Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73,28)




Das rote Band. Das Zeichen der Rettung. Predigt über Josua 2,1-21 

Josua aber, der Sohn Nuns, sandte von Schittim zwei Männer heimlich als Kundschafter aus und sagte ihnen: Geht hin, seht das Land an, auch Jericho. Die gingen hin und kamen in das Haus einer Hure, die hieß Rahab, und kehrten dort ein. Da wurde dem König von Jericho angesagt: Siehe, es sind in dieser Nacht Männer von den Israeliten hereingekommen, um das Land zu erkunden. Da sandte der König von Jericho zu Rahab und ließ ihr sagen: Gib die Männer heraus, die zu dir in dein Haus gekommen sind; denn sie sind gekommen, um das ganze Land zu erkunden. Aber die Frau nahm die Männer und verbarg sie. Und sie sprach: Ja, es sind Männer zu mir hereingekommen, aber ich wusste nicht, woher sie waren. Und als man das Stadttor schließen wollte, da es finster wurde, gingen die Männer hinaus, und ich weiß nicht, wo sie hingegangen sind. Jagt ihnen eilends nach, dann werdet ihr sie ergreifen. Sie aber hatte sie auf das Dach steigen lassen und unter den Flachsstängeln versteckt, die sie auf dem Dach ausgebreitet hatte. Die Verfolger aber jagten ihnen nach auf dem Wege zum Jordan bis an die Furten, und man schloss das Tor zu, als sie draußen waren. Und ehe die Männer sich schlafen legten, stieg Rahab zu ihnen hinauf auf das Dach und sprach zu ihnen: Ich weiß, dass der HERR euch das Land gegeben hat; denn ein Schrecken vor euch ist über uns gefallen, und alle Bewohner des Landes sind vor euch feige geworden. Denn wir haben gehört, wie der HERR das Wasser im Schilfmeer ausgetrocknet hat vor euch her, als ihr aus Ägypten zogt, und was ihr den beiden Königen der Amoriter, Sihon und Og, jenseits des Jordans getan habt, wie ihr an ihnen den Bann vollstreckt habt. Und seitdem wir das gehört haben, ist unser Herz verzagt und es wagt keiner mehr, vor euch zu atmen; denn der HERR, euer Gott, ist Gott oben im Himmel und unten auf Erden. So schwört mir nun bei dem HERRN, weil ich an euch Barmherzigkeit getan habe, dass auch ihr an meines Vaters Hause Barmherzigkeit tut, und gebt mir ein sicheres Zeichen, dass ihr leben lasst meinen Vater, meine Mutter, meine Brüder und meine Schwestern und alles, was sie haben, und uns vom Tode errettet. Die Männer sprachen zu ihr: Tun wir nicht Barmherzigkeit und Treue an dir, wenn uns der HERR das Land gibt, so wollen wir selbst des Todes sein, sofern du unsere Sache nicht verrätst. Da ließ Rahab sie an einem Seil durchs Fenster hinab; denn ihr Haus war an der Stadtmauer, und sie wohnte an der Mauer. Und sie sprach zu ihnen: Geht auf das Gebirge, dass eure Verfolger euch nicht begegnen, und verbergt euch dort drei Tage, bis zurückkommen, die euch nachjagen; danach geht eures Weges. Die Männer aber sprachen zu ihr: So wollen wir den Eid einlösen, den du uns hast schwören lassen: Wenn wir ins Land kommen, so sollst du dies rote Seil in das Fenster knüpfen, durch das du uns herabgelassen hast, und zu dir ins Haus versammeln deinen Vater, deine Mutter, deine Brüder und deines Vaters ganzes Haus.  So soll es sein: Wer zur Tür deines Hauses herausgeht, dessen Blut komme über sein Haupt, aber wir seien unschuldig; doch das Blut aller, die in deinem Hause bleiben, soll über unser Haupt kommen, wenn Hand an sie gelegt wird.  Und wenn du etwas von dieser unserer Sache verrätst, so sind wir frei von dem Eid, den du uns hast schwören lassen. Sie sprach: Es sei, wie ihr sagt!, und ließ sie gehen. Und sie gingen weg. Und sie knüpfte das rote Seil ins Fenster. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

