Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73,28)



Für wen haltet ihr mich? Predigt über Mt. 16,13-19 am Pfingstmontag

Da kam Jesus in die Gegend von Cäsarea Philippi und fragte seine Jünger und sprach: Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei? Sie sprachen: Einige sagen, du seist Johannes der Täufer, andere, du seist Elia, wieder andere, du seist Jeremia oder einer der Propheten. Er sprach zu ihnen: Wer sagt denn ihr, dass ich sei? Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist der Christus, des lebendigen Gottes Sohn! Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel. Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: Was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

Das Evangelium, das wir heute gehört haben, erzählt von einem Gespräch Jesu mit seinen Jüngern. Die Jünger sind unterwegs mit Jesus. Und das schon eine ganze Weile. Sie hören ihn reden. Sie sehen, was er macht. Sie erleben die Wunderkraft, die von ihm ausgeht und sie spüren seine Leidenschaft für Gottes Reich. Sie merken, wie die Leute darauf reagieren - Glauben und Dankbarkeit, Jubel und Freude kommt von den Menschen, denen Jesus geholfen hat: den Blinden, die wieder sehen konnten, den Aussätzigen, die rein geworden sind, den Gelähmten, die nicht mehr länger mehr ans Bett gefesselt waren. Sie überhören aber auch nicht den Spott seiner Gegner. „Jesus - ein Fresser und Weinsäufer!“ sagen sie über ihn, weil er sich an einen Tisch setzt mit Menschen, die in den Augen der Schriftgelehrten Sünder sind. Die Jünger spüren die finsteren Blicke der Schriftgelehrten, wenn Jesus am Sabbat heilt. Sie hören die bitteren Vorwürfe aus ihrem Mund. „Er verstößt gegen das Gesetz!“ sagen die einen. „Darauf steht der Tod!“ schlussfolgern die anderen. Sie meinen es ernst - und die Jünger bekommen das mit.

Eines Tages stellt Jesus ihnen eine Frage. „Für wen halten mich die Leute?“ will er wissen. Da können sie endlich loswerden, was sie in den umliegenden Ortschaften über ihn gehört haben. „Einige halten dich für den Täufer Johannes!“ sagen sie. „Andere denken, du bist der Elia! Oder Jeremia oder irgendein anderer Prophet!“ Die Antworten sprudeln aus ihnen hervor. Viele Menschen, viele Meinungen. Aber Jesus interessiert gar nicht so sehr, was die Leute von ihm halten. „Für wen haltet ihr mich?“ fragt er sie. Darum geht’s: Um das persönliche Bekenntnis zu Jesus - und seine heilsamen Folgen. Ich stelle mir vor, wie sich die Jünger betreten anschauen. Wahrscheinlich konnte man jetzt eine Stecknadel fallen hören. Verlegenes Schweigen. „Für wen haltet ihr mich?“ fragt Jesus. Es ist eben leichter, nachzusprechen, was die Leute sagen, statt sich eine eigene Meinung zu bilden.

Zur eigenen Meinung will Jesus den Jüngern Mut machen. Und zum Bekenntnis. Jetzt sind sie schon so lange mit ihm unterwegs. Nun werden sie in die Pflicht genommen: „Für wen haltet ihr mich? Wer bin ich für euch?“ Da beginnt Petrus zu sprechen. Ich stelle mir vor, wie sein Herz vor Aufregung klopft, lauter und schneller als sonst, und wie er leidenschaftlich sein Bekenntnis ausruft: „Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“ Christus nennt man den von Gott Gesalbten, auf den Israel seit Generationen wartet. „Du bist Christus“, das bedeutet: du bist die Antwort Gottes auf die Sehnsucht der Menschen, die Sehnsucht nach Frieden, nach Gerechtigkeit. Du bist Christus, die Antwort Gottes auf das Seufzen der ganzen Schöpfung, die auf Erlösung wartet. Jetzt, als Jesus den Jüngern die Frage gestellt hat, geht Petrus ein Licht auf: in diesem Mann aus Nazareth kommt Gott den Menschen nahe, für einige erlösend nahe, für andere bedrohlich nahe.

