Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)

Artikel und Andachten

Andachten - Texte zum Nachdenken - Meditationen - Artikel


Unter einem guten Stern - auf dem Weg in den Advent
 „Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut.“ (Mt.2,10) Es sind die „Weisen aus dem Morgenland“ von denen hier die Rede ist. Gelehrte Sterndeuter. Sie machen sich auf den Weg. Hocherfreut sind sie , schreibt die Bibel. Kurz zuvor waren sie im Palast des Herodes. Schnell muss ihnen klar geworden sein, dass sie hier an der falschen Adresse sind. Ob sie geahnt haben, dass es dem König keineswegs ernst ist mit seiner Absichtserklärung, das Kind anzubeten? Schnell lassen sie die Stadt hinter sich. Sie sind noch nicht am Ziel. Aber sie  ahnen, dass der Stern sie an den Ort führen wird, an dem sich erfüllt was in den Schriften steht, dass er sie ans Ziel bringt, an dem sie den „neugeborenen König“ huldigen können. Die Freude macht ihnen Mut, weiterzugehen, obwohl die erste Etappe, die Begegnung mit Herodes, enttäuschend und beängstigend war. Sie schauen auf den Stern und sind hocherfreut. Sie lassen sich von ihm führen. Dieses Wort über die Sterndeuter lesen wir heute in den Herrrnhuter Losungen als Spruch für den Monat Dezember. Es ist Advent. Wir sind auf dem Weg hin zum Christfest. Wir sind auf dem Weg zur Krippe. Wir sind noch nicht am Ziel. Vielleicht tut es gut,  gelegentlich stehen zu bleiben, nach oben zu schauen, nach dem Stern Ausschau zu halten. Woran wir ihn wohl erkennen, den Stern? Vielleicht an der Freude, die sich dann einstellt, wenn wir  mit seinem Licht in Berührung kommen?  Etwas von der Freude der Gelehrten Sterndeuter wünsche ich jedem von uns, wenn wir uns aufmachen auf unserem persönlichen Weg zur Krippe.

1.12.2018



Zwei Namen - ein Sonntag

Totensonntag. Ewigkeitssonntag. Zwei Namen, zwei Seiten eines besonderen Sonntags? Am Totensonntag erinnern wir uns an die Menschen, die wir verloren haben, um die wir trauern. Wir schauen zurück auf ihr Leben, das zuende gegangen ist. Sie fehlen uns. Die Lücke schmerzt. Der Ewigkeitssonntag lenkt den Blick nach vorn, spricht von der Zukunft, die über den Tod hinaus reicht. Die weiße Farbe der Paramente an  Kanzel und Altar unterstreichen das. Wir sehen die Farben des Lebens, der Auferstehung. Wir schauen auf Christus, der versprochen hat, dass wir sein sollen, wo er ist – auf der Seite des Lebens. Die Kerzen, die wir zum Gedächtnis an unsere Verstorbenen anzünden, erzählen vom Licht in der Dunkelheit, von der Hoffnung, die über das Grab hinaus geht. Wie auch immer uns zumut sein mag an diesem Tag, dieses Licht möge seinen Weg auch in unsere Herzen finden und seine Wirkung entfalten, möge uns den Trost des Evangeliums nahe bringen. Jesus Christus hat dem Tod die Macht genommen!

24.11.2018
         


Auf den Hund gekommen? Gedanken zur Beichte am Buß - und Bettag.

Am Buß – und Bettag wird in vielen Gottesdiensten eine Beichtfeier angeboten. Als ich mir deshalb vorgenommen habe, etwas über die Beichte zu schreiben, ist mir  die süffisante Bemerkung des Schriftstellers Max Frisch eingefallen, die den Herausgebern unseres Gesangbuchs so gut gefallen hat, dass sie dieses Wort als „Zwischentext“ zum Thema aufgenommen haben: „Ein Katholik hat die Beichte, um sich von seinem Gewissen zu erholen, eine großartige Einrichtung; er kniet nieder und bricht sein Schweigen, ohne sich den Menschen auszuliefern, und nachher erhebt er sich, tritt wieder seine Rolle unter den Menschen an, erlöst von dem unseligen Verlangen, vom Menschen erkannt zu werden. Ich habe bloß meinen Hund, der schweigt wie ein Priester, und bei den ersten Menschenhäusern streichle ich ihn.“ (Evangelisches Gesangbuch, S. 1514) Ich lese diese Worte mit gemischten Gefühlen. Beneidet Max Frisch die Katholiken wirklich um die Beichte oder ist in diesen Worten nicht auch ein feiner Spott enthalten?  Was dem einen sein Beichtstuhl ist dem andern sein Hund?  „Ein Katholik hat die Beichte...“Max Frisch hat nur seinen Hund, den er streichelt, der ihm zuhört, ohne ihn wirklich zu verstehen und bestenfalls untergeben mit dem Schwanz wedelt. Die Protestanten, die keinen Hund besitzen, können einem leidtun. Müssen sie ihren Seelenbalast immer mit sich herumtragen? Haben sie keine „Adresse“, an der sie loswerden können, was das Gewissen belastet?  Vor einiger Zeit habe ich in der Zeitung gelesen, dass es noch evangelische Gotteshäuser mit „Beichtstühlen“ gibt. In Anspruch genommen werden sie aber wohl kaum, haben allenfalls noch kunsthistorischen Wert. Die Beichte gibt es trotzdem – und zwar in vielen Variationen – vom Bußgottesdienst bis zur  in klassischen Form des Beichtgesprächs. Auch der evangelische Geistliche ist verpflichtet, das Beichtgeheimnis unverbrüchlich zu wahren und spricht Kraft der Vollmacht, die der Herr seiner Kirche gegeben hat, die Vergebung der Sünden zu. Allerdings ist diese Form der Einzelbeichte nicht „institutionalisiert“. Das ist in der evangelischen Kirche eher die übliche Form der „allgemeinen“ Kirche. „Man geht beichten“ – am Buß – und Bettag oder am Gründonnerstagabend und nimmt dann an der Feier des Heiligen Abendmahls teil. Das führte dazu, dass ältere Leute heute noch „Beichten gehen“ sagten, wenn sie zum „Abendmahl gehen“ meinen. Die Einzelbeichte ist in der evangelischen Kirche ein freiwilliges Angebot im Rahmen der Seelsorge, die allerdings so dezent angeboten wird, dass kaum einer davon  Notiz nimmt. In Anspruch genommen wird die Einzelbeichte  oft an Einkehrtagen oder Wochenenden, im Rahmen von Gemeindefreizeiten – eben immer dann, wenn Menschen Zeit finden, um über sich und ihr Leben nachzudenken, wenn sie miteinander ins Gespräch kommen und innerlich bereit sind, etwas von dem auszusprechen und auf diese Weise abzugeben, was sie wirklich  belastet. Auf jeden Fall muss man als Protestant keinen Hund besitzen, um mit sich ins Reine zu kommen. Da habe ich als Katzenfreund also doch noch eine Chance!“ 

 

Mehr Informationen zur Beichte nach evangelischem Verständnis ist im Evangelischen Gesangbuch zu finden:  Nr. 883 - 886 

20.11.2018 




Allein durch Glauben? Gedanken zum Reformationstag

Herbstzeit bedeutet Reifenwechsel. Da ich zu den Autofahrern gehöre, die besser nicht mit Wagenhebern und anderem Werkzeug umgehen sollten, lasse ich Reifen bzw. Räder lieber fachmännisch in der Werkstatt wechseln. In der Wartezeit unterhalte ich mich mit den Leuten im Werkstattbüro. Das geht meistens nur so lange zwanglos und unverbindlich, solange niemand weiß, dass ich Pfarrer bin. Wenn meine "Tarnung" auffliegt, wird mir lange und breit erklärt, dass ich selbst zwar als zahlender Kunde im Großen und Ganzen ein netter Kerl bin, dass man aber von dem Verein, den ich angehöre, nicht so viel hält. So etwas erlebe ich nicht nur im Werkstattbüro, auch beim Arzt im Wartezimmer oder im Zugabteil bei der Reise. Ich erfahre, dass mein „Verein“, wie die Kirche oft salopp genannt wird, eigentlich nur für zwei Stunden im Jahr taugt, wenn man am Heiligen Abend die Christmette besucht. Ansonsten ist er überflüssig. Und wenn man schon mal die Kirche braucht, ärgert man sich über sie, weil der altmodische Pfarrer bei der gewünschten Taufe der Tochter die Paten nur deshalb ablehnt, weil sie vor Jahren aus der Kirche ausgetreten sind.  Die Kirche hat keine gute „Publicity,“ denke ich mir. Nicht nur die hohen Kirchensteuern, vor allem die zahlreichen skandalösen Fälle von Missbrauch werden in einem Atemzug genannt mit autokratischen Bischöfen oder  dem Zölibat - dass ich evangelisch bin spielt in den Augen der Kritiker keine Rolle. Kirche ist Kirche. In der öffentlichen Meinung wird kaum noch ein Unterschied gemacht zwischen den Konfessionen. Da ich als Advokat der Kirche bei solchen Auseinandersetzungen meistens kläglich versage, verzichte ich inzwischen auf Rechtfertigungsversuche und höre mir die Klagen geduldig und teils auch beschämt an. Das Vertrauen in die Kirche(n) schwindet. Ein bitteres Resümee? Wie kann man es wieder zurück gewinnen? Vielleicht, indem sich die Kirche in ihrer konfessionellen Vielfalt wieder auf das besinnt, was sie trägt und erhält? Und das ist gewiss nicht die Kirchensteuer, ebensowenig wie der übrige Besitzstand.  Am 31. Oktober ist der Reformationstag. Vor einem Jahr ein Feiertag, inzwischen wieder ein ganz gewöhnlicher Wochentag, den man zum Reifenwechseln in der Werkstatt nützen kann. Der biblische Denkspruch für diesen Tag steht im ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther: „Einen anderen Grund kann niemand legen, als der, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus!“ (1.Korinther 3,11) Paulus schreibt das einer Gemeinde, die drauf und dran war, sich zu verzetteln und in Grüppchen aufzuspalten. Der Reformationstag ruft eine selbstkritische Frage auf: Wo ist  die Verankerung im festen Grund, wo ist die Verbindung mit Christus im Alltag geblieben? Und wie kann sie glaubhaft gelebt werden? In den Augen von Otto Normalkritiker sind wir nicht mehr wirklich glaubwürdig. Vielleicht sollten wir den Reformationstag deshalb als Bußtag begehen. Reformationsgedenken –heißt das nicht, sich zurück zu besinnen, auf das, was die Kirche in ihrer Vielfalt tatsächlich trägt? Bedeutet es nicht viel mehr, umzukehren, den Schritt  zu wagen, hin zu dem, der Halt gibt: Jesus Christus? Aber wie geht das? Durch Glauben - allein durch Glauben. Das wusste schon Martin Luther.  Wir neigen dazu, es immer wieder zu vergessen.   

30.10.2018

Bei dir ist die Vergebung - Gedanken zum Wochenspruch


„Bei diesem Wetter geht kein Hund vor die Tür“, denke ich mir und blicke versonnen durchs Fenster. Draußen peitscht ein stürmischer Wind den Regen ans Fenster. Ich trinke einen Schluck Tee und wärme meine Hand an der Tasse. Ich bin froh, in der gemütlichen Wohnung zu sein. Da sehe ich einen Mann draußen, den Kragen hochgeschlagen, den Schirm gegen den Regen haltend, vergeblich. Jeden Tag sehe ich ihn an meinem Haus vorbei gehen. Sogar bei so einem Wetter. Ich sehe ihn auch an anderen Orten, zum Beispiel in der Fußgängerzone der großen Stadt, in der Shoppingmeile mit den vielen Geschäften oder im Supermarkt. Eine Verkäuferin hat mir einmal verraten, dass er jeden Tag aufkreuzt. „Er kauft nur wenig. Eine Schachtel Zigaretten, oder ein Päckchen Tütensuppe. Ich glaub, er will nur unter die Leute kommen.“ Er lebt allein.  Wie ein Getriebener wirkt er, wie er sich so durch den Regen ankämpft. Er fürchtet die leere Wohnung. Er fürchtet die Einsamkeit. Er fürchtet die Nacht. Ob er zu den Menschen gehört, für die der Wochenspruch geschrieben ist? „Bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte!“ Das stellt der Beter des 130. Psalms fest. Wallfahrer haben diese Worte zuerst gesungen. Vielleicht hat es einige unter ihnen gegeben, die  von einer Schuld umgetrieben wurden. Der 130. Psalm ist einer der sogenannten sieben kirchlichen Bußpsalmen „Aus der Tiefe rufe ich, Herr zu dir…“ mit diesem Ruf wendet sich der Beter an Gott. Bei ihm ist die Vergebung zu finden, nach der sich der Beter sehnt. Bei ihm ist der Frieden zu finden, den die Seele verloren hat. Deshalb haben sich die Wallfahrer mit diesem Gebet auf den Lippen auf den Weg gemacht, zum Heiligtum, den Ort, wo sie sich Gott nahe fühlten. Vergebung, so habe ich in der allwissenden Internet - Enzyklopädie Wikipedia gelesen, ist ein Schlüsselbegriff verschiedener Weltanschauungen und Religionen. Ein Schlüssel öffnet Türen, die verschlossen sind. Gott ist der Ort, an dem die Seele ihren Frieden findet, an dem man die Schuld los werden kann, die belastet, manchmal zentnerschwer, die einem die Ruhe raubt.  „Bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte…“ lese ich in meiner Bibel. Müssen wir uns vor Gott fürchten, weil er nicht nur vergeben, sondern auch bestrafen kann? Gemeint ist wohl eher die Ehrfurcht- „…bei dir ist Vergebung, damit man in Ehrfurcht dir dient“ lesen wir beispielsweise in der neuen Einheitsübersetzung. Gott will uns  zum Leben helfen. Ich stelle mir vor, wie Gott die Last von uns nehmen möchte, die uns am Leben hindert und an der Versöhnung, wie er die Bitterkeit, das Misstrauen, die Furcht und die Wunden in uns heilen will, damit wir bereit werden für den Frieden, den Gott uns schenken will. „Bei dir ist die Erlösung, dass man dich fürchte“ - der Wochenspruch aus dem 130. Psalm weist uns den Weg zu dem Ort, an dem die Seele, den Frieden wiederfindet, den sie in der Welt häufig verliert.

28.10.2018


Wofür ich dankbar bin. Meine Gedanken zum Erntedankfest 


Wofür ich dankbar bin

Werde ich manchmal gefragt

Von Menschen, die das zu interessieren scheint.

Gerne gebe ich Auskunft

Gründe gibt es genug, 

Um dankbar zu sein,

Auch, wenn sie manchmal so unscheinbar wirken,

Dass sie kaum noch wahrgenommen 

Und häufig übersehen werden.


Dankbar bin ich dafür,

dass in meinem Dorf die Zeit noch gemessen wird

an den Glockenschlägen

die der Wind vom Kirchturm an mein Ohr heranträgt,

Dass die Woche noch sieben Tage hat 

Und mit einem Ruhetag beginnt,

Wenigstens dem Gefühl nach.

Dankbar bin ich dafür,

Dass der Sonntag kein Werktag ist.


Dankbar bin ich dafür 

Dass wir bei uns die Luft noch atmen können

Ohne Reizhusten und Atemnot,

Dass der Nebel morgens nur Nebel ist,

Der die Landschaft verhüllt wie ein Geschenk,

Das die Sonne später enthüllt,

Und keine Dunstglocke aus Staub und Abgasen,

Die das Atmen nur schwer und die Bronchien krank macht.


