Gott nahe zu sein ist mein Glück.   Psalm 73,28




Bereit zur Verantwortung Predigt über Hesekiel 18,1-4.21-23 am 3. Sonntag nach Trinitatis 

Und des HERRN Wort geschah zu mir: Was habt ihr unter euch im Lande Israels für ein Sprichwort: »Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden«? So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel. Denn siehe, alle Menschen gehören mir; die Väter gehören mir so gut wie die Söhne; jeder, der sündigt, soll sterben. …   Wenn sich aber der Gottlose bekehrt von allen seinen Sünden, die er getan hat, und hält alle meine Gesetze und übt Recht und Gerechtigkeit, so soll er am Leben bleiben und nicht sterben…. Meinst du, dass ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen, spricht Gott der HERR, und nicht vielmehr daran, dass er sich bekehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt? (Luther 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Sprichwörter sind Lebensweisheiten, auf den Punkt gebracht. Kurz und präzise, fassen sie die Erfahrungen ganzer Generationen zusammen. „Kindermund tut Wahrheit kund“, sagen wir beispielsweise. Oder: „steter Tropfen höhlt den Stein“. Wer wollte dem nicht zustimmen? Mit dem Sprichwort, das der Prophet heute zitiert, verhält es sich anders. Es hat einen unangenehmen Beigeschmack: „Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden.“ Gott will dieses Sprichwort nicht gelten lassen. „So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel…,“ sagt er.  Mir ist gibt dieses Sprichwort Rätsel auf. Scheinbar war es so, dass viele Söhne den Vätern die Schuld gegeben haben für  die Beeinträchtigungen in ihrem Leben. Hesekiel oder Ezechiel war ein Priester, der im Jahr 597 vor unserer Zeitrechnung zusammen mit anderen Leidensgenossen nach dem verlorenen Krieg von Jerusalem nach Babylon verschleppt wurde. Ob die Jugend damals wohl die Älteren für ihre Lebenssituation gemacht hat? Ob sie gesagt haben, „Ihr habt uns das alles eingebrockt, was uns das Leben heute schwer macht? Wegen euch müssen wir die Schmach der Gefangenschaft ertragen, die Entbehrungen? Ihr habt die sauren Trauben gegessen und uns sind die Zähe davon schlecht geworden?“ Von solchen Schuldzuweisungen will Gott nichts wissen. Im Gegenteil. Jeder ist für sein Leben selbst verantwortlich und muss die Konsequenzen seines Handelns auch selbst tragen. Es gibt weder eine Kollektivschuld noch eine Kollektivunschuld.
Wenn jeder für sein Tun selbst grade stehen muss, wo bleibt dann das Evangelium, die frohe Botschaft in diesen Worten? Haben wir nicht gerade auch das Gleichnis vom verlorenen Sohn gehört, vom Vater, der die Arme ausbreitet und dem Sohn vergibt? Das Evangelium vom barmherzigen Gott finden wir auch in den Worten des Alten Testaments. Dass es keine billige Gnade ist, die Gott uns gewährt, wird uns heute aber durch den Propheten Hesekiel deutlich gesagt.
Gott richtet ein Wort der Versöhnung an sein Volk, an die Väter ebenso wie an die Söhne. Gott fordert uns auf, Verantwortung zu übernehmen. Am dritten Sonntag nach Trinitatis geht es um den Ruf zur Umkehr, aber auch um die Freude Gottes über jeden, der sich den Ruf hört und sich bekehrt. Wir sprechen nicht so gerne von Buße. Wir verwenden in der kirchlichen Sprache heute lieber das Wort Umkehr, weil wir mit dem Begriff Buße häufig Unangenehmes verbinden und es mit Strafe und Vergeltung in Verbindungen bringen. Das mag auch richtig sein. Nur dürfen wir nicht vergessen, dass Umkehr eben Buße bedeutet. Und das ist ein nicht angenehmer und durchaus anstrengender Prozess. Eine Mahnung hören wir deshalb heute durch den Propheten Ezechiel: „Bekehrt euch, so werdet ihr leben!“ Voraussetzung für das Leben ist eine ehrliche Bestandsaufnahme all dessen, was ich getan habe, was ich nicht getan habe, was gut war und was misslungen ist. Zur Ehrlichkeit gehört auch der Verzicht darauf,  sich seine Fehler schön zu reden, sich herauszureden, alles auf die anderen zu schieben. Zu dieser Einsicht findet der „verlorene Sohn“ im Gleichnis. Am Ende erkennt er, was er falsch gemacht hat und er bereut. Er erkennt, was er verloren hat und fasst den Entschluss, nach Hause zu gehen, den Vater um Vergebung zu bitten. Das ist Buße, sich dem eigenen Leben schonungslos zu stellen mit allem, was darin gut und falsch war. Zur Buße gehört aber auch der Entschluss zu einem Neuanfang und das Wagnis, sich auf Gottes Barmherzigkeit einzulassen. Der Sohn steht also auf, klopft sich den Schmutz von den Beinen, verlässt den Schweinestall und kehrt zurück zum Vater, bereit, die Konsequenzen zu tragen, aber mit der Bitte, um Vergebung im Herz und auf den Lippen.