 

 

Ob das Zeichen den anderen in Jericho aufgefallen ist? Den Nachbarn, den Ratsherren, der Polizei? Raab hat es  wie vereinbart ins Fenster geknüpft, in der Nacht, sobald die Männer fort waren, die bei ihr Unterschlupf gefunden hatten. Vielleicht haben einige das Band gesehen, am anderen Morgen. Aber sie werden nicht verstanden haben, was es  zu bedeuten hatte. Die Nachbarn nicht und ebenso wenig die Polizei oder die Kundschaft, die bei Rahab ein und aus gegangen ist. Das waren die Männer, die vor allem im Schutz der Dunkelheit ihre Dienste in Anspruch genommen haben. Rahab war eine Hure. Liebe hat sie verkauft, oder besser gesagt, Triebe hat sie befriedigt. Deshalb wurde sie von den anständigen Leuten gemieden, tagsüber jedenfalls. Die wollten sie am Tag nicht kennen. Da haben sie das Viertel gemieden, in dem Rahab gewohnt hat. Erst im Schutz der Dunkelheit sind sie zur ihr gekommen. Da war es ihnen egal, ob da ein rotes Band im Fenster hängt oder nicht.  Da stand ihnen der Sinn nach anderem. 

 

Um dieses rote Band geht es heute. Ein Zeichen sollte es sein. In einer spannenden Agentengeschichte spielt es eine Rolle. Spione kommen darin vor, ein König und sein Geheimdienst und vor allem Rahab. Die Hure. Manche sagen, ihr Name würde „die Wilde“ bedeuten. So stelle ich sie mir auch vor: unbezähmbar, klug und mutig. Von den Männern, die zu ihr kommen, lässt sich sich schon lange nicht mehr einschüchtern. Im Gegenteil. Sie kann es mit ihnen aufnehmen. Schlagfertig ist sie. Und weitsichtig. Sie kann eins und eins zusammenzählen. Sie weiß, dass sich die Machtverhältnisse gerade verschieben. Von dem fremden Volk hatte sie gehört, das da auf dem Weg zu ihnen war. Sie hatte mitbekommen, was von diesem Volk erzählt wurde. Sie hatte von seiner Rettung am Meer erfahren und davon, wie die Fluten die Soldaten des Pharao weggespült hatten. Wild und unbezähmbar soll es sein, dieses Volk, das einem Gott diente, der wohl weitaus mächtiger und gefährlicher schien, als die Götter, denen man in und um Jericho Opfer brachte. Gnadenlos war es auch, dieses neue Volk. Wer sich ihm in den Weg stellte, wurde beiseite geräumt, sogar mächtige Könige wie Sihon und Og.

 

Rahab hatte mitbekommen, wie dem König und seinen Mächtigen bei diesen Kriegsgeschichten das Herz in die Hose gerutscht war und wie Jerichos Befehlshaber immer nervöser wurden. Josua, der Nachfolger des Mose, hatte nun seine Spione ausgeschickt. Sie sollten die Gegend um Jericho auskundschaften. Vor allem sollten sie die Stadt ausspionieren. Sie sollten Schwachstellen aufspüren - um Jericho möglichst mit wenig Verlusten auf der eigenen Seite einzunehmen. Doch Jerichos Geheimdienst schien noch zum funktionieren und dem König wurde zugetragen, dass die Kundschafter in der Stadt seien. Bei der Hure sollten sie untergekrochen sein, flüsterten die Informanten dem Polizeichef ins Ohr. Da sandte er die Soldaten los. Vielleicht war es ja noch nicht zu spät. Vielleicht konnte man sie noch ausschalten, die Fremden und die Invasion stoppen.

