Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)

Predigt & Co

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Es kommt der Gott, der die Fesseln sprengt. Predigt über Jesaja 35,3ff am 2. Advent anlässlich einer Taufe

Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! Sagt den verzagten Herzen: »Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott!. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart) 

Schmieden Sie gerne Zukunftspläne? Wie weit möchten Sie da vorausdenken? Mir ist zurzeit ein wenig mulmig, wenn ich an die Zukunft denke. In welche Welt werden die Kinder heranwachsen, für die wir Verantwortung tragen. Werden trockene Sommer wie der letzte für sie zur Normalität? Wie wird die Gesellschaft aussehen, in die sie hineinwachsen? Wird das Land, das ihnen Heimat ist, sich noch an seine christlichen Wurzeln erinnern? Nein, ich habe nicht Angst vor Überfremdung. Ich fürchte das Vergessen. Welche Lieder werden die Erwachsenen von Morgen singen, was wird ihnen Trost und Kraft schenken. Werden sie noch etwas anfangen können mit den Festen, die wir heute feiern, mit Weihnachten und Ostern, mit Pfingsten oder Himmelfahrt? Das Wort aus dem Alten Testament macht mir Mut, wenn ich an Morgen denke und auch an Übermorgen.

 

Das Wort des Propheten Jesaja weist in die Zukunft. In eine nahe Zukunft. Es beschreibt Zukunft mit Gott, der ganz nah bei seinem Volk sein wird. So nah, dass Jesaja sagen kann: „Seht, da ist euer Gott!“ Heute wollen wir uns vom Propheten Jesaja diese gute Nachricht zusprechen lassen. Die gute Nachricht von Gott, der zu den Menschen kommt. Als Christen denken wir dabei an Jesus Christus und an seine Wiederkunft, auf die uns auch der 2. Advent hinweisen will. Wir denken an diesen zweiten Advent, an die Wiederkunft des Gottessohnes, wenn wir auf den Propheten Jesaja hören und uns von ihm sagen lassen: „Seht - da ist euer Gott. Der Gott, der alle Fesseln sprengt ist nahe.“

 

In der Tat, so könnte man die frohe Botschaft des Propheten zusammenfassen: Der Gott, der alle Fesseln sprengt, ist nahe. Welche Fesseln sind da wohl gemeint?  Ich denke da vor allem an die unsichtbaren Fesseln, die soviel von uns tragen und viele am Leben verzweifeln lassen. Ich denke an die Leiden, von denen so viele Menschen geplagt werden. An die vielen Kranken unter uns. Sagt man nicht auch in der Umgangssprache von solchen Menschen: ihre Krankheit hat sie ans Bett oder an den Rollstuhl gefesselt? 

 

Ich denke an die Alten, denen jeder Schritt oft Schmerzen bereitet, die schlecht sehen und hören. Das macht einsam. Man kann sich nicht mehr an der Unterhaltung der anderen beteiligen und fühlt sich ausgeschlossen. Viele haben dann das Gefühl, das sie nicht mehr so recht dazugehören, dass sie nicht hineinpassen - in die Welt der Jungen, der Schnellen, der Gesunden.  

 

Wenn ich an diese Menschen denke, dann höre ich einen Trost aus den Prophetenworten. Jesaja sagt: wenn Gott kommt, werden eure Fesseln gesprengt, die Fesseln eurer Gebrechen, eurer Leiden, alles, was euch einsam macht, fällt dann von euch ab. 

 

Ich glaube, dass Jesus dies in seinem Leben ebenfalls zum Ausdruck gebracht hat. Ich denke da an die Art und Weise, wie er mit den Kranken seiner Zeit umgegangen ist. Wer zu ihm gekommen ist, dem hat er die unsichtbaren Fesseln abgenommen. Er hat den Tauben die Ohren geöffnet, dem Stummen das Band von der Zunge gelöst und dem Lahmen die Kraft gegeben, aufzustehen, das Bett zu nehmen und nach Hause zu gehen. Ich denke daran, wie Jesus mit den Schwachen umgegangen ist, Mit den Kindern. Die hatten keine Lobby. Jesus nimmt sie in die Arme, segnet sie. Er segnet damit das Schwache, das noch am Anfang steht, das sich noch entfalten, entwickeln muss und Schutz und Fürsorge braucht. 

