Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück. Psalm 73,28 


 


 

Aktuelle Predigt

Glockenklang und Lobgesang. Predigt über 2.Tim. 1,10 am 16. Sonntag nach Trinitatis 

„Meine Güte, so spät schon! Ich fasse es nicht. Ich hab die Zeit total vergessen!“ Der zufällige Blick zur Uhr, die in meinem Arbeitszimmer an der Wand hing, hat diese Gedanken in mir hervor gerufen. Es war zehn vor halb Zwölf. Da war ich so in meine Predigt vertieft, dass ich die Zeit total vergessen habe. In Zehn Minuten beginnt mein Religionsunterricht in Maroldsweisach! Das schaffe ich nicht. Wie ärgerlich, wenn der Lehrer auf die Kinder wartet. Wie peinlich, wenn die Kinder auf den Lehrer warten müssen. Dieser „Vorfall“ ist in zwischen verjährt. Ich war damals gerade erst nach Altenstein gekommen und hatte mich im Pfarrhaus eingerichtet. In der Gemeinde zuvor konnte ich mich bei meinen täglichen Abläufen immer an den Kirchenglocken orientieren. Ich wusste, beim 11.00 Uhr Läuten muss ich spätestens den Stift weglegen, meine Mappe und die Autoschlüssel in die Hand nehmen und zur Schule fahren. Aber in Altenstein läutete eben keine Glocke um 11.00 Uhr. Also, jetzt aber los.  Nun, die Geschichte ist noch mal gut ausgegangen. Ich bin unterwegs nicht auch noch geblitzt worden, die Schüler haben sich über die kurze Verlängerung der Pause gefreut und ich habe mir angewöhnt, öfters auf die Uhr zu schauen. Mit der Zeit habe ich mich daran gewöhnt, dass es nur ein Abendläuten gab, im Sommer um 8 und im Winter um 6 Uhr und dann natürlich zu den Gottesdiensten und zu den besonderen Anlässen.

Als die Kirchenglocken in Altenstsein im letzten Jahr aus dem Turmgeholt wurden, lag  auf einmal eine besondere Stille über dem Ort. Ich habe das Abendläuten vermisst und ebenso den Stundenschlag. Es war, als hätte es der Kirche die Sprache verschlagen. Kirchenglocken haben bis dahin immer zu meinem Leben dazugehört, schon von Kindesbeinen an. Irgendwo hat in der Stadt immer eine Glocke geläutet. Irgendwo hat immer gerade eine Andacht stattgefunden, ein Gottesdienst, eine Beerdigung oder eine Hochzeit. Die Glocken erinnerten mich nicht nur an die einzelnen Stationen im Tageslauf. Sie erinnern mich bis heute daran, was mir im Leben Trost und Kraft schenkt, was mir Halt und Sicherheit gibt. Der Wochenspruch für diesen Sonntag fasst die Botschaft zusammen, die uns der Glockenklang zu verschiedenen Zeiten des Tages ins Gedächtnis ruft:  „ Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium… (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

Dieses Wort wird dem Apostel Paulus zugeschrieben.  Wir finden es in seinem 2.Brief an Timotheus. Die beiden Timotheusbriefe und der an Titus nennt man „Pastoralbriefe“. TImotheus und Titus waren Leiter ihrer Gemeinden. Paulus schreibt als Seelsorger an Seelsorger.  Er schreibt aus dem Gefängnis heraus, ohne zu wissen, ob er jemals wieder freikommen würde. Wer die Briefe aus dem Gefängnis liest, kann eigentlich nur staunen. Keine Klage, vielmehr Lob, keine Depressionen, vielmehr Jubel und Freude, keine Angst, vielmehr tiefes Vertrauen sind aus seinen Worten zu spüren. Wie sehr ich den Apostel um diese Gaben beneide. Er hätte allen Grund gehabt, um zu verzweifeln. Was er nicht alles auszuhalten hatte. Es ist die Kraft Gottes, die ihn tröstet, die ihn gewiss sein lässt, dass am Ende alles gut wird, selbst, wenn der Tod auf ihn wartet. So ein Gottvertrauen möchte ich auch haben, denke ich mir. Mir geht es wohl eher wie dem Timotheus, an den Paulus seinen Brief gerichtet hat,  das war sicher einer, der Trost nötig hatte, der einen gebraucht hatte, der ihm Mut zusprach.

Ich glaube, die Glocken erfüllen zum Teil diese Aufgabe, selbst dann, wenn sie zum Begräbnis läuten. Sie sprechen uns Mut zu. Sie erinnern uns daran, dass wir Grund zur Hoffnung haben, dass am Ende alles gut wird. Kein oberflächlicher Trost ist das, der uns trägt, sondern einer, der genährt ist von der Gewissheit, dass Christus die Wurzel allen Übels, die Ursache aller Angst, aller Verzweiflung, aller Trauer überwunden und den Verursacher allen Übels, den Tod, besiegt hat. „Jesus Christus hat dem Tod die Macht genommen!“ Diese Hoffnung, dieser Trost, diese Zuversicht sind beim Glockenguss sicher mit dem flüssigen Metall hineingeflossen in die Form, die in tief eingegraben ist in die Erde. Vielleicht dürfen wir  neben der technisch-handwerklichen Erklärung auch symbolisch deuten, als Ausdruck der Erdung, der Verbundenheit mit der Welt, in der wir leben, in der wir aber auch leiden und sterben. In dieser Welt erfüllten die Glocken ihren Auftrag, geerdet von der Realität und doch zielgerichtet nach oben, dem Himmel entgegen weisen sie uns den Weg. Der Tod ist immer noch wirksam unter uns. Aber die Glocke verkünden bereits die neue Wirklichkeit, die neue Realität. Nicht Christus wird irgendwann einmal den Tod besiegen, sondern Christus hat dem Tod bereits die Macht genommen. Deshalb läuten die Glocken und tragen die Botschaft über die Erde.

Paulus ermutigt Timotheus. Er soll seinen Glauben bekennen, er soll den Mund aufmachen und sagen, wofür sie alle einstehen, Paulus und die anderen, von denen Timotheus einst im Glauben unterwiesen wurde: seine Mutter zum Beispiel und die Großmutter, die werden kurz zuvor sogar mit Namen erwähnt - Eunike und Lois. Das sind Menschen, die Timotheus zum Glauben hingeführt haben. An ihnen soll er sich ein Vorbild nehmen. Die Glocken erinnern uns an unsere Vorfahren, an die, die vor uns gelebt, geliebt und geglaubt haben. Wie viele haben ihren Klang gehört und wie viele werden ihn noch hören. Und wie viele von denen, die ihn gehört haben, werden die Botschaft weitergeben an ihre Nachkommen, werden, zum Klang der Glocken ihre Kinder zur Taufe bringen oder die Feste feiern, die uns auf dem Gang durchs Jahr begleiten, werden die Botschaft an sie weitergeben, wie man eine Fackel weitergibt oder eine Stafette beim Lauf ins Leben.  Auch wir sollen mit einstimmen in das Bekenntnis, dass Christus das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat. Und wir tun gut daran. Denn immer wieder werden in dieser Welt andere Wahrheiten verkündet, andere Lehren verbreitet. Lehren, die keinen wirklichen Trost anbieten. „Zeit ist Geld und Erfolg ist alles“, ist so eine Lehre. „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“, ist eine andere oder „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Manchmal hat es den Anschein, als ob der Erfolg diese Lehren bestätigt. Aber das ist trügerisch. Sie trösten nicht, diese Lehren. Sie machen einsam, hart und am Ende unglücklich. Wir leben von einer anderen Botschaft. Die Glocken erinnern uns daran.

Einen Auftrag bekommt Timotheus von seinem Ziehvater und Mentor, vom Apostel Paulus. Er soll diesen Kernsatz der Hoffnung weitergeben, den er von ihm erhalten hat: „Jesus Christus hat dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen an das Licht gebracht durch das Evangelium!“ Das Evangelium ist die gute Nachricht, nach der die Welt sich sehnt, die Menschen, die verzagt oder ratlos oder voll Furcht sind. Wir sollen diese Gute Nachricht weitergeben. Lassen wir uns also nicht entmutigen vom Widerspruch, von der Ablehnung oder vom Spott, den wir vielleicht auch ernten, wenn wir am Glauben festhalten.  Gott hat uns ein Wort der Hoffnung anvertraut, damit wir es weitergeben. Wie das geschehen kann, sagt das Motto für diesen Gottesdienst. Lassen wir die frohe Botschaft laut werden, durch Glockenklang und Lobgesang. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 19.9.2021 

Sonntagspredigt
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2.Timotheus 1,10-16.Sonntag nach Trinitatis 2021 Kopie.pdf (36.13KB)
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Die Macht der Kleinen. Predigt über Lukas 17,5-6 am 15.Sonntag nach Trinitatis

Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben! Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und verpflanze dich ins Meer!, und er würde euch gehorsam sein. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

In meiner Familie war ich immer „der Kleine“. Das lag nicht an meiner Körpergröße, sondern an meinem „Status“. Ich war und bin der Zweitgeborene. Mein Bruder ist vier Jahre vor mir zur Welt gekommen. Er ist nach wie vor einen halben Kopf kleiner als ich. Trotzdem war er „der Große“ und ich „der Kleine,“ da konnte ich so laut protestieren, wie ich wollte. Es hat nichts genützt. „Unterschätzt mir aber nicht die Kleinen!“ Das möchte ich heute allen sagen, die sich, aufgrund ihrer Körpergröße, der Rangfolge in der Familienhierarchie oder aufgrund von mangelndem Selbstwertgefühls als klein und damit auch als unbedeutend oder unwichtig einschätzen. Das könnte nämlich ein gewaltiger Irrtum sein.

„Unterschätzt mir nicht die Kleinen!“ Ob man das auch als biblische Botschaft verstehen könnte? In der Bibel finden wir immer wieder Geschichten, die uns darauf hinweisen, in der die zweit, dritt oder kurz, die zuletzt geborenen am Ende gut dastehen und als die Gewinner aus der Geschichte hervorgehen. Mit anderen Worten, Gott liebt die Kleinen ganz besonders. Ich denke an den Hirtenjungen David. Als Samuel von Gott den Auftrag erhielt, zu Isai nach Bethlehem zu gehen, um einen seiner Söhne als Nachfolger Sauls zum König zu salben, hielt es der Bethlehemiter nicht für nötig, den „Kleinen“von seiner Herde nach Hause zu rufen. Da standen sie vor dem Propheten, die sieben schönen, hochgewachsenen Söhne. Ich stelle mir vor, wie Samuel an jedem von ihnen vorbeigeht, mit  dem Ölhorn in der Hand und stets von Gott die Meldung bekommt: „Der ist es nicht!“ Als er mit allen durch war und Isai fragte, ob das denn alle  Söhne wären, fiel dem Vater ein, dass es da ja  noch einen gibt, den Kleinen eben, der gerade die Herde auf dem Feld hütete. David. Der wars dann. Später hat David seine Brüder noch einmal in den Schatten gestellt. Die waren als Soldaten in den Krieg gezogen. David sollte ihnen vom Vater das Essen bringen. Da hat der kleine Bruder die Gunst der Stunde genutzt und König Saul beeindruckt. Er hat den Philister Goliath mit einem Kieselstein zu Fall gebracht, ihm den Kopf abgeschlagen und so die Kriegswende herbeigeführt.

Unterschätzt mir die Kleinen nicht, sagt die Bibel. Aber manchmal trauen sich die Kleinen einfach nichts zu. Manchmal denken sie, dass sie zur Recht ihr Aschenputteldasein führen, an zweiter, dritter, vierter oder eben letzter Stelle stehen, im Ansehen ganz hinten. Was kann ich schon ausrichten, seufzen sie. Dann haben sie sich den Großen unterworfen und ihrer Doktrin gebeugt, dass nur das Große und Großspurige und Kraftstrotzende von Bedeutung ist. Jesus vertritt eine andere Meinung. Der hatte vor allem für die Kleinen eine Vorliebe, für die Unscheinbaren, für die Schwachen, für alle, die gern übersehen werden, die sich stets hinten anstellen müssen. Vielleicht nimmt er gerade deshalb etwas ganz Kleines als Anschauungsmaterial zur Hilfe, um von der Größe und Stärke des Glaubens zu sprechen und was ein einfacher Glaube alles vermag. Jesus spricht von einem Senfkorn. Anlass war die Bitte seiner Jünger. „Stärke uns den Glauben!“ Wir wissen nicht, warum sie das sagen. Vielleicht weil ihnen gerade das Herz in die Hose gerutscht war. Was sie von Jesus kurz zuvor zu hören bekamen, muss sie stark beeindruckt oder verängstigt haben. „Es ist unmöglich, dass keine Verführungen kommen…“ sagte Jesus zu ihnen. Von Anfechtungen sprach er, von der Sünde und wie oft man denn jemanden Vergeben müsse, siebenmal siebzigmal, also sollte man besser mit dem Zählen und Rechnen aufhören. Ich stelle mir vor, wie diese Worte in ihnen nachhallen. Und vielleicht haben sie auch Spuren hinterlassen bei denen, die nach den Aposteln kamen, die Gemeinden, die das Evangelium von Lukas gelesen haben. Vielleicht haben die mehr als nur eine Gänsehaut bekommen bei den Gedanken an die Schwierigkeiten und Anfechtungen, die ihnen in ihrer heidnischen Umwelt aufgrund ihres Glaubens drohen sollten?

„Herr, stärke uns den Glauben!“ Ich kann mir denken, dass sich die Jünger und nach ihnen die ersten Christengemeinden klein und hilflos gefühlt haben. Was kann denn eine Handvoll Menschen schon ausrichten gegen einen heidnischen Staatsapparat, gegen den römischen Kaiser und seine Soldaten, was können einfache Leute  gegen die geballte intellektuelle Macht der Schriftgelehrten und Pharisäer entgegensetzen, die in der Lage sind, einem das Wort im Mund herumzudrehen? Angst, Selbstzweifel, Unsicherheit mögen Kräfte sein, die sich hartnäckig halten und den Glauben aushöhlen. Was kann denn schon ein kleines Mönchlein wie Martin Luther gegen den mächtigen Papst und den Kaiser ausrichten? Was können denn schon ein paar singende und betende Menschen, die sich in der Kirche treffen und Teelichter anzünden, gegen den Staatsapparat der DDR ausrichten, gegen Stasi und Volkspolizei? Da singen wir zu Pfingsten „Unglaub und Torheit brüsten sich frecher jetzt als je…“ (EG 136), aber was kann ich schon dagegen setzen? Sind die „scharf geschliffenen Waffen der ersten Christenheit“ nicht längst stumpf geworden? Oder anders gefragt: Waren sie jemals scharf? Es werden uns wohl viele Gründe einfallen, um sich aus der Verantwortung zu stehlen, schwach und klein und unbedeutend, wie man eben ist. Aber das lässt Jesus nicht gelten.„Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und versetze dich ins Meer! und er würde euch gehorchen…“. Das Senfkorn ist der Inbegriff des Unscheinbaren, dessen, was leicht übersehen und deshalb unterschätzt wird. Im Lexikon hab ich gelesen, 725 bis 760 Stück wiegen zusammen etwa ein Gramm. Der Maulbeerbaum hingegen ist der Goliath unter den Bäumen. Seine Wurzeln reichen tief in die Erde. Den kann nichts so leicht erschüttern. Er musste weiter als alle anderen Bäume von einem Brunnen gepflanzt werden, damit sein weitreichendes Wurzelwerk keinen Schaden anrichtet. So ein Senfkornglaube kann das Wunder bewirken und dafür sorgen, dass der Maulbeerbaum baden geht, entwurzelt und ins Meer geworfen wird.

Jesus traut seinen Jüngern weit mehr zu als sie  selbst das tun. Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, sagt Jesus. Das Kleine, Unscheinbare wird meistens unterschätzt, weil wir uns von den Maulbeerbäumen ablenken lassen, weil wir uns ablenken lassen von dem, was in den Augen der Welt groß und vor Kraft strotzend erscheint. Warum kann so ein kleines Senfkorn diese starke Wirkung entfalten? Ich glaube, das liegt daran, weil Gott selbst seine Kraft in das Senfkorn des Glaubens legt, weil er in unserem schwachen, ängstlichen und verzagten Herz am Werk sein will. Dem großen Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat, genügt unser kleines Herz mit seinen Zweifeln und Ängsten, mit seinen Fragen, seinem Kummer, seinen Freuden. Eine große Verheißung ist dem Senfkorn gegeben. In einem anderen Gleichnis sagt Jesus, „wenn es gewachsen ist, so ist es größer als alle Kräuter und wird ein Baum, dass die Vögel unter dem Himmel kommen und wohnen in seinen Zweigen.“  (Mt. 13,32) Das Kleine kann viel mehr bewirken, als man zunächst denkt.

Ich muss nicht mehr haben als diesem kleinem Glauben von der Größe eines Senfkorns aus der Hand Gottes. Das genügt. Deshalb vertraue ich meinem Senfkornglauben, ich vertraue darauf, dass er sich entfaltet und wirksam wird, wenn seine Zeit kommt. Vielleicht werde ich selbst die Früchte meines kleinen, unbedeutenden Glaubens nicht ernten, nicht sehen, wie daraus ein großer Baum wird, in dem die Vögel nisten. Aber das muss ich auch nicht. Es darf mir der kleine Glaube genügen und ich darf mich an ihm freuen, weil er mich mit Gott verbindet. Trauen wir uns etwas zu. Haben wir keine Angst vor den Maulbeerbäumen, so groß und mächtig. Sie müssen kuschen, vielleicht nicht vor uns, wohl aber vor dem, der das Senfkorn mit seiner Kraft segnet. Gott liebt die Kleinen, die Schwachen, die, deren Glaube nicht größer ist als ein Senfkorn, was für eine wundervolle Nachricht hören wir heute.  Gott hält die Hand über sie, damit durch sie etwas wachsen und sich entfalten kann.   Auch über meinen Glauben hält er die Hand, wie schwach er sich auch zuweilen anfühlen mag. Er wird Gutes bewirken. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 12.9.2021


Licht hereinlassen! Predigt über 1. Thessalonicher 5,14 – 24 am 14. Sonntag nach Trinitatis

„Sei anständig. Iss ordentlich und vergiss nicht, dir hinterher die Zähne zu putzen! Sei still, wenn sich die Erwachsenen unterhalten, rede erst, wenn du gefragt wirst! Grüße die Erwachsenen höflich, biete den Älteren im Bus deinen Sitzplatz an!“ Waren Sie in Ihrer Jugend ähnlichen Ratschlägen ausgesetzt? Wozu auch immer uns die Eltern und Lehrer damals ermahnt haben,  eines wurde als Begründung meistens noch drauf gesetzt: „Ich meins doch nur gut!“ Dann haben wir die Augen verdreht, geseufzt und uns unseren Teil gedacht. „Ja, ja, red du nur!“ Das ist das Kreuz mit den Ratschlägen, dass sie in guter Absicht gegeben werden und bei den Adressaten meist weniger gut ankommen. Das Gegenteil von gut ist nicht schlecht sondern gut gemeint, heißt es deshalb. „Ich meins doch nur gut mit euch!“ Ob das auch der Beweggrund für die vielen Ratschläge, die aus der Feder des Apostels Paulus geflossen sind? Einen ganzen Reigen davon lesen wir am Ende des 1. Briefes an die Thessalonicher im 5.Kapitel. Heute sind uns diese apostolischen Ratschläge zur Predigt aufgegeben. Der Apostel schreibt:

„Wir ermahnen euch aber: Weist die Nachlässigen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig mit jedermann. Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach, füreinander und für jedermann. Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch. Den Geist löscht nicht aus. Prophetische Rede verachtet nicht. Prüft aber alles und das Gute behaltet. Meidet das Böse in jeder Gestalt. Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für das Kommen unseres Herrn Jesus Christus. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

In der Tat, Paulus hat es gewiss gut gemeint mit seinen Lesern. Trotzdem hab ich schon eine Weile gebraucht, um mit diesen Ratschlägen warm zu werden. Meinen Frieden habe ich dann doch mit ihnen geschlossen, als mir klar wurde, dass Paulus nicht den moralischen Zeigefinger hebt. Wenn er ermahnt, will er zugleich ermutigen. Das griechische Wort, das meinst mit „ermahnen“ übersetzt wird, kann man auch mit „ermuntern“ wiedergeben. Die Ratschlägen münden ein in ein Segenswort. „Gott heilige euch durch und durch…“ schreibt der Apostel. Wir sollen bewahrt werden an Leib und Seele. Es geht darum, wie wir uns auf die Ankunft unseres Herrn vorbereiten. Es geht nicht darum, brav und artig zu sein, ein höflicher Christenmensch zu werden, wohlerzogen und fromm. Es geht darum, dass wir uns innerlich zurüsten auf das Kommen Christi und für seine Ankunft bereit werden. Kurz zuvor schreibt Paulus: „Ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages…“.  Kinder des Lichtes sind Menschen, die in einer fröhlichen Erwartung leben. Die Zukunft, der sie entgegen gehen, macht ihnen nicht Angst. Der Gedanke an morgen erfüllt die Kinder des Lichtes mit Vorfreude, nicht mit Sorgen und Schrecken. Jeder Tag, der anbricht, bringt sie näher zu Christus. Gemeint ist der Tag seiner Wiederkunft, den wir doch alle herbeisehnen, wenn wir das Glaubensbekenntnis nicht gedankenlos herunterleiern. Wir glauben und hoffen, dass Jesus Christus bald wiederkommt, um seine Herrschaft durchzusetzen.

Der Glanz dieses kommenden Tages soll schon jetzt hineinleuchten in unseren Alltag. Das erfahren wir heute. Die Ratschläge sollen Beispiele sein, wie man die Vorfreude auf den kommenden Christus zum Ausdruck bringen kann, wie der Glaube im alltäglichen Leben Gestalt annimmt. Es geht nicht darum, etwas zu tun, weil es sich eben so gehört, sondern es geht darum, aus einer Haltung heraus zu leben, zu entscheiden und zu handeln, die aus dem Glauben kommt und auf den Glauben hinweist. Durch die Art und Weise, wie wir leben, wie wir unseren Glauben zum Ausdruck bringen, wie wir miteinander umgehen, geben wir den Mitmenschen einen Vorgeschmack vom Leben, das wir erwarten. Es ist so wie mit einer muffigen dunklen Kammer. Wie müssen das Fenster aufmachen, dass Licht und frische Luft herein können. Wenn wir einander ermahnen, trösten, füreinander beten,  die  Schwachen tragen, dann machen wir die Fenster auf, lassen frische Luft und helles Licht ins Leben. Kinder des Lichtes leben vom Vertrauen. Was sie brauchen, wird ihnen geschenkt. Sie haben einen Vater, der sie liebt. Diese Liebe schenkt Sicherheit und Gelassenheit. Sie weitet das Herz und schärft den Blick für den Nächsten und seine Bedürfnisse. „Weist die Nachlässigen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig mit jedermann…“ Wo das in Liebe geschieht, kann Vertrauen wachsen und Glaube sich stärken. „Betet ohne Unterlass“, schreibt der Apostel. Da wir alle mehr oder weniger im täglichen Leben unter Zeitdruck stehen, oft ein gewaltiges Arbeitspensum zu erledigen haben, mag das eine fast unerfüllbare Herausforderung zu sein. Wie kann das geschehen, wenn unser Terminplan oft so vollgepackt ist, dass wir tagsüber kaum Zeit haben, für eine vernünftige Mahlzeit? Vielleicht aber brauchen wir solche „Reibungspunkte“, die uns immer wieder auch in Frage stellen. Ist denn unser Tagesablauf wirklich so getaktet und verplant, dass keine Minute Zeit zum Innehalten und zum Gebet ist? Damit der Glaube keine oberflächliche  oder herzlose Angelegenheit ist, damit die Ermahnungen nicht starre Regeln werden, braucht es die Verbindung mit Gott. Die geschieht in dieser Welt vor allem durch das Gebet. Dankbar bin ich deshalb dafür, dass uns die Kirchenglocken morgens, mittags und abends daran erinnern, dass Zeit nicht nur Geld ist und der Mensch nicht nur vom Brot allein lebt. Eine kleine Geschichte habe ich gefunden, wie das wohl gemeint ist mit dem Beten ohne Unterlass und vielleicht auch mit den anderen Ratschlägen. Sie spielt in der Zeit, als die Kirche noch in den Kinderschuhen steckte und erzählt von einem Gespräch, das ein Einsiedler mit einigen Mönchen geführt hat, die sehr von sich überzeugt waren.

Einmal kamen einige zum Abbas Lukios in Enaton, Mönche, die man Euchiten (Beter) nannte. Der Greis fragte sie: »Worin besteht euer Handwerk? Sie antworteten: »Wir rühren mit keinem Finger an ein Handwerk, sondern wie der Apostel sagt, wir beten unaufhörlich«. Darauf sprach der Alte zu ihnen: »Esst ihr nicht? « Sie antworteten: »Doch! « Er sagte zu ihnen: »Wenn ihr also esst, wer betet inzwischen für euch? « Wiederum sprach er: »Schlaft ihr nicht? « Sie sagten: »Doch. « Und der Greis darauf: »Wenn ihr also schlaft, wer betet indessen für euch?« Darauf wussten sie keine Antwort zu geben. Er sprach zu ihnen: »Verzeiht mir, aber ihr tut nicht, was ihr sagt. Ich aber will euch zeigen, dass ich trotz Verrichtung meiner Handarbeit unablässig bete. Ich setze mich mit Gott nieder, weiche meine kleinen Palmfasern ein und flechte sie zu einem Seil. Dabei sage ich: Erbarm dich meiner, o Gott, in deinem großen Erbarmen, und nach der Menge deiner Erbarmungen wasche ab meine Ungerechtigkeiten«. Und er fragte sie: »Ist das kein Gebet? « Sie antworteten: »Doch! « Da sprach er zu ihnen: »Wenn ich den ganzen Tag mit Arbeiten und Beten verbringe, dann verdiene ich sechs Münzen, mehr oder weniger. Zwei davon gebe ich an die Tür (als Almosen), und von den übrigen bestreite ich das Essen. Und es betet für mich, der die zwei Münzen bekommen hat, während ich esse oder schlafe. Und durch die Gnade Gottes wird so von mir das unablässige Beten erfüllt« .

„Seid allezeit fröhlich,  betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen, denn das ist der Wille Gottes in Jesus Christus für euch“, schreibt uns der Apostel und Abbas Lukios zeigt dabei wie das aussehen kann. Der fromme Mann ist seinen beiden Handwerken im Gottvertrauen nachgegangen, dem Handwerk des Eremiten, der auf dem Boden der Wirklichkeit bleibt, Seile knüpft und dem Handwerk des Christen, der beten soll, ohne Unterlass und sich des Schwachen annimmt. Die Ermutigungen und Ermahnungen des Apostels sind für mich Lebenshilfen, Impulse, die mir die Richtung anzeigen für den Weg, den ich im Leben gehen soll. Es ist ein vom Gottvertrauen getragener Lebensweg. „Ihr tut nicht, was ihr sagt!“ Das wirft der Einsiedler den Mönchen vor, die sich „Beter“ nennen und keinen Finger rühren. Wir sollen tun, was wir sagen. Nicht nur über den Glauben reden, sondern im Glauben leben und handeln. Der Mund soll bekennen, was das Herz glaubt und die Hand soll es ausführen. Leben und Glaube sollen im Einklang miteinander stehen.

Ich glaube, wer tut, was er sagt und wer im Leben erfüllt, was er mit dem Mund bekennt, hat Grund „allzeit fröhlich“ zu sein. Er lebt Christus entgegen. Sein Leben ist stimmig oder, um es mit einem Fremdwort zu sagen, es ist authentisch. Fröhlich können wir sein, weil wir einer guten Zukunft entgegen gehen, wenn wir auf Christus hinleben. In seinem Licht kann schon jetzt manches heilen, was verletzt ist, können Trauernde neue Hoffnung schöpfen, Mutlose sich wieder aufrichten. In diesem Licht können Menschen, die vom Leben enttäuscht wurden, wieder neu vertrauen und Menschen, die aus der Bahn geworfen wurden, Paulus nennt sie „Nachlässige“, können sich neu ausrichten.

Die Ratschläge münden ein in die Segensbitte: „Der Gott des Friedens heilige euch durch und durch.“ Er ist es, der am Ende durch uns und in uns am Werk sein will. Weil Geist, samt Seele und Leib, kurz, der ganze Mensch am Ende von ihm gehalten und getragen wird, können wir unbeschwert und in der Tat allezeit fröhlich sein. Es geht um die getroste Ausrichtung des Herzens, es geht darum, wo meine Wurzeln sind, wem ich vertraue. Einen Satz des Ordensgründers Don Bosco, verstehe ich als Zusammenfassung dessen, was uns der Apostel heute mit seinen Ratschlägen ans Herz legt:  „Fröhlich sein, Gutes tun und die Spatzen pfeifen lassen.“ So nimmt ein Leben Gestalt an, das im Grund von der  unbeschwerten Dankbarkeit erfüllt ist, zu der wir heute, an diesem Sonntag und auch sonst im Leben immer wieder aufgerufen sind. Wir leben in der Obhut eines Gottes, der es gut mit uns meint und der, wie Paulus am Ende schreibt, uns  bewahret samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus. Amen.

© Pfr. Stefan Köttig, Altenstein, 5.9.2021


Herrschen statt beherrscht werden. Predigt über 1.Mose 4,1-16 am 13. Sonntag nach Trinitatis in Altenstein


Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mithilfe des HERRN. Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann. Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem HERRN Opfer brachte von den Früchten des Feldes. Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick. Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? Ist's nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie. Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot. Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein? Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde. Und nun: Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen. Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden. Kain aber sprach zu dem HERRN: Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte. Siehe, du treibst mich heute vom Acker, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir's gehen, dass mich totschlägt, wer mich findet. Aber der HERR sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der HERR machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände. So ging Kain hinweg von dem Angesicht des HERRN und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Die Geschichte von Kains Brudermort steht auf den ersten Seiten der Bibel, in der Urgeschichte. Dort finden wir keine verjährten oder angestaubten Episoden aus grauer Vorzeit. Vielmehr wird uns beschrieben, wie sich das Leben der Menschen draußen abspielt, vor den Toren des Paradieses. Die sind fest verschlossen und vom Engel gut bewacht. Es ist ein hartes Leben, das die Nachkommen von Adam und Eva erwartet. Kain und Abel sind Kinder dieser gnadenlose Welt, zwei tragische Figuren. Sie scheitern in dieser Welt - eines gewaltsamen Todes sterben wird der eine, weiterleben der andere, unstet und heimatlos und mit dem Wissen um eine furchtbare Schuld. Unterschiedliche Wege haben die beiden Brüder eingeschlagen. Schäfer ist der eine geworden. Das ist Abel. Er treibt die Herde von einer Weide zur anderen, immer auf der Suche nach grünen Weiden. Ein gefährliches Leben! Wilde Tiere bedrohen die Herde. Und räuberische Menschen. In Abels Welt wird um Wasserstellen heftig gekämpft. Vor allem, wenn die Sonne über Monate hinweg gnadenlos den Boden verbrannt hat, wenn der Regen ausbleibt und das Wasser knapp wird.  Kain hingegen lebt von den Früchten des Feldes. Er ist sesshaft. „Ackermann“ sagt die Bibel zu seinem Beruf. Dass es ein hartes Leben ist, ahnen wir, wenn wir  hören, mit welchen Worten Gott Adam aus den Garten Eden geworfen hat:  „Verflucht sei der Acker um deinetwillen. Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden...“  


So sieht das Leben der Menschen aus, die das Paradies hinter sich gelassen haben, es ist mühevoll, schweißtreibend und gefährlich. Beide bringen ihrem Gott Opfer dar, die Früchte ihrer Arbeit. Abel opfert von den Erstlingen der Herde und ihrem Fett. Kain legt Früchte des Feldes auf seinen Altar. Da geschieht das in den Augen Kains Ungeheuerliche. „Gott sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an!" Es darf, vielleicht soll es sogar ein Rätsel bleiben, warum sein Opfer nicht angenommen wird. Es ist kein Werturteil mit dieser Entscheidung Gottes verbunden. Es wird auch nicht gesagt, dass Abel der Bessere von den beiden ist und Kain der Böse. Wenn ich die Geschichte allerdings lese, spüre ich immer wieder, wie Unbehagen in mir hochkriecht. Vielleicht, weil da beim Lesen und Hören der Geschichte der Eindruck verstärkt wird, dass es in dieser Welt nicht gerecht zugeht. Mühe und Arbeit werden nicht immer gelohnt in dieser Welt. Manchmal hat man eben keinen Dank zu erwarten, am Ende harter Arbeit, manchmal bleibt das Engagement für eine gute Sache unerwidert, manchmal stößt man auf Zurückweisung und Ablehnung, wo man Dank oder Unterstützung erwartet hatte. Undank ist der Welten Lohn, sagen manche verbittert. Sie nehmen übel. Sie zürnen dem Schicksal, sie zürnen Gott, sie zürnen den Mitmenschen, denen es besser geht, deren Leistung gewürdigt wird, während man selbst leer ausgeht.  Vielleicht gehört das zum Leben in dieser Welt dazu, am Glauben festzuhalten, obwohl man sich ungerecht behandelt fühlt und sich nicht vom Zorn, von Enttäuschungen, vom Grimm beherrschen zu lassen.


Wie gesagt, auf den ersten Seiten der Bibel wird das Leben beschrieben, wie es bis heute oft spielt. Der Zorn darüber macht Kain grimmig. Er will nicht hinnehmen, was in seinen Augen ungerecht ist. Wer aber im Grimm den Blick senkt, wird ein leichtes Opfer für die Sünde. Er wird blind für die Gefahren in dieser Welt. Er übersieht Wesentliches. Zum Beispiel, dass auch die Welt „jenseits von Eden“ nicht gottverlassen ist. In der Geschichte vom Brudermord spricht Gott kein Wort mit Abel. Er wendet sich an Kain. Er will ihn auf diese Gefahr aufmerksam machen, in der er sich befindet. Und er will ihm helfen, er will ihn schützen. Die Enttäuschung, die ihn grimmig macht,  ist seine Herausforderung, vielleicht sogar seine Chance. „Die Sünde lauert vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen, du aber herrsche über sie.“  Ein wenig erinnert mich das an den Auftrag, den Gott ursprünglich den ersten Menschen gegeben hat. Sie sollten den Tieren Namen geben, um über sie herrschen zu können. Wie ein Raubtier wird hingegen die Sünde beschrieben. Sie erinnert an eine Raubkatze, die auf der Lauer liegt, gebückt und zum Sprung bereit. Kain soll sie bändigen, so über sie herrschen. Halte fest an dem, was du hast, halte fest an mir, deinem Gott.  Das ist der Auftrag, den Kain erhält und an dem er scheitert. Kain, der sich als Ackermann Tag für Tag die Erde untertan macht,  wird beherrscht, ohne es zu merken. Er wird ein Knecht seines Zorns. So wird der Herrscher zur Beute. 


„Lass uns aufs Feld gehen!“ sagt Kain zu seinem Bruder und lockt ihn in die Falle. „Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.“ Da hat Kain Gott längst abgeschrieben. Er rechnet nicht mehr mit ihm, der doch längst weiss, was geschehen ist. Weil keiner mehr da ist, der Abel noch Recht verschaffen könnte, schreit die Stimme des Blutes, mit der die Erde getränkt ist, zu Gott. So beginnt das Verhör, das zum göttlichen Strafgericht führt: „Wo ist dein Bruder Abel?“ fragt Gott. Die Antwort soll Kain überführen. Das vertraute Miteinander von Gott und Mensch ist restlos zerbrochen. Der neue Mensch flüchtet sich nicht in die Gnade Gottes. Er flüchtet sich in Wortspiele, die ihn Lügen strafen. „Du suchst Abel, den Hirten?“ antwortet Kain. „Ich weiß nicht, wo er ist. Soll ich denn meines Bruders Hüter sein. Soll ich den Hirten behüten?“

  

Die Geschichte von Kain und Abel erzählt davon, wie sich die Sünde ausbreitet und über die Menschen herrscht, statt beherrscht zu werden.  Mit der Sünde zieht der Tod die Welt in seinen Bann. Der Neid, das grimmige Herz, der finster gesenkte Blick, das sind Vorzeichen der Katastrophe! Der Mensch verliert Gott endgültig aus den Augen und aus den Herzen. Die Geschichte der Menschen vor den Toren des Paradieses ist zugleich auch unsere Geschichte. Sie ist noch nicht zu Ende erzählt. Sie spricht nicht nur vom Versagen menschlicher Beziehungen, nicht nur vom Scheitern menschlichen Lebens. Sie erzählt auch von der Liebe Gottes. Er sorgt selbst für die Menschen, die sich gegen ihn entschieden haben. Schon Adam und Eva hat Gott nicht nackt aus dem Paradies geworfen. Er gab ihnen Kleider und rüstete sie aus für das raue Leben vor den Pforten Edens. Auch Kain wird seinem Schicksal nicht schutzlos ausgeliefert. Unstet und flüchtig soll das Leben Kains hinfort sein, das ist das Urteil. Der Sesshafte, der von den Früchten des Bodens lebte, soll kein Zuhause mehr haben in dieser Welt. Aus der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen soll er künftig sein und ihrer  Verachtung preisgegeben. Dennoch sorgt Gott für sein Weiterleben. Er bekommt ein Zeichen, das ihn schützen soll vor den Angriffen der Menschen. Niemand darf Kain totschlagen. Niemand soll den Totschläger töten.  Das „Kains-Zeichen“ ist kein Schandmal, wie man früher gesagt hat. Es ist ein Schutzzeichen. Selbst der Brudermörder hat ein Recht auf Leben. 