 

Aber wie gesagt: Rahab war eine kluge Frau. Sie wusste, welche Stunde geschlagen hatte. Als die Fremden bei ihr anklopften, um sich zu verstecken, wechselte sie die Seiten. Sie versteckte die Agenten bei sich auf dem Dach. Als später die Soldaten des Königs im Zimmer standen, spielte sie die Ahnungslose. „Wo sind die Fremden? Wir wissen, dass sie bei dir waren!“ Andere wären bei diesen Worten eingeknickt. Nicht so Rahab, die wilde, die mutige. Vielleicht waren es ja bekannte Kunden, die sich vor ihr aufbauten. Sie wusste, wie sie vorgehen musste. „Ja, gewiss“, sagte sie in gespielter Einfalt. „Diese Männer waren hier. Aber ich kannte sie nicht. Sie hatten es eilig. Sie wollten die Stadt noch vor Einbruch der Dunkelheit verlassen, bevor man die Stadttore schließt. Vielleicht könnt ihr sie noch einholen. Sie dürften noch nicht weit gekommen sein.“ 

 

Und schon war sie wieder allein. Schnell stieg sie auf das Dach, wo sich die Spione unter Flachsstängeln verborgen hatten. Dort schloss sie den Handel ab, der sie und ihre Familie retten sollte. „Ich habe von euch gehört!“ sagt sie. „Ich weiß, dass hinter euch ein mächtiger Gott steht. Und unsere Großen wissen es auch. Sie haben gehörig die Hosen voll. Deshalb wollen sie euch töten. Ich weiss, dass euch und eurem Gott die Zukunft gehört. Deshalb bitte ich euch: vergesst nicht, dass ich es war, die euch versteckt hat. Schwört mir, dass ihr mich und meine Familie beschützt und nicht töten werdet, wenn ihr die Stadt einnehmt. Gebt mir ein Zeichen, dass ihr es ernst meint!“

 

Und so kommt es zu dem Handel. Es ist ein Abkommen auf Gegenseitigkeit. Wenn Rahab dicht hält, die Spione nicht verrät, sollen alle, die sich bei der Erstürmung Jerichos in ihrem Haus aufhalten, verschont bleiben. Das rote Band im Fenster soll das Zeichen sein, das sie beschützt. Es soll ein Zeichen des Lebens, ein Zeichen der Rettung sein. Und so wird es auch kommen. Rahab und ihre Familie werden am Leben bleiben, während die Stadt zerstört und die Einwohner getötet werden. Und das soll eine Glaubensgeschichte sein? So etwas steht also in der Bibel? Ich bin froh, dass das so ist.  Es ist schließlich  auch eine Geschichte der Bewahrung, der Rettung. Eine Geschichte, in der eine Frau mit zweifelhaften Ruf zum Vorbild wird. 

 

Die Hure Rahab ist eine kluge Frau, weil sie die Zeichen der Zeit erkennt und richtig deutet. Sie entdeckt und bekennt den Gott der Israeliten als „den einen Gott oben im Himmel und unten auf Erden.“ Sie weiß, dass alle Waffen dieser Erde gegen diesen Gott nichts ausrichten können. Sie stellt sich nicht gegen diesen Gott und sein Volk. Sie will Frieden, für sich und ihre Familie. Was zunächst wie ein Akt der Unterwerfung aussieht, kann man auch als einen Ausdruck des Glaubens und des Vertrauens deuten. Rahab rechnet mit einem Verhalten, das in der damaligen wie in der heutigen Zeit eher Seltenheitswert hat: sie rechnet mit Gnade. Sie erinnert die Spione, dass diese ihr Leben einer Hure verdanken und bittet darum, sie und ihre Familie zu schonen. Später wird Josua vor der Einnahme der Stadt zu den Kundschaftern sagen: „Geht in das Haus der Hure und führt die Frau von da heraus mit allem, was sie hat, wie ihr es geschworen habt!“ (Josua 6,22) Und weiter ist zu lesen: „Da gingen die jungen Männer, die Kundschafter, hinein und führten Rahab heraus, samt ihrem Vater und ihrer Mutter und ihren Brüdern und allem, was sie hatte, und ihr ganzes Geschlecht führten sie heraus und gaben ihnen einen Platz außerhalb des Lagers Israels. Aber die Stadt verbrannten sie mit Feuer und alles, was darin war…“(Josua 6,23f)