Dankbar bin ich dafür,

Dass sich die Kinder immer noch

Über Kastanien freuen können,

Die durchs bunte Herbstlaub schimmern,

darauf wartend, aufgelesen zu werden


Dankbar bin ich dafür,

Wenn sich in der Kirche

Am Erntedanktag

Der Duft von Äpfeln, Nüssen, Lauch und Kartoffeln 

Mit dem von Holz und Kerzenwachs mischt

Und mich an daran erinnert,

Dass es nicht selbstverständlich ist,

Keinen Hunger zu leiden.


Dankbar bin ich

Für das Dach über den Kopf,

Eine Heizung die läuft,

Für die Katze, die es sich auf meinem Schoß gemütlich macht,

Während ich diese Zeilen schreibe

Und mich mit Ihrem Schnurren daran erinnert,

Dass es nicht selbstverständlich ist

Ein Zuhause zu haben.


Dankbar bin ich,

Dass ich am Leben bin

Und eine Hoffnung habe,

An der ich mich festhalten kann,

Wenn dieses Leben einmal schwindet,


Dankbar bin ich,

Dass der Glaube 

In meiner Seele ein Nest baut, 

wie ein kleiner Vogel,

Der sein Zuhause gefunden hat.






Da kommt mein Engel

Da kommt mein Engel! sagte er stets zu ihr, wenn sie an sein Bett trat. Dabei war sie gar kein „überirdisches“ Wesen, sondern „nur“ eine Krankenschwester: Raphaela. Als er mit den eingegipsten Armen und Beinen hilflos im Bett lag und sich nicht bewegen konnte, hat sie ihn gefüttert, rasiert und gewaschen, die Kissen ausgeschüttelt, die Haare gekämmt, Tag, für Tag, Woche um Woche, so lange, bis er wieder hergestellt war und das Krankenhaus verlassen konnte. Nun wollte er sich von ihr verabschieden. Aber sie war nicht da. „Schwester Raphaela hat keine Zeit. Sie ist zu einem Kranken gerufen worden!“ meinte die leitende Stationsschwester kurz angebunden. So ist das mit Engeln: wenn sie gebraucht werden, sind sie da und wenn ihre Aufgabe erfüllt ist, verschwinden sie, als ob es sie nie gegeben hätte.   

Am 29. September ist „Michaelis“ – das Fest des „Erzengels Michael und aller Engel“, wie es offiziell heißt. Gibt es diese Engel wirklich? Und wenn ja, wie sollte man sie sich vorstellen? Ich denke, sie sind so wie Raphaela, die fleißige Krankenschwester.  Mit Rauschgoldengeln  haben sie wenig zu tun, die  Engel. Es sind Botschafter Gottes, seine „rechte Hand“ gewissermaßen. Sie kommen und gehen –  unbemerkt zuweilen. Sie überbringen den Menschen Nachrichten, die von „ganz oben“ kommen. Und manchmal „legen sie Hand an“. Dann stellen sie sich Menschen in den Weg, damit sie nicht in den Abgrund stolpern. Oder sie kommen, um einen Traurigen zu trösten. Manchmal zeigen sie Auswege aus verfahrenen Situationen. „Gute Mächte“hat Dietrich Bonhoeffer diese Botschafter Gottes genannt und ihnen ein ganzes Lied gewidmet: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, / erwarten wir getrost, was kommen mag …“ Die guten Mächte wollen keinen Dank, keinen Lohn und auch keine Verehrung. Es genügt ihnen, wenn man durch sie aufmerksam wird, auf den einen, in dessen Auftrag sie kommen und handeln. „Gott ist mit uns, am Abend und am Morgen / und ganz gewiss an jedem neuen Tag“… heißt es in Bonhoeffers Lied.  Daran wollen sie uns erinnern, die Botschafter Gottes. 

29.9.2018



Doch nicht der! Gedanken zum Wochenspruch am 13. Sonntag nach Trinitatis - Matthäus 25,40

„Mensch Jesus, du machst es einem aber auch wirklich nicht einfach!“ denke ich mir auf dem Heimweg vom Gottesdienst. Auslöser dieses Stoßseufzers ist die Begegnung mit einem unangenehmen Menschen. Da hat sich jemand in meine Beschaulichkeit eingeschlichen, einen, den ich nicht sehen wollte, jedenfalls nicht am Sonntagmorgen, nicht im Urlaub und nicht an diesem Ort. Wie schön dieser sonnige Sommermorgen doch begonnen hat. Ich hatte mir vorgenommen, den Gottesdienst mal „von der anderen Seite aus“ mitzufeiern, diesmal vor und nicht hinter dem Altar stehend, einfach nur mitsingen, mitbeten. Da sehe ich vor dem Eingang zur Kirche einen Mann - ziemlich heruntergekommen, ungepflegt, abgerissen. Er kniet auf dem Pflaster, die hohle Hand ausgestreckt, einen Augenaufschlag zum Gotterbarmen. Ich möchte gerne wegsehen. Zu spät! Unsere Blicke habe sich bereits getroffen. Er nickt mir zu. Ein Gruß? Eine Aufforderung? Vor sich hat er eine kleine Pappschachtel stehen mit ein paar Münzen drin. Die Botschaft ist klar - hier wird gebettelt. Ich gebe nichts. Ich ärgere mich. Ich gehe schnell vorbei, angeschoben von einer Flutwelle  voll ärgerlicher Gedanken. Ob das der Ortspfarrer weiß? Die Polizei müsste man holen. Solche Typen haben hier nichts verloren. Das weiß man doch, die gehören alle zu Bettler- Banden und sind selbst meist Kriminelle…. Es gibt also Gründe genug, um das Geld in der Tasche zu lassen. Ich setze mich in die Kirchenbank und möchte den Mann vergessen. Es gelingt mir nicht. Endlich beginnt der Gottesdienst. Nach dem Orgelvorspiel folgt die Begrüßung. Der Wochenspruch wird vorgelesen. Er steht bei Matthäus und lässt mich leise stöhnen: „Christus spricht: Was ihr getan habt einem von diesen meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan.“ Da ist er wieder. Der Mann von vorhin. „Herr, so einen kannst du doch nicht gemeint haben!“möchte ich einwenden. Die Geringen, das sind doch die andern, die wirklich Not leiden, die Flüchtlinge im Mittelmeer, die Rentner, die nach einem arbeitsreichen Leben von Altersarmut bedroht sind, die Opfer einer Katastrophe, die alles verloren haben und so weiter. Aber doch nicht dieses Gesindel. Was würde Jesus darauf antworten? Vielleicht: „Woher weißt du so viel über diesen Menschen? Geht es dir wirklich nur um diesen einen Euro, den du jetzt  gespart hast? Geht es nicht um etwas ganz anderes? Bist du diesem Menschen nicht mehr als nur etwas Geld schuldig geblieben? Hast du selbst nicht gerade diesen Mann zum geringsten aller Brüder gemacht - indem du auf ihn herabschaust?“ Da wird mir doch flau im Magen. Bin ich vorhin vielleicht auch an ihm vorbeigegangen - voll Empörung und Ärger? An dem, der zuerst die Scheinheiligkeit seiner Zeitgenossen entlarvt hat und heute meine eigne? Der Pharisäer in mir hat sich geärgert - und dann geschämt. Aber, vielleicht hat das so sein sollen, an diesem Sonntagmorgen.

26.8.2018



Gottes trübe Tasse? Gedanken zum Wochenspruch Jesaja 42,3

Aus meiner Lieblingstasse schmeckt der Kaffee am besten. Und in meinem Lieblings - Pullover fühle ich mich pudelwohl. Zugegeben - die Tasse weist schon deutliche Gebrauchsspuren auf.  Und am Pullover hat die Katze ordentlich herum gezupft! Vorzeigbar ist weder das eine noch das andere.  Trotzdem würde ich  mich niemals davon trennen. Meine Lieblingstasse und der alte Pullover haben mir einen Zugang zum Wochenspruch für den kommenden Sonntag aus dem Jesajabuch erschlossen: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen!“ (Jesaja 42,3) Ursprünglich ist das ein Trostwort an die Israeliten. Die saßen im Exil, voll Sehnsucht nach der verlorenen Heimat und niedergeschlagen, weil sie sich von Gott verlassen fühlten. Die haben ein Wort gebraucht, das sie wieder aufrichtet. Und das hat ihnen der Prophet zugesprochen. Gott wird seinen Knecht in die Welt senden. Der soll  das Recht hinaustragen zu den Menschen, auch zu euch. Und so wird er Gottes Recht umsetzen: indem er das, was geknickt ist, nicht zerbricht, sondern stärkt und das Feuer des Lebens dort neu entfacht, wo es am verlöschen ist, indem er schützt, was in den Augen der Menschen wertlos scheint und deshalb in den Abfall wandert. Wie groß mag die Freude sein, wenn wir begreifen, dass dieses Wort auch uns gilt, den Menschen im 21. Jahrhundert?  Wir sind  in den Augen Gottes weit mehr wert als alle Lieblingstassen und Pullover der Welt. Gott hängt an uns. Es würde ihm im Traum nicht einfallen, uns zu entsorgen, nur, weil wir einen „Sprung in der Schüssel“ haben, weil der Leib krank ist oder die Seele einen Knacks hat, weil wir uns ausgebrannt fühlen, weil wir nichts mehr auf die Reihe bringen, weil wir uns wertlos und überflüssig fühlen. Um keinen Preis der Welt würde Gott uns aufgeben. Gute Aussichten.  Vor allem, wenn ich das Gefühl habe, nur eine trübe Tasse zu sein. Das mag ja vielleicht sogar stimmen. Aber wenigstens bin ich  Gottes trübe Lieblingstasse.Und das ist eine Menge wert - wenigstens in seinen Augen und in meinem Herzen. 

19.8.2018



Mit Navi und Gottvertrauen!

„Verkehrsstörung. Ihre Route wird neu berechnet!“ Mit sanfter Stimme weist mich das Navigationsgerät auf die neue Verkehrslage hin und schlägt eine neue Route vor. Was soll ich jetzt tun? Soll ich der Stimme gehorchen, den Blinker setzen und bei der nächsten Ausfahrt die Autobahn verlassen? Ich kenne die neue Strecke überhaupt nicht. Ich werde nervös. Vielleicht wird das mit der „Verkehrsstörung“ auch gar nicht so schlimm, denke ich mir. Aber da meldet sich schon das „Warnsignal“ und die Durchsage des Verkehrsfunks:  Fünf Kilometer Stau warten auf mich in meiner Fahrtrichtung. Nein, danke! Ich seufze und gehorche dem Navi. Ich hab keine Ahnung, wohin mich die freundliche Stimme aus dem Gerät führt. Ein spannender Reiseabschnitt beginnt, auf Landstraßen, die manchmal schon fast Feldwege sind. Ob man da überhaupt noch mit dem Auto fahren darf? Ich bin mir nicht sicher. Jetzt kenne ich mich jetzt überhaupt nicht mehr aus. Am liebsten würde ich umkehren und den Stau in Kauf nehmen. Nerven behalten, denke ich mir und gehorche den Anweisungen. Da! Ein Wegweiser mit einem vertrauten Ortsnamen. Jetzt kommt auch schon das Hinweisschild, das mich wieder zur Autobahn führt. Ich habe den Stau umfahren. Danke, liebes Navi!

An diese Situation musste ich denken, als ich in der Bibel den folgenden Satz gelesen habe:„Gott ließ das Volk einen Umweg machen und führte es durch die Wüste zum Schilfmeer.“Was war die Ursache? Eine Verkehrsstörung auf dem Weg ins Gelobte Land? Die Israeliten waren entflohene Sklaven. Die Soldaten des Pharaos waren ihnen auf den Fersen. Der kürzeste Weg in die Freiheit würde nun durch Feindesland führen – die Bibel nennt es Philisterland. Doch Gott wählt eine andere Strecke. „Es könnte das Volk gereuen, wenn sie Kämpfe vor sich sähen, und sie könnten wieder nach Ägypten umkehren!“ erklärt die Bibel den neuen Routenplan. Ich stelle mir vor, wie Moses seufzend der Stimme Gottes gehorchte und sein Volk auf den Umweg führt. 

Wäre vieles heute nicht leichter, wenn Gott heute direkt zu uns sprechen würde, wie die Stimme aus dem Navi? Heute müssen wir genauer hinhören, um Gott zu verstehen. Er spricht mit leiser Stimme. Manchmal erreicht sie uns – zum Beispiel durch ein Bibelwort oder sie schwingt mit in einem Liedvers aus dem Gesangbuch. Hin und wieder berührt sie unser Herz, macht sich bemerkbar im Gewissen. Es braucht dann immer noch eine Portion Mut und Selbstüberwindung, diese Stimme an sich heranzulassen und ihr zu folgen. Das setzt Vertrauen voraus. Warum uns das nur so schwer fällt? Dem Navi glauben wir doch auch!

10.8.2018



Reisesegen

für alle, die sich in diesen Tagen auf den Weg in Urlaub machen (oder die schon unterwegs sind)


Gott segne dich auf deinem Weg.

Er schenke dir Geduld und Gelassenheit, 

wenn du am Flughafen erfährst, 

dass irgendwo auf der Welt das Bodenpersonal streikt und du deshalb warten musst,

wenn der Zug wegen einer defekten Weiche Verspätung hat,  

wenn du auf der Autobahn im Stau stehst

und dein Reiseziel in unerreichbare Ferne rückt.

Möge dort, wo du wartest, die Klimaanlage nicht ausfallen,

Ein bequemer Sitz und ein erfrischendes Getränk dich erfreuen.

Möge dir eine aktuelle Straßenkarte 

zur Verfügung stehen,

wenn dein Navi wegen der vielen Baustellen und Umleitungen kapituliert,

mögest du auch im nörgelnden Reisegefährten

stets die Schönheit von Gottes Ebenbild entdecken.

Möge Heiterkeit dein Herz erfüllen, 

wenn du am Zielort merkst, dass dein Handyakku leer ist

und das Ladegerät daheim auf dem Schreibtisch liegt,

Möge der Herr dir die Augen öffnen für die Fülle der Zeit,

die sich dir ohne Facebook, Twitter und Co erschließt,

möge sich dann ein Gebet auf deinen Lippen formen,

das die Schönheit der Welt und seinen Schöpfer

mit Worten und nicht durch Emojis preist.

Mögen dich diese geschenkten Tage 

zu einem zufriedenen und dankbaren Menschen machen

So segne der Vater, der Sohn und der Heilige Geist

Dein Aufbrechen und Heimkommen.

Amen.