Die Urgeschichte auf den ersten Seiten der Bibel erzählt davon, wie sich die Menschen von Gott und voneinander entfremden. Sie erzählt aber auch, dass Gott die Menschen nicht sich selbst überlässt. Die Liebe zu den Menschen ist stärker als die Enttäuschung. Am Ende kommt Gott selbst in diese Welt, um diese Entfremdung zu überwinden, um den Menschen einen Weg zu zeigen, der sie zurückführt in die Gemeinschaft mit ihm, den sie vor dem Anfang aller Zeiten aus den Augen verloren haben. Gott wird Mensch, er geht den Menschen nach in der Gestalt des Menschen Jesus von Nazareth, um die Menschen zu befreien. Der Gottessohn lässt die Menschen spüren, wie weit die Fürsorge des Vaters reicht und wie tief seine Liebe zu den Menschen ist. Tief genug, um den Abgrund der Sünde und des Todes zu überwinden. Gott gibt den Menschen nicht auf. Er kommt zu den Menschen, damit sie ihren Weg finden, zurück  in die Heimat, zurück zum Gott des Lebens. 


Wie gut, dass wir diese Hoffnung haben, dass Gott die Menschen nicht aufgibt, wie groß auch die Schuld sei, die auf ihnen lastet.  Christus wird für uns zum Weg, zur Wahrheit und zum Leben. Ein Leben, zu dem der Mensch von Anfang an bestimmt ist. Christus zeigt uns, wie wir über die Sünde herrschen können. Segnen, wo geflucht wird, Vergeben, wo Verurteilt wird, Verbinden, wo geschlagen wird, die Wange hinhalten, statt zurückzuschlagen, füreinander zu beten statt einander anzuklagen, das sind Verhaltensweisen, die Jesus uns als Wegweiser ans Herz gelegt hat. Wer sich auf sie einlässt, beginnt, den Auftrag wahrzunehmen, den Gott einst Kain gegeben hat, über die Sünde zu herrschen. Vielleicht gelingt es den Menschen, diesen Weg zu beschreiten, den Menschen, die in dieser Welt schuldig geworden sind und denen niemand verzeihen mag und erst recht auch den Menschen, denen in dieser Welt Unrecht widerfahren ist und die nicht oder noch nicht verzeihen können. Es mag ein steiniger Weg sein. Aber es ist ein guter. Er führt ins Leben. Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 29.8.2021


Tu dich auf! Predigt über Markus  7,31-37 am 12. Sonntag nach Trinitatis 


Als Jesus wieder fortging aus dem Gebiet von Tyrus, kam er durch Sidon an das Galiläische Meer, mitten in das Gebiet der Zehn Städte. Und sie brachten zu ihm einen, der taub war und stammelte, und baten ihn, dass er ihm die Hand auflege. Und er nahm ihn aus der Menge beiseite und legte ihm die Finger in die Ohren und spuckte aus und berührte seine Zunge und sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata!, das heißt: Tu dich auf! Und sogleich taten sich seine Ohren auf, und die Fessel seiner Zunge wurde gelöst, und er redete richtig. Und er gebot ihnen, sie sollten's niemandem sagen. Je mehr er's ihnen aber verbot, desto mehr breiteten sie es aus. Und sie wunderten sich über die Maßen und sprachen: Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hören und die Sprachlosen reden. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


„Vergissmeinnicht!“„Der große Preis!“„Drei mal Neun!“ Mit diesen Begriffen können wohl nur diejenigen etwas anfangen, die mindestens die Fünfzig überschritten haben. Das waren die Titel bekannter Unterhaltungssendungen, mit denen Moderatoren wie Peter Frankenfeld in den Sechzigern oder Wim Thoelke in den siebziger Jahren Geldspenden für Behinderte gesammelt hatten. Der Oberbegriff dazu wurde „Aktion Sorgenkind“ genannt. Spätestens in den 80er Jahren warben neben den genannten Entertainern auch noch Deutschlands berühmteste Fernsehzeichentricktiere „Wum“, der Hund, und „Wendelin“, der Elefant mit der näselnden Stimme, um Unterstützung. Allmählich aber erkannte man in unserem Land, dass der Begriff „Sorgenkind“ doch recht problematisch ist. Die meisten diese Kinder bereiteten ihren Eltern gewiss nicht weniger Freude als Kinder ohne Behinderung. Und so wurde aus der „Aktion Sorgenkind“ die „Aktion Mensch.“ Durch Förderungen ihrer Möglichkeiten und Begabungen können Menschen mit Handicaps Großartiges leisten. Wir werden das spätestens ab Dienstag wieder mitbekommen. Da starten in Tokyo die Paralympics. Die hießen früher auch anders. Aus „Weltspielen der Gelähmten“ oder der „Behinderten“ wurden die Paralympics. Die Athleten werden sportliche Leistungen erbringen, von denen Menschen wie ich, ohne „Behinderung“, nur träumen können. Ich bin froh und dankbar für diesen Wandel der Gesellschaft und für die vielfältigen Möglichkeiten der Förderung, die es bis jetzt gibt, von der Blindenschrift bis zur Gebärdensprache und den zahlreichen therapeutischen und pädagogischen Maßnahmen, mit denen erstaunliche Ergebnisse erzielt werden. 


Von all dem konnten die Blinden, Stummen, Tauben, Gelähmten und von Aussatz befallenen Menschen zur Zeit Jesu im Heiligen Land nur träumen. Lepröse wurden aus der Gesellschaft ausgestoßen, Blinde wie Bartimäus konnten sich nur durch Bettelei über Wasser halten und ein ähnliches Schicksal war wohl auch dem Taubstummen nicht erspart geblieben, um den es in unserem Evangelium heute geht. Seinen Namen kennen wir nicht. Wir erfahren nur, dass er nicht hören und nicht richtig sprechen, nur stammeln konnte. Wahrscheinlich hat man ihn deshalb auch nicht für ganz richtig im Kopf angesehen. Er lebte im Gebiet der sogenannten „Dekapolis“. Gemeint waren zehn Städte, die östlich und südlich des Sees Genezareth lagen und sehr stark vom „Hellenismus“ geprägt waren, also von der griechische Kultur und gewiss auch Religion. Das bedeutete, dass die Einwohner größtenteils keine Juden waren, sondern Heiden. Und ausgerechnet zu denen geht Jesus, um ihnen die Botschaft vom nahen Gottesreich zu bringen, gemeint ist ein Leben unter der Herrschaft des einen Gottes, bei dem Lahme wieder gehen, Blinde sehen, Taube hören und Stumme sprechen werden.


Menschenleiden an Krankheit, Behinderungen erschweren das Leben, sie schränken ein. Krankheiten oder Behinderungen sind keineswegs Strafen Gottes. Schon Jesus hat das kategorisch abgelehnt. Wenn aber Menschen leiden, wenn das Leben eingeschränkt wird, sehen wir doch,  dass die Welt  nicht so ist, wie sie sein sollte, wie Gott sie wollte. Gott will nicht, dass Menschen leiden. Die Menschen sollen leben, frei und unbeschwert. Deshalb ist Jesus in die Welt gekommen. Weil die Schöpfung wieder heil werden soll. Die Welt soll wieder unter die Herrschaft Gottes kommen. Als der Täufer Johannes im Gefängnis war, hatte er seine Jünger zu Jesus gesandt. Er wollte wissen, ob Jesus der Gesandte Gottes sei, der den Menschen das Heil bringt. Und Jesus antwortet auf die Frage mit einem Prophetenwort. Er sagt den Jüngern des Täufers: „Geht und sagt Johannes, was ihr seht. Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt….“ (Mt.11,5) Wir alle tragen in uns die Sehnsucht nach der anderen Welt, in der das alles nicht ist,  was uns krank macht, leiden lässt, was das Leben schwer macht. Wir tragen in uns die Sehnsucht nach einer Welt, die wir verloren haben und die doch unser eigentliches Zuhause ist. Eine Welt, in der niemand leiden muss, schon gar nicht auf Grund körperlicher oder seelischer Gebrechen. Eine neue Welt, die im Anbruch ist. Deshalb sagt Jesus: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium, das Reich Gottes ist nahe herbei gekommen!“


Die Geschichte aus dem Neuen Testament erzählt nun davon, wie  diese Welt Gottes in unserer Welt aufleuchtet. Das geschieht, wenn Jesus spricht und Wunder wirkt. Es geschieht dadurch, dass dieser bemitleidenswerte Mensch heil wird. Als Jesus in den Ort kommt, laufen die Einwohner zusammen. Sie haben schon so viel über ihn gehört, von seinen beeindruckenden Reden, von der unerschrockenen Art, mit der er seine Gegner ins Gebet nimmt, vor allem die Pharisäer und die Schriftgelehrten. Vor allem aber haben sie  von den Wundern gehört, die er tut. Jetzt kommt dieser Jesus zu ihnen. Da holen sie ihn, den Taubstummen, der von all dem sicher nichts mitbekommen hat. Wie denn auch, er kann sie ja nicht hören. Ich stelle mir vor, wie sie ihn suchen und an der Schulter rütteln, damit er sie ansieht. „Komm mit“, bedeuten sie ihn und nehmen ihn bei der Hand. Da lässt er sich von ihnen zu Jesus führen. „Leg deine Hand auf ihn“, bitten die Menschen Jesus, „öffne seine Ohren, dass er hören kann, löse das Band seiner Zunge, dass er sprechen kann. Hilf ihm.“ Von allen Seiten hört Jesus die Bitte und er spürt, was alles in dieser Bitte mitschwingt, das Mitleid mit dem Kranken ebenso wie sicher auch die Neugierde. Ob es wohl stimmt, was man sich über diesen Jesus erzählt? Ob sie jetzt auch ein Wunder miterleben?


Jesus sieht den Taubstummen, er führt ihn weg von der Menge, vielleicht nur ein paar Schritte. Was ihm geschehen wird, dient nicht der Befriedigung bloßer  Sensationslust. Ich stelle mir vor, wie sie sich nahe kommen, Jesus und der Taubstumme, so nahe, wie nur der Gottessohn einem Menschen nahe kommen kann, so nahe, dass er ihm ins Herz sehen kann, die Not wahrnimmt, die sich in diesem Menschen eingenistet hat. Der weiß nicht wie ihm geschieht. Der sieht nur einen fremden Menschen vor sich, der etwas mit ihm vorhat. Was der Mensch jetzt erfährt, ist die liebevolle Zuwendung Gottes durch Jesus. Und weil er nichts hören und nichts verstehen kann, soll er es spüren. Deshalb legt Jesus den Finger auf die Wunde, genauer gesagt, er berührt die Ohren, die taub sind, und benetzt die Zunge mit seinem Speichel, so wie das die Ärzte und Wunderheiler damals gemacht haben. Dem Speichel hat man in der Antike heilende Kräfte zugeschrieben. Wenn Jesus auch wie ein Wunderheiler auftritt, wird doch sein eigentliches Wunder die „medizinische“ Seite des Geschehens weit überbieten. Es ist das Reich Gottes, das hier über einem Menschen aufleuchtet und Spuren hinterlässt, Spuren des Heils.


Jesus seufzt, lesen wir in der Bibel. Er nimmt Anteil an der Hilflosigkeit der Menschen, an ihrem Leiden, das sie bindet und unfrei macht. Jesus seufzt und spricht dann das Lösungswort aus, damit das Wunder geschehen kann: „Hefata!“ Zu deutsch: „Tu dich auf“. Da fallen die Fesseln. Da geschieht Erlösung im buchstäblichen Sinn. Erlösung hat mit Loswerden zu tun. Der Kranke wird los, was sein Leben so stark eingeschränkt hat. Jetzt kann der Mensch endlich hören und sprechen. Kein Lallen, kein Stöhnen, kein Nuscheln oder Wimmern kommt über seine Lippen. Die Menschen um ihn herum verstehen ihn. In der Übersetzung Martin Luthers heißt es an dieser Stelle deshalb: „… und er redete richtig!“ Gemeint war, dass er deutlich und verständlich sprechen konnte. Diesen Hinweis möchte ich heute in einem übertragenen Sinn deuten. Wir müssen nicht taub sein, um nicht hören zu können und wir müssen nicht stumm sein, um nicht richtig reden zu können. Das ist das Leiden in dieser Welt, das Jesus wohl bis heute seufzen lässt, dass unsere Ohren sich dem heilenden und rettenden Wort Gottes verschlossen haben, ebenso wie unsere Herzen. Und stumm sind wir, wenn wir eigentlich reden müssten, wenn wir beten oder den Glauben vor den Menschen bezeugen müssten, die sich doch nach Heil und Heilung sehnen. Die vielen kleinen und großen Wunder Jesu weisen aber, wie gesagt, auf den Heilungsprozess hin, den Gott durch ihn in Gang gesetzt hat. Wo die Menschen Zeugen dieser Zeichen Jesu wurden, können sie nichts anders, als Gott zu loben und zu preisen und den anderen davon zu erzählen. So ist das auch in unserer Geschichte. Die Menschen staunen und sagen weiter, was sie erlebt haben: „Er hat alles wohl gemacht, die Tauben macht er hören und die Sprachlosen reden…“ Das sagen sie und verwenden dabei Worte des Propheten Jesaja, die auf die Heilszeit hinweisen, vielleicht ohne es zu ahnen.


Was können, was sollen wir tun? Vielleicht werden wir heute ermutigt, in die Bitte einzustimmen, die Bitte um dieses eine Wort, dass uns helfen kann, das Wort, das der Herr gesprochen hat: Heffata, tu dich auf. Ein Wort, das die Blockade beseitigt, damit die Ohren frei werden, um zu hören, was Gott uns sagen will und die Lippen sich öffnen, damit das Lob zum Himmel aufsteigen und das Bekenntnis zu ihm in dieser Welt laut kann. Gewiss ist das unsere Aufgabe. Wie die Menschen in unserer Geschichte sollen wir die Not der Welt vor Gott bringen. Das geschieht, indem wir zu Jesus gehen und ihm die Menschen anvertrauen, von deren Not wir wissen. Und noch etwas sollen wir tun. Weitergeben, was wir gehört und gesehen und erlebt haben. Den Glauben bekennen, den Menschen erzählen, was uns in dieser Welt tröstet, Mut macht, Hoffnung schenkt. Für mich ist das der Glaube an Jesus Christus, in dem sich Gott uns zuwendet, der Gott, der das Gebrochene Heilen und die Flamme des Glaubens, die am erlöschen ist, neu entfachen will. Dieser Weg zum Heil und zur Heilung wird uns im Neuen Testament aufgezeigt. Es ist der Weg zu Jesus Christus. Bitten wir ihn, dass er das Wort auch zu uns spricht,  das er uns erlöst aus unsere Sprachlosigkeit, aus den Fesseln, die uns unfrei, krank machen und uns verstummen lassen: Hefata! Tu dich auf! Nur müssen wir wirklich zu ihm gehen wollen, gemeinsam gehen. Die Menschen in der Geschichte haben uns gezeigt, dieser Weg wird nicht vergeblich sein. Jesus kann und will uns frei machen von den Bindungen, die uns bedrücken. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 22.8.2021


Wie im Himmel. Predigt über Epheser 2,4 – 10 am 11. Sonntag nach Trinitatis 


Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht – aus Gnade seid ihr gerettet –;  und er hat uns mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus, damit er in den kommenden Zeiten erzeige den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus. Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme. Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Wenn ich einen Texte lese, sei es ein biblischer oder ein anderer, ein Gedicht zum Beispiel, geschieht es, dass ich an einem Satz hängen bleibe. Ich lesen ihre immer wieder und er erschließt mir eine neue Welt. So ging es mir bei einem der zugegeben nicht leicht verständlichen Sätze aus dem Epheserbrief. Gott hat uns mit Christus lebendig gemacht und auferweckt und mit eingesetzt im Himmel, lese ich und komme ins Träumen. Gibt es einen Vorgeschmack auf diesen Himmel? Kann man auf den Himmel hinleben? Und findet man Spuren davon vielleicht schon auf der Erde? Während ich darüber nachdenke, steigen Erinnerungen vor mir auf. Vielleicht sieht dieser Himmel aus wie die gemütliche Küche meiner Großeltern, wo ich glückliche Kindheitstage verbracht habe. Ich sehe die Großmutter, wie sie mit der Lesebrille auf der Nase am Tisch sitzt und Kreuzworträtsel löst, neben sich eine Henkeltasse voll Kaffee. Das alte Radio auf der Konsole spielt leise Musik. Ein Rundfunkorchester spielt und Peggy March singt dazu: „Mit 17 hat man noch Träume. Da wachsen noch alle Bäume in den Himmel der Liebe …“  Das müssen große Bäume sein, dachte ich mir damals, wenn sie bis in den Himmel wachsen. Ich war noch zu klein und hatte keine Ahnung von dem, was Peggy March meinte.


Wie sieht dieser Himmel wohl aus aus, dieser Himmel von dem alle sprechen oder singen? „Gott hat uns lebendig gemacht. Er hat uns in ein neues Leben hinein auferweckt. Er hat uns in den Himmel versetzt…“ hören wir heute, aber dieser Satz passt irgendwie nicht zu der Melodie, die da in mir aus vergangenen Zeiten herein weht. Ich habe so meine Zweifel, ob der Himmel der Liebe, den Peggy March besingt identisch ist mit dem Himmel, von dem der Apostel schreibt. Der hat bestimmt nicht an das Wunder Liebe gedacht hat, jedenfalls nicht an die Schmetterlinge im Bauch der Verliebten und das Herzklopfen und daran, dass für Verliebte Zeit keine Rolle spielt.  Oder vielleicht doch? Ich jedenfalls muss heute gerade an diesen Schlager denken. Er bewahrt mich davor, mich in den verschachtelten Sätzen des Epheserbriefs zu verlieren. Eine Brücke zum Verständnis baut mir dieses Wort, dass Gott uns in den Himmel versetzt hat. Ich glaube, dass die Liebe diese Brücke ist, die uns mit Gott verbindet. Schließlich heißt es doch in der Bibel, dass Gott die Liebe ist, wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Wenn wir Menschen verliebt sind, dann pulsiert in unseren Herzen die Erinnerung an das Paradies, das doch die Heimat der ersten Menschen war und nach dem wir uns zurücksehnen. Und dann hat der Himmel der Liebe vielleicht doch etwas zu tun mit dem Himmel, in dem Christus einen Platz für uns bereit hält.


Dann bekommen wir auch eine Ahnung, wie sich das wohl anfühlen mag, erlöst zu sein. Erlöst ist, wer befreit ist. Doch wovon sollen wir denn befreit sein? Nun könnte man schnell mit der Sünde kommen, weil der Apostel uns dieses Wort ja auch um die Ohren haut. „Wir waren tot in den Sünden, schreibt er“, „und sind nun mit Christus wieder lebendig gemacht.“ Erstaunlich ist nur, dass sich dieses Tot-sein doch trotzdem recht lebendig anfühlt. Ich denke mir, tot ist man nicht erst, wenn das Herz aufhört zu schlagen und das Gehirn seine Funktionen aufgegeben hat. Tot ist man bereits, wenn man sosehr an diese Erde gebunden ist, dass keine Bäume mehr in den Himmel der Liebe wachsen können. Die Wurzeln der Himmelsbäume sind dann in unseren Herzen bereits abgestorben. Der Apostel schreibt aber etwas, das mich hoffen lässt. „Wir waren tot in unseren Sünden. Aber Gott hat uns wieder lebendig gemacht. Er hat uns auferweckt. Er hat uns eingesetzt in den Himmel.“ Christus hat den Betonblock , der die Wurzeln erstickt, gesprengt und uns frei gemacht. Deshalb können die Bäume in den Himmel wachsen, können Menschen lieben und befreit leben. Der Himmel ist ein anderes Wort für die Lebensgemeinschaft mit Gott und die beginnt bereits hier auf Erden. Wo Menschen ihr Herz mit Gott verbinden, setzen sie ihren Fuß schon in den Himmel.


Paulus spricht vom Himmel der göttlichen Liebe. Was Peggy March besingt, ist eine Vorahnung davon. Auch die göttliche Liebe klopft im Herzen der Menschen an, so wie die irdische Liebe das macht. Sie flüstert dem Menschen ins Ohr: „ich hab Sehnsucht nach dir. Ich will mit dir zusammen sein“, so wie sich das auch Verliebte manchmal zuflüstern. Nur, dass es in diesem Fall Gott ist, der das zu den Menschen sagt. Denn Gott hat Sehnsucht nach den Menschen. Er will mit ihnen zusammen leben. Er will wieder haben, was er verloren hat. Deshalb macht er sich auf den Weg zu ihnen und wird Mensch. Er will ihnen sagen, was  die Menschen zum Leben brauchen, die Freundschaft mit Gott. Die bietet Gott ihnen an. Wer sie annimmt, findet zum Leben. Wer sie annimmt, steht schon mit einem Bein im Himmel. Wenn Menschen sich ansprechen lassen von diesem Angebot der Freundschaft, wenn sie das Klopfen Gottes hören und ihm ihr Herz öffnen, öffnet sich die Himmelspforte. Paulus nennt diesen Vorgang Gnade, weil das ein Geschenk ist. Wer sich von Gott beschenken lässt, wird in den Himmel gehoben. Das geschieht durch die Liebe, die in seinem Leben Gestalt annimmt. Jetzt übernimmt nämlich Gott das Ruder meines Lebens. Er öffnet mir die Augen. Ich erkenne, was ich wirklich zum Leben brauche. Das macht den von Gottes Liebe beschenkten Menschen gelassen. Nein, es wird nicht einfacher im Leben. Christen lernen beides in diese Welt kennen, Freude und Leid. Aber sie müssen sich an den Gütern dieser Welt nicht mehr klammern. Das Gütesiegel ihres Lebens richtet sich nicht mehr nach materiellem Besitz, nach Erfolg und Leistung. Das Gütesiegel ihres Lebens wird ihnen in der Taufe aufgedrückt. Es ist die Liebe Gottes, von der wir leben und die wir weitergeben sollen. Das ist unsere Bestimmung. Gott hat uns dazu geschaffen, dass wir Gutes tun sollen, nicht damit wir in den Himmel kommen, sondern damit der Himmel zu den Menschen kommt.


Vom Himmel der Liebe hab ich eingangs gesprochen. Nicht unbedingt, weil das der Himmel ist, von dem Paulus spricht. Sondern weil wir mit diesem Wort eine Erfahrung beschreiben, die wir in diesem Leben machen, ob wir nun Christen sind oder nicht. Es ist die Erfahrung von etwas unbeschreiblich Schönem, das uns geschenkt wird, von Geborgenheit und Glück.. Der Brief an die Epheser will uns heute zum nachdenken anregen und auch zum träumen. Vielleicht erinnere ich mich an Momente im Leben, an denen es für mich war wie im Himmel. Momente der Liebe, der Lebensfreude. Träume dürfen wir haben, mit Siebzehn ebenso wie mit Siebzig. Träume von der Liebe und vom Leben. Die völlige Liebe hat Gestalt angenommen in Jesus Christus. Er hat gelebt, gelacht, gelitten, wie Menschen leben, lachen und leiden. Er hat sich immer zugleich geborgen gewusst in der Liebe Gottes, aus der ihm die Kraft zuströmt, um seinen Weg in dieser Welt zu gehen. Er hat uns eingeladen, seinem Weg zu folgen. Und er hat uns die Tür aufgetan, den Platz im Himmel bereit gestellt. Wer in der Freundschaft mit Gott lebt, lebt nicht weltfremd, aber himmelwärts. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 15.8.2021


Hören und Folgen. Predigt über 2. Mose 19,1-6 am 10.Sonntag nach Trinitatis 

Im dritten Monat nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, an diesem Tag kamen sie in die Wüste Sinai. Sie brachen auf von Refidim und kamen in die Wüste Sinai, und Israel lagerte sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge. Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der HERR rief ihm vom Berge zu und sprach: So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen: Ihr habt gesehen, was ich an den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

Der Aufstieg ist doch anstrengender als er sich das vorgestellt hatte. „Ich bin halt auch nicht mehr der jüngste…“ denkt er sich, während er eine Verschnaufpause einlegt und sich den Schweiß von der Stirn wischt. Der Mann, von dem ich spreche ist Mose. „Er stieg hinauf zu Gott…“ lesen wir heute von ihm. Mose sucht das Gespräch. Er sucht Klärung, Wegweisung für sich und das Volk. Deswegen steigt er hinauf auf den Berg, während das Volk unten am Fuß des Berges auf ihn wartet. Dort hat es sein Lager aufgeschlagen. Es ruht sich aus und fragt sich, wie es nun weitergehen soll. Das Gottesvolk braucht eine Pause, braucht Zeit, um innezuhalten, um Atem zu holen. Die Jahre der Sklaverei, reichlich gefüllt mit harter Arbeit, Schlägen und Demütigungen, haben die Israeliten endlich hinter sich gelassen. Vor drei Monaten sind sie aus Ägypten ausgezogen. Naja, eigentlich war es mehr eine Flucht, ein Aufbruch bei Nacht und Nebel. Es hat auch nicht lange gedauert, bis der Pharao ihnen seine Soldaten nachgeschickt hatte. Sie sollten die entlaufenen Sklaven wieder einfangen und zurückbringen. Und beinahe wäre es ihnen auch geglückt. Wir kennen die Geschichte von der wunderbaren Rettung am Meer. Ein starker Wind war aufgekommen und die Wasser sind zurückgegangen. Trockenen Fußes konnten die Israeliten das rettende Ufer erreichen, während die nachrückenden Soldaten in den Fluten umgekommen sind. Nun liegt ein weiter Weg vor ihnen. Die Wüste! Das ist nicht nur das öde, unwirtliche Land, das sich jetzt vor ihnen ausbreitete. Die Wüste wird zugleich auch zum Bild für die Zukunft, die vor ihnen liegt, ungewiss, bang und gefährlich. Wer weiß, ob alle das Ziel erreichen? Wer weiß, wie lange sich der Weg durch diese Wüste hinziehen wird, welche Gefahren dort auf sie lauern. Tage, Jahre, vielleicht ein ganzes Menschenleben wird diese Wanderung dauern, da kann einem Angst und Bang werden. Deshalb hat sich Mose die Mühe gemacht und den Aufstieg gewagt, während das Volk unten auf ihn wartet.

Vor etlichen Jahren hat Mose das schon einmal erlebt, dass ihm in der Einsamkeit der Bergwelt Gott begegnet ist. Damals war er selbst aus Ägypten geflohen, weil er einen Aufseher erschlagen hatte. Bei einem Priester hatte er Asyl bekommen, hatte geheiratet und ein neues Leben als Hirte begonnen. Beim Hüten der Herde, in der Einsamkeit der Bergwelt hatte Gott zu ihm gesprochen. Aus einem brennenden Dornbusch hörte er die Stimme, die ihm aufgetragen hatte, zurück nach Ägypten zu gehen, sein Volk aus der Gefangenschaft zu führen. Vielleicht denkt Mose beim Aufstieg zu Gott an diese Begegnung von damals. Klarheit will er jetzt bekommen, Klarheit für sich und sein Volk. Und Gott spricht wieder zu Mose. Er erinnert ihn an alles, was geschehen ist. Mose soll zurückschauen auf das Leben, auf sein eigenes und auf das seines Volkes. „Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe…“ sagt Gott zu ihm.  

Es tut gut, immer wieder innezuhalten, zu Gott zu gehen und auf den Lebensweg zurückzuschauen. Auch wir sollten das tun, immer wieder, vor allem, wenn wir Klarheit gewinnen wollen, wie unser Lebensweg weiter verlaufen soll. Wer keinen Berg in der Nähe hat, um hinaufzusteigen zu Gott, braucht sich deshalb den Kopf nicht zu zerbrechen. Gott ist überall zu finden, im Wald oder auf freier Flur, im sogenannten „stillen Kämmerlein“ zuhause oder hier in der Kirche. Gott wartet auf uns, um zu uns sprechen. Wir überhören ihn nur so häufig, weil wir uns die Mühe des Aufstiegs nicht machen wollen, weil wir die Stille nicht ertragen können, weil wir immer etwas tun müssen, immer eine Aufgabe haben, immer mit allem möglichen beschäftigt sind und Gottes Stimme dabei überhören. Innehalten sollen wir, wie Mose das getan hat und  gelegentlich zurückschauen auf unser Leben. Dann werden wir vielleicht ins Staunen kommen. Wir erkennen die Spuren Gottes, erinnern uns an alles, was er bereits an uns getan hat, wie er uns durch Zeiten der Not oder Bewährung getragen hat.

Dort oben, auf dem Berg, in der Stille, spricht Gott zu Mose. Er erinnert ihn, dass er sein Volk wie auf Adlerflügeln getragen hat. Dann verspricht er ihm etwas.  Gott mutet Israel zu, seinen schweren Weg zu gehen. Israel muss ihn nicht allein gehen. Gott geht ihn mit: „Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein…“  Ihr sollt ein Königreich von Priestern sein, sagt Gott zu Mose. Priester waren und sind Diener und Dienerinnen Gottes, die ganz auf Gott bezogen leben und von ihm alles erwarten und empfangen sollen. Gott will von seinem Volk, dass sie alles von ihm erwarten, das Land, in dem Milch und Honig fließt. Das ist ein bildhafter Vergleich, der das Leben in Hülle und Fülle umschreibt, das Leben, das Gott schenken will. Zum Gehorsam werden sie aufgerufen. Gehorsam  sein heißt bereit sein, auf die Stimme Gottes zu hören. Auf Gott sollen sie hören, erfährt Mose, dann können sie sich getrost auf den Weg in das neue Leben machen, selbstbewusst, nicht als kleiner, verängstigter Haufe ägyptischer Flüchtlinge, sondern als Volk des einen Gottes, das diesem Leben entgegen geht.

Mose steigt auf den Berg, um ein Hörender zu werden und ein Gehorchender, das ist einer, der hört und danach handelt. Auch Jesus zieht sich immer wieder von den Jüngern zurück und sucht die Einsamkeit, geht allein in die Wüste oder auf einen Berg. Er will sich dem Wort Gottes öffnen, hören auf das, was sein Vater ihm sagen will und dann danach handeln. Auch wir sollen hören. Was wir zu hören bekommen, will uns zum Leben helfen und den Weg weisen. Es ist ein Wort der Zuwendung, das Gott zu Mose spricht und heute auch zu uns. Gott will sein Volk auf Adlerflügeln tragen. Aber es muss bereit werden, sich auch tragen zu lassen. Wir sollen Hörende werden, das erwartet Gott von uns. Ich sage bewusst „wir“, denn das Wort, das an Mose und sein Volk gerichtet ist, dürfen auch wir uns sagen lassen. Lange nach Mose erhalten die Christen  in der Bedrängnis einen Brief, der dem Apostel Petrus zugeschrieben wird. Er will ihnen Mut machen und Trost spenden. In diesem Brief lesen wir von der Würde der Kinder Gottes. „Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, ein heiliges Volk, ein Volk zum Eigentum, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat aus der Finsternis in sein wunderbares Licht…“. Das gemeinsame Hören auf Gottes Wort verbindet uns mit dem Volk Israel. Durch die Taufe werden wir in das Volk Gottes aufgenommen, sind wir berufen ein Volk von Priestern zu sein, also Menschen, die ganz auf Gott bezogen leben und von ihm alles erwarten, Menschen, die auf ihn hören sollen. Es gibt kein altes und neues Gottesvolk, es gibt nur ein Volk Gottes, ein Volk von Hörenden, von Menschen, die auf das Hören, was Gott ihnen sagt und die sich den Weg zum Leben von ihm weisen lassen.

Die Geschichte von der Begegnung des Mose mit Gott auf dem Berg dient mir zur Stärkung meines Glaubens. Sie erinnert mich daran, dass ich nicht allein bin auf meinem Weg im Leben, so wie Israel nicht allein ins Gelobte Land gezogen ist. Unser Abschnitt erinnert mich daran, wozu ich berufen bin, wozu wir alle berufen sind. Ich darf und soll es wagen, immer wieder einmal den Berg hinaufzusteigen, hinauf zu Gott, um zu hören, was er mir sagen will. Ich darf und soll mich daran erinnern, dass ich Gottes Eigentum bin. Nichts und niemand anderes als Gott darf einen Anspruch an mich  und mein Leben stellen. Wenn wir die Bibel weiterlesen und den Weg Mose mit seinem Volk betrachten, dann erfahren wir, dass die Geschichte des Gottesvolkes auch eine Geschichte des Scheiterns, des Misserfolgs, der Entfremdung von Gott ist. Das Volk war ungehorsam. Immer wieder musste Mose die Stimme vor Gott erheben und Fürbitte einlegen für sein Volk, weil es hören auf das hören wollte, was Gott ihm zu sagen hatte, ebenso wie wir immer wieder Herz und Ohren vor dem Wort des Lebens verschließen. Als das Wort Fleisch geworden ist und zu den Menschen gesprochen hatte, wollten ihn viele nicht hören und haben ihr Herz vor dem Anspruch Gottes verschlossen. Auch wir scheitern immer wieder, versuchen uns, diesem Anspruch Gottes zu entziehen und nach anderen Gesetzen zu leben, nur nicht nach dem, was Gott uns ans Herz legt. Aber wir haben einen Fürsprecher im Himmel, der für uns eintritt. Das ist Jesus, unser Hoherpriester, wie ihn der Hebräerbrief nennt. Um seinetwillen zieht Gott sich nicht von uns zurück. Um seinetwillen will er uns  weiter tragen, wie auf Adlersflügen, wenn wir uns auf den Weg machen. Die Schwellen brauchen wir nicht zu fürchten, an die wir immer wieder im Leben geführt werden. Wir können sie getrost überschreiten und die Wege gehen, die Gott uns als sein Volk führen will. Am Ende werden sie uns ans Ziel führen, an den Ort, an dem Gottes Volk seinen Frieden findet. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, 8.8.2021, Altenstein


Worauf bauen wir auf? Predigt über Matthäus 7,24-27 am 9. Sonntag n. Trinitatis 


In Dänemark kann man seit Juli die größte Sandburg der Welt bewundern. 30 Menschen aus aller Herrn Länder haben daran gebaut. Fast 5000 Tonnen Sand, dem Lehm beigemischt war, wurde verbraucht, um ein außergewöhnliches Kunstwerk zu schaffen. Sandschaufeln haben da natürlich nicht gereicht. Da waren schon andere technische Geräte im Einsatz. Bis zum ersten Frost soll die Sandburg zu bewundern sein. Am Ende aber wird dieses Kunstwerk wohl kein anderes Schicksal ereilen wie das aller Sandburgen, auch der kleinen, die Kinder am Strand mit Schaufel und Eimerchen bauen, wenn sie mit ihren Eltern Urlaub am Meer machen. 


Dass aber auch stabile Häuser und tonnenschwere Brücken, Bahndämme und Straßen wie Sandburgen weggespült werden, dass sich kleine Bäche in reißende Ströme verwandeln, ganze Ortschaften verwüsten und Menschen obdachlos machen, diese Erfahrung mussten wir in den letzten Wochen machen, nicht nur in Deutschland, auch in den Nachbarländern und immer wieder trifft dieses Los bedauernswerte Menschen an vielen Orten der Welt. Vielleicht geht es ihnen so wie mir, die Bilder, die mir das Fernsehen ins Haus geliefert hat, stellen sich zwangsläufig ein, wenn ich das Gleichnis höre, von dem uns heute das Matthäusevangelium berichtet. Jesus erzählt von einem klugen und einem törichten Mann, die jeweils Häuser bauen. Das Haus des klugen Mannes ist auf Fels gebaut. Der andere Bauherr wird als töricht bezeichnet, weil er sein Haus auf Sand gebaut hat. Als nun ein Platzregen gefallen ist, als die Winde wehten und die Wasser stiegen, war’s um das Haus geschehen. Es ist eingestürzt. Hat er sich denn nicht denken können, dass ein Haus ein tragfähiges Fundament braucht? Eines, das den Elementen standhalten kann. Oder hat er die Warnungen ignoriert, mutwillig oder gleichgültig? Diese Gedanken liegen nahe. 