Ich muss die Folgen meiner Entscheidungen nicht fürchten, wenn ich mein Leben im Vertrauen auf den Gott führe, den ich um Jesu willen Vater nennen darf. Es ist ein Gott, der mir etwas zutraut im Leben. Es ist ein Gott, der mir Verantwortung im Leben zumutet und zu dem ich umkehren darf, wenn ich Fehlentscheidungen getroffen habe. Hesekiel verkündet einen Gott, der ein großes Herz hat für den Sünder, der umkehrt, aber kein Verständnis zeigt für Menschen, die sich herausreden wollen. Deshalb hören wir in diesem Buch auch die Mahnung: „Bekehrt euch, so werdet ihr leben!“ Darum geht es heute, um das Leben.
Es ist ein Ruf, der uns in Bewegung setzt. Wir werden eingeladen zu einem Leben in der Verantwortung vor Gott. Es ist der Gott, der wie der Vater ist im Gleichnis vom verlorenen Sohn. Er gibt seinen Kindern die Freiheit, sich zu entscheiden. Der eine Sohn bleibt daheim, der andere lässt sich das Erbe auszahlen und zieht hinaus in die Fremde. Der eine verrichtet brav seine Arbeit, der andere schmeißt das Geld zum Fenster hinaus und steht am Ende mit leeren Händen da. Der Vater wird das bestimmt nicht gutgeheißen haben. Und dennoch breitet er die Arme aus und heißt den Sohn willkommen. Es ist die Einsicht, die Reue, die Umkehr, die beim Vater den Jubel auslöst.  „Bekehrt euch, so werdet ihr leben“, sagt Hesekiel und Lukas malt uns aus, wie das Leben aussieht, das Gott uns schenkt. Der Sohn muss seine Schulden nicht abarbeiten. Er muss nicht beim Gesinde wohnen. Er bekommt einen Ring an den Finger und neue Gewänder. Er bekommt einen Platz an der Tafel des Vaters.  Gott tunkt uns nicht ein in unsere Schuld. Aber weil er ins Herz sieht, nimmt er wahr, ob es echt ist, ob wir echt sind in unserer Umkehr. Das Gleichnis vom Verlorenen Sohn ist eine Weiterführung der Worte des Propheten. Sie malen uns aus, was Hesekiel nur andeutet. Sie zeigen uns einen Gott, der uns die freie Entscheidung für unser Leben überlässt. Wir sollen unsere Wege gehen. Zur wahren Freiheit gehört aber auch, die Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen. Wir können das, weil wir uns nicht rechtfertigen und unsere Schuld nicht schönreden müssen. Gott will uns das Leben schenken. Aber er will auch ein ehrliches, aufrichtiges, ein bußfertiges Herz.
Wir werden aufgerufen zu einem aktiven und tätigen Leben. Wir laufen dabei nicht ins Ungewisse. Gott gibt uns Regeln, Hinweise, Leitfäden, an denen wir uns orientieren können. Da sind die Gebote. Da sind die Seligpreisungen Jesu. Da sind die vielen Geschichten und Lebenszeugnisse von Menschen, die sich im Namen Jesu aufgemacht haben und ihren Weg ins Leben gegangen sind. Und da ist die Zusage, an der wir uns festhalten: „Ihr sollt leben!“ Keine Schuld kann so groß sein, dass Gott sie nicht vergeben könnte, wenn die Sehnsucht nach Vergebung im Herzen wächst und ebenso die Bereitschaft zur Versöhnung. Aber damit tun sich die Menschen oft schwer. Bekehrt euch, so werdet ihr leben! sagt Gott. Wer sich ansprechen lässt von Gottes Barmherzigkeit, findet einen tragfähigen Grund für sein Leben. Er darf aufatmen. Er ist versöhnt. Dazu ermutigt uns der Prophet aus dem Alten Testament. Es lohnt sich, darüber nachzudenken. Amen.
© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 3.7.2022




Wir sind eingeladen, wir haben ein Zuhause! Predigt über Matthäus 11, 28-29 am 2. Sonntag nach Trinitatis zur Jubelkonfirmation 

Die Einladung! Vor mir liegt sie auf dem Tisch. Schon der Umschlag, in dem sie steckt, hat seinen besonderen Inhalt verraten, größer war er und schwerer als ein gewöhnlicher Brief. Mit klopfendem Herz hab ich ihn geöffnet. Nun halte ich dieses Schreiben in meiner Hand, auf „gutem" Papier gedruckt lese ich, dass ich eingeladen bin. Am meisten freuen mich die handschriftlich hinzugefügten Zeilen, die der Gastgeber an mich persönlich gerichtet hat. Sie verraten mir, es liegt ihm wirklich daran, dass ich komme.  Wenn ich mich dann aufmache zu dem Fest, weiß ich, ich bin ein gern gesehener Gast. Einer, der erwartet wird.
Auch Sie haben vor einiger Zeit eine Einladung bekommen, wenn auch nicht auf Büttenpapier mit handschriftlicher Widmung, aber dennoch aus einem wichtigen und fröhlichen Anlass. Sie haben Grund zum Feiern. Sie haben die Einladung zu dem Festgottesdienst erhalten, den Ihre Heimatgemeinde für Sie vorbereitet hat. Wir erinnern uns an Ihre Konfirmation, die schon einige Zeit zurück liegt - vor 25, 26 und 27 Jahren bei den einen und 53, 52, 51 und 50 Jahren bei den anderen. Was ist in den Jahrzehnten alles geschehen? Da war der Schulabschluss und die Berufsausbildung, der Stolz über das erste selbst verdiente Geld auf dem Konto, die erste Liebe, Verlobung, Hochzeit, das erste Kind und seine Taufe, die beglückende Erfahrung, selbst Vater und Mutter zu sein. Pläne wurden geschmiedet, geändert und manchmal wieder verworfen. Darüber haben Sie vielleicht gar nicht bemerkt, wie sich die ersten Silberfäden ins Haar geschlichen haben. Wir werden weiser und manchmal auch bescheidener und hoffentlich auch dankbarer für das, was wir haben, was uns geschenkt wurde. Bei all diesen Veränderungen ist etwas beständig geblieben. Da war eine Einladung. Lange ist’s her, das sie an an uns rausgegangen ist. Das war bei der Taufe. Die Einladung kam von ganz oben. Ich meine die Einladung zum Leben mit Gott. „Ich nehm sie an!“ Wir haben zugesagt, damals, bei der Konfirmation und sind mit dieser Zusage ins Leben hinein gegangen. Heute werden wir daran erinnert, dass sie immer noch gültig ist, auch dann, wenn wir sie vielleicht in den Jahren und über die Herausforderung des täglichen Lebens vergessen haben. Da hat einer gesagt: „Kommt her, ihr seid geladen.“ Das gilt immer noch.
