Schriftgelehrten. Sie widersprechen. „Du gibst Zeugnis von dir selbst!“  Der Lauf der Geschichte scheint ihnen Recht zu geben. Jesus wird gefangen, verurteilt, gekreuzigt. Er stirbt und die Welt dreht sich weiter. Es gibt eben Dinge, die lassen sich nicht beweisen. Über die kann man nicht diskutieren. Die kann man einfach nur annehmen, anbeten – wenn man sie wahrgenommen hat, wenn man lernt, mit den Augen des Herzens zu sehen. Deshalb schreibt der Apostel Paulus zum Beispiel an die Epheser:  Gott  „gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid, wie reich die Herrlichkeit seines Erbes für die Heiligen ist.“ (Epheser 1,18)

 

Wenn du mit den Augen des Herzens schaust, siehst du das Licht, das die Welt erleuchtet. Du findest es – im Kind von Bethlehem, im Prediger aus Nazareth. Er hat die Welt besucht, nicht um sie zu verdammen, sondern, um sie zu retten, um den Menschen darin das Leben zu schenken,  Menschen, die Schuld auf sich geladen haben, Menschen, denen die Angst im Nacken sitzt, Menschen, die an der Finsternis dieser Welt leiden, Menschen, wie du und ich. Wenn du mit den Augen des Herzens schaust, siehst du im Gekreuzigten den Gottessohn und ahnst in ihm die Herrlichkeit des Auferstandenen. In ihm entdeckest du Gott, der die Welt besucht hat und ihr einen „neuen Schein“ geschenkt hat, der bis heute auf ihr liegt.

 

Darin besteht der Unterschied. Im Evangelium des Johannes widersprechen die Gegner. Sie werfen Jesus vor, dass er die Menschen täuscht. „Dein Zeugnis ist nicht wahr“ sagen sie. Sie schauen nicht mit den Augen des Herzens. Sie diskutieren, sie streiten mit Jesus. In ihren Augen ist er nicht der Gottessohn. Er ist nur ein Zeitgenosse. Einer, den sie verachten, weil er im Rang unter ihnen steht. Sie richten nach dem Fleisch, nach dem Augenschein. So kann man Jesus auch sehen – als einfachen Menschen. Dann bestreitet man vielleicht nicht, dass er gute Absichten hatte. Man kann ihn in die Ahnenreihe der guten Menschen stellen, in einem Atemzug nennen mit Buddha, Mohamed, Martin Luther King oder Mutter Theresa. Doch man kennt ihn nicht. „Ihr wisst nicht, woher ich komme!“ antwortet ihnen Jesus. Sie sehen nicht das Licht, das von ihm ausgeht. Sie sehen nur den Menschen. Sie erkennen nicht die Wahrheit. Sie schauen ihn nicht mit den Augen des Herzens.  Sie nehmen das Licht nicht wahr.

 

Dieses Licht des Lebens nimmt dir die Angst vor der Dunkelheit in der Welt – und hilft dir, als Kind des Lichts zu leben, selbst Licht der Welt zu werden. Ein Licht, das Hoffnung und Wärme in dieser Welt verbreitet. Ein Licht, das Menschen den Weg aus der Dunkelheit zeigt. Ein Licht des Lebens macht dir Mut zur Barmherzigkeit, wie sie Jesus vorgelebt habt. Das Licht des Lebens hilft dir, die Welt anders zu sehen, neu wahrzunehmen. Ein besonderer Schein liegt auf dieser Welt. Ein neuer Schein. Ich meine die Liebe und Barmherzigkeit Gottes. Dieser neue Schein leuchtet auf. Zum ersten Mal über dem armseligen Stall bei Bethlehem, „wohl mitten in der Nacht“.  Wie gut, dass er nicht erloschen ist. Er weist uns den Weg in ein neues helles Leben, in dem uns das Licht der Welt leuchtet. Amen. 


Wo ist Bethlehem? 

Predigt über Micha 5,1 – 4 am 1. Weihnachtstag in Altenstein und Hafenpreppach (25.12.2016)

Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. Indes lässt er sie plagen bis auf die Zeit, dass die, welche gebären soll, geboren hat. Da wird dann der Rest seiner Brüder wiederkommen zu den Söhnen Israel. Er aber wird auftreten und weiden in der Kraft des HERRN und in der Macht des Namens des HERRN, seines Gottes. Und sie werden sicher wohnen; denn er wird zur selben Zeit herrlich werden, soweit die Welt ist. Und er wird der Friede sein. (Luther 1984, Deutsche Bibelgesellschaft)

 

Diese Worte aus dem Buch des Propheten Micha enthalten eine frohe Botschaft. Ich nenne sie die Weihnachtsbotschaft des Propheten Micha.  Sie erzählt uns von der Hoffnung für die Hoffnungslosen. Der Prophet richtet sie an Menschen, die niedergeschlagen sind. Menschen, die sich klein und unbedeutend fühlen, preisgegeben den Mächtigen, ausgeliefert einem ungewissen Schicksal und der Angst vor der Zukunft. Das sind die Einwohner von Bethlehem. Vielleicht dürfen wir uns zu ihnen zählen?

    

Wenn Bethlehem erwähnt wird, denken die Bibelkundigen an König David. Der stammt aus Bethlehem, aus der Sippe Efrat. Soll etwa wieder einer wie David kommen und uns herausführen aus unserem Elend? Der Prophet Micha erzählt von einem Hirten, der Gottes Volk recht regieren und dafür sorgen wird, dass es sicher wohnen kann. Er wird eine Wohltat für die Menschen im Gelobten Land sein – ganz im Gegensatz zu den Königen, die zuletzt über das Heilige Land regierten und es in den Untergang geführt haben. Der Hirte aus Bethlehem wird der Friede in Person sein. Das sagt der Prophet von dem Herrscher, mit dem das Heil zu den Menschen kommt. Er spricht  von einem Neuanfang, den Gott macht. Um es kurz zu machen: er ist nicht gekommen. Einen zweiten David, besser und gerechter als der erste, hat es nie mehr gegeben. Bis heute nicht. Bethlehem ist immer noch ein Ort im Heiligen Land, der nicht zur Ruhe kommt, viel mehr immer wieder von Gewalt und Unfrieden heimgesucht wird.

 

Aber – vielleicht ist mit dem weihnachtlichen Bethlehem ein ganz anderer Ort gemeint. Einer, der nicht auf einer Landkarte eingezeichnet ist. Vielmehr ist er in die Herzen der Menschen geschrieben. Und möglicherweise spielt es gar keine Rolle, zu welcher Zeit die Bewohner Bethlehems gelebt haben und leben. Ein Gedicht von Rudolf Otto Wiemer (1905 – 1998) soll mir den Weg weisen, der mich zu Bethlehem führt. Zu dem Ort, von dem aus Gott seinen Retter sendet.

„Sage, wo ist Bethlehem? / wo die Krippe? Wo der Stall? / Musst nur gehen, / musst nur sehen – / Bethlehem ist überall. Sage, wo ist Bethlehem? / Komm doch mit! Ich zeig es dir! Musst nur gehen, /  musst nur sehen – / Bethlehem ist jetzt und hier. Sage, wo ist Bethlehem? / Liegt es tausend Jahre weit? / Musst nur gehen, musst nur sehen – / Bethlehem ist jederzeit.“

 

Wenn wir  uns auf den Weg machen, angetrieben von den Sorgen um das Leben, von der Sehnsucht nach Frieden, nach Geborgenheit, nach Heil – dann sind wir auf dem Weg nach Bethlehem. Wir müssen dabei kein Flugticket kaufen und auch nicht ins Heilige Land reisen. Bethlehem ist jetzt und hier! Wir müssen nur die Augen aufmachen. Dann finden wir Bethlehem, den Ort, der klein ist und unscheinbar und an dem mir Gott begegnen will in einem Kind. Dort leben die Menschen, die sich klein und unscheinbar fühlen, die niedrig und gering sind. Menschen, für die kein Platz in der Herberge des guten Lebens ist, Menschen, die das Leben entwurzelt hat, das heißt: Menschen, mit denen es das Leben nicht gut gemeint hat. Arbeitslose, Kranke, Heimatlose vielleicht. Aber auch Trauernde, Ratlose, Hilflose eben. Wie schnell wird man einer von diesen Menschen? Wie schnell wird man zum Einwohner dieses besonderen Ortes, den ich hier Bethlehem nenne? Wenn ich den Worten des Propheten Glauben schenken darf, dann finde ich dort meinen Gott. Ich finde Gott ganz in meiner Nähe.  

