Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück. Psalm 73,28 


 


 

Aktuelle Predigt

Masken und Ähren. Predigt über Markus 2,23 - 28 am 20. Sonntag nach Trinitatis

„Bitte setzen Sie Ihre Maske auf!“ Der Polizeibeamte in der Fußgängerzone weist auf das Schild am Eingang der Fußgängerzone hin, das keinen Zweifel daran lässt: es besteht Maskenpflicht in diesem Bereich. Und der junge Mann fügt sich, wenn auch missmutig. Er kramt eine grünes Stofftuch mit Gummiband aus der Hosentasche hervor und zieht es sich über das Gesicht. So richtig überzeugt ist er nicht von dieser Vorschrift. Aber so ist es nun mal. Die Obrigkeit hat’s angeordnet und wir müssen uns fügen. In den  Nachrichten und Talkshows und in den anderen Medien wird über „Für und Wider die Maskenpflicht“ leidenschaftlich diskutiert. Ich denke daran, weil sie sich an dem Thema reibt, über das heute zu predigen ist. Am 20. Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest geht es zwar nicht um die Maskenpflicht oder die seit einigen Wochen gängige A-H-A - Formel (also Abstand halten, Hygiene beachten und Alltagsmaske). Gottes Ordnungen rücken heute ins Blickfeld.Gottes Ordnungen sind gut. Sie wollen das Leben schützen. Sie stecken den Weg ab, den man gehen soll und sie ziehen Grenzen, die man nicht überschreiten darf. Und manchmal werden sie hinterfragt, sogar die göttlichen Ordnungen. Jesus hat das getan. Die Ordnungshüter hat er jedenfalls kräftig provoziert. Das waren die Pharisäer. Vielleicht hat er sie sogar bis aufs Blut gereizt, weit mehr, als der junge Mann, der in der Fußgängerzone keine Maske getragen hat und von dem Polizisten einen Rüffel kassiert hat. Markus hat uns in seinem Evangelium so eine provokante Geschichte aufgeschrieben. Im 2. Kapitel können wir sie nachlesen:


Und es begab sich, dass (er) Jesus am Sabbat durch die Kornfelder ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen. Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist? Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, da er Mangel hatte und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren: wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren? Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Das Verhalten der Jünger hat die Gegner Jesu auf den Plan gerufen.  Stellten sie nicht Gottes Ordnungen in Frage? Die Gebote sollten das ganze Leben, Denken, Fühlen und Handeln bestimmen und durchdringen. Zusätzlich zu dem schriftlich niedergelegten Gesetz waren die mündlich überlieferten Anwendungsregeln, die „Satzungen der Ältesten“ im täglichen Leben unbedingt zu beachten. Diese Ordnungen Gottes kann man doch nicht so einfach übertreten, nur, um den kleinen Hunger zu stillen…


Eigentlich handelt unsere Geschichte von einer Bagatelle. Die Jünger zupften die Ähren ab, weil sie Hunger hatten. Na und?  Keiner würde sich daran stören, wenn sich das ganze eben nicht am Sabbat zugetragen hätte. Die Pharisäer haben Jesus deshalb zur Rede gestellt. Ährenraufen am Sabbat, das durfte einfach nicht sein. Es gilt das dritte Gebot:  „Du sollst den Sabbat heiligen.“  In der Tat: es lohnt sich, dieses Gebot zu halten. Es ermöglicht ein menschenwürdiges Dasein. Es gilt nicht nur für den Israeliten, sondern auch für den Sklaven und den Ausländer. Sogar die Tiere sind darin eingeschlossen. Weil Gott selbst am siebten Tag ruhte, soll alle Arbeit ruhen an diesem Tag. Die Seele soll wieder neuen Kraft schöpfen. So schärft sich der Blick für das Eigentliche: für die Welt, in der wir leben, für die Menschen, die wir lieben, aber auch für Gott, von dem wir alles haben. Der Ruhe - Tag soll uns davor bewahren, dass wir den nicht aus den Augen verlieren, dem wir alles verdanken: unser Leben, unsere Familie, unser Glück. Dieser Gott will, dass uns das Leben Freude macht. Er ist ein menschenfreundlicher Gott. Deshalb hat er uns diese Ordnungen gegeben. Ordnungen wie das dritte Gebot. Lebenshilfen sollen diese Ordnungen sein, Hilfen zu einem menschenwürdigen Leben. 


Aber wir Menschen haben aus diesen Lebenshilfen Gesetze gemacht. Auch davon erzählt unsere Geschichte vom Ährenraufen am Sabbat. Die Hüter der Ordnung, die Pharisäer, sind entsetzt über die Jünger. Sie wollen nicht die kleinste Übertretung dulden. Es geht ihnen ums Prinzip. Schließlich geht es um Gottes Gebote. Da heißt es, den Anfängen zu wehren. Und überhaupt: die Jünger sehen nicht so verhungert aus, als ob sie nicht warten könnten, bis die Sonne untergegangen und der Sabbat vorüber ist. Jesus denkt da anscheinend ganz anders. Er hat nichts dagegen einzuwenden, dass seine Jünger ihren Hunger jetzt stillen und nicht bis zum Abend warten. Er antwortet den Pharisäern mit einer Geschichte aus dem Leben des Königs David. Von dem wird berichtet, dass er auch gegen geltende Ordnungen verstoßen hat. Er soll mit seinen Leuten in den Tempel gegangen sein und die Schaubrote gegessen haben. Das waren Opfergaben, die im Tempel aufgelegt waren und nur von den Priestern verzehrt werden durften. Für Normalsterbliche waren sie tabu. Auch für den König. Die einzige - und nach Jesus auch ausreichende Entschuldigung für den sogenannten Frevel: David und seine Leute hatten Hunger. Das genügt, um eine Ordnung außer Kraft zu setzen. So wichtig sind Jesus die Menschen, dass er so etwas als Grund gelten lässt. Auch ihm geht es um das Prinzip. Das Prinzip Liebe.


