Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73,28)



Ein Tag für Opa und Oma?

Am Sonntag ist Premiere: in Bayern gibt es auf Initiative unseres Ministerpräsidenten künftig einmal im Jahr den „Großelterntag“. Wer hat’s erfunden? Diesen Oma-und-Opa Tag gibt es in anderen Ländern auch. An und für sich stehe ich vielen Gedenktagen eher skeptisch gegenüber und frage mich, ob die Welt zum Beispiel einen „Weltknuddeltag“ braucht. Hier sehe ich das anders. An meine Großeltern denke ich gerne zurück, nicht nur einmal im Jahr. Ich finde, dass sie so einen „Ehrentag“ verdient haben. Ich verdanke meinen Großeltern eine ganze Menge. Sie haben mir als Kind etwas geschenkt, wovon ich heute noch zehre: neben Liebe und Zuneigung auch noch viel Zeit.  Meine beiden Omas waren im Alter noch recht fleißig, haben gekocht, gewaschen, gebügelt, geputzt, was das Zeug hält. Trotz allem  war aber immer noch Zeit für die vier Enkel, Zeit, um eine Geschichte zu erzählen, um ein Lied vorzusingen oder um mit uns zu spielen. Was ich ihnen danke: sie haben mich beten gelehrt und Gottvertrauen und vielleicht auch, den Mut, gelegentlich über den eigenen Schatten zu springen. Die Eltern meines Vaters waren gut katholisch und die meiner Mutter ebenso gut lutherisch. Als meine Mutter zur Kur war und ich prompt ziemlich krank geworden bin, haben sich beide Omas rührend um mich gekümmert. Die Liebe zu ihren Kindern und Enkeln hat ihnen wohl auch über alle konfessionellen Hürden hinweg geholfen und den Weg zueinander gewiesen. Diese Hürden waren  in den 60ern des vergangenen Jahrhunderts  weit höher als heute. Auch meine Großväter konnten unterschiedlicher nicht sein. Ein Geschäftsmann der eine, selbst im Alter noch mit Anzug und Krawatte gekleidet. Der andere braungebrannt von der Arbeit unter freien Himmel, immer fröhlich und gutgelaunt und in der Erscheinung ein wenig leger, seine Frau hätte missbilligend gesagt: schlampig. („So gehst du mir nicht unter die Leut!“)  Wenn man bedenkt, dass meine beiden Großeltern zwei (!) Weltkriege miterlebt hatten, die Hungerzeit und die Inflation nach dem ersten, Flucht, Vertreibung, Neuanfang und Wiederaufbau nach dem zweiten Weltkrieg, kann ich einfach nur staunen, wie gut sie ihr Leben hinbekommen haben. Für sie trifft wohl zu, was im Buch der Sprüche steht: “Graue Haare sind eine Krone der Ehre; auf dem Weg der Gerechtigkeit wird sie gefunden.“ (Sprüche 16,31) Wie dieser Weg aussehen kann, haben sie mir mit ihrem Leben gezeigt. 13.10.2019




