Pfarrer Stefan Köttig

Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)
 

Predigt & Co

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Heimat in der Fremde - Predigt über den Wochenspruch anlässlich eines Vorstellungsgottesdienstes der Konfirmandinnen und Konfirmanden 2019

Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.“  Diese Worte de sind Teil eines langen Gebets, mit dem Daniel sich an Gott wendet.  Wer war dieser Daniel? Ich denke, das war ein Mensch, der uns auch heute etwas zu sagen hat. Als junger Mensch, etwa in eurem Alter, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, hat er bereits alles verloren, was Menschen Schutz und Sicherheit gegeben hat - sein Zuhause, seine Familie. Er wurde in den Kriegswirren verschleppt in ein feindliches Land. Stellt euch das mal vor. Stellt euch mal vor, fremde Soldaten fallen in euer Dorf ein und reißen euch aus eurer Familie, bringen euch in ein fremdes Land, in dem ein Sprache gesprochen wird, die ihr nicht beherrscht, ein Land mit fremder Kultur und unbekannten Sitten und Gebräuchen. Dort müsst ihr leben, ohne zu wissen, ob ihr jemals wieder nach Haus kommt. Vielleicht könnt ihr euch vorstellen, was es also bedeutet, in der Fremde zu leben.  

 

Dem König dieses fremden Landes war er aufgefallen. Daniel war klug. Schnell hat er die fremde Sprache beherrscht. Deshalb sollte er am Hof des Königs eine Karriere starten. Erwartet wurde allerdings, dass er die Sitten und Gepflogenheiten übernimmt und ebenso den Götterglauben. Doch Daniel ist sich treu geblieben und vor allem ist er seinem Gott treu geblieben. Das können wir heute von ihm lernen. Deshalb erzähle ich euch heute seine Geschichte. Daniel hat sich nicht einfach angepasst und um der Karriere willen über Bord geworfen, was ihm vorher wichtig war unterworfen. Vielleicht hat er das deshalb nicht gemacht, weil er gespürt hat, dass gerade der Glaube ein Stück Heimat in der Fremde war, etwas, das ihn mit seinem Volk, seiner Familie  und seinen Freunden über die weite Entfernung hinweg verbunden hat. Morgens, mittags und abends hat sich Daniel ans Fenster gestellt und in Richtung Jerusalem gebetet, dort, wo einst der Tempel stand, wo die schönen Gottesdienste gefeiert wurden. Er ist seinem Gott treu geblieben, obwohl der König das bei Todesstrafe verboten hat. Ihr könnt euch vorstellen, dass es Neider gab, die es nicht vertragen haben, dass der König einem Ausländer wohlgesonnen war. Als sie merkten, wie Daniel seinem Glauben treu geblieben ist, wie seinen Gott weiter angebetet hat, haben sie ihn beim König verraten und darauf bestanden, dass der Günstling hart bestraft würde. Daniel wurde zum Tod verurteilt und in die Löwengrube geworfen. Dennoch hält er fest an seinem Gott und Gott hält fest an Daniel. Er sendet einen Engel in die Löwengrube, der sich schützend vor Daniel stellt. 

 

Der Aufenthalt in der Fremde, der Verrat, die Löwengrube – ob man das auch bildhaft verstehen kann, als etwas, das man – natürlich weniger dramatisch und weniger lebensbedrohlich – als etwas deuten kann, dass wir auch erfahren und erleben können. Wie oft haben wir in unserem Leben Grund, zu verzweifeln? Wie oft wird unser Glaube einer Bewährungsprobe ausgesetzt? Vielleicht werden wir nicht in ein fremdes Land verschleppt. Und doch kann uns vieles fremd werden, was vorher vertraut war. Unser Zuhause zum Beispiel, dort, wo wir uns geborgen und wohl fühlen. Dann geschieht etwas, eine Krankheit, ein Todesfall, ein böser Streit unter Freunden, der Verlust der Arbeit, Probleme in der Schule - auf einmal ist nichts mehr so, wie es war. Menschen, die wir gemocht haben, mögen uns auf einmal nicht mehr, sie werden uns fremd. Menschen, die uns die besten Freunde schienen, gehen weg, suchen sich andere Freunde - und wir bleiben zurück. Auch das ist Entfremdung. 

 

Schauen wir auf Daniel. Der Glaube war für ihn ein Stück Heimat, das ihn niemand nehmen konnte. Und so kann es bei uns auch sein. Wenn wir uns im Leben neuen Herausforderungen stellen müssen, wenn wir uns allein fühlen, wenn wir es mit der Angst zu tun bekommen, dann sollte wir an uns an Daniel erinnern. Halten wir fest an Gott und vertrauen wir darauf, dass Gott an uns fest hält - und dass er uns nicht alleine lässt. Wie kann man sich an Gott festhalten? Indem man zu ihm spricht - vielleicht mit eigenen Worten. Oder mit Worten, die man gelernt hat, Gebete, die man sprechen kann, Psalmen zum Beispiel oder Lieder, die man gesungen hat. Die vertrauten Worte, die bekannten Melodien erinnern einen daran, dass man nicht allein ist, sie rücken einen in die Nähe Gottes. Und Gott ist gewiss nicht einer, der seufzt und sich ärgert, wenn man ihn in den Ohren liegt. Im Gegenteil. Er freut sich. Er wartet darauf, dass wir zu ihm kommen. In der Tat, bei ihm sind wir Zuhause.