Die Geschichte vom Ährenraufen ist ein Beispiel dafür, wie Jesus einem Gebot seinen ursprünglichen Sinn zurückgibt und wie er dem Willen Gottes, der dahinter steht wieder neu Geltung verschafft. Es ist der Wille des menschenfreundlichen Gottes, der keine Freude daran hat, wenn man aus seinen Ordnungen ein Gefängnis baut, in dem die Menschen verkümmern müssen. Jesus macht die Gebote Gottes wieder zu Räumen, in denen wir aufleben können. Das geschieht durch die Liebe. Gemeint ist die Liebe zu Gott und den Menschen. Die Liebe und nicht der Buchstabe sind entscheidend, ob ein Gebot seinem Sinn nach beachtet worden ist oder nicht. Deshalb dürfen die Jünger am Sabbat die Ähren raufen. Sie sollen sich wieder am Sabbat freuen können. Gott will nicht, dass sie Not leiden müssen. Nicht einmal die Not des kleinen Hungers sollen sie an diesem Tag spüren. Und erst recht sollen sie sich nicht vor Menschen fürchten müssen, denen der Buchstabe, das Prinzip, die reine Lehre wichtiger geworden ist, als die Menschen mit ihren Bedürfnissen, mit ihren Sorgen und Nöten. 


„Der Sabbat ist für den Menschen da und nicht der Mensch für den Sabbat“ sagt Jesus zu den Pharisäern. Jesus macht die Liebe zum Maßstab, die zum Leben hilft. Durch die Liebe füllen sich Gottes Gebote mit Leben, werden sie zu Lebensräumen, in denen man gerne verweilt. Das ist kein Freispruch für einen willkürlichen Umgang mit den Geboten. Die Liebe hat einen festen Boden, auf dem sie steht. Dieser feste Boden ist Gottes Wort. Gottes Wort aber ist Mensch geworden. Die Liebe, die das Maß aller Gebote ist, hat Gestalt angenommen in Jesus. Der Sohn Gottes hat uns vorgelebt, was die Gebote Gottes wollen: sie helfen uns, ein von dieser Liebe getragenes Leben zu führen. Die Liebe, die in Jesus Christus Gestalt angenommen hat, macht uns Mut, immer wieder nach dem eigentlichen Sinn hinter den Geboten und Ordnungen zu fragen. Die Liebe, die in Jesus Christus Gestalt angenommen hat, macht uns Mut, immer wieder darauf zu achten, dass diese Gebote und Ordnungen Lebenshilfen bleiben, zum Leben verhelfen und freies Leben an seiner Entfaltung nicht behindern oder gar verhindern. Die Liebe, die in Jesus Christus Gestalt angenommen hat, macht uns Mut, Entscheidungen zu treffen, damit Leben sich entfalten und aufblühen kann. 


Die Geschichte vom Ährenraufen am Sabbat will uns Mut machen zu einer tapferen Liebe. Eine Liebe, die im Vertrauen auf Gott nach dem Nächsten und seinen Nöten fragt und danach, was ihm hilft, was sein Leben schützt. Deswegen kann das Gebot, eine Maske zu tragen, in diesen Tagen sinnvoll  sein, wenn sie hilft, das Leben der anderen zu schützen. Es geht um das Prinzip Liebe. Aus Liebe zum Mitmenschen trage ich diese Maske, um ihn zu schützen. Wenn die Gefahr vorüber ist, ist allerdings auch das Gebot nicht mehr von Nöten. Dann dürfen wir die Maske entsorgen, umweltverträglich, versteht sich. Diese Liebe wagt es zuweilen, in Gottes Namen  einmal festgeschriebene Grenzen zu überschreiten und Traditionen oder althergebrachte Denkweisen hinter sich zu lassen - um Not zu mindern, damit Leben wirklich möglich wird.  Die Liebe duldet es nicht, dass ein anderer leidet, sie wagt es aber auch, auf Freiheiten zu verzichten, wenn das dem anderen zum Leben hilft, wenn es ihn schützt. Wenn sich die Liebe an Jesus Christus ausrichtet, ist sie immer im Recht. Sie wird  nicht selbstherrlich. Sie bleibt demütig. Sie weiß, dass sie irren kann und am Ende angewiesen ist auf den Menschensohn und sein Erbarmen. Er ist der Herr über den Sabbat und damit auch über alle Gebote. Ihm aber hat Gott an Ostern in allem Recht gegeben, was er getan oder gesagt hat. Schauen wir also auf ihn. Würde Jesus eine Maske tragen? Denken wir darüber einmal nach. Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, 25.10.2020








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