1.8.2018


Mit den Pfunden wuchern - zum 9. Sonntag nach Trinitatis      

„Junge, du hast Talent, du  bist nur zu faul zum üben...“ sagte mein Klavierlehrer zu mir, als ich noch ein Bub war. Er hatte Recht. Ich hatte einfach keine Lust auf Fingerübungen, auf Beethovens „Für Elise“ und Schumanns „Fröhlichen Landmann.“ Dass ich keine Lust hatte, wollte ich nicht zugeben. Da war es einfacher, den Kopf hängen zu lassen und zu sagen: „Ich kann das nicht!“  Wer weiß, was aus mir geworden wäre, wenn ich auf meinen Lehrer gehört hätte? Im Sonntagsevangelium geht es um anvertraute Talente. Da handelt es sich allerdings nicht um musische Begabung, sondern um materielles Vermögen, um eine Menge Geld. Da werden wir dann hellhörig. Bei Geld hört nämlich der Spaß auf. Wenigstens für die meisten von uns. Vielleicht können viele von uns den Mann verstehen, der seine Angestellten nach Erfolg und Leistung belohnt. Weil er verreisen musste, hat er ihnen sein Vermögen anvertraut. Der Erste bekam fünf Zentner Silber, der andere zwei und der dritte einen. Wahrscheinlich kannte der Chef seine Mitarbeiter und hatte das Geld nach ihren Fähigkeiten und Begabungen verteilt. Nach der Rückkehr des Chefs sollte die Abrechnung sein.  Die beiden „Knechte“, die ihren Einsatz geschickt auf zehn und vier Zentner verdoppelt hatten, wurde über den grünen Klee gelobt und belohnt. Einen Mordsanpfiff samt fristloser Kündigung erhielt der dritte. Dabei hatte er doch gar nichts getan. Und genau das war sein Fehler. Er hatte den Zentner Silber einfach vergraben. Das ist natürlich keine gewinnbringende Anlage. Vielleicht hatte er sich folgendes gedacht: „Der Chef geht auf Reisen und ich soll seine Arbeit machen? Kommt nicht in die Tüte! Wenn ich mich verspekuliere, dann bin ich erledigt!“ Er wollte einfach keine Verantwortung übernehmen. O Mann war da der Chef sauer. Man muss „mit den Pfunden wuchern“ - diese Redensart bezieht sich auf unser Gleichnis. Was man hat, muss man einsetzen, möglichst gewinnbringend.  Phantasie, Köpfchen, Geschick, eben alles, was einem der Herrgott an Fähigkeiten geschenkt hat, soll man auch gebrauchen. Das Evangelium macht Mut, auch mal was zu riskieren. Nur wer wagt, gewinnt! Gott hat jedem Talente gegeben, die man im Leben einsetzen soll. Jetzt spreche ich wieder von unseren Begabungen, nicht vom Kontostand. Unsere Talente und Begabungen sind der wahre Reichtum, den ich mehren soll. Deshalb ist das Evangelium ein gut gemeinter aber durchaus kräftiger Tritt in den Allerwertesten für alle die den Hintern nicht hochkriegen. Du kannst etwas, also trau dich! Setz deine Gaben ein, vergrab sie nicht, lass sie nicht vermodern. Auch der Wochenspruch schlägt in diese Kerbe: „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen. Und wem viel anvertraut ist, von dem wird man um so mehr fordern!“ „Was hast du aus den Gaben gemacht, die ich dir gegeben habe?“ Irgendwann einmal wird Gott uns das fragen. Bitten wir ihn darum, dass wir die Begabungen, die er uns ins Herz gelegt hat, unsere Fähigkeiten und Talente  erkennen, annehmen und gebrauchen – zu unserem Heil und zu Gottes Lob. 

26.7.2018


Fremde und Heimische - zum 7. Sonntag nach Trinitatis

Fremd ist der Fremde nur in der Fremde…“ lässt uns Karl Valentin wissen. Und noch etwas erfahren wir von ihm - „dass ein Fremder, der sich fremd fühlt, ein Fremder ist, und zwar so lange, wie er sich nicht mehr fremd fühlt, dann ist er kein Fremder mehr.“ (Der Fremde, 1940)  Ob sich ein Mensch fremd fühlt oder nicht, hängt mit vielen Faktoren zusammen. Einer davon ist das Verhalten der  „nicht-fremden“ Mitmenschen, der sogenannten „Einheimischen“. Die Art und Weise, wie sie den Fremden aufnehmen, behandeln, ist ausschlaggebend dafür, ob Fremde sich „einleben“ und Wurzeln schlagen können oder nicht. Um sich fremd zu fühlen, muss man allerdings nicht einmal aus dem Ausland kommen. „Manch einem Münchner“, sagt Karl Valentin augenzwinkernd, sei zum Beispiel das Hofbräuhaus nicht fremd, wohl aber das Deutsche Museum in der gleichen Stadt. Und manchem Christenmensch mag es ähnlich gehen, fremd oder nicht: der Fußballplatz scheint ihm vertrauter zu sein als der Gottesdienst, den er nur einmal im Jahr, an Weihnachten, besucht. Warum wohl? Vielleicht, weil es dort wie im Deutschen Museum zugeht, weil dort eine Sprache gesprochen wird, die er nicht (mehr) versteht? Weil es genügend Museumswächter gibt, die ihn in die Schranken weisen? Dass sie für Gott längst keine Gäste und kein Fremdlinge mehr sind,  schreibt der Apostel im Brief an die Christen in Ephesus: „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.“ (Epheser 2,19) Allerdings muss es eine Zeit gegeben haben, in der das nicht so wahr.  Der Verfasser bezieht sich dabei auf auf die Probleme, die Juden - und Heidenchristen einst miteinander hatten. Da sind wohl aufgrund unterschiedlicher kultureller und religiöser Prägungen Welten aufeinander geprallt. Wir alle aber haben bei Gott ein Zuhause! Das liegt daran, dass Christus uns die Tür zu Gott geöffnet hat. Durch sein Opfer am Kreuz  hat er den Trennzaun, die Feindschaft, niedergerissen. Wir haben jetzt Frieden mit Gott, wie sollten wir dann nicht auch Frieden untereinander haben ? Wie sollten wir dann nicht in Frieden gemeinsam leben und glauben können, so dass sich niemand fremd fühlen muss, wenigstens in der Kirche nicht. Ist das religiöses Science Fiction? Etwas, worauf wir noch hoffen, weil es noch nicht verwirklicht ist?  Dort, wo Menschen leben, menschelt es eben, selbst im Volk Gottes und in seinem Hause. Da möchten manche Mitbürger und Hausgenossen Gewohnheitsrechte für sich in Anspruch nehmen gegenüber den Neuen , die noch nicht so recht wissen, ob das wirklich ihr Zuhause werden kann, die Kirche, Gottes Volk auf Erden. Ich höre deshalb aus dem Wochenspruch auch einen mahnenden Unterton. Vergessen wir nicht, dass sich im Volk und Haus Gottes nicht nur  eine kleine handverlesene Gemeinschaft heimisch fühlen soll, sondern auch  die anderen - die neu in die Gemeinden kommen, die andere Wurzeln haben, andere Traditionen. Es gehören auch die dazu, die sich fremd fühlen, obwohl sie doch  eigentlich von Kindesbeinen an dabei waren und sich mit der Zeit entfremdet haben. Das Apostelwort fordert uns auf, alles zu tun, dass sie alle ihren Platz finden oder wiederfinden und sich nicht mehr fremd fühlen. Wie gesagt, man ist nur solange fremd, wie man sich fremd fühlt.

18.7.2018


Ein biblischer Verwandtenbesuch - Mariens Heimsuchung

Was sich die alte Frau wohl gedacht hat, als das Mädchen unvermutet vor ihr stand? Mit ihrem Besuch hatte sie nicht gerechnet. Den Vätern und Müttern im Glauben aber war gerade dieser Besuch so wichtig, dass sie einmal im Jahr daran dachten. Ich meine  die „Heimsuchung Mariens" am 2. Juli. Wer ein Freund der lateinischen Sprache ist, kann auch Visitatio Mariae  sagen, wie der Gedenktag in der katholischen Kirche offiziell genannt wird. Heimsuchung. Visitation  - für mich haben die Begriffe einen unangenehmen Beigeschmack. Heimsuchung das klingt nach Überfall. Die Menschen erschrecken, wenn sie heimgesucht werden von Heuschreckenschwärmen, Krankheiten oder manchmal auch nur von der buckligen Verwandtschaft. Solche Heimsuchungen kann man  gar nicht gebrauchen. Sie kommen zur Unzeit. Auch mit Visitationen verbindet man meist unangenehmes. Visitationen verbreiten stets den Geruch von Kontrolle und Beurteilung. Auf den biblischen Verwandtenbesuch trifft das nicht zu. Im Gegenteil. Ich denke mir, dass sich Elisabeth über die „Heimsuchung“ ihrer Verwandten gefreut hat. Sie ahnt, dass es etwas ganz Besonderes mit diesem Besuch auf sich hat. Und so war es auch. Die junge Frau war Maria. Das steht zwar nicht in der Bibel, ich denke mir aber, dass sie Trost und Rat bei ihrer Verwandten gesucht hat. Maria hat ja auch allerhand erlebt. Da war diese seltsame und erschreckende Begegnung mit dem Erzengel. Seine Botschaft an sie mag zunächst einmal Entsetzen oder wenigstens Ratlosigkeit ausgelöst haben. Wenn eine junge, unverheiratete Frau unversehens von ihrer Schwangerschaft erfährt, bringt das auch heute noch die Lebensplanung durcheinander. Wenn dazu das Kind nicht von dem Mann ist, mit dem sie verlobt ist, gerät die Frau auch heute noch in Erklärungsnot. So modern sind unsere Zeiten also auch wieder nicht. Kein Wunder, wenn Maria Rat und Trost sucht bei einem Menschen, zu dem sie Vertrauen hat. Und wer könnte sie besser verstehen, als Elisabeth, die ebenfalls überraschend schwanger geworden ist? Mir liegen diese kleinen Feste und Gedenktage wie der von Mariens Heimsuchung am Herzen. Sie zeigen mir die menschliche Seite der biblischen Heiligen. Sie berühren mich. „Siehe, ich bin des Herren Magd, mir geschehe, wie du gesagt hast!“ antwortete Maria dem Engel, als der ihr die Kunde von ihrer Schwangerschaft überbracht hatte. Da ist sie fast übermenschlich demütig. Das rückt sie in die Ferne. Aber sie kehrt wieder zu uns Normalsterblichen zurück und das macht sie um so liebenswerter. Als der Engel seinen Auftrag erfüllt hat und sie zurücklässt, weiß sie nicht so recht, wie es weitergehen soll. Was soll sie  nurJosef oder ihren Eltern sagen?  Wie wird man die Nachricht im Dorf aufnehmen? Was wird der Rabbi sagen und vor allem die Klatschtanten, die sich beim Wasserschöpfen am Brunnen sicher das Maul zerreissen und ihr Urteil über die ledige Mutter fällen werden? Man könnte sie verstoßen, mit Schimpf und Schande davonjagen. Vielleicht hatte sie deshalb nach dem Besuch des Engels Abstand gebraucht. Und so machte sich Maria auf den Weg übers Gebirge, wie es in vielen Adventsliedern heißt.. Abstand nehmen wollte sie, um den Kopf frei zu bekommen, so deute ich diesen Besuch. „Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes!“ Mit diesem Freudenruf begrüßt Elisabeth die junge Frau, der jetzt vielleicht eine Last von der Seele genommen wird. Die wenigen Worte rücken die Realität zurecht. Maria darf sich freuen! Die Geburt eines Kindes ist Grund zum Jubel. Wie leicht man das über alle anderen Sorgen vergisst. Ja, gesegnet ist sie und buchstäblich guter Hoffnung. Wenn Gott sie in seinem Heilsplan vorgesehen hat, wird er auch für sie sorgen. Vielleicht hat es nur diese Umarmung gebraucht, dieses Wortes vom Gesegnet sein, das Maria aus der Sprachlosigkeit und Ratlosigkeit geführt hat. Einen Lobgesang stimmt sie an, der bis heute in vielen Gottesdiensten abends gesungen oder gebetet wird. Ich meine das Magnificat, ein Lied des Gottvertrauens, das die Niedrigen erhebt und die Mächtigen das Fürchten lehrt. „Meine Seele preist die Größe des Herrn und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes…“ singt Maria. Es ist der Gott der Fürsorge, der Gott, der für gerechte Verhältnisse sorgt, das Kleine groß und das Große klein macht. Und sie, Maria, hat eine Aufgabe im göttlichen Heilsplan, in Plan der göttlichen Fürsorge. Sie soll den zur Welt bringen, der die Rettung den Hilflosen bringen wird. Im Sommer liegt der Gedenktag dieses Verwandtenbesuches. Er zeigt mir eine junge und mutige Frau, die ihren Weg geht, um ihre Berufung anzunehmen. Wenn das Leben draußen blüht und gleichzeitig die Schatten unmerklich wieder länger werden, erinnert uns dieser Tag daran, dass die Heilsgeschichte ihren Lauf nimmt und dass kommen wird, was kommen soll: eine junge Frau soll den Erlöser zur Welt bringen, nach dem die Welt so lange schon Ausschau hält. Und eine alte Frau wird seinen Vorboten gebären, der dem Erlöser  den Weg bereiten soll. Die Ikone, die diese Begegnung darstellt, kann man in Kloster Kirchberg bewundern, in der Elisabethkapelle. Dort werden die Stundengebete und Gottesdienste im Winterhalbjahr gefeiert. Auch das Magnificat wird dort täglich gebetet und damit die Rolle gewürdigt, die Gott Maria zugedacht hat.

2.7.2018


Peter und Paul - zwei heilige Streithanseln?

Auf einem alten Fresko aus dem 4. Jahrhundert kann sie man in brüderlicher Eintracht nebeneinander abgebildet sehen, zwischen beiden ein Christusmonogramm: Petrus und Paulus. Das Christusmonogramm trennt die beiden nicht, sondern es verbindet sie. Das mag ein Zeichen dafür sein, dass Christus gelingt, was uns Menschen oft unmöglich scheint; Menschen, die unterschiedlicher nicht sein können, verbindet der gemeinsame Glaube.   Die beiden „Heiligen“ müssen sich jedenfalls einen Festtag teilen. Immer wieder werden sie miteinander dargestellt - auf Ikonen, Heiligenbildern, als Statuen in Kirchen oder als Fresken an Wänden. Petrus wird dabei gerne mit den Himmelsschlüsseln dargestellt (Mt. 16,19)  und Paulus mit dem Schwert (des Glaubens). Ich weiß nicht, ob sie darüber wirklich glücklich sind. Auf dem Fresko schauen sie sich jedenfalls nicht an, Sympathisch waren  sie sich wahrscheinlich nicht. Jedenfalls kann man das vermuten, wenn man die Konflikte beachtet, die sie miteinander (oder gegeneinander) ausgetragen haben. Da ist Petrus, der Fischer. Ob er je Schreiben und Lesen konnte? Schwerfällig, aufbrausend, so stelle ich ihn mir vor. Später wird er eine Vorrangstellung unter den Jüngern einnehmen. Und neben ihm Paulus - der Pharisäer, der Intelektuelle. Gelehrt und eifrig bemüht um das rechte Verständnis von Gottes Wort und Willen und streng gegenüber allen, die damit in Konflikt geraten. Beide sind belastet in ihrer Vorgeschichte. Petrus hat im entscheidenden Moment versagt und Christus verleugnet. (Joh.18,29) Obwohl er doch vorher noch vollmundig versprochen hat, seinen Herrn notfalls bis in den Tod hinein die Treue zu halten (Lk. 22,33) . Paulus war in jungen Jahren ein fanatischer Christenhasser. Er hat die Gemeinde regelrecht vor sich her getrieben, verfolgt, gejagt, aufgespürt und versucht, ihren Glauben auszumerzen. Petrus wurde vom Auferstandenen „begnadigt“ und beauftragt, die Herde zu weiden (Joh.21,15ff) und Paulus erhielt nach seiner Bekehrung den Auftrag, das Evangelium zu predigen (Apg.9,15). Gemocht haben sie sich aber wohl trotzdem nicht. Im sogenannten „Antiochenischen Zwischenfall“ wird berichtet, wie Paulus mit Petrus hart ins Gericht geht, weil der aus reinem Opportunismus die Tischgemeinschaft mit unbeschnittenen Christen, die er vorher gepflegt hatte, aufkündigte - wenn auch vielleicht nur vorübergehend. (Gal.2)  Im 2. Petrusbrief - der wohl kaum aus der Feder von Petrus stammt -  können wir lesen, wie Paulus für seine gelehrten Briefe in Grund und Boden gelobt wird. Der Verfasser bezeichnet sie als Schriften, „… in denen einige Dinge schwer zu verstehen sind…“. Mit anderen Worten - was Paulus schreibt kapiert doch kein Schwein. Es menschelt und kriselt also in der Kirche - und das seit Menschengedenken. Und dennoch ist sie nicht unterzukriegen, dieser heilige Haufen aus fehlbaren Menschen. Vielleicht, weil so gegensätzliche Menschen wie Paulus und Petrus in ihr Platz finden? Vereint sind sie durch den gemeinsamen Glauben, wie das Christusmonogramm auf dem Fresko zeigt. Vereint sind sie  auf vielen Bildern und gedacht wird ihrer an einem gemeinsamen Festtag.  Christen müssen sich nicht immer sympathisch finden. Vielleicht ist es sogar Ausdruck geschwisterlicher Liebe, sich anzunehmen in aller Gegensätzlichkeit und bei aller Meinungsverschiedenheit und im anderen das von Gott geliebte Kind zu entdecken. Ob die beiden sich nicht hervorragend als Schutzpatrone für kirchliche Gremienarbeit eignen würden? Dort knirscht und kracht es ja auch immer wieder. Dort wird auch mit harten Bandagen gekämpft und dann wieder gemeinsam gebetet.