Die Künstler der Sandburg in Dänemark wissen, dass ihr Kunstwerk nicht lange Bestand haben wird. Menschen, die an Flüssen wohnen, rechnen immer wieder mit Hochwasser und stellen sich darauf ein. Die  jüngste Flutkatastrophe aber hat uns gezeigt, dass auch Häuser einstürzen können, die nicht nur auf Sand gebaut sind. Manchmal kann man den tobenden Elementen nichts oder nur wenig entgegensetzen.  


Aber Jesus erzählt das Gleichnis gewiss nicht, um uns zu vorausschauenden und weitsichtigen Bauen zu ermahnen. Ich sehe in dem Haus ein Symbol. Es ist für mich ein Ort, der mich aufnimmt, mich schützt und birg, ein Zuhause schenkt. Das Haus wird zum Bild für mein Leben. Und darum geht es heute. Es geht um das Lebenshaus und um sein Fundament. Worauf bauen wir unser Leben auf? Stehen unsere  Wünsche und Träume, unsere Hoffnungen auf festem Grund? Oder bauen wir auf Sand?


Mit der Lebensplanung ist es wie mit dem Hausbau. Man baut in der Regel nur einmal. Aber nie wird man fertig. Immer gibt es etwas zu ändern. Manchmal muss man auch Pläne korrigieren oder umschmeißen, umbauen oder anbauen. Trotzdem, das Fundament wird nur einmal gelegt.  Darauf kommt es an, dass es den Stürmen im Leben standhält. Das Gleichnis von den beiden Häusern erzählt Jesus am Ende der Bergpredigt. Das ist eine lange Rede. Sie handelt davon wie ein Leben unter Gottes Herrschaft in dieser Welt Gestalt annehmen soll. Die Bergpredigt beginnt mit einer Reihe von Seligpreisungen. Jesus sagt uns mit ihnen, wer sich glücklich preisen darf. „Selig sind, die da geistlich arm sind, denn ihrer ist das Himmelreich. Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden. Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen. Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden. Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen. Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen. Selig sind die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.“  

Die lange Bergpredigt schließt mit unserem Gleichnis vom Hausbau. Jesus sagt: „Wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute!“ Er meint damit nicht nur die Seligpreisungen. Er meint auch die andere Worte vom Verzeihen, von der Feindesliebe, vom Almosengeben, vom Beten, vom Vertrauen zu Gott. Das sind Verhaltensweisen, die Gültigkeit haben, bis heute. Das sind die Regeln für das Leben unter Gottes Herrschaft. Gott selbst hat diese Lebensregeln unterschrieben und in Kraft gesetzt durch die Auferweckung Jesu. Die Worte Jesu gelten. Wer sie hört und tut, ist klug. Wer meint, es anders und besser zu wissen, baut sein Leben auf Sand.


Vom Gericht ist in unserem Gleichnis  vom Hausbau ebenfalls die Rede, wenn auch nicht so direkt. Unerwartet kann es über uns hereinbrechen wie ein Platzregen oder ein Unwetter, eine Flutwelle, die alles fortspült.  Unser Leben kommt auf den Prüfstand. Die Bilder vom Wind und Regen und vom Sturm, der am Haus rüttelt, könnte man als Hinweise darauf deuten. Vielleicht werden wir uns schneller auf diesem Prüfstand wiederfinden als uns lieb ist! Dann wird sich zeigen, ob das, was wir aus unserem Leben gemacht haben, bestehen kann, ob wir selbst bestehen können oder ob alles in einem Trümmerhaufen endet.


Vielleicht geschieht das schon in diesem Leben, nicht erst irgendwann einmal, am Ende unserer Zeiten. Dann fegt ein Sturm über uns hinweg, rüttelt an den Grundfesten unseres Lebens, stellt in Frage, was wir geglaubt, gedacht, gehofft haben und manchmal hinterlässt dieser Sturm katastrophale Spuren. Dann stehen wir vor den Trümmern. Dann ist nichts mehr übrig geblieben von dem, was uns Großartig und Wichtig erschienen ist. Wir müssen unter Tränen zugeben, dass wir uns getäuscht haben, dass wir uns in etwas verrannt haben, dass nichts übrig geblieben ist von unserem Glück. Dann haben wir unser Leben „in den Sand gesetzt,“  wie die Umgangssprache sagt.  Wenn der Sturm über mich hinwegfegt, wird sich zeigen, was mich trägt, was mir hinüber hilft, in ruhigere Zeiten. Die Liebe eines Menschen vielleicht, mein Glaube, der mir Halt gibt, mein Vertrauen auf Gott! Im Sturm des Lebens wird offenbar, was mich trägt. 


Der reformierte Heidelberger Katechismus stellt gleich am Anfang eine entscheidende Frage an seine Leser. Ich hab sie schon öfters zitiert:„Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ Der Katechismus gibt auch gleich die Antwort dazu. „Dass ich mit Leib und Seele, im Leben und im Sterben nicht mein, sondern meines getreuen Heilands Jesu Christi eigen bin.“ Wer daran fest hält ist klug! Er weiss, was ihm bleibt, wenn alles hinfällig wird, was mir im Leben wichtig war, wenn alles vergeht, die Kraft, die Gesundheit, das Leben.


Im Gleichnis vom Hausbau geht es darum, was mich trägt und hält, im Leben und im Sterben, was mir Schutz und Geborgenheit schenkt, wie ein Haus. Jesus sagt: „meine Worte tragen dich – im Leben und im Sterben.“ Wer sie hört, wer ihnen vertraut, ist wie einer, der sein Haus auf Fels baut. Das ist eine Ermutigung, Ermahnung und Trost in einem. Dieser Jesus wird mich tragen, im Leben und im Sterben. Wenn auch alles vergeht im Sturm der Zeit, was mir wichtig war, die Worte Jesu halten allem stand, sie tragen durch Angst und Schrecken ebenso wie durch Zeiten der Freude und des Glücks. Sie tragen mich in das Leben, das Gott mir schenken will und das in den Worten der Bergpredigt skizziert wird. Ein Leben in Gottes Reich, unter seiner Herrschaft.


Ein Haus soll den Menschen zur Heimat werden. Schutz und Zuflucht soll es ihnen bieten und Sicherheit. Vom Lebens-Haus handelt das Gleichnis aus dem Matthäusevangelium. In der Taufe wird das Fundament für dieses Haus gelegt. Gott nimmt uns an. Er sagt uns, dass er uns liebt. Darauf können wir aufbauen. Dann wird unser Leben zum Haus mit gutem Fundament, ein Haus das einladend wirkt auf die Menschen, die daran vorbeigehen. Es wird zum Haus, aus dem die Lebensfreude seiner Bewohner leuchtet, ein Haus, in dem es sich leben lässt. Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 1.8.2021 


Keine Gardinenpredigt. Predigt über 1. Korinther 6,9 – 14.18-20 am 8.Sonntag nach Trinitatis 

Wissen Sie, was eine Gardinenpredigt ist? Der Begriff meinte ursprüngliche die Strafpredigt, die sich ein Mann von seiner Ehefrau anhören musste. Im Mittelalter sollen die Ehebetten durch Bettvorhänge, Gardinen, abgeschirmt gewesen sein. Wenn ein Mann also zu später Stunde angetrunken nach Hause kam und die Frau schon im Bett lag, durfte er sich durch die Gardine hindurch die Strafpredigt anhören. Das „Narrenschiff“ – eine Moralsatire aus dem 15. Jahrhundert – belegt diese Deutung, wenn auch der Begriff „Gardinenpredigt“ erst später erwähnt auftaucht.  Heutzutage trifft eine Gardinenpredigt nicht nur den Ehemann, sondern alle, die gelegentlich eine strenge Zurechtweisung nötig haben. Man kann auch Strafpredigt dazu sagen. Ehebett, ein betrunkener Ehemann, Strafe, da bin ich schon mitten im Thema. Eine deftige Gardinenpredigt des Apostels Paulus lesen wir heute im 1. Korintherbrief als Predigtabschnitt:


Wie kann jemand von euch wagen, wenn er einen Streit hat mit einem andern, sein Recht zu suchen vor den Ungerechten und nicht vor den Heiligen? Oder wisst ihr nicht, dass die Heiligen die Welt richten werden? Wenn nun die Welt von euch gerichtet werden soll, seid ihr dann nicht gut genug, über so geringe Sachen zu richten? Wisst ihr nicht, dass wir über Engel richten werden? Wie viel mehr über Dinge des täglichen Lebens. Wenn ihr nun über diese Dinge richtet, nehmt ihr dann solche, die in der Gemeinde verachtet werden, und setzt sie als Richter ein? Euch zur Schande muss ich das sagen. Ist denn gar kein Weiser unter euch, auch nicht einer, der zwischen Bruder und Bruder richten könnte? Sondern ein Bruder rechtet mit dem andern, und das vor Ungläubigen! Es ist schon schlimm genug, dass ihr miteinander rechtet. Warum lasst ihr euch nicht lieber Unrecht tun? Warum lasst ihr euch nicht lieber übervorteilen? Sondern ihr tut Unrecht und übervorteilt, und das unter Brüdern! Oder wisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Täuscht euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzendiener noch Ehebrecher noch Lustknaben noch Knabenschänder noch Diebe noch Habgierige noch Trunkenbolde noch Lästerer noch Räuber werden das Reich Gottes ererben. Und solche sind einige von euch gewesen. Aber ihr seid reingewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes. Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich. Die Speise dem Bauch und der Bauch der Speise; aber Gott wird das eine wie das andere zunichtemachen. Der Leib aber nicht der Hurerei, sondern dem Herrn, und der Herr dem Leibe. Gott aber hat den Herrn auferweckt und wird auch uns auferwecken durch seine Kraft. Flieht die Hurerei! Alle Sünden, die der Mensch tut, sind außerhalb seines Leibes; wer aber Hurerei treibt, der sündigt am eigenen Leibe. Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört? Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Donnerwetter! Diese Worte haben’s in sich. Ich stelle mir vor, wie still es gewesen sein muss, als der Vorsteher der Gemeinde von Korinth diese Worte aus dem Brief des Apostels vorgelesen hat – wahrscheinlich im Gottesdienst. Ich kann die Minen auf den Gesichtern der Zuhörer vor mir sehen – bedrückt, verärgert oder triumphierend. Die letzteren werden sich zurücklehnen, die Arme verschränken und zustimmend mit dem Kopf nicken. Recht so! Endlich nennt einer die unsittlichen Zustände in der Gemeinde beim Namen. Natürlich stehen s i e nicht auf der Liste der Ungerechten. Sie können die Strafpredigt mit einem wohligen Schauer genießen – so wie der Klassenprimus die Standpauke des Lehrers, die natürlich den anderen gilt.   Einige aber werden wohl unruhig auf ihren Sitzen hin und her gerutscht sein. Vielleicht, weil sie sich selbst angesprochen fühlen? Der Alkoholiker etwa. Trunkenbold nennt ihn Paulus. So eine Anrede tut weh. Ob Paulus ihn verstehen kann? Und wie geht es uns mit den Worten, die uns da um die Ohren gehauen werden. Fühlen wir uns überhaupt angesprochen. Trunkenbold! Ich doch nicht! Naja, der eine oder andere Schoppen zu viel, das kommt schon mal vor. Aber deswegen bin ich doch kein Trinker. Ein Lästerer, man wird doch wohl noch seine Meinung sagen dürfen! Manche finden es schick, sich lustig zu machen über andere. Sie übergießen alles und jeden mit ihrem Spott und halten sich dabei für geistreich.  Natürlich ist keiner von uns unzüchtig. Naja, die Gedanken sind frei. Und hinschauen darf man doch, wenn so ein hübsches Ding die Straße entlang flaniert, hinschauen und ein wenig phantasieren, was wäre wenn? 


Doch zurück zu unserer Gardinenpredigt, die natürlich nur den anderen gilt, den Korinthern zum Beispiel. Die  werden‘s wohl nötig gehabt haben. Und das, obwohl sie doch begeisterte Christen waren. In der Tat. Aber sie waren auch Kinder ihrer Zeit: sie besuchten den Gottesdienst und schätzen ihre heidnischen Philosophen. Sie waren offen für alles. Wenn es nur überzeugend vorgetragen wird. Und so kommt es, dass einige meinten, der Leib sei unbedeutend und ebenso die leiblichen Genüsse und Bedürfnisse. Angeblich soll es in Korinth einen besonderen Ort der Liebesdienste gegeben haben, einen Tempel. Der war der Göttin Aphrodite, der Liebesgöttin, geweiht. Im Auftrag der Göttin boten angeblich rund 1000 Prostituierte ihre Dienste an. Salopp gesagt: Sex als Gottesdienst. Na, wenn das nicht eine bestimmte, vor allem männliche Laufkundschaft anzieht! Wie gut, dass diese Zeiten vorüber sind, nicht wahr? Eine Versuchung weniger. Heute haben wir keinen Aphrodite – Tempel. Aber wir haben das Internet, in dem wir bestimmte Seiten anklicken können, wir haben Hotlines mit bestimmten kostenpflichtigen Telefonnummern und Chatrooms, wo freundliche Damen und Herren wohl auf die Phantasien und Wünsche ihrer Kunden gerne eingehen, wir haben Fernsehprogramme, deren Werbung man zur später nächtlicher Stunde besser nicht sieht. Und wir haben Meinungsmacher, die uns überzeugen wollen, dass das alles Okay ist. Schließlich gilt: ich bin ein freier Mensch, mein Leib gehört mir, Triebe sind etwas Natürliches, sie müssen ausgelebt werden und so weiter. 


Alles ist mir erlaubt! Diese Parole, die wohl manche Korinther mit einem Freibrief für Zügellosigkeit verwechselt habe, wird von Paulus nicht grundsätzlich abgelehnt. Wir sind freie Menschen. Das stimmt. Insofern gilt: alles ist erlaubt. Wir merken nur nicht, dass wir dabei sind, unsere Freiheit zu verlieren, wenn wir glauben, dass wir tun können, worauf wir gerade Lust haben. Paulus sagt deshalb: alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen nehmen. Wir sind dazu berufen, im Reich Gottes zu leben. Deshalb: setzt eure Berufung nicht aufs Spiel!  


Alles ist mir erlaubt, aber es dient nicht alles zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen nehmen! Diese Aussage des Apostels lädt mich ein, darüber nachzudenken, was mich im Alltag gefangen nimmt, im täglichen Leben, was mich von meiner wahren Berufung ablenkt oder abhält. „Lebt als Kinder des Lichts!“ sagt der Wochenspruch. Das ist unsere Berufung. Wir sollen Kinder des Lichts sein. Wir sollen Botschafter vom Reich Gottes sein. Die Götzendiener werden das Reich Gottes nicht erben, werden wir gewarnt.  Was aber sind eigentlich Götzen? Ich denke an das, was uns Martin Luther zum 1. Gebot ans Herz gelegt hat. Er schreibt: Es ist mancher, der meint, er habe Gott und alles genug, wenn er Geld und Gut hat. Er verlässt sich darauf und brüstet sich, damit so steif und sicher, dass er sonst auf niemanden etwas gibt…. Also auch, wer trotzig darauf vertraut, dass er große Kunst, Klugheit, Gewalt, Gunst, Freundschaft und Ehre hat, der hat auch einen Gott, aber nicht diesen rechten einzigen Gott. Darum sage ich noch einmal, dass die rechte Auslegung dieses (ersten) Gebotes sei, dass einen Gott haben heißt: etwas haben, worauf das Herz gänzlich vertraut." Worauf vertraut mein Herz. Vertraue ich Gott oder meinem Bankkonto? Vertraue ich meinem Aussehen, meiner Klugheit, meinen Beziehungen, meinem Erfolg?


Die Kinder des Lichts sollen ehrlich sein. Dazu gehört auch die ehrliche Selbsteinschätzung oder Selbstwahrnehmung. So gut bin ich gar nicht, wie ich immer geglaubt habe. Wir beginnen, uns in einem neuen Licht zu sehen –  uns und unseren Leib. Wir können den Leib nicht von der Seele trennen und die Seele nicht vom Leib. Der Mensch ist immer beides – Leib und Seele. Der Leib ist nichts Minderwertiges, das man vernachlässigen darf. Man darf ihn aber auch nicht entwürdigen. In den Augen des Apostels hat er einen hohen Stellenwert. Der Leib, so sagt der Apostel, ist der Tempel Gottes. Der Leib ist das irdische Zuhause der Seele. Deshalb sollen wir ihn wertschätzen. Die Laster, die Paulus aufzählt, sind Beispiele dafür, wie Seele und Leib missbraucht, wie sie ausgebeutet, verwundet und kaputt gemacht werden durch Geiz, durch Diebstahl, durch Treuebruch, durch eine Sexualität, die im anderen nur ein Objekt zur Triebbefriedigung sieht. 


Die Aufgabe der Christen als Kinder des Lichts ist es, den Menschen die frohe Botschaft zu bringen, die Botschaft, dass beides in den Augen Gottes wertvoll ist: die Seele und der Leib, die Botschaft, dass die Menschen als Kinder Gottes eine besondere Würde haben.  Gott sagt Nein zur Sünde und Ja zum Sünder. Als Kinder des Lichts sagen wir Nein zur Sünde, weil sie dem Glauben, der Hoffnung und der Liebe die Kraft zum Leben entzieht, weil sie unfrei macht und weh tut, den anderen, der durch die Sünde leidet und einem selbst, auch, wenn man es zunächst vielleicht nicht merkt. Christen sind die Kinder des Lichts, wenn sie ihren Glauben leben, wenn sie den anderen zeigen, worin die wahre Freiheit besteht, im Leben mit Christus und nicht im Ausleben der Triebe und der egoistischen Wünsche, mit denen ich meine Mitmenschen manchmal auch mich selbst erniedrige und demütige. In der Nachfolge Christi leben wir, wenn wir die Vergebung annehmen. Gott sagt Ja zum Sünder. Er will ihm vergeben. Er wartet darauf, dass wir zu ihm umkehren und uns von ihm in die Arme schließen lassen, so wie der verlorene Sohn sich in die Arme des Vaters geworfen hat. Das ist die Freiheit der Christen. Es ist die Freiheit, sich Gott restlos anzuvertrauen.


Wer in Christus frei geworden ist, kann sich aus alten Bindungen lösen. Befreiung geschieht, wenn wir von der Hoffnung erzählen, die uns Kraft zum Leben in der wahren Freiheit schenkt. Und wenn wir selbst auf diese Hoffnung hin leben. Gott aber hat den Herrn auferweckt und wird auch uns auferwecken durch seine Kraft. Mit diesen Worten umschreibt Paulus die Zukunft, auf die er seine ganze Hoffnung setzt. Eine Zukunft für Leib und Seele. Der Auferstandene Christus hat seinen Jüngern immer wieder die verwundeten Hände und Füße gezeigt. Sie sollten erkennen, dass ihnen kein Geist erscheint. Sie sollten erkennen, dass auch der Leib eine Zukunft bei Gott und deshalb eine Würde in der Gegenwart hat. Sie sollten erkennen, dass er heilig ist, das bedeutet: dass er Gott gehört. Und so sollten wir ihn behandeln – ehrfürchtig und mit Respekt, mit Liebe. Eine Gardinenpredigt müssen wir dann nicht fürchten. Und was viel wichtiger ist: wir müssen nicht fürchten, dass wir unser Leben verfehlen, das Leben, zu dem wir bestimmt sind. Das Leben, das Gott uns schenkt. Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein



Da ist einer, der für uns sorgt. Predigt über 1. Könige 17,1-16 am 7.Sonntag nach Trinitatis


Und es sprach Elia, der Tischbiter, aus Tischbe in Gilead zu Ahab: So wahr der HERR, der Gott Israels, lebt, vor dem ich stehe: Es soll diese Jahre weder Tau noch Regen kommen, ich sage es denn. Da kam das Wort des HERRN zu ihm: Geh weg von hier und wende dich nach Osten und verbirg dich am Bach Krit, der zum Jordan fließt. Und du sollst aus dem Bach trinken, und ich habe den Raben geboten, dass sie dich dort versorgen sollen. Er aber ging hin und tat nach dem Wort des HERRN und setzte sich nieder am Bach Krit, der zum Jordan fließt. Und die Raben brachten ihm Brot und Fleisch des Morgens und des Abends, und er trank aus dem Bach. Und es geschah nach einiger Zeit, dass der Bach vertrocknete; denn es war kein Regen im Lande. Da kam das Wort des HERRN zu ihm: Mach dich auf und geh nach Sarepta, das zu Sidon gehört, und bleibe dort; denn ich habe dort einer Witwe geboten, dass sie dich versorge. Und er machte sich auf und ging nach Sarepta. Und als er an das Tor der Stadt kam, siehe, da war eine Witwe, die las Holz auf. Und er rief ihr zu und sprach: Hole mir ein wenig Wasser im Gefäß, dass ich trinke! Und als sie hinging zu holen, rief er ihr nach und sprach: Bringe mir auch einen Bissen Brot mit! Sie sprach: So wahr der HERR, dein Gott, lebt: Ich habe nichts Gebackenes, nur eine Handvoll Mehl im Topf und ein wenig Öl im Krug. Und siehe, ich habe ein Scheit Holz oder zwei aufgelesen und gehe heim und will's mir und meinem Sohn zubereiten, dass wir essen – und sterben. Elia sprach zu ihr: Fürchte dich nicht! Geh hin und mach's, wie du gesagt hast. Doch mache zuerst mir etwas Gebackenes davon und bringe mir's heraus; dir aber und deinem Sohn sollst du danach auch etwas backen. Denn so spricht der HERR, der Gott Israels: Das Mehl im Topf soll nicht verzehrt werden, und dem Ölkrug soll nichts mangeln bis auf den Tag, an dem der HERR regnen lassen wird auf Erden. Sie ging hin und tat, wie Elia gesagt hatte. Und er aß und sie auch und ihr Sohn Tag um Tag. Das Mehl im Topf wurde nicht verzehrt, und dem Ölkrug mangelte nichts nach dem Wort des HERRN, das er geredet hatte durch Elia. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Was muss die Frau über diesen seltsamen Mann gestaunt haben. Vielleicht war sie auch verärgert über den Befehlston, in dem der Fremde zu ihr spricht. „Hole mir etwas Wasser im Gefäß, dass ich trinke!“ Es ist Elia, der so spricht. Die Frau ist Witwe. Das heißt in ihrer Zeit: sie muss selbst schauen, wie sie über die Runden kommt. Sie ist auf sich allein gestellt. Sie musste für sich und ihr Kind sorgen, ohne fremde Hilfe.Und das war zu jener Zeit alles andere als einfach. Und jetzt dieser Auftrag: „Hole mir etwas Wasser, dass ich trinke!“ Das Wort „Bitte“ scheint es im Wortschatz des Propheten nicht zu geben. Jedenfalls nicht gegenüber einer Frau. „Hol es dir selbst“, würde die Frau heute vielleicht sagen. „Hol es dir selbst, ich hab zu tun. Ich muss schauen, wie ich über die Runde komme, als alleinerziehende Mutter….“  Aber das sagt man in ihrer Zeit nicht. Schon gar nicht zu einem fremden Mann. Außerdem ist ihr das Gebot der Gastfreundschaft heilig. Und so gehorcht die Frau und bringt dem Mann das Wasser. Wie gut, dass überhaupt noch Wasser im Brunnen oder in der Zisterne  vorhanden war. Schließlich hat es schon seit Ewigkeiten nicht mehr geregnet. Die Frau kann  nicht wissen, dass dieser Mann in gewisser Weise mit der Trockenheit zu tun hatte. Er war es, der dem König im Auftrag Gottes diese unangenehme Botschaft überbracht hatte: „Es soll diese Jahre weder Tau noch Regen kommen, ich sage es denn.“  Danach sollte sich Elia an den Bach Krit zurückziehen, vielleicht um dem Zorn des Königs zu entgehen. Es handelte sich dabei wohl um ein Wadi, ein Flussbett, dass sich nach Regenfällen rasch füllt. Dort wird Elia versorgt. Er trinkt aus dem Bach, solange er noch Wasser führt. Raben bringen ihm Brot und Fleisch. Woher sie das haben, spielt keine Rolle. Gott sorgt für seine Diener. Immer wieder wird Elia das erfahren. Später zum Beispiel, als er in der Wüste unter einem Strauch liegt und nur noch sterben will. Da wird Gott einen Engel schicken mit Wasser und Brot. Doch das ist eine andere Geschichte. Jetzt sind es Raben, die ihn versorgen. Als der Regen ausbleibt trocknet auch der Fluss aus und Elia muss weiter ziehen. Er bekommt einen neuen Auftrag. Der führt ihn direkt zu einem der Menschen, die unter der Dürre zu leiden hatten. Das ist die Witwe, die mit ihrem Sohn in Sarepta lebt, ein Ort an der Küste zwischen Sidon und Tyrus, im heutigen Libanon.


Gott hat seine Drohung wahr gemacht. Der Regen bleibt aus. Unter der sengenden Sonne kann nichts wachsen, deshalb gibt es auch keine Ernte, bei der man helfen kann, es gibt keine Reste, die man vom Boden auflesen kann. Das war das Recht der Armen. Was die Schnitter übersehen haben, was heruntergefallen ist, durften sie auflesen. Doch jetzt bleibt der Korb leer. Dafür gibt es Hitze und staubtrockenen Boden und Hunger. Holz liest die Witwe auf. Dürres Holz, das sie vielleicht verkaufen oder selbst verbrauchen kann. Was sie findet ist zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig. Das sagt sie auch dem Propheten. Der gibt sich mit dem Krug Wasser keineswegs zufrieden. „Bringe mir auch einen Bissen Brot,“ ruft er ihr nach. Das ist zu viel für die Frau. Gastfreundschaft hin oder her. Sie macht ihrem Ärger Luft. „So wahr der Herr, dein Gott lebt!“ antwortet sie. „Ich habe nichts Gebackenes, nur eine Handvoll Mehl im Topf und ein wenig Öl im Krug. Und siehe, ich habe ein Scheit Holz oder zwei aufgelesen und gehe heim und will’s mir und meinem Sohn zubereiten, dass wir essen und sterben.“ 


Mich rührt die Not der Frau. Ich versuche, sie zu verstehen. Ihre Verzweif-lung, weil sie nicht für sich und ihr hungriges Kind sorgen kann und dann soll sie auch noch diesen fremden Mann bedienen. Elia nimmt die Worte nicht übel. Er hat Augen im Kopf. Ich stelle mir vor, wie er die Kummerfalten der Frau sieht, wie er die Traurigkeit wahrnimmt, als er in ihre Augen sieht und ihr Staunen, als sie seine Worte hört: „Fürchte dich nicht! Geh hin und mach’s, wie du gesagt hast. Doch mache zuerst mir etwas Gebackenes davon und bringe mir’s heraus; dir aber und deinem Sohn sollst du danach auch etwas backen. Denn so spricht der Herr, der Gott Israels: Das Mehl im Topf soll nicht verzehrt werden und dem Ölkrug soll nichts mangeln bis auf den Tag, an dem der Herr regnen lassen wird auf Erden.“ Und so kommt es dann auch. In der Bibel lesen wir: „Das Mehl im Krug ging nicht aus, und der Ölkrug wurde nicht leer, nach dem Wort des Herrn, das dieser durch Elia gesprochen hatte.“ 


Diese Geschichte stärkt mein Gottvertrauen. Gott sorgt für mich, aber ich merke das manchmal erst, wenn ich versorgt bin, wenn ich gegessen und getrunken habe, wenn ich nach der anstrengende Reise gut und wohlbehalten am Ziel angekommen bin, wenn die Medikamente gewirkt haben und die Krankheit ausgestanden ist, wenn die gefürchtete Prüfung bestanden ist. Dann schaue ich zurück und staune. Es war immer genügend da von dem, was ich gebraucht habe, um nicht auf der Strecke zu bleiben. Es war immer gerade so viel da, dass ich mein Ziel gut erreicht habe. Ich denke heute an die Opfer der Flutkatastrophe in unserem Land und in den Nachbarländern. Keine Trockenheit hat sie ins Elend gestürzt, sondern Wasserfluten, die über Ortschaften hereingebrochen sind und Menschen, Häuser, Existenzen fortgespült haben. Jetzt stehen viele vor dem Nichts. Sie können die Witwe wohl am besten verstehen, wenn die zum Propheten sagt, dass sie und ihr Sohn von dem Wenigen, das ihr noch bleibt, essen und dann sterben. Ich wünsche mir, dass sie auch die andere Erfahrung mit der Witwe teilen werden, die Erfahrungen, dass sie jetzt nicht allein gelassen sind, dass Hilfe ankommt, die versprochen ist, nicht nur materielle Hilfe, auch die andere, Trost und Stärkung, Hilfe und Ermutigung. Ich wünsche mir, dass diese Menschen ihren Weg zurück aus der Verzweiflung ins Vertrauen, aus der Erstarrung ins Leben finden, so, wie die Witwe aus Sarepta durch den Propheten Elia zurück ins Leben gefunden hat.„Das Mehl im Krug ging nicht aus, und der Ölkrug wurde nicht leer, nach dem Wort des Herrn, das dieser durch Elia gesprochen hatte.“   

Davon lebt unser Glaube, dass wir immer wieder ins Staunen kommen und feststellen: das Mehl ist nicht ausgegangen, der Ölkrug wurde nicht leer. Und es bleibt nun jedem überlassen, was er für sich persönlich an die Stelle von Mehl und Ölkrug setzt. Vielleicht ist es für die Menschen im Katastrophengebiet die Erfahrung, in dieser Zeit nicht allein und sich selbst überlassen gewesen zu sein, vielleicht ist es für sie zunächst die warme Decke, die Mahlzeit, das bergende Dach über dem Kopf, der Schlafplatz, die schnelle Hilfe fürs Erste und später die finanzielle Unterstützung beim Wiederaufbau. Wichtig ist, dass wir im Rückblick auf Erfahrenes und Erlebtes staunen, dankbar staunen und uns daran stärken, wie sich Elia an dem Wasser und dem gebackenen Brot gestärkt hat,  wie sich die Witwe und ihr Sohn gestärkt haben durch das Mehl und das Öl, das nicht ausgegangen ist, wichtig ist due Erfahrung, dass da einer ist, der die Hand über uns hält, der für uns sorgt. Zu dem sollen wir beten, wie es Jesus uns gelehrt hat: „Gib uns unser täglich Brot Tag für Tag“. Also: „Sorge für uns. Und sende uns einen wie Elia. Einen, der uns daran erinnert, was wir so nötig haben, wie das tägliche Brot, einen, der uns sagt: „Fürchte dich nicht! Geh deiner Arbeit nach, tu, was dir aufgetragen wird und vertrau darauf, dass du alles bekommst, was du dazu brauchst.“ Amen.


Pfarrer Stefan Köttig, 18.7.2021




Zuflucht in den Armen des Machtlosen. Predigt über Mt. 28,16-20 am 6. Sonntag nach Trinitatis


Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte. Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten. Und Jesus trat herzu, redete mit ihnen und sprach: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Ein Leben mit Jesus - für die Jünger waren das Wechselbäder der Gefühle. Immer wieder hin - und hergerissen waren sie zwischen Staunen und Zweifel, Freude und Fragen. Sogar nach seinem Tod ist dieser Jesus noch für Überraschungen gut. Die Frauen haben die Jünger aufgeschreckt. „Wir haben ihn gesehen!“ sagten sie. „Macht euch auf nach Galiläa. Er wartet dort auf euch!“ Da haben sie sich auf den Weg gemacht in ein Land, wo die Grenzen fließend sind, die Juden und Heiden voneinander trennen. Nach Galiläa sind sie gegangen, die Jünger. Ein Landstrich, für den die Frommen nur Verachtung übrig hatten, viel zu weit von der Heiligen Stadt entfernt, Provinz und irgendwie Ende der Welt. Nach Galiläa sollen sie gehen, sagten die Frauen. Er wartet dort auf euch! So steigen sie auf den Berg, der ihnen genannt wurde. Müde vielleicht, mit klopfenden Herzen und einer schwachen Hoffnung, es könnte stimmen, was die Frauen sagen.


In der Tat. Die Frauen haben Recht. Jesus lebt. Gott hat ihn auferweckt. Auf dem Berg sehen sie ihn und werfen sich in den Staub. Nur so ist seine Gegenwart zu ertragen. Hinfallen, das Gesicht in den Boden drücken, sich unterwerfen, sich ganz und gar  ausliefern, so betet man eigentlich nur Gott an und jetzt den, der von Gott kaum mehr zu unterscheiden ist, den Gottessohn. Mit dem Gesicht zur Erde hören sie den Auftrag, der bis heute gilt. Taufbefehl. Missionsbefehl. So steht’s in vielen Bibeln über dem Jesuswort, das die Jünger hörten. Kurz, bündig und missverständlich. Einem Befehl muss man gehorchen. Wer’s bleiben lässt, wird bestraft. Zum Befehl gehört irgendwie immer auch die Kasernenhofstimme, das Strammstehen und der Gleichschritt. Manche haben den Missions - und Taufbefehl so verstanden, so ausgeführt und sich versündigt.  


Am Boden liegen die Jünger, überwältigt von Gottesfurcht, Freude und Zweifel. So hören sie den Auferstandenen reden und sagen, was jetzt gilt: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum geht hin und macht zu Jüngern alle Völker: tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes und lehrt sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch, alle Tage, bis an der Welt Ende.“ 


Einen Auftrag bekommen die Jünger. Nicht einfach so. Eine Begründung geht voraus und ein Versprechen folgt. „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und  auf Erden...“ sagt Jesus. Wie mag sich der Jünger fühlen, der diese Worte hört - mit dem Gesicht auf dem Boden. „Mir ist gegeben alle Gewalt...“ sagt der Herr. Wie schön, wenn’s wahr wäre. Aber wie soll man das nur glauben. In Jerusalem reiben sich deine Gegner die Hände. Jesus, der unbequeme Streiter für Gottes - und Menschenrechte ist endlich aus dem Weg geräumt. Seine Anhänger sind versprengt und verschüchtert. Und der römische Kaiser lässt sich weiter als Gott verehren. Wahrscheinlich hat er deinen Namen längst vergessen, Jesus. Von den römischen Dichtern und Denkern kennt dich jedenfalls so gut wie keiner. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Nur die Namen sind andere. Und die Titel, hinter denen sich die Mächtigen heute verbergen. Tempel haben wir auch. Die Orte, von denen Weisung ausgeht, sind meistens nicht die Kirchen, sondern die Wirtschaftszentralen. Banken und Hochhäuser, nicht Dome prägen die „Skyline“, das Stadtbild der Metropolen. Und Götter haben wir auch. Die Götzen surfen durchs Internet. Die Seelenfänger arbeiten mit psychologischen Kniffen. Nur wer an den Fäden der Macht alles mitzieht, ist nicht mehr so klar. Einen Kaiser gibt es nicht. Dass die gewählten Politiker allein uns regieren, mag trotzdem niemand so recht glauben. Das trägt zur Angst bei. Über dieser Welt mit den Guten und den Schlechten darin liegt die Finsternis, der Schatten des Todes. Auch daran hat sich nichts geändert. In dieser Welt sterben die Guten und die Schlechten, manche früher, manche später. Weil das so ist, fällt das Glauben schwer und das Gottvertrauen. Heute wie damals. Wie soll man dir das nur abnehmen, Herr, dass dir alle Gewalt gegeben ist, im Himmel und auf Erden? 


Ob der eine oder andere Jünger so gedacht hat? Einer von denen, die im Staub liegen und  die Worte Jesu hören? „Einige aber, die zweifelten“,  schreibt der Evangelist Matthäus. Auch daran hat sich nichts geändert. Aber der Auferstandene will die Welt, in seine Gewalt bekommen! Die Welt mit allem, was in ihr ist. Alle Gewalt dem einen Gewaltlosen, der am Kreuz die Arme ausgebreitet hat. Deshalb bekommen die Jünger einen Auftrag. Sie sollen die Welt in die Gewalt des Gewaltlosen bringen. Oder sollte ich sagen, in die Arme des Gewaltlosen! Und das geschieht nicht durch Unterwerfung, sondern durch Verkündigung der frohen Botschaft. In der Gewalt Christi sein - wie kann das aussehen? In der Gewalt dessen sein, dem ein einfacher Knecht ins Gesicht schlagen durfte und mit dem die Soldaten ihren Schabernack treiben konnten, bevor sie ihn ans Kreuz nagelten. In der Gewalt dessen sein, der Hass mit Liebe beantwortet und Stolz mit Demut begegnet. Wie kann das aussehen?