Die Geburt Jesu in Bethlehem ist für Christen die Antwort Gottes, der mir zeigt, wo man ihn finden kann.. Eine Antwort ist das, die so ganz anders ausfällt, als sich das der Prophet und seine Zeitgenossen vorgestellt haben und vielleicht auch wir. Eine Antwort, die viele enttäuscht und die ebenso vielen Hoffnung schenkt. Der Prophet Micha sagt vom kommenden Herrn: „Er wird der Friede sein“. Wer in Jesus den kommenden Herrn erkennt, weiß, dass dieser Friede nicht mit dem Schwert erstritten und erhalten wird. Dieser Friede wächst aus der Versöhnung, die Gott uns Menschen anbietet. Er wird gefestigt durch den Glauben, der sich Jesus anvertraut und durch die Liebe, die von ihm ausgeht.

 

Gott schließt mit den Menschen Frieden Er kommt zu ihnen. Er kommt verborgen. Er wird Mensch. Genauer gesagt: er wird Kind. Unscheinbar beginnt dieser Neuanfang Gottes. Aber schon am ersten Heiligen Abend, in der Heiligen Nacht, hinterlässt   Gottes   Neuanfang   deutliche Spuren. Später werden sie überall sichtbar, immer dort, wo Menschen dem Mann begegnen, der einst im Stall von Bethlehem geboren wurde und den Namen Jesus trägt. Nicht immer atmen Menschen erleichtert auf, wenn sie ihm begegnen. Manchmal ärgern sie sich über ihn, weil er nicht ihren Vorstellungen von einem Retter und Heiland entspricht. Meistens wird das Herz leicht vor Freude. Das ist der Fall, wenn sie sich ansprechen lassen von der frohen Botschaft, die Jesus den Menschen bringt, wenn sie erfahren: „Ich bin gemeint! „Ich gehöre zu denen, die in Frieden leben sollen, in Frieden mit Gott und der Welt.“

 

Die Weihnachtsbotschaft sagt: der Friede Gottes, der all unsere Vorstellungen übertrifft und der auch größer ist als unsere Wünsche, als unsere Sehnsüchte und Träume - dieser Friede ist da. Verborgen und leicht zu übersehen ist er. Aber er ist da. Er kommt in das Kleine, Unscheinbare, Niedrige, Geringe, um es ganz groß zu machen. Er kommt zu mir, dem kleinen, schwachen Menschen, um mit mir Freundschaft zu schließen, um mit mir Frieden zu schließen. So wertet er mich auf, so wichtig bin ich ihm. Ich soll erkennen, wo ich hingehöre. Auf die Seite Gottes, auf die Seite des Lebens, der Liebe. Der Friede Gottes beginnt, wenn ich aufatmen kann, weil ich dazugehöre, weil ich mich einreihen darf in die Schar derer, denen Gott die Freundschaft anbietet; in die Schar der Hirten und der Könige, die vor dem Kind anbeten und die neue Hoffnung in die Welt tragen. Der Friede ist da, der die Welt retten wird. Er hat Gestalt angenommen im Kind von Bethlehem. Er will Gestalt annehmen in mir. Amen.

   


Die Wirklichkeit hinter den Papiersternen 

Predigt über Johannes 3,16-21 zur Christnacht 2016

Seit Wochen stapfen sie durch die Fernsehlandschaften - die Weihnachtsmänner, die Elfen und Zwerge aus der Weihnachtsbäckerei. Sie machen Werbung für Schokolade, für Kosmetikartikel oder anderes. In der Adventszeit wird diese Werbung gefühlvoller, rührseliger als sonst . Sie zeigt uns eine heile Welt. Da klingeln die Glöckchen in den Medien, da machen  Kinder fröhliche Schneeballschlachten, gleiten die Verliebten im Pferdeschlitten über die verschneite Winterlandschaft einer fiktiven Welt, wenigstens im Sekundentakt der Fernsehwerbung.

 

Seien wir ehrlich: schauen wir sie nicht ganz gerne an, diese Bilder? Wo gibt es das noch: die heile Familie –  Eltern, Kinder, Opa und Oma, vereint am festlich gedeckten Tisch, in der warmen weihnachtlichen Stube mit dem gemütlichen Kachelofen und den frostbeschlagenen Scheiben, durch die man auf eine tief verschneite Winterlandschaft blickt?  Das sind Klischeebilder. Sie erinnern mich an die  bunten Weihnachtssterne aus Transparentpapier, die wir  jedes Jahr im Advent an unsre Fensterscheiben hängen. Sie  verwandeln die eintönigen Glasflächen. Die Welt vor unseren Fenstern wird durch sie bunter, schöner, freundlicher.

 

Bis jemand kommt und sie absichtlich herunterreißt. So ist das am Montagabend gewesen, als ein Attentäter in Berlin einen LKW in einen Weihnachtsmarkt gelenkt hat. Die Folge: zwölf Tote und mehrere Verletzte, Panik und Entsetzen. Ein Ort, an dem Menschen zusammen gekommen sind, um zu feiern, um sich auf das Weihnachtsfest einzustimmen, um Geschenke zu kaufen oder einfach nur, um die Atmosphäre zu genießen, hat sich in eine Stätte des Schreckens verwandelt, in einen Ort der Tränen, der Klage. Kann man jetzt noch unbeschwert Weihnachten feiern? Diese Bilder begleiten uns, legen sich wie ein Schatten über das Fest. Da möchte man eigentlich nicht mehr „O du fröhliche“ singen“ – oder vielleicht doch? Vielleicht erlaubt uns das gerade die Weihnachtsgeschichte, die wir heute hören und betrachten. Sie beschreibt die Welt, wie wir sie erleben und an der wir heute leiden. An Weihnachten erfahren wir, dass Gott seinen Sohn in diese Welt hinein gegeben hat. Heute Abend wollen wir über einen Abschnitt aus dem Johannesevangelium nachdenken. Er ist eine Erklärung, eine Deutung der Geschichte, die wir als Lesung gehört haben, die uns die Kinder im Krippenspiel vorspielen, die uns in der Weihnachtskrippe vor Augen gestellt wird. Hören wir also, wie Johannes das Wunder der Weihnacht im 3. Kapitel seines Evangeliums deutet:

 

... also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.  Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er hat nicht geglaubt an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes. Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse. Wer Böses tut, der hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind. (Luther 1984, Deutsche Bibelgesellschaft)

 

Von Licht und Finsternis schreibt der Evangelist Johannes, von Vertuschung und Entlarvung, von Gericht und Rettung, aber vor allem von Liebe und Hingabe. Gott gibt seinen Sohn in diese Welt hinein, weil er die Welt liebt. So sehr liebt er die Welt, dass er sie nicht sich selbst überlässt. „Welt“ –  das ist der Ort, an dem geweint und gelacht wird, an dem Menschen sich verlieben und bekriegen, an dem sich Glück und Unglück im Sekundentakt einstellen, an dem Kinderaugen im Kerzenlicht glänzen und im Bombenhagel erlöschen, an dem Existenzen zerbrechen und das sehnende Suchen nach Frieden oft unerfüllt bleibt. Dieser Ort mag schön und hässlich, fröhlich und traurig, trostlos und manchmal auch öde sein, doch eines ist er seit Weihnachten gewiss nicht mehr: gottlos. Gott sucht die Welt heim. Er kommt nicht mit leeren Händen, sondern mit einem Geschenk. Er schenkt uns seinen Sohn. Der Gottessohn kommt als nackter Säugling in die Welt. Er ist das Kind einer jungen Mutter, mehr Kind als Frau, und eines zweifelnden Vaters: ein Heimatloser, der mit seinen Eltern vor den Soldaten fliehen muss, der später als Erwachsener das Leben eines Wanderpredigers führen wird, der als Wohltäter gefeiert und am Ende als Verbrecher hingerichtet wird.