„Für wen haltet ihr mich?“ will Jesus wissen. Wie die Jünger sollen auch wir Stellung beziehen, uns eine Meinung von Jesus bilden. Auch uns gilt diese Frage, mit der sich Jesus an seine Jünger wendet. Sie gilt allen, die auf den Namen Jesu getauft sind, die zur Nachfolge berufen sind. Sie gilt uns. Wer ist Jesus für uns? Was bedeutet er uns? Welche Antwort geben wir, wenn wir danach gefragt werden?

Vielleicht sind wir genauso überfahren von dieser Frage, wie die Jünger es wohl waren. „Für wen halten mich die Leute?“ Vielleicht drücke ich mich um eine Antwort. Ich greife nach Strohhalmen, nach Aussagen, die alles und nichts bedeuten können. Die beginnen meist so: „Die Leute sagen“ oder „ich habe gehört, man erzählt sich…“ Wir können sagen, was wir in der Schule oder im Religionsunterricht über Jesus erfahren haben. Wir können sagen, was wir gelesen und gehört haben. Aber das interessiert Jesus nicht. Mit solchen Sätzen sind die Jünger auch nicht durchgekommen. Jesus   will hören, was die Jünger glauben. Er möchte ihre Meinung hören. Ihn interessiert, was ich persönlich von ihm denke. Wie peinlich, wenn auf diese Weise herauskommt, dass man sich mit dieser Frage noch nicht wirklich auseinandergesetzt hat.

Aus dem Gespräch unter Freunden, das Jesus mit seinen Jüngern führt, wird eine Pfingst-Geschichte. Der Heilige Geist öffnet dem einfachen Fischer Simon die Augen für Jesus. Und er macht ihm Mut, seinen Glauben zu bekennen. „Du bist der Christus!“ Das ist das Bekenntnis des Menschen zum Gottessohn. Nicht nur an dieser Stelle wird Petrus zum Bekenner und Wortführer. Das Johannesevangelium beispielsweise erzählt, wie sich einmal viele Anhänger von Jesus distanziert hatten. Mit einer Predigt war er vielen zu weit gegangen. Da hat er sich als das Brot des Lebens bezeichnet. Als Jesus damals seine engsten Freunde gefragt hatte, ob sie ihn nun auch verlassen würden, antwortete Petrus: „Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens, und wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes!“ Auch damals war Petrus, der doch eigentlich nicht als großer Redner bekannt war, der Wortführer und Bekenner. Und jetzt also wieder diese eindeutige, unmissverständliche Bekenntnis aus seinem Mund: „Du bist der Christus!“

   Jesus antwortet darauf mit einer Seligpreisung und ebenfalls mit einem Bekenntnis. Es ist das Bekenntnis des Gottessohnes zum Menschen: „Selig bist du, Simon, Jonas Sohn, denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel. Und ich sage dir auch: du bist Petrus und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen.“ Vielleicht kann man sagen, dass auch das Bekenntnis ein Geschenk Gottes ist. Am Ende ist es Gott selbst, der uns die Lippen öffnet, der uns die rechten Worte zur rechten Zeit schenkt. Deshalb brauchen wir keine Angst haben, wenn unser Bekenntnis gefragt wird. Gott selbst wird uns helfen, zu sagen, was notwendig ist.   

Wir sollen unseren Kindern deshalb von Gott erzählen. Wir sollten ihnen nicht verschweigen, was wir glauben, was uns Mut macht, tröstet oder weiterhilft. Kinder spüren sehr schnell, ob wir die Wahrheit sagen. Sie merken, ob wir sie und ihre Fragen ernst nehmen oder ob wir sie mit Floskeln abspeisen. Ich habe im Umgang mit den Kindern der Grundschule gelernt, dass man nicht alles perfekt erklären können muss und dass man auch nicht für alle Fragen sofort eine Antwort parat haben muss, um glaubwürdig zu sein – oder „authentisch“, wie man heute gerne sagt. Kinder spüren, ob der Glaube, den man ihnen vermitteln möchte, echt ist oder nur aufgesetzt. Die Echtheit des Glaubens wächst aus dem Vertrauen, an dem Festhalten, dessen, was man glaubt, obwohl oder gerade weil ich nicht alles weiß.