Ich denke an Menschen, von denen die Evangelisten erzählen. Menschen in der Gewalt des Gewaltlosen, des Gottessohnes. Aufatmen konnten sie. Erleichtert waren sie. Das Herz ist fast zersprungen von Dankbarkeit und Lebensfreude. In der Gewalt des Gewaltlosen sein - das bedeutet: zur Hoffnung, zum Leben finden, wieder Boden unter den Füßen zu bekommen. „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden!“ sagt Jesus zu seinen Jüngern. Auf einem Berg hören sie diese Worte, an einem Ort wo Himmel und Erde verschwimmen, wo die Grenzen fließend sind. Alles soll sich bergen können in dieser Gewalt, die ganze Schöpfung, alle Völker sollen zum Leben finden, aufatmen können, dankbar sein. Zu dieser Gewalt passt keine eiserne Faust. Der Ohnmächtige, also der ein leben Lang ohne Macht war, will die Welt  in seine Gewalt oder sollte ich besser sagen: unter seine Herrschaft bringen. Ohne Macht sollen die Jünger sich aufmachen. Nichts sollen sie mitnehmen, wenn sie sich auf den Weg machen, nichts als das, was sie anhaben. Von der Gnade und Barmherzigkeit der anderen abhängig sollen sie sein und den Segen in die Häuser tragen. Wo sie nicht aufgenommen werden, sollen sie nicht bleiben. Sie sollen nur den Staub von den Füßen schütteln.  Das dürfen sie. Mehr nicht. Der Rest ist Sache des Herrn.


In die Gewalt des Gewaltlosen sollen die Jünger die Völker bringen, in die Obhut dessen, dem alle Gewalt gegeben ist im Himmel und auf Erden. Nicht anders soll das geschehen als mit etwas Wasser und einem guten, Wort, das Heil und Segen bringt, ein Machtwort der besonderen, der heilsamen Art. „Geht hin und macht zu Jüngern allen Völker: tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie halten alles, was ich euch befohlen habe.“ So will der Herr die Welt in seine Gewalt bringen, indem die Jünger mit den Menschen ins Wasser steigen und sie untertauchen. Und indem sie ein gutes Wort über sie aussprechen. Ein Wort, das viel mit sich bringt: Leben und Seligkeit. Deshalb ist es ein Machtwort. Ein Wort, das unter eine gute Herrschaft führt. Eine Herrschaft ohne Lug und Trug, eine Herrschaft in der nicht Beziehungen oder Seilschaften ans Ziel führen, sondern in der die Liebe alles ist und in der Menschen aufatmen können, weil sie zum Leben finden.


„Geht hin und tauft!“ wie gesagt: manche haben aus Jesus einen Feldwebel, einen Spieß, und aus seinem Auftrag ein Missions- und Taufkommando gemacht. So ist beides missbraucht worden. Der Auftrag zur Mission und die Taufe. Eine oberflächliche Mission, eine lieblose Taufe und gedankenloses Handeln der Diener Christi haben die Menschen misstrauisch und den Anspruch der Kirche hohl werden lassen. Vielleicht haben die Jünger deshalb nichts mitnehmen dürfen. Weil Besitzstände zu sehr ablenken. „Geht hin, tauft und lehrt die Völker. Und siehe, ich bin bei euch, alle Tage bis an der Welt Ende!“ Ein Versprechen aus dem Mund des Auferstandenen begleitet die Jünger. Es soll ihnen Mut machen. Denn einige zweifelten, heißt es. 


Ich sende euch nicht allein in die Welt! sagt Jesus. Das Wort gilt bis heute. Ihr seid nicht allein. Habt doch Vertrauen. Eine Herausforderung. Steht auf. Klopft euch den Staub von den Knien und geht los. Geht hinaus in die Welt. Tauft, lehrt und habt Vertrauen. Ich bin bei euch. Mit einem Versprechen endet das Matthäusevangelium. Was bisher nur im Heiligen Land gegolten hat, soll nun in die ganze Welt hinausgetragen werden. Ein schwerer Auftrag. Aber wir sind nicht allein. Wir brauchen die Kraft des Auferstandenen. Und wir werden sie bekommen. Einige aber zweifelten, sagt Matthäus. Es ist auch schwer. Es kostet Überwindung, sich ganz und gar in die Gewalt des Gewaltlosen zu begeben, sich auszuliefern. Obwohl die Jünger den Auferstandenen sehen und hören, zweifeln einige. 


Manchmal hat uns die Angst im Griff, vor allem, wenn wir erschrecken: vor den Mächten in dieser Welt, vor den Schatten des Todes, am meisten aber vor den Abgründen in uns selbst. Wie gut, dass wir da einen Beistand haben. Einen, der uns aufrichtet. Einen der bei uns ist. Alle Tage, bis ans Ende der Welt. Lassen wir sein Wort gelten: dass ihm alle Gewalt gegeben ist und dass er bei uns ist. Vielleicht spüren wir dann, wie seine Herrschaft in uns am Werk ist. Diese Liebe wird stärker. Unser Vertrauen wächst und wir finden zum Leben. Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, 11.7.2021




Firmenlogo oder Hoffnungszeichen? Predigt über 1. Korinther 1,18-25 am 5. Sonntag nach Trinitatis 


Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es Gottes Kraft. Denn es steht geschrieben (Jesaja 29,14): »Ich will zunichtemachen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.« Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht? Denn weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die da glauben. Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit,  wir aber predigen Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit; denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn die göttliche Torheit ist weiser, als die Menschen sind, und die göttliche Schwachheit ist stärker, als die Menschen sind. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


„Ich beneide euch um euer Firmenlogo!“ Mit diesen Worten trat vor einiger Zeit ein Firmenmanager vor eine Gruppe erstaunter Pfarrer und Pfarrerinnen. Etwas provozierend sah er in die verdutzt dreinblickende Runde. „Sie wissen doch alle, was ein Logo ist?!“ setzte er ein wenig spöttisch nach. Natürlich wollte sich da niemand eine Blöße geben. Ein Logo ist ein Zeichen, ein Symbol oder ein Schriftzug, mit dem sich eine Firma in der Öffentlichkeit präsentiert. Natürlich wussten sie das alle. „Ein gutes Logo bringt die Philosophie eines Unternehmens an den Mann und natürlich auch an die Frau“, dozierte der Manager selbstbewusst weiter. „Du siehst dieses Symbol und jeder weiß, welche Firma und vielleicht auch welches Produkt gemeint ist.“ Um welches Logo aber beneidet der Manager die Kirche? Sie können es sich denken, das Kreuz. Prägnant, schlicht und vielsagend sei es, meinte der Firmenmanager. Viele Geistliche tragen es am Revers ihres Anzugs. Jeder, der es sieht, weiß, welchen Berufsstand dieser Mensch angehört und dass man ihm vertrauen kann. Das Kreuz als Gütesiegel, als Qualitätsmerkmal für eine gute Sache?  


Heute steht das Kreuz auf dem Prüfstand. Wieder einmal, könnte man sagen und sich zu dem bekannten Wortspiel verführen lassen, dass  es  schon ein Kreuz sei mit dem Kreuz! Hat es vielleicht an Aussagekraft verloren? Zurzeit wird wieder einmal gegen das Kreuz in öffentlichen Schulen geklagt. Am 3. November 2009 entschied der europäische Gerichtshof, das Anbringen eines Kreuzes verletze die Religions – und Weltanschauungsfreiheit sowie das Elternrecht. Ausschlaggebend war die Klage einer in Italien lebenden finnischen Familie, die sich nicht damit abfinden wollte, dass ihr Kind dieses Zeichen an der Wand des Klassenzimmers ansehen musste, wenn es in die Schule ging, um etwas zu lernen. Die Empörung über das Urteil hat große Wellen geschlagen.


Wir kennen in Bayern einen ähnlichen Fall. Am 16. Mai 1995 hat das Bundesverfassungsgericht Teile der Bayrischen Volksschulordnung als verfassungswidrig erklärt. Bis dahin war das Anbringen von Kreuzen in den bayrischen Volksschulen behördlich angeordnet. Auch damals hat eine Klage von Schülern und Eltern die Gerichte bemüht. Das Gerichtsurteil hat zwar zu keinen gravierenden Änderungen im Schulalltag geführt. In den Klassenzimmern, in denen ich Religionsunterricht hielt, hing auch danach weiterhin ein Kreuz an der Wand, weil sich niemand daran gestört hatte. Wir leben eben am Land. An anderen Orten mag das nicht so selbstverständlich sein. Das Kreuz ist also umstritten. Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass ein Kreuz in Schulklassen oder Amtstuben hängt. Es ist ein Ärgernis. Menschen stoßen sich an dem Anblick und an der Botschaft, die sie mit dem Kreuz verbinden.


Am Kreuz scheiden sich die Geister, könnte man sagen. Das Kreuz war in der Antike die schlimmste, die qualvollste und schmählichste Form der Hinrichtung. Nach römischer Überzeugung durfte man zivilisierten Menschen (und das waren in erster Linie römische Bürger) diese Todesart nicht zumuten. So schreibt der römische Staatsmann und Philosoph Cicero:  „Was Kreuz heißt, soll nicht nur vom Leib der Bürger Roms fernbleiben, sondern auch schon von ihrer Wahrnehmung, ihren Augen und Ohren.“ Mit so etwas ekligem solle man sich also gar nicht befassen. Auch für fromme jüdische Gottesgelehrte war das Kreuz ein Ärgernis. „Verflucht von Gott ist, wer am Holz hängt!“ lesen wir in der Thora, dem Gesetz des Gottesvolkes. (5.Mose 21,23)  Wer am Kreuz stirbt, verliert weit mehr als nur sein Leben. Am Kreuz stirbt die Hoffnung. Wer am Kreuz hängt, von dem hat sich Gott abgewendet. 


„Das Wort vom Kreuz ist eine Gotteskraft!“ schreibt Paulus – wohl wissend, dass er mit dieser Meinung Widerspruch erntet, von Juden und Heiden gleichermaßen. Es ist ja auch eine unerhörte Herausforderung für den Verstand, für die Logik. Das Wort vom Kreuz erzählt vom Weg, den Gott gegangen ist. Das ist der Weg in die tiefste Erniedrigung, in die Schwachheit, dorthin, wo man Gott am wenigsten vermutet. „Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tod, ja, bis zum Tod am Kreuz“- mit dieser Aussage beschreibt ein uraltes Kirchenlied den Weg des Gottessohnes. Wir finden es nicht im Gesangbuch. Es steht im Philipperbrief im 2. Kapitel und wird dort von Paulus zitiert. Um die Menschen heimzuholen, um ihnen den Weg zurück in das Reich Gottes zu ermöglichen, verlässt Gott selbst den Himmel, steigt er vom Thron, entblößt er sich, gibt er sich selbst in die Hände der Menschen: als Kind in der Krippe, als angreifbarer Mensch ohne festen Wohnsitz, er  wird gefangen, gefesselt, erniedrigt, gedemütigt und schließlich stirbt er am Kreuz. Das Kreuz erinnert jetzt daran, dass Gott alles aufgegeben hat, was Menschen beeindrucken könnte. Das fordert uns heraus: auch wir sollen den Blick und das Herz abwenden von dem, was uns so beeindruckt. Macht und Stärke hinterlassen bei uns Eindruck, erzeuge aber häufig auch Angst und Furcht. Umfangreiches Wissen beeindruckt uns. Vor den geschliffenen Worten von brillanten Rednern von Dichtern und Philosophen verstummen wir ehrfürchtig. Paulus sagt uns, dort ist Gott nicht zu finden. Dem Mensch, der sich von Macht und Stärke beeindrucken und fesseln lässt, fällt es schwer, das zu begreifen. Ebenso schwer fällt es, die daraus folgende Mahnung ins Herz zu lassen: du musst alles loslassen, du musst alles aufgeben, was in dieser Welt so beeindruckend ist, du musst aus der Deckung gehen, dich angreifbar und verwundbar machen, damit Gottes Liebe dich erreichen und erretten kann! Wie schwer verständlich ist diese Botschaft von Gottes Nähe gerade in den Momenten, in denen die Schatten des Kreuzes auf mein Leben fallen, wenn ich krank bin, wenn ich alt und schwach und hinfällig werde, wenn ich sterben muss. Es ist schwer zu glauben, dass Gott nicht auf der Seite der Erfolgreichen und Sieger zu finden ist, sondern auf der Seite der Besiegten und Verlorenen. „Wo ist Gott?“ höre ich Menschen verzweifelt fragen, wenn sie unter einem Schicksalsschlag leiden. Es fällt ihnen schwer, die einzige Antwort zuzulassen, die ich ihnen geben kann: Gott steht an deiner Seite. Gott kommt dir in deiner tiefsten Not entgegen, um sie mit dir zu ertragen. Dafür steht das Wort vom Kreuz. Deshalb ist es für viele ein Skandal, ein Anstoß und ein Ärgernis – oder einfach nur Blödsinn, eine Torheit. Sie hätten lieber einen anderen Gott. Keinen, der unsere Schwäche mit uns teilt. Lieber einen, der von oben eingreift und die Dinge nach unseren Vorstellungen lenkt und regelt.


Wie wird das Wort vom Kreuz zur Gotteskraft, die dem Tod stand hält? Ich sehe mich bei diesen Worten am Sterbebett meiner Großmutter im Krankenhaus sitzen. Das ist jetzt schon mehr als zwanzig Jahre her. Ein langer Abend war das am Bett eines Menschen, der schon zu schwach war, um die Augen noch aufzumachen und aus eigenen Kräften zu atmen. Auf einmal aber nehme ich eine raschelnde Bewegung im Krankenbett wahr. Der Arm meiner Großmutter hebt sich, als ob er nach einem unsichtbaren Gegenstand in der Luft vor ihr greifen möchte. Da merke ich, dass sie mit ihren knochigen Fingern auf das Kreuz deutet, das in ihrem Blickfeld an der Wand gegenüber hängt. Mit viel Kraft und Mühe sehe ich, wie sie sich dann noch bekreuzigt, so wie sie es immer gewohnt war. Da weiß ich, was ich zu tun habe. Wir falten gemeinsam die Hände und ich spreche für sie das Vaterunser. Wenige Stunden darauf ist sie gestorben. Mit innerer Ruhe und Gottvertrauen. Das Kreuz, das ihr vor Augen stand, hat sie beruhigt. Es war eben kein Symbol des Todes und des Schreckens. Es war kein Zeichen von Qual und Erniedrigung. Es war vielmehr ein Zeichen der Hoffnung. Es hat daran erinnert, wo Gott zu finden ist: bei den Menschen, auf denen die Schatten des Todes gefallen sind. Und bei denen, die der Botschaft vertrauen, die von dem Kreuz ausgeht. Das Wort vom Kreuz bedeutet, dass kein Leid so groß ist, dass Gott seinen Weg zu uns nicht findet. Das Kreuz sagt: Gott ist bei dir und führt dich durchs Leiden und Sterben hindurch. Er führt dich hinein in das Leben. Nicht deine Bildung, nicht dein Geld, nicht deine Leistungen öffnen dir den Weg in das Leben. Es ist die Liebe Gottes, die im Gekreuzigten sichtbar wird für den, der ihm vertraut. Die Kreuze, die auf den Gräbern stehen, sind deshalb Zeichen der Hoffnung, weil sie davon erzählen, dass unser Weg ins Leben führt. Das Vertrauen, der Glaube, die Liebe öffnen uns den Weg, nicht unsere Beziehungen, nicht unser Wissen, nicht unsere Macht, nicht unsere Stärke.


„Ich beneide euch um euer Firmenlogo!“ sagte der Manager, sicher nicht nur, um zu provozieren. Was er wohl nicht bedacht hat: das Kreuz ist nicht das Markenzeichen einer Firma. Ebenso wenig wie der Glaube ein Produkt ist, das vermarktet werden soll. Das Kreuz ist das Hoffnungszeichen, das vom Leben erzählt. Dieses Leben wird nicht verkauft. Es wird verschenkt – aus Gnade. So sagt es der Wochenspruch: „aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben und das nicht auch euch: Gottes Gabe ist es.“ Dieses Geschenk wird uns ans Herz gelegt. Wir müssen es nur annehmen. Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, 4.7.2021


Barmherzigkeit lernen von Josef! Predigt über 1. Mose 50,15 - 21 am 4. Sonntag nach Trinitatis 

Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als man ihm solches sagte. Und seine Brüder gingen selbst hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Gerade haben wir miterlebt, wie ein Familiendrama zu Ende gegangen ist. Die Geschichte von Josef und seinen Brüdern  bietet kein Happy - End, wie in einem Film für einen gemütlichen Familienfernsehabend. Dennoch nimmt sie ein gutes Ende. Sie schließt versöhnlich. Nachlesen können wir alles im 1.Buch Mose, der Genesis. Die letzte Szene unseres Dramas spielt nach dem Tod des Vaters Jakob. Zum Begräbnis kommt die Familie zusammen. Dabei geht es, wie so oft im Leben, nicht nur um die letzte Ehre des Verstorbenen. Auch die Interessen der Hinterbliebenen kommen zur Sprache. Es gibt zwei Parteien. Da sind zum einen die Brüder. Und da ist Josef. Er hat ohne Zweifel die besseren Karten im Ärmel. Da ist seine Position. Das letzte Kapitel unserer Geschichte spielt nicht im Heiligen Land, der Heimat von Josef und seinen Brüdern, sondern in Ägypten. Dort ist Josef jetzt ein einflussreicher Mann. Er steht in der Rangfolge gleich hinter dem Pharao. Er lenkt die Geschicke des Landes. Es braucht nur einen Handwink von ihm und die Brüder sitzen im Gefängnis oder sie werden einfach einen Kopf kürzer gemacht, ohne dass ein Hahn nach ihnen kräht. Das wissen sie, deshalb haben sie Angst.


Ihre Angst ist nicht unbegründet. Sie haben Josef Unrecht getan, schweres  Unrecht. Von Eifersucht getrieben haben sie ihren jüngeren Bruder überfallen, gefesselt und an Sklavenhändler verkauft. So ist Josef nach Ägypten gekommen. Aber Gott hat ihn nicht im Stich gelassen. Es ist ein Weg über Höhen und Tiefen, den Josef gehen musste. Er wird Sklave im Haus eines Ministers, landet im Gefängnis und kommt schließlich an den Hof des Pharao, weil es ihm gelingt, die Träume des Herrschers zu deuten. Josef warnt den König vor einer bevorstehenden Hungersnot. Der Pharao erkennt die Weitsicht und Begabungen des jungen Mannes. Deshalb macht er ihn zu seinem Beauftragten. Josef legt Vorräte für das ganze Land an. Er heiratet und wird selbst ein reicher, angesehener Mann. Als die Hungersnot über das Land hereinbricht, muss niemand im Volk darben. Als die Vorräte auch in der Heimat knapp werden, schickt Josefs Vater Jakob die Söhne nach Ägypten. Sie sollen dort Vorräte kaufen. Sie ahnen ja nicht, wem sie dort begegnen werden. Sie treten vor Josef als Bittsteller, ohne ihn zu erkennen, so sehr hat er sich verändert. Nach einigen Begegnungen und Prüfungen gibt sich Josef  seinen Brüdern zu erkennen. Er holt seine Familie zu sich nach Ägypten. Dort kann Jakob seinen Lieblingssohn noch in die Arme schließen, bevor er stirbt.


Nach Jakobs Tod bekommen es die Brüder mit der Angst zu tun. Die Schuld steht zwischen ihnen und Josef. Hat er die Rache vielleicht nur aufgeschoben, um seinen Vater zu schonen? Wird sie jetzt die verdiente Strafe um so härter treffen? Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Josef können sie nicht mehr unbefangen gegenübertreten. Die Brüder Josefs sind von Angst erfüllt, Misstrauen und Argwohn sind ihnen zur Natur geworden. Weil sie ihren arglosen Bruder betrogen, verkauft und einer ungewissen Zukunft ausgeliefert haben, rechnen sie mit einer Vergeltungsmaßnahme, vielleicht, weil sie selbst so an Josefs Stelle gehandelt hätten. Diese Schuld steht zwischen ihnen und Josef, sie vergiftet das Herz, verbittert die Seele und lässt ihnen keine Ruhe mehr.


Jetzt suchen sie nach rettenden Strohhalmen. Wenn sie nur mit einem blauen Auge davon kommen! Da ist jedes Mittel recht. Da muss sogar noch der tote Vater für eine Lüge herhalten. „Dein Vater befahl vor seinem Tod und sprach, so sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben…“  „Dein Vater“ sagen sie zu ihm, nicht „unser Vater“.  Dass ihr eigner Bruder für sie noch irgendwelche  Gefühle übrig hat, wollen sie selbst  gar nicht mehr glauben. Schließlich schieben sie auch Gott noch vor, um einer gerechten Strafe zu entgehen. „Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters.“


Als Josef sie so reden hört, weint er. Vielleicht, weil er den Abstand fühlt, den unüberwindbaren Graben, er sich zwischen seinen Brüdern und ihm auftut? Schließlich weiß er um die Schuld seiner Brüder. Josef  spricht harte, deutliche Worte. „Ihr  gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen…“  Da wird nichts unter den Teppich gekehrt. Weil der Teppich mit der Zeit Löcher bekommt und alles, was darunter verborgen ist, wieder hervor scheint. Es ist wahr, sie haben Grund, sich zu fürchten und zu schämen. Und dennoch, Josef stellt ihr und sein Leben, stellt ihre Schuld und sein Schicksal unter Gott. „Stehe ich denn an Gottes Statt,“ fragt er. Gott hat in dieser Angelegenheit das letzte Wort. Und Gott hat sein Wort gesprochen. Josef  und seine Brüder, waren Teil des göttlichen Planes, der auf Leben und auf Rettung ausgerichtet war. „Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk…“ So hat Gott die  böse Tat der Brüder zum Guten gewendet. Josef musste nach Ägypten, um für seine Familie, ja für das ganze Gottesvolk Vorsorge zu treffen für die Zeit der Not. Gott hat ihm zu seinem Recht verholfen. Er hat ihm ihm eine Familie, ein Zuhause, die Liebe und Hochachtung seines Königs und seines Volkes geschenkt.Wie könnte er sich da zum Richter über seine Brüder machen ?


Die Geschichte von Josef und seinen Brüdern wird zum Appell an die Barmherzigkeit. „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist…“ hören wir Jesus im Evangelium für diesen Sonntag sagen. Josef gibt uns ein Beispiel, wie Barmherzigkeit sich auswirkt. Da wird nichts beschönigt. Leid, Unrecht und Schmerz kommen zur Sprache. „Ihr gedachtet es böse zu machen…“ Daran lässt Josef keinen Zweifel. „Aber, stehe ich an Gottes Stelle?“ Josef überlässt Gott das Gericht und erlaubt sich Barmherzigkeit. Was für ein Zeichen der Demut. Josef stellt sich unter Gottes Obhut. Es ist die Liebe, die nicht nur das Herz, sondern auch den Blick weitet. Er erkennt den tieferen Sinn in seinem Weg. Gott hat ihn diesen Weg geführt, um sein Volk zu retten. Auch, wenn er ihm selbst nicht den Schmerz erspart hat, die Angst vor dem Tod, das Heimweh in der Fremde, den Aufenthalt im ägyptischen Kerker, so hat er doch auch Schutz und Bewahrung erfahren. Josef hat nicht nur Karriere gemacht, er hat auch das Glück in Ägypten gefunden. Josef selbst starb als gesegneter und glücklicher Mensch. Dennoch hat er nie vergessen, wo er hingehört. Bei seinem Tod hat er seinen Nachkommen das Versprechen abgenommen, die Gebeine einmal nach Hause zu bringen, ins Heilige Land. Der Glaube und das feste Vertrauen auf seinen Gott bewahrten Josef vor Bitterkeit und davor, dass das Herz hart wird. Der Glaube und das feste Vertrauen darauf, in allem, was geschieht bei Gott geborgen zu sein, haben ihn barmherzig sein lassen. „Ihr gedachtet, es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte, es gut zu machen…“ sagt Josef und reicht die Hand zu Versöhnung. Mir fällt auf, dass die Brüder auch am Ende der Geschichte nicht in der Lage sind, um Vergebung zu bitten. Sie möchten einen Schlussstrich ziehen, gewiss. Aber es gelingt ihnen nicht. Denn zur Versöhnung gehört das Bekenntnis der Schuld. „Irgendwann muss einmal Schluss sein…“ Mit diesem Satz bin ich aufgewachsen. Gesagt haben ihn die Angehörigen der Generation meiner Großeltern und Eltern. Sie wollte nichts mehr hören von dem Unrecht, das von deutschen Boden einmal ausgegangen ist, ich meine den Krieg und den Holocaust. „Irgendwann muss einmal Schluss sein… „Ich selbst bin der Meinung, dass nur diejenigen einen Schlussstrich ziehen dürfen, die auf Josefs Seite stehen, die erlitten haben, was Josef erlitten hat. Aber dieser Josef macht mir Mut, auch im Blick auf die Brüder und ihr Schicksal. Denn Josef beschließt, dass tatsächlich der Moment gekommen ist, um die Hand zu reichen, um Versöhnung anzubieten. „Stehe ich an Gottes Statt,“ fragt Josef. Er reiht sich für mich mit diesem Wort und dieser Geste ein in die Reihe der vielen, die auf den anderen hinweisen, der tatsächlich an Gottes Statt steht: Jesus Christus. Wir wissen von seinem Leben, von seinem Leiden und Sterben. Er trug unsere Schuld ans Kreuz, so bekennen wir. Er stiftet Versöhnung und schenkt Frieden, uns, den Menschen, die sich immer wieder gerne herauswinden und ihr eigenes Schicksal  schönreden und Schuld relativieren möchten.


Die Geschichte von Josef und seinen Brüdern wird zur Rettungsgeschichte. Sie erzählt von der Rettung eines Volkes und bekommt darüber hinaus eine weitere, universale Deutung. Sie erzählt jetzt nicht nur, wie Gott sein Volk vor einer Hungersnot rettet. Sie wird zum Gleichnis, zum Vorwort zur Geschichte Jesu, dem Gottessohn, der menschgewordenen Barmherzigkeit. Die Geschichte Jesu erzählt, wie Gott die Welt rettet. Er wendet sich der Welt zu. Er schickt seinen Sohn in die Welt, um ihnen den Weg in die Heimat, in Gottes Reich zu ebnen. In dieser Geschichte nehmen wir unseren Platz ein. Die Taufe stellt uns hinein in die Heilsgeschichte Gottes. Sie verbindet uns mit Jesus Christus, der uns die Hand reicht.  Nehmen wir uns an Josef ein Beispiel. Seine Geschichte wird zum Lehrstück für die Barmherzigkeit. Er hat seinem Gott vertraut. Ein Gott, der sich den Menschen zuwendet. Ein barmherziger Gott. Vertrauen wir diesem Gott, auch, wenn wir ihn oft nicht verstehen. Überlassen wir ihm das Urteil darüber, was gut und schlecht ist in unserem Leben und im Leben der anderen. Vertrauen wir darauf, dass er unsere Geschichte  zum guten Ende bringt, mit den Fragen, die darin gestellt werden, mit den Tränen, die vergossen werden, aber auch mit der Hoffnung, die wir haben - vertrauen wir um Jesu Christi willen und wagen wir den Schritt zur Barmherzigkeit, wenn Barmherzigkeit von uns gefordert wird. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 27.6.2021



Verloren und Gefunden. Predigt über Lukas 15,1 - 16 am 3. Sonntag nach Trinitatis zur Konfirmation in Hafenpreppach 


Es nahten sich ihm aber alle Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. Und die Pharisäer und die Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen. Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eines von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er's findet? Und wenn er's gefunden hat, so legt er sich's auf die Schultern voller Freude. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen. Oder welche Frau, die zehn Silbergroschen hat und einen davon verliert, zündet nicht ein Licht an und kehrt das Haus und sucht mit Fleiß, bis sie ihn findet? Und wenn sie ihn gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: Freut euch mit mir; denn ich habe meinen Silbergroschen gefunden, den ich verloren hatte. So, sage ich euch, ist Freude vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Lange Zeit habe ich ein schlichtes, kleines Kreuz um den Hals getragen. Es es gehörte meiner Mutter. Sie hat es zur ihrer Konfirmation geschenkt bekommen. Damals tobte der zweite Weltkrieg in all seiner Härte und Grausamkeit. An diesem Palmsonntag im Jahr 1944 sind alle, die Kinder ebenso wie die Erwachsenen, mit einem recht bangen Gefühl zur Kirche gegangen. Die Luftangriffe häuften sich. Was, wenn während des Gottesdienstes auf einmal die Sirenen zu heulen beginnen? In solchen Zeiten der Not trösten die kleinen Zeichen, an denen man sich festhalten kann. Dieses kleine Kreuz war so ein Rettungsanker, zuerst für meine Mutter und später auch für mich, als sie es mir vermacht hatte. Ich trug es stets an einer kleinen Kette um den Hals, wenn ich unsicher war, dann konnte ich doch das Kreuz spüren. Das hat mir dann wieder etwas Ruhe und Sicherheit geschenkt, bis … ja bis es auf einmal weg war. Der Verlust ist mir zunächst gar nicht aufgefallen. Als ich ihn bemerkt hatte, war der Schreck groß und ebenso der Kummer. Für mich war es unersetzbar, nicht das Silber, die Erinnerungen haben es wertvoll gemacht. Nun hatte ich es verloren. Wie konnte das nur passieren? Natürlich suchte ich das ganze Haus gründlich ab, Zimmer für Zimmer und wurde immer verzweifelter. Vergeblich. Schließlich musste ich mich mit dem Verlust abfinden. Schade.


Und dann geschah ein kleines Wunder. Nach ein paar Tagen habe ich es wiedergefunden. Es lag auf dem Fußboden, an einer Stelle, wo ich im Traum nicht gedacht habe, hinzuschauen. Ihr könnt euch vorstellen, dass mein Herz einen Trommelwirbel geschlagen hat, als ich es auf dem Boden liegen sah. Es war wieder da, mein Kreuz! Ich hatte es wiedergefunden. Seitdem bewahre ich es in einer kleinen Schmuckdose auf. Ich möchte es nicht noch einmal verlieren. Den Hirten und die Frau aus dem Gleichnis kann ich jetzt aber gut verstehen. Die Frau hat einen Silbergroschen verloren, so übersetzt Luther das Wort. Gemeint war wohl einen Denar oder eine Drachme. Für einen Silbergroschen musste man einen ganzen Tag arbeiten, vom Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Kein Wunder, dass die Frau das ganze Haus auf den Kopf gestellt hat. Als sie das verlorenen Geldstück wiedergefunden hatte, wollte sie gleich ihre Nachbarinnen verständigen. „Freut euch mit mir; der Groschen ist wieder da“, jubelte sie und alle haben sich mit ihr gefreut.


Jeder von uns hat sicher auch schon einmal so etwas erlebt, hat etwas verloren und wiedergefunden und sich dann riesig gefreut. Es sind Beispiele aus dem Alltag, die Jesus aufgreift, wenn er den Menschen etwas über Gott sagen will. Jesus erzählt heute vom verlorenen Schaf und vom verlorenen Geldstück. Damit konnten die meisten seiner Zuhörer etwas anfangen. Ein Schaf stellte einen bestimmten Wert dar. Wenn ein Hirte ein Tier aus seiner Herde verlor, musste er es dem Besitzer erstatten. Ein wirklich guter Hirte hing außerdem an seinen Tieren, auch, wenn sie ihm nicht persönlich gehörten. Auch das können wir gut verstehen. Jeder, der ein Haustier hat, macht sich Sorgen, wenn es krank oder auf einmal verschwunden ist. Nicht umsonst hängen immer wieder Steckbriefe von entlaufenen Hunden oder vermissten Katzen an Bäumen, Gartenzäunen oder Plakatwänden. Wenn ein lang vermisstes Tier endlich wieder auftaucht, vielleicht sogar eine lange Strecke nach Hause zurückgelegt hat, wird nicht selten sogar in der lokalen Nachrichten darüber berichtet.


Gott geht es genauso, sagt Jesus heute im Gleichnis. Er freut sich. Wir sind seine Schafe und seine Silbergroschen. Keine Ruhe lässt ihm dass, wenn ein’s davon verloren geht. Wenn es aber wiedergefunden wird, tanzt Gott mit den Engeln im Himmel, so groß ist die Freude. Gott zeigt Gefühle! Der Gott der Bibel, an den wir glauben, ist nicht so wie ihn sich manche Philosophen später vorgestellt haben. Die glaubten an einen Gott, der in sich ruht, der über allem steht, den nichts aufregt und der die Welt sich selbst überlässt. Das Gegenteil ist der Fall. Die Bibel ist voll von Beispielen für göttliche Gefühlsausbrüche. Gott kann zornig und traurig sein. Er klagt über die Untreue seines Volkes und er ist fröhlich über jeden, der zu ihm zurückfindet. Martin Luther hat einmal gesagt, Gott ist wie ein glühender Backofen voller Liebe, der von der Erde bis zum Himmel reicht. Es ist die Liebe, die Gott so sein lässt, wie er ist.


Von der Freude Gottes erzählt Jesus heute. Wenn etwas verloren scheint, woran sein Herz hängt, sucht Gott so gründlich danach, wie der Hirte das Schaf sucht oder die Hausfrau den Silbergroschen. Zu diesem Gott sollt ihr euch heute bekennen. Wir liegen Gott am Herzen. Der Mensch ist ein Schmuckstück Gottes. Unendlich wertvoll sind wir. Auch du und ich. Wenn eines davon verloren geht, gibt Gott keine Ruhe, bis er es wieder gefunden hat. Er verlässt den Himmel und macht sich auf die Suche. Er wird Mensch, um zu suchen und zu finden. Die Bibel beschreibt, wie er die Menschen sucht und findet, die Aussätzigen, die niemand anschauen mag, die Sünder, von denen sich die Frommen fern halten, die Gelähmten, die aus eigener Kraft nicht aufstehen können, den Steuereintreiber Zachäus, der auf den Baum geklettert ist, sogar die Toten, wie den alten Freund Lazarus oder die Tochter des Synagogenvorstehers Jairus, kurz, alle, die von den Menschen aufgegeben wurden, alle, für die es keine Hoffnung mehr zu geben schien, hat er gesucht, gefunden, aufgehoben, geheilt, heim zu Gott gebracht. Deshalb sagt Jesus heute im Wochenspruch von sich: „Ich bin gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist…“

Verloren? Wie kann das geschehen, dass man verloren geht? Ich denke noch mal an mein kleines Kreuz. Ich hab nicht aufgepasst und schon war es weg. Nun ist es bei uns nicht so, dass Gott uns verliert. Aber wir können Gott schon verlieren. Wir verlieren ihn aus den Augen und aus dem Herzen. Das geht oft schneller, als wir meinen. Wir werden im Alltag so oft abgelenkt von den schönen und interessanten Dingen, von Aufgaben und Wünschen. Die nehmen uns vollkommen in Beschlag. Wir wollen unseren Schulabschluss machen, wir wollen eine Lehre antreten, wir verlieben uns, wir wollen eine Familie gründen, ach, es gibt so vieles, dass an und für sich nicht schlecht ist. Nur manchmal vergessen wir darüber den Gott, von dem wir alles haben und der uns alles schenken will.  Wir sagen, um ein gutes Leben zu führen ist der Schulabschluss wichtiger als alles andere. Um ein gutes Leben zu führen, muss ich einen sicheren Job haben. Um ein gutes leben zu führen, möchte ich eine Familie gründen. Dann sind wir so sehr damit beschäftigt, diese Ziele zu erreichen, dass wir vergessen, von wem wir alles haben und wer uns ein gutes, gesegnetes und gelingendes Leben schenkt. Wir meinen, wir müssen alles allein schaffen, aus eigener Kraft. Wir vergessen, dass wir in Wahrheit alles von ihm bekommen und dass wir alles von ihm erbitten können. Am Anfang mag das gar nicht auffallen, dass wir darüber Gott vergessen. Aber irgendwann einmal merken wir, wie einsam wir auf diese Weise geworden sind. Dass geschieht meist, wenn alles aus dem Ruder läuft, wenn der Erfolg ausbleibt, wenn eine Freundschaft zerbricht oder eine Ehe, wenn die Lebensträume nicht wahr werden wollen, dann stehen wir da und fühlen uns mutterseelenallein, dann sind wir  wie das Schaf, das in der Dornenhecke hängen geblieben ist und sich allein nicht befreien kann oder wie der Silbergroschen, der herunterfällt und unter den Schrank rollt, wo ihn niemand sieht.  Wie gut, dass sich Gott auf den Weg macht zu uns, wenn wir uns verloren fühlen, wie gut, dass er uns sucht und findet. Wenn wir am Boden liegen, so wie mein kleines Kreuz oder der  Silbergroschen, wenn wir uns verirrt haben, wie das Schaf im Gleichnis, dann kommt er selbst, er bückt sich und hebt uns auf und trägt uns ins Leben. Deshalb müssen wir uns suchen und finden lassen.