Gottes verlängerter Arm, der Engel! Gedanken zu Michaelis

„Hab keine Angst, ich bin da!“ Wie gut, dass er diese Worte gesagt hat. Da konnte ich den Sprung  vom Beckenrand wagen. Und wirklich. Er war da. Mein Vater hat mich gehalten. Ich bin nicht untergegangen. So habe ich gelernt, wie man schwimmt:  ich muss nur darauf vertrauen, dass mich das Wasser trägt. Wenn ich dazu auch noch die richtigen Schwimmbewegungen mache, klappt das. Dann schlucke ich zwar vielleicht am Anfang noch ein wenig Wasser, aber ich gehe nicht unter. Und wenn ich dann doch müde werde, wenn ich es mit der Angst bekomme, dann ist er da, der Vater. Der kann im tiefen Wasser noch stehen. Mit seinen langen, starken Armen steht er hinter mir, jederzeit bereit, mich vor dem Untergehen zu bewahren. Und so war es auch. Wenn der Kopf doch unter statt über der Wasseroberfläche  war, hat er mich rausgezogen. Diese Erinnerung an meine Kindheit taucht auf, wenn ich über das Psalmwort nachdenke, das uns durch den Michaelistag begleitet: „Der Engel des Herrn lagert sich um die her, die ihn fürchten und hilft ihnen heraus!“  (Psalm 34,8). Gott sorgt dafür, dass der Kopf über Wasser bleibt. Er schickt dazu einen Engel, der auf mich aufpasst. Das ist der verlängerte Arm Gottes. Der greift nach mir greift, hält und schützt mich. Als Kind war ich so sehr mit den Schwimmübungen beschäftigt war, dass ich den Vater nicht gesehen habe. Ich glaube, so ist es  auch mit Gott. Manchmal merke ich nicht, dass er für mich sorgt, dass er mich hält, mich trägt. Aber das ändert ja nichts daran, dass er dennoch da ist. Diese Erfahrung von Gottes Fürsorge war unseren Vorfahren so wichtig, dass sie sich einen Tag im Kalender reserviert haben, den 29. September. Michaelis wird er im Volksmund genannt, zur Erinnerung an den Erzengel Michael. Aber eigentlich gilt dieser Gedenktag auch allen anderen guten Mächten, die im Auftrag Gottes unterwegs sind, um für irgendjemanden da zu sein, der mit Müh und Not den Kopf über Wasser hält und sich abstrampelt. Nur wenige von ihnen haben Namen: Rafael zum Beispiel oder Gabriel. Auch diese Namen sagen etwas aus über Gott. Gabriel heißt: „Gott ist meine Stärke!“ Raphael bedeutet nichts anders als „Gott heilt!“ Es geht also immer um Gott, nicht so sehr um seine Boten. „Wer ist wie Gott?“ der Name des Erzengels Michael ist zugleich Frage und indirekt auch Antwort: Niemand ist wie Gott.  Wenn man wissen will, wie Gott ist, muss man ihn erfahren, muss man erleben, wie er hilft, heilt, hält. Als Kind, das gerade schwimmen lernt, war ich dankbar für den Arm des Vaters, an dem ich mich festhalten konnte. Geliebt habe ich aber nicht den Arm, sondern den Vater. Und so ist das wohl auch mit den Engeln. Sie weisen von sich weg, sie weisen hin auf Gott. Wie das mit dem verlängerten Arm des Vaters war, so ist das auch mit dem Engel des Herrn, mit dem verlängerten Arm Gottes. Manchmal kann er auch härter zugreifen, als einem lieb ist. In der Bibel jedenfalls sind die Engel nicht immer die lieblichen pausbäckigen  Wesen, die uns auf manchen Bildern der Barockzeit gegenübertreten und an übergewichtige Kleinkinder erinnern. Gelegentlich  konnten sie die Menschen auch ganz schön erschrecken. Jakob hat die ganze Nacht über mit einem Engel gerungen. Er hat einen Schlag auf die Hüfte, eine lebenslange Gehbehinderung und einen neuen Namen bekommen: Israel. Bileam, der Prophet, wird von einem Engel nur deshalb nicht ins Jenseits befördert, weil ihn sein Reittier, ein „dummer“ Esel vor diesem Schicksal bewahrt hat. Der konnte nämlich im Gegensatz zu seinem Reiter, den Engel mit dem Schwert in der Hand sehen. Er hat die Gefahr gewittert und sich geweigert, weiterzugehen. Manchmal haben die Tiere eben doch mehr Verstand als die Menschen. Trotzdem: Aufgabe der Engel ist es, den Menschen zu helfen, nicht, sie zu töten. „Der Engel des Herrn lagert sich um die her, die ihn fürchten und hilft ihnen heraus!“ sagt der Psalmbeter und schließt an diese Glaubenserfahrung deshalb einen Lobpreis an: „Schmeckt und seht, wie freundlich der Herr ist. Wohl dem, der auf ihn traut!“ Darum geht es - um Gottes Fürsorge. Gottes Arm reicht hinein in diese Welt, um zu helfen, um zu heilen aber manchmal auch, um zu ermahnen. 26./29.9.2019