 

Die Israeliten hatten allen Grund zu Klage. Aber sie waren sich nicht mehr so sicher, ob Gott sie noch hören will. Vielleicht hat es deshalb eines Menschen wie Daniel gebraucht, der später stellvertretend für sein Volk gesprochen hat, der war eine Art Klassensprecher, eine Art Fürsprecher. Er tritt vor Gott und bittet für sein Volk, das am Boden liegt und seufzt und klagt, weil es meint, dass Gott nichts mehr von ihm wissen wollte. Stellvertretend für dieses Volk tritt Daniel aus der Menge heraus - und beginnt zu sprechen. „Wir liegen vor dir mit unserem Gebet...“  So wendet er sich an Gott. Nichts kann er mitbringen, nichts kann er vorweisen als sein armseliges Gebet.  „Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.“

 

Ein langes, sehr langes Gebet ist es, das Daniel vor Gott ausbreitet wie einen Teppich.  Ein Gebet, das schonungslos ehrlich und selbstkritisch ist. „Wir haben gesündigt, Unrecht getan, sind gottlos gewesen und abtrünnig geworden…“ seufzt Daniel. Er sagt nicht: die anderen waren so, ich nicht. Er sagt: wir alle waren so. Er stellt sich nicht über sein Volk. Vielmehr bekennt er: „… wir müssen uns alle heute schämen … dass wir uns an dir versündigt haben….“. Wir müssen uns schämen, weil wir dich vergessen haben, solange es uns gut ging, weil wir zu selbstgerecht waren. Jetzt stehen wir mir leeren Händen da und können uns nur noch deiner großen Barmherzigkeit anvertrauen. Die eigene Gerechtigkeit, alles, was wir selbst vorweisen könnten, worauf wir uns etwas einbilden könnten - das ist nichts, ist Schall und Rauch.

 

Vielleicht machen wir auch immer wieder diese Erfahrung: alles, was uns einmal wichtig war, ist auf einmal ein Trümmerhaufen, löst sich in Luft auf, erscheint uns nichtig oder brüchig. Vielleicht machen wir auch immer wieder einmal diese Erfahrung, dass wir uns hilflos und haltlos fühlen und irgendwie heimatlos. Dann erinnern wir uns an die Worte des Propheten Daniel. Dann machen wir es wie er. Wir breiten alles vor Gott aus, was uns beschwert und Angst macht. Wir breiten es vor Gott aus wie einen Teppich. Und sind dann bereits auf dem Heimweg, machen uns auf den Weg nach Hause.

 

Zuhause ist dort, wo mir einer zuhört, gerne zuhört. Einer, den man getrost in den Ohren liegen kann, mit allem, was einen bewegt. Gott lädt uns ein. Er will unser Zuhause sein. Wir dürfen uns ihm anvertrauen, mit allem, was uns bewegt. Und er hilft uns, nicht, damit er seine Ruhe hat, weil wir ihm lästig sind, sondern weil er uns liebt. Und er antwortet auch. Zu Daniel sendet er einen Engel, Gabriel - das ist der, der später auch zu Maria kommt. Gabriel vertraut dem Propheten an, was Gott vorhat mit seinem Volk. Auch unser Gebet wird Gott hören, unser Rufen, unser Flehen und Beten. Zu uns hat er nicht nur einen Boten gesandt. Zu uns hat er sogar seinen Sohn gesandt.Der Gottessohn lädt uns ein. Er sagt: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid....!“

 

Die Mühseligen und Beladenen, die Deprimierten und die Enttäuschten - Gott hat ein Herz für sie. Gott hat ein Herz für uns. Wir dürfen ihm in den Ohren liegen. Und noch etwas  außergewöhnliches hat Gott für uns übrig. Er hat Zeit, uns zuzuhören. Da ist keine Stunde zu spät. Wenn wir das in unser Herz lassen, werden wir etwas erfahren, etwas, das Daniel auch erfahren hat. Wir werden merken, dass der Glaube uns ein Zuhause bietet, das uns nichts und niemand nehmen kann., dass er uns einen Halt schenkt, wenn nichts mehr sicher ist, dass er uns Trost und Geborgenheit schenkt, wenn uns der Alltag trostlos und kalt scheint.Vergesst das nicht, wenn ihr nach eurer Konfirmation euren Weg geht. Der Glaube an Gott ist ein Zuhause, das euch Geborgenheit schenkt, wo immer ihr seid. Und Gott ist ein Gott, der euch hört, dem ihr anvertrauen könnt, was euch bewegt. Zu jeder Zeit, an jedem Ort und in jeder Situation. Amen. 

 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 17.2.2019