Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73,28)




Die neue Zeit und ihre Lieder. Predigt über Römer 13, 8 -14 am 1. Advent 


 „Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Denn was da gesagt ist (2. Mose 20,13-17): »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst (3. Mose 19,18): »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.«  Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung. „Und das tut, weil ihr die Zeit erkannt habt, dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.“ ( Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

 

„Die Nacht ist vorgedrungen, / der Tag ist nicht mehr fern! / So sein nun Lob gesungen, dem hellen Morgenstern!“ Die Worte aus dem Römerbrief der Bibel und das bekannte Adventslied von Jochen Klepper aus dem Gesangbuch sagen es deutlich und mit einer Stimme: es ist Zeit, sich den Schlaf aus den Augen zu reiben. Ein neuer Tag bricht an und mit dem Licht des neuen Tages kehren auch Hoffnung und Lebensmut zurück, die man in der Dunkelheit vielleicht verloren hat! „Auch, wer zur Nacht geweinet, / der stimme froh mit ein. / Der Morgenstern bescheinet / auch deine Angst und Pein.“ Das Licht des neuen Tages lässt mich Wege der Hoffnung erkennen, die im Dunkeln vielleicht verborgen schienen, Wege aus der Mutlosigkeit.

 

Welche Angst und Pein Jochen Klepper wohl ausgestanden hat, können wir heute kaum nachfühlen. Wer sein Schicksal kennt, mag vielleicht zu anderen Schlüssen kommen, mag einwenden, dass die Not manchmal zu groß ist, das Leid zu schwer, die Angst zu lähmend, um sich auf einen Neuanfang in Hoffnung einzulassen. Jochen Klepper lebte von 1903 bis 1942. Im Advent dieses dritten Kriegsjahres, genauer gesagt, in der Nacht vom 10. zum 11. Dezember, hat er sich zusammen mit seiner Frau Johanna und der Stieftochter Renate das Leben genommen. Er hat dem Druck der Nazis nicht mehr standhalten können. Die staatlich angeordnete Zwangsscheidung und die drohende Deportation der Stieftochter sowie der Ehefrau hab Das wollte und konnte er nicht. Als seine Möglichkeiten schwanden, die Menschen, die er liebte, zu schützen, sah er nur noch im Freitod einen Ausweg.

 

Die Nacht ist vorgedrungen, / der Tag ist nicht mehr fern!  Von der Nacht sprechen sie beide, Paulus, der Völkerapostel. Und ebenso Jochen Klepper, der verzweifelte und doch tiefgläubige Dichter, der die Worte des Paulus in seinem Lied aufnimmt. Die Nacht ist vorgedrungen, sie ist im Schwinden. Sie verblasst. Aber die Schatten sind noch kräftig. Kräftig genug, um Menschen, um guten Menschen, um selbst frommen Menschen, den Lebensmut zu rauben. Mit der Nacht ist nicht allein die kurze Zeitspanne weniger Stunden gemeint, zwischen Abend – und Morgendämmerung. Es ist die Zeit gemeint, die Menschen verzweifeln lässt, die Zeit, die Lebenswillen brechen kann, die Zeit, in der die Mächte der Dunkelheit versuchen, Menschen in den Abgrund zu reißen. Die Nacht ist die gottlose Zeit. Wir hören heute ein Wort, das Mut macht, vor allem den Menschen, die unter dieser Nacht leiden. Die Nacht ist im Schwinden. Die Dämmerung setzt ein. Langsam bricht der Tag an. Er bringt eine neue Zeit. Das sagt uns heute der Apostel aus dem Römerbrief, der den Tod vor Augen hatte wie vielleicht kein anderer. Aus der Dunkelheit sollen wir ans Licht treten, damit unsre Tränen trocknen können. Wir sollen uns nicht abfinden mit der Dunkelheit. Wir sollen ihr etwas entgegensetzen: „… lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.“  Mit diesem Aufruf endet unser Predigtabschnitt.

 

Ist das ein Ruf zu den Waffen? Die Sprache des Apostels erschreckt mich. Lasst uns anlegen die Waffen des Lichts!  Werden wir zu den Waffen gerufen? Wird ein Kreuzzug gegen die Finsternis geplant? Ich möchte keine Waffen tragen. Bringen Waffen nicht den Tod? Während ich diesen Fragen nachhänge, steigt eine vertraute Melodie in mir auf.  Es ist die Melodie dieses Liedes „Die Nacht ist vorgedrungen…“  Sie formt ein Bild in meiner Phantasie. Ich stelle mir den hilflosen Jochen Klepper an seinem Schreibtisch vor, wie er sein Lied schreibt vom Anbruch der neuen Zeit, vom hellen Morgenstern, der die Angst und Pein bescheint. Da wird mir klar: so werden sie gemacht, die Waffen des Lichtes. Sie sind nicht aus Eisen – eher aus Worten, in denen eine große Kraft wohnt. Das Lied besingt die Ankunft einer neuen Zeit. Und indem es davon erzählt, bereitet das Lied dem Licht den Weg, drängt es die Finsternis zurück und schenkt Hoffnung.  Behutsam erzählt es von einem, „dem alle Engel dienen“ und der nun ein Kind und Knecht wird. Der Morgenstern, das Kind in der Krippe, „Gott selber ist erschienen / zur Sühne für sein Recht.“ Da wird es uns deutlich gesagt: der Tag, der da besungen wird – das ist Gottes Zeit, voll Hoffnung und Leben. Das Lied von Jochen Klepper erinnert mich daran, dass die Waffen des Lichts nicht im Feuer, sondern in der Liebe geschmiedet werden.  Die Waffen dienen auch nicht dem Angriff, sondern den Schutz und dem Widerstand. Es gilt, den schmeichelnden und verlockenden Angeboten der Lieblosigkeit zu widerstehen, die den Mächten der Finsternis Auftrieb geben und die Verzweiflung und Tod bringen. 