Was würde das sein, wenn das Schaf sagt, ich mag mich nicht finden lassen? Oder wenn das Geldstück sagen würde, hier in der dunklen Ecke sieht mich niemand, hier fühle ich mich wohl. Das würde wohl keinen Sinn machen. Das ist gewiss die Herausforderung, die große Aufgabe an uns selbstbewusste Menschen, dass wir uns suchen und finden lassen. Und gewiss hilft es, wenn wir nach Gott rufen. So wie das Schaf nach dem Hirten ruft. Wir nennen das Beten. Gott sucht uns. Er vermisst uns und will uns bei sich haben. Er kommt und macht uns keine Vorwürfe, wenn er uns endlich findet. Im Gegenteil. Er wendet sich uns zu. Er beugt sich zu uns herab und hebt uns auf, er drückt uns ans Herz und jubelt vor Freude. Es ist das Leben in Hülle und Fülle, das er uns schenken will, ein gelingendes Leben will er uns schenken. Ein Leben in der Freude. „Du bist mein geliebtes Schmuckstück, du bist mein Schatz“, sagt uns Gott heute, „wie froh ich doch bin, dass ich dich wiederhabe.“ Wie merke ich das, dass Gott kommt und mich aufhebt, dass er mich ans Herz drückt und sich freut? Das müsst ihr selbst herausfinden. Ich kann euch aber versprechen, dass ihr es merken werdet. 


Lassen wir uns suchen und finden von dem Gott, der uns das Leben schenken will. Verstecken wir uns nicht. Sich finden lassen geht ganz einfach. Wir sagen Gott, dass wir an ihn glauben und wir bitten ihn, dass er in unser Leben kommt. Wir sagen es an jedem Sonntag im Gottesdienst. Und heute sagt ihr es auf eine besondere Art und Weise. „Wollt ihr unter Jesus Christus, euren Herrn leben und im Glauben an ihn wachsen,“ werdet ihr später gefragt. Die Antwort haben wir eingeübt. Aber sie soll von Herzen kommen: „Ja, mit Gottes Hilfe!“  Wir sagen nicht nur ja. Wir sagen Ja, mit Gottes Hilfe. Und Gott kommt und Gott wird helfen. Und noch etwas wird geschehen. Die Freude wird groß sein, im Himmel bei den Engeln aber auch schon hier bei uns auf der Erde. Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 20.6.2021

 


Barmherzig sein. Gedanken über die Jahreslosung aus Lukas 6,36 zur Konfirmandenbeichte 2021 


Es ist Juni. Das Jahr liegt zur Hälfte schon wieder hinter uns. Bald sind der Johannis - Tag und die Sonnenwende. Dann werden die Tag wieder kürzer, wenn auch zunächst unmerklich.  Aber wir haben noch so viel vor. Draußen grünt und blüht alles. Wir freuen uns auf den Urlaub oder die Sommerferien, die in wenigen Wochen beginnen. In diesen Tagen feiern wir die Konfirmation. Genauer gesagt: morgen, im Gottesdienst. Der Vorabend dient der Rückschau, der Besinnung und Sammlung. Wir sind eingeladen, still zu werden, auf das Leben zu schauen, das wir führen. Sind wir zufrieden damit? Sind wir zufrieden mit dem, was wir erreicht haben? Ihr Konfirmanden habt etwas erreicht. Die Zeit des Unterrichts liegt hinter euch. Nun sollt ihr euren Platz finden in der Welt der Erwachsenen. Schritt für Schritt geht das.


In den Augen des Gesetzgebers seid ihr noch „minderjährig“, ich setzte das bewusst in Anführungszeichen. Es braucht häufig noch die Unterschrift der Erwachsenen, eurer Eltern. Das mag gut sein für manche Bereiche des Lebens. Im Umfeld der Kirche werdet ihr schon etwas früher „mündig“. Ihr dürft jetzt Paten werden und in eigener Verantwortung am Abendmahl teilnehmen. Begleitet von Eltern und Paten und der Gemeind sollt ihr euren Platz finden in der Welt der Erwachsenen und hoffentlich auch in der Gemeinde.


Da ist es gut, ein paar Merkregeln zu kennen, die zu einem guten Leben helfen können. Eine davon begleitet uns bereits durch das ganze Jahr. Es ist die Jahreslosung. Sie steht im Lukasevangelium im 6. Kapitel und lautet: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ Ich finde, wenn ihr euch nur an dieses einzige Wort der Bibel im Leben haltet, dann habt ihr schon viel erreicht.


Es ist Jesus, der uns dieses Wort ans Herz legt. Er sagt es im Rahmen einer Predigt, die er auf einem weiten Feld vor vielen Menschen hält. Eine Menge anderer Sachen sagt er  auch noch zu ihnen. Heute genügt es, wenn wir uns nur an dieses eine Wort erinnern und es uns zu Herzen nehmen: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Dieses Wort sagt eine Menge aus über uns, wie wir sein sollen. Und es sagt uns etwas über Gott. Gott ist barmherzig.Was bedeutet eigentlich Barmherzigkeit? Mir hilft es, auf die ursprüngliche Bedeutung der Begriffe zu achten und mit ein wenig Phantasie auch nach den Bildern zu schauen, die in solchen Begriffen enthalten sind. Mir ist aufgefallen, dass dieses Wort sicher etwas mit unserem Herz zu tun hat.  Barmherzig sein bedeutet, dass unser Verhalten vom Herz bestimmt sein soll. Das Herz steht für Liebe und für die Gefühle, in der Sprache Jesu aber auch für das Gewissen, für das Denken und Erkennen. Mit anderen Worten:   wir sollen ganz und gar Herz sein. Das Herz soll uns beim Denken helfen, bei unseren Entscheidungen, bei dem, was wir tun und lassen. Die Vorsilbe „barm“ kennen wir ebenfalls. Wenn wir uns eines anderen Menschen erbarmen, wenden wir uns ihm liebevoll zu. Wir nehmen Anteil an seinem Schicksal, an seinem Leben. Barmherzig sind Menschen, die sich einander liebevoll zuwenden. Seid barmherzig bedeutet also: euer Herz soll sich dem anderen liebevoll zuwenden, so dass der andere gut leben kann. Seid barmherzig, sagt Jesus und wir wissen jetzt, was wir tun sollen. Wir sollen aufeinander acht geben, liebevoll. Wir können so sein, weil Gott selbst barmherzig ist. Und das bedeutet: er wendet sich uns ebenfalls liebevoll zu. In Jesus ist er Mensch geworden, damit wir eine Ahnung davon bekommen, wie Barmherzigkeit geht. Jesus wendet sich den Menschen zu in ihrer Not, er reicht ihnen die Hand, er isst und trinkt mit ihnen, er heilt die Kranken und tröstet die Niedergeschlagenen. So konkret geht Barmherzigkeit und Anteilnahme. Und jetzt zur Beichte. Wir schauen heute auf unser Leben. Wir sollen dabei barmherzig sein, auch uns selbst gegenüber.   Wir überlegen uns, ob uns das gelungen ist, in den letzten Tagen, vielleicht auch in den letzten Stunden. War unser Herz hart oder weich, war unser Blick unversöhnlich, waren wir sauer  aufeinander oder lagen wir miteinander im Streit, haben wir uns das Leben leicht oder schwer gemacht und wenn ja, warum? Wenn wir ehrlich sind, merken wir, es ist nicht immer einfach, barmherzig zu sein. Dann sollten wir so ehrlich sein und das zugeben. Geben wir zu, dass es uns nicht immer gelungen ist. Das müssen wir nicht laut tun. Es genügt, wenn wir unser Herz sprechen lassen. Gott sieht nämlich in unser Herz. Und er weiß, wie es darin aussieht. Wenn wir ihm unser Herz hinhalten, mit allem, was unser Herz belastet,  vertrauen wir darauf, dass er sich uns liebevoll zuwendet, dass er barmherzig ist und uns die Last abnehmen will, die uns bedrückt. Im Vertrauen auf seine Barmherzigkeit dürfen wir dann auf die Frage, ob wir unsere Sünden bekennen und auf die Vergebung vertrauen, die uns  zugesprochen wird, getrost mit Ja antworten. Das sagen wir  dann laut und deutlich. Wenn wir es ehrlich meinen, wenn die Bitte um Vergebung von Herze kommt, wird sie ihren  Weg in den Himmel finden, von unserem Herz, über unsere Lippen hin zum Herzen Gottes.


Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ Dieses Wort soll uns begleiten, über das Jahr hinaus, es soll uns durchs Leben tragen. Es ist ein Wort, das Mut macht. Gott wendet sich uns zu, seine Liebe ist stärker und sein Herz weiter als wir uns das vorstellen können. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, Juni 2021


Um Antwort wird gebeten - Predigt über Lukas 14,16-34 zur Konfirmation in Altenstein 


Ein Piepston und ein paar Sätze genügen – schon war seine Stimmung im Eimer. Der Pieps kam von seinem Mobiltelefon und machte ihn auf den Eingang einer WhatsApp - Nachricht aufmerksam. Auf dem Display war ein sogenanntes Emoji zu sehen, allerdings ein trauriges Smiley mit einer Träne im Auge. Darunter stand der folgende Text:  „Sorry. Aber ich kann jetzt doch nicht zu deiner Feier kommen!“ Mehr steht da nicht. Aber das genügte schon, um ihn traurig und wütend zugleich zu  machen. Da hatte man jetzt wegen dieser dämlichen Corona-Auflagen solange nicht feiern dürfen. Sogar die Konfirmation wurde deswegen verschoben. Klar, das war schade, aber verständlich. Er hätte all die Freunde und Verwandten nicht einladen dürfen, die ihm am Herzen lagen, Oma und Opa, den Patenonkel aus Norddeutschland. Jetzt endlich konnte die Feier steigen. Da wollte er sie dabei haben, seine  beiden besten Freunde. Aber waren sie das, beste Freunde? Er las noch einmal die Nachricht. „Sorry. Aber ich kann jetzt doch nicht zu deiner Feier kommen!“ Zweimal derselbe Wortlaut. Haben die sich abgesprochen? Sie hätten doch sagen können, das sie keine Lust haben. Stattdessen lügen sie einem ins Gesicht. Das wars mit der Freundschaft, dachte er sich. Die beiden sind bei mir voll abgeschrieben.


 Dass Menschen nicht aufrichtig sind, muss man leider immer wieder einmal erfahren. Besonders weh tut das, wenn Freunde so etwas mit einem machen oder Menschen, die man mag. Wer also so etwas  schon einmal erlebt hat, kann auch die Reaktion des Hausherrn aus unserem Gleichnis verstehen, das wir vorhin im Evangelium gehört haben.  


Wenn Jesus Geschichten erzählt, sind die mitten aus dem Leben gegriffen. Und das Gleichnis von der Einladung und den Gästen, die nicht kommen, ist so ein Beispiel dafür. Mann o Mann war der Gastgeber sauer. „Keiner der Männer, die eingeladen waren, wird mein Abendmahl schmecken…“ sagt er am Ende der Geschichte. Ehrlich gesagt, hab ich deshalb ein wenig mit mir gerungen, ob ich das heute erzähle. Da schwingt so ein drohender Unterton mit. Jesus erzählt die Geschichte aber nicht mit erhobenen Zeigefinger.  Über diesem Gleichnis , ja, über dem ganzen Sonntag steht ein Wort, das vielmehr Mut macht und das Thema vorgibt. Im Wochenspruch hören wir Jesus sagen: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!“ 


Darum geht es heute, um  eine Einladung. Das feiern wir heute mit eurer Konfirmation. Wir sind eingeladen zum Leben mit Gott. Deshalb ist Jesus in die Welt gekommen, um uns die Einladung Gottes zu überbringen. Auch ihr seid eingeladen zu einem Leben mit Gott. Am Anfang eures Lebens ist die Einladung bereits ausgesprochen worden. Das war bei der Taufe.   Wenn wir eine Einladung bekommen, überlegen wir uns, ob wir sie annehmen. Das war der Sinn der Konfirmandenzeit. Wir haben darüber nachgedacht, was es bedeutet, Christ zu sein, die Einladung Gottes anzunehmen. Heute gebt ihr die Antwort. Ich wünsche mir sehr, dass sie aus vollem Herzen und tiefer Überzeugung kommt, nicht nur, weil wir sie eingeübt haben. Wir sind eingeladen zu einem Leben mit Gott. Ich weiß, wenn das ein Pfarrer sagt, klingt  das immer so fromm, dass man vielleicht zurückschreckt. Ob Jesus das geahnt hat? Ob er deshalb von einem Festmahl spricht, wo die Menschen fröhlich beisammen sitzen und ausgelassen miteinander feiern. So sieht ein Leben mit Gott aus. Es macht Spaß, es macht Freude, es ist genussvoll und es ist alles andere als langweilig.


Ja, hinter dem Hausherrn in unserer Geschichte steht Gott. Er ist der Gastgeber, der zum Festmahl einlädt. Die Gäste sind Menschen wie du und ich. Wir sind persönlich eingeladen. Es geht um ein persönliches Fest, bei dem der Gastgeber die Menschen um sich haben will, die ihm am Herzen liegen, so wie ihr sicher gerne heute mit den Menschen feiert, die euch wichtig sind. Gott will uns um sich haben, dich und um mich. Ist das nicht großartig? Der Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, will unbedingt, dass du kommst.


Wollen wir mit Gott an einem Tisch sitzen? Wollen wir mit ihm leben, wollen wir uns auf ihn einlassen? Die Einladung anzunehmen, bedeutet schließlich auch, mit dem Gastgeber in Beziehung zu treten. Gott will uns nicht nur für die Dauer einer Mahlzeit in seiner Nähe haben, er will mit uns in Kontakt bleiben. Aber er zwingt uns seine Gemeinschaft nicht auf. Er stellt es uns frei. Wir sind willkommen, aber wir werden nicht gezwungen. Wer nicht kommen will, ist selbst schuld. Das ist der Wermutstropfen in der Geschichte. Der Platz wird schnell wieder besetzt und zwar mit Menschen, die in den Augen der Geladenen nichts gelten, mit denen sie sich freiwillig wohl auch nie an einen Tisch setzen würden. Bei Lukas sind das die Armen, die mit zahlreichen Gebrechen belasteten Menschen, kurzum  Menschen, die nichts mitbringen können als einen leeren Magen und eine durstige Kehle und leere Hände. 


Wir hören heute aber keine Drohung. Gott  hebt nicht den Zeigefinger. Er sagt nicht, wehe, wenn du nicht kommst. Er sagt höchstens: Schade. Und er ist wohl auch eher traurig als zornig. Wenn ich Jesus recht verstehe, passt der Zorn nicht zu Gott. Eher die Geduld, die Liebe, die Ausdauer mit der er immer wieder Boten aussendet, um die Einladung auszusprechen. Immer wieder hören wir diese Botschaft, die uns froh stimmt, verbunden mit einer dringenden Bitte. Ach, komm doch! Mir liegt so viel daran, dass du da bist. Das sagt Gott zu dir, zu jedem von uns. Komm, nimm Platz an meinem Tisch, es wäre schade, wenn du fehlst.


Die Gäste, die in unserer Geschichte nicht gekommen sind, haben sich selbst bestraft. Es ist ihnen in der Tat etwas entgangen, das wahre Leben, das seinen Namen verdient. Gemeinschaft mit Gott haben bedeutet, am wahren Leben teilhaben, am Leben in Hülle und Fülle. Wer nicht kommt, verpasst das Leben. Wie dieses Leben aussieht, das hat uns Jesus immer wieder gezeigt. Durch ihn haben die Menschen Gottes Freundlichkeit erleben können. Durch ihn haben die Menschen erfahren, an welchen Gott sie glauben dürfen. An einen Gott, der uns in seiner Nähe haben will, unabhängig davon, ob wir gesund oder krank sind,  Glückspilze oder Pechvögel. Deshalb ist Jesus zu den Menschen gegangen, die in den Augen der Schriftgelehrten, der Frommen und der Erfolgreichen nichts gelten, die wenig ansehen haben. Deshalb hat er den Aussätzigen die Hand aufgelegt und sie gesund gemacht. Deshalb hat er mit denen, die wir heute Outlaws nennen würden, gegessen und getrunken. Sie sollten spüren, wie wichtig sie in den Augen Gottes sind. Sie sollten sich selbst neu wertschätzen, weil Gott sie wertschätzt. Wonach halten wir Ausschau im Leben? Wonach sehnen wir uns. Ist es nicht genau diese Anerkennung, diese Liebe und Wertschätzung?  Sehnen wir uns nicht alle danach, ein glückliches Leben zu führen? Ich denke, glücklich kann sich der schätzen, der weiß, dass er geliebt wird, dass er in den Augen eines anderen wertvoll und wichtig ist. Wir sind Gott so wichtig, dass er uns in seiner Nähe haben will.  Einen Vorgeschmack von diesem Leben bekommen wir, wenn wir an seinen Tisch treten. Dort ist noch ein Platz frei für mich und dich. „Kommt, es ist alles bereit“, sagt Gott zu uns. Gott wartet. Wie könnte eure Antwort aussehen? Es genügt ein kurzes Gebet. Vielleicht ein einziger kurzer Satz: „Ja, guter Gott, ich komme gerne.“


Ich wünsche euch von Herzen, dass ihr die Einladung Gottes an euch annehmt. Ihr werdet merken, die Gemeinschaft mit dem Gott, den uns Jesus ans Herz legt, wird euch durchs Leben tragen, sie wird euch halten, wenn ihr wankt, sie wird euch ermutigen, wenn ihr unsicher seid und sie wird euch helfen, den Weg zu gehen, der in ein gutes Leben führt.  Ihr wisst jetzt, wo euere Platz ist. Am Tisch Gottes. Auf der Seite des Lebens. Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein,13.6.2021


Hilfe findet man bei Gott! Predigt über Jona 1-2 am 1. Sonntag nach Trinitatis


Heute möchte ich Ihnen von Jona erzählt. Sie wissen schon, das ist der, den ein Walfisch verschlungen hat. Wenn von ihm die Rede ist, fällt mir eine Anekdote ein, die in meiner Studentenzeit einer unserer Professoren in seiner Vorlesung zum Besten gegeben hat. Der Professor erzählte, wie ein Landpfarrer auf der Schwäbischen Alb von einem seiner Schäfchen nach der Bibelstunde gefragt wurde, ob sich denn die Geschichte wirklich so zugetragen habe, wie sie in der Bibel geschrieben steht. Die Frage ist berechtigt. Eigentlich ist es doch biologisch gar nicht möglich, von einem Fisch verschlungen und nach drei Tagen unversehrt wieder ausgespuckt zu werden. Der Pfarrer wollte von diesem Einwand nichts wissen. Er antwortete  in breiter schwäbischer Mundart: Wenns so in der Schrift steht, wird’s wohl auch so gewesen sein, dass der Fisch den Jona gefressen hat. Aber umgekehrt wärs mir auch lieber.“ Um diesen Jona geht es heute und um sein Schicksal. Die meisten von uns kennen seine Geschichte von Kindesbeinen an. Wir haben sie im Kindergottesdienst gehört und in der Schule vertieft und später vielleicht auch in mancher Bibelstunde nach allen Regeln der Kunst betrachtet. Weil unser Predigtabschnit heute recht lang ist, ganze zwei Kapitel, werde ich die Geschichte mit meinen Worten nacherzählen. Vielleicht bekommen Sie Lust, später alles nachzulesen. Die Geschichte beginnt mit einem Auftrag, den Jona von Gott erhält: „Mach dich auf! Geh nach Ninive, in die große Stadt und rede ihr ins Gewissen! Ich bin sauer auf diese Stadt. Ihre Bosheit stinkt zum Himmel!“ Ich stelle mir vor, wie Jona bei diesen Worten blass wird. „Das ist nicht mein Tag“, wird er sich gedacht haben. Mit den Überbringern schlechter Nachrichten ist man zu seinen Lebzeiten meist nicht zimperlich umgegangen. „Nein“, denkt sich Jona, „den Job soll ein anderer erledigen“. Jona haut ab. Er sucht sich ein Schiff, das ihn möglichst weit weg bringt. Ein Handelsschiff will gerade nach Tarschisch ablegen, das liegt in Südspanien. Das wählt er aus. Er bezahlt die Überfahrt und verkriecht sich im Innern des Schiffes. Hauptsache fort von hier. Hauptsache weg von Gott.


Als sie auf hoher See waren, zieht ein Unwetter auf und das Schiff gerät in Seenot.  Da werfen die Seeleute die Ladung über Bord, damit das Boot leichter wird. Vergeblich. Jona bekommt davon gar nichts mit. Er liegt im Bauch des Schiffes und schläft. Das weckt Erinnerungen an eine andere Geschichte der Bibel. Ich denke an Jesus, der mit seinen Jüngern im Boot über den  See Genezareth fuhr und schlief, obwohl der Wind und die Wellen das Schiff hin und her warfen. „Kümmert es dich gar nicht, dass wir untergehen“ Mit diesen Worten weckten die Jünger ihren Herrn und staunten nicht schlecht, als Jesus dem Wind und den Wellen gebot und sich der Sturm legte. Bei Jona geht die Geschichte anders aus. Er schläft tief und fest, als ihn kräftige Hände wachrütteln. Sie gehören dem Kapitän. „Wie kannst du nur schlafen“, fragt er vorwurfsvoll. „Steh auf! Bete zu deinem Gott, vielleicht kann der uns helfen!“  Es ist schlecht bestellt um das Schiff und die Mannschaft. Die Seeleute fürchten sich und das will etwas heißen. Die sind Stürme und heftigen Seegang gewohnt. „Auf irgendjemanden müssen die Götter ziemlich wüteten sein“, denken sie sich. Sie werfen das Los. So wollen sie herausbekommen, wer sie in diese missliche Lage gebracht hat. Das Los fällt auf Jona. Da bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als seine Geschichte von Anfang an zu erzählen. Sie  erfahren von seinem Auftrag und von seiner Flucht. „Was sollen wir nur mit dir machen“, fragen sie da und bekommen von Jona gleich eine Antwort: „Werft mich ins Meer, dann habt ihr Ruhe.“  Doch so einfach geben die Seeleute nicht auf. Sie versuchen zuerst, mit eigenen Kräften ans Land zu rudern. Da  sie aber gegen den Wind und die Strömung nicht ankommen, fügen sie sich. Sie rufen den Gott Jonas an und bitten um Vergebung für das, was sie gleich tun werden. Sie packen Jona und werfen ihn ins Meer. In dem Moment, als er untergeht, ebbt der Sturm ab. Furcht ergreift sie jetzt. Das muss ein mächtiger Gott sein, dieser Gott der Hebräer, denken sie sich Sie  beschließen, ihm Opfer zu bringen, wenn sie wohlbehalten an Land kommen. Mit so einem Gott legt man sich nicht an. Wer weiß, wie weit sein Arm reicht?


Aber Jona ertrinkt nicht, „… der Herr ließ einen großen Fisch kommen, Jona zu verschlingen…“ lesen wir im zweiten Kapitel. Nun denken wir vielleicht an die vielen Bilder zu dieser Geschichte, in denen häufig ein Walfisch dargestellt wird. Tatsächlich müssen wir uns wohl eher ein furchterregendes Ungeheuer vorstellen, so wie den biblische Leviathan, ein Fabelwesen, das  die Mächte des Chaos und des Untergangs abbildet. Dieses Ungeheuer verschluckt Jona. Der Ort, an dem er sich jetzt befindet, ist kein Ort der Rettung oder Bewahrung, sondern des Todes und der Angst. Es ist der Ort, an dem Menschen ohne Hoffnung vergessen werden und verloren sind. So darf man sich die Unterwelt vorstellen oder die Hölle. Die Evangelisten verwenden dieses Bild von Jona im Bauch des Fisches, um den Ort zu beschreiben, an den Jesus sich aufgehalten hat in der Zeit nach seinem Tod und vor seiner Auferstehung.. So wie Jona im Bauch des Fisches war, ist Jesus hinabgestiegen in das Reich des Todes. Wie in einem Grab ist Jona gefangen. Drei Tage lang. Eine Ewigkeit für alle, die ohne Hoffnung sind. Dunkel ist es im Leib des Fisches und unheimlich. Fern sind die Menschen, die er liebt, fern ist das Leben, unerreichbar. Hier im Innern des Fisches herrschen Einsamkeit und Verzweiflung. An diesem furchtbaren Ort, in diesem Gefängnis der Dunkelheit und der Isolation wendet sich Jona an Gott. Er betet: „Als ich in Not war, schrie ich laut. Ich rief zum Herrn und er antwortete mir. Aus dem Innern des Totenreichs rief ich um Hilfe. Da hast du mein lautes Schreien gehört.“ (Jona 2,3 - Basisbibel) Es ist ein Lied, das zwischen Klage und Dank, zwischen Angst und Lob hin - und herpendelt. Es ist die Erfahrung, die Menschen auf ihrem Weg machen, Erfahrungen, die auch dem Frommen nicht erspart bleiben. Es ist die Erfahrung der Einsamkeit, der Angst, der Not. Und es ist der Moment des Erkennens, mitten in der Not geborgen zu sein bei Gott. Ich glaube, wir müssen nicht von einem Fisch verschlungen werden, um an diesen Ort zu kommen. Manchmal verwandelt sich unser Leben zu einer Stätte der Finsternis, fühlen wir uns einsam und verlassen, wird es dunkel um uns.


Jona hebt den Blick zu Gott und findet zu einem Bekenntnis: „Ja, wer sich an Nichtigkeiten klammert, verliert seinen einzigen Halt im Leben. Ich aber will dir mit lauter Stimme danken … Hilfe findet sich beim Herrn.“ (Jona 29f, Basisbibel). Vielleicht hat es die Zeit in der Dunkelheit gebraucht, die Zeit im Innern des Fisches, um zu dieser Einsicht zu kommen: „Hilfe findet sich beim Herrn.“ Ob er das den Menschen in Ninive zu sagen hat? „ Klammert euch nicht an Nichtigkeiten. Hilfe findet sich beim Herrn!“ Hat ihn Gott deshalb angesprochen? Musste er selbst erst noch lernen, dass die Hilfe beim Herrn zu finden ist? „Hilfe findet sich beim Herrn“ bekennt Jona und sieht wieder Land und Licht für sein Leben. Am Ende befiehlt Gott dem Fisch, Noah wieder an Land auszuspucken. Auch die Mächte der Unterwelt, die Elemente und Gewalten, die im Grunde auf Zerstörung aus sind, müssen Gott gehorchen, müssen seinem Ziel dienen und das heißt Rettung.


Als Jona an den Strand gespült wird und erschöpft an Land watet, endet unser Predigtabschnitt. Wie es mit ihm und seinem Auftrag weitergeht, müssen wir selbst nachlesen. Wir werden erfahren, dass Jona in Ninive auf offene Ohren und bußfertige Herzen stößt. Der König der Stadt ließ ein Fasten für Mensch und Tier ausrufen, alle kleideten sich in Sack und Asche, in der Hoffnung, damit das drohende Unheil abzuwenden. Sie hatten Erfolg. Gott hatte Mitleid mit ihnen und das Unheil blieb aus. Mit Erstaunen werden wir hören, dass Jona darüber keineswegs froh ist. Er hat ein Strafgericht erwartet. Das ist ausgeblieben. Das macht ihn verdrossen. Deshalb stellt Gott ihm eine Frage. „Warum soll ich keine Mitleid haben mit den Menschen, die ich geschaffen habe?“ 


Diese Frage Gottes soll uns begleiten und erinnern, immer dann, wenn wir auf Recht pochen, immer dann, wenn wir sagen, genug ist genug, immer dann, wenn das Maß unserer Meinung nach voll ist. Gottes Mitleid stellt alles in Frage stellt, auch unsere Vorstellungen von Recht und Gerechtigkeit. Aus  Mitleid hat Gott eine Stadt verschont, die den Untergang verdient hat. Aus Mitleid ist er selbst Mensch geworden. Aus Mitleid und Liebe ist er zu uns gekommen, zu Menschen, die wie Jona verdrossen und verbittert oder einfach nur frustriert sind. Sie sollen lernen, wo sie Hilfe finden und ihren Frieden, wenn sie das Leben verdrossen werden lässt. Hilfe findet man bei dem Gott, der Mitleid hat und der uns liebt. Und Frieden findet man, wenn man den Blick aufhebt und mit diesem Gott zu sprechen beginnt, so wie Jona im Bauch des Fisches. „Als meine Seele in mir verzagte, gedachte ich an den Herrn und mein Gebet kam zu dir…“ (Jona 2,8, Lutherbibel 2017) Gott will unser Leben verwandeln. Aus dem Ort des Todes soll ein Ort des Lebens werden. Deshalb ist Gott selbst Mensch geworden, dieser Gott, deshalb hat er die Orte aufgesucht, an denen die Menschen leben,  das Mitleid und die Liebe Gottes haben ein Gesicht bekommen und Hand und Fuß und einen Namen, Jesus, von dem erzählt wird, dass ihn die Menschen jammerten, wenn sie müde und erschöpft und niedergeschlagen waren. Sie jammerten ihn und er gab ihnen zu essen, damit sie neue Kraft finden. Wie gesagt, Hilfe findet man bei Gott und ebenso das Leben in Fülle. Aber manchmal braucht es einen weiten Weg, um zu diesem Leben zu finden. Bei Jona ist die Geschichte offen. Wir wissen nicht, ob er sich dem Mitleid Gottes geöffnet hat. Auch unsere Geschichte ist noch offen. Wir sind angesprochen von dem Gott des Mitleids und der Liebe. Wir sind angesprochen von seinem Wort. Es soll unser Herz berühren, damit es sich öffnen kann, damit sein Liebe uns retten kann. Wagen wir es und stimmen wir ein in die Worte des Jona: „Hilfe findet man allein bei Gott.“ Hilfe und Mitleid. Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 6.6.2021



Zwiegespräch in der Nacht. Predigt über Joannes.3,1-8 am Trinitatissonntag


Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, ein Oberster der Juden. Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm. Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden? Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht geboren wird aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was aus dem Geist geboren ist, das ist Geist. Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von Neuem geboren werden. Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist ein jeder, der aus dem Geist geboren ist. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Die Nacht – eine besondere Zeit. Meistens wird sie verschlafen, aus gutem Grund. Unsere Augen sind nicht für die Dunkelheit geschaffen.   Wenn die Schatten länger werden, suchen wir den Schutz und die Geborgenheit des Hauses. Wir fürchten die Gefahren, die im Dunkeln lauern. Eine schlaflose Nacht kann sich hinziehen. Wer krank im Bett liegt, kann ein Lied davon singen. Aber man muss nicht immer nur Schmerzen haben. Auch Kummer oder Ärger können die Nachtruhe rauben und dafür sorgen, dass man sich im Bett hin – und herdreht, ohne Ruhe zu finden. Manchmal aber kann die Stille der Nacht auch hilfreich sein, um in Ruhe nachzudenken, oder um ein wichtiges Gespräch zu führen. Eines, das keine Unterbrechung und keine Ablenkung duldet. 


Das Evangelium erzählt heute von dem nächtlichen Gespräch eines Mannes mit Jesus. Er heißt Nikodemus, ein Pharisäer und zugleich auch ein „Oberer von den Juden“, wie die Schrift sagt. Der alte Mann aus dem Johannesevangelium sucht das Gespräch mit Jesus. Er sucht es im Schutz der Dunkelheit. Nikodemus ist es gewohnt, Antworten auf die Fragen des Lebens zu suchen und zu finden. Als Pharisäer studiert er dazu die Heiligen Schriften. Und wenn er allein nicht weiter kommt, dann findet er die Antworten gemeinsam mit den anderen Schriftgelehrten in der Diskussion. Da opfert man gerne ein paar Stunden Schlaf. Gott der Herr, da ist sich Nikodemus sicher, wird ihm die Mühe und die schlaflose Nacht vergelten, ihm hoch anrechnen.


Nikodemus möchte Klarheit gewinnen. Schließlich ist er ein Lehrer des Volkes. Er möchte seinem Namen Ehre machen. Der griechische Name „Nikodemus“ heißt sinngemäß „Sieger in der Volksversammlung“. Vielleicht ist Nikodemus einer, der es gewohnt ist, bei einem Streitgespräch den Sieg davon zu tragen. Und Streitgespräche werden wohl zurzeit häufig geführt in Jerusalem. Es ist die Zeit des Passahfestes. Aber es ist kein gewöhnliches Fest. Die Stimmung kocht. Die Pharisäer - Kollegen toben. Sie stoßen sich an einem Mann aus dem Volk, der von sich Reden macht. Wasser soll er zu Wein verwandelt haben, auf einer Hochzeit. Und eben hat er sich etwas Ungeheuerliches geleistet. Er ist in den Tempel gegangen, hat die Tische der Händler und Geldwechsler umgestoßen und sie davongejagt. Die anderen Pharisäer möchten diesen Jesus aus Nazareth zur Strecke bringen. Nikodemus möchte gerne mehr erfahren über diesen Jesus. Warum tust du das? will er wissen. Wer bist du, Jesus? Deshalb macht er sich auf den Weg. Er will mit diesen Jesus sprechen. Er will Klarheit gewinnen – und vielleicht auch in der Diskussion den Pharisäerkollegen voraus sein, als Sieger in der Gelehrtenrunde. Ihr redet nur über Jesus. Ich habe mit ihm geredet – könnte er dann sagen. So trifft er Jesus, der wahrscheinlich im Garten Gethsemane  übernachtet hat.


„Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen ...“ sagt Nikodemus, der Schriftgelehrte, Pharisäer.  Er richtet sich auf eine Diskussion unter Schriftgelehrten ein, auf Augenhöhe gewissermaßen. Ob er erstaunt war, über das, was Jesus ihm darauf antwortet? Der kommt gleich zur Sache: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ 


Jesus sieht in die Herzen der Menschen. Er weiß, was Nikodemus beschäftigt. Es ist die Frage nach dem Reich Gottes. Wann richtet Gott endlich sein Reich auf unter den Menschen. Wenn sich alle nach seinen Geboten richten? Mit der Antwort, die Jesus gibt, ist er deshalb gar nicht einverstanden.  „Du kannst gar nichts tun, um zu diesem Leben zu finden, nach dem du Ausschau hältst, ein Leben in Gottes Reich.. Du kannst nur etwas mit dir selbst geschehen lassen. Du musst neu geboren werden. Du musst in das Leben, nach dem du Verlangen hast, neu hineingeboren werden!  


Wen wundert’s, dass der Verstandesmensch Nikodemus verständnislos mit dem Kopf schüttelt: „Wie kann ein alter Mensch neu geboren werden. Soll ich wieder zurück kriechen in den Mutterleib?“


Von neuem geboren werden! Neu werden! Das bedeutet, den Vorgang der Geburt umzukehren. Es bedeutet eine völlige Neuausrichtung. Nichts von sich und alles von Gott zu erwarten, bedeutet es. Das mutet Jesus dem Nikodemus zu. Gottes Geist wird das tun. Er wird die Augen öffnen, um das Leben wahrzunehmen, das mit Jesus in diese von der Vergänglichkeit überschattete Welt Einzug gehalten hat: ein Leben, das vom Tod nicht mehr bezwungen werden kann. Zu diesem Leben finden wir nicht aus eigener Kraft. Dieses Leben muss uns geschenkt werden. Es braucht den Geist Gottes, es braucht den Anstoß von oben, damit etwas Neues wird, damit in mir etwas neu wird, damit mein Leben nicht mehr von der Angst bestimmt wird, sondern von der Liebe, vom Glauben, von der Hoffnung. Das und noch viel mehr verbirgt sich wohl hinter dem Wort Jesu von der Wiedergeburt - gesprochen im Schutz der Dunkelheit, mitten in der Nacht.


