Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)

Predigt & Co

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Die beiden Seiten der Wirklichkeit. Predigt über Apostelgeschichte 12,1-11 am 16.Sonntag nach Trinitatis 

 Um diese Zeit legte der König Herodes Hand an einige von der Gemeinde, sie zu misshandeln. Er tötete aber Jakobus, den Bruder des Johannes, mit dem Schwert.  Und als er sah, dass es den Juden gefiel, fuhr er fort und nahm auch Petrus gefangen. Es waren aber eben die Tage der Ungesäuerten Brote.  Als er ihn nun ergriffen hatte, warf er ihn ins Gefängnis und überantwortete ihn vier Abteilungen von je vier Soldaten, ihn zu bewachen. Denn er gedachte, ihn nach dem Passafest vor das Volk zu stellen. So wurde nun Petrus im Gefängnis festgehalten; aber die Gemeinde betete ohne Aufhören für ihn zu Gott.  Und in jener Nacht, als ihn Herodes vorführen lassen wollte, schlief Petrus zwischen zwei Soldaten, mit zwei Ketten gefesselt, und die Wachen vor der Tür bewachten das Gefängnis. Und siehe, der Engel des Herrn kam herein und Licht leuchtete auf in dem Raum; und er stieß Petrus in die Seite und weckte ihn und sprach: Steh schnell auf! Und die Ketten fielen ihm von seinen Händen. Und der Engel sprach zu ihm: Gürte dich und zieh deine Schuhe an! Und er tat es. Und er sprach zu ihm: Wirf deinen Mantel um und folge mir! Und er ging hinaus und folgte ihm und wusste nicht, dass das wahrhaftig geschehe durch den Engel, sondern meinte, eine Erscheinung zu sehen.  Sie gingen aber durch die erste und zweite Wache und kamen zu dem eisernen Tor, das zur Stadt führt; das tat sich ihnen von selber auf. Und sie traten hinaus und gingen eine Gasse weiter, und alsbald verließ ihn der Engel.  Und als Petrus zu sich gekommen war, sprach er: Nun weiß ich wahrhaftig, dass der Herr seinen Engel gesandt und mich aus der Hand des Herodes errettet hat und von allem, was das jüdische Volk erwartete. (Lutherbibel 2017, herausgegeben von der Dt. Bibelgesellschaft)

 

Diese Geschichte aus dem Leben des Apostels Petrus erscheint phantastisch und realistisch zugleich. Zunächst wird die Welt beschrieben, wie sie ist: hart und brutal. Da gibt es solche, die Angst und Schrecken verbreiten, die über andere Tod und Verderben bringen - und da gibt es andere, die der Willkür dieser Mächtigen ausgesetzt sind. In derselben Geschichte wird aber auch erzählt, wie Gott in diese Welt eingreift. Außerdem erfahren wir, was Christen tun können, wenn sie sich hilflos fühlen. Wir erfahren etwas über die Macht und die Kraft des Gebets.

 

Zunächst etwas zum realistischen Rahmen unserer Geschichte. Es steht nicht gut um die ersten Christen. Herodes, ein König von Roms Gnaden, will sich bei seinem Volk einschmeicheln. Es handelt sich bei diesem König um Herodes Agrippa I. Der hat immer recht fromm und gottesfürchtig getan, wenn er gerade mal in Jerusalem war. Er wollte damit Eindruck schinden – beim Volk und vor allem bei denen, die Einfluss haben, bei den Hütern des Gesetzes, bei den Pharisäern zum Beispiel. Herodes hat sehr wohl bemerkt, dass die Christen sich gut als Sündenböcke eignen. Sie waren den religiösen Wortführern ein Dorn im Auge. Unbarmherzig geht er deshalb gegen sie vor. Er hofft, dadurch Sympathiepunkte zu sammeln. Die Apostelgeschichte erzählt von den Opfern des Königs - zum Beispiel von Jakobus, dem Sohn des Zebedäus und dem Bruder des Johannes. Höchstwahrscheinlich ist er ohne Gerichtsurteil um einen Kopf kürzer gemacht worden. Auch der Apostel Petrus wird verhaftet. Er soll in einem Schauprozess dem Volk vorgeführt werden. Dies soll nach dem Fest der Ungesäuerten Brote geschehen. Wie ein Schwerverbrecher wird er behandelt. Vier Wachen zu je vier Soldaten werden ihm zur Seite gestellt. In Ketten wird er gelegt. Tag und Nacht wird er überwacht. Sogar schlafen muss er zwischen zwei Soldaten. Schließlich soll er vor Gericht gestellt werden! Dabei ist das Urteil über ihn längst gefallen. Was wird das für ein Aufsehen erregen! Das Volk wird seinem Herrscher Herodes zujubeln, seine Macht und seine Stärke bewundern und vor der Härte erschrecken, mit denen er gegen diejenigen vorgeht, die er als Feindes des Volkes bezeichnet und die doch nur Opfer seines Machthungers sind.

