Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)

Predigt & Co

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Eine tragfähige Beziehung - der Glaube. Predigt über 2. Korinther 4,16-18 am Sonntag Jubilate 

 Jubilate heißt dieser Sonntag. Jubelt! Ich muss bei diesem Wort immer an ein überfülltes Fußballstadion bei einem Endspiel denken. Die Stimmung kocht. Das Spiel ist aufreibend. Die zweite Halbzeit neigt sich dem Ende zu. Es steht immer noch unentschieden. Heute muss die Entscheidung fallen. Es geht um mehr als den Sieg. Es geht um die Ehre des Vereins. Nach 90 Minuten geht das Spiel in die Verlängerung. Schließlich zerrt das Elfmeterschießen an den Nerven der Fans. Da - endlich! Der Ball ist ins Netz gegangen, das erlösende Tor gefallen. Gewonnen! Eine Welle der Begeisterung trägt den Jubel über die Grenzen des Stadions hinaus auf die Straßen der Stadt. Ob der Psalmbeter ebenso stürmisch und glücklich war, als er diese Worte geschrieben hat, nach denen unser Sonntag benannt ist?  Ob er getanzt, gesungen und gelacht hat? „Jubelt!“ruft er seinen Landsleuten zu. „Jauchzet Gott zu, alle Lande!“ Auf diese Weise will sich der Glaube Gehör verschaffen - in Jubelrufen. Die Freude will sich mitteilen und überspringen, Herzen in Brand setzen. Alle sollen aufmerksam werden. Aufmerksam und neugierig! Was ist das für ein Gott, der sein Volk so glücklich macht? sollen die Menschen sich fragen. Jubliate! Jubelt Gott zu! Dazu will uns der Sonntag ermutigen. Seit zwei Wochen geht ein unglaublicher Jubelruf durchs Land. Er will ein freudiges Echo in unseren Herzen auslösen: „Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden, halleluja!“ Ist er angekommen in unseren Herzen?  Lassen wir uns anstecken von der Freude, die diesen Ruf hervorbringt? Er ist ja unglaublich. So außergewöhnlich, dass man eigentlich mit den Kopf schütteln möchte. Dazu eine kleine Anekdote.

 

Als ich am Ostersonntag einem Freund per WhatsApp einen Ostergruß senden wollte, habe ich diesen alten christlichen Osterruf eingetippt. „Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden!“ Doch die Autokorrektur hat den Begriff „wahrhaftig“ entweder nicht gekannt oder seine Existenz abgelehnt. Jedenfalls hat sie aus „wahrhaftig“ ein „wahrscheinlich“ gemacht. Die Botschaft hieß dann auf einmal: „Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrscheinlich auferstanden.“ Bei solchem Vorbehalt kann man sich das Halleluja sparen. Da bricht kein Jubel aus. Wie gut, dass ich diesmal nicht so flink auf die Sendetaste getippt habe und noch ein Korrektur der Korrektur durchführen konnte.

Aus „wahrhaftig“ ist „wahrscheinlich“ geworden! Vielleicht weist das auf unser Problem hin. Die Freude wird von einer Menge von Vorbehalten ruhig gestellt, hinterfragt, also in Frage gestellt. Das machen wir moderne Menschen gerne. Für alles finden wir einen Einwand, einen gewichtigen Gegengrund, der uns dann abhält, etwas zu tun. Ich würde ja in den Gottesdienst gehen, aber die Lieder sind entweder zu altmodisch oder zu modern, die kennt ja keiner. Also bleib ich daheim. Ich würde ja glauben, aber ich hab zu viel erlebt, was gegen den Glauben spricht …. Ich würde mich ja gerne in der Gemeinde engagieren, aber ich hab Angst, dass ich das zeitlich nicht hinkriege ….  Ich würde ja, aber … Wir finden für alles einen Grund, um skeptisch zu bleiben, um in der Reserve zu bleiben, um abzuwarten. Oder sind wir einfach nur verklemmt? Was könnten denn die Leute denken, wenn ich aus mir herausgehe, wenn ich vor Freude herumspringe? Da ziehe ich mich lieber zurück und geh zum Lachen in den Keller. Nur nicht auffallen.