„Für wen halten mich die Leute?“ will Jesus von seinen Jüngern wissen. Die Antwort, die Petrus gibt, ist von Herzen gekommen. Eine Eingebung. Wir sagen: der Heilige Geist Gottes war der Auslöser für diesen Impuls und für dieses Bekenntnis. Weil es echt war, preist Jesus ihn selig und vertraut ihm ein Geschenk an: „Ich will dir die Schlüssel des Himmelreiches geben, alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.“ 

Auch uns sind solche Schlüssel anvertraut, die anderen Menschen den Zugang zu Gott öffnen, den Zugang zum Himmel. Unser Glaubensbekenntnis ist ein Schlüssel. Die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen, kann zum Schlüsselerlebnis werden, die Art und Weise, wie wir unseren Glauben im Alltag bewähren, kann zum Schlüssel werden, der anderen den Zugang zum Glauben erschließt oder verschließt. Wenn wir uns dabei an Jesus orientieren, das bedeutet: wenn wir uns an ihm ausrichten, wird unser Glaubenszeugnis anderen das Tor zum Himmel öffnen. Dazu braucht es aber die Kraft von oben, die Kraft Gottes, dazu braucht es Gottes guten Geist. Aber den hat Gott über uns ausgegossen – am Pfingstfest über die Jünger und in der Taufe über jeden einzelnen von uns. Wir müssen ihn nur wirken lassen.

Der Apostel Paulus schreibt: Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist. Die Liebe ist es schließlich, die die Herzen öffnet, den Blick frei macht, damit wir Gottes Nähe spüren und wahrnehmen. Die Liebe Gottes ist es schließlich, die uns den Mut macht, unseren Glauben zu bekennen – vor der Welt und in der Welt vor unseren Kindern. Nicht durch große Worte und tiefsinnige geistige Klimmzüge wird unser Christuszeugnis glaubwürdig, sondern durch die Liebe, in der wir es aussprechen und durch die Taten, aus dem Leben, das diesem Zeugnis folgt. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 10.6.2019


Unerwartete Mitbewohner! Predigt über Johannes 14,23 – 26 am Pfingstsonntag

Jesus sagte zu seinen Jüngern: Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten. Und ich will den Vater bitten und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein. Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch. Es ist noch eine kleine Zeit, dann sieht die Welt mich nicht mehr. Ihr aber seht mich, denn ich lebe, und ihr sollt auch leben.

Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen. Wer aber mich nicht liebt, der hält meine Worte nicht. Und das Wort, das ihr hört, ist nicht mein Wor t, sondern das des Vaters, der mich gesandt hat. Das habe ich zu euch geredet, solange ich bei euch gewesen bin. Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.

Stellen Sie sich einmal die folgende Szene vor. Es ist Pfingstsonntag. Das heißt: die gesamte Familie ist Zuhause. Sie sitzen gemeinsam um einen festlich gedeckten Frühstückstisch. Sie freuen sich auf die beiden Feiertage. Zur guten Stimmung trägt auch noch das herrliche Wetter draußen bei. Es könnte nicht besser sein. Da klingelt es an der Tür. Nicht einmal oder zweimal. Immer wieder und lange anhaltend. Wer mag das wohl sein? Am heiligen Sonntag! Etwas verärgert über diese Störung stehen Sie schließlich auf und gehen zur Tür. Sie öffnen und staunen. Draußen stehen Gott – Vater persönlich und Jesus, sein Sohn. Die beiden grüßen freundlich und treten ohne zu fragen ein, schauen sich in Ihrer Wohnung um, gehen von Zimmer zu Zimmer, besichtigen die Küche, das Schlafzimmer, in dem die Betten noch nicht gemacht sind, das Kinderzimmer, wo das Spielzeug am Boden rumliegt und endlich sind sie im Wohnzimmer. Dort sitzt die Familie um den Tisch, mit offenen Mündern. Eine Frage steht im Raum: „Was wollen die denn da?“ Dann hören sie, wie Jesus sagt: „Vater, ich denke, das Wohnzimmer hier nehmen wir!“ Gott – Vater nickt. „Ja, mein Sohn, da bleiben wir!“ „Wie bitte? Was soll das? “ hören Sie sich fragen. Und bekommen die Antwort: „Na, wir ziehen bei euch ein! Ist doch klar. Ist doch schließlich Pfingsten!“