Zum Wochenspruch vom 14. Sonntag nach Trinitatis

„Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!“ Dazu ruft uns der Psalmbeter im Wochenspruch auf. (Psalm 103) Im Psalm wird Gottes Barmherzigkeit besungen. Wir erfahren, warum wir Grund haben, Gott zu loben:  er vergibt „alle deine Sünden … und heilt alle deine Gebrechen.“ Barmherzigkeit, Milde, Nachsicht lässt Gott walten. Barmherzigkeit ist ein Wesenszug Gottes. Was zeichnet uns hingegen aus. Wir sind mit so vielem unzufrieden – mit uns selbst, mit unseren Lebensumständen, mit unseren Mitmenschen -  manchmal auch aus gutem Grund. Manchmal geschieht uns Unrecht. Manchmal werden wir krank. Manchmal widerfährt uns Schlimmes und wir haben Grund, darüber zu klagen. Deshalb haben wir es nicht so mit dem Loben. Vielleicht macht ja Kritisieren auch mehr Spaß - vor allem, wenn wir andere und anderes unter die Lupe nehmen, begutachten und bemängeln. Allerdings übersehen wir viel zu häufig das Gute vor unseren Augen, weil wir unser Augenmerk auf das Negative hin schulen. Bitten wir Gott darum, dass er unser Herz berührt und uns die Augen öffnet, damit wir seine Spuren in unserem Leben wieder wahrnehmen und seine Wohltaten an uns erkennen. Vielleicht erleben wir das Wunder, dass sich Misstrauen in Vertrauen, Klage in Lob, Bitterkeit in Barmherzigkeit wandeln. Dann werden wir auch von Herzen sagen: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!“ Und es wird sich gut anfühlen.

20.9.2019



Mahnende Worte in einer spätsommerlichen Woche - zum Wochenspruch am 13. Sonntag nach Trinitatis

Die Zeichen der Zeit sind eindeutig: es herbstelt. Morgens braucht die Sonne länger, bis sie die Nebel auflöst. Der Wind frischt auf und lädt die Kinder ein, ihre Drachen steigen zu lassen. Sie laufen jauchzend über das abgeerntete Feld und bekommen rote Wangen. Und im Sonntagsgottesdienst hören wir einen Wochenspruch, der ans Ende des Kirchenjahres erinnert: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern (und Schwestern), das habt ihr mir getan!“ Diese Wort stammt aus dem Matthäusevangelium. Im November, wenn das Kirchenjahr fast zu Ende ist, werden wir den ganzen Abschnitt hören. Er handelt vom Endgericht, weist daraufhin, wovon Gott sein Urteil über die Menschen am jüngsten Tag abhängig macht. Gute Karten wird haben, wer sein Herz nicht vor den Bedürfnissen und Nöten der Schwächsten unter uns verschlossen hat. „Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters“ wird ihnen gesagt werden, „ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt“ Und wie im Herbst der eisige Wind mich frösteln lässt, so ist es auch mit diesen Worten. Sie sorgen für Gänsehaut auf der Seele, lösen eine heilsame Unruhe aus. Wie halte ich es mit denen, die meine Hilfe brauchen - den Hungrigen und Durstigen, den Gefangenen, den Einsamen, den Fremden? Halte ich mir ihre Not vom Leib? Oder lasse ich mich ansprechen? Der Wochenspruch - ein Spruch gegen die Selbstzufriedenheit. Die Zeichen der Zeit sind eindeutig. Der Jahreslauf in der Natur erinnert mich daran. Die Uhr tickt. 14.9.2019