 

 Der Stall von Bethlehem ist der Ausgangsort, an dem die Heilsgeschichte Gottes ihren Anfang nimmt. Ein schäbiger Ort für einen Gottessohn, nicht wahr? Eigentlich passt das nicht in unsere Idylle. Deshalb schmücken wir die Weihnachtskrippen gerne aus, machen sie zu beschaulichen Puppenstuben, an denen das wirkliche Geschehen außen vor bleibt. Der Stall von Bethlehem ist zunächst das Symbol einer ungastlichen und kalten Welt. Der Gottessohn wird an einem Ort geboren, an dem man sonst nur die Tiere unterbringt. Das ist die Welt, in der Fremde nicht willkommen sind. An wie vielen Türen Josef wohl  angeklopft hat, bis er es endlich begriffen hat: Fremder, für dich und deine schwangere Frau ist kein Platz in der Herberge! Kein Platz! Haben wir einen Raum für den Gottessohn, wenigstens einen Winkel in unserem Herzen, wo er zur Welt kommen kann? „Ach lass mich doch dein Kripplein sein, / komm, komm und lege bei mir ein / dich und all deine Freuden...“ singen wir mit den Worten Paul Gerhardts. Meinen wir auch, was wir singen? Lassen wir ihn wirklich herein, den Herrn? Darf er ankommen, darf er in unseren Herzen geboren werden? Geben wir ihm eine Herberge, ein Obdach? Darf er das erste und das letzte Wort haben in unseren Gedanken? Oder ist kein Platz in unserer Herberge, in unserem Herzen? Kein Platz für diesen unbequemen Zeitgenossen, der sich mit Aussätzigen abgibt, Menschen, die man nicht anschauen mag, weil ihr Anblick kaum zu ertragen ist,  der den frommen Heuchler entlarvt, der die Tische der Geldwechsler und Geschäftemacher im Tempel umstößt und sich mit Zöllnern und Sündern an einen Tisch setzt? Möchten wir so jemanden hereinlassen, möchten wir an so jemanden das letzte und alles entscheidende Wort in unserem Leben überlassen?

 

Vielleicht ahnen wir jetzt, warum der Stall von Bethlehem nicht nur Geburts - sondern auch Gerichtsort ist, ein Ort, an dem sich das Licht von der Finsternis scheidet? Ja, an der Krippe vollzieht sich die Trennung von Glaube und Unglaube, von Licht und Finsternis. Wir sehen es an denen, die kommen und an denen, die fern bleiben. Wer steht an der Krippe? Wer betet das Kind an? Es sind die Menschen, die sich rufen lassen. Die Hirten. Sie folgen der Einladung des himmlischen Boten. Sie lassen sich ansprechen von der Freudenbotschaft: euch ist heute der Heiland geboren. Euch! Ihr seid gemeint. Ihr Hirten, an euren Lagerfeuern. Ihr seid gemeint. Einfache Menschen. Sie hüten meist fremdes Eigentum. Nicht immer gefeit sind sie vor der Versuchung. Manchmal wird auch ein fremdes Schaf unter der Hand verkauft. Das ist wahr. Manchmal bezahlen sie aber auch mit ihrem Leben, wenn sie die Herde verteidigen vor den Raubtieren. Sie sind die ersten, die diese Freudenbotschaft an sich heranlassen, in ihr Herz aufnehmen: euch ist heute der Heiland geboren. Da machen sie sich auf den Weg. Sie sind neugierig auf diesen Gott, der die Welt besucht und sich einen Stall für die Ankunft ausgesucht hat. Sie machen sich auf und finden das Kind.

 

Die Hirten zeigen uns, woran man es merken kann, ob Christus in unseren Herzen geboren wird, ob der Glaube in uns einzieht, ob es hell werden kann in unserem Leben. Durch die staunende Freude. Die Hirten staunten und freuten sich. Sind wirklich wir gemeint? fragen sie und finden die Antwort im Stall: Ja, wir sind gemeint! Es muss eine unbändige Freude gewesen sein, die sich in ihnen ausbreitet, eine Freude, die sich mitteilen will. Jedenfalls schreibt Lukas: „Sie breiteten das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war.“ Auch die Gelehrten aus dem Morgenland, finden wir an diesem ungastlichen Ort, im Stall. Das sind die Intellektuellen, die Gebildeten. Sie haben den Stern gesehen. Sterndeuter waren sie, hochangesehen. Keine Scharlatane. Eher Wissenschaftler. Es soll also keiner sagen, dass Glaube und Intellekt sich nicht vertragen. Und Heiden waren es. Babylonische Heiden. Grenzgänger gewissermaßen. Was für eine Herausforderung für Fundamentalisten jeder Art. Gott schert sich nicht darum. Er lässt sein Stern aufgehen über Fromme und Zweifler. Jeder ist eingeladen, dem Stern zu folgen. Der Weg der Sterndeuter führt über Jerusalem, an den Hof des Herodes. „Wo ist der neugeborene König der Juden“ fragen sie ihn. Der erschrickt Herodes und mit ihm ganz Jerusalem. So lesen wir es bei Matthäus, in der anderen Weihnachtsgeschichte. Wer fehlt in Bethlehem? Es fehlen die Schriftgelehrten, die Hoftheologen. Es fehlen die Hofschranzen Jerusalems. Es fehlt der König. Er schickt die Soldaten, später. Sie tragen Leid nach Bethlehem. Aus den frohen Liedern der Engel wird Wehklage der Mütter. „Rahel beweint ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihnen“ – mit den Worten des Propheten Jeremia deutet Matthäus den Kindermord durch die Soldaten des Herodes.  Bis heute hält sie an, die Wehklage in dieser Welt. Auch in dieser heiligen Nacht werden Kinder sterben und Erwachsene, wird gekämpft und gelitten.  Und dennoch ist der Stall von Bethlehem nicht nur der ungastliche Ort, an dem sich Licht und Finsternis scheiden. Er ist auch ein Gnadenort, an dem der Friede für den ganzen Erdkreis seinen Ausgang nimmt.

 

                

 Der Stall ist  der Ort, an dem Gott sein Heilswerk für die Welt beginnt. Er kommt zu uns, damit der Mensch nicht sich selbst überlassen bleibt. Der Evangelist Matthäus nennt den, der dort geboren wird, Immanuel. Das heißt auf deutsch: „Gott - ist - mit - uns.“ Wir feiern also die Ankunft eines Gottes, der die Fülle des Heils in unser oft ausgebranntes und leeres Leben  bringt. Er selbst kommt, um bei uns zu sein. Er solidarisiert sich mit uns. Er tritt an die Seite der Trauernden, er steht hinter den Ersthelfern am Unfallort, er weint mit den Verzweifelten, er steht bei den Ratlosen, er stärkt die Schwächen und wird ins Leben rufen, was dem Tod geweiht ist. Er kommt und bleibt bei uns, wenn die Papiersterne von der Fensterscheiben fallen, wenn uns der Alltag wieder sein unfreundliches Gesicht und seine kalte Schulter zeigt. Die Hirten haben es erfahren, die Gelehrten aus dem Morgenland  ebenfalls und wir sollen es auch erleben: wo Gott ist, da hat die Hoffnung ein bleibendes Zuhause. Nein, die Welt in der wir leben ist keine gottlose Welt mehr. Der Stall von Bethlehem, das Kind in der Krippe, sie erinnern uns daran, dass die Welt im Wandel ist, dass mit dem Kind der Friede Gottes, Einzug gehalten hat. Ein Friede, der die Welt verändern wird und der sich nicht aufhalten lässt – auch nicht durch Anschläge und Terrorbedrohung. Das ist die Hoffnung und der Trost, den wir haben. Deshalb können wir auch an diesem Weihnachtsfest „O du fröhliche“ singen – als Trostlied für die Trauernden und als Lied der Hoffnung für diese Welt. Amen. 