So könnte es sein, wenn man Jesus beim Wort nimmt. Er hat es ja schließlich gesagt – er will mit seinem Vater zu uns kommen und bei uns wohnen. Den Jüngern verspricht er das zum Abschied: „Ich lasse euch nicht als Waisen zurück. Ich komme zu euch. Wer mich liebt und mein Wort hält, zu dem werden wir kommen und Wohnung bei ihm nehmen, mein Vater und ich...“ Oh Schreck! Ist das wirklich so gemeint? Das würde ja bedeuten, dass die beiden alles mitbekommen, was sich im Leben der Familie abspielt, auch das, was man gerne unter Verschluss halten möchte. Zum Beispiel, wie es in meinem Leben gerade drunter und drüber geht. 

Aber so verstehe ich Pfingsten: Gott kommt persönlich und nimmt Anteil an meinem Leben. Er ist nicht irgendwo im Himmel. Er ist dort, wo das Leben sich abspielt – im Wohnzimmer, wo man abends beisammensitzt und über das Fernsehprogramm schimpft, in der Küche, wo gekocht und vielleicht werktags gegessen wird, im Schlafzimmer, wo man möglicherweise nicht nur schläft, im Bad, in der Werkstatt, im Büro oder in der Schule. Jesus bringt Gott in mein Leben. Und das hat Folgen. Wenn Gott und Jesus bei mir Wohnung nehmen, bringen sie auch etwas mit. Ein Gastgeschenk. Sie tragen Segen in mein Haus und in mein Leben.  Es bekommt Festcharakter. Es wird zu etwas Besonderem. 

Ich denke heute an ein Lied aus dem sogenannten „Silberpfeil“.  Das war ein Liederbuch aus den 70er und 80er Jahren mit Kirchenliedern, die damals modern waren, inzwischen aber auch schon in die Jahre gekommen sind. Seinen Namen verdankt das Buch dem silberfarbenen Cover. Das Lied beschreibt das Gastgeschenk, beschreibt die Veränderung, die Jesus in unser Leben bringt: „Unser Leben sei ein Fest / Jesu Geist in unserer Mitte, / Jesu Werk in unseren Händen / Jesu Geist in unseren Werken. / Unser Leben sei ein Fest / an diesem Morgen und jeden Tag.“

Für mich ist das ein Pfingstlied. Es erinnert mich daran, was wir heute feiern:  die Gegenwart Jesu in der Mitte unseres Lebens. Und mit ihm die Gegenwart Gottes – das ist der, den die Himmel und aller Himmel Himmel nicht fassen können. (1. Könige 8,27) Darüber haben wir vor wenigen Tagen, an Christi Himmelfahrt, nachgedacht. Gott kommt zu uns. Er wohnt mitten unter uns. Und das hat Auswirkungen. Mit ihm kommt ein neuer Geist hinein in unser Leben. Dieser neue Geist verändert meinen Alltag, mein Denken, Fühlen und Handeln. Der Alltag wird ein Festtag.

Gott will Wohnung bei mir nehmen! Das ist Pfingsten. Er will es durch seine Gegenwart heilsam verändern. Vielleicht aber macht uns das zunächst einmal Angst. Wollen wir die Veränderung? Vielleicht war uns diese Distanz bisher auch ganz recht. Wenn man zu einer Urlaubsbekanntschaft sagt: „Besuchen Sie uns doch, wenn Sie mal in der Gegend sind!“ rechnet man schließlich auch nicht damit, dass sie wirklich kommt. Aber Gott ist keine Urlaubsbekanntschaft, die man von den Gottesdiensten an den Feiertagen her kennt, von Weihnachten vielleicht. Gott verspricht nicht nur etwas halbherzig. Er kommt tatsächlich. 