29.6.2018



Kein Mann der Mitte - Johannes der Täufer und sein Festtag

Nein, ein Mann der Mitte war er gewiss nicht, eher das Gegenteil: aufbrausend, parteiisch, einseitig. Ich spreche von Johannes den Täufer. Und so stelle ich ihn mir vor: groß, hohlwangig, mit feurigem Blick. Haar und Bart wirken ungepflegt, wirr, struppig. Er trägt das Gewand eines Einsiedlers und ernährt sich von Heuschrecken und wildem Honig. So lesen wir’s in der Bibel. Nein, so einem möchte man im Dunkeln nicht über dem Weg laufen. Wenn er auftritt suchen die Kinder ängstlich Schutz am Rockzipfel ihrer Mütter. Auch die Erwachsenen ziehen den Kopf ein, wenn sie ihn hören. „Tut Buße“ ruft er ihnen zu, die Stimme heiser vom vielen und vor allem lauten Rufen. Wenig schmeichelhafte Bezeichnungen haut er den Zuhörern um die Ohren. Er nennt sie „Otterngezücht“ und vergleicht sie mit abgestorbenen Bäumen, an die schon die Axt angelegt ist, die gefällt werden sollen. „Wenn Gott kommt, wird er euch umhauen und ins Feuer werfen.“ Mit Johannes ist nicht gut Kirschen essen. Und mit Gott, wie es scheint auch nicht. Gerichtsworte. Drohungen. Schmähungen. Etwas anders scheint nicht aus seinem Mund zu kommen. 

Im Juni, zur Zeit der Sonnwende, gedenken wir seiner, Johannes, des Täufers. Im Sommer sind die Wälder und Wiesen noch grün. Die Menschen halten das Gesicht in die Sonne und freuen sich an der Wärme. Die Stimmung ist gut: nicht das Gericht, der Urlaub naht! Trotzdem werden die Schatten länger, unmerklich zwar und doch unerbittlich. Johannisfeuer werden angezündet. Abends. Als ob man sich damit die Nacht vom Leib halten könnte und mit ihr alles, was uns Angst macht  - die Dämonen der Dunkelheit, Krankheiten, Misserfolge, Ängste, Tod. Johannes - kein Mann der Mitte, vielmehr ein Mahner in der Mitte. In der Jahresmitte. Wenn das Jahr am schönsten ist, wenn die Lebensfreude pulsiert, tritt er auf und erinnert uns daran: das Ende naht, langsam aber sicher: der Sommer, der Lauf dieses Jahres, erst recht dein Leben! Möchte man sich das anhören? Die Israeliten konnten nicht genug von ihm bekommen. Sie haben ihre Häuser verlassen und sich auf den Weg gemacht, hinaus aus der Stadt, hin zum Ufer des Jordans, wo Johannes auftrat. Sie wollten ihn hören. Sie wollten ihn sehen. Vielleicht war es Neugier, verbunden mit einem wohligen Grusel und einem Schuss Sensationslust. Manchen sind die Worten des Täufers zu Herzen gegangen. Sie haben die Leidenschaft dieses Mannes gespürt, haben geahnt, was ihn antreibt, dass er im Auftrag eines anderen spricht  - im Auftrag Gottes. „Was sollen wir tun“, fragen sie ihn mit klopfendem Herzen. Was sollen wir tun, damit wir nicht untergehen, nicht verbrennen im göttlichen Zorn? Johannes ist mit ihnen in den Jordan gestiegen, hat sie untergetaucht unter das Wasser. Das hilft gegen das Feuer der göttlichen Rache.  Und Buße! Die bewahrt vor dem Zorn. Als neue Menschen sollten sie wieder ans Ufer treten, sich das Wasser aus den Haaren schütteln und ein neues Leben beginnen: nicht mehr betrügen, sich nicht bestehlen, niemanden mehr übers Ohr hauen. Ob ihnen das gelungen ist? Eine Weile vielleicht. Doch der Alltag mit seinen Gesetzen hat eine enorme Kraft. Die Gefahr, wieder rückfällig zu werden, sich in den alten unheilvollen Strukturen zu verheddern und zu verfangen ist groß. Deshalb ist die  Angst geblieben. Die Angst, es könnte nicht reichen, die Angst vor dem Feuer, vor dem Zorn. Die Angst, nicht zu genügen. Eine Angst, die vielen von uns vertraut ist. Johannes ist aber nicht nur Mahner. Er ist auch ein Wegbereiter. Unter den vielen, die zu ihm gekommen sind, war einer, zu dem er selbst gesagt hat: „Ich bin es nicht wert, dir die Riemen von den Schuhen zu lösen!“ Der hat sich von diesem Bekenntnis der Demut nicht beirren lassen. Auch er ist mit dem Täufer in den Fluß gestiegen, hat sich taufen lassen. Der Mann aus Nazareth mit einem  Namen der Hoffnung zum Inhalt hat: Jeschua - zu deutsch: Gott rettet. Jesus. Auch er ruft zur Buße, zur Umkehr. Aber sein Ruf klingt anders. In ihm schwingt die Freude mit. Der Ruf zur Umkehr hört sich an wie eine Einladung zu einem rauschenden Fest.  Gott will uns am Leben teilhaben lassen. Es ist das Leben in der Fülle, das er schenken will. Es ist ein Leben, das die Schatten nicht mehr fürchten muss, die jetzt noch unser Dasein verdunkeln. Wenn der Tag am längsten und die Nacht am kürzesten ist, denken wir an Johannes den Täufer und seufzen, weil die Schatten uns an den Tod erinnern. Wenn die Nacht am längsten ist und der Tag am kürzesten werden wir wieder ein Fest feiern: die Geburt dieses Retters, den Johannes angekündigt hat. Er hat dem Tod die Macht genommen. Sein Wegbereiter war Johannes der Täufer. Aber er war es vielleicht, ohne es selbst wirklich zu ahnen.

24.6.2018


Von der Macht und Ohnmacht der Worte - Nachpfingstliche Gedanken zu einem biblischen Gebet

Herr, stell eine Wache vor meinen Mund, eine Wehr vor das Tor meiner Lippen! Gib, dass mein Herz sich bösen Worten nicht zuneigt! Ich habe dieses Gebet in der Bibel gefunden – verborgen im 141. Psalm steht es, aufgeschrieben von David. War das nicht der Hirtenjunge, der Goliat mit einer Schleuder besiegt hat? Richtig. Später hat David Karriere gemacht: vom Hirtenjungen zum strahlenden Kriegsheld und Psalmendichter, dem die Frauen zu Füßen lagen, vom Harfenspieler zum Staatsmann. David wusste, wie man die Fäden der Macht in der Hand behält. Ich bin mir sicher, er fürchtete die gefährlichste Waffe der Menschen. Das sind nicht die Schwerter und Streitwagen der Antike und auch nicht die modernen Massenvernichtungswaffen unserer Zeit. Die gefährlichste Waffe kommt aus dem Mund des Menschen  - es sind die Worte, geschliffen, scharf wie ein Schwert, schmeichelnd, wie guter Wein oder bitter wie Galle! Mit Worten kann ich einen Menschen trösten, ermutigen, aufbauen. Mit Worten kann ich einen Menschen erniedrigen, demütigen, vernichten. Mich erschreckt, wie sich in unseren Tagen Menschen ohne Scheu in ihrer Wortwahl fleißig aus dem Wörterbuch des Unmenschen bedienen, vor allem im öffentlichen Leben. Mich entsetzt es, dass Lügen hoffähig gemacht werden – man bezeichnet sie einfach als „alternative“ Wahrheiten oder Fakten. Das ist schlimm. Das trägt zur Verrohung unserer Kultur bei. Natürlich darf man in der Diskussion hart zur Sache gehen und auch energisch verteidigen, was einem am Herzen liegt. Wenn man sich dabei allerdings einer Sprache bedient, die andere Menschen ihrer Würde beraubt, dann ist das alarmierend. Ich denke, wir tun gut daran, in unseren Tagen, nicht nur frei nach Martin Luther, dem Volk aufs „Maul zu schauen“ – sondern darauf zu achten, was aus dem Maul heraus schwappt. Jesus sagte: „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über!“ (Lukas 6,45) An der Wahl der Worte, an dem was Menschen sagen, lässt sich erkennen, was sie als Schatz in ihrem Herz hüten, was sie prägt,  was sie denken, Ich meine, an der Wahl der Worte kann man den Charakter eines Menschen erkennen. Deshalb ist dieses alte Gebet immer noch aktuell: Herr, stell eine Wache vor meinen Mund, eine Wehr vor das Tor meiner Lippen! Gib, dass mein Herz sich bösen Worten nicht zuneigt!  (Ps.141,3f - Einheitsübersetzung) Wie viel Schaden wäre von der Menschheit abgewendet worden, wenn die  Wache vor manchem Mund achtsamer, die Wehr vor dem Tor der Lippen standhafter gewesen wäre!  Für mich ist dieses Psalmwort ein Gebet, das zum Pfingstfest passt. Das ist das hohe Fest der guten Worte! In der Apostelgeschichte lesen wir, wie der Heilige Geist den Jüngern Jesu die Lippen öffnet. Sie tun den Mund auf und es kommen  Worte über die Lippen, die Hoffnung und Leben schenken. Worte, die verstanden werden. Worte, die keine Wache brauchen und keine Wehr. Wohltuende Worte. Die Jünger erzählen von den „großen Taten Gottes“ – und die Menschen staunen. „Was soll das werden?“ fragen sie sich.  Leider ist dieses Wunder der gelungenen Kommunikation auch nur von kurzer Dauer. Sofort kommen wieder die anderen Worte: die spöttischen, die zweifelnden. „Sie sind voll süßem Wein!“ sagen die Zyniker über die Apostel und finden diese Bemerkung wahrscheinlich geistreich.  Herr, stell eine Wache vor meinen Mund, eine Wehr vor das Tor meiner Lippen! Gib, dass mein Herz sich bösen Worten nicht zuneigt!“ Ein altes und doch aktuelles Gebet. Es ist notwendig -  es kann die Not wenden. Wenn die Wache vor dem Mund und die Wehr vor dem Tor meiner Lippen funktioniert, haben die anderen Worte wieder eine Chance. Die Worte, auf die unsere Welt wartet. Worte, die vom Glauben und der Liebe erzählen und die Hoffnung schenken.

12.6.2018


Ein wirklich herzliche Einladung zum Leben - Gedanken zum Wochenspruch am 2. Sonntag nach Trinitatis

„Sicher eine Einladung!“ dachte ich mir, als ich das Kuvert aus dem Poststapel zog, der sich auf meinem Schreibtisch türmte. Sie hatte ein besonderes Format und lag schwerer in der Hand - was wohl an dem besonderem Papier lag, worauf sie gedruckt war. Die Hoffnung, ich könnte mich geirrt haben, hatte sich dann schnell zerschlagen. Nicht jede Einladung freut einen. Manche kommen nicht von Herzen. Jedenfalls nicht die formellen, die man von Amts wegen erhält, weil man eine öffentliche Funktion wahrnimmt. Und so handelte es sich dann auch  um die Einladung zur Jubiläumsveranstaltung. Ich seufzte. So eine Einladung bedeutet in der Regel mindestens zwei Stunden in einem Festzelt oder Saal an einer langen Tafel mit mindestens hundert anderen geladenen Gästen zu verbringen, vielleicht ein Grußwort zu sprechen und ein dutzend andere Grußworte über sich ergehen zu  lassen, unterbrochen von launigen Bemerkungen eines Moderators oder von musikalischen Beiträgen. Nach zwei Stunden wandert bei solchen Veranstaltungen mein Blick immer wieder zur Armbanduhr. Wenn der formelle Teil vorbei ist, darf ich gehen, denke ich mir. Das wird akzeptiert. Vorher gehen ist unhöflich.  Wie gut, dass es auch andere Einladungen gibt, zu Festen, auf die man sich freut. Die Einladung zu Freunden beispielsweise, mit denen man Geburtstag feiert. Solche Einladungen werden meistens mündlich ausgesprochen - und insgeheim auch erwartet. Solche Feiern ziehen sich in der Regel nicht in die Länge. Sie vergehen wie im Flug, die Zeit wird ganz und gar nicht lang. Im Gegenteil. „Was, schon so spät! Ich wollte doch eigentlich gar nicht so lange bleiben.“ Um eine besondere Einladung geht es auch heute, am zweiten Sonntag nach Trinitatis. Jesus spricht sie aus: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ (Matthäus 11,28)  Die Mühseligen und Beladenen sind eingeladen. Alle, die eine Last mit sich herumtragen - äußerlich oder inwendig, am Leib, in der Seele, im Herzen. Eingeladen sind alle, denen nichts leicht von der Hand geht, denen nichts geschenkt wird, die sich alles schwer erarbeiten müssen. Eingeladen sind alle, an die sonst niemand denkt. „Ich will euch erquicken“ sagt Jesus. Bei ihm dürfen sie aufatmen. Bei ihm kommen sie zur Ruhe, dürfen sie neue Kraft schöpfen, Lebenskraft. Dazu gehört auch die Freude, die im Leben manchmal abhanden gekommen ist, die Freude, die aus der Freundschaft hervorgeht, aus der Freundschaft zu dem einen, dem ich so wichtig bin, dass er mich einlädt.