Gott lädt uns ein. Wir sind ihm so wichtig, dass er selbst sich auf den Weg gemacht hat, um die Einladung an uns auszutragen, wohl anders, als Sie  Ihre Einladungen zu Ihrem Fest damals ausgetragen haben, beladen mit einem Paket von Krapfen und anderen Leckereien, das den Gästen das Annehmen leicht gemacht hat. Gott hat sich auf den Weg gemacht zu uns, um bei uns anzuklopfen. Ohne Gebäck im Gepäck aber mit einer wunderbaren Nachricht. Sein Sohn hat sie ausgesprochen:  „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid: ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht!“
In der Tat: ein Evangelium ist das, eine frohe Botschaft. Johann Arndt, der Gesangbuchdichter, hat diesen „Heilandsruf“ in Liedverse gefasst. „Kommt her, ihr seid geladen, der Heiland rufet euch; der süße Herr der Gnaden, an Huld und Liebe reich; der Erd und Himmel lenkt, will Gastmahl mit euch halten und wunderbar gestalten, was er in Liebe schenkt.“  Auch, wenn seine Sprache nicht mehr die unsere ist und wir wohl andere Worte wählen würden, ich singe dieses Lied wegen dieser Botschaft immer wieder gerne, vor allem, wenn Abendmahl ist. Die Melodie prägt sich ein und der Ruf findet seinen Weg in Herz und Sinn: „Kommt her, ihr seid geladen! „
Gott will, dass es uns gut geht. Wenn wir zu ihm kommen, ist das ein nach Hause kommen. Wir sind eingeladen. Das bedeutet, wir sollen ankommen und aufatmen. Anders als bei vielen formellen Einladungen, wo es steif und verkrampft zugeht. Wir sind bei Gott Zuhause. Vielleicht ist der eine oder die andere von Ihnen wenige Jahre nach der Konfirmation von Zuhause ausgezogen. Das war schon was, selbstständig zu werden, sich eine Wohnung zu suchen, für sich selbst verantwortlich zu sein. Für mich war das eine große Hilfe, zu wissen, dass ich immer nach Hause kommen kann, dass dort ein Zimmer für mich gerichtet ist, dass die Brücke nicht abgebrochen und das Tischtuch nicht zerschnitten ist. Mit diesem Wissen im Herzen konnte ich ins Leben gehen. So ist auch mit Gott. Wenn wir ins Leben gehen, haben wir ein Zuhause. Wenn ich eine Kirche betrete, habe ich immer ein wenig das Gefühl, heimzukommen, egal, wo ich bin. Ich weiß, dass dort jemand auf mich wartet.
Im Alten und im Neuen Testament wird die Gemeinschaft mit Gott häufig mit Bildern eines fröhlichen und gemeinsamen Mahles beschrieben. Die Gemeinschaft mit Gott ist Lebensgenuss pur. Wir genießen das Leben, das seinen Namen verdient. Gott selbst will mir dieses Leben schenken. Kommt, her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, sagt dieser Gott zu mir durch Jesus. Alles, was mich an diesem Leben hindert, will er mir von der Seele klopfen, so, wie man Staubkörner von der Schulter streicht, die Angst, die Unsicherheit, die Zweifel, ob man alles im Leben richtig gemacht hat. Gott sagt, du gehörst zu mir, ich will dich in meiner Nähe haben und da spielt das auch keine Rolle, wenn etwas weniger gut gelaufen ist.. Hauptsache, dass du da bist. Diese Botschaft richtet er uns aus durch Jesus Christus.
Wir hören diese Einladung im Gottesdienst, wo uns jahraus jahrein die Gute Nachricht verkündet wird. Christus will uns gerade hier begegnen, in seinem Wort und er will uns hier stärken, durch sein Sakrament. Gott ist überall, das stimmt. Aber er will uns gerne persönlich ansprechen. Und das geschieht vor allem im Gottesdienst, durch die Lieder, die wir singen, durch die Worte der Heiligen Schrift, die wir hören, wie heute zum Beispiel:  „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid: ich will euch erquicken…“. Eine Einladung hören wir heute, eine Einladung zum Glauben an den, der uns das Leben schenken will. Eine Einladung ist das, die uns froh macht. Sie erinnert uns daran, wo wir hingehören. Unser Konfirmationsgedächtnis will  uns daran erinnern, dass wir bei Gott willkommen sind, dass wir bei ihm Zuhause sind. Wir haben einen Platz an seinem Tisch. Was für ein Glück, was für ein Segen. Amen.
© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 26.6.2022


Sensibel werden! Predigt über Apostelgeschichte 16,19-31 am 1. Sonntag nach Trinitatis 

Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. Ein Armer aber mit Namen Lazarus lag vor seiner Tür, der war voll von Geschwüren  und begehrte sich zu sättigen von dem, was von des Reichen Tisch fiel, doch kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren. Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben. Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. Und er rief und sprach: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und kühle meine Zunge; denn ich leide Pein in dieser Flamme. Abraham aber sprach: Gedenke, Kind, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet, du aber leidest Pein.  Und in all dem besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüberwill, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber. Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus; denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual. Abraham aber sprach: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören. Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun.  Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Es gibt biblische Geschichten, die mich beunruhigen. Das Gleichnis vom Reichen und dem armen Lazarus ist so eine. Meine Sympathie in der Geschichte gehört zwar dem armen Lazarus. Allerdings höre ich beim Lesen auch eine leise innere Stimme. Die sagt: „Denke nur nicht, dass du dich mit Lazarus vergleichen kannst. Wenn schon, dann gehörst du eher zu Leuten wie den Reichen …“ Und das ist keine angenehme Vorstellung. Schließlich landet der Reiche am Ende in der Hölle. Natürlich könnte ich das zurückweisen.  Ich kleide mich nicht in Purpur und kostbares Leinen. Aber diese innere Stimme lässt sich den Mund nicht verbieten, vielleicht, weil es die Stimme des Gewissens ist. Ich werfe zwar das Geld nicht zum Fenster hinaus. Aber ich leide auch nicht Hunger. Ich habe ein Dach über den Kopf, ein sicheres Einkommen, ich kann mir etwas leisten, in den Urlaub fahren und das Leben genießen. In diesem Sinn bin ich dann doch eher wie der Reiche in unserer Geschichte, ich lebe alle Tage herrlich und in Freuden, auch, wenn ich keine Designerklamotten trage. Es spielt keine Rolle, dass andere noch herrlicher und noch mehr in Freuden leben als ich. Ich glaube, da gibt es etwas, das mich mit den Superreichen verbindet. Es ist nicht das Geld auf dem Konto. Es ist die Gefahr, den Lazarus zu übersehen, der vor der eigenen Tür liegt, ihn gar nicht wahrzunehmen. So war es bei dem Reichen in der Geschichte.  Mich erstaunt, dass der Reiche anonym bleibt, während der Arme einen Namen bekommt. Normalerweise ist das doch umgekehrt. Die Großen, die Reichen, die Einflussreichen sind bekannt. Der Arme hingegen verschwindet in der Masse der Bedeutungslosen. In unserer Geschichte ist es umgekehrt. Der Arme heißt Lazarus. Wer einen Namen hat, wird aus der Anonymität herausgehoben. Er bekommt ein Gesicht, eine Geschichte, ein Schicksal. Wir erfahren, dass es ihm dreckig geht. Sein Körper war von Geschwüren bedeckt. So schwach war er, dass er sich nicht gegen die streunenden Hunde wehren konnte, die den Eiter von seinen Wunden geleckt haben. Dieser arme, geschundene Mann musste sich damit zufrieden geben mit den Abfällen, die vom Haus des Reichen auf den Müll geworfen wurden. Damals gab es noch keine Servietten. Die Satten haben ihre vom Essen fettigen Finger an Brotfladen abgewischt und die dann achtlos weggeworfen. Davon lebt also Lazarus, von dem, was andere wegwerfen, vom Biomüll. So vergehen die Jahre und die beiden sterben. Zuerst Lazarus und dann der Reiche.