 

Zum Jubel und zu Begeisterung gehört aber, dass man sich anstecken lässt von der Freude, dass man sich mitreißen lässt, wie beim Sieg nach dem Fußballspiel. Da sagen wir auch nicht: ich würde mich ja über den Aufstieg freuen, aber … da brüllen wir uns vor Begeisterung die Seele aus dem Leib, da umarmen wir wildfremde Leute, da singen wir im Chor, auch, wenn es nicht schön klingt, wir singen, weil wir uns freuen, wir umarmen uns, weil wir einander nahe stehen, die Freude bringt uns näher. Aber vielleicht ist das so, weil unser Herz eben für den Verein schlägt, weil wir mit ihm fiebern, den Spielern die Daumen drücken, uns mit  dem Verein identifizieren. Da komme ich zur Frage, wo unser Herz schlägt und in welchen Bindungen ich lebe. 

 

Paulus konnte sich freuen. Obwohl er doch eigentlich allen Grund gehabt hätte, beleidigt zu sein, zu schmollen, sich zurückzuziehen, alles zu hinterfragen. Da gab es Streit in den Gemeinden, an denen doch sein Herz hingt. Seine Autorität wurde angezweifelt. Er war krank, vielleicht sogar von Schuldgefühlen bedrückt. Schließlich gab es in seiner Biographie eine dunkle Vergangenheit, in der er Christus regelrecht verfolgt hatte.  Am Ende wurde er um des Glaubens willen selbst ins Gefängnis geworfen - und dennoch konnte er sich freuen. Immer wieder schreibt er von der Freude, die aus dem Glauben kommt und die auch vor Gefängnismauern nicht Halt macht. Es war die enge Verbindung mit Christus, die ihn ausfüllt.

 

Im 2. Brief an die Korinther schreibt der Apostel: „Wir haben einen Schatz in irdenen Gefäßen…“ Er vergleicht sein Leben mit einem  Tonkrug. Ich stelle mir darunter Gefäß vor, das durch den jahrelangen Gebrauch abgenutzt und recht unansehnlich  geworden ist. Der Henkel ist abgebrochen. Die aufgemalten Muster sind verblichen. Da ist ein häßlicher Sprung, vielleicht ist der Krug einmal heruntergefallen. Nein, schön ist er nicht. Der Materialwert ist gleich null. Wertvoll hingegen macht ihn der Inhalt. Der Krug ist randvoll mit Goldstücken angefüllt. Die machen den Krug unbezahlbar. Der Krug, das ist der Leib des Apostels und seine Lebensgeschichte. Der Leib trägt deutliche Spuren des Verfalls. Unendlich wertvoll ist das, was in dem Leib wohnt. Das ist Christus, der Auferstandene, der Herr. In einem anderen Brief, an die Galater, schreibt Paulus einmal:„Nun lebe nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben. (Galater 2,20) Christus ist der Schatz. Er hat Einzug gehalten in sein Herz, in sein Leben, in sein ganzes Dasein. Christus, mit allem, was er für Paulus geworden ist - Richter, Erlöser, Heiland, Heilbringer. Der Glaube ist nicht nur ein Teil von Paulus. Der Glaube lebt in ihm, er füllt ihn aus. Er ist das Gold, der Schatz in dem Gefäß des Leibes, der bleibt, wenn der Krug irgendwann wieder zerbricht und der Leib zu Staub und Asche wird. Aus dieser innigen Christusbeziehung heraus lebt Paulus. Und aus dieser Beziehung heraus kann er nun auch den Korinthern die folgenden Worte schreiben:

 

Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert. Denn unsre Bedrängnis, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig. (Lutherbibel 2017, herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft, Stuttgart)

 