9.6.2018


Kann Jesus dahinter stehen, wenn wir in seinem Namen sprechen? Zum Wochenspruch für den 1. Sonntag nach Trinitatis (Lukas 10,16)

„Das sind nette junge Leute“, denke ich mir! Adrett angezogen, ordentlich frisiert stehen sie vor ihrem Info - Stand in der Fußgängerzone.  Ein junge Frau drückt mir lächelnd einen Flyer in die Hand, als ich an ihr vorbei gehe und signalisiert Gesprächsbereitschaft. Ein anderer steht neben ihr und  hält ein Plakat hoch. „Fürchte Gott und halte seine Gebote!“ steht darauf geschrieben. Ein dritter hält eine Bibel in der Hand und liest laut daraus vor. Aber die Menschen mit ihren Einkaufstüten in der einen und dem Smartphone am Ohr in der anderen Hand horchen nicht auf. Wie Ameisen, die geschickt einem Hindernis umgehen ohne langsamer zu werden, so weichen sie aus. Eigentlich schade. Ich bewundere diese jungen Menschen. Straßenmissionare nennen sie sich, jedenfalls steht es so auf dem Flyer. Begeistert sind sie und überzeugt und voll Eifer. Glaubenseifer. Ich denke mir, das fehlt uns manchmal in der etablierten Kirche. Die Verlautbarungen und Denkschriften die von dort kommen, sind hochgelehrt und nicht immer leicht zu lesen. Und mit manchen Hirtenworten von der Kanzel ist es nicht anders. Sie erreichen oft nicht die Herzen der Menschen. Die jungen Leute in der Fußgängerzone scheinen anders zu sein. Sie sagen und meinen, was sie glauben. Hat Jesus an Menschen wie sie gedacht, als er gesagt hat: „Wer euch hört, der hört mich.Und wer euch verachtet, der verachtet mich?“ Einst hat er mit diesen Worten die Jünger ausgesandt. In seinem Namen sollten sie sprechen, in seinem Auftrag sollten sie den Kranken die Hände auflegen, sollten ermahnen, ermutigen, trösten - und manchmal auch aufrütteln. Wer euch hört, der hört mich! Der Herr selbst will durch seine Boten sprechen. Ob dies heute auch für diese jungen Leute gilt? Und für uns, die Pastoren und Pastorinnen, die hauptamtlich predigen, taufen und beerdigen, den Bund fürs Leben segnen? "Wer euch hört, der hört mich!" Beim Lesen des Flyers, den mir die junge Frau in die Hand gedrückt hat, ist mir angst und bang geworden. Drohungen lese ich. Zwar heißt es, dass Gott die Menschen liebt. Wer sich aber nicht bekehrt, kommt in die Hölle. Noch ist Zeit zur Umkehr, zur Buße, wird mir eingeschärft. Aber nicht mehr lange. Was ist mit den Zweiflern? frage ich mich. Was ist mit denen, die an Gott nicht mehr glauben können oder wollen, weil ihnen das Leben hart zugesetzt hat? Was ist mit denen, die nie von dem Gott gehört haben, zu dem sie umkehren sollen? Gibt es einen Maßstab, den man anlegen kann um zu sehen, ob Jesus wirklich dahinter steht, wenn wir in seinem Namen reden und handeln - auf der Kanzel oder auf der Straße? Ich glaube, er selbst ist der Maßstab: der Gute Hirte, der sein Leben aus Liebe hingegeben hat für seine Herde. Seine Liebe ist der Maßstab. Es ist die Liebe zu den Geringen, zu den Frommen ebenso wie zu den Zweiflern. Und vielleicht ist es auch die Freude. "Freut euch, weil eure Namen im Himmel aufgeschrieben sind!" lesen wir bei Lukas. (Lukas 10,20) Kann man unseren Worten und Taten die Freude anmerken? Die Freude am Evangelium, die müsste doch eigentlich der Impulsgeber sein, nicht die Furcht vor Strafe. Eine Freude die auf andere überspringt.  Den Eintrag in dieses himmlische Buch verdanken wir gewiss nicht uns selbst. Gott hat uns ins Buch der Erlösten geschrieben. Er hat uns eingetragen, weil er uns liebt. Es sind noch viele Seiten darin frei. Sie sollen sich füllen mit den Namen derer, die  zu hören, zu sehen und zu spüren bekommen, wie freundlich der Herr ist.  Durch die Freudenboten. Vielleicht auch durch uns. Ich glaube, das will Jesus durch seine Boten sagen. Ich wünsche deshalb den jungen Menschen in der Fußgängerzone, dass es ihnen gelingt, Freudenboten zu werden. Und mir wünsche ich das auch.

2.6.2018


Das Geheimnis der Dreifaltigkeit – Gedanken zum Fest Trinitatis

Alle guten Dinge sind drei!“ sagt der Volksmund. Dahinter verbirgt sich ein tiefes Geheimnis. Die schlauen Bücher über Symbole und Bilder verraten uns, dass die „Drei“ der Inbegriff der Vollkommenheit und der Einheit sei. „Du hast drei Wünsche frei“, sagt die gute Fee im Märchen vielleicht gerade deshalb.  Die Drei ist eine geheimnisvolle Zahl,  die in vielen Kulturen und Religionen eine wichtige Rolle spielt. Eine Woche nach Pfingsten feiern die Christen das Fest der Heiligen Dreifaltigkeit – Trinitatis. In der evangelischen Kirche werden die Sonntage bis in den Spätherbst hinein nach diesem Festtag gezählt, der seit dem 14. Jahrhundert begangen wird. Die Erwähnung von Gott in seiner Dreiheit als Vater, Sohn und Heiligen Geist begegnet uns im Taufbefehl, mit dem der Auferstandene am Ende des Matthäusevangeliums seine Jünger in die Welt hinaus sendet.  Die Drei ist für Christen eine Heilige Zahl. Sie weist auf die Vollkommenheit Gottes hin. Das deutet sich schon im Alten Testament an. Dort lesen wir, dass drei Engel dem Erzvater Abraham im Hain von Mamre erschienen sind. Wer die Geschichte liest, wird bald merken, dass sie eigentlich von einer Begegnung Gottes mit Abraham erzählt. Auf vielen Ikonen und Bildern wird diese Begegnung dargestellt. Das Neue Testament berichtet davon, dass Jesus drei Tote ins Leben zurück gerufen hat: die Tochter des Jairus, den Jüngling von Nain und Lazarus. So erweist Jesus seine göttliche Vollmacht. Schließlich ist Jesus selbst am dritten Tag von den Toten auferweckt worden. Dass Glaube, Hoffnung und Liebe die Pfeiler eines christlichen Lebenswandels sind, erfahren wir vom Apostel Paulus. Christen glauben nicht an drei Götter, wenn sie vom dreifaltigen Gott sprechen. Sie glauben an den einen Gott – dessen Handeln und Zuwendung sie auf vielerlei Weise erfahren. Die Lehre von der Dreifaltigkeit (Dreieinigkeit, Trinität) ist der Versuch, diese Gotteserfahrung in einer Lehraussage zusammenzufassen.  Wir staunen über die Schönheit der Schöpfung und ehren Gott, den Vater, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Wir vertrauen darauf, dass er sich in Jesus Christus den Menschen zugewandt hat. Schließlich spüren wir immer wieder die Geistkraft Gottes, der die Herzen anrührt und den Glauben stärkt, der uns tröstet, aufrichtet, mahnt. Hinter all diesen Erfahrungen von Gott verbirgt sich jedoch dieser eine, vollkommene, unfassbare Gott, der den Menschen so nahe wie nur irgend möglich kommen will. Wenn man da nicht in das „Dreimal heilig“ einstimmen möchte, mit dem die Engel Gott im Himmel loben und das wir bei der Feier des Heiligen Abendmahls mitsingen: „Heilig, heilig, heilig, ist der Herr der Herrscharen, alle Lande sind seiner Ehre voll. Hosianna in der Höhe!“ Dieses Wort des Propheten Jesaja soll uns als Spruch durch die Trinitatiswoche begleiten. Gottes Dreifaltigkeit lässt sich nicht erklären, vielmehr anbeten. Schon Philip Melanchthon, der gelehrte Wegbegleiter Luthers, hat das seinen Studenten ans Herz gelegt.

26.5.2018

 


Pfingsten und der Zahn der Zeit - warum das Pfingstfest keine Bestandsgarantie für Gotteshäuser ist

Unsere Altensteiner Pfarrkirche steht auf einem Berg, etwas mehr als  400 Meter über „Normalnull“. Von weitem ist sie zu sehen - egal, aus welcher Richtung man kommt. Davor erhebt sich die Burgruine. Sie wird nachts beleuchtet. Romantisch sieht das aus. Sie lockt die Besucher an. Vor allem bei schönem Wetter. Eine stolze Burg muss das einmal gewesen sein. Mit stolzen Bewohnern, vielleicht mit Burgfräulein und Minnensang? Wer weiß. Die Zeiten sind vorbei. Der Zahn der Zeit hat ganze Arbeit geleistet. Jetzt ist er ein Haus weiter gezogen und nagt an der  Kirche. Er knabbert schon sehr lange an dem Sandstein wie unsereiner an Butterkeksen. Deshalb  wurde sie im vergangenen Jahr renoviert. Ein Baukran, ein Gerüst rund um das Haus haben es ahnen lassen: der Zahn der Zeit hatte ordentlich zugebissen. Das Dach musste neugedeckt werden. Es ist nicht alles gut, was von oben kommt. Vor allem, bei fiesem Regenwetter. Im Rahmen der Dachdeckerarbeiten wurde offenbar, dass das mächtige Giebelkreuz wackelt. Einem Orkan hätte es nicht mehr standgehalten. Es musste gesichert werden. Die Fenster sind immer noch undicht und sehnen sich nach dem zweiten Bauabschnitt, in dem sie erneuert werden. Eine zugige Kirche bekommt den Betern schlecht. Der Heilige Geist belebt, Zugluft macht krank. Das ist der Unterschied. Ein Baukran vor einer Kirche ist eigentlich ein Hoffnungszeichen. Er zeigt an; dass etwas getan wird, gegen den Zahn der Zeit. Ich bin mir ziemlich sicher, das unsere Kirche nicht das Schicksal anderer Gotteshäuser  in unserem Land erleiden wird - dass sie leer stehen, verfallen oder verkauft werden, dass Büro - oder Geschäftsräume in die alten Gemäuer einziehen. Die Menschen vor Ort lieben ihr Gotteshaus. Es liegt ihnen am Herzen. Noch ist das so. Aber es ist nicht selbstverständlich. Am Sonntag feiern wir das Pfingstfest, den „Geburtstag“ der Kirche. Für mich ist dies Trost und Mahnung zugleich. Es erinnert mich daran, dass nicht der Mensch, sondern Gott die Kirche ins Leben gerufen hat. Das ist der Trost. Er sorgt für seine Kirche, er sorgt dafür, dass das Leben in ihr nicht erlischt. Immer wieder rührt er die Herzen an, sorgt für Begeisterung. Dem Trost folgt jedoch die Mahnung. Pfingsten ist keine Bestandsgarantie für die Gotteshäuser aus Stein. Vor langer Zeit hat der Prophet Sacharja ein Trostwort ausgesprochen, dass uns als Wochenspruch durch die Pfingstwoche begleitet. „Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth!“ Lassen wir uns deshalb nicht  allzu sehr beeindrucken von den imposanten Bauwerken, weder von Burgen noch von Kathedralen. So schön sie auch sind, sie sind vergänglich. Wirklich wichtig ist das andere Haus, das aus lebendigen Steinen, die lebendige Kirche. Von ihr gilt, was Jesus einmal seinem Apostel Petrus versprochen hat: „Die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwinden.“ Und auch nicht der Zahn der Zeit.




Der Himmel - nicht über uns, sondern in uns

Eineinhalb Wochen vor Pfingsten ist Christi Himmelfahrt. In unserer Gemeinde verlassen wir an diesem Tag das Gotteshaus, um einen Gottesdienst im Grünen zu feiern. Der Himmel ist dann unser Kirchendach. Manchmal sehen wir wahrscheinlich genauso skeptisch und fragend nach oben, wie das wohl die Jünger Jesu einst getan haben. Allerdings aus anderen Beweggründen. „Hoffentlich regnet es nicht“, sagen wir, wenn sich Wolken vor die Sonne schieben. Den Jüngern war das Wetter wahrscheinlich egal, als sie nach oben sahen.  Was sie gerade erlebt haben, ging über ihren Verstand. Es ist ja auch schwer zu begreifen, was  der Evangelist Lukas in nur zwei Sätzen beschreibt: „Jesus führte die Jünger hinaus bis nach Betanien und hob die Hände auf und segnete sie. Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel.“  Wo ist Jesus jetzt? fragen wir uns wie einst die Jünger. Die hatten aber nicht lange Zeit, darüber nachzudenken.  Da waren auf einmal zwei Männer, in weißen Gewändern. „Ihr Männer von Galiläa...“ sagen die zu den Jüngern „...was steht ihr da und seht gen Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen.“ 

Als Ermahnung zu einem bodenständigen Christsein deute ich diese Worte. „Schaut nicht in den Himmel.“ sagen die Engel. „ Geht nach Hause! Lebt euren Glauben glaubhaft und glaubwürdig. Und seid geduldig. Er wird wieder kommen.“

Da gingen sie heim, die Jünger. Zurück nach Jerusalem. Zurück in ihre Häuser, zurück zu ihren Familien, zurück in ihren Alltag. Sie waren keineswegs traurig. Fröhlich waren sie. Er wird wiederkommen! Das wissen sie jetzt. Die Engel haben es ihnen gesagt. Vielleicht erinnern sie sich auch an ein Versprechen, das Jesus ihnen zum Abschied gegeben hatte. „Ich bin bei euch, alle Tage!“ In der Tat. Er ist bei uns, alle Tage, bis ans Ende aller Zeiten. Es ist nicht der Fortgang Jesu, den wir feiern. Es ist vielmehr das Bei – uns – sein. Der Himmel, in den Jesus aufgefahren ist, ist  nicht ein ferner Ort über uns. Der Himmel ist dort, wo Menschen dem Auferstandenen vertrauen. Er kommt zu uns, er spricht uns an in seinem Wort. Er stärkt unseren Glauben durch die Gaben von seinem Tisch, durch Brot und Wein. Er ruft uns beim Namen in der Taufe. Er hört uns zu, wenn wir uns an ihn wenden im Gebet. Seit Christi Himmelfahrt gibt es  keinen Raum mehr, in dem Jesus nicht zu finden ist. Wir kommen also nicht erst in den Himmel. Wir sind schon mitten drin. Der Auferstandene bringt den Himmel zu uns, in unser Herz, in unser Leben. 

9.5.2018

Des Christen Handwerk - zum Sonntag Rogate

Der Sonntag vor Christi Himmelfahrt heißt Rogate. Betet! In früheren Zeiten haben sich die Väter und Mütter diesen Aufruf besonders zu Herzen genommen. Sie haben ihren Sonntagsstaat angezogen und das Gebetbuch in die Hand genommen. Singend und betend sind sie so über die Felder gezogen. Flurprozessionen nannte man. Bittgänge waren es. Die Väter und Mütter haben so die Natur unter Gottes Obhut gestellt. Aus gegebenem Anlass, würde man heute sagen. In manchen Gemeinden gab es sogar einen Hagelfeiertag. Da ruhte die Arbeit. Man ging zur Kirche, um Gottes Schutz vor Blitz - und Hagelschlag, vor Sturm und anderem Schaden zu erflehen. Ebenfalls aus gegebenem Anlass. Erinnerungen und Erfahrungen wurden früher nicht digital gespeichert auf Festplatten oder Sticks. Erinnerungen wurden aufbewahrt und weitergegeben im Brauchtum, in Gebeten, Gesängen und Gedenktagen. Es war die Erinnerung an „verhagelte“ Ernten, an Unwetter, an Feuer durch Blitzschläge und an Brandkatastrophen, es war die Erfahrung, wie unsicher die eigene Existenz ist, wie sehr man doch angewiesen ist auf göttlichen Schutz - und Beistand. Die haben unsere Väter und Mütter das Beten gelehrt. Sie wussten, wie anfällig und schutzbedürftig alles ist, was in diesen Tagen heranwächst, was grünt und blüht, jede Pflanze, jeder Trieb, jede Blüte, aber auch der Mensch, Haus und Hof. Diese Bittgänge gibt es heute nur noch vereinzelt. Als ob wir heute keinen Schutz nötig hätten. Wir können zwar Frosteinbrüche und Unwetter auf unseren Wetterapps relativ zielsicher vorhersagen. Die Folgen können sie nicht abwenden. „Eines Christen Handwerk ist beten. Wie ein Schuster einen Schuh macht, und ein Schneider einen Rock, also soll ein Christ beten“ sagte einst der Reformator Martin Luther. Unsere Väter und Mütter wussten noch, warum dieses Handwerk so wichtig war. Sie haben bei ihren Bittgängen, mit ihren Gebeten und in ihren Gottesdiensten ihre Welt und Gott zusammengebracht, sie haben sich selbst mit ihren Nöten und Ängsten in Gottes Hand gelegt. Sie haben es getan, indem sie die Hände gefaltet und gebetet haben. Sie hatten Gottvertrauen. Sie haben geglaubt. Des Christen Handwerk ist das Beten. Glaube und Gottvertrauen sind notwendende Voraussetzung für die Ausübung des Handwerks der Christen. Die Väter und Mütter haben ihr Handwerk noch verstanden. Haben wir es inzwischen verlernt?                                                                                   5.5.2018