Eine Zumutung ist dieses Wort und eine Herausforderung. Ich stelle mir vor, wie Nikodemus nach Hause geschlichen ist. Die Worte Jesu haben ihn nicht mehr losgelassen. Sie habenWirkung gezeigt, haben gearbeitet an ihm und in ihm. Auch, wenn er sie zunächst nicht verstanden hat, der vom Leben gezeichnete, alte Mann. Der Evangelist Johannes verrät uns, wie es weitergegangen ist mit Nikodemus. Später wird er wieder auftreten. Vor den eigenen Leuten wird er Jesus in Schutz nehmen. „Richtet denn unser Gesetz einen Menschen, ehe man ihn verhört und erkannt hat, was er tut?“ wird er sie fragen, als sie dabei waren, eine unheilige Allianz gegen Jesus zu schmieden. Und schließlich wird er seine Zurückhaltung ganz aufgeben. Dann wird er wieder zu diesem Jesus gehen. Allerdings nicht, um mit ihm zu sprechen, sondern um den Frauen etwas zu bringen, die seinen Leichnam salben wollten: Myrrhe gemischt mit Aloe. Mit dieser etwas unscheinbaren Tat wird er sich zu diesem Jesus bekennen. Mit einem Werk der Barmherzigkeit an dem, von dem sich Gott scheinbar abgewendet hat. Und er wird es tun ohne Angst um seinen guten Ruf zu haben.


„Ich habe mich ein Leben lang bemüht, ein guter Mensch zu sein!“  So eine Lebensbilanz könnte Nikodemus ziehen und mit ihm viele andere auch. Hin - und hergerissen von den Stürmen und Bedrängnissen des Lebens versuchen sie, einen einigermaßen geradlinigen Weg zu gehen. Gottes Wort hören, es lieben und darauf achten, dass es gehalten wird. Nikodemus hat das versucht.  Und viele tun es ihm nach bis heute. Nikodemus hat das nicht zufrieden gestellt. Er hat gemerkt, wie schnell er dabei an seine Grenzen stößt. 


Um ans Ziel zu kommen, um zum Leben zu finden,  braucht es das Entscheidende. Und dieses Entscheidende kommt vom Gott selbst. Es braucht Gottes Kraft, die aus mir einen neuen Menschen macht, die mich so sein lässt, wie Gott mich eigentlich haben will, zu seinem Ebenbild, zum Bilde Gottes. Das Alter spielt dabei keine Rolle. Jesus sagt: durch Wasser und Geist werdet ihr neu geboren. Gottes Geist lässt sich nicht kanalisieren, einschränken oder regulieren. Gottes Geist ist wie der Wind. Er bläst und weht wie und wo er will. Du hörst sein Rauschen - aber, du weißt nicht, woher er kommt und wohin er will. Gewiss hören wir deshalb diese Worte kurz nach dem Pfingstfest.


Die Worte Jesu muten uns viel zu. Sie sagen uns: „Was du suchst, kannst du dir nur schenken lassen, das Leben, nach dem du dich sehnst!“  Eine Verheißung, eine Hoffnung schöpfe ich aus diesen Worten: „Das Leben soll dir geschenkt werden!“ Das Leben, nach dem du Sehnsucht hast, soll dir geschenkt werden von dem, der selbst der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Das Leben, das noch aussteht und auf das wir zugehen. Das Leben, nach dem Nikodemus Ausschau gehalten hat und nach dem wir uns auch sehnen. Es soll uns geschenkt werden. Das Leben beginnt dort, wo Gottes lebensschaffender Geist am Werk ist. Um diesen Geist Gottes wollen wir bitten. Er weht, wo er will. Er soll auch uns mit seiner Kraft erfüllen, der Kraft zu glauben und der Kraft zu lieben, damit wir „neu“, damit wir bereit werden für das Leben in Gottes Reich. Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, Trinitatis,30.5.2021



Die Sprache des Herzens lernen. Predigt über 1. Mose 11,1-9 am Pfingstsonntag 


Am achten Tag erschuf Gott die Dialekte. Und fast alle Menschen waren glücklich. Der Berliner sagte: „Ick hab nen knorke Dialekt, det kannste mir gloobn, wa.“ Der Hanseate sagte: „Moin moin, an der Waterkant snackt man am besten!“ Der Kölner sagte: „Et kütt wie et kütt. Mer muss och jünne künne,“ was so viel heißt wie, muss auch gönnen können. Der Hesse sagte: „Babbel net,  an die Hesse kommt keiner ran!” Der Sachse sagte: „Sgladschd glei, mein guudser, abor geen Beifall!” Allein für den Franken war leider kein Dialekt mehr übrig. Darüber war er sehr traurig. Schließlich sagte Gott zu ihm: „Des machd doch nix, no reddsd etzerdla hald a suu wie iech …“.


Vielleicht sagen Sie jetzt: „Herr Pfarrer, des Gschichtla steht fei ned in der Bibel!“ Und da haben Sie Recht! Ich hab sie aus dem Internet, woher auch sonst. Dort hat sie wohl ein Zeitgenosse eingestellt. Und der hat sie sich gewiss auch nicht ausgedacht, sondern von irgendjemand anderem gehört und dann aufgeschrieben. So werden Geschichten weitergegeben, indem man sie sich erst erzählt und später aufschreibt, um sie nicht zu vergessen. Manchmal werden sie dabei auch ein wenig verändert, variiert. Auch ich hab das gemacht. Viele biblische Geschichten fanden so ihren Weg zu uns. Die Menschen haben sie sich zuerst erzählt und dann aufgeschrieben, damit sie nicht vergessen werden. Auf die Art und Weise hat man früher Wissen weitergeben. Sachverhalte hat man sich so  erklärt oder Ortsnamen gedeutet, durch Geschichten, durch Sagen und Erzählungen.


 Unsere Anekdote von der Entstehung der Dialekte würde sich gut in den Reigen der Geschichten einfügen, die wir auf den ersten Seiten der Heiligen Schrift finden. Dort steht die Urgeschichte. Sie verrät uns warum der Mensch so ist, wie er ist und warum er das Paradies verloren hat. Wir lesen von den Folgen des Ungehorsams des ersten Menschenpaares, nachdem sie von dem verbotenen Baum in der Mitte des Garten Edens gegessen hatten. Vom  Neid hören wir, den Kain dazu gebracht hatte, seinen Bruder Abel zu erschlagen. Wir lesen, wie Noah mit den Tieren in die Arche ging und ahnen, dass die Sünde nicht untergegangen ist in der Sintflut, die Gott über die Welt brachte. Heute hören wir vom Turmbau zu Babel. Damit endet die Urgeschichte und eine neue Epoche beginnt, die Zeit der Väter Israels, die Zeit Abrahams, Isaaks und Jakobs. Diese Geschichte erklärt uns, wie die vielen Sprachen entstanden sind und warum wir einander nicht mehr verstehen. Anders als die Anekdote von der Entstehung der Dialekte finden wir diese Geschichte wirklich in der Bibel und zwar  im 1. Buch Mose im 11. Kapitel:


Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. Als sie nun von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst. Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut über die ganze Erde. Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe! So zerstreute sie der HERR von dort über die ganze Erde, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Welt Sprache und sie von dort zerstreut hat über die ganze Erde. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Die Menschen wollen sich einen Namen machen. Und wie schafft man das am besten? Richtig, durch ein Prestigeobjekt. Das sind Vorhaben, die man nicht unbedingt zum Leben braucht und die eigentlich nur einen Zweck haben: man will dadurch Aufmerksamkeit auf sich ziehen, man möchte Bewunderung oder Anerkennung ernten oder von Problemen ablenken. „Wir wollen einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reicht“, sagen die Menschen. Ob ihnen bewusst war, dass sie dabei eine Grenze überschreiten? In den Himmel soll sich die Spitze des Turmes bohren! Was für ein Vorhaben! Der Himmel ist eine bildhafte Umschreibung für den Bereich Gottes. Die Menschen wollen also in einen Bereich vordringen, der ihnen verwehrt ist. Bis heute wollen sich die Menschen solche Denkmäler setzen, mit denen sie ihre Macht und ihr Ansehen zementieren. Vor allem Regierungen lieben Prestigeobjekte. Sie müssen heute keine Türme bauen, ein Fußballstadion in der Wüste tut’s in unserer Zeit beispielsweise auch. Nicht Stein, Erdharz und Mörtel brauchen die Menschen. Sie brauchen Geld und Macht, um sich Denkmäler ihres Größenwahns zu bauen und gewiss auch eine Portion Skrupellosigkeit. Prestigeobjekte werden meistens auf Kosten der kleinen Leute verwirklicht. Und oft dienen sie dem Zweck, von anderen Missständen abzulenken. Zum Beispiel von der Not der kleinen Leute, die  sich für  diese Projekte den Rücken krumm machen und manchmal auch mit ihrem Leben dafür bezahlen. „Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen….“, sagen die Menschen. Sie spucken in die Hände und beginnen damit, das Projekt durchzuziehen.


Ein altes Sprichwort sagt: „Gott lässt die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Er bricht ihnen gelegentlich die Spitzen ab.“ Die Geschichte vom Turmbau zu Babel erzählt, lässt ahnen, wie das geschieht. Es ist eine ironische Geschichte, die kein gutes Haar übrig lässt an der Idee der Bauherrn von Babel. Was ihnen so großartig erscheint, ist in Wahrheit recht kümmerlich. Gott wohnt so weit droben, dass er vom Himmel herabfahren muss, um das ach so imposante Bauwerk zu sehen. So klein, so gering ist das, was in den Augen der Menschen erhaben und mächtig scheint. Doch Gott  sieht, dass die Menschen wieder einmal dabei sind, sich selbst ins Unglück zu stürzen. Es ist so wie damals im Paradies, als Eva die Frucht vom Baum der Erkenntnis gepflückt hat. Wenn sie jetzt nur nicht auch noch vom Baum des Lebens isst, dachte sich Gott und hat eingegriffen. Und nun geschieht es wieder. Der Mensch will sein wie Gott. Ein Wort genügt, um das zu verhindern. Er verwirrt ihre Sprache. Sie verstehen sich nicht mehr. Sie werden sie in alle Richtungen verstreut. Zurück bleibt eine Bauruine. 


Die Geschichte vom Turmbau zu Babel hören wir heute, am Pfingstsonntag. Sie erzählt davon, wie gern die Menschen nach den Sternen greifen, um sich einen Namen zu machen. Das Erwachen ist bitter.  Gott „rasiert uns die Spitzen.“ Doch das ist keine Strafe, es geschieht viel mehr zu unserem eigenen Schutz. Er verwirrt die Sprache. Die Menschen verstehen einander nicht mehr.  Um wieder zusammenzufinden  müssen wir erst mühsam lernen, uns zu verständigen. Dabei geht es nicht nur darum, Grammatik und Vokabeln einer Sprache zu lernen. Es geht darum, dass wir lernen, einander zu verstehen. Zum Verstehen gehört immer auch die Wertschätzung des anderen und seiner Kultur. Um einander wirklich zu verstehen brauchen wir Gottes Geist, der unsere Herzen in Brand setzt.


Jetzt ahnen wir auch, warum wir die Geschichte vom Turmbau zu Babel gerade an Pfingsten hören. Hier wird das Gegenprogramm in Gang gesetzt. Das Programm der Verständigung und zugleich auch Heilung dessen, was unheilbar zerrissen scheint. So wie Gott die Sprachen einst verwirrt hat, erleben wir jetzt das Wunder der Heilung. Vom Heiligen Geist erfüllt gehen die Apostel aus der Deckung, verlassen das schützende Haus, in dem sie sich verborgen hatten und beginnen zu sprechen. Und die Menschen, die sie hören, wundern sich. Sie sagen: „Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden.“ Für einen Moment wenigstens wird die Barriere aufgehoben. 


Gott bringt wieder zurecht, was seit dem Turmbau in Unordnung geraten ist. Die Geschichte zeigt an, dass eine neue Zeit in Anbruch ist. Was zerrissen und zerstreut ist, soll heil und ganz werden. Dass es allerdings nicht in einem Ruck und auf einem Schlag geht, erzählt uns die Apostelgeschichte. Da sind einige, die staunen, weil sie die Apostel predigen hören und sie auch in ihrer eigenen Sprache verstehen. Andere runzeln die Stirn und spotten über die Apostel. „Sie sind voll süßen Weins!“ Sie verstehen nichts. Sie verstehen die Sprache nicht, in der die Apostel sprechen. Es ist die Sprache des Glaubens, der im Herzen wohnt, es ist die Sprache, die im Reich Gottes gesprochen wird, die Sprache der Liebe, der Begeisterung, der Hoffnung. Gott selbst will uns helfen, diese Sprache zu lernen und zu sprechen. Durch sie wird Verständigung und Leben wieder möglich. In der Sprache des Herzens geht es nicht um Prestige, es geht um die Liebe.  Jesus sagt: „Wer meine Gebote hat und hält sie, der ist’s der mich liebt…“  Mit einem Gebot hat er  zusammengefasst, was den Kern der Sprache des Herzens ausmacht: „Dies Gebot habe ich euch gegeben, dass ihr einander liebt, wie ich euch geliebt habe.“ 


Da stehen wir nun wie die Leue in Jerusalem. „Was soll das werden“, fragen sich die, als sie die Apostel nicht nur in ihrer eigenen Sprache reden hören, sondern auch noch verstehen, was sie sagen. Die aktuelle Lage im Heiligen Land, aber auch bei uns selbst, zeigt uns, wie weit wir noch davon entfernt sind, zueinander in der Sprache des Herzens zu sprechen, in der Sprache der Liebe, die den anderen wertschätzt. Aber auch in unserem eigenen Leben stoßen wir immer wieder an unsere Grenzen. Wo Menschen nicht mehr miteinander sprechen, wo die Sprache des Herzens verstummt, wo die Wertschätzung des anderen verkümmert, da setzt die Vereinzelung und Verwirrung ein, die Entfremdung. Die Menschen entfernen sich voneinander. Sie werden verstreut, vielleicht nicht in alle Lande wie in Babel. Manchmal leben Menschen innerlich meilenweit voneinander entfernt, obwohl sie im selben Haus oder am selben Ort wohnen. Sie verstehen einander nicht mehr. Deshalb brauchen wir die Sprache des Herzens, die Sprache er Liebe, die im Reich Gottes gesprochen wird. Gott will sie uns lehren, damit wir zusammenfinden.


Lassen wir uns nicht entmutigen. Lassen wir uns immer wieder neu ermutigen und anstoßen, wie sich die Apostel haben ermutigen und anstoßen lassen. Die haben ihr Haus, ihr sicheres Nest verlassen, um zu den Menschen zu gehen und ihnen zu sagen, was sie glauben. Dazu werden wir heute auch ermutigt. Hinauszugehen, Farbe zu bekennen, den anderen zu sagen, was wir glauben, was uns Mut macht, was uns hoffen lässt. Vielleicht werden die, die uns hören die Stirne runzeln oder spotten. Vielleicht aber werden sie uns verstehen und sich freuen, weil sie verstehen. Da war dann Gottes heilender und heiliger Geist am Werk. Und das geschieht auch heut immer wieder. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, 23.5.2021,Altenstein


Wasser, das uns Leben schenkt. Predigt über Joh.7, 37-39 am Sonntag Exaudi 


Aber am letzten, dem höchsten Tag des Festes trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen. Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da; denn Jesus war noch nicht verherrlicht. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


„O ja, ein Schluck Wasser wäre jetzt eine Wohltat!“ Vielleicht hat der eine oder die andere das gedacht, als die Stimme des Mannes auf dem Platz vor dem Tempel zu hören war: „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!“ Das muss ein Wasserverkäufer gewesen sein. Dergleichen hat es viele gegeben. Die sind mit ihren Wasserschläuchen durch die Menge gegangen und haben ihre „Ware“ mit ähnlichen Worten angepriesen. Aber die Festbesucher haben  den Mann falsch verstanden. Denn der hat nichts zu verkaufen. Der hat nur etwas zu verschenken. Vergeblich suchen sie bei ihm nach den Wasserbehältern und Trinkgefäßen.  


„Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!“ ruft Jesus zu den Leuten, die in die Heilige Stadt gekommen sind, um das Laubhüttenfest zu feiern.  Das Laubhüttenfest war eines der drei höchsten Feste Israels. Es wurde im Herbst gefeiert. Eine Woche hat es gedauert. In diesen Tagen lebten die Frommen in einfachen Laubhütten und gedachten so der bescheidenen Lebensweise ihrer Väter, die vierzig Jahre durch die Wüste gezogen sind.  „Sieben Tage sollt ihr in Hütten wohnen, damit eure kommenden Generationen wissen, dass ich die Israeliten in Hütten wohnen ließ, als ich sie aus Ägypten herausführte“ lesen wir im 3.Buch Mose (Lev 23,42f). Auf diese Weise dankten sie Gott für das Land, das er ihnen geschenkt hatte. Und wenn auch nicht gerade Milch und Honig darin floß, so bot die Ernte dieses Jahres doch Grund genug, dem Allmächtigen dafür zu preisen. Ein fröhliches Fest war das Laubhüttenfest, damals wie heute. Aber es ist nicht nur ein dankbarer Rückblick in Israels Geschichte, sondern gleichfalls ein sehnsüchtiges Ausschau halten nach der Heilszeit, in der  Gott  seinem Volk den Durst nach Frieden und einem erfüllten gesegneten Leben endlich stillen würde. Wir sind noch nicht am Ziel. Wir haben noch nicht unsere feste Bleibe. Wir sind noch unterwegs.  Wer in Laubhütten lebt, wenn auch nur für ein paar Tage, erinnert sich an diesen Lebensumstand. Das würde uns auch guttun. Wir sind noch unterwegs. Um den Durst der Seele geht es heute und darum, wie er gestillt werden kann. „Meine Seele dürstet  nach Gott, nach dem lebendigen Gott...“  verrät uns der Beter des 43. Psalms. Wenn uns die Worte aus der Seele sprechen, dann sind wir bei Jesus an den Richtigen geraten. „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!“ ruft er uns zu.


Das Laubhüttenfest, auf dem Jesus auftritt, hat den Juden die Möglichkeit gegeben, ihre Sehnsucht nach Gott zum Ausdruck zu bringen und vielleicht auch den Durst nach Gott zu stillen, wenigstens vorübergehend. Sie sind nach Jerusalem gepilgert, haben die großen Taten ihres Gottes gefeiert, haben ihm Opfer gebracht und sich geborgen gefühlt. Im Schatten des Tempels haben sie sich ihrem Gott besonders nahe gefühlt. In verschiedenen zeichenhaften Handlungen haben die Israeliten ihre Sehnsucht nach Gott zum Ausdruck gebracht. Eine davon war das tägliche Wasserschöpfen am Morgen, das besonders am letzten Tag sehr feierlich war. Aus dem Teich Siloah schöpften die Priester in der Frühe das Wasser und trugen es dann in einer feierlichen Prozession zum Tempel. Dort wurde es aus einer goldenen Kanne in die Opferschalen des Altars gegossen. Auf diese Art und Weise erinnerte sich das Gottesvolk an den  Felsen, aus dem Wasser gesprudelt ist und der die Israeliten in der Wüste vor dem Verdursten gerettet hat. Mit diesem Ritus verband sich auch die Bitte um den für die Ernte des kommenden Jahres nötigen Regen. Und erst recht wurde so die Sehnsucht nach der Zeit zum Ausdruck gebracht, in der Gott Wasser auf das Durstige und Ströme auf das dürre Land regnen lassen wird, in der endlich der Messias wiederkommen und die Gläubigen aus ihrer Not erretten wird. An diesem Feiertag, vielleicht sogar während dieser Zeremonie, spricht Jesus seine Einladung aus: „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke.“  Kommt zu mir, sagt Jesus. Ich bin die Quelle. Ich bin es, der euren Lebensdurst stillen kann.


Auch zu uns spricht Jesus: ich bin es, der eure Sehnsucht stillt, eure Wünsche nach Geborgenheit und Liebe, nach einem tieferen Lebenssinn, nach all dem, was euer Herz im Geheimen und Innersten seiner Regungen ersehnt. „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!“ sagt Jesus. Jedem gilt diese Einladung. Jesus verbindet seine Einladung mit einem Versprechen, einer Verheißung. „Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“ An Jesus zu glauben bedeutet, ich erkenne, dass ich alles bei ihm finde und von ihm bekomme, was ich mir vom Leben erhoffe.  Dieses Leben in der Gemeinschaft mit Jesus wird mich verändern. „Ströme lebendigen Wassers“ werden von mir ausgehen. „Lebendiges Wasser“ werde ich sein. Lebendiges Wasser war fließendes Wasser im Unterschied zu dem stehenden Wasser, das aus der Zisterne geschöpft wird. Lebendiges Wasser werde ich sein, eines, das belebt, kein abgestandenes, das krank macht. Ich werde wie frisches Wasser sein, klar und rein, das  dürres Land in einen blühenden Garten verwandelt. Wer zu Jesus kommt und trinkt, wer an ihn glaubt und mit ihm lebt, wird sich verändern und das wird eine Wohltat sein für die Welt. Für die vielen durstigen Zeitgenossen wird er selbst zum blühenden Garten, zur Oase, zum Ort, an dem sie ihren Durst stillen können, an dem sie  eine Antwort bekommen, auf ihre ungestillte Sehnsucht nach Leben, nach Liebe, nach Vertrauen, nach Gott. Ich denke an die Menschen, die mir regnet sind und die vom lebendigen Wasser getrunken haben. Es war eine Wohltat, bei ihnen zu sein, mit ihnen zu sprechen. Ich konnte so viel von ihnen lernen, was meinen eigenen Glauben gestärkt und mich gefördert hat. Ich glaube, da habe ich begriffen, was es wohl bedeutet, wenn Jesus sagt, dass Ströme lebendigen Wassers von den Menschen ausgehen werden, die an ihn glauben.


Ein Lied, das in unserem neuen Liederbuch steht, beschreibt diese Veränderung, beschreibt wie es ist, wenn man von dem lebendigen Wasser trinkt und was dann mit einem geschieht:


„Alle meine Quellen entspringen in dir, in dir, mein guter Gott. Du bist das Wasser das mich tränkt und meine Sehnsucht stillt. Du bist die Kraft, die Leben schenkt, eine Quelle, welche nie versiegt. Du bist der Geist, der in uns lebt, der uns reinigt, der uns heilt und hilft. Du bist das Wort, das mit uns geht, das uns trägt und uns die Richtung weist. Ströme von lebendigem Wasser brechen hervor.“ (Aus: Kommt, atmet auf, Sr. Leonore Heinzl, OFM)  


„Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke“ sagt Jesus. Wir hören dieses Wort eine Woche vor dem Pfingstfest. Das Fest des Heiligen Geistes erinnert uns immer wieder  daran, wie Gott die Verheißung seines Sohnes an uns wahr macht. Er kommt zu uns, damit wir aufblühen können im Leben, durch das Wasser der Taufe, durch das Brot des Lebens und den Kelch des Heils, durch die Gaben, die wir von seinem Tisch bekommen, durch jedes Wort, das in seinem Namen und in seinem Geist gesprochen wird. Um den lebendigen, den erfrischenden Geist des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe wollen wir deshalb bitten. Es ist der Geist, der unser Leben verwandelt und es zur Oase macht, wie frisches, lebendiges Wasser die Wüste verwandelt. Wir wollen den Gottessohn um das Wasser des Lebens bitten, um den Geist, um seine Zuwendung und Hilfe, damit wir aufblühen und Zeichen der Hoffnung setzten in dieser Welt. Mögen wir alle aus dieser Quelle schöpfen, mögen wir alle reichlich von dem Wasser des Lebens trinken, damit wir diese Erfahrung in unserem Leben auch machen: alle unsere Quellen entspringen in ihm, dem lebendigen Gott, der in Jesus Christus Mensch geworden ist, um uns das lebendige Wasser zu schenken. Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein,16.5.2021



Augen im Kopf und Augen des Herzens. Predigt über Epheser 1,18 am Fest Christi Himmelfahrt 


„Hast du früher andere Augen gehabt, Papa?“ Der Junge sah seinen Vater neugierig ins Gesicht. „Nein“, antwortete der Vater erstaunt. „Ich hatte schon immer diese Augen, immer blau, warum fragst du mich das?“ „Na Papa, du hast doch gesagt, du siehst jetzt vieles mit anderen Augen. Das bedeutet doch, das du jetzt neue Augen hast. Von wem hast du die denn bekommen?“ So entstehen Missverständnisse. Natürlich hat der Vater keine neuen Augen bekommen. Es sieht die Welt immer noch durch die Augen, die er von Geburt an hatte, wenn auch vielleicht aufgrund des Alters etwas weniger scharf. Doch dafür gibt es ja Brillen…“ Etwas mit anderen Augen zu sehen ist also eine Redewendung. Wir bringen damit zum Ausdruck, dass wir unsere Meinung geändert haben, dass wir Sachverhalte anders einschätzen als vorher. Und manchmal bedeutet es auch, dass man Menschen anders wahrnimmt als zuvor. So war das mit Herrn N. , dem Nachbarn. Der Vater sieht ihn jetzt mit anderen Augen. Herr N. macht es einem nicht leicht. Er ist nicht gerade die Freundlichkeit in Person. Man sieht ihn stets mit einem mürrischen Gesichtsausdruck herumlaufen. „Der geht sicher zum Lachen in den Keller“, sagen die Leute im Haus und schütteln den Kopf über ihn. Auch der Vater hat das gemacht. Bis er  etwas über Herrn N. Erfahren hat. „Der N. war früher ganz anders“, erfuhr der Vater in der Arbeitspause von einem Kollegen, der schon etwas länger im selben Haus wohnte. „Eigentlich war das sogar ein ganz netter Kerl. Aber dann kam der Unfall. Er hat seine Frau und seinen Sohn dabei verloren. Besonders tragisch war, dass er selbst den Unfall verursacht haben soll.“ Dabei machte der Kollege mit der Hand eine Trinkbewegung. „Seitdem ist er so ein griesgrämiger Eigenbrötler geworden,“ fuhr er dann fort. Diese wenigen Sätze haben genügt, um den Nachbarn mit anderen Augen zu sehen. Jetzt sieht der Vater in ihm nicht mehr wie früher den mürrischen, unfreundlichen Zeitgenossen, der nicht einmal hinschaut, wenn man ihn grüßt. Vielmehr sieht er einen gebrochenen Mann vor sich, mit dem er nur Mitleid haben kann.


Mit dem Fest, das wir heute feiern, hat diese Episode zunächst einmal nichts zu tun. Jedenfalls nicht auf dem ersten Blick. Aber es hat etwas zu tun mit einem Bibelwort, über das wir heute nachdenken. Das steht in einem Brief, den der Apostel Paulus an die Gemeinde in Ephesus geschrieben haben soll. Wir wissen nicht so genau, ob der Brief vom Apostel selbst oder von einem seiner Schüler stammt. Manche meinen auch, dass der Brief ursprünglich gar nicht an allein an die Epheser gerichtet war, vielmehr würde es sich um ein Rundschreiben an mehrere Gemeinden in Kleinasien handeln, das liegt auf dem Gebiet der heutigen Türkei. Ich denke, es spielt im Augenblick keine Rolle, wer den Brief bekommen hat. Wichtig ist, was uns der Apostel darüber schreibt, wie man die Welt wahrnehmen kann. Wir erfahren, dass man nicht nur mit den Augen schaut, die wir im Kopf tragen, sondern auch mit dem Herzen. Wir hören und lesen heute eine Segensbitte:


„Gott schenke euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid, wie reich die Herrlichkeit seines Erbes für die Heiligen ist und wie überschwänglich groß seine Kraft an uns, die wir glauben...“ 


Dieses Wort aus dem Epheserbrief ist eine Hilfe zum Sehen, zum Wahrnehmen, zum Entdecken, zum Erkennen, zum Staunen und zum Sich Freuen!  Und eine Brücke zur Himmelfahrt schlägt dieses Wort ebenfalls. Den Himmel nimmt man mit den Augen des Herzens wahr. An Christi Himmelfahrt denken wir daran, dass Jesus zurück zum Vater gegangen ist. Jesus ist fortgegangen, um bei uns zu sein. Er sorgt dafür, dass wir ihn wahrnehmen. Er schenkt uns die Augen des Herzens, damit wir wahrnehmen, wie nahe er uns ist. Wir ahnen, dass die Welt keineswegs so gottverlassen ist, wie manche meinen. Ich glaube, können eine ganze Menge dazu beitragen, dass die Menschen einen Vorgeschmack vom Himmel bekommen. Wir können durch die Art, wie wir einander wahrnehmen, wie wir miteinander umgehen oder wie wir mit - und übereinander reden dazu beitragen, dass sich die Menschen einen Vorgeschmack davon bekommen, wie es im Himmel zugeht. 


Wenn wir die Menschen mit den Augen des Herzens schauen, schauen wir sie so an, wie Jesus das getan hat, nicht von oben herab. Wir lassen uns nicht von der Fassade beeindrucken, die Menschen aufbauen. Wir lernen, den Menschen ins Herz zu schauen. Wir entdecken, was die Augen im Kopf nicht sehen. Wir spüren die Sehnsucht nach Heil, nach Frieden, nach Vergebung, nach Anerkennung oder nach Trost. Wir schauen mit den Augen des Herzens und erkennen, wozu wir berufen sind, den Mutlosen Mut zu machen, den Hoffnungslosen Hoffnung zu schenken, die Traurigen zu trösten, den Verzweifelten nahe zu sein. Wir haben ihnen etwas anzubieten: Hoffnung, Trost, Liebe. Unser Glaube steht nicht auf tönernen Füßen, sondern auf einem festen Grund. Jesus Christus selbst ist das Fundament unserer Hoffnung, die Botschaft von seiner Auferstehung, an die wir glauben. Da hat dieses Wort von den Augen des Herzens doch etwas mit dem Fest Christi Himmelfahrt zu tun. Wir  sehen, wie der Himmel in unsere Nähe rückt. Er ist dort, wo das Leben im Sinne Gottes wieder möglich ist, das Leben, das Christus uns schenkt. Und wir ahnen, wie Christus heute zu den Menschen kommt. Er ist überall dort, wo Menschen ihn anrufen, auf ihn vertrauen, mit ihm rechnen, in seiner Nachfolge leben und mit den Menschen die Hoffnung teilen, von denen sie leben. Ich glaube, die Jünger haben das begriffen. Der Evangelist Lukas erzählt, als Jesus in Bethanien zum Himmel aufgefahren ist, seien sie fröhlichen Herzens und guten Mutes nach Jerusalem zurückgegangen. Dort haben sie miteinander gelebt, gebetet und gearbeitet. Sie wussten, dass sie nicht alleingelassen sind. Und die Menschen müssen das gespürt haben. Immer mehr sind gekommen und haben sich taufen lassen. Sie wollten dort sein, wo das Leben blüht. Sie wollten bei Christus sein. Christus geht fort, um ganz bei uns zu sein. Das feiern wir am Fest Christi Himmelfahrt. Wir nehmen ihn wahr mit dem Herzen. Vielleicht ist das Herz die Stelle, an der sich der Himmel, in den Jesus gegangen ist und unser Leben einander berühren. Wir wissen, wozu wir berufen sind, zum Leben in der Gemeinschaft mit ihm. Er gibt uns die Kraft zur Liebe, zur Geduld, zum Mitgefühl und öffnet die Lippen, um vom Glauben zu sprechen. Die Worte aus dem Epheserbrief sind eine Hilfe zum Sehen, zum Wahrnehmen, zum Entdecken des Himmels. Und dazu brauchen wir keine Brille. Wir brauchen nur unser Herz und einen fröhlichen Glauben, so wie die Jüngern ihn hatten. Und um den dürfen wir bitten. Gott will ihn uns schenken. Amen.


© Pfarre Stefan Köttig, Altenstein, 13.5.2021



Beten heißt anklopfen bei Gott, beharrlich und vertrauensvoll. Predigt über Lk.11,5-13 am Sonntag Rogate


Jesus sprach zu ihnen: Wer unter euch hat einen Freund und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf. Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Wo bittet unter euch ein Sohn den Vater um einen Fisch, und der gibt ihm statt des Fisches eine Schlange? Oder gibt ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion? Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten! (Luthertext 2017, herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft)


Vom Vorrecht der Freunde erzählt Jesus in einer Geschichte aus dem Alltag. Wir erfahren: Freunde dürfen auf die Nerven gehen. Sie dürfen stören. Sie dürfen unbequem sein. Sie dürfen einem die Ruhe rauben. Hartnäckig dürfen sie sein und Einwände beiseite schieben. Etwa: „Mach mir keine Unruhe! Geh mir nicht auf die Nerven!“ So ist es in der Geschichte, die uns Jesus erzählt. Sie handelt von einem Mann, der in einer Notlage ist – und von diesem Vorrecht guter Freunde Gebrauch macht. Die Vorgeschichte ist kurz erzählt. Da bekommt jemand Besuch. Ganz überraschend. So etwas haben wir auch schon einmal erlebt. Es pocht an der Tür und schon häufen sich die Probleme. Ich habe nichts anzubieten! Die Speisekammer ist leer. In einem Land, in dem die Gastfreundschaft heilig ist, ist das eine Katastrophe. Wie gut, dass er einen Freund in der Nähe hat. Bei einem anderen würde er es wohl nicht mehr wagen, zu dieser Stunde noch anzuklopfen. Deshalb macht er sich auf den Weg.


 Ich stelle mir vor, dass es ihn schon Überwindung kostet das Haus zu verlassen. Schließlich gibt er sich eine Blöße, wenn er zu dieser Stunde um etwas bitten muss.  Mit der Bitte um die drei Brote sind eine Reihe von unausgesprochenen Geständnissen verbunden. Er gesteht einen Mangel ein. Es ist nicht genug zum Essen da. Er hat nicht daran gedacht, vorzusorgen. Er ist jetzt ganz auf die Gunst seines Freundes angewiesen. Um Hilfe zu bitten, kostet Überwindung. Außer Atem erreicht der Bittsteller das Haus seines Freundes und hämmert an die Tür. „Mach auf! Hilf mir!“ Mit jedem Schlag gegen die Haustür wird der Ruf etwas lauter, drängender. Keine Antwort von drinnen, zunächst. Hartnäckig muss er schon sein, unser Störenfried. Aber die Not lässt ihn beharrlich bleiben, bringt ihn dazu, immer wieder an das Tor zu schlagen. „Mach auf! Lieber Freund, mach auf!“ Und es dauert seine Zeit, bis er eine unwirsche aber vertraute Stimme aus dem Inneren des Hauses hört. „Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon verriegelt. Ich lieg im Bett! Und die Kinder schlafen schon!“ 


Die Häuser in der Heimat Jesu waren nicht groß. Meist bestanden sie nur aus einem einzigen Raum mit einer Feuerstelle und einer einzigen Schlafstatt. Einmal verriegelt, ist die Tür die Nacht über zugeblieben. Es kostet einiges an Mühe, den Riegel wieder zurückzuschieben. Und es verursacht Lärm. Kein Wunder, dass man den Bittsteller lieber erst einmal abwimmeln möchte. Jesus sagt über den Freund des Ruhestörers: „Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, soviel er bedarf!“


Unverschämt ist der Bittsteller! In der Tat. Er darf aber auch unverschämt sein. Die Notlage verzeiht das und ebenso die Freundschaft. Es geht um drei Brote. Es geht um die Gastfreundschaft. Es geht um Notwendiges. Also um etwas, das die Not wendet. Es geht darum, dass man seinen Gästen etwas vorsetzen kann, damit sie sich stärken können. Und es geht darum, dass man sich nicht vor den hungrigen Gästen blamiert und das Gesicht verliert. 


Jesus erzählt eine Geschichte, wie wir sie heute auch noch erleben können. Jesus will uns damit zum Beten ermutigen. Beten hat in dieser Geschichte mit Bitten zu tun, obwohl das nur eine Weise des Betens ist. Beten ist mehr als nur um etwas zu bitten. Auch Lobpreis, Dank und Anbetung gehören zum Gebet. Die Bitte allerdings ist ein wichtiger Aspekt des Betens, deshalb halten wir auch im Gottesdienst Fürbitte. Heute erfahren wir, wie Beten in unserem Leben aussehen kann. Beten bedeutet, sich aufzumachen, obwohl es schon spät ist, mit seinem Anliegen bei Gott anzuklopfen, zu jeder Zeit, beten bedeutet auch, hartnäckig bei der Sache zu bleiben und wenn sich zunächst nichts rührt, nicht zu verzagen, sondern noch lauter zu klopfen, noch dringender zu beten. Beten und Bitten kann und darf hartnäckig sein.


Allerdings gibt es auch einen wichtigen Unterschiede zu unserer Geschichte. Sie ist schließlich sie nur ein Vergleich. Vergleiche hinken bekanntlich. Die einen mehr, die anderen weniger. Der Freund in der Geschichte hilft, damit das Pochen an der Tür aufhört, damit wieder Ruhe ist und noch ein paar Stunden Schlaf für ihn herausspringen. Deshalb macht er die Tür auf, versorgt den Störenfried mit einem Fresspaket und kriecht, vielleicht etwas verärgert wegen der Störung, wieder unter die Bettdecke. 