Ein Besuch, der alles durcheinander wirbelt - und wie man darauf antworten kann

Predigt über Lukas 1,26 – 38 zum 4. Advent 

Weihnachten naht! Nur noch wenige Tage haben wir Zeit, um die Vorbereitungen für das Fest zu treffen. Was man jetzt am wenigsten gebrauchen kann, sind unvorhergesehene Überraschungen. Ein ungebetener Besuch beispielsweise, der einem von der Arbeit abhält, der einen aus dem Takt bringt, die Planung über den Haufen wirft … nein, da solche Überraschungen sind ganz und gar nicht willkommen in diesen Tagen. Von einem geheimnisvollen und ganz und gar überraschenden Besuch erzählt uns heute der Evangelist Lukas im 1. Kapitel. Hören wir seine Vor - Weihnachtsgeschichte:

 

Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria. Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das? Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben. Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß? Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden. Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei. Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich. Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr. (Luther 1984, Deutsche Bibelgesellschaft)

 

Ein seltsamer Besuch – der so ziemlich alles durcheinander wirbelt.  Ein hoher Besuch. Ein himmlischer Besuch. Gabriel wird zu Maria gesandt. Gabriel – das heißt auf  Deutsch: der vor Gott steht. Deshalb ist es so, als ob Gott selbst durch ihn spricht. Wem wundert’s, dass Maria erschrickt. Wer weiß, was dieser unheimliche Besucher aus der anderen Welt mit ihr vorhat? Eine Freudenbotschaft bringt er ihr - angeblich. Sie soll ein Kind bekommen. Der soll König werden in Ewigkeit. Sein Reich wird grenzenlos sein. Jesus soll sie ihn nennen. Auf vielen Bildern wird dieser Besuch unterschiedlich dargestellt. Oft  sitzt Maria über einem Buch oder sie ist gerade mit einer Handarbeit beschäftigt, als Gabriel vor sie hintritt.  Wie es sich eben gehört für ein Mädchen, das noch unter der Obhut der Eltern lebt. Diese Engelsbotschaft wirft die Lebensplanung ganz und gar über den Haufen. Nein – nicht ihre eigenen Pläne werden durchkreuzt. Es sind die Pläne der Familien, die zunichte gemacht werden. Mädchen haben sich damals ihren Bräutigam nicht selbst ausgesucht. Das war Sache der Väter.  Mädchen wurden verheiratet. Meist im Alter von zwölf bis vierzehn Jahren. Wenn sich die Familien der Brautleute handelseinig waren, wurde Verlobung gefeiert. Damit war Maria „unter der Haube“. Auch, wenn die Braut erst später von ihrem Bräutigam heimgeholt und die Ehe vollzogen wurde – die Bindung war rechtsgültig. Und nun das: eine ungewollte Schwangerschaft, deren Urheber nicht der Bräutigam war. Was für ein Skandal! Eine Schande – für die Braut, dem blamierten Bräutigam und für die Familien. Ob Maria daran gedacht hat?

 

In der Bibel steht, dass sie über den Gruß des Engels erschrocken ist.   Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! Gott grüßt durch seinen Boten ein kleines, unscheinbares Mädchen, das in einem absolut unbekannten galiläischen Kaff auf ihre Hochzeit wartet. Maria erschrickt. Dieser Gruß von Gott passt so gar nicht in die alte Weltordnung. Von einem Gesetzeslehrer jener Zeit stammt der Ausspruch: „Man entbietet einer Frau überhaupt keinen Gruß!“ Die meisten Männer haben sich wohl an diese Regel gehalten. Maria staunt über den höflichen Engel. Ob sie ahnt, dass bereits mit seinem Gruß etwas ganz Neues und Unerhörtes ins Rollen kommt?

 

 Mit einem Gruß  setzt sich Gott über die Regeln und Ordnungen hinweg, die in ihrer engen Welt gelten. Gott grüßt eine unscheinbare und ganz und gar unwichtige Frau. Er wendet sich diesem Menschen zu und wertet ihn auf. Es wird nicht bei diesem Regelverstoß bleiben.  Sei gegrüßt, du Begnadete.  Dieser Gruß gilt nicht nur Maria. Was ihr durch den Engel zugesprochen wird, wird später jedem Menschen in der Taufe gesagt: Der Herr ist mir dir! Du bist ein begnadeter Mensch. Vielleicht verstehen wir jetzt, warum Paulus noch aus dem Gefängnis heraus schreiben kann: Freuet euch! Und abermals sage ich: freuet euch – der Herr ist nahe!  Er kommt und setzt die die alten, entwürdigenden Ordnungen außer Kraft, damit die Menschen endlich ein Leben führen können, das seinen Namen verdient – ein Leben als Gotteskinder. Was in Nazareth unscheinbar begonnen hat, wird sich vollenden.

 

Aber: die Menschen klammern sich an die alten Ordnungen, deren Zeit eigentlich vorüber ist. Vor allem diejenigen halten sich daran fest, denen diese alten Ordnungen Vorteile bringen. Nicht nur Herodes erschrickt deshalb, sondern das ganze Jerusalem mit ihm – ein wenig später, als die Sterndeuter den neugeborenen König der Juden suchen, den König, der kommt um Gottes neue Ordnung der Welt zu verkünden und durchzusetzen.

 

Die Geschichte vom Besuch des Engels bei Maria erzählt auch davon, wie die Menschen sich dazu verhalten sollen – zu dem, was Gott mit der Welt vorhat. Sie staunen, sie freuen sich, sie öffnen sich Gott. Maria staunt. „Wie soll das zugehen?“ fragt  sie den Engel. „Wie soll das vor sich gehen, wie soll ich ein Kind zur Welt bringen, da ich doch nichts von einem Mann weiß?“ Nein – sie fängt nicht an, mit dem Engel zu diskutieren. Sie hinterfragt die Botschaft nicht, so wie der gelehrte Priester Zacharias, dem Gabriel ebenfalls erschienen ist, um ihm die Geburt eines Sohnes, des Täufers Johannes, anzukündigen und dem es dann die Sprache verschlagen hat. Maria erschrickt und staunt. Und wir sollten ebenfalls erschrecken und staunen. Erschrecken – weil Gott uns aus unseren alten Bahnen, aus alten Denkmustern herauswirft, weil er es uns zumutet, dass wir umdenken und manchmal auch umkehren müssen. Und Staunen sollen wir. Erschrecken und Staunen ist die angemessene Haltung auf Gottes Zuwendung. Und noch etwas – sich freuen.  Später werden die Hirten auf dem Feld dem Engel begegnen. Sie werden erschrecken und staunen werden sie, staunen über das Wunder, an dem sie teil haben dürfen und dann werden sie sich freuen.

 

Eine heilige Zeit ist die Adventszeit und das Weihnachtsfest. Heilig wird sie durch Gottes Zuwendung. Darüber kann man erschrecken, staunen – und sich freuen. Die Hirten werden sich freuen, weil sie spüren, dass  s i e  gemeint sind. Sie werden wahrnehmen, dass Gott  s i e  freundlich ansieht. Sie freuen sich. Nachdem sie das Kind in der Krippe gesehen haben, sagen sie allen,  was sie erlebt haben. Können wir noch staunen? Können wir uns noch freuen?