 

Das vereinbarte Zeichen ihrer Rettung war ein rotes Band, das ins Fenster geknüpft war. Es erzählt von der Abmachung zwischen Rahab und den Männern, es erzählt von dem Glauben der Frau und auch von Gnade und Bewahrung. Ja, so kann Glaube auch aussehen. Glaube kann auch bedeuten, mit Verstand und wachen Augen die Vorgänge der Welt wahrzunehmen und zu deuten. Glaube kann auch bedeuten, mutig das Gespräch zu suchen, Vereinbarungen auszuhandeln, um Leben zu retten. Rahab vertraut sich den Fremden an. Und die Fremden vertrauen sich der Hure an. Beide halten sich an ihre Vereinbarungen und retten auf diese Weise leben. 

 

Um ein Zeichen der Rettung ging es in unserer Agentengeschichte: ein rotes Band. Es ist nicht das einzige Zeichen, das davon erzählt, wie Menschen ihren Glauben bekennen. In diesen Tagen hat sich der Fall der innerdeutschen Grenze, der Mauerfall, zum dreißigsten Mal gejährt.  Ich denke an die Zeit vor dem 9. November 1989. Ich denke an die Gottesdienste und Friedensgebete. Viele Kirchen in der damaligen DDR haben sich mit Menschen gefüllt. Teelichte wurden angezündet, Lieder gesungen und gebetet. Die Mächtigen im Lande haben sich lustig darüber gemacht, haben über die Kraft der Teelichte, der Lieder und Gebete gespottet. Daran muss ich denken. Diese Lichter wurden zu Zeichen der Hoffnung, die den Menschen den Weg in eine friedliche Revolution gewiesen hatten. Es hätte ja auch anders kommen können. Aber auch diese Zeichen sind vergänglich, so wie  das rote Band im Fenster der Hure ein vergängliches Zeichen war.  Nach dem Fall der Stadt ist es sicher irgendwo in den Trümmern des Hauses verrottet. 

 

Es gibt ein anderes Zeichen, das mir Mut macht. Ein unvergängliches Zeichen, das uns Halt gibt. Ich denke an das Kreuz - ein anstößiges Zeichen, bis heute. An Kreuzen wurden Menschen durch einen qualvollen Tod hingerichtet. Für uns Christen ist aus dem Symbol des Todes ein Zeichen der Hoffnung, der Gnade und des Lebens geworden. Der Gott, den die Hure Rahab wegen seiner Macht gefürchtet hat, will sein Reich nicht auf Unterwerfung und Gewalt aufbauen, sondern auf Liebe und Barmherzigkeit. Deshalb ist er selbst Mensch geworden und hat den Mitteln, auf die sich bis heute Macht und Herrschaften gründen, eine Absage erteilt. In Jesus Christus wendet er sich den Menschen zu, die am Boden liegen, die verachtet und unterschätzt werden, wie man die Hure Rahab unterschätzt hat. Er wendet sich ihnen zu, um ihnen Leben zu schenken. Was in der Geschichte der Hure Rahab nur bruchstückhaft erkennbar wird, soll man nach der Auferstehung Jesu als Botschaft des Lebens in die Welt hineinsprechen: unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. Es ist der Glaube an den Gott, der das Leben will und nicht den Tod, der Vergebung statt Vergeltung  im Programm hat. Schauen wir auf dieses Zeichen, vor allem, wenn wir vor dem letzten Feind erschrecken, der uns bezwingen möchte, der Tod. Schauen wir auf dieses Zeichen und wagen wir die Hoffnung. Gott will uns das Leben schenken. Nichts als das Leben. Im Unterschied zu Rahab müssen wir die Bedingungen der Rettung noch nicht einmal aushandeln. Es ist bereits alles ausgemacht. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 13.10.2019

 