 

Die christliche Gemeinde in unserer Geschichte  lebt im Untergrund. Für sie gilt der Grundsatz: Es ist besser, wenn man nicht auffällt. Noch steckt ihnen der Schreck über das gewaltsame Ende des Jakobus in den Gliedern. Sie sind erschüttert, dass dieses Schicksal nun auch Petrus droht. Wie soll es ohne ihn weitergehen? Ich stelle mir vor, wie sich die Christen in Jerusalem hinter verschlossenen Türen versammeln. Verängstigt. Verstört. Ohne klares Ziel vor Augen. Aber sie legen die Hände nicht in den Schoß. Sie wenden sich an den, der ihnen jetzt noch helfen kann. Sie wenden sich an den, der ihnen versprochen hat: „Ich bin bei euch alle Tage!“Sie beten zum Herrn. Das ist der Rahmen unserer Geschichte. Sie spielt in der Welt, in der viele leiden, verfolgt werden, ein gewaltsames Ende finden. Aber in dieser Welt geschieht etwas Wunderbares. Gott greift ein. Er hört die Klagen und die Gebete der Christen, die die Hände zum Himmel heben und um Hilfe rufen. Gott hilft. Er rettet den Apostel Petrus. Wie das geschieht, davon erzählt der phantastische Teil unserer Geschichte.

 

Gott schickt einen Engel ins Gefängnis. So wird die Geschichte in ein wunderbares Licht getaucht. Petrus hat geschlafen, fest geschlafen, als er auf einmal ziemlich unsanft geweckt wird. Er spürt einen Stoß in die Rippen. Er öffnet die Augen und kann nicht glauben, was er um sich herum sieht. So hell, so strahlend hell wird es in seiner Zelle. Warum nur die Soldaten nicht wach werden? Petrus spürt, wie die Ketten von ihm abfallen. Er kann sich frei bewegen. Das muss ein Traum sein! So benommen ist er, dass der Engel ihm sagen muss, was zu tun ist: Gürte dich! Zieh deine Schuhe an! Wirf deinen Mantel um! Folge mir!Dann verlassen die beiden das Gefängnis. Die Tore springen auf. Tore, die immer schwer bewacht und gut verriegelt sind. Aber die Wachen merken nichts. Draußen, auf der Straße, als Petrus die kalte, frische Nachtluft einatmet, verlässt ihn der Engel. Da   erst kommt er zu sich. Er sieht herab auf seine Hand - und Fußgelenke. Sie sind noch wundgescheuert von den Ketten. Aber er ist frei. Er dreht sich um. Die Umrisse des Gefängnisses zeichnen sich wie drohende Schatten in der Dämmerung ab. Kein Laut ist von dort zu hören. Keine aufgeregten Schreie von hin und herlaufenden Soldaten, kein Alarmsignal, das die anderen über seinen Ausbruch informiert. Die Wachen haben  dieses Wunder einfach verschlafen. „Nun weiß ich wahrhaftig, dass der Herr seinen Engel gesandt und mich aus der Hand des Herodes errettet hat ..." sagt sich Petrus. Vielleicht dämmert ihn jetzt erst, was geschehen ist. Dann dreht er sich um und geht zu den Menschen, die für ihn gebetet haben. Er sucht das Haus Marias. Er weiß, dass sich die Schwestern und Brüder dort aufhalten.