"Was er euch sagt, das tut." Eine evangelische Marienandacht

„Sag einfach Maria zu mir….“ beantwortet die junge Frau meine Frage, wie ich sie anreden solle. Natürlich macht sie das nur in meiner Phantasie. Holzfiguren sprechen nicht. Normalerweise. Auch nicht die wunderschöne Marienstatue, die ich in der Klosterkirche Volkenroda bewundert habe. Jugendlich und selbstbewusst erscheint sie mir dort. So jemand könnte mir auch beim Einkaufen im Bioladen begegnen: eine  selbstbewusste, junge Frau, die ihr Kind auf dem Arm trägt, die Hüfte zum Ausgleich leicht geschwungen, so steht sie da und strahlt mich an. Ganz anders wirkt Maria auf der Ikone, die vor Jahren ihren Weg zu mir gefunden hat und die Wand meines Wohnzimmers schmückt. Es ist der nachdenkliche, fast ernste Gesichtsausdruck der Mutter Jesu, der aber dennoch Zärtlichkeit nicht ausschließt, wenn auch nur andeutet. Maria und das Jesuskind schauen einander nicht an, sondern richten ihren Blick auf den Betrachter. Die Hand der Mutter streift über das Gewand ihres Sohnes, doch es scheint, als ob das Kind seine Hand wegzieht.  Fast ist es so, als ob sie auf Distanz zueinander gehen, Mutter und Kind. Das lässt die komplizierte Geschichte ahnen, die Mutter und Sohn verbindet. Es ist die Geschichte, die nicht mit Tinte sondern mit Tränen geschrieben wurde und von dem Verhältnis dieser Mutter zu ihrem Kind erzählt, eine Beziehung, die von Freude und Leid, Distanz und Nähe, Trauer und Trost bestimmt wird. Sind das zwei Seiten ein und derselben Person, die in diesen unterschiedlichen Darstellungen gezeigt werden? Einen Zugang zu Maria erschließt sich mir nicht nur über Bilder sondern vor allem durch eine  Wundergeschichte, in der Maria eine tragende „Neben“ - Rolle spielt, jedenfalls nach meinem Verständnis. Wer sie nachlesen will: die Geschichte steht im Johannesevangelium im 2. Kapitel. Die Geschichte ist schnell erzählt. Wir kennen sie alle. Sie beschreibt, wie Jesus bei einer Hochzeit Wasser in Wein verwandelt. Wenn wir diese Geschichte als Theaterstück sehen würden, hätte die Darstellerin der Maria darin nur wenig zu tun. Zwei Sätze hätte sie nur zu sagen. Aber die haben es in sich. Maria macht Jesus auf den Mangel aufmerksam, der wohl zu einem abrupten Ende der Feier und zum Gesichtsverlust des Gastgebers geführt hätte:  „Sie haben keinen Wein mehr!“ Für diesen Hinweis handelt sich Maria von ihrem Sohn eine barsche Erwiderung ein: „Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ Redet man so mit seiner Mutter? Maria scheint das nicht zu stören, vielleicht hat sie so etwas schon öfters gehört. Sie wendet sich den Dienern zu mit dem zweiten Satz, den sie in ihrer Rolle als „Mittlerin“ zu sagen hat:        „Was er euch sagt, das tut!“ Dieser Satz hat es in sich. Er rückt Verhältnisse zurecht. Jesus ist es, der handelt, der die Zeichen setzt. Und Maria macht auf ihn aufmerksam. Ihre Aufgabe ist es, hinzuweisen auf den Menschen - und Gottessohn. Nachdem sie ihre Aufgabe erfüllt hat, tritt sie zurück. Sie bleibt im Hintergrund.  Die Hauptrolle spielt ein anderer. Die  Anrede „Mutter Gottes“ will mir nicht so recht über die Lippen kommen. Auch, wenn ihr in einem Konzil der Titel „Gottesgebärerin“ verliehen wurde. Das war im Jahr 431 in Ephesus. Die Bezeichnung, die Johannes wählt, liegt mir mehr: die Mutter Jesu. Und wenn ich auf meine Ikone schaue oder die Marienfigur in der Klosterkirche betrachte, spüre eine tiefe Sympathie für sie.  Diese Frau, die von Anfang an einverstanden war mit der schweren Rolle, die Gott ihr zugedacht hat, drängt sich nicht auf. Sie tut, was ihr Gott aufgetragen hat. Sie hilft auf die ihr von Gott zugedachte Weise. Sie weist ihren Sohn hin auf diejenigen, die seine Hilfe brauchen. Seine, nicht ihre.  Und sie weist die Menschen hin auf den einen, der helfen kann und helfen wird. Ansonsten tritt sie in den Hintergrund. Wie gesagt: sie spielt die tragende Nebenrolle in meinem Glauben. Aber für die bin ich ihr dankbar.

1.5.2018



Wovon die Kreuze erzählen ...

Ab 1. Juni soll das Kreuz verpflichtend in allen Behörden als identitätsstiftendes Symbol zum Ausdruck bringen, dass wir ein christlich geprägtes Land sind. Was löst der Blick auf ein Kreuz aus? Wann wird es zum Zeichen, das Hoffnung schenkt, das Trost spendet und unser Herz berührt? Dass das Kreuz auch ein Zeichen des Anstoßes und des Ärgernisses sein kann, schreibt schon der Apostel Paulus. (1.Korinther 1,18) Wann aber entfaltet es seine heilsame Wirkung? Beim Nachdenken über dies Fragen fallen mir zwei Begegnungen ein, in denen das Kreuz für mich in der Tat „identitätsstiftend“ war. Die eine liegt schon über dreißig Jahre zurück und führt mich ans Sterbebett meiner Großmutter im Krankenhaus. Eine fromme Frau war sie. Nicht ohne Fehler, aber welcher Mensch ist das schon?  Wenn ich an sie zurückdenke, fällt mir viel Gutes ein. Die alte Frau in dem Bett war nur noch Haut und Knochen. Sprechen konnte sie schon lange nicht mehr. Irgendwann hatte sie mich bemerkt. Ihr Blick wanderte  erst zu mir, dann von mir hin zur Wand gegenüber. Mit viel Mühe hatte sie ihren Arm hochgehoben, als ob sie etwas in die Luft schreiben wollte. Doch sie hatte nur versucht, sich zu bekreuzigen. Da wusste ich auch, wohin mich ihr Blick wies: zum Kreuz, das an der Wand gegenüber hing, ein einfaches Kreuz, von einem einzelnen Palmzweig geschmückt. Behutsam faltete ich die Hände der Sterbenden und betete für sie und mit ihr das Vaterunser. „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“Das ist die erste Frage im reformierten Heidelberger Katechismus. Die Antwort wird im Anschluss gegeben: „Dass ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre.“Daran erinnert mich diese Geschichte. Daran erinnert mich das Kreuz. Deshalb freue ich mich heute noch, wenn ich ein Kreuz sehe. Zum Beispiel die vielen Wegkreuze, die es bei uns auf dem Land noch gibt. Sie erinnern mich an diesen einen Trost, der trägt, wenn alles andere bedeutungslos wird. Eines dieser Kreuze hat erst kürzlich mein Herz berührt. Nicht, weil es so schön war. Ich denke nicht einmal, dass es von großem Wert ist. Was macht ein Kreuz wertvoll? Das Material, aus dem es angefertigt wurde? Der Name des Künstlers, der es geschaffen hat? Oder der Glaube, der sich damit ausdrückt? Mich hat der Anblick des Gekreuzigten inmitten einer freundlichen Landschaft mit einigen neuzeitlichen Schönheitsfehlern angesprochen. Nicht weit von diesem Kreuz entfernt donnern die Lastwagen auf einer vielbefahrenen Straße entlang. Doch der Lärm stört weder den Gekreuzigten noch mich - jedenfalls in diesem Moment nicht. Vielmehr habe ich das Gefühl, dass die Zeit still steht. Müde neigt der Gekreuzigte das Haupt. Steingeworden ist der Seufzer: „Es ist vollbracht“ kann ich von den Lippen ablesen. Was alles Spuren auf diesem Kreuz hinterlassen hat - Wind und Wetter und vielleicht auch das eine oder andere Gebet, das vor diesem Denkmal gesprochen wurde? Moosbüschel überziehen den Körper und machen die Vergänglichkeit sichtbar.  Was hat die Menschen dazu veranlasst, dieses Kreuz aufzustellen? Gewiss war es keine Verordnung durch die Obrigkeit. Es war der Glaube, der die Menschen mit dem Gekreuzigten verbunden  hat, über Jahrhunderte hinweg - die feste Hoffnung, dass Gott uns nicht allein lässt, im Leben nicht und im Sterben erst recht nicht. Es ist der Glaube der uns auf das Kreuz schauen lässt -  müde, hungrig, ärgerlich, ängstlich, mit Sorgen beladen oder mit einem Herz voll Freude und Dankbarkeit. Es ist die begründete Hoffnung, dass ich selbst angeschaut werde, wenn ich meine Augen aufhebe und dem Gekreuzigten ins Gesicht schaue. Er schaut mich an, der Gekreuzigte, daran glaube ich und das tröstet mich. Ich glaube daran, dass Gott mich wahrnimmt, so wie ich bin.  Ich wünsche mir, dass dieses Wegkreuz die Zeit überdauert und noch viele Menschen nach mir daran erinnert, ihnen erzählt, was Leuten wie mir einst Trost und Hoffnung geschenkt hat, was mich getragen hat, wenn das Leben unerträglich war, was mir Auftrieb gegeben hat.  Das Kreuz verbindet Wunden, indem es tröstet, es stiftet Gemeinschaft, in dem es vom Glauben erzählt. Das geschieht unaufdringlich. Das Kreuz lädt ein, zum Verweilen, zum Glauben, zum Hoffen und ermutigt zur Nächstenliebe, weil es das Zeichen des einen ist, der uns zuerst geliebt hat. Man sollte es nur aus  diesem einem Grund an die Wand hängen oder aufstellen, daheim, in einer Behörde oder auf dem Land  - damit es seine Geschichte erzählen kann. Aus diesem einen Grund und aus keinen anderen.                                                                                26.4.2018



Jubilate - Begeisterung für das Leben

Gewonnen!“ Männer und Frauen liegen sich in den Armen, singen und tanzen auf der Straße. Ein Autokorso schlängelt sich hupend durch die Straßen. Fähnchen werden geschwungen. Das Leben ist wundervoll! Wenn ein wichtiges Fußballspiel gewonnen wird, lassen sich Menschen begeistern, auch solche, die sich sonst nicht für diese Sportart interessieren. Da sehen wir: Jubel ist ansteckend. Freude ist ansteckend. Ob das auch für den Glauben gilt? Wie oft blicke ich in ernste Gesichter, wenn ich auf der Kanzel stehe. Vielleicht liegt das daran, dass man früher in der Kirche häufiger „Drohbotschaften“ statt „Frohbotschaften“ zu hören bekam und deshalb an diesem Ort nichts anderes als eine Bußpredigt erwartet? „Einspruch!“ möchte ich da rufen. Wir haben Grund zur ausgelassenen Lebensfreude. Der Name des 3. Sonntags in der Osterzeit will uns dazu ermutigen: „Jubilate“ heißt er, zu Deutsch: „Jubelt“. Seinen Namen verdankt dieser Feiertag einem (lateinischen) Psalmvers: „Jubelt Gott zu, all ihr Länder!“ (Psalm 66,1) Ein ganz außergewöhnlicher Jubelruf begleitet uns durch diese Tage: „Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden.“ Löst dieser Ruf in uns Freude aus, wenn wir ihn hören? Oder zucken wir nur die Schultern, um dann missmutig unserem Tagwerk nachzugehen, weil uns im Leben nichts geschenkt wird. Doch das stimmt nicht. Die Natur zeigt uns   Auferstehung pur - Bäume und Blumen beginnen zu blühen, dass es eine Pracht ist. Es ist die Auferstehung im Diesseits, im Hier und Jetzt, die uns vorgelebt wird. Dieses Leben ist wundervoll - auch, wenn es immer noch vom Tod überschattet wird, trotz der Hiobsbotschaft, die uns durch die Massenmedien immer wieder erreichen, trotz mancher Sorgen, die wir ernst nehmen müssen und die wir nicht einfach beiseite schieben können. Das Erwachen der Natur im Frühjahr ist ein Abbild, das über sich hinausweist. Es zeigt, was noch kommen soll, was Gott für uns bereithält: das blühende Leben, das uns niemand mehr nehmen kann, nicht einmal der Tod. Noch haben wir es nicht. Noch gehen wir darauf zu. Und doch bekommen wir schon jetzt einen Vorgeschmack auf dieses Leben. Es beginnt, wenn wir uns ansprechen lassen, wenn wir sie sie ins Herz lassen, die frohe Botschaft, die wir an Ostern gehört haben. Das ewige Leben beginnt, wenn die Nachricht von der Auferstehung unseres Herrn in unseren Herzen ankommt und wenn die Freude darüber uns aufblühen lässt.

21.4.2018


Gebet für den Frieden! Vom Sinn des Mittagsläutens!


Für die einen ist es Lärmbelästigung. Für die anderen ein Weckruf: um die Mittagszeit fordern uns die Kirchenglocken auf zum Gebet für den Weltfrieden. Vielleicht müssten sie in diesen Tagen noch ein bisschen lauter läuten und trotzig die  von manchen Richtern festgelegten Dezibel - Höchstwerte überschreiten. Warum? Mir machen die Twitterdrohungen eines unberechenbaren Präsidenten ebenso Angst wie die  Reaktionen von russischer Seite auf die präsidialen Tweeds aus Washington. Und nicht nur das. Die wenigen Haare auf meinem Kopf stehen mir zu Berge, wenn ich lese und höre, wie in unserem Land wieder ungeniert aus dem Wörterbuch des Unmenschen zitiert wird, nicht nur an den sogenannten Stammtischen, sondern auch in der öffentlichen politischen Auseinandersetzung, zum Beispiel, wenn es um die Frage der Zuwanderung geht. Da möchte man sich am liebsten im „stillen Kämmerlein“ verschließen und den Schlüssel wegwerfen. Aber dann überhören wir womöglich die Glocken und vergessen unseren Auftrag. Wer betet, zieht sich nicht aus der Welt zurück. Im Gegenteil. Er bringt die Welt mit ihrer Not, die eigene Verzweiflung, Wut, Fragen und Hilflosigkeit angesichts der globalen und lokalen Tragödien vor Gott. Wer betet, legt die Hände nicht in den Schoß.  „Die Hände, die zum Beten ruhn, / die macht er stark zur Tat. / Und was der Beter Hände tun, / geschieht nach seinem Rat“ hat Jochen Klepper 1938 geschrieben. Auch der Dichter Reinhold Schneider hat dem Gebet viel zugetraut.  In einem seiner bekanntesten Sonette aus dem Jahr 1936 schreibt er: „Allein den Betern kann es noch gelingen / Das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten / Und diese Welt den richtenden Gewalten / Durch ein geheiligt Leben abzuringen.“  Für mich ist ein „geheiligt Leben“ ein Leben, das sich an Jesus Christus orientiert und aus dieser Ausrichtung heraus den Mut aufbringt, ein deutliches Nein aller Kriegstreiberei und aller Polemik  entgegenzusetzen. Zugegeben: Kritiker könnten zu Recht einwenden, dass  man mit Gedichten und schönen Worten weder den 2. Weltkrieg und noch den Holocaust verhindert habe. Wie viele Schwerter die Gebete von unsern Häuptern tatsächlich schon aufgehalten haben, werden wir wohl erst am Jüngsten Tag erfahren. Mögen sie also läuten, die Glocken. Lange und eindringlich. Machen wir den Mund auf. Beten wir um den Frieden in der Welt und in unseren Herzen. Damit das, was von Herzen gesagt und getan wird, dem Frieden dient.  Es ist höchste Zeit.