O Gott! Soll er doch mal schön in der Kirche bleiben! Meinen Alltag will ich selbst bestimmen! Doch ist das wirklich so? Bestimme ich mein Leben wirklich selbst? „Im Leben hat jeder sein Päckchen zu tragen“, sagen wir manchmal und seufzen. Wer aber packt dieses Päckchen und was ist darin zu finden? Da gibt es so viel, was mein Leben beschwert, was mich runterzieht, was mich vom Leben trennt, nach dem ich mich sehne. In diesem Päckchen sind Steine. Sprüche stehen darauf, die machen das Päckchen wirklich schwer: „Was werden die Leute wohl denken...“ ist einer dieser Sprüche. Ich richte mich nicht nach dem, was ich möchte, sondern nach dem, was die Meinungsmacher sagen – also die, die im Betrieb, in der Schule, im Dorf, im Verein immer das letzte Wort haben und mit denen man es sich deshalb nicht verscherzen will. Auf einem anderen Stein steht: „Das war schon immer so...“ Das bedeutet, nur ja nichts verändern, auch, wenn dieser Zustand für mich unerträglich ist. Und auf einem dritten liest man deshalb: „Reiß dich gefälligst zusammen ...“ Und so trage ich mein Päckchen mit all diesen Sprüchen und Steinen, bin unzufrieden und spüre, wie mein Herz darüber immer bitterer wird. Von wegen Selbstbestimmung! 

Jesus sagt aber nicht: „Wir kommen einfach ungefragt.“ Er sagt:  „Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.“   Was für eine Wertschätzung ist das! „Gott, mein Vater, wird dich lieben….“ sagt Jesus.  Das ist der Grund für den Einzug. Sie kommen, weil sie mich lieben. Ich soll nicht unglücklich sein. „Vertrau mir“, sagt Jesus. „Vertrau meinen Worten. Halte dich an sie, sie schenken dir Leben!“ Ich  vertraue den Worten, die Jesus gesprochen hat, weil sie mir zum Leben helfen. Ich richte mein Leben nach ihnen aus, weil ich spüre, dass sie mir helfen, ein Leben zu führen, das mir gut tut. Vor allem vertraue ich Jesus, dem Wort, das Mensch geworden ist. Seine Gegenwart schränkt mein Leben nicht ein, sondern bereichert es. Er reguliert nicht, sondern befreit! Er hilft mir zum wahren Leben, nach dem ich mich so sehr sehne. Er nimmt mir die Päckchen ab. Ich spüre, wie die Angst von mir weicht, die Angst, die mein Leben bis dahin im Griff hatte: die Angst vor dem Urteil der Leute, die Angst, dass sie mich meiden, die Angst vor Einsamkeit und nicht zuletzt die Angst vor dem Tod. Ich spüre, wie sich stattdessen Freude in mir ausbreitet, die Freude am Leben, das Gott mir geschenkt hat. Ich spüre den Frieden, den mir Jesus schenkt. 

Unser Leben sein ein Fest / Jesu Werk in unseren Händen, / Jesu Geist in unseren Werken…  So beschreibt das Lied ein geistreiches Leben. Es ist ein Leben in der Gemeinschaft mit Gott. Ein Leben, das sich mitteilt. Es ist das Lied einer Lebensgemeinschaft, die wachsen möchte. Vielleicht haben Sie bemerkt, dass ich immer wieder Gott und Jesus in einem Atemzug genannt habe. Seit Christi Himmelfahrt ist das so. Da hat sich Jesus zur Rechten des Vaters gesetzt. Deshalb gilt, was er an einer anderen Stelle schon zu Lebzeiten gesagt hat: „Ich und der Vater sind eins…“ (Johannes 10,30) Deshalb kommen sie beide in unser Haus und wollen mit uns leben.

Wie merken wir das, dass sie eingezogen sind, Gott-Vater und Jesus, sein Sohn? Wir spüren es durch die Gaben, die sie bringen. Jesus sagt: „der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“Der Tröster! So hat Luther das griechische Wort „parakletos“ übersetzt, das so vieles bedeuten kann: Anwalt, Mahner, Beistand. Dieses Wort verwendet der Evangelist für die segensreiche Gegenwart des Auferstandenen in unserem Leben. Jesus kommt als Mahner, als Tröster, als Beistand. Er berührt mein Herz und macht Mut, in seinem Namen zu sprechen, in seinem Namen zu handeln. Er verwandelt das triste Leben in ein Fest. So will Christus in dieser Welt, im Leben der Christen und in der Kirche wirken. Wir müssen nicht davor erschrecken, dass sich dann vieles verändert. Gottes Geist stellt vielleicht mein Leben auf den Kopf, am Ende werde ich mich darüber freuen. Die Veränderungen, die Jesus bringt, werden mein Leben bereichern.  Es hat dem Glauben die Farbe, der Schwung, die Freude gefehlt. Es haben Gott – Vater und Jesus gefehlt. Es hat der Geist gefehlt, der Trost, der Beistand. Wie gut, dass sie zu Pfingsten gekommen sind. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 9.6.2019 