Wer betet, klopft aber nicht bei einem launischen Freund an. Das ist der Unterschied. Der Störenfried in der Nacht muss immer damit rechnen, dass er abgewiesen wird, dass die Freundschaft doch nicht so tief und fest ist, dass dem Freund anderes wichtiger ist, die Nachtruhe zum Beispiel. Gott hilft gerne! Wenn Gott hilft, dann gewiss nicht, um von uns seine Ruhe zu haben. Gott hilft, weil er uns liebt. Er wartet auf unser Gebet, gerade auf das dringende. Bei Gott gibt es keine ungelegenen Zeiten. 

 

Jesus will uns mit dieser Geschichte Mut machen, am Gebet festzuhalten, hartnäckig festzuhalten. Wenn wir beten, stehen wir vor der Tür und klopfen an. Wir klopfen bei Gott an und wir tun es mit guten Gewissen. Was uns unter den Nägeln brennt, sollen wir vorbringen und darauf vertrauen, dass wir gehört werden. „Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan!“. Also, bittet, so wird euch gegeben! Mit leeren Händen und bangen Herzen stehen wir da und vertrauen darauf, dass Gott sie uns füllt , die Hände mit Brot und die Herzen mit  Liebe. 


Jesus erzählt im Gleichnis von der Liebe Gottes und knüpft dabei wieder an menschliche Erfahrungen an. „Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn der ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange für den Fisch biete? Oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion dafür biete? Der Skorpion! Sein Stich kann äußerst schmerzhaft und manchmal auch tödlich sein. Die Schlange! Gott hat Feindschaft gesetzt zwischen ihr und den Menschen. Gefährliche Hausgenossen heute, wie zu Jesu Zeiten. Wer würde seinen Kindern so etwas antun und ihnen einen Skorpion  oder eine Schlange vorsetzen? Lebensmittel sind Mittel, die zum Leben helfen. Wer würde ihnen stattdessen Mittel reichen, die den Tod bringen?  Die Antwort ist eindeutig: niemand würde so etwas tun. Die Kinder wissen das. Deswegen gehen sie zum Vater, bitten um den Fisch und um das Ei, damit sie satt werden. 


Die Liebe der Menschen stößt schnell an ihre Grenzen. Sie reicht oft nur aus für die eigenen Kinder oder die besten Freunde. Die Liebe Gottes ist grenzenlos. Sie gilt allen Menschen. Er liebt sie ohne Vorbehalte.  Jesus sagt „Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!“


Jesus spricht von der Gabe des Heiligen Geistes. Viele Umschreibungen gibt es für den Heiligen Geist: Beistand, Tröster, Kraft aus der Höhe. Dies sind zugleich auch Umschreibungen für die Lebensmittel, die die Seele braucht, Herzenswärme, wenn die Liebe kalt wird, Trost, in der Trauer, Mut in der Angst, Beistand, wenn man sich einsam fühlt. Woher weiß der Freund in der Nacht, an wen er sich wenden kann? Es ist das Vertrauen. Sein Herz weiß einfach: „mein Freund wird mich nicht enttäuschen.“ Woher wissen wir, dass wir uns an Gott wenden können? Es ist das feste Vertrauen, die Zuversicht, bei Gott auf offene Ohren zu stoßen. Sie wohnt in unseren Herzen und sie ist ein Geschenk von Gott. Das wirkt der Heilige Geist in unseren Herzen. Er macht uns Mut, dass wir uns an ihn wenden können. An Pfingsten bitten wir um den Heiligen Geist, den Tröster, den Beistand, den Mutmacher des Glaubens. Wir wissen dabei, dass wir nicht vergeblich bitten.


Malen wir uns einmal aus, wie die Geschichte im Evangelium weitergeht. Mit seinen Broten geht der Beschenkte nach Hause. Er teilt es mit seinen Gästen, die zu ihm gekommen sind. Wir sollen die Gaben teilen, von denen wir leben. Das Brot des Lebens sollen wir teilen. Und ebenso dieses vertrauensvolle Wissen um einen Gott, der ein offenes Ohr und ein offenes Herz hat. Davon leben wir. Geben wir unser Wissen weiter, teilen wir unseren Glauben und unsere Hoffnung von der wir leben. Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, 9.5.2021, Altenstein



Singt! Predigt über Lukas 19,37 - 40 am Sonntag Kantate 


Und als (Jesus) er schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten, und sprachen: Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe! Und einige von den Pharisäern in der Menge sprachen zu ihm: Meister, weise doch deine Jünger zurecht! Er antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Der vierte Sonntag nach Ostern fordert zum Singen auf, zum Lob Gottes.  Kantate bedeutet „Singt!“ Ich denke bei diesem Aufruf gerne an meine Großmutter, für die das Gesangbuch eine Art geistliche Hausapotheke war. Ich sehe sie vor mir, wie sie in ihrer kleinen Küche steht, mit den vielen Töpfen am Herd hantiert und dabei hat sie gesungen. Sogenannte Küchenlieder aber auch sehr viele Kirchenlieder. Die Lieder, die sie auswendig konnte, gaben ihr Kraft, Trost und Halt und Antwort auf Fragen des Glaubens in ihrem arbeitsreichen und nicht immer einfachen Leben. Meine Großmutter hat den 1.Weltkrieg als Kind und die Weimarer Republik, das Dritte Reich und den 2. Weltkrieg miterlebt und nach dem Krieg den Wiederaufbau unseres Landes. Durch diese Zeiten, in denen ihr Glaube oft in Frage gestellt wurde, haben sie die Lieder aus dem Gesangbuch getragen. 


Als ich selbst in der Schule und in der Gemeinde Unterricht zu geben hatte, war es mir wichtig, mit Kindern und Jugendlichen zu singen, wenigstens vor den Corona-Beschränkungen. Im Konfirmandenunterricht war das mit dem Singen allerdings dann doch eher eine einseitige Angelegenheit. Um so erstaunter war ich, wenn ich dieselben Konfirmanden und Konfirmandinnen, bei unseren Ausflügen im Bus in den hinteren Reihen laut und fröhlich  und inbrünstig habe singen hören. Die meisten Lieder konnten sie sogar auswendig. Diese Lieder standen allerdings nicht im Gesangbuch sondern oben auf den aktuellen Hitlisten, den Charts. Und sie handelten von all dem, was grade dran war im Leben der jungen Menschen,  das war eben nicht so sehr Bibel, Gott und Jesus, sondern eher Freundschaft, Liebe, Frust, Enttäuschung und so weiter. Kantate! Singt! In der Bibel heißt es: „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.“ (Lukas 6,45)  Das heißt: Was einen bewegt, was grade dran ist, davon spricht oder singt man auch.  So ist es bei den Konfirmanden und erst Recht auch bei den Jüngern gewesen. Die haben zu singen begonnen. Laut und voll Begeisterung konnte man sie hören: „Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn!“ Das war übrigens auch aus einem Lied. Es handelt sich um eine Zeile aus dem 118.Psalm, dem Gesangbuch der Jünger. Die singen das Lied auf dem Weg nach Jerusalem. Was hat die Jünger dazu gebracht hat? Und warum haben sich die Pharisäer und Schriftgelehrten darüber aufgeregt? 


„Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über!“ Ich glaube, die Jünger konnten nicht still bleiben. Ihr Herz war voll Freude. Sie hatten das ersehnte Ziel vor Augen. Drei Jahre waren sie mit ihrem Herrn unterwegs. Sie konnten miterleben, wie er Kranke geheilt und Tote zurück ins Leben geholt hat. Mit ihren eigenen Augen haben sie gesehen, wie er tausende von Menschen satt gemacht hat mit nur fünf Broten und zwei Fischen. Sie haben gesehen, wie er über den See lief, einfach so. Sie haben miterlebt, wie er den Sturm gestillt und das Schiff vor dem Kentern und sie selbst vor dem Ertrinken bewahrt hat. Und sie haben gehört, was er gesagt hat. Seine Worte haben den Menschen gut getan, haben die Sehnsucht nach dem Reich Gottes genährt und Hoffnung geweckt, dass Gott bald eingreifen und sein Volk retten wird. Und jetzt ist Jesus mit seinen Jüngern auf dem Weg nach Jerusalem! Vielleicht werden jetzt die Mächtigen vom Thron gestürzt und die Niedrigen erhöht, wie es die Schrift verheißt? Der Gedanke daran ließ ihr Herz schneller schlagen. Sagt nicht der Prophet Sacharja: „Freue dich, Tochter Zion, jauchze laut, du Tochter Jerusalem, siehe, dein König kommt zu dir?“ (Sacharja 9,9) Wird dieser Friedenskönig nicht auf einem Esel in die Stadt reiten? Gewiss, so wird es sein. Jetzt ist die Stunde der Wahrheit gekommen. Jetzt wird Jesus die Herrschaft antreten.  Jesus wird jetzt zum König gesalbt. Das werden sich die Jünger gedacht haben. Deshalb haben sie sich gefreut. Darum konnten und wollten sie nicht schweigen. Die Pharisäer aber nehmen daran Anstoß. Ich denke mir, sie verstehen die Zeichen, die Jesus mit seinem Einzug setzt. Sie kennen die Bibel. Ist es Ärger oder die Angst vor den römischen Besatzern, die sie so aufbringt? „Weise deine Jünger zurecht“, sagen sie zu Jesus. Sie singen sich noch um Kopf und Kragen! Oder besser gesagt: sie singen dich noch um Kopf und Kragen. Und in der Tat. Es ist auch gefährlich, was sie singen. Sie preisen die Ankunft des neuen Königs. Das wird den Mächtigen in Jerusalem nicht gefallen.


„Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!“ Dieser Lobruf erinnert an den Gesang der Engel in der Heiligen Nacht. Damals, bei der Geburt des Kindes in Bethlehem, war der Himmel erfüllt vom Gesang der Engel. „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Frieden bei den Menschen seines Wohlgefallens…“ haben sie gesungen. Die Hirten haben zugehört und sich dann aufgemacht zu dem Stall, um das Wunder zu sehen und das Kind anzubeten, das jetzt erwachsen ist und die Herrschaft antreten wird. Die Jünger jubeln. Sie sind auf der Zielgeraden. Aber sie ahnen nicht, wo genau Jesus seinen Thron besteigen wird. Der Weg führt ihn nicht zum Tempelberg, er wird nicht zum König gesalbt, sondern gekreuzigt. Das Volk wird seinem neuen Herrscher auch nicht zujubeln. Im Gegenteil. Es wir ihm den Tod an den Hals wünschen. „Ans Kreuz mit ihm,“ werden sie rufen. Hinauf auf eine andere Anhöhe wird ihn sein Weg führen, nach Golgatha, zur Schädelstätte.  Mehrmals hat Jesus von seinem Leiden und Sterben, von seinem Weg in den Tod und von seiner Auferstehung gesprochen, zuletzt kurz vor dem Einzug nach Jerusalem. „Der Menschensohn muss leiden und sterben und am dritten Tag auferstehen…“ Immer wieder hat er ihnen das gesagt. Sie haben ihn nicht verstanden. Erst nach Ostern wurde ihnen klar, was gemeint war und dann werden sie vielleicht auch erkannt haben, was sie wirklich mit ihren Worten besungen hatten, als sie auf dem Weg nach Jerusalem waren. „Friede im Himmel und Ehre in der Höhe!“ Was auf der Erde noch errungen werden muss, ist im Himmel längst geschehen. Bei Gott gibt es kein Gestern und kein Morgen, bei Gott gibt es nur den ewigen Tag. Jesus tritt die Herrschaft an, gewiss, doch nicht so, wie sie sich das im Augenblick vorstellen.


Wenn wir Loblieder singen, stimmen wir ein in diesen ewigen Lobgesang, nehmen wir etwas vorweg von dem, was noch aussteht, spüren und schmecken wir, wie freundlich der Herr ist, ahnen wir, wie es wohl sein mag, wenn wir erlöst sind. Wir wissen oder ahnen, was noch kommt und freuen uns darauf, auch, wenn uns die Realität des Todes immer wieder vor Augen stellt, wie weit wir vom Ziel noch entfernt sind. „Weise deine Jünger zurecht“, sagen die Pharisäer und Jesus schüttelt den Kopf. Obwohl ihm sicher klar ist, welchen Weg er zu gehen hat, lässt er die Jünger singen und jubeln. Sie haben Grund dazu. Jesus wird die Herrschaft antreten. „Wenn sie nicht singen, werden die Steine schreien!“ Das antwortet Jesus den Pharisäern. Gottes Herrschaft lässt sich nicht aufhalten. Was im Himmel beschlossene Sache ist, wird sich auf Erden noch durchsetzen müssen. Doch es wird kommen, gewiss.


Kantate! Singt die Lieder eures Glaubens, die Lieder von Freude und Leid, Trost und Hoffnung, singt mit lauter Stimme, wie einst die Jünger. Sie gehen mit gutem Beispiel voran. Ihr Glaube, ihre Freude, ihre Hoffnung öffnet ihnen den Mund. Und wir sollen es ihnen gleich tun. „Ich singe dir mit Herz und Mund, Herr, meines Herzens Lust, ich sing und mach auf Erden kund, was mir von dir bewusst…“ sagt Paul Gerhardt in seinem Lied. Er ist einer von vielen, die sich in den Zug der Jünger eingereiht und mit seinen Liedern ihr Lob an uns weitergegeben hat. Lassen wir uns von ihnen ermutigen. Machen wir auf Erden kund, was wir glauben und hoffen. Ich denke, das ist unser Auftrag. Wenn wir es nicht tun, werden die Steine schreien. Die Lieder helfen uns, dass wir nicht vergessen, was uns von ihm bewusst ist, was uns freut und tröstet, was uns Mut macht und Kraft schenkt. Wir sind nicht allein, sagen uns die Lieder des Glaubens. Sie erzählen von dem, was andere vor uns erlebt haben. Sie erzählen von ihren Erfahrungen, die sie gemacht haben und an uns weitergeben und mit uns teilen. Er selbst, der Herr, wird mit uns auf dem Weg sein, so wie er bei den Jüngern dabei war und sie in Schutz genommen hat. Wenn wir uns zum Gottesdienst versammeln, ist er in unserer Mitte. Wenn wir in seinem Namen das Brot brechen, gibt er uns die Kraft. Wenn wir zu ihm sprechen, hört er unser Gebet und wenn wir nach ihm Ausschau halten, wird er uns spüren lassen, dass er da ist. Von ihm erzählen die Lieder und von seiner Herrschaft, die er längst angetreten hat. Möge  die Freude der Jünger ihren Weg zu uns finden, möge sie unsere Herzen berühren, gerade jetzt, in dieser schweigsamen Zeit. Möge sie uns die Lippen öffnen, damit wir das neue Lied singen. Ein Lied, das Mut macht, ein Lied vom Leben, das kommt, es will unsere Herzen berühren. Das Lied des Lebens und das Leben selbst bahnt sich seinen Weg zu uns. Es lässt sich nicht aufhalten. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, 2.5.2021, Altenstein


Wie ein Fisch im Wasser. Predigt über Apostelgeschichte 17,22-34 am Sonntag Jubilate 2021


Paulus aber stand mitten auf dem Areopag und sprach: Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt. Denn ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen und fand einen Altar, auf dem stand geschrieben: Dem unbekannten Gott. Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt. Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darinnen ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind. Auch lässt er sich nicht von Menschenhänden dienen wie einer, der etwas nötig hätte, da er doch selber jedermann Leben und Odem und alles gibt. Und er hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen, und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen, dass sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir; wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts. Da wir nun göttlichen Geschlechts sind, sollen wir nicht meinen, die Gottheit sei gleich den goldenen, silbernen und steinernen Bildern, durch menschliche Kunst und Gedanken gemacht. Zwar hat Gott über die Zeit der Unwissenheit hinweggesehen; nun aber gebietet er den Menschen, dass alle an allen Enden Buße tun. Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er richten will den Erdkreis mit Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und hat jedermann den Glauben angeboten, indem er ihn von den Toten auferweckt hat. Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, begannen die einen zu spotten; die andern aber sprachen: Wir wollen dich darüber ein andermal weiterhören. So ging Paulus weg aus ihrer Mitte. Einige Männer aber schlossen sich ihm an und wurden gläubig; unter ihnen war auch Dionysius, einer aus dem Rat, und eine Frau mit Namen Damaris und andere mit ihnen. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


„Da hatte ich mein Aha - Erlebnis!“ Das sagt man, wenn einem etwas schlagartig klar wird, wenn einem ein Licht aufgeht und sich Zusammenhänge erschließen, die vorher verborgen waren. Ich möchte ich Ihnen heute von einem Aha – Erlebnis erzählen, das ich vor längerer Zeit bei einer Meditationswoche im Kloster hatte. Auslöser war  ein Satz aus der Rede, die der Apostel Paulus vor den Athenern gehalten hat. Ich meine das bekannte Wort, mit dem Paulus die Athener von der Allgegenwart seines Gottes überzeugen wollte. Er sagt ihnen:  „Denn in ihm leben, weben und sind wir ...“ 


Wie oft habe ich diesen Satz schon gehört – und innerlich beiseite gelegt, weil er mich nicht erreicht hat. Ein geduldiges Wort. Es hat auf mich gewartet. Als es mein Herz erreicht hat, war das wunderbar. Es war, wie wenn ein Vorhang sich hebt. Auf einmal habe ich die Welt in einem völlig neuen Zusammenhang gesehen und angefangen, meinen persönlichen Glauben noch einmal neu durchzubuchstabieren, auf dieses Wort hin: „Denn in ihm leben, weben und sind wir ...“  


Später hat mir ein Gedicht von Jochen Klepper geholfen, die gewonnene Einsicht zu vertiefen. Es beschreibt die andere Seite des Wortes, wie es denn wäre, wenn ich nicht in ihm leben, weben und sein könnte.


„Ohne Gott bin ich ein Fisch am Strand, / Ohne Gott ein Tropfen in der Glut, / Ohne Gott bin ich ein Gras im Sand / Und ein Vogel, dessen Schwinge ruht. / Wenn mich Gott bei meinem Namen ruft, / Bin ich Wasser, Feuer, Erde, Luft.“


Ein Fisch braucht das Wasser, ein Vogel die Luft und ich als Christenmensch? Ich brauche Gott. Gott ist mein Element, „denn in ihm lebe, webe und bin ich ...“   Wenn ich atme, atmet Gott in mir. Wenn ich lache, lacht Gott in mir und wenn ich weine, weint Gott in mir. Wenn etwas stirbt in mir, stirbt etwas in Gott hinein. Und wenn ich auflebe, dann nur deshalb, weil mir Gott dazu die Kraft gibt.


 Zugegeben, das ist jetzt meine persönliche Deutung, andere mögen das anders sehen. Das ist mir aber egal. Ich halte daran fest: Gott will mir das Element sein, in dem ich lebe.  Gott, das ist mir klar geworden, ist nicht in einem fernen Himmel, zu dem ich aufschaue und den ich hin und wieder vergesse, wenn mich der Alltag einholt. Gott hat seinen Wohnsitz aus dem Himmel verlegt. Er wohnt nicht, wie Paulus selbst sagt, „in Tempeln, die mit Händen gemacht sind.“ Ich finde ihn in meinem Herzen. Da ist er mir näher als mein Atem und mein Herzschlag. Es gibt keinen Bereich mehr, der nicht von ihm durchdrungen und erfüllt wäre. Deshalb wird Gott zur Grundlage meines Lebens, meines Denkens und Fühlens. In der Tat, das ist dann kein ferner, kein unnahbarer Gott mehr, an den ich glaube. Vielmehr einer, der sich mit mir verbinden möchte. Deshalb spricht er mich an. „Wenn mich Gott bei meinem Namen ruft, / Bin ich Wasser, Feuer, Erde, Luft.“ Gott hat mich bei meinem Namen gerufen. Das ist in der Taufe geschehen, daran glaube ich fest. 


Der Abschnitt mit diesem Bibelwort, das mich so berührt, steht in einer längeren Rede, die Paulus den Athener gehalten hat. Sie sind aufmerksam auf ihn geworden und neugierig. „Können wir erfahren, was das für eine Lehre ist, die du lehrst?“ Die Athener, so heißt es, „hatten nichts anders im Sinn, als etwas Neues zu sagen oder zu hören.“ Allerdings musste ihnen das dann auch gefallen. Sonst werden sie sauer. Paulus hat das zu spüren bekommen. Es hat ihnen nicht gefallen, was er gesagt hat. Im Gegenteil. Es hat ihren Verstand beleidigt – und auf den waren sie doch so stolz. Von einem Toten hat er ihnen erzählt, den Gott wieder auferweckt hat: Jesus von Nazareth. Wer glaubt denn an so etwas! Einige habe Paulus ausgelacht. Andere haben freundlich abgewunken: wir wollen dich später noch einmal hören, sagten sie. Das war etwa so ernst gemeint, wie wenn man heute zu einem Stellenbewerber sagt: „Vielen Dank, sie hören von uns!" 


Paulus wendet sich an die Athener, nachdem er sich die Stadt in Ruhe angeschaut hat, die Straßen und Plätze, die Tempel mit ihren Altären und Götterbildern. Was er gesehen hat, wollte ihm keine Ruhe lassen. Deshalb hat er den Mund aufgemacht. Er spricht von seinem Glauben, von seiner Hoffnung, von der Zuversicht die er hat und die er den anderen gerne weitergeben möchte. „Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt...“ sagt er. Die Gottesfurcht der Athener will er gar nicht in Frage stellen oder abwerten. Die zahlreichen Standbilder der Götter und Halbgötter, mit denen die Athener ihre Stadt ausschmücken und auf die sie stolz sind, sprechen für sich. Und doch lassen sie Paulus ergrimmen. Da ist zum einen das Gebot seines Gottes, das jedes Bildnis noch Gleichnis verbietet. Vielleicht spielt aber auch noch etwas anderes eine viel ausschlaggebendere Rolle. Es ist das Verständnis von Gott, das sich in diesen Bildern ausdrückt. Verwechseln die Athener nicht Gottesfurcht mit Gottesangst? 


Wie viele von ihnen fühlen sich als Spielball göttlicher Launen? Sollen die Opfer auf den Altären nicht in erster Linie die Götter gnädig stimmen, sie beeinflussen oder besänftigen? Und warum hat man einem unbekannten Gott einen Altar gebaut? Vielleicht rechnete man einfach mit der Möglichkeit, dass es irgendwo unter diesem Himmel einen Gott gibt, der noch mächtiger ist, als die, die man schon kennt und den man besänftigen muss?  Steht hinter allen Götterbildern und Altären nicht die Angst, einer unbekannten Macht ausgeliefert zu sein?  Einer Macht, die sich jeder Wahrscheinlichkeitsrechnung entzieht und für die wir keinen Namen ausmachen können?


Ich denke, da sind wir alle mehr oder weniger wie die Athener. In diesem Punkt wenigstens. Diesen Schatten der Lebensangst kennen wir auch, obwohl wir ihn immer wieder gerne verdrängen möchten. Wir feiern die Errungenschaften der Technik, fliegen ins Weltall, überqueren in wenigen Stunden mit Überschallgeschwindigkeit den Atlantik – und lesen doch heimlich das Horoskop in der Tageszeitung. Wir sind moderne aufgeschlossene Menschen, die mit ausgefeilten Teleskopen in die Tiefen des Weltalls schauen, die Kometenbahnen genau berechnen können und greifen zum Pendel oder zu anderen fragwürdigen Mitteln,  wenn wir Antworten auf Fragen suchen, die wir uns nicht erklären können. Erst recht fühlen wir uns schutzlos, wenn wir an die Grenzen unserer Machbarkeiten und Möglichkeiten stoßen, wenn wir an die äußerste Grenze gestoßen werden, an unsere Endlichkeit, an unser Sterben, dann fühlen wir uns unendlich einsam und alleingelassen. 


„Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt...“  sagt Paulus, um seine Hörer hinzuführen zu einer neuen Sicht der Welt und des Lebens und des Glaubens. Eine Weltsicht und eine Gottessicht, die nicht so sehr von der Angst als vom Vertrauen und von der Freude bestimmt ist. Es ist die Freude über einen Gott, der nicht fern ist, sondern nah, ein Gott, dem wir nicht ausgeliefert sind auf Gedeih und Verderb, sondern dem wir anvertraut sind im Leben und im Sterben. Paulus erzählt ihnen von Jesus Christus, in dem dieser Gott Mensch geworden ist, um den Menschen einen Weg aus der Angst in die Freude zu bahnen. Kein abstrakter Gott ist das. Einer der da ist. Einer, der die Menschen anspricht, die Schwachen, die Kleinen, die Kranken, die Ängstlichen, einer, der ihnen die Hand auflegt, um zu segnen, einer, der das Brot mit ihnen teilt. 


Wir sind von Gott umgeben / auch hier in Raum und Zeit/ und werden in ihm leben / und sein in Ewigkeit.“ Wie oft haben ich dieses Lied bei Trauergottesdiensten gesungen. Vielleicht, weil es diese Erkenntnis spiegelt, die ich in meinem Aha-Erlebnis hatte. Es gibt keinen Ort, an dem Gott nicht ist. Dieses Wort weist hin auf den Gott, in dem wir leben und weben und sind, der uns auffängt, wenn wir sterben und dafür sorgt, dass wir uns nicht verlieren. Dieser allgegenwärtige Gott aber macht sich immer wieder konkret erfahrbar, spürbar für unsere Sinne – deshalb können wir beim Heiligen Abendmahl schmecken und sehen, wie freundlich der Herr ist, deshalb taufen wir mit Wasser, dem Element, das zum Leben notwendig ist, deshalb legen wir die Hand zum Segen auf, damit wir spüren können, wie nah uns Gott ist. Deshalb hören wir Sonntag für Sonntag das Evangelium. Es ist die Gute Nachricht, dass Gott uns bei unsern Namen ruft, uns persönlich anspricht, jeden einzelnen von uns. Das lässt uns aufatmen, wenn uns die Welt Angst macht.   Zum Leben in der Gemeinschaft mit Gott sind wir befreit, zum Leben, das die Angst nicht vergessen aber vielleicht überwunden hat, wenigstens im Ansatz. Paulus sagt mir: dein Gott ist ein Gott, der nicht fern ist,  sondern ganz nahe. Da habe ich tatsächlich Grund, in den Jubel dieses Sonntags einzustimmen. Jubilate Deo heißt  „Lobt Gott“. Lobt Gott, in dem und mit dem wir leben, wie ein Fisch im Wasser, wie ein Vogel in den Lüften und wie ein Mensch unter Menschen. Amen. 

© Pfarrer Stefan Köttig, 25.4.2021



Guter Hirt und schlechte Hirten. Predigt über Hesekiel 34,1-2(3-9)10-16.31 am Sonntag Miserikordias Domini


Und des HERRN Wort geschah zu mir: Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? …  So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen. Denn so spricht Gott der HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war. Ich will sie aus den Völkern herausführen und aus den Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und wo immer sie wohnen im Lande. Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels. Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der HERR. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist. Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der HERR. Lutherbibel 2917, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart


Heute ist Hirtensonntag. Das Bild vom guten Hirten spricht uns an, weil wir alle in uns die Sehnsucht spüren nach einem Hirten, der auf uns Acht gibt, der uns beschützt und dafür sorgt, dass wir nicht in unser Unglück rennen. Wir gut, dass uns die Bibel Gott als Guten Hirten seines Volkes vorstellt. Wie gut, dass Jesus sich als Guter Hirte bezeichnet hat. Der Gute Hirte ist für seine Herde da. Der gute Hirte sorgt für die Herde, für jeden einzelnen daraus. Ich denke an die Momente im Leben, an die Zeiten, in denen ich Ausschau halte  nach einem Guten Hirten, nach einem, der mich trägt, mich hält. Es gibt im Leben Zeiten, in denen ich nur noch getragen, gehalten, umsorgt und beschützt werden will. Wie wunderbar ist das doch, wenn ich dann sagen kann: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln…“ 


In der Bibel begegnet uns das Bild vom Hirten an vielen Stellen, sowohl im Alten wie im Neuen Testament. Allerdings war da kein Platz für Hirtenromantik. Ein Hirte konnte durchaus in lebensgefährliche Situationen geraten. Das wird uns deutlich, wenn wir hören, wie der Hirtenjunge David König Saul davon überzeugen konnte, ihn gegen den mächtigen Philister Goliath kämpfen zu lassen. Saul dachte, der schmächtige Junge sei viel zu schwach für so einen groben Klotz, vor dem selbst seine tapfersten Soldaten Respekt hatten. Der kann ja nicht einmal ein Schwert heben! Da antwortete ihm David: „Ich hütete die Schafe meines Vaters; und kam dann ein Löwe oder ein Bär und trug ein Schaf weg von der Herde, so lief ich ihm nach, schlug auf ihn ein und errettete es aus seinem Maul. Wenn er aber auf mich losging, ergriff ich ihn bei seinem Bart und schlug ihn tot. So hat dein Knecht den Löwen und den Bären erschlagen….“(1.Sam.17,34ff)  Wenn also David mit Löwen und Bären kämpft, wird er es auch mit einem Soldaten aufnehmen können. Wir wissen, wie die Geschichte ausging.


 In Israel wurde der König als Hirte seines Volkes bezeichnet. Das Gottesvolk war sich einig: David war ein guter Hirte. Er hat Kriege geführt und Siege errungen und ein mächtiges Reich geschaffen. Doch da gibt es auch die andere Seite von ihm , die weniger schöne Mit der ehelichen Treue hat er es nicht so ernst genommen, jedenfalls dann nicht, wenn ihm die Frau eines anderen gefallen hatte. Ich denke da an die Affäre mit Bathseba, aus der ein Kind hervorgegangen ist und an die hinterhältige Art, wie David ihren Ehemann ausgeschaltet hat. In Erinnerung geblieben sind allerdings die Siege, nicht so sehr die Fehltritte Davids. Als Israels Ruhm vergangen war, hat man sich wieder nach so einem Hirten gesehnt, nach einem neuen König David, der dem Volk wieder zum Ruhm, zur Ehre, zur Anerkennung verhilft und die Feinde für erlittene Schmach bestraft. Wie gesagt: David war ein guter Hirte in den Augen seines Volkes,. Und dennoch: die Grenzen zwischen gut und schlecht sind fließend, jedenfalls bei den Hirten aus Fleisch und Blut.


Deshalb ist heute nicht nur von den guten Hirten die Rede. Wir hören auch von schlechten Hirten, mit denen Gott ins Gericht geht. Gott ist enttäuscht von den Hirten, die er berufen hat. Sie sind ihrem Auftrag nicht gerecht geworden. Deshalb greift Gott ein. „Wie ein Hirt sich um die Tiere seiner Herde kümmert ... so kümmere ich mich um meine Schafe und hole sie zurück ... und bringe sie in ihr Land…“ sagt der Prophet im Auftrag Gottes. Gott liegen die Menschen am Herzen. Deswegen kann und will Gott nicht schweigen, wenn Menschen das Amt der Fürsorge missbrauchen, das Gott ihnen anvertraut hat, das Hirtenamt „Weh den Hirten Israels, die nur sich selbst weiden. Müssen die Hirten nicht die Herde weiden?“ 


Gott, der gute Hirte, geht mit den schlechten Hirten ins Gericht.  Er meint die Menschen, die an sich selbst denken, an ihren eigenen Vorteil und die das Vertrauen missbrauchen, das in sie gesetzt wurde. Gott meint die Menschen, die Verantwortung für andere haben und sie dabei im Stich lassen, sie unterdrücken, ausbeuten oder missbrauchen. Die schlechten Hirten sind Menschen die verantwortungslos umgehen mit den anderen, den schwächeren, den hilflosen, die in ihre Obhut gegeben sind: Kinder, Schüler, Auszubildende. Gott bezieht Stellung gegen Korruption und Amtsmissbrauch und entzieht diesen Hirten das Mandat, den Auftrag und das Recht, in seinem Namen zu sprechen und über andere zu herrschen. 


Herden ohne gute Hirten hat es immer schon gegeben, bis heute. Herden, die von ihren Hirten im Stich gelassen oder verraten oder schlecht behandelt worden sind. Heute nimmt Gott die schlechten Hirten ins Visier. Er selbst ergreift die Initiative. Wenn die Menschen-Hirten nichts taugen, dann will Gott selbst die Herde weiden. Es wird niemanden überraschen, wenn ich bei dieser Hirten - Schelte  mit Scham zunächst an die „schlechten Hirten“ in der Kirche denke, an die Skandalberichte über sexuellen Missbrauch Schutzbefohlener durch Geistliche in beiden Konfessionen. Vorhin sagte ich, dass auch die Könige als Hirten des Volkes angesehen wurden. Und deshalb würde ich mir wünschen, dass sie auch die Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft, kurz gesagt, unsere Politiker dieses Prophetenwort zu Herzen nehmen würden. Vielleicht würde es ihnen ganz gut tun, sich angesprochen zu fühlen und das eigene Handeln zu hinterfragen, vielleicht mit Hilfe dieses Prophetenwortes.


Von der Fürsorge Gottes erfahren wir und wie man sie erleben und erfahren kann. Gott kommt und kümmert sich selbst um die Menschen, die wie eine verstoßene, verängstigte und versprengte Herde sind. „Die verloren gegangenen Tiere will ich suchen, die vertriebenen zurückbringen, die verletzten verbinden, die schwachen kräftigen, die fetten und starken behüten. Ich will ihr Hirt sein und für sie sorgen, wie es recht ist....“ lässt Gott die Menschen wissen. 


Gott kommt und kümmert sich und wieder sind es Menschen, durch die er sein Werk ausführt. Die Fürsorge wird sichtbar in Jesus Christus, der sich selbst als Guter Hirte bezeichnet. Die Fürsorge Gottes wird sichtbar in Jesus Christus, dem Guten Hirten, der für die Herde sein Leben lässt – und so zum Weg, zur Wahrheit und zum Leben wird. Wir sind eingeladen  unter dem Schutz und Schirm dieses guten Hirten zu leben und uns an ihm auszurichten. Jesus Christus ist der Maßstab, an dem wir uns zu orientieren haben, vor allem dann, wenn wir selbst Verantwortung für andere übernehmen. Wir können Hirten sein und getrost ans Werk gehen, in dem Vertrauen, dass wir selbst umsorgt und behütet sind. Allerdings hören wir auch die Mahnung. Wenn wir merken, dass wir uns von unserem Auftrag entfernen, wollen wir uns rufen und zurechtbringen lassen. 


Die Mahnung, die wir heute hören, gilt nicht den anderen. Sie gilt uns. Weil wir alle Hirten sind, weil jeder von uns Verantwortung für andere trägt, für den Partner, mit dem er lebt, für die Kinder, die ihm anvertraut sind, für Schüler, die von ihm unterrichtet und aufs Leben vorbereitet werden wollen , für die Angestellten im eigenen Betrieb oder einfach für den Menschen, mit dem ich Seite an Seite lebe und um den sich sonst niemand kümmert. Jeder von uns ist aufgerufen, ein guter Hirte für andere zu sein. Und jeder von uns kann sich rufen lassen. Wir brauchen die Verantwortung nicht zu scheuen. Auch wir, die Hirten, liegen dem am Herzen, der zu uns sagt:  „Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein.“ Im Vertrauen darauf, dass er auf uns schaut, wollen wir unserer Berufung folgen und gute Hirten sein für die Menschen, mit denen wir leben.


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 18.4.2021


Es ist der Herr! Predigt über Johannes 21, 1 – 14 am Sonntag Quasimodogeniti


Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See von Tiberias. Er offenbarte sich aber so: Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger. Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sprechen zu ihm: Wir kommen mit dir. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts. Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten's nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische. Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte: »Es ist der Herr«, da gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich in den See. Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen. Als sie nun an Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer am Boden und Fisch darauf und Brot. Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! Simon Petrus stieg herauf und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht. Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten: Es ist der Herr. Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt's ihnen, desgleichen auch den Fisch. Das ist nun das dritte Mal, dass sich Jesus den Jüngern offenbarte, nachdem er von den Toten auferstanden war. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Wie vergesslich die Welt doch ist. Nur wenige Tage nach der Hinrichtung Jesu geht in Jerusalem  alles wieder seinen gewohnten Gang, als ob nichts geschehen wäre. Die Geldwechsler bauen ihre Tische im Schatten des Tempels auf. Die Händler bieten dort ihre Waren feil. Die Luft in der Heiligen Stadt ist voller Stimmen, lärmend, streitend, singend, lachend  – und draußen vor dem Tor verwittern die Kreuze an der Schädelstätte. Nichts erinnert mehr an das Spektakel der letzten Tage, Pilatus hat diesen Jesus längst vergessen. Die Soldaten, die mit Jesus ihren Spaß hatten, haben vielleicht schon den Marschbefehl bekommen und machen sich fertig zum Einsatz in einem anderen Krisengebiet des römischen Imperiums und die Schriftgelehrten sind erleichtert. Sie hoffen, dass jetzt Ruhe einkehrt, wo der Störenfried aus Nazareth endlich beseitigt ist. Die Freunde Jesu aber, seine Anhänger, die Jünger, sind nach Hause gegangen, zu ihren Familien, zurück an den See Genezareth, der im Johannesevangelium „See Tiberias“ genannt wird, nach der Stadt an seinem Südwestufer.


