Pfarrer Stefan Köttig
"... was ihr auch tut, das tut alles zu Gottes Ehre." (1.Kor.10,31)


 


 


Aktuelle Predigt


Die Talente nützen - Predigt über Jeremia 1,4-10 am 9. Sonntag nach Trinitatis (Anlässlich des Festgottesdienstes "25 Jahre Freundeskreis Rumänienhilfe")


Heute hören wir von der Berufung eines jungen Menschen aus dem Alten Testament. Es geht um die Beauftragung des Propheten Jeremia. Doch hören wir zunächst auf den kurzen Bibelabschnitt, der von dieser Berufung erzählt:


Und des HERRN Wort geschah zu mir:  Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.  Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR. Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.  Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen. (Lutherbibel 2017, herausgegeben von der Dt. Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Glücklich war er wohl nicht über diesen Auftrag, der junge Mann. Prophet Gottes zu sein ist alles andere als ein Traumjob. Ein Prophet hat im Auftrag Gottes zu reden und zu handeln. Meistens ist er der Überbringer schlechter Nachrichten, von Drohbotschaften, von Ermahnungen, von Lob und Tadel. Weil das nicht genügt, soll er auch noch durch bestimmte Handlungen zeichenhaft die Botschaft untermauern, die Gott ihm aufträgt. Mutig sollten und mussten Propheten sein, wenn sie vor dem Volk und vor allem vor den Mächtigen ihres Landes, vor Königen und Herrschern auftraten, um ihnen nicht immer angenehme Wahrheiten ins Gesicht zu sagen. Manchmal hatte man den Propheten ihre Worte verübelt und mit ihnen kurzen Prozess gemacht. Nein, Prophet zu sein war kein Traumjob. Ich würde mich nicht darum bewerben und Jeremia hatte es auch nicht getan. „Dazu muss man Autorität haben, redegewandt sein, gebildet und vor allem furchtlos - kurz, all das, was ich nicht bin“, wird er sich gedacht haben.„Ich tauge nicht zu predigen!“ sagte Jeremia deshalb. Er wagt den Widerspruch. Er wirft sein Alter in die Waagschale. „… ich bin zu jung!“ Wäre für diesen Auftrag nicht ein erfahrener Diplomat, ein kluger Stratege oder ein Schriftgelehrter mit profunden Kenntnissen der Schriften die bessere Wahl?


Aber Gott lässt sich nicht beirren. Er bleibt dabei! „Sage nicht, ich bin zu jung!“ antwortet er dem Propheten. „Du sollst gehen, wohin ich dich sende und predigen, was ich dir gebiete!“ Mit anderen Worten  - es kommt weder auf das Alter an, noch auf das, was du von dir selbst denkst.  Gott sagt: „Ich traue dir das zu und ich werde für dich sorgen, also sei guten Mutes.“ In der Tat - er  wird dem jungen Jeremia allerhand zumuten. Aber er wird ihn in allem nicht allein lassen. Wer die Lebens - und vor allem die Leidensgeschichte des Propheten Jeremia kennt, kann eigentlich schon jetzt Mitleid bekommen. Jeremia wird es nicht leicht haben. Man wird ihm widersprechen. Er wird um sein Leben fürchten. Man wird ihn in eine Zisterne werfen, ihm den Tod an den Hals wünschen und am Ende wird er entführt werden, seine Spur wird sich in der Geschichte verlieren. Und doch wird ihn dieses Wort Gottes begleitet haben - „fürchte dich nicht vor ihnen, ich bin bei dir und ich will dich  erretten.“


Um die Talente geht es heute, die anvertrauten Pfunde, mit denen wir wuchern sollen.  Ob die meisten von uns wissen, dass diese Redewendung aus der Bibel stammt? Sie bedeutet, scheue dich nicht, deine Begabungen einzusetzen. Fürchte dich nicht, sagt Gott zu Jeremia und auch zu uns. Dieser Zuspruch soll uns Mut machen, auf unsere Berufung zu schauen, auf unsere Talente und Begabungen wahrzunehmen und sie auszuschöpfen. Da möchte ich heute einen Brücke bauen zu dem Jubiläum, das wir in Altenstein feiern. Was kann ein kleiner Ort wie Altenstein schon tun gegen die Armut und Not, die es in der Welt gibt? So hätte man einwenden können, damals, vor 25 Jahren. Gewiss - die Not der Welt können wir nicht lindern. Doch da fällt mir ein jüdisches Sprichwort ein. Im Talmud heißt es: „Wer auch immer ein einziges Leben rettet, der ist, als ob er die Welt gerettet hätte.“ Ich weiß, das ist ein großes Wort. Vielleicht wird der eine oder andere auch sagen, es ist zu groß für unseren Anlass. Aber vielleicht passt es doch. Allen Menschen können wir nicht helfen, aber wir können dazu beitragen, dass für einige wenige das Leben etwas leichter wird. Genau das hat er getan, der Freundeskreis, der sich vor einem Vierteljahrhundert dazu entschieden hat, Spenden zu sammeln und nach Rumänien zu bringen. Wenn man sie fragen wird, warum sie das getan haben, wird die Antwort wohl lauten: aus christlicher Nächstenliebe heraus, aus dem Gefühl der Verantwortung. Und da bin ich dann schon wieder beim Propheten Jeremia. Er sagt: „Ich bin zu jung!“ Aber Gott lässt seinen Einwand nicht gelten. Hören wir auf das, was Gott uns  aufträgt und handeln wir danach. Dazu sind wir gerufen. Denn Gott hat viel mit uns vor. Er weiß, dass wir arme, schwache Menschen sind. Trotzdem legt er die Verantwortung für die Welt in unsere Hände.