Wohin führt uns der Weg?
Normalerweise schalte ich den Fernseher erst zur Tagesschau ein, pünktlich um Acht. Gestern war ich ein paar Minuten früher dran und hab gestaunt. „Das kann nicht das Wort zum Sonntag sein“, dachte ich mir, schließlich war doch erst Dienstagabend. Auf dem Bildschirm war ein Mann mit pastoraler Ausstrahlung zu sehen, in Anzug und Krawatte, moderat im Ton und bedacht in der Wortwahl. „Wohin führt der Weg…“ sagte er und nach einer Kunstpause fuhr er salbungsvoll fort, „bringt er uns nach oben oder nach unten…?“ Zur Bekräftigung wurde ein zackiger Pfeil eingeblendet. „Mit Spannung sehen wir dem Donnerstag entgegen, dort wird sich vieles klären…“ sagte der Mann weiter. „Jetzt kommt der Ruf zur Bekehrung“, dachte ich gespannt. Am Donnerstag aber, so erfuhr ich schließlich, erwartet uns nicht das göttliche Gericht, sondern die Sitzung der EZB. Es geht dann auch nicht um Erlösung oder Verdammnis, sondern um Maßnahmen zur Leitzinssenkung und Anleihenkäufe. Aha, mit EZB war also keine Erweckungszentrale sondern die Europäische Zentralbank gemeint.  Der zackige Pfeil wurde auch nicht vom Himmel geschleudert, er zeigte ledlglich den Verlauf der Börsenkurse an. Es handelte sich auch nicht um eine Andacht, sondern um einen Börsenbericht. Scheinbar haben wir in unserem Land mehr Millionäre und Börsenmakler als arme Sünder, da die ARD jeden Abend kurz vor Acht einen Börsenbericht sendet, das Wort zum Sonntag aber auf einen Sendeplatz meist kurz vor oder nach Mitternacht verlegt. Die Zeiten ändern sich eben wie die „Skyline“ einer Großstadt. Wo früher Kirchen das Stadtbild prägten, stehen heute die schicken Glaspaläste der Großbanken. Eine Frage allerdings begleitet mich: Wohin führt uns der Weg?                                                                                                                                                                                          11.9.2019


Gott liebt das "Angekratzte" - zum 12. Sonntag nach Trinitatis

Aus meiner Lieblingstasse schmeckt der Kaffee am besten. Und in meinem Lieblings - Pullover fühle ich mich pudelwohl. Zugegeben - die Tasse weist schon deutliche Gebrauchsspuren auf.  Und am Pullover hat die Katze ordentlich herum gezupft! Vorzeigbar ist weder das eine noch das andere.  Trotzdem würde ich  mich niemals davon trennen. Meine Lieblingstasse und der alte Pullover haben mir einen Zugang zum Wochenspruch für den kommenden Sonntag aus dem Jesajabuch erschlossen: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen!“ (Jesaja 42,3) Ursprünglich ist das ein Trostwort an die Israeliten. Die saßen im Exil, voll Sehnsucht nach der verlorenen Heimat und niedergeschlagen, weil sie sich von Gott verlassen fühlten. Die haben ein Wort gebraucht, das sie wieder aufrichtet. Und das hat ihnen der Prophet zugesprochen. Gott wird seinen Knecht in die Welt senden. Der soll  das Recht hinaustragen zu den Menschen, auch zu euch. Und so wird er Gottes Recht umsetzen: indem er das, was geknickt ist, nicht zerbricht, sondern stärkt und das Feuer des Lebens dort neu entfacht, wo es am verlöschen ist, indem er schützt, was in den Augen der Menschen wertlos scheint und deshalb in den Abfall wandert. Wie groß mag die Freude sein, wenn wir begreifen, dass dieses Wort auch uns gilt, den Menschen im 21. Jahrhundert?  Wir sind  in den Augen Gottes weit mehr wert als alle Lieblingstassen und Pullover der Welt. Gott hängt an uns. Es würde ihm im Traum nicht einfallen, uns zu entsorgen, nur, weil wir einen „Sprung in der Schüssel“ haben, weil der Leib krank ist oder die Seele einen Knacks hat, weil wir uns ausgebrannt fühlen, weil wir nichts mehr auf die Reihe bringen, weil wir uns wertlos und überflüssig fühlen. Um keinen Preis der Welt würde Gott uns aufgeben. Gute Aussichten.  Vor allem, wenn ich das Gefühl habe, nur eine trübe Tasse zu sein. Das mag ja vielleicht sogar stimmen. Aber wenigstens bin ich  Gottes trübe Lieblingstasse.Und das ist eine Menge wert - wenigstens in seinen Augen und in meinem Herzen.