14.4.2018







Das ökumenische Fähnlein - ein Kommentar

Nein, ich werde das ökumenische Fähnlein nicht einrollen. Ja, ich werde weiterhin gerne mit meinen katholischen Glaubensgeschwistern gemeinsame Gottesdienste vorbereiten und feiern. Gewiss werde ich auch in Zukunft herzlich einladen, zum Tisch des Herrn zu kommen, wenn wir das Heilige Abendmahl in unserer Kirche feiern – jeden, der getauft ist und sich einladen lässt, egal, welches Gesangbuch in seinem Bücherschrank steht. Trotzdem bin ich doch etwas erstaunt und – wenn ich ehrlich bin, auch ein wenig verärgert darüber, dass die Frage, ob und unter welchen Bedingungen evangelische Christen in katholischen Gottesdiensten zum Kommunionempfang zugelassen werden können, so viel Unruhe unter den katholischen Bischöfen erregt. Wenn das stimmt, was ich gelesen habe, hat die Deutsche Katholische Bischofskonferenz die Messlatte sowieso schon ziemlich hoch gehängt. Nach Meinung einiger katholischer Bischöfe hängt sie allerdings nicht hoch genug. Deshalb soll jetzt Rom entscheiden, ob die Bischofskonferenz diese Richtlinien zu Recht erlassen hat. Was soll das? Wenn man mich auf diese Weise spüren lässt, dass meine Teilnahme nicht erwünscht wird, werde ich gewiss nicht kommen. Und es ist doch auch nicht so, dass die Evangelischen in katholischen Gottesdiensten Schlange stehen. Sie tun das ja noch nicht einmal in den evangelischen Gottesdiensten. Schon gar nicht, wenn der Gottesdienst am Sonntag zu „nachtschlafender Zeit“, um 08.45 Uhr beginnt.  Allerdings habe ich den Eindruck, dass dort, wo ich lebe, sowieso immer weniger katholische Messen angeboten werden. Somit kommen wir Evangelische schon gar nicht in die Versuchung, uns den Kommunionempfang zu erschleichen. Und dann das andere: ich habe manchmal den Eindruck, dass viele katholische Mitchristen sich ganz und gar nicht daran stören, wenn sie mit einem Evangelischen zur Kommunion gehen. Ob das daran liegt, dass sie eben einen Schritt weiter sind als die hochgelehrte Geistlichkeit?    

8.4.2018






Ein österlicher Schnappschuss

Mein „natürliches“ Osterbild habe ich vor einigen Jahren aufgenommen. Ein österlicher Schnappschuss gewissermaßen. Wir sehen ein Grabkreuz. Es  wirft seinen Schatten an die weiße Hauswand. Es handelt sich dabei um das Pfarrhaus, das direkt an den Friedhof angrenzt. Auf einem Grab davor blühen Blumen: Osterglocken und Tulpen, Stiefmütterchen. Sie setzen fröhliche Farbupfer ins Bild. Fast kann man das warme Licht der Frühlingssonne auf der Haut fühlen, wenn man länger hinschaut. Das Kreuz allerdings lässt einen frösteln. Es erinnert an den Tod, an den Schmerz, an die Tränen, die geweint werden, nicht nur vor diesem Grab. Überdimensional groß erscheint es auf dem weißen Hintergrund. Solche Schatten fallen immer wieder auf unser Leben. Immer wieder müssen wir Abschied nehmen, immer wieder erfahren wir Kummer und Leid. Dann scheint es nichts anderes zu geben als Not und Tod. Aber da sind gottlob auch diese Farbtupfer des Lebens, die den Blick auf sich ziehen. EIn „natürliches“ Osterbild sehen wir - von der Natur ins Leben gemalt. Die Osterbotschaft ist ein gewaltiger Farbupfer, der Licht in den Alltag bringt und mit dem Licht den Trost, die Hoffnung, die Freude. „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten, er ist nicht hier, er ist auferstanden…“ sagt der Engel den Frauen am Ostermorgen. Trostlos waren sie. In aller Frühe haben sie sich aufgemacht, um den Leichnam Jesu zu salben, ihn für das Begräbnis herzurichten. Im Grab, an den Stätten des Todes und der Vergänglichkeit, werden sie den Herrn nicht finden, den sie suchen. Das erfahren sie an diesem Morgen. Und wir erfahren es auch: bald wird die Sonne höher steigen, der Schatten des Kreuzes, der das Bild noch ausfüllt,  wird sich auflösen im Licht. Es bleiben die Blumen, es bleibt die Farbe, es bleibt die Botschaft des Lebens. In einem Lied heißt es dazu: „Nun werden die Tränen trocken auf Erden, / die Traurigen getröstet werden, / weil Christus erstanden ist, weil Christus erstanden ist.“

8.4.2018






Palmsonntag - Ein Sonntag für die Verlierer?

Verlassen steht sie da. Die Enttäuschung, der Schmerz und die Kränkung haben die Farbe aus dem Gesicht getrieben. Die Lippen muss sie zusammenkneifen, die Mundwinkel zucken verdächtig. Sie kann es nicht verhindern, dass ihr ein paar Tränen aus den Augen treten und als dünnes Rinnsal über die Wangen laufen. „Sei stark!“ sagt sie sich. „Lass dir nichts anmerken!“ Aber das fällt schwer. Die Enttäuschung ist einfach zu groß. Die anderen lassen sie stehen. Die sogenannten Freunde. Sie drängen sich um den Gewinner, den Herausforderer. Jeder will ihm die Hand schütteln, ihm zeigen, dass sie eigentlich immer schon auf seiner Seite war. Die Verliererin ist vergessen. Später kommt dann vom Vorsitzenden wenigstens ein Wort des Dankes für ihren Einsatz, ihr Engagement all die Jahre hindurch. Aber diesem Dank spürt sie ab, dass er nicht von Herzen kommt, nur der Form halber ausgesprochen wird. Eine andere Botschaft wird ihr deutlicher signalisiert: du kannst gehen, wir brauchen dich nicht mehr.

So geht man mit Verlierern um, nicht nur in der Politik. Auch in anderen Bereichen des Lebens kann man erleben, wie schnell sich der Wind dreht. Man muss nur Pech haben, einen Fehler begehen, den falschen Freunden vertrauen, eine Wahl verlieren, alt werden, den Anschluss an den Modetrend verpassen.  Vielleicht ist der kommende Sonntag diesen Menschen gewidmet: der Palmsonntag. Mit ihm beginnt die Heilige Woche. In diesen Tagen muss der Gottessohn am eigenen Leib erfahren, wie schnell sich der Wind drehen kann. Am Palmsonntag wird Jesus wie ein Superstar gefeiert. Die Menschen winken ihm begeistert zu bei seinem Einzug in die heilige Stadt. Sie sehen in ihm den Erlöser. „Sohn Davids“ nennen sie ihn. Sie hoffen, dass er ihre Probleme so löst, wie König David das getan hätte: mit Gewalt. Doch sie übersehen die Zeichen, die Jesus setzt. Er reitet nicht hoch zu Roß ein in die Stadt. Er sitzt auf einem Esel, dem Reittier des kleinen Mannes und der Propheten.  Im Leben nie hat Jesus das Schwert sprechen lassen. Im Gegenteil. „Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen“ ermahnt er Petrus, als der ihn bei seiner Verhaftung mit dem Schwert verteidigen will. (Mt. 26,52) Am Kreuz schließlich wird die Niederlage endgültig offenbar. „Ein Gehenkter ist verflucht bei Gott!“ heißt es im Alten Testament (5.Mose 21,23). Sogar Gott scheint sich also abzuwenden. Und doch kommt es anders. Nein, es folgt kein Happy End, viel Eher Kopfschütteln, Verwunderung, Angst und schließlich Freude. Am dritten Tag in aller Herrgottsfrüh machen sich die Frauen auf zum Grab, um den Leichnam Jesu zu salben. Ein Engel erklärt ihnen, warum das Grab leer ist. „Er ist nicht hier, er ist auferstanden. Seht, wo er gelegen hat!“(Matth. 28,6)  Mit der Auferweckung des Gottessohnes stellt sich Gott selbst hinter Jesus. Er unterschreibt gewissermaßen die Seligpreisungen und all die anderen Worte, mit denen Jesus den üblichen Vorstellungen eine Absage erteilt hat, wie man sich in dieser Welt zu verhalten hat, um auf der Gewinnerseite zu stehen. Mit der Auferstehung Jesu wird uns das Ziel gezeigt, auf das wir zugehen - auch, wenn unser Weg nach den Maßstäben dieser Welt der Weg der Verlierer ist. Es ist das Leben in Fülle, auf das wir zugehen. Und zu diesem österlichen Leben wird auch gehören, dass Gott die Tränen abwischen wird, die Tränen der Enttäuschung, der Verbitterung, des Leides. 

25.3.2018




 




Es kommt auf die Ausrichtung an!

Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes“ sagt Jesus. Was für ein seltsames Wort. Es begleitet uns als Wochenspruch durch die kommenden sieben Tage. Es ist ein Wort der Zurückweisung, der Zurechtweisung, zugleich aber auch eine Ermutigung.  Ziemlich barsch weist Jesus  einen Interessenten ab. Ein Mann war gekommen, um sich den Jüngern anzuschließen. „Erlaube mir aber, dass ich mich zuvor  von den Leuten in meinem Haus verabschiede, der Familie, den Freunden!“ Ist das nicht selbstverständlich? Einer, von dem man es wohl nicht erwartet hätte, erhebt Einspruch: Jesus. Der hat unmittelbar vorher über sein unstetes Wanderleben gesprochen: „Die Füchse haben Höhlen und die Vögel haben Nester, aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.“ Er schafft klare Verhältnisse. Die Sache Jesu duldet keinen Aufschub. Sie fordert ungeteilten Einsatz. Ein barsches Wort hören wir am Sonntag Okuli. Augen heißt das auf deutsch. Gemeint sind die Augen die auf Gott schauen. „Meine Augen sehen stets auf den HERRN; denn er wird meinen Fuß aus dem Netze ziehen…" sagt der Beter des 25. Psalms, vielleicht mit klopfendem Herz. Einsam fühlt er sich und bedroht. „Bewahre meine Seele und errette mich; lass mich nicht zuschanden werden, denn ich traue auf dich!“  Der Name des Sonntags, der Psalm und der ruppige Wochenspruch machen mich nachdenklich. Wohin richte ich meinen Blick, wenn ich nach Hilfe Ausschau halte?  „Meine Augen sehen stets auf den Herrn…“ sagt der Psalmbeter. Es geht an diesem Sonntag also um die Blickrichtung. Vielleicht auch die Ausrichtung. Wohin richtet sich mein Blick, wenn es darum geht, Hilfe zu finden. Wo suche ich meine Sicherheit?  Mit dem Pflug bearbeitet man den Boden. Man kann keine gerade Furche ziehen, wenn man zurück schaut. Will  Jesus das sagen? Wenn wir also, die Hand an den Pflug legen und auf unser altes Leben zurück schauen - schauen wir dann weg von Gott? Suchen wir dann unsere Absicherung nicht bei ihm, sondern bei uns selbst, bei den eigenen Möglichkeiten? Möchten wir nicht doch ein wenig vorsorgen, für den Fall, dass es nichts wird mit der Hilfe von „oben“, wenn wir in der Nachfolge scheitern, wenn der Glaube brüchig wird? Bedeutet Jesus nachzufolgen etwa, dass wir um des Glaubens willen nichts mehr haben, wo wir unser Haupt betten können, keine Absicherung, keinen Halt? Möchten wir uns mit unserem Leben wirklich ganz in Gottes Hand legen? Mit ein bisschen Nachfolge scheint sich Jesus nicht zufrieden zugeben. Er will, dass wir ihm ohne Wenn und Aber vertrauen. Tun wir das?  Oder schließen wir insgeheim nicht doch lieber eine Zusatzversicherung ab! Bleiben wir, wenigstens mit einem Fuß, in der alten Existenz? Was man hat, das hat man. Oder lege ich mein Leben ganz in  die Hand eines Gottes, den ich nicht sehe, von dem mir nur erzählt wird? So gesehen ist dieser Sonntag Okuli mit dem Wochenspruch aus dem Lukasevangelium eine Herausforderung, eine Provokation. Nein, ich löse jetzt nicht mein Konto auf. Ich werde auch weiterhin brav meine Versicherungsbeiträge bezahlen. Ich werde mein gutes Leben nicht gegen die Existenz eines Wanderpredigers eintauschen. Und doch tut es mir gut, mich selbst immer wieder einmal in Frage stellen zu lassen. Es tut gut, daran erinnert zu werden, wohin unser Blick wandern darf, wenn alles hinfällig wird – hin zum Kreuz. Das Kreuz erinnert uns daran, dass Gott uns dort begegnet, wo wir am wenigsten mit ihm rechnen, dort, wo wir nichts mehr haben. Das Kreuz erinnert uns daran, dass Gott da ist, wenn uns nichts mehr trägt, wenn wir loslassen müssen, was uns bis dahin gehalten hat. Dann wird er da sein, der Gott, zu dem wir sagen können: „Meine Augen sehen stets auf den Herrn, denn er wird meinen Fuß aus dem Netz ziehen.“

3.3.2018






Der Schmerzensmann - ein anstößiges Gottesbild? Zum Beginn der Passionszeit

Dem Mann mit der Dornenkrone steht der Schmerz ins Gesicht geschrieben. Es ist der Gekreuzigte.  Unwillkürlich möchte man da zurückweichen. So genau möchte man einem Sterbenden nicht ins Gesicht sehen.  „Verflucht ist, wer am Kreuz hängt!“ heißt es im Alten Testament. So sieht also einer aus, von dem sich Gott abgewendet hat. Gottes Sohn hängt am Kreuz. Ein Ärgernis, ein Anstoß, einen Skandal ist  das für die einen. Das ist ein Widerspruch zu allen Bildern, die sich Menschen von Gott machen. Götter haben schön zu sein und mächtig. Götter lassen die Erde beben, spielen Katz und Maus mit den Menschen, sind verschlagen, manchmal grausam  und ab und zu auch sentimental.  Christus als Schmerzensmann –  für die einen Ärgernis, für die anderen ein Trost in Todesnot. Obwohl er Gott gleich ist, stieg er herab vom Himmel, um alles mit uns zu teilen,  auch die Misserfolge, die Niederlagen. Vor allem die schlimmste aller Niederlagen. Das ist der Tod, der uns trifft: auf der Straße, im Bett, in der Blüte der Jugend oder am Ende eines langen arbeitsreichen Lebens. Er spürt uns auf und findet uns. Manchmal wirft der Tod seine langen Schatten voraus:  Misserfolge, die uns aus der Bahn werfen, Krankheiten, die sich nicht heilen lassen, Schmerzen, die uns quälen und die Todes – Angst, die uns überfällt, wenn wir das Ende nahen fühlen. Wer spürt, dass diese Schatten  auf ihn fallen, wird oft einsam. Die andern wenden sich ab. Vielleicht macht sie fremdes Leid ratlos, vielleicht bekommen sie es mit der Angst zu tun. Weil sie daran erinnert werden, dass sie auch sterben müssen. Irgendwann einmal.  Gott lässt uns nicht allein, wenn die anderen die Flucht ergreifen – daran erinnert der Gekreuzigte! Deshalb ist Gott Mensch geworden und als Mensch zum „Schmerzensmann geworden, deshalb ist er „hinabgestiegen in das Reich des Todes“ – den Ort, an dem uns außer Gott keiner mehr beistehen kann. Seine Liebe findet ihren Weg zu uns, sie überwindet auch die letzte Grenze, die unüberwindbar scheint. Dieser Glaube trägt uns in allen Niederlagen unseres Lebens. An dieser Hoffnung wollen wir festhalten, wenn wir den Tod nahen fühlen.  Unser Glaube hält sich aber nicht bei den Niederlagen des Lebens auf. Christus teilt mit uns die Niederlagen und den Sieg. Am Kreuz hat er den Tod überwunden. Der Tod spricht nicht mehr das letzte Wort über uns. Ihm bleibt nur noch das vorletzte. Endgültig ist das Wort des Lebens. Das Wort der Liebe. Das Wort, das Christus seinen Jüngern zum Abschied gesagt  und das am Ostermorgen seine Bestätigung gefunden hat: Ich lebe – und ihr sollt auch leben. In der Passionszeit betrachten wir den Leidensweg Jesu. Wir sehen ihn aber nicht isoliert. Der Leidensweg führt an das Kreuz. Doch er endet dort nicht. Die Passionszeit geht über in die Osterzeit. Unser Leben verliert sich nicht im Tod. Es mündet in die Auferstehung.