 

Die unerhörte Botschaft des Engels ist vielleicht noch nicht bei uns angekommen. Das liegt nicht an der Botschaft, sondern daran, was die Menschen daraus machen. Man kann aus den Geschichten der Bibel fromme Legenden machen, man kann die „Religion mit Zucker bestreuen“ – wie es in einem Gedicht heißt, dass wir in unserem Gesangbuch lesen können (EG S. 1067). Man kann sie verniedlichen: dann wird die Weihnachtsgeschichte zur Märchenoper wie Hänsel und Gretel. Dann wird sie nicht mehr ernst genommen. Dann ist die Botschaft „entschärft“ worden. Manchmal scheint  es, als ob den Vertretern der alten Ordnung das gelungen ist, die es eben gerne hätten, dass sich nichts ändert? Dann könnte man resignieren. Dann wird der Stern von Bethlehem zur Leuchtreklame.

 

Später wird Maria ihre Verwandte Elisabeth besuchen und dort diesem Gott ein Loblied singen. „Er stürzt die Gewaltigen vom Thron und erhöht die Niedrigen“ wird sie singen. Das sind Worte mit Sprengkraft. Die Zeit der alten Ordnungen ist vorbei. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Die Botschaft der Vor -  Weihnachtsgeschichte ist eindeutig: Gott lässt sich nicht aufhalten. Er kommt und die Verhältnisse werden sich ändern.

 

Lassen wir uns ansprechen von dieser Geschichte des unglaublichen Besuchs. Maria – das einfache Mädchen aus Nazareth lehrt uns, wie wir uns zu verhalten haben.  Maria sagt:  Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. . Sie ist bereit. Sie lässt Gottes Handeln zu. Sie vertraut seinem Wort und lässt sich in Dienst nehmen.   Das können wir von ihr lernen – dass wir uns nicht verschließen, dass wir uns dem Anspruch Gottes öffnen und leben – als Begnadete des Herrn. Amen. 


Können wir uns noch freuen? Gedanken - zum 4. Advent

„Ich kann mich gar nicht freuen…“ seufzt sie. Nur noch wenige Tage bis Weihnachten und es gibt noch so viel zu tun. Mit jedem Tag, den das Fest näher rückt, häufen sich die Aufgaben. „Das muss alles noch erledigt werden!“ sagt der Chef und legt ein paar Akten auf den eh schon so großen Stapel. „Das ist wichtig!“ meint er und duldet keinen Widerspruch. So ist das jedes Jahr. Kurz vor Weihnachten, in den letzten  Wochen des Jahres, bricht das Chaos aus. „Wie soll ich das nur schaffen?“ stöhnt sie. „Wenn der Heilige Abend anbricht, ist die Luft raus, dann bin ich nur noch müde…“ Sie ist nicht alleine. Gerade vor dem Fest der Liebe stöhnen viele unter Stress und unbarmherziger Betriebsamkeit. Manchen graut aus anderen Gründen vor den Feiertagen. Wenn die anderen feiern, wird ihnen besonders schmerzhaft bewusst, wie einsam sie sind. Wie mag bei diesen Menschen der Aufruf des Apostels Paulus ankommen, der uns am 4. Advent gesagt wird? „Freuet euch in dem Herrn allewege. Und abermals sage ich freuet euch: der Herr ist nahe!“ Paulus hätte allen Grund zur Klage gehabt. Eigentlich ist in seinem Leben alles schief gelaufen. Er sitzt im Gefängnis. Vielleicht muss er sogar mit einem Todesurteil rechnen, wenn sein Fall in Rom vor dem Kaiser verhandelt wird. Seine Gegner draußen, in der Freiheit, reiben sich die Hände. Sie nützen seine Gefangenschaft aus, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Und gesund ist er auch nicht, der Apostel. Trotzdem kann er sagen: Ich freue mich. Woran das wohl liegen mag? Ein kleines Wort ist dazu vielleicht der Schlüssel.  Paulus schreibt nicht: „Freut euch.“ Er schreibt: „Freut euch in dem Herrn!“ Im Herrn sein bedeutet, eng mit Christus verbunden sein. Ein Herrschaftswechsel ist geschehen und die Freude ist die Folge davon. „Nicht ich lebe. Christus lebt in mir!“  schreibt Paulus in einem anderen Brief - an die Galater. Christus kommt also nicht erst irgendwann einmal in der Zukunft und überlässt uns bis dahin einem ungewissen Schicksal. Er ist schon da - aber wir merken es  nicht. Weil wir viel zu sehr mit uns beschäftigt sind, mit unseren Nöten, mit unseren Klagen, mit unseren Zweifeln, mit unserer Unzufriedenheit. Nicht Christus lebt in uns, sondern die Angst und ihre kleinen Schwestern, die Sorgen, die Zweifel, der Kummer.  Weihnachten wird also nicht, wenn wir die Kerzen anzünden und „Stille Nacht“ singen. Weihnachten wird, wenn wir Christus in unser Leben hereinlassen, wenn wir ihn die Herrschaft antreten lassen. Dann können wir uns auch von Herzen freuen, weil wir uns selbst in einem neuen Licht wahrnehmen werden. Wir sind nicht mehr allein, komme was da will. Wir müssen uns nichts mehr beweisen. Wir sind geliebt und angenommen, auch, wenn wir die Anforderungen unserer Leistungsgesellschaft nicht mehr erfüllen. Wir sind im Herrn geborgen. Laden wir den Herrn ein, bei uns einzukehren, schenken wir ihm und mit ihm der Freude einen Platz in unserem Herz. Vielleicht mit den Worten des alten Adventsliedes, mit dem schon unsere Väter und Mütter Christus eingeladen haben: „Ach mache du mich Armen, zu dieser heilgen Zeit / aus Güte und Erbarmen / Herr, Jesu, selbst bereit / Zieh in mein Herz hinein, / vom Stall und von der Krippen / so werden Herz und Lippen, / dir allzeit dankbar sein.“


Johannes der Täufer - Gottes Wegbereiter!  

Johannes fordert uns auf, dem Herrn den Weg zu bereiten. Aber was bedeutet das?Predigt zum 3. Advent

Des einen Freud ist des anderen Leid? Vielleicht gilt das auch für den heftigen Schneefall im Winter. Wer in aller Herrgottsfrühe mit dem Auto oder auch zu Fuß unterwegs ist zur Arbeit oder zur Schule, um Zeitung auszutragen oder um einzukaufen, wird ein Lied davon singen können, wie es ist, bei vereisten Straßen voranzukommen. Die Kinder sind glücklich. Schneebälle fliegen durch die Luft und Autos kriechen im Schneckentempo die Straße entlang. Schwierig ist es, auf der Spur zu bleiben, den Weg zu finden, wenn keiner mehr da ist, wenn der Weg verschwunden ist unter einer weißen Decke. Aber deshalb haben die Stadtväter und Gemeinderäte ja die Räum – und Streupflicht eingeführt. Und deshalb kratz und scharrt es morgens an allen Orten. Schneeräumen ist anstrengend und schweißtreibend. Genau vorgeschrieben ist‘s häufig, wie breit der Weg sein soll, der freigeschaufelt werden muss. Dankbar ist man als Fußgänger dann schon, wenn man einigermaßen sicher ans Ziel kommt. Daran musste ich denken, als ich den Wochenspruch zum Dritten Advent hörte und die Geschichte von Johannes dem Täufer gelesen habe. Nein, der Täufer hat wohl niemals im Leben Schnee geräumt. Aber den Weg hat er bereitet. Eine Bahn freigeschaufelt Eine unangenehme Aufgabe war das. Anstrengend und gefährlich war sie. Johannes hat am Ende mit dem Leben dafür gezahlt. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Der Täufer sollte den Weg freischaufeln, die Bahn bereiten, die im Lauf der Zeit zugeweht und verborgen war von der Sünde der Menschen, ihrer Gier nach Reichtum, ihrer Eifersucht, ihrem Egoismus. Den Weg sollte er freimachen, dass Gott wieder zu den Menschen kommen konnte. Das war seine Lebensaufgabe. Die hat er sich nicht selbst ausgesucht. Die ist ihm zugewachsen. Dazu ist er berufen worden. „Das Wort Gottes geschah zu Johannes“ lesen wir bei Lukas. In der Wüste ist das geschehen. Dorthin hat es ihn hingezogen. Die Wüste – ein Ort, an dem nichts ablenkt. Dort hat er ein Eremitenleben geführt. Beschaulich war es nicht, sein Leben. Gott hat Johannes den Auftrag gegeben, zu den Menschen zu sprechen. Was er ihnen zu sage hatte, war keineswegs angenehm.