„Ich will fischen gehen!“ sagt Petrus. Das hat er gelernt. Diesen Beruf will er wieder aufgreifen. Fischen gehen. Etwas tun. Die Ärmel hochkrempeln. Nur nicht ins Grübeln kommen. Das ist jetzt das Richtige. Die vertrauten Handgriffe sitzen noch. Gelernt ist gelernt. „Wir kommen mit“, sagen die andern: Thomas, der Zwilling genannt wird und Nathanael, aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und noch zwei andere, deren Namen uns vom Evangelisten nicht verraten werden. Sie machen sich ans Werk.  Die Jünger kehren zurück in den Alltag, aus dem sie vor langer Zeit durch Jesus herausgerufen wurden. Leise gleiten die Fischerboote ins Wasser. Nachts werfen sie die Netze aus, jeder weiß, was zu tun ist. Schweigsam gehen sie ihrer Arbeit nach. Allein sind sie jetzt, allein auf dem See, allein mit ihren Gedanken, mit den Erinnerungen an das, was gewesen ist und was im Gedächtnis der Welt bereits zu verblassen beginnt: die Zeit mit Jesus. Vor langer Zeit haben sie die Netze und die Boote am Ufer liegen lassen und sind mit Jesus durchs Land gezogen. Jetzt denken sie zurück an diese Jahre, an seine Worte und Taten und an seinen grausamen Tod am Kreuz. Der Mann fällt ihnen gar nicht auf, der am Ufer steht und zu ihnen herüberblickt. Sie sind viel zu sehr beschäftigt. Sie merken nicht, wie Jesus in ihren von Trauer, Trostlosigkeit und Enttäuschungen überschatteten Alltag eintritt.


Die Geschichte von der Begegnung mit dem Auferstandenen am See Tiberias finden wir im Anhang zum Johannesevangelium. Als ob einer noch eine Geschichte nachgetragen hat, die so wichtig war, dass man sie auf keinen Fall vergessen durfte. Sie erzählt davon, wie aus dem grauen Alltag ein nachösterlicher Alltag wird. Die Geschichte erzählt vom Alltag der  jungen Kirche – also von den Menschen, die an diesen Jesus glauben, die sich abmühen, die Enttäuschungen hinnehmen müssen, kaum Erfolge wahrnehmen und doch erleben, wie für sie gesorgt wird, wie der Auferstandene Licht bringt in ihren Alltag.


Im Augenblick merken die Jünger noch nichts davon. Sie sind einfach zu müde. „Meine Kinder, habt ihr nichts zu essen?“ Die Antwort ist kurz. „Nein!“ Mehr möchten sie dazu nicht sagen. Nein, sie haben nichts gefangen in dieser Nacht. Aber der Fremde spricht weiter. „Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus, und ihr werdet etwas fangen!“ Ein Rat wider alle Vernunft. Jetzt, im Morgengrauen! Wenn die Nacht erfolglos war, wird der neue Versuch sicher auch scheitern. Jedes Kind, das an den Ufern des Sees aufwächst, weiß das. Und dennoch gehorchen die Jünger. Auf einmal haben sie alle Hände voll zu tun – und so sehr sie sich auch mühen, sie können die Netze nur mit Mühe einholen. Sie sind voll mit Fischen. 153 an der Zahl, sagt der Evangelist, als ob er nachgezählt hätte.


„Es ist der Herr!“ Ein Aufschrei hören wir jetzt, ein Schrei, in dem Freude und Erschrecken zugleich mitschwingen. Dem Jünger, den Jesus liebte, gehen als ersten die Augen auf. Jetzt kommt die Erinnerung. Ist es nicht wie damals, als Jesus Petrus berufen hatte? Die ganze Nacht hatten sie vergeblich gefischt, bis zum Morgen. Da ist ihnen Jesus begegnet. Auf seinem Rat hin haben sie die Netze nochmals ausgeworfen – und sind reichlich belohnt worden für ihre Mühen. „Geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch!“ hat Petrus damals zu Jesus gesagt und als Antwort einen Auftrag bekommen. „Du sollst Menschen fischen, du sollst sie für Gott gewinnen. Der Auftrag gilt immer noch. Vielleicht will Johannes das mit der seltsamen Zahl sagen. Dazu gibt es verschiedene Erklärungen. Die einen sagen, das sei die Zahl der Fülle. Andere sagen, 153 Fischarten seien damals bekannt gewesen. Wenn man sich jetzt an den Auftrag erinnert, den Jesus Petrus gegeben hat, bekommt dieser konkrete Hinweis auf die 153 Fische eine besondere Bedeutung. Der Auftrag gilt immer noch. Menschenfischer sollen sie sein, Petrus und die anderen. Das Evangelium sollen sie hinaustragen in alle Welt. Auch der Hinweis, dass das Netz trotz der Menge nicht reißt, bekommt eine tiefere Bedeutung.  Die Verbindung mit Jesus hält. Sie trägt. Nichts kann sie zerreißen, nicht einmal der Tod.


Die Welt ist nach Ostern wieder zur Tagesordnung übergegangen. Als ob nichts geschehen wäre. Und die Jünger haben sich davon entmutigen lassen. Der Traum, die Hoffnung von Gottes nahem Reich war am verblassen – und alles schien vergeblich. Aber Gott ist nicht zur Tagesordnung übergegangen. Er hat Jesus von den Toten auferweckt. Der Auferstandene sucht die Jünger auf. Aus dem Alltag, auf dem die Schatten der Furcht und des Todes liegen, wird ein nachösterlicher Alltag, der von der Freude über den Sieg Jesu, über den Sieg des Lebens getragen wird. Vielleicht wird Petrus das in diesem Augenblick bewusst. Er greift sich seine Kleider und springt vom Boot ins Wasser, um die letzten Meter ans Ufer zu schwimmen, hin zu dem, der zum Sinn, zur Mitte und zum Inhalt seines Apostellebens gewesen ist. Schließlich kommen auch die anderen Jünger an. Sie ziehen die Boote ans Land. Sie sehen ein Lagerfeuer. Fische liegen darauf. Und Brote. Ein vertrautes Bild. Und wieder eine Erinnerung. Brote und Fische. So wie damals, als Jesus die 5000 Menschen gespeist hat. Wie konnten wir das nur vergessen, mögen sie sich gedacht haben. Waren die Worte des Herrn nicht eindeutig: „Ich bin das Brot des Lebens?“ Jesus lädt ein zu Tisch. Bis heute. Wo in seinem Namen das Brot gebrochen wird, ist er da, wird er selbst für uns zum Brot des Lebens. Wo in seinem Namen das Brot gebrochen wird, feiern wir die Gemeinschaft mit ihm.

„Es ist der Herr!“ Jeder von den Jüngern weiß auf einmal, wer da vor ihnen sitzt, und keiner wagt es, auszusprechen. Vielleicht ist die Angst zu groß, dass durch viele Worte nur zerredet wird, was die Augen sehen und was das Herz vor Freude schneller schlagen lässt: die Entdeckung, dass ihr Leben mit Jesus nicht vergeblich war, dass die Hoffnungen nicht vom Tod zunichte gemacht wurden, dass nichts von dem hinfällig geworden ist, was Jesus den Menschen verkündet hat. „Es ist der Herr!“  Mit dieser Erfahrung kehren die Jünger zurück ins Leben, finden sie den Weg aus der Starre der Trauer hinein in das Leben. Sie erfahren, dass sie nicht allein gelassen werden von ihrem Herrn. Sie wissen ihn in ihrer Nähe. Sie spüren, wie er sich um sie sorgt und wie er für sie sorgt.


Die Geschichte von der Begegnung mit dem Auferstandenen erzählt vom frühen Leben der jungen Kirche. Sie erzählt von den Menschen dieser Kirche. Sie erzählt von denen, die an Jesus glauben, mit Enttäuschungen zu kämpfen haben, sich abmühen und manchmal ohne Erfolg sind. Menschen, wie Petrus, Jakobus, Johannes, Thomas. Menschen, wie du und ich. Menschen, die bis heute von der einen Erfahrung getragen werden, die höher ist als unsere Vernunft. Es ist der Herr! So hat einer der Jünger diese Erfahrung zusammengefasst. Eine Lebenserfahrung,  die dafür gesorgt hat, dass einer Hand voll abgekämpfter, verängstigter und müde gewordener Menschen wieder Kraft und Vertrauen geschenkt hat.


„Es ist der Herr!“ Der Auferstandene kommt auch in unseren Alltag hinein. Er lässt uns nicht allein. Die Welt mag glauben, dass sie zur alten Tagesordnung zurückkehren kann. Sie irrt. Gottes neue Ordnung hält Einzug in diese von Todesahnungen und Todeserfahrungen überschattete Welt. Es ist die Tagesordnung der Liebe, die in Jesus Gestalt angenommen und in seinen Worten ein klares Programm hat. An dieser Tagesordnung sollen wir festhalten. Zu dieser Tagesordnung sollen wir uns immer wieder zurückrufen lassen – vom Herrn selbst, der bei uns ist, der zu uns spricht, in seinem Wort und  der  uns stärkt an seinem Tisch. „Es ist der Herr!“ Leben wir im Vertrauen auf seine Nähe. Sie macht aus dem grauen Alltag einen österlichen Alltag, sie trägt durch den Alltag in das Leben, das uns der Herr schenken will. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 11.4.2021



Bei Gott beschlossene Sache! Predigt über Offenbarung 5,6 – 14 am  Ostermontag


Und ich sah mitten zwischen dem Thron und den vier Wesen und mitten unter den Ältesten ein Lamm stehen, wie geschlachtet; es hatte sieben Hörner und sieben Augen, das sind die sieben Geister Gottes, gesandt in alle Lande. Und es kam und nahm das Buch aus der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß. Und als es das Buch nahm, da fielen die vier Wesen und die vierundzwanzig Ältesten nieder vor dem Lamm, und ein jeder hatte eine Harfe und goldene Schalen voll Räucherwerk, das sind die Gebete der Heiligen, und sie sangen ein neues Lied: Du bist würdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel; denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen und hast sie unserm Gott zu einem Königreich und zu Priestern gemacht, und sie werden herrschen auf Erden. Und ich sah, und ich hörte eine Stimme vieler Engel um den Thron und um die Wesen und um die Ältesten her, und ihre Zahl war zehntausendmal zehntausend und vieltausendmal tausend; die sprachen mit großer Stimme: Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob. Und jedes Geschöpf, das im Himmel ist und auf Erden und unter der Erde und auf dem Meer und alles, was darin ist, hörte ich sagen: Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Und die vier Wesen sprachen: Amen! Und die Ältesten fielen nieder und beteten an. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Die Weltgeschichte – ein Buch mit Sieben Siegeln. Darin ist aufgeschrieben, was kommen soll. Wer verfügt über die Geschichte, wer ist der Herr über die Zeit, über jeden Tag, der darin verzeichnet ist?  Vielleicht geht es ihnen wie mir: ich habe oft  das Gefühl, dass ich nicht Herr über meine Lebenszeit bin, nicht einmal über die Zeit, die in meinem Kalender so wohl geordnet erscheint. Es gibt so vieles, das sich in den Vordergrund drängt, meine Gedanken beherrscht, meinen  Tagesablauf bestimmt und  sich im Nachhinein dann doch als unwichtig herausstellt. Wenn ich darüber nachdenke, frage ich mich: wer ist eigentlich Herr über mich und meine Zeit, wer bestimmt und lenkt meine  Tage und Stunden, aus denen sich meine Lebensgeschichte zusammensetzt?


Was ich im Kleinen für mich und mein Leben feststelle, kann ich auch im Großen beobachten. Die Weltgeschichte erscheint mir oft als undurchsichtig und beängstigend. Wer hat darin eigentlich das Sagen? Wer lenkt und bestimmt sie? Sind es die gewählten Volksvertreter? Oder sind es nicht doch eher die Vertreter des Kapitals und der Weltwirtschaft? Wer einen Blick in die Geschichte der  Welt wagt, stößt immer wieder auf Menschen, die  den absoluten Anspruch auf die Weltherrschaft und auf die Menschen erhoben haben und den Gang der Geschichte lenken wollten. In den Tagen des Sehers Johannes, war das der römische Kaiser Domitian. Er hat sich von aller Welt als Gott verehren lassen. Wer den Kniefall verweigert hat, ist getötet oder – wie der Prophet Johannes - auf eine einsame Insel verbannt  worden. Bis heute treten solche Menschen immer wieder auf. Menschen, die Anspruch auf uns erheben –  auf unseren Leib, unsere Seele, auf unsere Zeit, auf unser Leben. Es gibt Menschen, die darüber verfügen wollen. Es gibt Menschen, die uns beherrschen wollen. So bleibt die Frage weiter offen - wer verfügt über die Zeit und über die Geschichte, über unsere persönliche und über die der Welt?


Unser Predigtwort verrät die Antwort. Es sagt - wer der Herr ist und entlarvt damit zugleich die falschen Herren mit ihren unrechtmäßigen Besitzansprüchen auf uns, auf unser Leben und auf das Leben der Welt. Was wir hören, lässt hoffen - für uns und unsere Welt. Der Seher Johannes, ich nennen ihn einen Propheten, hat einen Blick in den Himmel werfen dürfen. Er will uns mitteilen, was er gesehen und erlebt hat. Was er erfahren hat, lässt sich kaum in Worte fassen. Gott wäre nicht Gott, wenn er sich mit menschlichen Begriffen beschreiben ließe. Johannes verwendet eine bildhafte und symbolische Sprache aus einer anderen, einer fernen Zeit. Es ist die Bilderwelt des Alten Testaments, die er gebraucht, nicht unsere. Er liefert kein Protokoll ab. Aber er erzählt uns auch kein Märchen! Er malt mit seinen Worten ein Bild von der Welt, in die er hat hineinblicken dürfen. Er vergleicht sie mit einem Thronsaal, ähnlich wie in der prächtigen Residenz  eines Herrschers seiner Zeit, also vor zweitausend Jahren. Wir würden vielleicht andere Bilder verwenden, um Gottes Majestät zu beschreiben. Er sieht einen Hofstaat, versammelt um einen Thron. Gottes Thron. 


Johannes sieht ein Buch mit sieben Siegeln. Es ist Gottes Geschichtsbuch. Es enthält Gottes Plan für die Welt und für alle, die darin vorkommen. Es ist Gottes Zeitplan. Da ist all das eingetragen, was Gott wichtig ist, da steht alles, was ist, was war und was sein soll. Auch unsere Geschichte mit ihren Höhen und Tiefen ist darin aufgezeichnet. Wir alle spielen darin eine Rolle - weil wir in der Welt leben, um die es in diesem Geschichtsbuch Gottes geht und weil wir Gott unendlich wichtig sind. Sieben Siegel trägt dieses Buch. Siegel sind Hoheitszeichen: was in diesem Buch steht, ist beschlossene Sache. Es ist Gottes Sache, weil es Gottes Siegel sind, die an diesem Buch hängen.


Und nun hört der Prophet Johannes eine Frage. „Wer ist würdig, die Siegel aufzubrechen und das Buch zu öffnen?“ Die Antwort ist niederschmetternd. Niemand ist würdig, Gottes Plan mit dieser Welt, den Geschichtsplan aufzurollen und gar auszuführen. Ist die Welt deshalb der Spielplatz von Menschen wie dem machthungrigen Domitian und seinen Nachfolgern? 


Heute dürfen wir mit dem Propheten Johannes einen Blick in den Himmel werfen - und müssen erfahren, dass niemand da ist, der diesen Plan Gottes ausführen kann. Das ist zum Heulen. Dem Seher Johannes kommen deshalb die Tränen. Er weint, bis ihn endlich eine Stimme ruft: „Hör auf zu weinen!“  Einer ist würdig, das Buch zu öffnen, damit seinen Lauf nehmen kann, was Gott verfügt hat. Ein Name wird nicht genannt. Als Löwe und als Lamm wird dieser eine bezeichnet.


Gemeint ist Jesus Christus - als Kind in die Welt hineingeboren, als Messias von den Menschen in Jerusalem freudig begrüßt, als Verbrecher gekreuzigt nach einem Urteil von Pontius Pilatus, als Erlöser auferstanden durch Gottes Kraft. Er ist den Weg ans Kreuz gegangen, um uns zu befreien, um uns auszulösen aus den Fängen des Todes. Im Advent feiern wir die Erwartung des kommenden Retters, an Weihnachten seine Geburt und an Ostern seinen Sieg. Die unseligen Kräfte und Mächte, die gern über uns und unser Leben herrschen wollen, haben ausgespielt! Der Löwe aus Juda hat sie verschlungen, das Lamm hat uns ausgelöst. Das ist alles schon vorweggenommen, als ob es geschehen wäre. Wir sind frei von den Mächten und Gewalten der Finsternis. Wir sind befreit auf Hoffnung. Wir stehen noch mittendrin in der Geschichte. Die Dinge entwickeln sich noch. Aber wir erfahren bereits, wie sie ausgehen. Sie dürfen uns nicht mehr vom Wesentlichen abhalten, von der Liebe zu Gott und von der Liebe zu den Menschen - ich meine die Liebe, die sich Zeit nimmt und die Zeit schenkt, Zeit zum Gebet und Zeit für den Nächsten, Zeit zum Gespräch, Zeit, um zu hören und Zeit, um zu trösten.


Der Himmel ist voll Jubel über diesen Erlöser, den Johannes in der Gestalt eines Löwen und eines Lammes sieht. Weil er  wie ein Löwe   Herr ist  über alles, was es gibt, auf der Erde und im Himmel und unter der Erde. Und weil er zugleich auch das Lamm ist, ein Opferlamm, hingegeben für unsere Schuld, für unsere Versäumnisse. Wir erfahren, dass Jesus beides zugleich ist, Löwe und Lamm. In den Augen der Welt schwach wie ein Lamm. Und in Wahrheit doch stark wie ein Löwe. In den Augen der Welt ein einfacher Mensch. In Wahrheit doch Gottes Sohn, der das Buch mit den Sieben Siegeln öffnen wird. Stimmen wir ein in den österlichen Jubel! Christus ist der Herr in Zeit und Ewigkeit. Das ist die Botschaft, die Hoffnung macht, wenn wir erschrecken vor den angeblichen Herren und Gewalten dieser Welt. Christus ist der Herr in Zeit und Ewigkeit - das ist die Botschaft, die Hoffnung macht! Durch das Kirchenjahr begleitet uns der Schein der Osterkerze, die wir in der Osternacht am Osterfeuer angezündet haben. Sie erinnert uns an Gottes Wirklichlickeit, an den Jubel, der den Himmel erfüllt und dessen Echo wir manchmal hören, wenn wir still werden, wenn wir die Botschaft vom Sieg Jesu in unser Herz hinein lassen. Die Osterkerzen, die wir mit nach Hause nehmen, erzählen uns von dem Licht, das die Nacht erhellt und uns den Weg in das Leben weist. Einen Blick in den Himmel haben wir heute durch das Wort der Offenbarung werfen dürfen. Worauf wir zugehen, ist dort bereits beschlossene Sache. Beschlossen ist das Leben. Beschlossen ist der Sieg der Liebe, die stärker ist als der Tod.  Der Himmel jubelt und wir sollen mit in den Jubel einstimmen. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 5.4.2021


Fürchtet euch nicht! Steht fest! Predigt über 2.Mose 14,8 - 14.19-23.28-30a am Ostersonntag 


Und der HERR verstockte das Herz des Pharao, des Königs von Ägypten, dass er den Israeliten nachjagte. Aber die Israeliten waren mit erhobener Hand ausgezogen. Und die Ägypter jagten ihnen nach, alle Rosse und Wagen des Pharao und seine Reiter und das ganze Heer des Pharao, und holten sie ein, als sie am Meer bei Pi - Hahirot vor Baal - Zefon lagerten. Und als der Pharao nahe herankam, hoben die Israeliten ihre Augen auf, und siehe, die Ägypter zogen hinter ihnen her. Und sie fürchteten sich sehr und schrieen zu dem HERRN und sprachen zu Mose: Waren nicht Gräber in Ägypten, dass du uns wegführen musstest, damit wir in der Wüste sterben? Warum hast du uns das angetan, dass du uns aus Ägypten geführt hast? Haben wir's dir nicht schon in Ägypten gesagt: Lass uns in Ruhe, wir wollen den Ägyptern dienen? Es wäre besser für uns, den Ägyptern zu dienen, als in der Wüste zu sterben.  Da sprach Mose zum Volk: Fürchtet euch nicht, steht fest und seht zu, was für ein Heil der HERR heute an euch tun wird. Denn wie ihr die Ägypter heute seht, werdet ihr sie niemals wiedersehen. Der HERR wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein. … Da erhob sich der Engel Gottes, der vor dem Heer Israels herzog, und stellte sich hinter sie. Und die Wolkensäule vor ihnen erhob sich und trat hinter sie und kam zwischen das Heer der Ägypter und das Heer Israels. Und dort war die Wolke finster und hier erleuchtete sie die Nacht, und so kamen die Heere die ganze Nacht einander nicht näher.  Als nun Mose seine Hand über das Meer reckte, ließ es der HERR zurückweichen durch einen starken Ostwind die ganze Nacht und machte das Meer trocken, und die Wasser teilten sich. Und die Israeliten gingen hinein mitten ins Meer auf dem Trockenen, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken.  Und die Ägypter folgten und zogen hinein ihnen nach, alle Rosse des Pharao, seine Wagen und Reiter, mitten ins Meer. … Und das Wasser kam wieder und bedeckte Wagen und Reiter, das ganze Heer des Pharao, das ihnen nachgefolgt war ins Meer, sodass nicht einer von ihnen übrig blieb. Aber die Israeliten gingen trocken mitten durchs Meer, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken. So errettete der HERR an jenem Tage Israel aus der Ägypter Hand. Und sie sahen die Ägypter tot am Ufer des Meeres liegen. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Zu meinen Lieblingsbüchern gehört eine Sammlung „Illuminierter Holzschnitte der Lutherbibel von 1534“ - so lautet auch der Buchtitel. Eines der Bilder illustriert die Geschichte von Durchzug der Israeliten durch das Meer, über die wir heute nachdenken. Ein farbenprächtiges Bild. Ich möchte es mit meinen Worten skizzieren. In der Mitte sehen wir Moses mit einem flammend roten Gewand. Wie ein Held positioniert er sich. Mit seinem überdimensionalen Stab stellt er sich den Fluten des Meeres entgegen und teilt sie, wie man mit einem Schwert ein Gewand in zwei Hälften teilt. So kennen wir die Geschichte. So stellen wir uns das Geschehen vor. Das Volk Israel zieht trockenen Fußes auf die sichere Seite, während über den Soldaten des Pharao  mit den Waffen und Streitwagen die Fluten zusammenbrechen. Später, am gegenüberliegenden Ufer, auf der sicheren Seite, wird Miriam, die Schwester des Mose, ihr Tamburin in die Hand nehmen und ein Lied anstimmen, in das die anderen Frauen freudig einstimmen. „Lasst uns dem HERRN singen, denn er ist hoch erhaben; Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt….“ Doch das ist dann schon wieder eine andere Geschichte.


Eine Zeitlang hat es so ausgesehen, als ob der Auszug der Israeliten in einer Niederlage endet.Die Soldaten des Pharao waren ihnen auf den Fersen. Sie sollten die Israeliten wieder einfangen, zurückbringen und ihrer wohl harten Strafe entgegenführen. Als sie merkten, dass die Soldaten immer näher kamen, hat te sich Panik und schiere Verzweiflung ihrer bemächtigt. „Sie fürchteten sich…“ lesen wir in der Bibel. Wer könnte das nicht verstehen. Mutlos wurden sie, als sie das Meer vor sich sahen. Der  Fluchtweg  war abgeschnitten. Jetzt war alles verloren! 


Allmählich ahne ich, warum das eine Geschichte für den Ostermorgen ist. Sie erzählt von Menschen in einer ausweglosen Situation. Sie erzählt von ihrer Angst und Verzweiflung, von Panik, die in Wut und Resignation umschlägt. Aber auch von Trost und Rettung hören wir. Das erinnert mich an die Jünger und Jüngerinnen Jesu. Auch die sind an eine Grenze gestoßen und darüber beinahe verzweifelt. Der Tod hatte sie vor vollendete Tatsachen gestellt. Tief eingebrannt in die Seelen und in die Erinnerung waren die Bilder der letzten Tage. Da war die Verhaftung Jesu, der Schauprozess und schließlich die Hinrichtung auf Golgatha. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ Noch immer hallte  der Todesschrei Jesu in den Ohren nach und noch immer schmerzte sie die gehässigen Bemerkungen der Gegner, die sich an dem Leiden Jesu weideten. „Anderen hat er geholfen, sich selbst kann er nicht helfen,“  lästerten sie. Dann aber musste alles schnell gehen. Es kam wegen der anbrechenden Sabbatruhe zur einer hastigen Bestattung des Leichnams Jesu. Schließlich folgte die quälende Zeit der Trauer, der Karsamstag. Das muss eine bittere Erkenntnis gewesen sein: Die Mächtigen bleiben mächtig. Die Ohnmächtigen bleiben hilflos. Nichts wird sich ändern. Blinde bleiben blind. Aussätzige bleiben aussätzig. Tote bleiben tot. 


Kennen wir das nicht auch, dieses Gefühl der Hilflosigkeit im Gegenüber des Todes? Und ebenso das Gefühl der Wut und der Verzweiflung. Das kann doch nicht wahr sein! Das kann doch nicht alles gewesen sein! Ein Mensch, den man lieb hatte, stirbt und die Welt dreht sich weiter, als ob nichts geschehen wäre. Mit diesem gewiss vertrauten Gefühl im Herzen kehren wir zurück zu der Geschichte, die wir im Alten Testament lesen. Wir treten zu den Israeliten ans Meer.  Sie fürchteten sich, erzählt uns die Bibel. Sie sahen, wie die Soldaten aufholten, wie sie immer näher kamen. Sie brachten den nahen Untergang, den Tod. Da begannen die Israeliten zu schreien. Sie klagten an. Sie suchten nach einem Schuldigen. Das war Mose. „Du hast uns das eingebrockt“, riefen sie aus. „Waren nicht auch Gräber in Ägypten? Jetzt müssen wir hier in der Wüste sterben!“ Ach, hätten sie doch nicht auf ihn gehört, auf seine Versprechungen, auf seine Reden von Gott und dem Gelobten Land. Lieber Sklave in Ägypten sein und am Leben, als frei sein und in der Wüste sterben, klagten sie.  


Bis jetzt hören wir eine Karfreitagsgeschichte. Aber sie soll sich in eine Ostergeschichte wandeln, der Zorn soll umschlagen in Freude, die Verzweiflung in Hoffnung. Der Wendepunkt tritt ein in dem Augenblick, da  Mose dem Zorn und der Furcht etwas entgegensetzt, einen Trost, einen Zuspruch. „Fürchtet euch nicht, steht fest und seht zu, was für ein Heil der HERR heute an euch tun wird.“ Das antwortet er dem Volk. So bereitet er sie vor auf den Eingriff Gottes, auf die Rettung, die geschehen soll.


„Fürchtet euch nicht!“ Das werden die Frauen auch hören, am Ostermorgen, als sie das Grab aufsuchen. „Fürchtet euch nicht!“ Das wird der Engel zu ihnen sagen und ihnen helfen, die Zeichen der Zeit zu verstehen. Denn, was die Frauen sehen, können sie nicht begreifen. Sie sehen ein leeres Grab, ohne zu ahnen, was es bedeutet. Es braucht die Deutung des himmlischen Boten. „Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt und seht die Stätte, wo er gelegen hat…“ Erst mit diesen Worten werden sie lernen, die Welt in einem neuen Zusammenhang wahrzunehmen. Das Grab ist leer, nicht, weil man den Leichnam gestohlen hat, sondern weil der von den Toten auferstanden ist, den sie dort gesucht haben. Aus dem leeren Grab, dem Ort der Verzweiflung, wird ein Ort der Hoffnung. Das Kreuz, ein Zeichen des Leidens, wird ein Zeichen des Sieges.  Das Meer der Trauer, so unüberwindbar tief und gefährlich, verliert seinen Schrecken. Gott teilt es. Er bahnt seinem Volk einen Weg aus der Verzweiflung, einen Weg in das Leben. Das ist der Zuspruch, den wir heute hören.  „Fürchtet euch nicht, steht fest und seht …“ wird uns gesagt, wenn wir an das Meer der Trauer, der Ausweglosigkeit und Verzweiflung denken, in dem wir zu versinken drohen. Es wird sich teilen und wir werden hindurch gehen.


 „Fürchtet euch nicht, steht fest…“ dieses Wort ist wie ein Osterbotschaft, wenn die Knie weich werden, wenn die Hoffnung wankt und der Zweifel an der Seele nagt.  „Steht fest!“ Was ist darunter zu verstehen? Vielleicht ein Aufruf zum mutigen Festhalten an den Worten, die uns Mut und Trost schenken, die Menschen schon mehr als zwei Jahrtausenden Mut und Trost geschenkt haben. „Der HERR wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein….“ Das sagt Mose zu seinem Volk und er sagt es heute auch zu uns. Der Herr wird für euch streiten. Diese Worte aus dem Alten Testament aber machen mir am Ostern Mut, wenn ich mich hilflos fühle, wenn der Zweifel an mir nagt und ich mir nicht mehr sicher bin, was ich noch glauben soll. Steht fest, wird mir heute gesagt! Der Herr wird für euch streiten. Dann, wenn ich aus eigener Kraft nicht mehr weiterkann, wird er da sein und mir den Weg ins Leben bahnen.


Ich vertraue darauf, dass wir nicht uns selbst überlassen sind. Ich glaube fest daran, dass er uns in Jesus Christus den Guten Hirten geschickt hat, der uns vorangeht und uns den Weg ans Ziel führen wird, so wie Mose seinem Volk vorangegangen ist. Wir sind noch unterwegs, gewiss. Aber wir gehen unseren Weg nicht allein. Wir gehen dem Ziel entgegen, an dem wir, wie Miriam und nach ihr viele andere ein Lied singen werden, das Lied unserer Befreiung, das Lied unserer Rettung. Unser Lied wird wohl nicht den Untergang von Ross und Reiter im Meer besingen,  wohl aber den Sieg über die Angst und den Tod. Und so wie Miriam und die Frauen mit ihrem Lied den Sieg besungen haben, können wir einstimmen, in den Lobgesang auf Gottes endgültigen Sieg, wie ihn unsere Osterlieder schon vorwegnehmen. „Fürchtet euch nicht…“ Lassen wir uns von diesen Worten ansprechen, die den Israeliten den Weg durch das Meer und den Frauen den Weg zum leeren Grab gewiesen haben, damit wir einstimmen können  in den Jubelruf, der seit dem ersten Osterfest über der Welt liegt: „Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja.“ Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 4.2.2021


Wenn die Steine von den Gräbern springen. Predigt über Matthäus 28,1-10 in der Osternacht in Hafenpreppach am 3.4.2021


Wenn in den Medien von einem Erdbeben berichtet wird, ist das eine Katastrophennachricht. Wir sehen dann Bilder der Zerstörung und des Leids. In unserem Evangelium ist auch von einem Erdbeben die Rede. Aber es hat andere Folgen. Zwei Frauen stehen im Epizentrum dieser Erschütterung, Maria und Maria Magdalena. Dieses Beben stellt ihr Leben auf den Kopf. Doch keine Katastrophe kommt über sie. Es ist ein Segen, was sie erleben. Die Bibel spricht zwar von einem Erdbeben. Ich denke aber, es war wohl das Beben in der Seele, das sie von Grund auf verändert hat. Es waren nicht Erdplatten, die sich aneinander gerieben oder übereinander geschoben haben. Wohl haben sich Steine bewegt. Aber es sind keine Häuser eingestürzt, sondern Grabsteine. Genauer gesagt: ein Stein wurde beiseite geschoben: der Stein über den sich die Frauen an dem frühen Morgen den Kopf zerbrochen haben. „Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?“ fragten sie sich, als sie auf dem Weg zum Grab waren, um den Leichnam Jesu zu salben. Matthäus berichtet, wie ein Engel vom Himmel kam, den Stein zur Seite rollte und sich darauf setzte.  


Das österliche Beben unterscheidet sich von den Naturkatastrophen der alten, vergänglichen Welt. Es bringt keine Vernichtung, sondern Veränderung. Es verschüttet niemanden. Es legt Zugänge und Wege frei. Ein Grab wird aufgesprengt. Was darin gefangen war, wird befreit. Was für eine Botschaft für Menschen, die heute leiden. Was für eine Botschaft für uns alle, die wir unter der Macht des Todes zu leiden haben. Die Macht des Todes spüren wir an jedem Tag in unserem Leben, wenn etwas zu Ende geht, wenn wir Abschied nehmen müssen von einem Menschen, den wir lieb hatten und der gestorben ist, oder wenn wir selbst krank werden oder alt und gebrechlich. Wir spüren, wie uns die Lebenskräfte verlassen. Manche werden einsam. Auch das gehört zu den Schatten, die der Tod auf unser Leben wirft. Du bist endlich, flüstert der Tod, du wirst sterben,  du muss alles loslassen, was dir lieb und wert ist. Und dann geschieht dieses Erdbeben. Es zerstört nicht, es befreit. Nichts wird mehr so sein,  wie es wahr. Das erfahren die Frauen am Ostermorgen. Sie sehen das offene Grab und ahnen, das hier etwas unerhörtes geschehen ist. Die Macht des Todes, seine Endgültigkeit, ist zerbrochen. Der Weg aus dem Grab ist frei. Der Weg ins Leben ist frei. 


Maria von Magdala und die andere Maria sind die ersten Zeugen dieses Geschehens. Sie bekommen von dem Engel einen Auftrag. Sie sollen hingehen und erzählen, dass Gott eingegriffen hat in das Geschehen der Welt. Auch uns sollen sie davon erzählen. Vor allem, wenn wir nach Gott fragen. Und wie oft kommt uns nicht diese Frage in den Sinn, wenn etwas Schlimmes geschehen ist: Wo war Gott? Warum hat er nicht geholfen, die Katastrophe nicht abgewendet. Die Frage können wir nicht beantworten. Aber wir können uns erinnern, an dieses Erdbeben am ersten Ostermorgen. Da hat Gott eingegriffen in die Welt. Und das feiern wir heute. Gegen den Tod ist kein Kraut gewachsen, sagt man im Volksmund. Das stimmt nun nicht mehr. Ein „Kräutlein“, eine zarte Pflanze ist gewachsen. Sie wächst durch die Trümmer der Angst, der Verzweiflung, der Vernichtung. Unscheinbar ist die Pflanze, das Kraut, das dem Tod stand hält. Ich meine die zarte Pflanze der Hoffnung und des Gottvertrauens. Sie wird genährt durch die Gute Nachricht von dem Sieg Jesu über den Tod, die wir weitertragen. Ich meine die Botschaft der Hoffnung, die wir jetzt haben. Jesus ist der Erstling von denen, die auferstanden sind, sagt die Schrift. Wir sollen ihm folgen. Der Weg dazu ist frei. Der Stein ist beiseite gerollt. Was wir an Ostern feiern ist die Auferstehung Jesu und zugleich auch unsere Zukunft, das Leben. Voll Freude und noch ergriffen von Furcht gehen die Frauen nach Hause. Unterwegs treffen sie Jesus. „Fürchtet euch nicht…“ sagt er zu ihnen und wiederholt den Auftrag, hinzugehen und die gute Nachricht weiterzugeben, an den Jüngern und über die Jüngern dann hinein in die Welt zu tragen.  Auch wir sind aufgerufen, uns auf den Weg zu machen. Jesus sendet uns zu den Menschen mit dieser guten Nachricht. Es ist keine rückwärts gewandte Botschaft, sondern eine, die nach vorn, die auf Zukunft und Leben gerichtet ist. „Fürchtet euch nicht!“ Das sollen wir den Menschen sagen, die noch in dieser Furcht gefangen sind. Erinnern wir uns daran, immer wieder, wenn die Furcht nach uns greift, wenn wir es mit der Angst zu tun bekommen. „Fürchtet euch nicht!“ Das gilt. Was damals geschehen ist, lässt sich nicht mehr ungeschehen machen. Der Weg ins Leben ist frei. Wagen wir es, ihn zu gehen. Jesus wartet auf uns, er kommt uns auf dem Weg entgegen. Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 3.4.2021