Nun wird an keiner Stelle in der Bibel gesagt, dass der Reiche ein schlechter Mensch war, ebensowenig, wie Lazarus einfach deshalb gut war, weil er arm war. Vielleicht war der Reiche sogar ein liebevoller Ehemann, ein fürsorglicher Vater und ein angesehener Bürger seiner Stadt. Ich kann mir gut vorstellen, dass man ihn mit einem seinem Stand angemessenen pompösen Begräbnis zur letzten Ruhe gebettet hatte, während Lazarus in einem Armengrab verscharrt wurde, ohne dass jemand groß davon Notiz genommen hatte. Doch jetzt wendet sich das Blatt. Lazarus wird von den Engeln zum Himmel getragen. Er findet sich in Abrahams Schoß wieder. Was ihm zu Lebzeiten verwehrt wurde, wird ihm jetzt reichlich geschenkt, Pflege, Aufmerksamkeit, Liebe. Ausgleichende Gerechtigkeit könnte man das nennen. Doch lassen wir unseren Blick jetzt nach unten wandern und zwar buchstäblich nach unten. Dann landen wir neben dem Reichen in der Hölle. „Wieso bin ich nur hier, ich habe doch niemandem etwas Böses getan?“ Ob sich der Reiche das gedacht hat? Höllenqualen leidet er. In seiner Not sieht er nach oben und erkennt Abraham, der einen Menschen in seinen Armen wiegt. Ist das nicht Lazarus, der Arme, der vor seiner Tür gehaust hat? Vielleicht gehört das zu den Strafen dazu, dass einem die verpassten Chancen bewusst werden, die Möglichkeiten, Gutes zu tun, Barmherzig zu sein. Jetzt ist der Jammer groß, weil sich die Erkenntnis einstellt, dass es zu spät ist. Gutes kann man scheinbar nur im Diesseits tun. Da beginnt der  Reiche, um Hilfe zu rufen. Er sieht Abraham und bittet um Wasser. Einen einen Tropfen nur, den der Reiche vom Finger des Lazarus ableckten könnte.  Aber er bekommt eine Absage. „Selbst wenn wir wollten, wir könnten dir nicht helfen,“ ruft ihm Abraham von Weitem zu, „die Kluft zwischen dir und uns ist zu groß.“ In der Tat, sie hat sich im Leben aufgetan und ist weiter und tiefer aufgerissen, mit jedem Tag, den der Reiche verstreichen ließ, mit jedem Tag, an dem er gelebt hat in Freuden, ohne sich um das Leid zu scheren, das sich vor seinen Augen abgespielt hat. Es ist die Gleichgültigkeit und die Gedankenlosigkeit, die zu dem Graben geführt hat, der jetzt unüberwindbar ist. „Dann schick doch Lazarus wenigstens zu meinen Brüdern, damit es ihnen nicht so geht, wie mir“, fleht jetzt der armselige Reiche. Abraham antwortet dem Reichen: „Deine Brüder haben Mose und die Propheten. Hören sie die nicht, dann hören sie auch nicht, wenn jemand von den Toten aufsteht und zu ihnen spricht!“
Ich glaube, Jesus will die ermahnen, denen es gut geht in dieser Welt und die so mit sich selbst beschäftigt sind, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, Lazarus zu helfen. Es kann ja sein, dass der Reiche sich  daran gewöhnt hat, dass Lazarus vor seiner Tür liegt, dass er nur ein Schulterzucken übrig gehabt hat und einen lieblosen Kommentar: „Nun ja, das ist halt so. Arme gibt es immer.“ Ist das nicht eine Geschichte zum Verzweifeln, die uns heute erzählt wird? „Sie haben das Gesetz und die Propheten“, sagt Abraham, doch wer hört auf das Gesetz und die Propheten? Nein, es ist keine Geschichte zum Verzweifeln, sondern eine zum Hoffen. Es ist ein Evangelium, eine gute Nachricht die wir hören. Ein einziges Wort macht aus der Geschichte eine gute Nachricht, ein frohe Botschaft. Es ist der Name des Armen. Lazarus. Das heißt auf deutsch: „Gott hilft!“ Der Arme kommt nicht in den Himmel, weil er arm ist, sondern weil Gott ihm hilft. Er hilft durch den, der die Geschichte erzählt. Er hilft durch Jesus. Jesus heißt „Gott rettet!“ Weil Gott hilft und weil Gott rettet, ist das eine Geschichte, die Mut macht. Wir können uns nur retten lassen von dem, der in die Welt gekommen ist, um zu suchen und zu retten, was verloren ist, Reiche wie Arme. Am Ende seines Lebens erkennt Martin Luther: „Wir sind Bettler, das ist wahr!“ Wir haben nichts vorzuweisen. Wir können uns nur helfen und retten lassen. Daran will ich festhalten. Das heißt ja nicht, dass ich jetzt  von der Pflicht entbunden bin, die Augen aufzutun und nach meinem Nächsten zu schauen.
Die Mahnung bleibt. Lassen wir uns anrühren und ermutigen von dieser Geschichte. Sie will uns nicht den Sonntag verderben oder ein schlechtes Gewissen machen, wenn es uns gut geht und wir in Freuden leben. Sie will nicht mit Höllenqualen drohen. Aber sensibel machen will sie uns schon.  Sensibel für die Menschen, für die das Leben im Diesseits bereits zur Hölle wird, weil ihnen niemand hilft. Und sensibel für uns selbst. Wir sind Bettler. Wir brauchen Gottes Hilfe. Und er wird helfen und retten. Er steht dafür mit seinem Namen ein.
© Pfarrer Stefan Köttig, 19.6.2022, Altenstein