Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)

Predigt & Co

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Aus welchen Quellen schöpfen wir? 

Hat Ihnen das Wasser geschmeckt? Das geschieht nicht oft, dass man vor dem Gottesdienst mit einer Erfrischung begrüßt wird, nicht wahr? Waren Sie überrascht? Erfreut? Irritiert? Früher hat man die Pilger so oder ähnlich willkommen geheißen. Die erschöpften Menschen sollten sich stärken. Schließlich hatten sie meist einen weiten Weg hinter sich.  Gastfreundschaft zu zeigen, war selbstverständlich. Und selbstverständlich war es auch, diese Gaben anzunehmen, nicht abzuweisen. Danke, ich hab keinen Durst? Nein, so etwas wäre einem Pilger nicht über die Lippen gekommen. Eine Gabe, ein Zeichen der Freundschaft weist man nicht zurück.

Dieses Glas Wasser am Eingang konnten Sie getrost trinken. Ich weiß nicht, ob ich das in jedem Land der Welt so machen würde. Nicht überall ist Wasser unbedenklich trinkbar.  Ist uns das eigentlich bewusst, welcher Schatz uns mit einem Glas frischen, gesunden, klaren Altensteiner Quellwasser zum Jahresbeginn in die Hand gedrückt wurde? Denken wir daran, was für ein Luxus das ist, dass wir morgens nur den Wasserhahn aufdrehen müssen, um Wasser zum Duschen und später zum Kaffee kochen zu haben? Es gibt Länder, in denen das nicht selbstverständlich ist und in denen Leitungswasser, wenn es denn überhaupt  aus den Rohren tröpfelt, nicht trinkbar ist. Aber das ist nicht der Grund, warum wir Sie heute Abend mit einem Glas Wasser begrüßt haben. Das war ein kleiner Hinweis auf das Thema des Gottesdienstes. Wir denken über die Jahreslosung nach. Sie steht in der Offenbarung, im letzten Buch der Bibel. Dort steht, was uns am Ende der Zeiten erwartet. Wir denken dann meist an Tod und Auferstehung und Gericht. Am Ende erwartet uns das Leben in Fülle. Am Ende wird der Durst gestillt, der uns heute noch umtreibt. Gott spricht: „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst!“ Gott selbst schenkt uns das Leben ein - wir müssen nichts tun. Wir müssen die Gabe nur annehmen, das Leben in Fülle annehmen. Ein Bild für diese Lebensgabe ist das Wasser. 

Wasser ist ein Lebensmittel. Ein Mittel zum Leben. Es ist notwendig. Das heißt, es wendet die Not. Die Not - das ist der Durst. Wenn wir nicht genug trinken, nehmen wir gesundheitlich Schaden. Wenn wir überhaupt nicht trinken, müssen wir sterben. Wasser wehrt dem Tod. Wasser schenkt Leben. Das dürfen und müssen wir erst einmal wörtlich nehmen. Ohne Wasser kein Leben. Aber dann natürlich auch im übertragenen Sinn. 