Gott weiß um unsere Möglichkeiten und Grenzen. „Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleib bereitete und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und stellte dich zum Propheten für die Völker…“ sagt Gott zu dem jungen Jeremia. Mich freut diese Aussage: „ich kannte dich!“ Sie gilt auch mir und sie gilt jedem von uns. Gott kennt uns und schätzt uns. Er ruft uns beim Namen. Wir sind berufen. Unsere Berufung ist die Taufe. Da spricht Gott uns persönlich an. Der Gott, der uns schon gekannt hat, bevor wir wurden, hat etwas vor mit uns, hat uns zum Leben bestimmt, zum Leben mit ihm, an seiner Seite. Jedem von uns hat Gott etwas anvertraut, eine Gabe ins Herz gelegt, die es gilt, zu fördern, zu nützen und im Leben zu entfalten. Das ist unsere Aufgabe, vielleicht sogar unsere Lebensaufgabe. Eine spannende Herausforderung ist das. Den Einwand, ich kann nichts, lässt Gott nicht gelten. Jeder kann etwas. Wir setzen oft die Messlatte zu hoch an und sind dann entmutigt. Dabei wird nicht mehr verlangt, als uns möglich ist. Zu Jeremia sagt Gott: „Du sollst gehen, wohin ich dich sende. Du sollst predigen, was ich dir sage.“ Es wird ihm gesagt, was er tun soll. Verlangt wird von ihm zunächst einmal die Bereitschaft, hinzuhören, der Stimme Gottes zu lauschen. Sind wir bereit, auf Gottes Stimme zu hören? Sind wir bereit, auf sein Wort zu hören? Sind wir bereit, unsere Talente einzusetzen? „Fürchte dich nicht“ sagt Gott zu Jeremia und er sagt es zu uns. „Fürchte dich nicht, deine Begabungen anzunehmen und zu entfalten. Fürchte dich nicht. Gott wird dich wissen lassen, was zu tun ist, wie du sie einsetzen kannst.


Unsere Berufung ist es, im Vertrauen auf Gott zu leben - unser Leben anzunehmen, so wie es ist und Gott damit die Ehre zu geben. Wer gut singen kann, soll singen, wer handwerklich geschickt ist, soll Handwerken, wer gut zuhören kann, soll zuhören und wer trösten kann, soll trösten - an dem Ort, wo Gott ihn hinstellt. Wer eine Hilfsaktion organisieren kann, soll sich nicht scheuen, es zu tun. Und wer Kleider sammeln, sichten und einpacken kann, der hat eine wichtige Aufgabe bekommen. Vor einiger Zeit habe ich in der Bibel ein Wort des Apostels Paulus gelesen, das mir Mut macht: „…was ihr auch tut, das tut alles zu Gottes Ehre!“ (1.Kor.10,31). Darum geht es. Wir sollen Gott verherrlichen, indem wir die Gaben einsetzten, die uns gegeben ist, indem wir mit unseren Pfunden wuchern. 


„Fürchte dich nicht, trau dich, ich bin bei dir.“ Das sagt Gott zu Jeremia und zu uns. Die Geschichte des Jeremia ist keine erbauliche Geschichte. Sie hat kein Happy End. Die Lebens - und Leidensgeschichte Jesu ebenfalls nicht. Und doch sind beide Biographien Geschichten der Hoffnung und des Gottvertrauens. Über beiden Lebensgeschichten steht das Wort, das auch über unserem Leben steht: „Fürchte dich nicht … ich bin bei dir und will dich erretten.“ Wir dürfen diesen Zuspruch grundsätzlicher verstehen, als das ursprünglich gedacht war.  Am Ende wird Gott uns ins Leben führen und zur Vollendung bringen, was bei uns immer nur unvollendet bleiben kann. „Fürchte dich nicht!“ Dieses Wort macht uns Mut,.Lasst uns neugierig und gespannt auf die Möglichkeiten schauen, auf die Talente, Begabungen und Fähigkeiten die Gott jedem von uns anvertraut hat, um damit Gott die Ehre zu geben. Wir verherrlichen Gott durch Worte und durch Taten und manchmal auch, indem wir gebrauchte Kleider sammeln, verpacken und  dorthin bringen, wo sie gebraucht werden. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, 9.8.2020, Altenstein


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