 

Ich bin froh, dass es diese Geschichte in der Bibel gibt - auch wenn sie sich über alles hinwegsetzt, was wir modernen Menschen für möglich und für unmöglich halten. Ich bin froh, dass es diese Geschichte gibt, die von den beiden Seiten unserer Welt erzählt - von der realistisch - harten und von der phantastisch - himmlischen. Vor allem deshalb bin ich froh, weil uns im Alltag immer viel häufiger die nüchterne, die realistische und die harte Seite der Welt gezeigt wird. Ich denke in diesem Zusammenhang an die Unschuldigen dieser Welt, die vor den Schranken vieler Unrechtsgerichte stehen - ich denke an die vielen unbekannten  Christen, Juden, Moslems oder Atheisten, die um ihres Glaubens oder um ihrer Weltanschauung willen verfolgt, ergriffen und misshandelt werden, denen ein kurzer Prozess gemacht wird oder die einfach von der Bildfläche verschwinden und in irgendeinem anonymen Massengrab verscharrt werden. Ich denke an alle, denen es ähnlich wie Jakobus gegangen ist. Ich denke an die vielen Märtyrer, deren Name nur noch Gott kennt. Und ich denke an die Ohnmacht der anderen - derer, die sich um sie gesorgt haben, die sich verborgen halten und die sich der brutalen Macht der Unterdrücker hilflos ausgeliefert fühlen. Ich denke an alle, die den Freund oder die Freundin, den Kameraden oder Genossen, den Bruder oder die Schwester verloren haben, die mit ansehen mussten, wie sie ergriffen, vergewaltigt, verschleppt oder getötet worden sind und die darüber sprachlos geworden sind. Sprachlos vor Entsetzen. Sprachlos vor den Fakten, die der Tod schafft.

 

Ich denke an die Gemeinde in Jerusalem. Die hatte Angst um Petrus und die hatte Angst um die eigene Existenz. Da wusste ja keiner, wer der nächste sein würde. Gestern Jakobus, heute Petrus - und morgen vielleicht ich oder du? Diese Gemeinde hat einen Weg aus der Sprachlosigkeit des Entsetzens gefunden. Sie hat gebetet. Wer betet, gibt die Hoffnung nicht auf. Er resigniert nicht. Beten ist keine Flucht aus der Welt. Wer betet bringt seine Not vor Gott, spricht sie vor Gott aus. Wer betet, vertraut darauf, dass die Welt nicht den Menschen überlassen bleibt. Und auch nicht den lebensfeindlichen Mächten, die sich unter den Menschen austoben, um Angst, Furcht und Entsetzen zu verbreiten. Mit bangem Herzen und von Zweifeln geplagt stelle ich mir die Jerusalemer Gemeinde vor. Sie hat sich in ihren Häusern verborgen, um für Petrus zu beten. 

 

Die Geschichte aus dem Neuen Testament erzählt von der wunderbaren Errettung des Apostels Petrus. Sie  macht uns Mut. Sie sagt uns, was wir tun können, wenn wir uns in dieser Welt hilflos und ohnmächtig fühlen. Sie zeigt, wie wichtig das Gebet der Christen ist - für einzelne, denen anders nicht mehr zu helfen ist. Die Geschichte ermutigt uns, damit zu rechnen, dass Gott uns hört und erhört. Die Apostelgeschichte erzählt davon in einer Art und Weise, die uns Vernunftmenschen recht märchenhaft erscheint. Und Märchen sind ja bekanntlich nicht wahr. Oder? Die Apostelgeschichte kümmert sich herzlich wenig um das, was wir für vernünftig oder für unvernünftig, für möglich oder unmöglich halten. Altes und Neues Testament sprechen häufig von Engeln. Die erscheinen meist dann, wenn vom Handeln Gottes in dieser Welt erzählt wird und wenn beschrieben werden soll, wie Gott mit Menschen in Verbindung tritt, wie Gott Menschen leitet oder beschützt: Er sendet seine Boten. Engel sind die helfenden Hände Gottes in unserer Geschichte. Bitten wir Gott um ein waches und offenes Herz, das sich vor dieser anderen Wirklichkeit nicht verschließt: vor der Wirklichkeit der helfenden Hände Gottes in dieser Welt. Von den Fakten, die Gott schafft, spricht übrigens auch der Wochenspruch. Er verweist uns auf Christus, dem ersten Nothelfer, an den wir uns wenden dürfen. Er hat dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat. Er wird Sorge dafür tragen, dass dieses Leben seinen Weg zu uns findet. Die Geschichte von der wunderbaren Errettung des Petrus unterstreicht das. Amen.

©  Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein,16.9.2018