Es kommt auf die Ausrichtung an. Predigt über Psalm 145 Vers 15 am Erntedankfest 

Wie gut dass es sie gibt: die kleinen, haftbaren Gedächtnisstützen, die selbstklebenden Merkzettel. Wo sie nicht überall hängen! Am Kühlschrank in meiner Küche zum Beispiel oder auf der Arbeitsfläche meines Schreibtisches. Da schaue ich oft genug hin. Kurznachrichten stehen auf diesen Zettelchen:  wen ich heute unbedingt anrufen muss oder was dringend zu erledigen ist und auf keinen Fall vergessen werden darf. Ich bin dankbar für diese „Denk-Hilfen“. Auf einem meiner Zettel steht heute: „Vergiss nicht zu danken!“ So beginnt ein Lied aus unserem Gesangbuch, das wir alle kennen und gerne singen. Das Lied und das Erntedankfest erfüllen ebenfalls die Aufgabe dieser kleinen Denkzettel. Sie ermutigen zu einer besonderen Lebenshaltung: Dankbarkeit statt Nörgelei. „Vergiss nicht zu danken!“   Das Lied und das Erntedankfest erinnern mich daran: “Gott, hat uns viel Gutes getan.“ Es gibt so vieles, für das wir ihm danken können: für die Menschen, die wir lieben, die das Leben bereichern, für die Heimat, das Zuhause, das uns Schutz und Geborgenheit schenkt, für die Gemeinde vor Ort, mit der wir beten und den Gottesdienst feiern können, um nur ein paar Beispiele zu nennen. 

„Vergiss nicht zu danken!“ Der Denkspruch für diesen Tag aus dem Alten Testament könnte auch auf so einem kleinen Merkzettel stehen: „Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.“ Das ist aus einem Gebet. Dem König David wird es zugeschrieben. Eingebettet in ein Loblied auf Gottes Güte finden wir diesen Merksatz.  „Die Augen aller Menschen warten auf dich, Gott“ sagt David. Die Augen! Sie stehen stellvertretend für unsere Sinne, mit denen wir die Welt wahrnehmen.  

 

Mit Herz und Sinn sollen wir uns auf Gott hin ausrichten. Die Augen aller warten, sagt David. Geduldig und voll Vertrauen tun sie das. Gott wird uns zur rechten Zeit geben, was wir zum Leben brauchen. Doch da steigt in mir schon ein Einwand auf. Wann mag die rechte Zeit sein? Etwa dann, wenn der Magen knurrt? Wenn die Augen ungeduldig werden? Wenn die Blicke hin und her wandern? Und noch eine Frage taucht auf. Welche Speise ist gemeint? Geht es nur um Essen oder Trinken? Hat nicht auch die Seele Hunger? Aller Augen warten auf dich, sagt David. Auch meine? 

Für mich ist Warten eine große Herausforderung. Mir und meinen Augen fällt das manchmal richtig schwer. Eine wohltuende Korrektur zu meiner Ungeduld ist ein Sprichwort aus Irland. Mir ist es zum ersten Mal als Jugendlicher bei der Lektüre von Heinrich Bölls Irischen Tagebuch begegnet. Die Iren sagen: „Als Gott die Zeit schuf, hat er viel davon gemacht.“

 

Gott hat viel Zeit geschaffen, um der  Seele Gelegenheit zu geben, sich zu orientieren. Die irischen Mönche, waren zum Beispiel dankbar für geschenkte Tage. So nannten sie die Zeit, in denen das Wetter so schlecht war, dass es sich nicht gelohnt hat, das Kloster zu verlassen, um den Acker zu bestellen. Da ist man zu Hause geblieben und hatte Muße, um zu beten, die Schrift zu betrachten, sich auf Gott hin neu auszurichten. Diese Ausrichtung auf den, der die Speise zur rechten Zeit gibt, die Speise für den Leib und für die Seele, geht in der Betriebsamkeit des Alltags häufig unter. Wir vergessen oft, wann Zeit zur Muße ist und die Arbeit ruhen darf.  