Wie ist das, wenn wir Durst haben? Das ist kein schönes Gefühl! Der Mund wird trocken. Die Kräfte, die Lebenskräfte, in uns versiegen, wir werden müde, schwach. So meldet der Leib seine Bedürfnisse an. Aber nicht nur der Leib signalisiert uns, wenn ihm etwas fehlt. Auch die Seele hat Hunger und Durst. Auch die Seele macht sich bemerkbar. Das geschieht in der Sehnsucht. In dem Wort sind zwei Begriffe verborgen, die so viel aussagen: das Sehnen und das Suchen. Wie kann man Sehnsucht bildhaft darstellen? Ich sehe ein kleines Kind vor mir, das sich sich nach der Mutter ausstreckt.  Es weint und breitet die Ärmchen aus. Wenn sich die Mutter zu ihm herunterbeugt und es aufhebt, schlingt das Kind die Ärmchen um den Hals der Mutter und reibt seinen kleinen Kopf an ihre Wange, sucht Körperkontakt. Meist beruhigt es sich dann nach einer Weile. So ist das mit der Sehnsucht. Auch die Seele streckt sich aus. Sie hat Verlangen nach Geborgenheit und Schutz, nach liebevoller Zuwendung.  Da bin ich beim zweiten Begriff der Sehnsucht - das Suchen. Sehnsucht ist ein suchendes Ausschau halten nach einem, der mir geben kann, wonach meine Seele verlangt. „Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott!“ sagt Psalmbeter. Er spürt, dass die Seele nur bei ihm, dem lebendigen Gott, findet, wonach sie verlangt. Die Seele, das ist nicht ein Teil von mir. Die Seele, das bin ich selbst, in meinem Verlangen, meinem Ausschau-Halten nach Geborgenheit, nach Sinn, nach Angenommensein, nach Liebe. Dieser Gott wendet sich uns zu. Er sagt: ich will dir geben, wonach du verlangst. Ich will dir lebendiges Wasser geben, das deinen Durst stillt, den Durst nach Leben, die Sehnsucht nach Schutz und Geborgenheit. Nur - wie geschieht das? Wie gibt uns Gott das Wasser? Er wendet sich uns persönlich zu. Im Neuen Testament wird berichtet, wie Jesus bei einem hohen Fest in Jerusalem den Leuten zuruft:  „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen.“ (Johannes 7,37) Jesus sagt: Ich bin die Quelle, aus der euch Kraft und Leben zuströmt. Ich bin die Antwort auf eure Lebensfrage, auf eure Suche nach einem erfüllten Lebenssinn. Jesus ist die Antwort, weil er die Liebe ist, die Mensch gewordene Liebe. In Jesus wendet sich Gott selbst den Bedürftigen zu, den sehnsüchtigen, den zweifelnden, den kranken und sterbenden Menschen.  Wenn Gott sagt, dass er den Durstigen geben will von der Quelle des lebendigen Wassers, dann macht er das vor allem durch seinen Sohn. In ihm wendet er sich ihnen zu, in ihm wendet er sich uns zu und schenkt Heil und Heilung. Er reicht uns das lebendige Wasser. Leben in Fülle gibt es nur bei Gott, weil Gott selbst das wahre Leben ist. Jesus ist der Sohn Gottes. In ihm ist das Leben erschienen. Wenn Jesus die Jünger in seine Nachfolge ruft, lädt er sie ein die Lebensgemeinschaft, also in die Gemeinschaft des wahren Lebens.

Wenn wir die Unruhe und Unzufriedenheit der Seele in uns spüren, merken wir, dass wir noch nicht an der Quelle sind, dass wir Mangel haben und darunter leiden. Dann sind wir eingeladen, uns aufzumachen, hinzugehen, aus der Quelle zu trinken, in der unsere Sehnsucht gestillt wird, in der unsere Seele Frieden findet. Das geschieht durch gelebten Glauben. Ist Ihnen schon einmal in den Sinn gekommen, wie sinnlich unser Glaube ist, dass wir Gemeinschaft mit Gott über unsere Sinne erleben? Das geschieht zum Beispiel durch Essen und Trinken. Wir empfangen Brot und Wein vom Tisch des Herrn. So erleben wir Gemeinschaft mit ihm. Wir werden mit Wasser getauft, dem kostbaren Gut, ohne das wir verdursten müssten. Dieses Wasser erinnert daran, was uns  aufleben lässt, was unser Leben in einen blühenden Garten verwandelt - die Gemeinschaft mit Gott, der sich uns in Jesus Christus persönlich zuwendet, der uns in der Taufe mit Namen ruft und der uns einlädt zu einem Leben mit ihm. Aus dieser Quelle können wir schöpfen und uns stärken, zum Beispiel durch das persönliche Gebet oder in der Feier des Gottesdienstes. So erfahren und erleben wir Gemeinschaft und aus dieser Lebensgemeinschaft mit Christus schöpfen wir Kraft. So wie frisches Wasser uns die Lebenskraft zurückbringt, die wir in der Hitze des Alltags oft verlieren, so wird seine Liebe uns heilen und den Frieden schenken, den wir uns selbst nicht geben können. Amen.

7.1.2018