 

Wenn Jesaja sagt: „Sehet, da ist euer Gott“, können wir auf Jesus Christus schauen. Wir hoffen, dass bei seinem 2.Advent, bei seiner Wiederkunft, jeder frei wird von den Fesseln, die ihn quälen und die das Leben schwer machen. Dabei kann ich mir vorstellen, dass nicht nur Krankheiten, körperliche Leiden solche Fesseln sind. Ich denke, dass heute auch viele Menschen von Ängsten gefesselt sind. Ängste, die wir haben, solange wir in dieser Welt leben und vor ihr erschrecken. Wenn wir heute auf das Wort  des Propheten Jesaja hören, der uns das Kommen Gottes ankündigt, dann können wir uns auch von ihm sagen lassen : Seht, da ist euer Gott, der Gott, der dieser Welt die Schrecken nimmt, ist nahe. 

 

Der Prophet denkt vor allem an die Wüste, wenn er die Schrecken vor Augen hat, die in der Welt lauern. Für ihn ist die Wüste ein gefährlicher Ort, an dem kein Mensch leben kann und will, wo Gefahren lauern und Dämonen hausen. Wehe dem, der auf Reisen ist und dabei durch die Wüste muss. Er begibt sich in Lebensgefahr. 

 

Wir haben bei uns keine Wüsten, wie in Afrika oder auch in Israel. Manchmal aber befürchte ich aber, dass wir unser Land und die ganze Welt bald zur Wüste machen. Ich sehe Bäume, die im Frühjahr einfach nicht mehr grün werden und höre von sterbenden Wäldern. Ich denke an die Flüsse, in denen man heute nicht mehr baden kann, ohne einen Hautausschlag zu bekommen, in denen Fische schwimmen, die von den Chemikalien im Wasser getötet und ungenießbar werden Ich höre von den erhöhten  Raten an Leukämieerkrankungen im Umfeld von Atomkraftwerken. Nicht zuletzt denke ich an die Gewalt, die in unserem Land losbricht und die sich sogar gegen Menschen wendet. Auch so kann ein Land zur Wüste werden. 

 

Heute denke ich an die Wüste in den Köpfen der Menschen. Diese Wüste bereitet mir die größten Sorgen. Sie entsteht dann, wenn nur noch eine Meinung gelten darf, die Meinung einer Partei beispielsweise. Sie entsteht dort, wo alles andere als diese eine Meinung ausgerottet, verboten wird, wo Bücher verbrannt werden und ihre Autoren sich verstecken müssen, wo Feindschaft gepredigt wird, wo Steine fliegen und Hetzparolen an Wände gesprüht werden. Dort entsteht die gefährlichste aller Wüsten. Die Wüste im Kopf und in der Seele. Sie macht das Leben öde und trostlos, weil es ein geistloses Leben ist, in dem die Gedanken vertrocknen und in dem sich nur Dämonen wohlfühlen können. 

 

Jesaja sagt: wenn Gott kommt, wird die Wüste wieder blühen, wird die Welt ihre Schrecken verlieren. Das macht mir Hoffnung. Jesus hat seine Umwelt zum Blühen gebracht. Er hat den Menschen neue Hoffnung geschenkt. Er hat sie in den Lichtkreis der Liebe Gottes geführt. Dort können Menschen aufblühen, wie Blumen im Licht einer Sonne, die Leben schenkt und es nicht verbrennt. Wenn wir von der Wiederkunft Jesu sprechen, dürfen wir das für die Welt hoffen, in der wir leben: dass er, der Gottessohn, die Schrecken von der Welt nimmt, dass wir leben können, ohne Angst haben zu müssen. 

 

Mit dieser Hoffnung können wir leben : mit der Hoffnung auf den nahen Gott, der uns die Fesseln abnimmt, die uns binden und der Welt die Schrecken nimmt. Das kann uns trösten, wenn wir den Mut verlieren, weil so wenig zu sehen ist von dem, was wir hoffen und weil der Tod diese Welt immer noch fest im Griff hat. 

 

Dann können uns die Worte des Propheten Jesaja ein Trost sein, wenn er sagt: Stärket die müden Hände und macht fest die wankenden Knie. Saget den verzagten Herze : Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! 

 

Wenn wir ein Kind taufen, ist das ein Hoffnungszeichen. Gott sagt Ja zu den Schwachen, den Kleinen, den Hilflosen. Er will ihm eine Zukunft schenken. Eine Zukunft an seiner Seite. An der Seite des Gottes, der da kommt und der die Welt wandeln will. Sie wird zu einem guten Ort, zu einer Stätte der Begegnung mit ihm. Gott kann diese Welt zum Blühen bringen. Er will es tun durch uns. Deshalb will er ankommen in unserem Leben.  In diesem Vertrauen können wir Advent feiern und mit den Worten eines alten Adventsliedes beten: "Sei willkommen, o mein Heil / Dir Hosianna, o mein Teil / Richte du auch eine Bahn, / dir in meinem Herzen an.“ (EG 12) Amen.

 © Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 9.12.2018