Wo ist der Himmel? Predigt über 1. Könige 8,22-28 am Fest Christi Himmelfahrt bei einem Gottesdienst in Grünen

 

Was muss das für ein Festtag gewesen sein, damals! Die Tempelweihe in Jerusalem. Das war im Jahr 951 vor Christus. Ich denke mir, da waren alle „aus dem Häuschen“. Im buchstäblichen und im übertragenen Sinn. Damals, in Jerusalem. Endlich waren die Arbeiten abgeschlossen. Endlich war der Tempel fertig. Wie lange haben sie daran gebaut. Wie viel Mühe hat dieser Bau gekostet. Aber nun ist er fertig. Nun wird er seiner Bestimmung übergeben. Da bleibt keiner Zuhause. Da strömen sie alle hin zum Tempel. Der König spricht das Weihegebet. Salomo tritt vor das Volk. Einige Worte aus dem Weihegebet, das er gesprochen hat, wollen wir jetzt hören und darüber nachdenken. Sie stehen im 1. Buch der Könige im 8. Kapitel und sind uns heute zur Predigt aufgegeben:

 

Und Salomo trat vor den Altar des HERRN angesichts der ganzen Gemeinde Israel und breitete seine Hände aus gen Himmel und sprach: HERR, Gott Israels, es ist kein Gott weder droben im Himmel noch unten auf Erden dir gleich. … sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe? Wende dich aber zum Gebet deines Knechts und zu seinem Flehen, HERR, mein Gott, auf dass du hörst das Flehen und Gebet deines Knechts heute vor dir…“ (aus 1.Könige 8,22ff – Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

 

Wie vergänglich ist doch alles, was der Mensch schafft. Daran musste ich denken, als ich zu Beginn der Karwoche im Fernsehen die Bilder der brennenden Kathedrale von Notre Dame in Paris gesehen hatte. Ein Bauwerk, so stolz und schön. Jahrhunderten hat es standgehalten. Wie viele Lebensgeschichten haben sich im Schatten dieses mächtigen Bauwerks abgespielt – Tragödien und Komödien, Geschichten der Liebe, des Verrats, der Hoffnung und der Verzweiflung. So sehr hat man sich an dieses Bauwerk gewöhnt, dass es nicht mehr fortzudenken war aus den Köpfen und Herzen der Menschen. Und ist doch ist auch diese Kathedrale nur Menschenwerk und damit vergänglich. Und eine kurze Zeit hat es auch danach ausgesehen, als ob es dem Raub der Flammen nicht mehr hätte entrissen werden können.

 

Nein – Salomo hatte schon Recht: all diese Gebäude, die in unseren Augen so herrlich und wunderbar sind, sind der Vergänglichkeit preisgegeben, ebenso wie die Menschen, die sie bauen.  Die Mächtigen, die den Bau von Kirchen in Auftrag geben und die Baumeister, die den Auftrag ausführen, tun dies – meistens – zur Ehre Gottes – und wohl auch ein wenig, um sich selbst ein Denkmal zu schaffen.

 

Der Tempel sollte zur Ehre Gottes gebaut. Schon David hatte sich daran gestört, dass er in einem Palast wohnt, während man für Gott nur ein Zelt aufgestellt hatte. Allerdings sollte erst sein Sohn Salomo den Auftrag ausführen, um dem Heiligtum der Kinder Israels ein würdiges Zuhause zu bereiten: die Bundeslade, mit den zwei Gebotstafeln und dem Stab Aarons. Das Volk sollte ein geistliches Zuhause bekommen. Gotteshäuser binden die Menschen. Sie wissen dann, wo sie hingehören. Sie haben einen Ort, zu dem man pilgern kann.