 

Später wird es auch Jesus in die Wüste ziehen. Nach seiner Taufe wird das geschehen. Die Wüste – ein Ort der Klärung. Weil nichts da ist als Sand und Stein, können die Menschen dort zur Ruhe kommen, die Stimmen wahrnehmen, die zu ihnen sprechen. Die Stimme Gottes, aber auch die Stimme des Versuchers. Vielleicht braucht es die Einsamkeit der Wüste, um diese Stimmen auseinander zu halten. Aber auch das ist eine andere Geschichte. Heute erfahren wir, dass Gott zu den Menschen kommen will. Und ebenso erfahren wir, dass es Hindernisse gibt, dass der Weg freigemacht werden muss. Wir hören von Johannes, dem Wegbereiter.

 

Johannes war gehorsam. Gott wollte, dass der Weg wieder frei geräumt wird. Die Hindernisse sollten beiseitegeschaffen werden. Sie liegen auf dem Weg und blockieren die Ankunft Gottes bei den Menschen. Schauen wir doch nun einmal darauf, wie Johannes das macht, wie er die Bahn bereitet.

 

Johannes schmeichelt den Menschen nicht. Drastische Worte verwendet er. Ihr seid wie die Bäume, die gefällt werden müssen. Die Axt ist schon angelegt. Sie taugen nichts mehr, diese Bäume. Ich denke an die Obstbäume, die wir vor einigen Jahren im Pfarrgarten gefällt haben. Als sie dann auf dem Rasen lagen, war ich erschrocken. Die meisten waren von innen heraus hohl und zerfressen. Einem heftigen Sturm, einem Orkan hätten sie kaum mehr stand gehalten. Und Frucht haben sie auch nicht mehr gebracht. Sie waren eigentlich nutzlos. Jetzt sind Sie nur noch als Brennholz verwendbar.

Die Worte des Täufers sind mir bei diesem Anblick verständlich geworden. Allerdings haben sie mir auch einen Schauer über den Rücken gejagt. Ich möchte nicht so ein Baum sein. Vielleicht aber haben die meisten Hörer des Täufers das  ebenfalls gedacht. Die haben sich jedenfalls auf den Weg gemacht. Sie haben die Städte verlassen, sind hinaus gegangen, dorthin, wo der Täufer gepredigt hat – und haben ihm zugehört.

 

Wenig schmeichelhaftes hat er ihnen gesagt. Schlangenbrut nennt er sie. In Deutschland haben wir keine  wirklich gefährlichen Giftschlangen. Trotzdem leuchtet uns die Bedrohlichkeit dieser Worte ein. In meinen Gedanken sehe ich diese sich windenden Leiber vor mir, Geschöpfe, die den Tod bringen. Deshalb werden sie gefürchtet, die Schlangen – und meistens erschlagen. Zugegeben – heute stehen diese Schlangen unter Naturschutz. Damals war das anders. Die Schrift spricht von der Feindschaft zwischen dem Menschen und der Schlange und von dem Fluch, der auf ihr liegt. Die Schlange wird dem Menschen beißen und er wird ihr das Haupt zertreten. Und wieder denke ich mir: ich möchte keine Giftschlange sein. Ich möchte nicht den Tod in mir tragen. Und ich möchte auch nicht zertreten werden.

 

Sicher waren auch Menschen unter den Zuhörern des Täufers, die sich geärgert und nach einer Gelegenheit gesucht haben, dem Täufer das Handwerk zu legen. Die meisten aber haben sich ansprechen lassen. Was sollen wir tun? fragen sie Johannes und bekommen eine unmissverständliche Auskunft.

 

Redet euch nicht heraus! sagt der Täufer. Windet euch nicht wie die Schlangen. Sagt nicht, dass ihr Abraham zum Vater habt. Heute würde der Täufer vielleicht andere Vergleiche bringen. Vielleicht würde er sagen: denkt nicht, dass es genug ist, einfach nur einen Taufschein in der Tasche zu tragen und Kirchensteuer zu zahlen. Wagt es nicht, Gott einfach nur einen guten Mann sein zu lassen. Verlasst euch nicht auf Äußerlichkeiten. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken. Unmissverständlich sagt Johannes, dass Gott nicht auf Äußerlichkeiten Wert legt. Eine Geldspende, die sich absetzen lässt, ist kein Ticket für den Himmel. Es kommt schon auf etwas ganz anderes an.

 

Worauf kommt es denn an, Johannes? möchte ich den Täufer fragen und mich einreihen unter die Zuhörer, denen heiß und kalt wird bei der Strafpredigt am Jordan. Ob ich wohl auch betreten zu Boden blicke, wenn ich die Antwort höre? „Es kommt auf dein Leben an. Du musst es radikal ändern.“ Das sagt Johannes den Menschen. Und schon regt sich bei mir der Widerstand. Soll ich mir ebenfalls einen Fellmantel anziehen und in die Wüste gehen? Soll ich ebenfalls von Heuschrecken leben und von wildem Honig? Soll ich auf die Annehmlichkeiten verzichten, die mir das Leben bietet? Würde ich dazu die Kraft aufbringen? Ich glaube, dass ich dazu nicht in der Lage wäre.

 

Und schon sehe ich, wie der Täufer den Kopf schüttelt. Nein, würde er wohl sagen. Du musst gar nicht so viel tun. Du brauchst deinen Beruf nicht aufgeben. Du brauchst dein Haus und deine Familie nicht verlassen. Du kannst dein Leben weiterführen. Nur eines ist notwendig, nur eines kann die Not wenden: die Liebe. Halte dich an Gottes Maßstäbe! Gib der Liebe in deinem Leben Raum. Teile mit dem Bedürftigen, behalte nicht alles für dich. Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer zu essen hat, tue ebenso… sagt Johannes beispielsweise In der Liebe leben bedeutet: die Not des anderen wahrzunehmen und zu handeln. Mit der Spende für Brot für die Welt an Weihnachten sollst du dich nicht freikaufen von der Verantwortung. Geh mit offenen Augen und einem weiten Herzen in deinen Alltag. Wenn du dich anrühren lässt von der Botschaft des Täufers, wird Gott dir auch die Augen öffnen für die Menschen, die deine Hilfe brauchen. Und dann wird auch das Wunder geschehen, dass Gott bei dir ankommt, weil die Bahn, der Weg zu dir frei ist.

 

Sogar die vielgescholtenen und verachteten Zöllner müssen ihren Beruf nicht aufgeben. Sie sollen nur nicht mehr fordern, als das, was ihnen zusteht. Was für eine Herausforderung. Wir sind keine Zöllner. Wir betrügen niemanden, verlangen keine Wucherpreise und müssten uns eigentlich nicht angesprochen fühlen. Wir haben ehrbare Berufe. Heute höre ich aus diesen Worten des Täufers eine Anfrage – nütze deinen Beruf als Herausforderung, um Gutes zu tun, um der Liebe im Alltag ein Gesicht zu geben, um zu helfen, wo Hilfe nötig ist.

 

Gott will bei uns ankommen. Die Adventszeit ist eine Zeit der Stille, der Besinnung. Nützen wir die Tage vor dem Weihnachtsfest, um das einmal zu klären. Gibt es Stolpersteine in meinem Leben. Steine, die auf der Bahn liegen, damit Gott bei mir ankommen kann? Bin ich selbstzufrieden? Oder treibt mich die Furch um, ich könnte zu kurz kommen und muss deshalb alles dran setzen, dass ich zu meinem Recht komme, notfalls um jeden Preis? Dann kann ich eigentlich kein glücklicher Mensch sein. Ich muss dann immer Angst haben, dass mir einer mein Glück streitig machen könnte. Bei all diesen Sorgen übersehe ich dann das Eigentliche – dass Gott vor der Tür steht.