14.2.2018 






Damit die Hoffnung nicht auf der Strecke bleibt - Gedanken zum Wochenspruch für den Sonntag Estomihi

„Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem und es wird alles vollendet werden, was geschrieben steht von dem Menschensohn….“ (Lukas 18,31) Ich stelle mir vor, wie Jesus die Jünger bei diesen Worten ernst ansieht und wie sie seinem Blick ausweichen, lieber betreten zu Boden blicken. Ob sie ihn verstanden haben? Der Weg nach Jerusalem, den sie antreten, wird ein schwerer Gang werden, ein Weg ins Leid. Der Evangelist Lukas, der uns diese Worte überliefert hat, lässt keinen Zweifel daran. Gleich im Anschluss lässt er Jesus selbst sagen, was ihn dort erwarten wird: Ablehnung, Verleumdung, Misshandlung und schließlich der Tod. Ob Jesus die Jünger schont, weil er vom Menschensohn spricht, als ob von einem anderen und nicht von ihm selbst die Rede wäre? Vielleicht ist es den Jüngern dadurch leichter gefallen, ihren Herrn zu begleiten und sich mit jedem Schritt und jedem Tag etwas mehr mit der furchtbaren Wahrheit des bevorstehenden Abschieds vertraut zu machen?  An der Schwelle zur Passions - und Fastenzeit hören wir dieses Wort als Wochenspruch: „Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem ….“ Ein Wort, das mich auf meinen Wegen begleitet hat und immer noch begleitet. Ich denke an die Wege, die mir schwer gefallen sind: Wege ins Krankenhaus, entweder selbst als Patient mit ungewisser Diagnose, oder als Besucher, als Sohn, der zur sterbenden Mutter und Jahre später zum sterbenden Vater gerufen wird, stets mir der bangen Frage, was wohl hinter der Tür zum Krankenzimmer auf mich wartet, was mir der Arzt wohl heute wieder Unangenehmes sagen wird?  Ich denke an die Wege als Seelsorger zur Betreuung von Angehörigen an Unfallorten oder als Überbringer von Todesnachrichten zusammen mit der Polizei, ich denke an Wege zu offenen Gräbern bei Beerdigungen. Mein Glaube hat mir keinen einzigen dieser Gänge leichter gemacht. Er hat mir die weichen Knie nicht erspart, das schnell schlagende Herz, den trockenen Mund und die Ratlosigkeit.  Aber hat er mir geholfen, den schweren Wegen nicht auszuweichen, er hat mir Mut gemacht, sie zu gehen. Vielleicht, weil ich die Hoffnung hatte, dass ich sie nicht allein gehen muss, die schweren Wege, dass mir einer zur Seite steht, dass einer hinter mir steht und mich nicht allein lässt, auch, wenn ich gerade nichts von ihm merke, einer, der hinter mir steht, wenn die Knie weich werden, das Herz pocht und ich um Worte ringen muss. Er war wohl immer dabei, der eine, der mit seinen Jüngern diesen Weg hinauf gegangen ist nach Jerusalem, damit auf unseren Wegen die Hoffnung nicht auf der Strecke bleibt.

10.2.2018






Der Glanz der Herrlichkeit

„Schauen Sie mal, was ich zu Weihnachten geschenkt bekommen habe!“ sagte sie mit strahlendem Gesicht. Die alte Frau nahm eine kleine, schön verzierte Dose vom Nachttisch und hielt sie mir stolz hin. Darin waren jede Menge gerollte, mit Schleifchen zusammengebundene Zettel. „365 gute Wünsche, nur für mich!“ sagte sie. „Da fängt doch jeder Tag gut an! Sogar hier im Krankenhaus!“ Das Besondere  an diesem Geschenk - es waren handgeschriebene Segensworte auf feinstem Papier. „Da muss Sie aber jemand sehr gerne haben“, sagte ich. „… so ein Geschenk bekommt nicht jeder!“  Vielleicht ist ein Bibelwort aus dem Jesajabuch auch so ein Geschenk, über das wir uns freuen können.  Wir hören es am letzten Sonntag nach Epiphanias im Gottesdienst als Wochenspruch: „Über dir geht auf der Herr und seine Herrlichkeit erscheint über dir!“  Nein, dieses Wort wird uns nicht zusammengerollt und mit einem Schleifchen versehen überreicht. Manche überhören es sogar, weil es häufig am Ende der Abkündigungen vorgelesen wird, als  Anhängsel an die Mitteilung, wieviel Geld am letzten Sonntag eingelegt war und wann der Frauenkreis stattfindet. Dabei hat es uns so viel zu sagen, dieses Wort. Es spricht den Hörer persönlich an. Es spricht von einer heilvollen Zeitenwende. Es soll hell werden in deinem Leben, sagt es. Es wird hell, weil Gott selbst zu dir kommt. Gottes Herrlichkeit will aufgehen über dir, wie die Morgensonne nach einer langen Nacht. Wie mag das vor sich gehen? Vielleicht können wir uns das im Augenblick gar nicht vorstellen, weil es in unserem Leben sehr finster geworden ist - durch eine Krankheit, durch einen Todesfall, durch den Verlust der Arbeitsstelle. Es gibt so viele Gründe, die Welt in den dunkelsten Farben zu sehen. Dass uns Gottes Herrlichkeit an Orten  begegnet, an denen wir es am wenigsten vermuten, hat uns die Weihnachtsgeschichte gezeigt. In einem Stall wird der Gottessohn geboren, in eine Futterkrippe wird er gelegt. Der Evangelist Johannes fasst die Weihnachtsgeschichte in einem Satz zusammen: „Das Wort Gottes wurde Mensch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit.“ Auch heute kommt Gott zu den Menschen - bescheiden und unauffällig zuweilen. Er spricht uns an in seinem Wort, das heilen und helfen kann. Wenn sich Menschen davon berühren lassen, wird es hell in ihrem Leben. Gottes Herrlichkeit begegnet uns zu Zeiten und an Orten, die wir kaum für möglich halten. Manchmal leuchtet Gottes Herrlichkeit sogar in den Worten und Gesten auf, mit denen wir selbst anderen zeigen, dass wir sie lieb haben. 

(aus der Reihe Himmlische Aussichten, Fränkischer Tag,16./17.1.16)








Die Finsternis vergeht

Durch den Dreikönigstag begleitet uns eine Zeitansage aus dem 1. Johannesbrief, die ermutigend ist: „Die Finsternis vergeht und das wahre Licht scheint jetzt.“ (1.Johannes 2,8) Ich denke bei diesem Ausspruch an eine kleine winterliche Episode aus dem Fichtelgebirge vor ´etwa fünfundzwanzig Jahren. Da wurde ich von einem Stromausfall höchst unangenehm überrascht - am frühen Abend, während der Konfirmandenstunde im Gemeindehaus. Draußen tobte eine Schneesturm. Der Wind heulte ums Haus, rüttelte an den Fensterscheiben und wehte Schneemassen auf den Gehsteig. Nach einem unerwarteten Donnerschlag und einem grellen Blitz wurde es schlagartig finster. Die Mädchen kreischten, die Jungs johlten, dankbar für die Unterbrechung. Ich war unsicher. Auf einmal war alles weg, die Menschen, die Einrichtung, das vertraute Umfeld, einfach von der Dunkelheit verschluckt.  Da der Stromausfall nicht nur das Haus, sondern die ganze Ortschaft betroffen hatte, wurde die Dunkelheit auch nicht durch Licht von draußen gemildert, zum Beispiel von  Straßenlaternen. Nicht einmal der Mond schien. Es war, wie gesagt, stockdunkel. Ich weiß noch, wie ich mich unsicher durch den dunklen Gemeindesaal wie ein Blinder an der Wand entlang getastet habe, hinaus auf den Gang, nach nebenan in die Teeküche, wo der Tisch mit der Schublade war, in der sich, wie ich mich erinnerte, eine Streichholzschachtel und ein paar Kerzen befunden hatten. Wie habe mich an dem kleinen Moment erfreut, als das Zündholz mir ein wenig Licht zurückgebracht hat, wenn auch nur für ein paar Sekunden. Jetzt, für einen Augenblick habe ich wieder klar gesehen, mich zurechtgefunden. Dann war es wieder dunkel. Noch ein zweites und ein drittes Streichholz waren nötig, bis die Kerzenstummel alle brannten. Endlich Licht. Licht bedeutet Sicherheit. Aus der Not habe ich eine Tugend gemacht und den Unterricht mit einer Nachtwanderung beschlossen. Es dauerte noch eine ganze Weile, bis die Ortschaft wieder am Stromnetz angeschlossen war.  Daran denke ich, wenn ich das Tageswort für Epiphanias höre. „Die Finsternis vergeht und das wahre Licht scheint jetzt…“ Ich glaube, gemeint ist eine andere Finsternis. Gemeint ist die Dunkelheit, die Menschen schlagartig oder schleichend heimsucht. Ein Schicksalsschlag, eine Krankheit, einer persönliche Notlage - die Finsternis ist einfallsreich, wenn es darum geht, unser Leben zu verdunkeln, uns der Sicherheiten zu berauben. Heute hören wir eine frohe Botschaft: die Zeit der Finsternis geht zu Ende. Und dann sehen wir ein Licht, das den Weg weist, den Weg zurück in die Sicherheit, den Weg zurück ins Vertraute, ins Leben, ins Licht. „Die Finsternis vergeht und das wahre Licht scheint jetzt!“ Dieses Wort hören wir am Dreikönigstag, an Epiphanias. Das Wort bedeutet sehr frei übersetzt: Fest der Erscheinung. Erschienen ist das Licht, das die Finsternis zurückdrängt, das uns Leben und Hoffnung schenkt. Ich denke an Weihnachten, sehe die Krippe mit dem Kind von Bethlehem. Seine Geburt ist wie ein kleiner Lichtstrahl der Hoffnung in einer dunklen, kalten Nacht. Das ist nicht mehr wie das Aufleuchten des Streichholzes in meiner Hand. Aber doch macht der Anblick dieses Kindes Mut, zeigt die Welt in einem warmen Licht, in dem wahren Licht, in dem die Welt einmal erstrahlen soll. Ein kleiner Lichtstrahl Hoffnung ist dieses Kind und doch ein mächtiger. Er zeigt, was einmal sein wird. Die Zeit der Finsternis wird vergehen.  Die Zeit der Angst, der Not, der Tränen, des Leids, der Trauer wird ein Ende haben. Das wahre Licht scheint. Es wird stärker. So wie die Tage jetzt zögernd aber stetig länger werden, so breitet sich das Licht aus. Ein Prozess der Heilung, der Rettung ist das. Schritt für Schritt wird sich das Licht seinen Weg in unser Leben bahnen. Noch sind wir am Anfang. Noch gibt es sie, die dunklen Ecken, an denen man sich stößt, die dunklen Zeiten, die Angst machen. Und doch gilt: die Finsternis vergeht. Was mein Leben oft dunkel und trostlos macht, wird nicht bleiben, muss dem Licht weichen. Eine Ahnung davon, wie es sein wird, wenn sich das Licht durchsetzt, haben wir an Weihnachten bekommen, eine Ahnung von der Welt, wie sie werden wird - durch das Kind von Bethlehem, durch den Mann von Nazareth, den Gekreuzigten und Auferstanden. Eine Ahnung. Den Weisen aus dem Morgenland hat diese Ahnung genügt, um in die Knie zu gehen, dem Kind Geschenke zu bringen, das kostbarste was sie hatten: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Und ebenso die Hirten. Die Ahnung hat sie froh gemacht. Sie haben das Kind angebetet und sind nach Hause gegangen, zurück zu ihren Herden. Sie wussten, wir gehen einer gute Zeit entgegen.

5.1.2018






Ein Hauptgewinn - lebendiges Wasser. Zur Jahreslosung 2018

„Herzlichen Glückwunsch, Sie haben gewonnen!“ Die Stimme am Telefon klingt freundlich und vertrauenserweckend. Trotzdem werde ich misstrauisch. Gewonnen? Ich? Na, wenn das mal kein Trick ist. Ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, an einer Verlosung teilgenommen zu haben. Und richtig - der „Gewinn“  ist tatsächlich nur eine Einladung zu einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen bei einer Verkaufsveranstaltung für Rheumadecken. Weiß der Kuckuck, woher der Anrufer meinen Namen und meine Telefonnummer hat. Da hab ich wohl wieder mal recht gutgläubig auf der Straße ein Werbekärtchen ausgefüllt, abgegeben und vergessen. Ein Hauptgewinn, das wäre schon was. Allerdings gehöre ich zu den Menschen, die bei Verlosungen meistens leer ausgehen. Aber halt! Das stimmt nicht. Neulich war eine Grußkarte in meiner Post, auf der zu lesen stand, dass ich etwas Großartiges bekommen sollte - und zwar völlig umsonst. Der Spruch auf der Karte ist die neue Jahreslosung, ein Bibelwort, das uns durch das Jahr 2018  begleiten wird. Es steht im letzten Buch der Bibel, in der Offenbarung. Gott spricht „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“ (Offenbarung 21 Vers 6). Lebendiges Wasser! Die Bibel versteht darunter frisches, sauberes Quellwasser. Ich denke daran, wie köstlich das frische Wasser geschmeckt hat, das ich einmal bei einer Wanderung im Hochsommer mit der hohlen Hand aus einer Quelle geschöpft habe. Ich erinnere mich, wie mit jedem Schluck die Lebenskraft zurückgekehrt ist.  Wenn Gott „lebendiges Wasser“ schenkt, ist erfülltes und gesegnetes Leben gemeint. Was da wohl alles dazu gehört? Ich denke an die Herzenswünsche, die mich durchs Leben begleiten.  Ich möchte gerne im Frieden mit meinen Nachbarn leben, ich wünsche mir, dass ich mit meinem Auto immer wohlbehalten ans Ziel komme, ohne in einen Unfall verwickelt zu werden und dass schlimme Krankheiten einen Bogen um mich und meine Freunde machen. Es sind die kleinen Dinge, nach denen meine Seele verlangt, die mein Leben bereichern, die mein Leben aufblühen lassen, so wie sauberes Wasser den Garten zum blühen bringt.  Wer schon einmal schwer krank war oder einen Unfall hatte, der weiß, dass diese Herzenswünsche ganz und gar nicht bescheiden sind. Gott will mir gesegnetes Leben schenken, in dem all das in Fülle vorhanden sein soll, wonach meine Seele verlangt. Was für ein Geschenk. Ein Hauptgewinn, in der Tat. Den will ich gerne annehmen. Die Rheumadecke kann jemand anders haben.

in : Himmlische Aussichten, Fränkischer Tag, 30.12.2017

























































 













































 




 









 




























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