 

Mit den Waffen des Lichtes sollen wir das Leben schützen. Diese Waffen sehen bescheiden aus – auf dem ersten Blick. Doch in sich bergen sie eine große Kraft.  Ein Wort, in Liebe gesprochen, wird zur Waffe des Lichtes, weil es Hoffnung schenkt. Es verletzt nicht, es macht Mut. Eine Hand kann zur Waffe des Lichts werden. Eine Hand, die nicht schlägt, sondern segnet. Oder die ein Lied schreibt, ein Lied gegen die Angst! Es ist Zeit, diese Waffen des Lichts zu gebrauchen! Jeder kann das. Dazu muss man kein Dichter sein. Es genügt, der Lüge zu widerstehen. Da kommen die Gebote ins Spiel, die Paulus zitiert. Sie beschreiben Lebensräume, in denen sich Liebe entfaltet und Leben blüht. Es sind die Lebensräume, die vom Licht geschützt werden wollen. Die Liebe will dem Nächsten nichts Böses. Sie, hilft dazu, dass sich Leben entfalten kann. Sie gibt r Kraft, um nach den Geboten zu leben, das Band der Ehe zu schützen, das Leben zu erhalten, den Besitz des anderen zu respektieren – um nur einige Beispiele zu nennen. So gedeiht das Leben, wächst Vertrauen, wird das Licht sich gegen die Dunkelheit durchsetzen. 

 

 Diese Liebe hat Gestalt angenommen im Kind von Bethlehem, im Prediger aus Nazareth, der die Kinder segnet, die Frauen in Schutz nimmt, den Aussätzigen heilt, die hungrigen Jünger am Sabbat Ähren zupfen lässt, obwohl das verboten ist. Die Liebe hat Gestalt angenommen im geschundenen, gedemütigten, erniedrigten und gekreuzigten Mann auf Golgatha. Die Liebe hat Gestalt angenommen im Auferstandenen Christus, der den Frauen und Männern die Furcht nimmt und ihnen den Auftrag gibt, sein Wort in die Welt hinauszutragen. Es ist ein Wort von der Liebe Gottes zu den Menschen. Es ist ein Wort des Lebens, ein Wort, das von der Zukunft spricht. Von der Welt Gottes, die im Kommen ist - wie der Tag, obwohl die Schatten noch auf uns liegen. Diese Liebe will bei uns ankommen, will Einzug halten in unseren Herzen und sie will unser Leben verändern, heilsam verändern. Alleine schaffen wir das nicht. Aber wir haben einen Ort, an dem die Quelle der Liebe zu finden ist, aus de wir Kraft schöpfen. Das Lied von Jochen Klepper weist uns den Weg zu diesem Ort: „Die Nacht ist schon im Schwinden, / macht euch zum Stalle auf! / Ihr sollt das Heil dort finden, / das aller Zeiten Lauf, / von Anfang an verkündet, / seit eure Schuld geschah./ Nun hat sich euch verbündet, / den Gott selbst ausersah.“

 

Bis heute schenkt dieses Lied Jochen Kleppers Menschen Trost und Hoffnung. Ich glaube, das liegt daran, dass es den Menschen in der Dunkelheit die Hoffnung bringt, von der wir Christen leben. Am Ende siegt nicht die Dunkelheit sondern das Licht. Es ist ein Lied gegen die Finsternis. Wagen wir es, aufzustehen und in der Liebe zu leben und das Lied der Hoffnung zu singen. Es erzählt von dem neuen Tag, der anbricht und von dem Herrn, den der neue Tag bringt: Jesus Christus, die menschgewordene Gottesliebe. Eine Liebe trägt er hinein in die Welt, die stärker ist als der Tod. Eine rettende Liebe. Ich glaube fest daran, dass sie ins Leben führt, auch Menschen, die verzweifelt sind, Menschen, wie Jochen Klepper. Vertrauen wir uns dieser Liebe an, mitten in der Nacht, die schon im Schwinden ist. Und lassen wir uns von dem „Stern der Gotteshuld“ leiten. Schauen wir weg von dem, was uns Angst macht. Schauen wir auf, um den „Stern der Gotteshuld“ zu entdecken und um uns von ihm führen zu lassen. Es gilt auch uns, was Jochen Klepper einst geschrieben hat: Beglänzt von seinem Lichte, / Hält euch kein Dunkel mehr, / von Gottes Angesichte / kam euch die Rettung her.“  Amen. 

 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 1.12.2019