 

Vielleicht hat Johannes zu laut vom Gericht gesprochen. Vielleicht sind seine Worte nötig, um aus der Selbstzufriedenheit aufgeschreckt zu werden. Johannes aber war nur der Wegbereiter. Das Leben in Fülle erhalten wir von einem anderen. Seine Ankunft feiern wir in wenigen Tagen. Dass er bei uns ankommt, in unserem Leben, in unserem Herz, darum wollen wir ihn bitten. Amen.

                              


Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt? 

Predigt über Matthäus 24,1-14 am 2. Advent in Junkersdorf und Hafenpreppach (4.12.2016)

 

Apfel, Nüsse, Mandelkern essen brave Kinder gern. Und nicht nur Kinder! Deshalb greift der Heilige Nikolaus am sechsten Dezember, also übermorgen, tief in die Tasche bzw. in den Sack, um die großen und kleinen Kinder zu verwöhnen.  Wer sich für zu alt hält, um noch Besuch zu bekommen von dem heiligen Herren, verwöhnt sich in diesen Tagen gerne selbst: zum Beispiel mit einem Gang über den Weihnachtsmarkt (der eigentlich Adventsmarkt heißen müsste). Wer lässt sich nicht gerne einfangen von dem besonderen Zauber, der in diesen Tagen über den Budenstädten hängt. Ein süßer Duft von gebrannten Mandeln und Glühwein macht Appetit und verführt auch die kalorienbewussten Zeitgenossen zum  kulinarischen „Sündenfall“. Ja, es könnte alles so schön sein – wenn uns beim Gang über den Weihnachtsmarkt nicht so ein banges Gefühl begleiten würde. Zu viel ist in diesem Jahr geschehen. Die Vereinigten Staaten haben für ihre Bürger eine Reisewarnung in diesem Jahr herausgegeben. „Haltet euch fern von den deutschen Weihnachtsmärkten. Sie sind nicht sicher“, heißt es in dieser Warnung. Das ist nicht der einzige „Stimmungskiller“, der unsere Vorfreude trübt. Der Abschnitt aus dem Matthäusevangelium wirkt ebenfalls wie eine kalte Dusche und hört sich ganz und gar nicht vorweihnachtlich an.

 

Und Jesus ging aus dem Tempel fort und seine Jünger traten zu ihm und zeigten ihm die Gebäude des Tempels. Er aber sprach zu ihnen: Seht ihr nicht das alles? Wahrlich, ich sage euch: Es wird hier nicht ein Stein auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde. Und als er auf dem Ölberg saß, traten seine Jünger zu ihm und sprachen, als sie allein waren: Sage uns, wann wird das geschehen? Und was wird das Zeichen sein für dein Kommen und für das Ende der Welt? Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Seht zu, dass euch nicht jemand verführe. Denn es werden viele kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin der Christus, und sie werden viele verführen. Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei; seht zu und erschreckt nicht. Denn das muss so geschehen; aber es ist noch nicht das Ende da. Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere; und es werden Hungersnöte sein und Erdbeben hier und dort. Das alles aber ist der Anfang der Wehen. Dann werden sie euch der Bedrängnis preisgeben und euch töten. Und ihr werdet gehasst werden um meines Namens willen von allen Völkern. Dann werden viele abfallen und werden sich untereinander verraten und werden sich untereinander hassen. Und es werden sich viele falsche Propheten erheben und werden viele verführen. Und weil die Ungerechtigkeit überhand nehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten. Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig werden. Und es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker, und dann wird das Ende kommen. (Luthertext 1984, Deutsche Bibelgesellschaft)

 

Berichte von Krieg und Zerstörung, von Verfolgung und Naturkatastrophen – die Bibel ist voll davon. Dass die Liebe bei vielen erkaltet ist ein Kennzeichen dieser letzten Tage, von denen Matthäus erzählt. Uns, denen gerade warm ums Herz geworden ist, läuft ein eisiger Schauer über den Rücken.

 

Die vier Kerzen auf dem Adventskranz erzählen ihre eigenen Geschichten – nicht alle davon möchten wir gerne hören. Nicht alle davon passen in unsere Vorstellungen einer vorweihnachtlichen Harmonie. Manche stören geradezu. Die erste Kerze erzählt von dem Menschensohn, der in die Welt gekommen ist, um sie zu erlösen. Die Menschen aber haben ihn ans Kreuz geschlagen. Die Kerze vom zweiten Advent erzählt von seiner  Wiederkunft und deren Vorzeichen. Nicht mehr verborgen und unbeachtet wie beim ersten Mal kommt der Erlöser in die Welt – nicht als Kind in der Krippe besucht er die Welt. Sondern in Macht und Herrlichkeit wird er kommen, um zu richten die Lebenden und die Toten.

 

Auch die Jünger hat der Gedanke an ihre Zukunft bewegt. „Wie wird das Zeichen aussehen, Jesus, wenn du kommst? Woran wird man das sehen können, dass das Ende naht?“ mit dieser Fragen aus dem Mund der Jünger treten wir ein in die Geschichte aus dem Matthäusevangelium.

 

Auf dem Ölberg – in aller Stille – wenden sich die Jünger an ihren Herrn. Sie kommen vom Tempel. Dort herrscht  wie üblich religiöser Hochbetrieb. Dort wird gelehrt und gebetet, diskutiert und gefeilscht, gehandelt und geopfert. Das eine mehr, das andere weniger zur Ehre Gottes. Im Schatten des Tempels hören die Jünger ihren Herrn etwas Ungeheuerliches sagen. „Kein Stein soll auf dem anderen bleiben!“ Der Tempel, der Stolz des Gottesvolkes, soll zum Trümmerhaufen werden. Das ist das Bild von der Zukunft, das Jesus  zeichnet. In der Tat: eine bittere Pille, ein Wort, das weh tut. Darf man so etwas sagen über Heilige Stätten, an denen das Herz hängt?

 

Stellen Sie sich vor einer sagt Ihnen: von dieser Kirche bleibt nur noch ein rauchender Haufen Schutt und Asche übrig. Gerade mal gut genug, dass die Katzen dort ihre Mäuse fangen und die Spatzen ihre Nester bauen, wo vor Zeiten die Eltern und Großeltern getauft worden sind. Stehen einem da nicht die Haare zu Berge. Kein Stein wird mehr auf dem anderen bleiben. Wer möchte sich  nicht lieber die Ohren zuhalten? Aber: was viele nicht glauben wollten, ist eingetroffen. Der Tempel ist zerstört worden. Lange nachdem Jesus seinen Jüngern am Ölberg davon erzählt hat. Vielleicht haben sich die frühen Christen an die Worte ihres Herrn erinnert und sich dann gefragt: bricht sie jetzt an, die letzte Zeit, die Zeit der Wiederkunft. Und vielleicht wird der eine dabei voll Sehnsucht zum Himmel geblickt haben. Komm endlich, Herr, es wird höchste Zeit!

 

Die Christen haben allmählich nicht mehr so recht gewußt, was sie noch glauben sollten. Die Jahre ziehen ins Land. Der Glaube beginnt zu bröckeln. Die Kaiser in Rom wechseln sich ab. Einer ist schlimmer als der andere. Als Götter lassen sie sich verehren. Wer sich nicht vor ihren Standbildern verneigt und zum Zeichen der Anerkennung etwas Weihrauch auf den Opferaltären verbrennt, wird verfolgt, gefangen, gequält, getötet. Hat sich Jesus geirrt? Haben wir dem Falschen vertraut, sind unsere Kirchen auf Sand gebaut? Diese Unsicherheit legt sich jetzt wie ein Schatten auf die Christenheit.