Es kommt auf die Sicht der Dinge an. Schaue ich nur auf das Äußere, auf den schäbigen Tonkrug. Dann habe ich keinen Grund, um in den Jubel einzustimmen. Ich sehe nur die Vergänglichkeit, die Fehler, die Splitter und Sprünge. Oder schaue ich auf das Geheimnis, das der „irdene Krug“  in sich birgt. Es kommt darauf an, was ich im Herzen habe, wofür mein Herz schlägt. Ich denke, Paulus schaut mit den Augen des Herzens. Vielleicht schaut auch Christus durch ihn und für ihn. So wird alles neu bewertet - die Menschen in der Gemeinde, sein Leben, die Höhen und Tiefen darin. Die Bedrängnis wird wahrgenommen. Aber es wird auch wahrgenommen, dass sie endlich ist. Der Verfall wird wahrgenommen. Aber auch die Erneuerung. Das Leid wird wahrgenommen. Aber auch die Hoffnung, die das Leid umfängt. Das, was vor Augen ist, wird wahrgenommen. Aber auch, was dahinter steht. Paulus ist nicht weltfremd, gewiss nicht. Er kann seine Lebenssituation realistisch einsetzen. Er nimmt den Verfall wahr . Paulus war wohl ein sehr kranker, ein von Leiden und Schmerzen buchstäblich geschlagener Mann. (2.Korinther 12,7). Die Kritik seiner Gegner macht ihn zu schaffen und ebenso die Enttäuschung, dass sich viele von ihm abwenden. Es ist nicht so, dass ihn das alles nichts ausmacht. Aber es gibt nicht mehr den Ton an in der Lebensmelodie. Das macht Christus. Der gibt den Ton an. Paulus lebt mit Christus und wird bestimmt von dem neuen Leben der Auferstehung, vom österlichen Leben, das den Tod bereits besiegt weiß, obwohl er doch noch scheinbar so mächtig ist.

 

Die Worte aus dem Korintherbrief, über die wir heute nachdenken, sind keine Ergüsse aus philosophischen Diskussionen oder theologischen Überlegungen. Der Glaube ist keine Theorie, über die man diskutiert. Der Glaube will erfahren, erlebt und gelebt werden. Was Paulus schreibt, hat er selbst erlebt. Er weiß, dass Christus in ihm lebt. Lebt Christus aber auch in uns - mit allem, was er für uns getan hat? Lassen wir ihn Wohnung nehmen in unserem Herzen. Setzen wir unser Vertrauen, unsere Hoffnung ganz auf ihn, auf sein Leben, Sterben und Auferstehen? Ist er unser ein und alles, oder ist der Glaube nur ein Teilchen davon, neben vielen anderen? Ich möchte Sie dazu ermutigen, Christus einzuladen, eine Beziehung zu ihm aufzubauen. Lassen Sie Christus in ihr Leben. Das geht ganz einfach. Sagen Sie ihm, dass Sie mit ihm leben möchten. Dass ihr Herz für ihn offen steht. Sagen Sie ihm ruhig, dass Sie glauben möchten, auch, wenn es Ihnen im Augenblick schwer fällt. Das ist das einzige Wagnis, auf das Sie sich einlassen müssen. So wie man es wagen muss, die Haustür zu öffnen, wenn es läutet. Glauben Sie mir, Sie werden die Veränderung in Ihrem Leben spüren, wenn er eintritt. Vielleicht braucht es seine Zeit. Aber sie werden es erfahren, wie es Paulus erfahren hat. Sie werden mit der Zeit eine neue Sicht der Dinge wahrnehmen. Vor allem aber werden sie spüren, dass die Beziehung tragfähig ist. Sie wird sie tragen, die Verbindung mit Christus. Das ist die Herrlichkeit, die über die Maßen ist. Es ist die Herrlichkeit des Glaubens, der auf einmal weiß, dass die Leiden dieser Zeit endlich sind. Nicht der Tod schafft die Realität sondern das Leben. Christus schafft die Realität, die sich nicht mit Zahlen und Fakten belegen lässt. Er ist nicht wahrscheinlich auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden. Das hilft zu einer Neubewertung des eigenen Lebens. Der äußere Mensch verfällt, er wird älter und stirbt, früher oder später. Aber der innere wird täglich erneuert. Und er gibt uns die Kraft, den Mut und die Freude, um sich anstecken zu lassen von dem Jubel, der seit Ostern über dieser Welt liegt. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein (22.4.2018)