Heute nehmen wir uns Zeit, um den Geburtstag unseres Posaunenchors zu feiern. Vor fünfzig Jahren wurde er gegründet. Seitdem begleitet er uns im Leben unserer Gemeinde. Und er bereichert das Leben dieser Gemeinde. 50 Jahre sind eine lange Zeit. Aber auch eine besondere Zeit. Die Begleitung der Lieder im Gottesdienst durch die Orgel und durch den Posaunenchor tragen zum Leben in der Gemeinde bei. Die Musik tröstet, sie stärkt den Glauben, sie trägt durch schwere und durch schöne Zeiten. Aber das ist nur möglich, weil sich die Bläserinnen und Bläser Zeit genommen haben, um die Stücke zu üben, Zuhause und bei den Chorproben. 

Ich denke mir aber, dass auch euch, den Bläsern und Bläserinnen ebenso wie den Mitgliedern in den anderen Chören durch diese gemeinsame Zeit der Proben und der Aufführung, des gemeinsamen Musizierens etwas geschenkt wird: es wächst die Gemeinschaft, die trägt, die verbindet. Wer sich in einem Chor engagiert, bringt sich ein in diese Gemeinschaft. Ich glaube, dass das auch eine Form des gelebten Glaubens ist, der Bindung an eine Gemeinde, an ein Gotteshaus, die Erfahrung von Gemeinschaft, von Kirche, von Heimat.   

 

Vergiss nicht zu danken! Wir vergessen heute nicht, euch, den aktiven, wie den ehemaligen Mitgliedern für diese Treue zu danken. Und wir danken Gott, der auf vielfältige Weise die Herzen der Menschen berührt und der Seele die Speise gibt, nach der sie hungert, jedem nach seiner Art und zur rechten Zeit. Die Musik, die den Glauben stärkt, ist auch eine Speise, durch die die Seele gestärkt wird. Und sie ist ein Gotteslob. Wer in einem Kirchenchor singt oder in einem Posaunenchor spielt, macht das zur Ehre Gottes, singt und spielt für Gott, wendet sich ihm zu, wie sich die Blume der Sonne und dem Licht zuwendet, wenn sie blüht.

 „Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.“  Wer diese Worte von Herzen betet, stellt sich und sein Leben unter Gottes Herrschaft. Dort bin ich gut aufgehoben. Dort wird für mich gesorgt. Das sagen diese Worte. Mit den Worten aus dem Alten Testament wenden wir uns an diesen Gott, der uns nicht allein lässt in dieser Welt. Das ist ein Gott, der da ist. Der für uns sorgt. Auch heute noch. Zeichen der Fürsorge hat Gott uns in dieser Welt hinterlassen. Zeichen seiner Nähe. Da gibt es Brot und Wein – an seinem Tisch werden sie uns zu Zeichen des Heils. Wir hören und sehen und schmecken, wie freundlich der Herr ist, wenn wir diese Gaben annehmen als Speise zum Leben, von Gott uns gegeben zur rechten Zeit.  Wir müssen halt nur immer wieder daran erinnert, werden, wem wir das Gute verdanken, das wir im Leben schon erfahren haben. Deswegen tun uns die kleinen Merkzettel gut, mit den segensreichen Kurznachrichten: „Vergiss nicht zu danken, dem ewigen Gott, er hat dir viel Gutes getan!“ 

Ein Loblied ist unser Psalmwort. Es dankt für Gottes Güte. Ich möchte die Worte aus dem Alten Testament zu meinen eigenen machen und mich damit vor Gott aussprechen, dankbar für alles, was ich empfangen habe und in der gewissen Zuversicht, dass ich ohne Sorge sein kann, weil er  mir gibt, was ich zum Leben brauche, „zur rechten Zeit,“ wann immer die sein wird:  „Aller Augen warten auf dich, / und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit. / Du tust deine Hand auf / und sättigst alles, was lebt, / nach deinem Wohlgefallen. / .../ Mein Mund soll des Herrn Lob / verkündigen und alles Fleisch / lobe seinen heiligen Namen / immer und ewiglich.“ Amen. 


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 6.10.2019