 

Auch wir lieben unsere Gotteshäuser. Sie bieten unserem Glauben ein Dach über den Kopf. Deshalb ist es nur Recht und Billig, dass wir jedes Jahr einen Dankgottesdienst zur Kirchweih feiern. Hier hören wir Gottes Wort, hier feiern wir das Abendmahl, hier taufen wir unsere Kinder, hier geben sich Paare das Ja – Wort und hier nehmen wir Abschied von unseren Verstorbenen.

 

Wenn wir unser Herz aber zu sehr an das hängen, was wir Menschen geschaffen haben, vergessen wir, dass Gott aber ganz anders ist, vergessen wir, dass wir uns eben kein Bild von ihm machen dürfen. Dann sperren wir Gott darin ein: nicht nur in die Kirche, sondern auch in das Bild, das wir uns von ihm gemacht haben. Unsere Kirchen und Kathedralen bieten ja immer auch ein Bild davon, wie wir uns Gottes Wohnstatt vorstellen. Vielleicht ist es gut, deshalb immer wieder das Gotteshaus zu verlassen, um den Gottesdienst draußen zu feiern.  Salomo sagt uns heute, worauf es ankommt, wenn wir Gottesdienst feiern, in den Kirchen oder unter freiem Himmel. „Wende dich aber zum Gebet deines Knechts und zu seinem Flehen, Herr, mein Gott, damit du hörst das Flehen und Gebet deines Knechts heute vor dir.“

 

Darum geht es: um die Zuwendung Gottes. Gott will sich uns zuwenden. Er will zu uns Menschen kommen. Er will bei uns sein, teilhaben an unserem Leben. Sicher kennen Sie den Spruch: „Gott wohnt dort, wo man ihn einlässt.“ Sie finden ihn in unserem Gesangbuch, bei den Adventsliedern, die die Ankunft des Gottessohnes besingen. Gott will in unserem Herzen wohnen. Wir selbst sollen Gottes Haus sein. Gott will bei uns sein. Deswegen hat er den Himmel verlassen und ist Mensch geworden, hat er Anteil genommen am Leben unter den Bedingungen dieser Welt. Deshalb sollen wir ihn nicht in Häuser aus Stein sperren. Gott hat sich auf den Weg zu uns gemacht. Es mag paradox klingen, aber genau das feiern wir heute. Die Himmelfahrt Jesu zu feiern bedeutet: den Auferstandenen in der Mitte zu feiern. Wir feiern das Geheimnis des Glaubens, dass Gott überall ist, wo sich Menschen im Gebet an ihn wenden.

 

 Wo ist Jesus hingegangen? fragen wir uns wie einst die Jünger. Wenn wir sagen, dass Jesus im Himmel ist, müssen wir nicht nach oben schauen. Daran erinnern uns auch die Engel, in der Geschichte. Auf dem Titelbild unseres Liederheftes weisen sie mit den Fingern nach oben. Was sie den Menschen sagen, verrät uns die Apostelgeschichte. „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht gen Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen. …“ Weiter erzählt uns Lukas, dass die Jünger fröhlich zurück nach Jerusalem gingen und zu ihren Alltagsgeschäften zurückkehrten. Sie wussten, dass der Herr sie nicht allein zurücklässt. Sie blieben beisammen, trafen sich in ihren Häusern zum Gebet, feierten das Abendmahl und gaben das Evangelium weiter an alle, die es hören wollten.

 

Seit Christi. Himmelfahrt gibt es keinen Raum mehr, in dem Jesus nicht zu finden ist. Er ist in seiner Kirche, das heißt, er ist mitten unter denen, die in seinem Namen zusammenkommen, in seinem Namen leben und handeln. Und der Himmel? Wo ist der zu finden? Er ist mitten unter uns. Der Auferstandene bringt den Himmel zu uns, in unser Herz, in unser Leben. Deshalb konnte der Mystiker Angelus Silesius auch schreiben: „Halt an, wo läufst du hin? Der Himmel ist in dir. Suchst du ihn anderswo, du fehlst ihn für und für.“

 

Der Himmel kommt zu uns, wenn wir Jesus in unser Herz lassen. Dazu braucht man kein Haus aus Steinen. Der Himmel kommt zu uns, wenn wir Jesus in unser Leben lassen. Und er kommt. Lassen wir ihn in unser Leben. Dann kommt der Himmel zu uns. Amen.

 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 30.5.2019