 

 „Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, / darauf sie all ihr Hoffnung stellt? / o komm, ach komm vom höchsten Saal, / komm, tröst uns hier im Jammertal.“  So schreibt der Jesuitenpater Friedrich Spee gut tausendsechshundert Jahre später, mitten im dreißigjährigen Krieg. Er spricht aus, was schon die Christen im ersten Jahrhundert belastet hat. Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt? Die Teufel toben sich aus auf der Welt und von Gottes Sohn keine Spur weit und breit. Mißgunst und Hass, Denunziantentum und Heuchelei breiten sich aus wie ein schleichendes Gift. Auch die christliche Gemeinde ist davon nicht mehr verschont. Die Christen sprechen sich gegenseitig den Glauben ab. Später, wenn Könige und Kaiser das Kreuz längst im Siegelring und auf Heerbannern tragen, richten sie Scheiterhaufen auf, unterdrücken die Andersdenkenden und Andersglau-benden im Namen ihres Gottes. Kein Wunder, dass sich manch einer zurückgezogen, dem christlichen Glauben wieder abgeschworen hat, zum Spötter geworden ist. Weil die Wortführer des Christentums scheinbar gar nichts mehr wissen wollen von der Liebe, die Hand und Fuß bekommen hat in Jesus von Nazareth, dem Gottes – und Menschensohn, wie ihn die Bibel nennt.

 

In meinen Gedanken möchte ich mich zu den Jüngern schleichen, die mit Jesus am Ölberg sitzen. Er spricht von den Wehen der Endzeit und von den Menschen, die in dieser Zeit leben. Manchmal denke ich: er spricht von uns. Von denen, die darunter leiden, dass die Liebe bei vielen erkaltet. Es mag paradox klingen - aber es kann ein Trost sein: zu wissen, dass diese Schreckensbilder der Endzeit  keine Widerlegung des Glaubens sind, zu hören, dass Gottes Reich nicht aufgehalten werden kann: nicht von falschen Propheten, nicht von eitlen und größenwahnsinnigen Kaisern, Führern, Diktatoren – und auch nicht davon, dass viele Gott aus den Augen, aus den Herzen verlieren. Der Glaube braucht einen langen Atem, viel Vertrauen, ein weites Herz und viel Geduld. Beten wir also um den langen Atem des Glaubens. Denn Jesus spricht nicht nur vom Weltuntergang und ihren Vorzeichen. Er spricht auch von der Rettung. „Wer bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet!“  Wer sich nicht irre machen lässt. Wer vertraut – wird die Durststrecken des Glaubens überstehen. es lohnt sich, geduldig zu bleiben.

                      

Die zweite Kerze auf dem Adventskranz erzählt uns von Christus, der kommen wird und von seinem Reich. Seid geduldig! Seid beharrlich im Glauben! Diesen Aufruf hören wir heute von Matthäus. Gottes Reich wird kommen. Das ist eine Gute Nachricht. Sie lässt die Bilder wieder etwas verblassen, die uns von Matthäus mitgeliefert werden. Die Bilder, die uns aus den Massenmedien so vertraut sind. Die Schreckensbilder. Es sind vorläufige Bilder. Auch die Bilder, die uns heute erschrecken ins vorläufige, nicht endgültige. Nicht der Untergang kommt auf uns zu. Christus kommt. Er kommt wieder. Er bringt uns das Geschenk, nach dem wir uns sehnen – den Frieden, das Heil, die Rettung. Leben im Advent heißt: leben in der Erwartung, dass der allumfassende Friede Christi, der höher ist als unsere Vernunft, unterwegs ist zu uns. Vielleicht hilft uns das, beharrlich und standhaft zu bleiben – so wie es im Evangelium von uns verlangt wird. Wir warten nicht vergeblich. Amen.


Seht auf - Gedanken zum 2. Advent

Blechschaden! Die beiden Autos haben ordentlich was abbekommen. Und die Autofahrer ebenfalls. Leichenblass und mit verstörtem Blick sitzen sie in ihren Fahrzeugen und halten sich immer noch an den Lenkrädern fest. Passanten öffnen die verbeulten Türen, leisten „erste Hilfe“, so gut es geht: sie legen einen Behelfsverband für die Platzwunden am Kopf an und sprechen ein paar tröstende Worte: „Sollen wir jemanden verständigen?“ „Nur keine Aufregung!“ „Es wird alles gut!“ Irgendeiner hat mit dem Handy den Notarzt gerufen und die Polizei. Minuten vergehen. Die Leute an der Unfallstelle werden unruhig. Was, wenn nun einer der Verunglückten doch ernsthafter verletzt ist, als es aussieht? Ach, wenn die Hilfe doch schon da wäre! Endlich - das Martinshorn! Erst leise in der Ferne, dann immer lauter ist das Signal zu hören: Die Hilfe naht! Die Menschen an der Unfallstelle schauen auf und seufzen. Die Erleichterung ist ihnen ins Gesicht geschrieben. Im Dämmerlicht des Abends ist jetzt das flackernde Blaulicht von weitem zu sehen, der Rettungswagen taucht auf wie ein Gottesgeschenk. Jetzt wird alles gut. Die Hilfe naht. Die Menschen atmen auf. 

Ein Unfallsbericht als Adventsgeschichte? Martinshorn statt Silberglöcken und Blaulicht statt Kerzenschimmer? Das erzeugt keine Romantik. Gewiss nicht. Wer aber schon einmal in so einer Situation war, wer schon einmal auf Hilfe gewartet hat, kennt das Gefühl unglaublicher Erleichterung, wenn die Rettung eintrifft. 

Wer schon einmal so gewartet hat, ungeduldig, voll Angst und mit klopfendem Herz, kann sich vorstellen, was vielleicht gemeint ist, wenn Jesus sagt: „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht!“ 

Erlösung hat mit Aufatmen zu tun, mit Befreiung und Erleichterung. Mit Rettung, die unterwegs ist, auf dem Weg zu uns. „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht!“  Dieses Wort begleitet durch die 2. Adventswoche. Richtig: Jesus sagt das nicht als Trost bei einem Unfall. Seine Worte gelten im Hinblick auf das Ende der Welt, wenn Zeichen an Himmel und Erde auftreten und die Menschen in Angst und Schrecken versetzen. Seht auf. Lasst euch nicht gefangen nehmen von dem, was euch nach unten zieht, was euch den Kopf hängen lässt. Wer stets nach unten schaut, sieht nur das Stückchen Erde, auf dem er steht, sieht nur einen Teil von der Wirklichkeit, sieht nur, was ihn bindet: die Sorgen, die Nöte, die ihn umtreiben, die Probleme, die sich auftürmen, die Enttäuschungen, die niederdrücken. Da kann sich schon Weltuntergangsstimmung einstellen.

Habt keine Angst, sagt Jesus. Es kommt nicht das Ende. Es kommt die Erlösung. Sein Wort ist Krisenbewältigung, ist Hilfe in der Not, ist Trost und Ermutigung, wenn der Boden wankt, auf dem ich stehe, wenn die Selbstsicherheit bröckelt, wenn ich aus der Bahn geworfen werde, wenn mich die Angst am Wickel hat, wann und wo auch immer das geschieht. 

Advent bedeutet erleichtert aufzuatmen. Advent bedeutet, den Kopf zu heben, aufzuschauen, hinzuhören, auf die Zeichen der Zeit zu achten, weil die Hilfe naht. Was für eine Erleichterung: der, der mich frei machen kann, der den verworrenen Knoten meiner Fesseln aus Schuld, Angst, Versagen lösen kann, ist unterwegs.  Vielleicht hat Paul Gerhardt daran gedacht, als er sein berühmtes Adventslied gedichtet hat, dass die Rettung vor der Tür steht. „Das schreib dir in dein Herze, / du hochbetrübtes Heer, / bei denen Gram und Schmerze / sich häuft je mehr und mehr;/ seid unverzagt, ihr habet / die Hilfe vor der Tür; / der eure Herzen labet / und tröstet steht Allhier.“„Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht!“ - Gott sei Dank!